Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
Schließen

Navigation:

11.
Wiedereintritt ins Leben

Wenn von den großen Begebenheiten des Völkerlebens eine Nachricht in Michels Kerker drang, so mußte ein Gefühl von Genugtuung bei ihm jedes andere überwiegen. Es hat mit verlorenen Kriegen eine eigene Bewandtnis: Ohne den Nachdruck eines solchen gelingt nicht leicht eine Revolution im Innern, denn er erschüttert namentlich die Regierung und was mit ihr zusammenhängt, die sonst, mit allen Machtmitteln ausgerüstet und durch das Bewußtsein des Rechts gestärkt, fast unangreifbar wäre. Im allgemeinen wird man immer erleben, daß die reaktionären Tendenzen in einem siegreichen Lande sich befestigen, das heißt, daß die bevorrechtigten Klassen, auf welche die Regierung sich stützt, sich in ihrem Besitz und ihren Rechten versteifen, während in den besiegten Ländern die Unzufriedenen in die Spalten eindringen können, die die Erschütterung der Niederlage gerissen hat. Insofern ist eine Niederlage als ein Glück zu betrachten, indem sie die Säfte eines altgewordenen, erstarrenden Organismus wieder in Fluß bringen kann, ähnlich wie ein stark eingreifendes Erlebnis, ja auch eine Krankheit zuweilen verjüngend wirkt. Kann man doch selbst den Tod als eine bittere Arznei des Lebens betrachten. Von diesem Standpunkt aus wird es begreiflich, daß die russischen Revolutionäre Krieg und Niederlage wünschten, nicht ihrem Volke, aber ihrer Regierung. Michel hatte daraus niemals ein Hehl gemacht und sich offen als im Kriegszustande mit der zarischen Regierung bekannt, ohne daß er deshalb mit den den Krieg gegen Rußland führenden Mächten sympathisiert hätte. In der Tat war der Krimkrieg und der Tod des Zaren Nikolaus für Rußland wie das Schmelzen einer Eiskruste über einem winterlichen Flusse. Frühlingswinde rüttelten an den Pfosten des Reiches; allein Michels Kerker öffneten sie nicht. Er war zu Beginn des Krieges aus der Peter-Pauls-Festung nach Schlüsselburg gebracht worden, weil man besorgte, der etwa eindringende Feind könne ihn befreien. Nach dem Tode des Zaren rechneten die Angehörigen und er selbst bestimmt auf Erlösung; aber Alexander II. strich seinen Namen mit eigener Hand von der Liste der Amnestierten.

Man sagt wohl, die Gewohnheit mache Leiden erträglich; es sagen diejenigen, die nicht selbst leiden. Je länger der Druck einer Kette währt, desto wunder und empfindlicher wird das Glied, die Geduld erschöpft sich endlich und wandelt sich in Verzweiflung, wenn die ersehnte Wendung zum Besseren immer wieder zurückweicht. Nach dem Scheitern dieser Hoffnung blieb überhaupt keine mehr; es war, als habe sich das letzte Fenster geschlossen, durch welches Licht eindrang, und es herrsche undurchdringliche, unveränderliche Finsternis. Michel fühlte sich am Ende seiner Kraft; er machte mit seinem Bruder, der ihn besuchte, aus, er werde in einem Monat Gift nehmen, wenn sich bis dahin keine neue Aussicht eröffnet hätte. Den Bemühungen der Familie gelang es, noch ehe der Monat abgelaufen war, dem Kaiser die Vergünstigung abzudringen, daß der Gefangene zwischen Festung und Sibirien wählen dürfe. Er wählte Sibirien; das war so gut wie Freiheit. Es war im März 1857.

Wir wissen nicht, wie ihm zumute war, als er die Festung verließ, als er das Dorf, Prjamuchino, wiedersah, das weiße Säulenhaus zwischen den noch winterlich braunen Gebüschen. Was war noch lebendig von der schwärmerischen Zärtlichkeit, die die Geschwister verbunden hatte? Eine Woche lang durfte er in der Wiege seiner Jugend bleiben, dann mußte er weiter nach Tomsk, wo er zwei Jahre lang blieb. Dort war es, wo er auf dem Schreibtisch einer Dame, die er kennenlernte, ein Bild seines Freundes Reichel und dessen zweiter Frau, Maria Kasparowna Ern, sah, einer Nichte der betreffenden Dame. Dort machte er auch die Bekanntschaft eines verbannten Polen namens Kwiatkowsky, in dessen Hause er sich wohl fühlte. Es waren einfache, wohlwollende Menschen; am meisten von allen zog ihn eine Tochter, Antonie, an, ein noch sehr junges, knabenhaft zierliches, kluges und praktisches Mädchen. Wie einst Othello und Desdemona sich liebten, sie ihn, weil er Kampf und Gefahr bestand, er sie, weil sie mitleidvoll und bewundernd zuhörte, so mag es auch hier gewesen sein; seine Liebe hatte immer etwas väterlich Gütiges, sie blieb immer stolz auf ihn. Solange sein Leben eine bunte Reihe von Abenteuern war, lag ihm der Gedanke an Heiraten fern: jetzt, nach den unendlich langen Jahren der Einsamkeit, in dem unwirtlichen Lande verlangte ihn nach Familienleben. Obwohl ihn diese Verbindung dauernd beglückte, schlug er doch damit den ersten Knoten zu einer tieftragischen Verwickelung. Er war nun nicht mehr frei, konnte seine Kraft nicht mehr beliebig verschwenden, sondern schuldete sie zum Teil jenem Wesen, dem er sich verpflichtet hatte. Sein Herz strebte nach zwei Seiten, nach dem Glück jener, die er glücklich zu machen gelobt hatte, und nach der Sache, die ihm heilig war. Zu denjenigen, die durch die Heirat satt und bequem werden, gehörte Michel nicht. Durch seinen Vetter Murawjew-Amurski erreichte er es, nach Irkutsk zu kommen, wo er im Dienste der Amur-Gesellschaft Beschäftigung fand und sogar Reisen unternehmen konnte. Auch mit dem Westen knüpfte er wieder an; durch die Freundschaft mit Herzen bekam er Gelegenheit, in der alten Weise tätig zu sein.

Man sagt, Kaiser Nikolaus habe auf dem Sterbebette seinem Sohn und Nachfolger auferlegt, die Aufhebung der Leibeigenschaft herbeizuführen. Diese Annahme hat insofern etwas für sich, als der keineswegs charakterfeste Alexander II. in diesem Falle mit einer Entschlossenheit und Unbeugsamkeit vorging, die durch ein dem verehrten Vater gegebenes Versprechen zu erklären wäre. Er hatte dabei den größeren Teil des Adels gegen sich, dem die Grundlage seines Wohllebens entzogen werden sollte. Die Verlogenheit der egoistischen Menschen verrät sich bei solchen Gelegenheiten, wenn die sogenannten Verständigen sich in der Betrachtung gefallen, welches Unrecht man begehen würde, wenn man ein historisches Recht antastete, in dessen Genusse der Besitzer doch nun einmal aufgewachsen sei, und wie ohne eine angemessene Entschädigung nicht daran zu denken sei; während kein Verständiger Gründe findet, die einen Machthaber zurückhalten, Wehrlose ihrer Rechte zu berauben. Als die Ukase früherer Zaren die Bauern an die Scholle fesselten und zu Leibeigenen machten, erhob sich keine Stimme gegen den Eingriff, der Hunderttausende aller grundlegenden Rechte beraubte und zu einem unwürdigen Sklavenleben verurteilte; als es aber galt, beispielloses Unrecht wiedergutzumachen, wurde im In- und Auslande mit Wort und Schrift verbreitet, keine Regierung dürfe einmal bestehendes Recht ohne weiteres umstürzen.

In den Kämpfen, die während der ersten Regierungsjahre Alexanders II. um diese Frage entbrannten, wurde Herzens »Glocke« eine ausschlaggebende Stimme. Zum ersten Male nahm die revolutionäre Opposition in Rußland vor aller Welt das Wort, schneidend, treffend, witzig, feurig, ebenso warm empfunden wie scharf durchdacht. Es wurde laut, was viele im geheimen bewegte, was viele andere aus ihrer Sicherheit aufschreckte. Eine öffentliche Meinung bildete sich, die einen Ausgleich schuf für die Heimlichkeit der Polizei und der Gerichte. Herzens Blatt wurde am Hofe nicht nur gelesen, sondern berücksichtigt; auch Hochstehende fürchteten, vor die Schranken dieses Ausnahmegerichtes gezogen zu werden. Ein neues Leben begann für Herzen, das seine Tapferkeit begründet hatte. Er, der verfolgte Emigrant, bildete in London eine Art Gegenregierung, der die Gesinnungsgenossen und widerwillig auch die Feinde durch ihre Furcht huldigten. Auch in den privaten Beziehungen schienen ihm neue Sterne aufzugehen. Malvida v. Meysenbug, die deutsche Emigrantin, die seine Hausgenossin geworden war, erzählt, wie eines Tages ein bepackter Wagen vorfuhr und Herzen mit dem Ausruf aufsprang: »Das ist Ogarjew!« Es war in der Tat der Jugendfreund, der inzwischen in zweiter Ehe die intimste Freundin der verstorbenen Frau Herzens geheiratet hatte. Wer hätte nicht das Bedürfnis nach einem menschlichen Verhältnis, das in dem ewig wechselnden Strome des Lebens etwas Unveränderliches und Unantastbares bedeutet: Das war für Herzen seine Freundschaft mit Ogarjew. Die lieblichsten, fröhlichsten und heiligsten Jugenderinnerungen, noch älter selbst als seine Liebe zu Natalie, hingen mit diesem weichen, schwärmerischen, selbstlosen Freunde zusammen. Ogarjew war durch Epilepsie schwer leidend; allein die Trauer, die Malvida v. Meysenbug zuweilen an ihm beobachtete, schien ihr noch einen anderen Grund zu haben, den sie ahnte: Seine Frau brach ihm mit Herzen die Treue. Es ist eigen, daß Herzen seinem liebsten Freunde dasselbe zufügte, was er Georg Herwegh niemals hatte verzeihen können. In diesem Falle wurden die Freunde durch dies Schicksal nicht getrennt, sondern sie fuhren fort, zusammen zu leben und zusammen zu arbeiten. Vielleicht erleichterte seine Kränklichkeit Ogarjew das Verzichten, das in solcher Art, so verzeihend und doch so tief empfunden, wohl nur einem Russen möglich ist. Ohnehin war er mehr zur Freundschaft als zur Liebe geschaffen und hatte schon einmal im selben Konflikte den Freund gewählt, nur daß seine damalige Frau und Herzen sich zu schlecht verstanden anstatt zu gut. Sowie Bakunin wieder in Beziehung zu den Freunden treten konnte, wurde er Mitarbeiter der »Glocke«, indem er namentlich authentische Nachrichten einsandte. Wie verschieden bei aller Übereinstimmung in den Anschauungen Bakunin seiner Natur nach von Herzen war, zeigte sich besonders, als es sich um Bakunins Vetter Murawjew-Amurski handelte, den Herzen als einen der üblichen hochgestellten Helfershelfer oder Günstlinge des Zaren in der »Glocke« angegriffen hatte. Bakunin schätzte ihn nicht nur, sondern bewunderte ihn, er schilderte ihn als einen großherzigen Demokraten, einen Freund des Volkes, einen Feind der lügnerischen Formen des Bourgeois-Liberalismus, des Parlamentarismus, des allgemeinen Wahlrechts, er verglich ihn mit Peter dem Großen und wollte ihm damit einen Ruhmestitel beilegen. Nicht nur Herzen, sondern auch andere Anhänger Bakunins haben seine Bewunderung dieses russischen Gouverneurs nie begreifen können. War er so, wie Michel ihn auffaßte? Oder sah er in ihm durch wunderbare Spiegelung sich selbst, sein eigenes Ideal? Wie dem auch sei, daß dieser oft sehr despotisch auftretende Eroberer ihn so entzückte, charakterisiert ihn als den für alles menschlich Große und Originale Empfänglichen, der seine Urteile nur aus seinem Herzen, nicht aus Theorien und Prinzipien schöpfte. Seine Berichte an Herzen über Menschen, die er kennenlernte, sind wundervoll anschaulich und drastisch, in großen Zügen hingeworfen und mit kleinen schattiert und lebendig gemacht. Auch die, welche er nicht ausstehen konnte, schmückt er liebevoll mit einer gewissen dichterischen Lust an ihrer Abscheulichkeit aus, wie wenn er von Petraschewski, den er ein Schwein mit einem Menschenkopf nennt, erzählt: »Wenn er sich erhitzt und lügt, wie glänzen dann seine schwarzen Augen durch die Brille hindurch!« Sehr fein sind die Betrachtungen, die er über die unverbesserliche Eitelkeit der Polen anstellt und ihren Hang zur Selbstbetrachtung, den er aber erklärend und verzeihend daraus ableitet, daß sie als Volk verneint werden und deshalb nicht vorwärts, sondern rückwärts blicken, wo sie nichts als Tod finden.

Die Jahre 1859 und 1860 brachten die überraschenden Ereignisse in Italien: Krieg gegen Österreich mit Hilfe Napoleons III. und den Zug der Tausend nach Sizilien. Auch nach Irkutsk drang die sagenhafte Kunde von Garibaldoff, wie er dort genannt wurde. Da es auch in Polen sich wieder zu regen begann, wurde in Bakunin der Drang nach dem Westen immer lebhafter. Er erwartete dort dieselbe wogende Stimmung zu finden, in der damals das Unmögliche leicht zu verwirklichen schien, und die jetzt die Rückblickenden als eine Art halb komische, halb strafbare Trunkenheit betrachteten. Auf der verhältnismäßigen Bewegungsfreiheit, deren er sich erfreute, baute er einen Fluchtplan auf. Wie er ihn bewerkstelligte, ist nicht in allen Einzelheiten klar; er erinnerte sich später nicht gern daran, da er verschiedene Freunde hatte belügen, einige Menschen vielleicht auch hatte schädigen müssen.

Es war Anfang Juni 1861, daß er Irkutsk verließ und vorgeblich in Geschäften den Amur hinunterfuhr, bis zu der an seiner Mündung gelegenen Stadt Nikolajewsk. Von dort gelangte er auf ein amerikanisches Schiff, das ihn nach Japan brachte. Er mußte, damit es glückte, öfters seinen Zauberstab schwingen, der nicht die Kraft verloren hatte, Herzen zu betören. Sein zugleich vornehm sicheres und kindlich offenes Wesen ließ keinen Argwohn aufkommen und bewog jedermann, auf seine Absichten einzugehen. In Japan soll der russische Konsul den durchreisenden Gast liebenswürdig aufgenommen und ungern weiterfahren gesehen haben, weil er eines so guten Gesellschafters sich gern länger erfreut hätte. Wie einst die Götter ihre Lieblinge in ein Gewölk hüllten, daß sie unverletzt mitten durch Feinde schritten, so überschritt der gefährliche Rebell die russische Grenze, begleitet von den freundlichen Blicken seiner Häscher. Bereits in Yokohama traf er einen Mitkämpfer von der Dresdener Revolution, Wilhelm Heine, der, ein gewandter Reiter, die Lebensmittelzuzüge in die Stadt geleitet hatte und nach Amerika geflohen war. Er ist später als General nach Dresden zurückgekehrt und dort gestorben. Sie machten die Reise zusammen bis San Francisco, von wo Bakunin sofort nach Neuyork weiterreiste. Er kam am 6. November dort an. Auch hier befand er sich im Kreise alter Kameraden: Da waren Reinhold Solger, Friedrich Kapp, der junge Freund Ludwig Feuerbachs, ferner ein Dresdener Flüchtling, Dr. Munde, und eine verheiratete Tochter der Berner Vogts. Trotzdem drängte es ihn ohne Verzug weiter nach Europa, nach London, wo Herzen und Ogarjew lebten, mit denen er schon von Sibirien aus zusammengearbeitet hatte, die ihm von seinen russischen Freunden am nächsten standen. Es war einige Tage nach Weihnachten, am 27. Dezember 1861, als er in Herzens behaglichem Heim erschien, wie ein Bruder aufgenommen, wie er selbst, dankbar und herzlich sich erinnernd, nach Jahren erzählte. Welch ein Wiedersehen, welche Umarmungen und Gespräche mag es gegeben haben! Äußerlich schien er zunächst ziemlich verändert, schon dadurch, daß er infolge von Skorbut Zähne verloren hatte, was ihn am Sprechen hinderte. Seine Kleidung, die früher durchaus kavaliermäßig gewesen war, fing er schon während der Revolution an zu vernachlässigen. Ruge erzählt, daß einmal ein junger Mann israelitischer Nation ihn darauf aufmerksam gemacht habe, wie schmutzig sein Anzug sei. Bakunin sagte: »Was will der kleine reinliche Jude?«, ihn mit einem großen Blick musternd, ohne sich zu bessern. Doch war seine Erscheinung, wie schäbig auch der Zustand seiner Kleidung sein mochte, so imposant wie je. Hatten die Freunde gefürchtet, einen gebrochenen, müden, erbitterten Mann zu sehen, so waren sie froh enttäuscht: Er war immer noch der Frühlingsfrische, wie sie ihn rühmend nannten, der das Aroma des tollen Jahres 1848 ausströmte. Und doch war er, das ist selbstverständlich, nicht unverändert derselbe geblieben. Aus der Gefangenschaft auf dem Königstein schrieb er einmal an Reichel: »Mein Lieber, erlaube mir eine kleine Bemerkung: unser gemeinschaftlicher Fehler bestand immer darin, daß wir uns zu sehr gehenließen, moralisch faul waren und ohne die mindeste Anstrengung von unserer Seite die Eingebungen des Heiligen Geistes von oben in der Gestalt gebratener Äpfel erwarteten.« Er hatte sich vom Atem der Geschichte treiben lassen und gewußt, daß er es tat, aufgesogen, was in der Luft schwirrte, bald dahin, bald dorthin sich geneigt, Nichtzusagendes zurückstoßend, Lockendes ergreifend. Zwar leistete er den in der Welt herrschenden Gewalten Widerstand, nicht aber dem Schicksal, und genoß den Rausch dieses Hingegebenseins. Während der langen Haft hatte er aus seinen Erfahrungen und Gedanken seine Überzeugung gebildet. Die Richtung seines Willens hatte sich nicht verändert, aber er war sich seines Willens deutlicher bewußt geworden, sein Selbstbewußtsein hatte sich entwickelt. Er liebte es immer noch, sich vom Strome mitreißen zu lassen; aber er fühlte sich nun auch fähig, etwa einmal das Steuer zu ergreifen und einen bestimmten Weg zu erzwingen. Die Legende hat ihm bei der Dresdener Revolution die Rolle eines Diktators zugeschrieben, als seien alle durchgreifenden Entschlüsse von ihm ausgegangen, und gewiß ist, daß er immer für solche stimmte; aber ganz abgesehen von den Umständen, die einen dauernden Erfolg damals überhaupt unmöglich machten, fehlte ihm zu einer napoleonischen Laufbahn das Wesentliche: der Trieb zur Macht und Herrschaft. Worauf es ihm im tiefsten Grunde ankam, das war Leben und das möglichst volle Leben ganz ungehemmt einzuatmen. Das war sein Eigentümliches, und so blieb er auch. Insofern war er schlechtweg Dichter oder Mensch, oder man kann auch sagen ein Kind. Denn es ist klar, daß dem durchschnittlichen Geschäftsmann des Lebens diese Auffassung wie ein Spielen erscheint; selbst Herzen neigte manchmal dazu, Michel nicht ganz ernst zu nehmen. Dennoch war ihm sein Spiel ganz ernst, und es zeigte sich immer mehr, daß er, ohne sein Wesentliches geändert zu haben, bewußter als früher ein bestimmtes Ziel und eine gewisse Methode innehielt. Er war jetzt siebenundvierzig Jahre alt, er hatte viel gelitten und erfahren und fühlte den Trieb, Führer der Jüngeren zu sein. Das erschwerte sein Verhältnis zu Herzen, der damals im jungen Rußland ein unbestrittenes Ansehen hatte, und von dem er bei aller Übereinstimmung doch sich stark unterschied. Immer hatte er Herzen, den um zwei Jahre Älteren, bereitwillig anerkannt und stellte ihn auch weiterhin als Schriftsteller weit über sich; neben Herzens blitzendem Stil kam er sich plump vor. Wie weit Bakunin ihm durch die Genialität der ganzen Persönlichkeit überlegen war, das wurde nie ausgesprochen; Herzen scheint es aber gefühlt zu haben. Die Noblesse seines Charakters blieb immer ohne Flecken. Nicht nur, daß er dem mittellos aus der Gefangenschaft Entflohenen sofort eine Summe aussetzte, um ihm die Existenz zu ermöglichen, und auch Turgenjew bewog, dazu beizutragen; er verstand ihn auch und hielt zu ihm, manchmal gegen seine Überzeugung. Er hatte Sinn für das Kindliche, Gutmütige und Arglose Bakunins, er bewunderte die ungeheuren Dimensionen seines Wesens, er weidete sich an ihm wie an einem Element, von dem man sich vorsichtig ein wenig zurückhält, indem man seine Wucht und Schönheit bewundert. Man ist wohl entzückt von einem Löwen, aber man möchte ihn nicht im Hause haben. Man hatte wohl gemeint, nach seiner abenteuerlichen Flucht, nach den Entbehrungen des Kerkers und später des Lebens in Sibirien würde Michel die häusliche Behaglichkeit des Westens, die Herzen durch seinen Reichtum sich hatte verschaffen können, mit Vergnügen teilen. Davon war jedoch gar keine Rede: Was er entbehrt hatte, war, handeln zu können, und das wollte er nun. »Nach neunjährigem Schweigen und Einsamkeit«, so erzählt Herzen, »atmete Bakunin etwas auf. Er debattierte, predigte, kommandierte, schrie, faßte Beschlüsse, korrigierte, organisierte und ermunterte den ganzen Tag, die ganze Nacht, alle vierundzwanzig Stunden. In den wenigen freien Minuten pflegte er zum Schreibtisch zu stürzen, und dann begann er zu schreiben, fünf, zehn, fünfzehn Briefe, nach Semipalatinsk und Arad, nach Belgrad und Konstantinopel, nach Bessarabien, nach der Moldau und Belokrinitza. Mitten im Schreiben warf er die Feder hin und begann irgendeinen Dalmatiner zur Räson zu bringen; doch ohne die Rede zu beenden, griff er wieder zur Feder und fuhr fort zu schreiben ... alles an ihm war gigantisch, seine Fähigkeit, sein Appetit, ja der ganze Mensch.«

Dies Schauspiel, als solches sehr anziehend, hatte aber auch sehr fühlbare Folgen für Herzen, da er darin mitwirken sollte. Es handelte sich um die polnische Revolution, die damals vorbereitet wurde und aus verschiedenen Gründen vollständig scheiterte. Herzen gab die Berechtigung der Polen, sich von Rußland loszureißen, vollständig zu; aber es widerstrebte ihm im Grunde, sich dabei zu beteiligen, und er ließ sich nur durch Bakunin bewegen, in der »Glocke« dafür einzutreten. Bakunins unglückliche Liebe zu den Polen war inzwischen dadurch verstärkt, daß er mit einer polnischen Familie verwandt geworden war und das Unglück vieler verbannter Polen in Sibirien aus eigener Anschauung kennengelernt hatte. Außerdem war es die erste Gelegenheit zum revolutionären Handeln, die sich bot, und zu einem Angriff auf die russische Regierung. Der Plan war, mit Hilfe Schwedens und von Schweden aus, das durch seine Lage herkömmlich feindlich zu Rußland gestellt war, gegen Rußland vorzustoßen, und Michel wollte die schwedische Regierung dafür interessieren. Persönlich hatte er großen Erfolg, sein Zauberhörnchen tat in allen Kreisen, auch den höchsten, die übliche Wirkung, er wurde gastlich aufgenommen und gefeiert; aber das Unternehmen mißglückte, zum Teil durch die Schuld eines englischen Kapitäns, zum Teil durch die Schuld der Polen und ihres unbesieglichen Mißtrauens gegen die Russen. Besonders unangenehm war es, daß Herzen seinen Sohn mit allerlei Aufträgen nach Schweden geschickt hatte, offensichtlich, um Bakunin zu beaufsichtigen. Der junge Herzen war, wie die Söhne bedeutender Väter zu sein pflegen, von dem Drang erfüllt, sich auszuzeichnen, ohne daß die Vorbedingungen dazu vorhanden gewesen wären. »Einen sehr ausgezeichneten Commis voyageur« nannte ihn Bakunin, »einen sehr ordentlichen Sekretär, einen par excellence negierenden Jüngling, ohne jedes russische Gefühl, jede Initiative, jede eigene Gedanken.« Die Herzenschen Kinder waren im Westen aufgewachsen und hatten, wenn auch stolz auf die Rolle, die ihr Vater in Rußland spielte, weder tiefes Gefühl noch Interesse für die russischen Angelegenheiten. Für die Aufgabe, einen so viel älteren, so klugen Mann zu kontrollieren wie ein Kind, war Herzens Sohn zu jugendlich anmaßend. Dieser Zusammenstoß erschütterte begreiflicherweise das Verhältnis zwischen Bakunin und Herzen. Dieser war klug und vornehm genug, um die Verfehlung seines Sohnes einzusehen und zuzugestehen; das löschte aber das Geschehene nicht aus. Der unglückliche Ausgang der Sache betrübte Bakunin, Herzen aber schien dadurch zu einem Vorwurf berechtigt, daß er in die Angelegenheit hineingezogen war. Seit die Polen ausgesprochen hatten, daß sie nicht nur Unabhängigkeit von Rußland wollten, sondern Wiederherstellung Polens, mit den Grenzen seiner größten Ausdehnung im Mittelalter, hatten sich auch die russischen Liberalen ganz von den Polen abgewendet, und es tat Herzens Ansehen Abbruch, daß er sie unterstützte. Es kam dazu, daß England nicht der rechte Boden für Bakunin war. Auch Herzen und die deutschen Emigranten betonten immer wieder die Härte und Beschränktheit der Engländer, und wie unmöglich es sei, in lebendige, fruchtbare Beziehung zu ihnen zu treten. Nirgends, sagten sie, hänge der Ruf, den einer genieße, so davon ab, wieviel Geld er habe und wie er gekleidet sei; Bakunin in seinem jahrhundertalten Mantel hätte vermutlich als Vagabund gegolten. Daß er beschloß, nach Italien sich zu wenden, ist leicht verständlich. Frankreich und Deutschland waren ihm verschlossen, in Italien hatte die Freiheit soeben Siege erfochten, wie man sie aus Märchen und Sagen kannte. Herzen blieb die Erinnerung an seinen Aufenthalt in Italien im Jahre 1848 zeitlebens teuer, und die italienischen Emigranten, die er später in der Schweiz und in Italien kennenlernte, hatten den sympathischen Eindruck verstärkt. Er kannte Orsini, Pisacane, Mazzini, Garibaldi, Saffi persönlich, stand sich mit allen gut und liebte und bewunderte sie zum Teil. Er fand, daß die Russen sich mit keinem westeuropäischen Volke so gut verstehen könnten wie mit den Italienern, weil in beiden Ländern die Zustände noch verhältnismäßig fließend wären und weil sowohl Russen wie Italiener nicht gerne arbeiteten. Geschäft und Gewinn komme ihnen nicht in erster Linie, sie arbeiteten nur, soweit es zum Leben nötig sei. Es ist anzunehmen, daß er Bakunin von Italien viel erzählte und daß die zahlreichen Beziehungen Herzens, die er benützen konnte, bei der Wahl in die Waagschale fielen. Schon in London lernte er Mazzini kennen, von dem er, als von einem Zentralisten, sich zwar tiefgreifend unterschied, mit dem ihn aber zunächst doch die gemeinsame Feindschaft gegen Österreich verband.

Während des Jahres 1863 war er beständig auf Reisen, auch in Paris, wo er Proudhon wieder – und zum letzten Male sah. Auf der Reise nach Italien fuhr er durch die Schweiz, und hier zog es ihn nach Bern, wo nicht nur Vogts wie immer wohnten, wo auch Reichel sich inzwischen als Musikdirektor niedergelassen hatte.

Der erste Brief an die Familie Vogt aus Vevey, Pension Maillard, Rue d'Italie, lautete: »Meine liebe Freundin, bei meiner Durchfahrt von Paris nach Italien durch die Schweiz wollte ich schon morgen mit meiner Frau nach Bern kommen, um die alten guten Freunde zu umarmen, und habe bereits gestern einem Kosaken-Genossen, Herrn Tscherkessoff, geschrieben, er soll mir in Bern begegnen und mich bei irgendeinem der vielen Professoren Vogt aufsuchen. Plötzlich bin ich aber unwohl geworden und muß mich entschließen, hier einige Tage zu verweilen, was mich natürlich nicht verhindern wird, nach einigen Tagen meine Pietätsreise nach Bern zu unternehmen. Bis dahin, gute, gute, alte Freundin und Ihr alle jüngeren Freunde, seid gegrüßt in dem freien Schweizerlande –.«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.