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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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10.
1850-1860

Über dem Begrabenen, dem die Zeit stillsteht, gehen die Stunden dahin, bald schleppenden Schritts unter schmerzenden Lasten, bald rauschend im Tanze, stürmend im Kampfe. Für die Gefährten Bakunins war das Jahrzehnt, das der Revolution folgte, mühselig und freudlos. Die Zeit änderte mit einem Schlage vollständig ihr Antlitz: alles Jugendliche, Mutwillige, Tolle verschwand in geschäftsmäßigen, korrekten oder grämlichen Falten. Der Enthusiasmus und die Kampflust verstummten; es war, als ob es nie etwas gegeben hätte als Zufriedenheit mit dem Bestehenden und Bewunderung der ordnunghaltenden Mächte. Von den letzten Fluchtgenossen Bakunins fiel Richard Wagner das glücklichste Los. Kurz vor der Katastrophe hatte sein »Tannhäuser« in Weimar solchen Beifall gefunden, daß der Großherzog den Komponisten einlud, der nächsten Aufführung beizuwohnen. Trotzdem aus dem Kapellmeister inzwischen ein steckbrieflich verfolgter Hochverräter geworden war, wurde er in Weimar gut aufgenommen, doch gab man ihm zu verstehen, daß er auf die Dauer nicht sicher sei. Er begab sich in die Schweiz und fand dort einen Wirkungskreis. Dort lernte er auch durch die Empfehlung Georg Herweghs die Schriften Schopenhauers kennen und wurde dessen Anhänger, der im September 1848 in Frankfurt die Aufständischen Schurken und souveräne Kanaille genannt hatte. Die Widmung an Ludwig Feuerbach auf dem »Kunstwerk der Zukunft« verschwand; auch bei anderen verdrängte der Philosoph des Pessimismus den gläubigen Atheisten Feuerbach. Allgemach vergaß Richard Wagner die alten Ideale; er redete sich ein oder redete andern es vor, daß die öffentlichen Angelegenheiten ihm immer gleichgültig gewesen wären, daß ihm nur seine Kunst am Herzen gelegen hätte. Von Gottfried Semper, dem Architekten, der den Aufständischen in Dresden gezeigt hatte, wie man Barrikaden baut, wurde verbreitet, er habe es nur aus Interesse an der Technik des Barrikadenbaus getan, nicht aus Sympathie für die Revolution. Je mehr Preußens Ansehen stieg, desto mehr vergaß man, was für eine Bewandtnis es eigentlich mit der Revolution gehabt hatte.

Entsetzlich war das Schicksal derer, die den Siegern in die Hände fielen. Roeckel wurde gefangen, als er einem von den Revolutionären erwarteten Zuzug entgegenging, um ihnen den Weg zu zeigen; er mußte die Roheit der von den Offizieren aufgehetzten und betrunken gemachten Soldaten erfahren und mit ansehen. Nach langer Untersuchungshaft wurde er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, ebenso wie Heubner, Oelkers und andere, und in Preußen Gottfried Kinkel. Die Zuchthausgefangenen selbst mißbilligten es, daß hochgebildete Menschen wegen ihres politischen Verhaltens ihnen zugesellt wurden, und versuchten oft, ihnen Achtung und Mitleid zu erzeigen. Wenn die Reaktion geglaubt hatte, die besiegten Feinde durch die Zuchthausstrafe zu entehren, so hatte sie sich verrechnet; die Niedrigkeit der Rache erregte nur Abscheu gegen die, die sie verhängten. Wenn sie martern wollte, hatte sie es freilich erreicht. Fast noch schlimmer als das eigene Leiden war der Anblick der Unglücklichen, die, als gemeine Verbrecher außerhalb der menschlichen Gesellschaft gestellt, unter einer sinnlos unmenschlichen Behandlung recht- und schutzlos nur noch tiefer in ihr blindes Unwesen versinken konnten. Roeckel erlebte es, daß ein geisteskranker Gefängnisdirektor, dessen Zustand bekannt war, im Amte blieb, solange er die Gefangenen mißhandelte, und erst entfernt wurde, als er in einer Gefühlsaufwallung sie freilassen wollte. Der Geist der Revolte nahm in ihm eher an Kraft zu als ab. Er sah alles, was um ihn her vorging, und bekämpfte unerschrocken die selbstgefällige Gewalt zugunsten der Zertretenen. Mehrmals wurde ihm zum Trost gesagt, ganz Deutschland sei ein Zuchthaus geworden, er habe es nicht schlechter als alle andern. Die Soldaten, die zur Bewachung der Gefangenen verwendet wurden, hatten längst bereut, daß sie sich zur Unterwerfung der Revolution hatten gebrauchen lassen. Manche verhalfen den Politischen, trotz der Gefahr, die sie selbst dabei liefen, zur Flucht; Roeckel glückte es nicht.

Von den Flüchtlingen wandten sich die meisten nach der Schweiz. Semmig erwarb sich in Frankreich Achtung und Liebe, ein zweites Vaterland. Karl Marx, Arnold Ruge, Freiligrath fanden Zuflucht in England. Dorthin kam auch, wie ein Schiffbrüchiger ans Ufer geworfen, Alexander Herzen.

Er war nach kurzem Aufenthalt in Paris im Winter 1848 nach Italien gegangen und erlebte dort den Höhepunkt seines Aufenthalts in Europa, hingerissen den ersten Aufschwung der italienischen Revolution mitgenießend, den die menschlich offene, schön sich darstellende Art der Italiener besonders ergreifend gestaltete. Trotzdem eilte er nach Frankreich, als die Februarrevolution ausgebrochen war. Wieder war es Frankreich, das Volk der Oriflamme, das gewagt hatte, die zündende Fackel in die Burg des gesättigten Egoismus zu werfen! Wie hätte er sich nicht mit Leib und Seele in diesem Augenblick der Heimat seiner Wahl hingeben sollen. Aber es kam ganz, ganz anders. Die Revolution war gelungen durch die Verbindung der beiden Klassen, die an die Stelle der mittelalterlichen Stände getreten waren, der Bourgeoisie und des Proletariats, den Besitzenden, die sich auf ihr Kapital stützen, und den Besitzlosen, die von der Hand in den Mund leben, dem Zufall preisgegeben, den Kampf um das bloße Leben jeden Tag aufs neue beginnen müssen. Zur Bekräftigung des Bundes waren in der ersten Freudezeit der Revolution die Nationalwerkstätten gegründet, die zum erstenmal eine soziale Idee, das Prinzip des staatlichen Eigentums im Gegensatz zum Privateigentum verwirklichen sollten. Nachdem der Sieg gesichert war, anderseits die Kosten der neuen Einrichtung sich fühlbar machten, besann sich die Bourgeoisie auf die Tragweite ihrer Zugeständnisse und nahm sie zurück: Die Nationalwerkstätten wurden geschlossen. Dies wurde der Anlaß zum Juniaufstand, bei dem Herzen ganz auf Seiten der Arbeiter stand. Die Erbitterung, mit welcher auf beiden Seiten gekämpft wurde, die Grausamkeit, mit welcher die Sieger ihre Macht ausnützten, offenbarte die unheilvolle, hoffnungslose Spaltung im Volke; über dieses Blut gab es keine Versöhnung. Frankreich hatte das Zeichen zur Revolution, aber auch zur bösartigen Reaktion gegeben. Herzen wurde wegen seiner Teilnahme an einem demonstrativen Zuge der Arbeiter verdächtig und ausgewiesen; er hätte ohnehin nicht in Paris bleiben können, nachdem er die Schüsse gehört hatte, mit welcher die siegreiche Bourgeoisie im Frühling ihre Verbündeten vom Winter wie Verbrecher niederschoß. Dieses Erlebnis verwand Herzen nie, weil sein Glaube an Frankreich ihm an Stelle einer Religion gewesen war. So rächt sich immer der Glaube an Irdisches; aber die Erfahrung seiner Gebrechlichkeit erregt auch verborgene Kräfte in dem Verwundeten, der unwillkürlich trachtet, das Verlorene auf höheren Stufen ersetzt zu finden. Aus seiner tiefen Entmutigung entstand das schöne, von melancholischer Entrüstung zitternde Buch »Vom andern Ufer«. Er flucht diesem Frankreich, das er angebetet hatte. »Paris – du riefest die Horden der verwilderten Afrikaner gegen deine Brüder, um nicht dein Gut mit ihnen zu teilen, und ließest sie von der kalten Hand der Mörder par métier niedermetzeln.« Frankreich, sagt er, sei zu einem okzidentalen Österreich geworden, gehe unter in Schmach und Schmutz. Die Nationalversammlung nennt er einen polyzephalen Caligula, einen in kupferne Scheidemünze gewechselten Bourbon. Indem er sich klarzuwerden sucht über die Lage Europas, sieht er nichts als Ohnmacht und Erstarrung und weissagt den bevorstehenden Untergang des Abendlandes. Die Ähnlichkeit der europäischen Zustände mit denen des untergehenden römischen Reiches drängt sich ihm auf, die Ähnlichkeit der sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen mit dem frühen Christentum, der Völkerwanderung mit dem Drang der Slawen nach dem Westen. »Jeder Mensch beginnt diese dumpfe Schwere des Lebens zu fühlen, alle sind müde, für alle wird die Existenz schlechter. Das ist ein großes Symptom. Unsere Zivilisation hat die Periode ihrer Glorie überlebt. Schillers und Goethes Zeit ist ebenso dahingeschwunden wie die Zeit Raffaels und Buonarrotis. Unsere Zeit erinnert mich immer an das dritte und vierte Jahrhundert nach Christus, wo selbst die Laster Roms schon untergegangen waren, wo die Kaiser schläfrig und apathisch wurden, wo ein innerer Gram die energischen Menschen so tief quälte, daß sie in die Wüsteneien der Thebaide liefen, um nur dem Anblick der sterbenden Welt zu entgehen.«

Wohin sollte er sich wenden, um von der gespenstischen Krankheit der Langeweile frei zu werden? Nach Amerika zu gehen, fand er töricht, da dort ja nur die letzte Entwicklung der europäischen Verhältnisse zu finden wäre. Er hätte nicht die kraftvolle Natur gehabt, um, wie Karl Schurz, siegreicher Vorkämpfer in einem fremden Volke zu werden; auch nicht den Glauben an seine Ideale. Die Ideale, an die er glaubte, waren die des Sozialismus; aber er sah nirgends die Möglichkeit, sie zu verwirklichen, und wartete deshalb für die nächste Zeit nur auf Untergang, Untergang als Erlösung, da nur über den Trümmern das Neue wachsen könnte. »Was für einen Anteil konnten in den römischen Kämpfen die Christen an den Prätendenten des Kaisertums nehmen? Man hat sie der Feigheit beschuldigt; sie lächelten und trieben ihre Sachen, beteten zu Gott und predigten. Ja, sie predigten, weil sie mächtig waren durch den Glauben, verbunden durch eine Lehre. Wo ist unser Evangelium, wo das neue Leben, zu welchem wir die andern rufen; wie lautet die frohe Botschaft, wovon wir der Welt Zeugnis geben sollen? Predigt die Botschaft vom Tode ... Predigt den Tod als die frohe Botschaft der herannahenden Erlösung ...« Vielleicht klangen ihm, als er dies schrieb, die viel beredeten Worte Bakunins im Gedächtnis: »Laßt uns also dem ewigen Geiste vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er der unergründliche und ewig schaffende Quell alles Lebens ist. Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust.«

Dem in Europa herrschenden Geiste, dem nichts heilig ist als der Besitz, nichts wichtig als die Erhaltung und Vermehrung des Besitzes, galt ein solcher Ausspruch als frevelhaft bis zum Wahnsinn. Herzen machte die ausgezeichnet richtige Bemerkung, daß diese kaufmännische Atmosphäre Europas dort am spürbarsten sei, wo der europäische Zustand in seinen Prinzipien am höchsten ausgebildet, wo also die Industrie in höchster Blüte stehe, wo der größte Reichtum, die größte Bildung sei. Deshalb mußte ein Mensch wie er das Leben in Italien weit dem Leben in England und Frankreich vorziehen, am wohlsten aber sich in der damals noch ganz ländlichen Schweiz fühlen. Er genoß die landschaftliche Schönheit der Schweiz, mit fast niemandem verkehrend als mit einem gleichgesinnten Freunde, Georg Herwegh. Er ahnte nicht, daß das Bitterste ihn noch erwartete. Wie Frankreich ihn betrogen hatte, so verriet ihn nun die Freundschaft und die Liebe. Georg Herwegh verführte und entführte ihm die geliebte Frau, die vielleicht insgeheim schon lange jene hochgesteigerte Leidenschaft vermißt hatte, die nur außergewöhnliche Umstände für Augenblicke erzeugen. Auch hielt die neue Leidenschaft nicht stand vor der alten Liebe, den gemeinsamen Erinnerungen und den gemeinsam geliebten Kindern: Natalie kehrte zu dem Verlassenen zurück, der sie ohne Vorwurf, als sei es selbstverständlich, liebevoll aufnahm. Ein neues, höheres Glück schien aus dieser Prüfung hervorzugehen, trotz des kalten Zweifels, der sie zuweilen anfiel, ob ein solcher Riß denn heilbar sei. Das Schicksal schnitt die Frage erbarmungslos ab. Herzens Mutter, die mit dem erstgeborenen, taubstummen Kinde und dessen Erzieher, einem jungen Deutschen namens Spielmann, in Paris war, wurde in dem neubegründeten Heim in Nizza erwartet; der Dampfer, der sie bringen sollte, stieß mit einem anderen zusammen, ging unter, und alle drei ertranken. Herzen, der an die Landungsbrücke gegangen war, brachte statt der Erwarteten die entsetzliche Kunde in das festlich blumengeschmückte Haus. Natalie überlebte dieses Unglück nur um einige Monate und ließ Herzen als einen Verzweifelten zurück. Es war die Zeit, wo Bakunin in Olmütz an die Mauer seines Kerkers gekettet lebte. Aus den Trümmern seines Glücks schlug Herzen die Flamme des Ruhmes. In London, wohin er mit seinen Kindern übersiedelte, um ein neues Leben zu beginnen, gründete er eine russische Druckerei und die Zeitschrift »Kolokol«, »Die Glocke«, welche die Aufgabe hatte, zur Revolution in Rußland Sturm zu läuten. »Die Glocke« wurde eine Anklageschrift, die alles Material sammelte, das gegen die unerträglichen Zustände in Rußland zeugte, wobei sich alle beteiligten, die das Wohl des Volkes anstrebten. In dem stummen Lande schallte dieser eherne Aufschrei erschütternd. Selten hat ein einzelner Mensch durch seine Feder so unmittelbar gewirkt wie Herzen in Rußland durch seine »Glocke«; kein Name war so berühmt, so gefürchtet wie seiner.

Noch ein anderer aus dem Freundeskreise wurde in dem Jahrzehnt zwischen 1850 und 1860 berühmt; das war Turgenjew. Auch ihn traf der Despotismus, wenigstens streifte er ihn, als er nach dem Tode Gogols, den er bewunderte, einen Nachruf veröffentlichte, obwohl von oben herab verboten war, des Dichters öffentlich zu gedenken. Er wurde für zwei Jahre auf sein Gut verbannt. Im selben Jahre erschienen verschiedene Skizzen, die er seit einigen Jahren geschrieben hatte, gesammelt unter dem Titel: »Tagebuch eines Jägers«. Noch war kein Werk in Rußland erschienen, welches die offene Wunde, den allgemeinen Schmerz, die allgemeine Schmach, die Leibeigenschaft, so ergreifend darstellte. Ein Auge voll Schwermut blickt hier klagend und drohend auf die Befleckung, die die Sklaverei sowohl den Herren wie den Knechten eingedrückt hat; unvergeßliche Bilder aus dem Leben eines unglücklichen, liebenswerten Volkes auf dem Grunde einer seelenvollen Natur, die mitzutrauern scheint, ziehen an uns vorüber. Diese Dichtung war es eigentlich, deren Schönheit so laut anzuklagen verstand, die der Kaiser strafen wollte. Doch behandelte die Regierung, vielleicht infolge der Vermittlung des Thronfolgers, des späteren Alexander II., den schnell berühmt gewordenen Dichter mit Rücksicht, der sich dieser wiederum wert zu machen suchte. Er lebte fast immer im Westen, kehrte aber zeitweilig auf seine Güter in Rußland zurück, ohne behelligt zu werden.

Mit den früheren Freunden, namentlich mit Herzen, blieb er immer im Verkehr, der der Zärtlichkeit, wie sie der russischen Männerfreundschaft eigen ist, nicht entbehrte. Dennoch ging er dabei mit zaghaften Schritten. Er fand sich nicht dazu geboren, die aus den Fugen [geratene] Welt einzurenken, und begriff im Grunde nicht, warum nicht jeder vor seiner Tür kehrte, Gutes täte, wo er könnte, und die Tropfen Glückes tränke, die das Schicksal jedem einschenkte. Gegen seine Leibeigenen war er der gütigste Herr, der nie auf Herrenrechte pochte; aber es wäre ihm nicht eingefallen, sie freizulassen, wie die Brüder Bakunins taten. »Was willst du«, sagte er zu Herzen, »ich bin nun einmal Individualist.« Er teilte die verbreitete Meinung, als sei es genug, wenn der einzelne für sich nach Veredlung strebe, worin doch jeder einzelne durch die Beschaffenheit der Gesellschaft, in der er lebt, bestimmt und gehemmt wird. Das Bewußtsein ist dem modernen Menschen abhanden gekommen, das im Altertum lebendig war, daß die Gesellschaft durch das Verbrechen des einzelnen befleckt wird, wie die Glorie des einzelnen sie erhöht; ist aber die Gesellschaft für ihre Glieder mitverantwortlich, so muß zuzeiten auch die Gesellschaft umgewandelt werden, wenn ihre Glieder besser werden sollen. Allerdings wünschte auch Turgenjew die Aufhebung der Leibeigenschaft und sah klar, wie entsittlichend sie auf beide Teile wirkte; übrigens aber lag es ihm fern und kam es ihm zuweilen beinah komisch vor, sich wegen Angelegenheiten der Allgemeinheit aufzuregen. In dem engen Bannkreise irgendeiner Frau, die er anbetete im Bewußtsein, nie die volle Erwiderung seines Gefühls zu finden, verlief sein ganzes Leben. Er hatte nichts von dem breiten Sich-gehen-Lassen, dem vollen Ausströmen, dem dunklen Mitfluten im Strome des Schicksals wie Bakunin; er war nie überschwenglich glücklich, aber er unterlag nie. Höchst zartfühlend gegenüber den Unglücklichen, versorgte er Bakunin im Kerker mit Büchern und sorgte für das Klavier; gleichzeitig aber entwarf er in der Novelle »Rudin« ein Bild von ihm, das ihn lächerlich oder verhaßt zu machen bestimmt schien. Er stellt in »Rudin«, der nach seiner eigenen Angabe ein Porträt Bakunins sein sollte, einen Blender und Schönredner dar, der mit phrasenhafter Beredsamkeit Jünglinge und Frauen an sich zieht, teils nur um Eindruck zu machen, teils um als berechnender Borger sie auszunützen. Es erregte bei vielen berechtigte Entrüstung, daß Turgenjew einen Freund lächerlich und verächtlich machte zu einer Zeit, wo derselbe wehrlos im Kerker war und für die Hingabe an seinen Glauben aller Wahrscheinlichkeit nach bis zum Tode leiden mußte. Herzen hat einmal gesagt, Turgenjew habe im »Rudin« mehr sich selbst als Bakunin geschildert. Wirklich konnte man ihm mehr als Michel den Vorwurf machen, daß er sich nicht für seine Ideale einsetze. Als ob er Reue fühlte, ließ Turgenjew der Novelle einen Anhang folgen, in welchem der gealterte Rudin, verwildert, herabgekommen, noch einmal auftritt und bei einer Revolution auf der Barrikade stirbt. Hier läßt der Dichter die Armut den Vagabunden wie einen Heiligenschein umgeben und streichelt ihm zärtlich die ergrauten Locken. Wer möchte die Gefühle in Turgenjews Brust entwirren? Hatte vielleicht Bakunin ihm einmal eine Kränkung zugefügt, die er nicht vergessen konnte? Im selben Jahre, wo der »Rudin« erschien, schrieb er an Tolstoi: »Als ich in Ihrem Alter war, übten nur enthusiastische Naturen einen Einfluß auf mich aus.« Sollte er bei diesen Worten nicht vor allem an Bakunin gedacht haben? Der Skeptiker wärmte sich gern an dem Feuer des Begeisterten; wenn es ihn dann einmal brannte, beschimpfte er es. Turgenjew war Individualist, wie er selbst sagte, und war es doch nicht so ganz, daß er es ohne Zweifel hätte sein können. Wer hätte ihn tadeln können, wenn er der Dame seines Herzens nachreiste, schöne Novellen schrieb, seine Tochter erzog, vielen Menschen wohltat? Wer, außer den Freunden, die sich größere Ziele gesetzt hatten und mit denen er selbst manche Strecke zusammen gegangen war, mit denen er hie und da zusammen arbeitete, mit denen er sich immer wieder verglich! Ja, es zwang ihn etwas, sich immer an ihnen zu messen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu bekämpfen und zu brandmarken und doch zugleich, fast wider seinen Willen, zu verherrlichen und sich vor ihnen zu demütigen. Daß er seinen einstigen Freund und Kameraden öffentlich lächerlich machte, während dieser im Kerker des Zaren lag, wäre eine Infamie, wenn man nicht die seltsame Verschmelzung, den seltsamen Zweikampf in Turgenjews Brust bedächte, den ewigen Vorwurf, der ihn quälte und den er zuweilen demjenigen ins Gesicht zurückwarf, von dem er auszugehen schien. Dies geheime Leiden war es vielleicht, das die tragische Schönheit seiner Augen machte, die auch diejenigen bezauberte, die sein Charakter abstieß.

Er haßte die Phrase und fühlte sich eben deshalb unendlich viel mehr zum deutschen, als zum französischen Wesen hingezogen. Das kam seinem Stil zugute, der nirgends aufgebauscht ist, nirgends hohl klingt. Der ganze Phrasenschatz der Französischen Revolution war ihm lächerlich; es entging ihm aber, daß jemand dieselben Phrasen ernst nehmen, mit Sinn und Bedeutung erfüllen konnte, und daß sie dann keine mehr waren. Das Volk, so sagte Herzen einmal, kenne keine literarischen Gedanken, sondern sobald es einen Gedanken wirklich erfaßt habe, schlage er gleich in Tat um. Darum, weil ein Gedanke für es kein Spaß sei, halte es so schwer, ihm einen beizubringen, und daher überhole es zuzeiten die berühmten Denker. Ebenso sagt Michel einmal, in ihrer Barbarenfrische setzten die Russen die Ideen in Tat um, die der Westen nur um ihrer selbst willen erzeuge. Dieses, ob man nur Erkenntnis hat und sich mit ihr begnügt, oder ob man sie verwirklicht, macht einen abgrundtiefen Unterschied zwischen Mensch und Mensch und Volk und Volk.

Es mag das Gefühl der barbarischen Frische des russischen Volkes gewesen sein, das es dem Westen so gefährlich erscheinen ließ. In den vierziger Jahren war die Furcht vor Rußland im Westen allgemein. Sie bezog sich zum Teil auf die Macht, die Zar Nikolaus so glänzend verkörperte und ausübte, zum Teil auf den sogenannten Panslawismus, dem die Slawophilen Ausdruck gaben. Peter der Große hatte sein Volk als schmutzige, talgfressende, bärtige Barbaren betrachtet, das mit Seife und westlicher Zivilisation traktiert werden müsse, und trotz des bleibenden geheimen Widerwillens im Volke hatten sich die höheren Schichten daran gewöhnt, den Westen als das Höhere zu betrachten und ihn nachzuahmen. Westeuropäer, namentlich Germanen: Deutsche, Holländer, Engländer, Schweizer, waren in Rußland zu Reichtum, Ehre und Ansehen gelangt, besonders Deutsche in die Nähe des Hofes gezogen. Nun aber richteten die Barbaren ihre Blicke auf sich selbst und ihre eigenen Vorzüge, sie durchforschten ihre eigene Vergangenheit nach Heldentaten und Gesängen, sie überzählten sich und staunten über ihre eigene Menge. Rechnete man zu den Angehörigen des russischen Reiches die übrigen Slawen hinzu, die unter türkischer, österreichischer und deutscher Herrschaft in Europa verstreut waren, so kam eine Armee zusammen, vor welcher der gesamte hochmütige Westen die Waffen würde strecken müssen.

Nikolaus I. war weit entfernt, so kühne revolutionäre Ideen fassen zu können. Für seine kleinlich bürokratische Beschränktheit waren die Slawophilen und Panslawisten so gut Verbrecher wie alle die anderen Untertanen, die durch irgendein eigenes Wollen die regelmäßige Monotonie seines Reiches störten. Was wäre aus dem Grundsatz der Unveränderlichkeit, des Untertanengehorsams geworden, den andere Fürsten so gut verlangen konnten wie er? Wenn er die Hand auf Konstantinopel legte, so tat er das, was seine Ahnen getan hatten, er erfüllte das Recht und die Pflicht jedes russischen Zaren. In der Überzeugung, daß Byzanz, die Wiege des russischen Glaubens, ihm von Gott verliehen und von den Türken geraubt sei, war er mit seinem Volke einig; aber er wäre zu kleinlich gewesen, um seinen Zweck durch Aufwiegelung von Untertanen zu erreichen, vollends Österreich oder Preußen gegenüber, wo er es liebte, als Retter aufzutreten, durch dessen mächtige Hilfe die aufrührerischen Untertanen niedergehalten wurden. Sein Name war Bürgschaft der Ordnung im Gegensatz zur Revolution; er war zu geistlos, um Träger der Revolution zu sein wie Napoleon. Dennoch war er Rußland, und Rußland zuckte ungeduldig die mächtigen Schwingen; und es kam dazu, daß die Gebärde des Größenwahns, die ihm eigentümlich war, Ärgernis und Schrecken erregte. Napoleon III., selbst auf die Rolle des Schiedsrichters Europas erpicht, machte sich zum Ritter der gefährdeten Türkei und vereinigte ein westliches Heer gegen den Koloß des Ostens. Österreich und Preußen blieben neutral; aber wegen dieser Neutralität zürnte Nikolaus ihnen mehr als den andern wegen des Krieges. Preußen und Österreich, als Staaten nämlich, verdankten ihm ihr Dasein, ohne ihn hätte die Revolution sie verschlungen, und sie sahen zu, ohne sich zu rühren, wie die sich liberal nennenden Mächte, Frankreich, England, Piemont, sich mit der despotischen Türkei zu seinem Untergang verbanden. Der für Rußland unglückliche Verlauf des Krieges rief eine Stimmung dort hervor, die die heute lebenden Deutschen wohl nachzufühlen imstande sind. Die auf eine stark anschwellende Macht Neidischen traten als Vorkämpfer der Freiheit auf, während jeder von ihnen nur den Zuwachs der eigenen Macht im Sinne hatte. Das Volk im engeren Sinne war friedlich wie jedes Volk und noch etwas mehr; sie mußten sich wie Lämmer erscheinen, die von hungrigen Wölfen überfallen werden. Die gebildeten Russen hatten überwiegend mit Sympathie auf den Westen geblickt, und der Westen rückte nun in seltener Einmütigkeit, durch die feindliche Absicht gegen einen verbunden, heran. In den politischen Briefen von Michail Pogódin, einem unbedingten Anhänger des Zaren, lesen wir: »Die Feinde kommen von allen Seiten auf uns los, als wären sie von jemand gehetzt und gejagt ... Die Anschläge, die Drohungen übersteigen alles Maß. Man will uns auf hundertundfünfzig Jahre zurückwerfen. Die türkischen, englischen und französischen Krieger wollen sich von uns die Kriegskosten bezahlen lassen. Sie wollen unsere Tore flügelweit öffnen, auf daß jeder Dieb bei Tage und bei Nacht gerade in unser Haus treten könne und mitnehmen, was ihm gefällt ...

Nicht nur die Gewalt zieht gegen uns heran, sondern Geist, Gesinnung und Streben. – Sie drohen nicht bloß Kronstadt und Sebastopol; wir dürfen sie überall erwarten, in der Kirche und im Schlafgemach, auf dem Exerzierplatz und beim Gebet, beim Mittag- und beim Abendessen, auf dem Kopf und im Herzen, um Mittag und um Mitternacht.«

Obwohl nun aber der Westen siegreich in diesem Kampfe war, befestigte sich in dem Russen die Ansicht, daß der Westen reif zum Untergange sei. Der Haß des Überfallenen; Unrecht Leidenden sieht die Fehler der Triumphierenden mit seherischer Schärfe und schiebt dem besiegten Rußland die Aufgabe zu, den abgelebten europäischen Westen zu verjüngen, »der zwar Lancaster-Kanonen, Paixhans und Miniébüchsen erfunden hat, dem aber der Glaube geschwunden, die Poesie erloschen, die Liebe verdorrt, das Menschengefühl erstickt ist, der Gott verleugnet hat und vor dem Goldenen Kalbe anbetend im Staube liegt«.

Prophetisch phantasierend ruft er aus: »Ja, novus nascitur ordo! Eine neue Ordnung beginnt, eine neue Ära bricht an. Zwei einst ruhmvolle Reiche stürzen zusammen. Zwanzig neue Staaten treten ins Leben. Obergewalt und Ansehen weicht von den einen und geht zu den andern über. Das Zentrum aller Interessen rückt nach einer anderen Erdgegend. Die Interessen selbst ändern vielleicht ihre Natur.«

So sehr jedoch hatten die Russen sich in der westlichen Kultur belehrt und begeistert, daß sie die Idee ihres Untergangs nicht ohne tiefe Wehmut fassen konnten. Aufrichtig gefühlt war die Klage, die Rußland über den seelischen Zusammenbruch des Westens anstimmte, zu dessen Erben es sich berufen fühlte.

O mir ist weh ums Herz! Es deckt ein tiefes Dunkel
Das ferne Abendland, das helige Wunderland!
Am Himmelsdom erlischt der Sterne Lichtgefunkel!
Wie sind die Leuchten all so tief herabgebrannt!

O jenes Abendland, wie war es schön vorzeiten!
Wie lange beugte rings die Welt vor ihm die Knie!
Bezaubert und entzückt von tausend Herrlichkeiten
Sah sie zu ihm hinauf, vor ihm verstummte sie.

Der Weisheit Sonne schien dem glücklichen Geschlechte,
Kometen heißen Kampfs, sie irrten her und hin.
So still wie Lunas Licht, der Königin der Nächte,
Ergeht sich reiner Lieb unschuldger Kindersinn.

Begeisterung stieg auf, ein farbger Regenbogen.
Des Glaubens Flammenquell ergoß die Strahlenflut –
Nie hat der Erde Grund so reiche Frucht gezogen
Seit jenem ersten Tag, nie so viel Glanz und Glut.

Doch ach, die Zeit ist um, nichts kann das Unheil wenden,
Die finstre Grabesnacht, die rings den Westen traf –
So hör des Schicksals Ruf, die Leuchte nimm zu Händen;
Erwache, Morgenland, vom Schlaf!

Nikolaus teilte weder die romantische Bewunderung des Abendlandes noch die mystische Hoffnung auf die Nachfolge der Russen. Für ihn war der unglückliche Ausgang des Krieges eine persönliche Niederlage, unter der sein Stolz namenlos litt und die er nicht überlebte. Er machte die Erfahrung, die nach ihm noch mehrere Zaren machten, daß die gewaltige Kriegsmaschinerie, die mit so viel Aufwand und so viel Opfern des Volkes unterhalten wurde, als es darauf ankam, versagte. Nicht an der Tapferkeit der Soldaten fehlte es, aber an der Initiative, dem guten Willen, der Opferfreudigkeit und Redlichkeit der Anführer und Beamten. Die Auffassung Bakunins blieb immer die, daß der Zar, dieser ungeheuren Gefahr gegenüber, sich entschlossen hätte, die früher verworfene Waffe des Panslawismus zu ergreifen. Wie die Holländer im äußersten Augenblick die Dämme durchstachen, um ihre Feinde zu ersäufen, so habe Nikolaus, um zu siegen, den Aufruhr der Massen entfesseln wollen. Schon sei der Aufruf verfaßt gewesen, der alle Slawen, die in der Türkei, die in Österreich, die in Preußen, an die alte Freiheit und die brüderliche Gemeinsamkeit mahnte und sie überredete, daß sie vereint unüberwindlich wären. Die gewaltsame Erschütterung der Niederlage hatte vielleicht seine versteinerte Seele gelöst; das Blut klopfte an die Kammern seiner Gedanken, er erwachte aus einem alpdrückenden Traume, der Horizont öffnete sich, und unendliche Zukunft tat sich auf; allein die jähe Spannung in seinem Innern war zu heftig und zerriß ihn. Im Augenblick, da er handeln sollte, erkannte er, daß er nicht imstande war, sich so gegen sich selbst und alle bisher befolgten Grundsätze zu wenden, und zog es vor, seinem Leben ein Ende zu machen. Er blieb der auch von sich selbst nicht überwundene Herrscher. So sah es Michel an; die Geschichte erzählt schlechtweg von einer Krankheit, die unerwartet schnell zum Tode führte. Diese Auffassung Bakunins beweist, daß er in dem gehaßten Zaren dennoch eine verhüllte Größe fühlte. Es mag sein, daß er ihn falsch beurteilte; er sah die Menschen in dem Schein, der von seinem eigenen Wesen ausging, nahm sie auf in die Welt, die auf der Bühne seiner Brust bald schrecklich, bald komisch, bald wunderbar, immer in großen Linien tragiert wurde.

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