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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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9.
Die Gefangenschaft

Nach qualvoller Haft von Jahren schrieb Roeckel: »Doch stets wiederholt sich dasselbe: die Vertreter des Fortschritts haben vom Augenblick des errungenen Sieges an, ja, leider nur zu oft auch während des Entscheidungskampfes schon bereits alles vergessen, was an ihnen und ihrer Sache gefrevelt worden; die Vertreter des Rückschritts dagegen, sie verfolgen auch nachträglich noch bis auf den Gedanken, der sich gegen sie aufzulehnen wagte. Versöhnung ist der Wahlspruch dort, auf dieser Seite nur Rache.«

Ja, die Macht macht böse. Verbrechen an Frauen werden mit Gelindigkeit bestraft, an Kindern überhaupt kaum, obwohl sie die entmenschtesten sind; vergreift sich die Frau am Manne, so gilt es fast als Gotteslästerung. Immer wieder wird die Erfahrung gemacht, daß der rote Schrecken harmlos und gutartig ist gegen den weißen; aber jenen zeichnen die Geschichtsbücher durch Jahrhunderte auf, über diesen gleiten sie mit verlegenen Redensarten hinweg. Die Preußen schalteten in Dresden wie im eroberten Lande. Die Soldaten waren, auch vom Könige schon, durch ungewöhnlich freundliche Behandlung und namentlich durch reichlich gewährten Weingenuß zu nachsichtslosem Vorgehen aufgemuntert worden; die Offiziere hetzten sie zu Grausamkeiten, die selbst auszuüben es sie grauste. Doch scheuten sie sich nicht, die Gefangenen mit Füßen zu treten, sie anzuspeien und sie mit den schnödesten Beleidigungen zu überhäufen; das wäre unbeachtet hingegangen, wenn sie nicht zum großen Teil den gebildeten Ständen angehört und, soweit sie mit dem Leben davonkamen, aufgeschrieben hätten, wie man mit ihnen umgegangen war. Man bestrich sie nicht mit Pech und zündete sie nicht an wie zur Zeit des Nero; aber was mit Bajonetten, Fäusten und Worten an körperlicher und seelischer Marter ausgeübt werden kann, davon wurde Gebrauch gemacht.

Der wichtigste Fang, Bakunin und Heubner, wurde mit größerer Feierlichkeit und Förmlichkeit behandelt als die Masse und entging diesen Quälereien. Bakunin hatte eine gute Fee das Zauberhorn in die Wiege gelegt, das die Herzen bezwingt; fast immer dämpfte er den Grimm auch der erbittertsten Feinde, er wußte selbst nicht wie. Auf den Offizier, der ihn von Altenburg nach Dresden führte, machte sein unerschütterliches Wesen Eindruck; er sagte zu diesem, in politischen Dingen entscheide der Erfolg, was eine große Tat und was ein Verbrechen sei. Die Unschuld desjenigen, der stets so handelt, wie er muß, ganz ohne Nebengedanken, der darum nichts bereut und ohne Verstellung und Winkelzüge zu seinen Handlungen steht, wirkt immer, wiewohl man meinen könnte, daß das Einfache das Selbstverständliche wäre. Als Fremdem wurde es vielleicht Bakunin auch leichter, sich von seinen Richtern, deren Feind er war, sich als Feind behandelt zu sehen. Er gestand ohne weiteres alles zu, was ihn betraf, sein Benehmen war frei und furchtlos. Auf die Frage, ob er sich an die Gnade des Königs wenden wolle, antwortete er, er ziehe es vor, erschossen zu werden. Von dem Gefängnis in Dresden wurde er im Sommer nach der Festung Königstein gebracht, unter Vorsichtsmaßregeln, als ob er der starke Hans aus dem Märchen wäre. Der Umstand, daß einige Fluchtversuche aus dem Dresdener Gefängnis geglückt waren, ließ vermutlich ein sichereres Gewahrsam wünschbar erscheinen.

Lange, lang zog sich die Untersuchung hin, obwohl die Urteile von Anfang an feststanden. Wie mag auf Michel, dem Redeseligen, das Schweigen der bösen Einsamkeit gelastet haben! Ob unter den Gestalten, mit denen seine Träumereien sie belebten, das ferne Vaterhaus war mit dem schönen Strom, der neben seinen Kinderspielen hinfloß, die zarte, früh gestorbene Schwester Ljubow, der Freund Bjelinski und der vielgeliebte Stankjewitsch, drei ewig junge Schatten, und ob sie ihm winkten? Es war nicht seine Art, untätig in Unmut oder Schmerzen zu versinken; soviel wie möglich las er und studierte Mathematik, dies lange vernachlässigte Talent nun wieder ausnützend. Durch die Liebenswürdigkeit seines Advokaten, er hieß Otto, war er mit allem, was er brauchte und wünschte, versehen, auch mit Geld. Der liebste Trost waren ihm die seltenen Briefe von Reichel, der eben damals seine Frau verloren hatte, und vielleicht noch mehr, daß er selbst ihm schreiben konnte, so wie er sonst mit ihm zu sprechen gewohnt war. Aus diesen Briefen führe ich einige Stellen an. Der erste beginnt mit Ausdrücken der Teilnahme am Verluste der geliebten Frau.

 

15. X. 1849

»Armer Freund, Du bist nicht lange glücklich gewesen! – Keinen Augenblick habe ich an Deiner Liebe und Treue gezweifelt, unsere Freundschaft gehört zu denen, welche durch Zeit und Verhältnisse weder vermindert noch vergrößert werden können, und die keiner Probe bedürfen. – Was mich betrifft, so bin ich gesund und ruhig und beschäftige mich viel mit Mathematik, lese jetzt Shakespeare und studiere Englisch. – Man behandelt mich hier mit außerordentlicher Humanität. – Wenn es mir schlecht geht, so erinnere ich mich eines Lieblingsspruches: ›Vor der Ewigkeit ist alles nichts.‹

Hast Du nichts Neues komponiert? Wie steht es mit der mir versprochenen Symphonie?

Was sind unsere individuellen Leiden verglichen mit dem großen Wiedergeburtsschmerz, der sich gegenwärtig der ganzen Welt bemächtigt hat? Wir sind meistenteils noch alle sehr klein, aber die Zeit ist groß, unendlich groß, groß genug, um auch dem Schwächsten Glaube und Mut einzuflößen.

Weißt Du, ich erinnere mich oft daran, wie Du einmal abends in Dresden unter meinem Fenster das spanische Lied sangest – – –«

 

9. XII. 1849

»Ich habe hier fast alles, was man vernünftigerweise wünschen kann, ein wohnliches Zimmer, Bücher, Zigarren, und doch würde ich mich anheischig machen, jahrelang nichts als schwarzes Brot zu essen und in einem Walde zu wohnen, nur um frei zu sein. –

Mich dürstet jetzt auch nach nichts anderem als nach einem positiven Wissen, nach einem solchen, welches mir hilft, die Wirklichkeit zu verstehen und ein wirklicher Mensch zu sein. Abstraktionen und Gehirngespenste, mit denen sich von jeher die Metaphysiker und die Theologen beschäftigt haben, ekeln mich an. Ich glaube, ich könnte jetzt kein philosophisches Werk öffnen, ohne mich zu übergeben. Was sagst Du dazu, mein lieber Schleiermachianer?«

[Es folgt eine Bitte um Geld.] »Herr Otto, mein Advokat, versorgt mich mit Geld, ich kann das nicht annehmen.« [Er erzählt, daß die Freunde in Köthen ihm zu Hilfe gekommen sind.] »Von Polen habe ich nichts zu erwarten – ich könnte manches über die polnische Dankbarkeit und Zuverlässigkeit sagen; meine sichersten Freunde bleiben doch Deutsche; ist es nicht sonderbar, ein Slawe, ein Russe, findet seine letzten Freunde in Deutschland.

Die Musik allein hat einen Platz in der gegenwärtigen Welt, gerade weil sie nichts Bestimmtes zu sagen den Anspruch hat und nur die allgemeine Stimmung, die große schmerzliche Sehnsucht ausführt, welche in der Gegenwart herrscht, und deshalb muß sie auch eine große, tragische Kunst sein ... Ich wundere mich gar nicht, daß Du Dich auf die religiöse Musik geworfen hast. Du kennst meine Vorliebe zu dieser Art, und wahrlich kannst Du mir nicht vorwerfen, daß ich von irgendeiner der bestehenden Religionen was halte. Nichts hasse ich so sehr als die Heuchelei einer aufgewärmten Lüge. Aber Religion brauchen wir alle, in allen Parteien fühlt man den Mangel an derselben; sehr wenige Menschen glauben an das, was sie tun, die meisten handeln entweder nach einem abstrakten System, so als ob das lebendige Leben nichts als eine Anwendung von armseligen Abstraktionen wäre – und darum sind sie auch impotent, oder nach ihren materiellen Interessen; diese sind noch am besten dran, denn sie scheinen wenigstens für diesen Augenblick einen ziemlich festen Boden unter den Füßen zu haben; aber dieser Boden ist längst unterminiert, und bald wird er die Realisten samt den Rittern der Abstraktion verschlingen ...

Wie die jetzigen Christen, welche nur für die Zukunft, nur im abstrakten Verstand glaubend sind, in der Gegenwart aber von der Macht ihres Gottes nicht viel halten, so versetzen die meisten Politiker die Wunder, die Erschütterungen der wirklichen Welt bloß in die Vergangenheit und sind ganz erstaunt, daß so etwas in unseren Zeiten vorkommen konnte.«

 

7. IV. 1850

»Der Tod, wenn er kommen sollte, hat für mich nichts Abschreckendes. Er wäre mir lieber als eine lange Gefangenschaft, d. h. ein lebendiges Grab. Nur hat es nicht den Anschein, daß ich bald sterben sollte. Meine Gemütsstimmung ist im ganzen genommen ziemlich gut. Ich suche mich durch Arbeit und durch innere Anstrengung im Gleichgewicht zu erhalten, obgleich ich Dir sagen muß, daß das Pennsylvanische System die abscheulichste moralische Tortur ist und nur von Protestanten erfunden werden konnte ... Mathildens Briefe [das war Reichels Schwester] und Freundschaft sind mir ein wahres Labsal in meiner Gefangenschaft. Johanna ist eine schöne Seele wie immer, damit ist alles Gute und Schlechte gesagt. Sie theologisiert noch und beschäftigt sich viel zu sehr mit ihrem inneren Heil, das beste Mittel wie Du weißt, es nie zu erreichen. Sie macht noch Glaubensbekenntnisse: also noch die alte Krankheit, welche die edle Natur spaltet und ohnmächtig macht.«

 

11. V. 1850

[Die Antwort auf einen Brief Reichels, in welchem dieser sein langes Schweigen augenscheinlich damit entschuldigt, daß er nicht Zeit oder Sammlung habe, um etwas Rechtes zu schreiben.]

»Was ich brauche, ist ein Lebenszeichen: Wenn man einen Menschen liebt, so liebt man nicht den abstrakten allgemeinen Abzug von ihm, nicht seine Gedanken als einen richtigen Ausdruck einer allgemeinen Wahrheit, sondern sein Leben, wie es auch beschaffen sein mag, und seine Gedanken, nur insofern sie mit seiner Individualität behaftet und ein wirklicher Ausdruck seiner gegenwärtigen Stimmung sind. Räsonnements, geistreiche Bemerkungen usw. schenke ich Dir, aber Dich selbst kann und will ich nicht aufgeben.

... wie sehr die Gemeinschaft mit Menschen zum Glück, zum Gedeihen, zur Sittlichkeit eines jeden erforderlich ist. Denn was ist der größte Zweck des Menschenlebens? Die Humanität. Und die kann man ebensowenig außer der Gesellschaft in sich ausbilden, als man außer dem Wasser schwimmen lernen kann. Die Gemeinschaft selbst mit den schlechtesten Menschen ist besser, versittlichender als die Einsamkeit. Natürlich denken die Christen, besonders die Protestanten, ganz anders, aber sie sind auch die großen Feinde und Zerstörer der Humanität ... selten sind die anderen viel schlechter als wir selbst, und da wir uns ohnehin ertragen müssen, was, wie Du weißt, eine sehr beschwerliche Pflicht ist, so müssen wir auch die andern ertragen lernen ... Du studierst jetzt die Physik, um die Natur kennenzulernen, wo ist aber die Natur reicher, vollkommener konzentriert und entfaltet als in der Mannigfaltigkeit der menschlichen Gesellschaft, wo ist sie uns näher? Aber um sie in dieser höchsten Potenz kennenzulernen, muß man in der Gesellschaft leben, mit den Menschen verkehren. Ich weiß, daß dies eben darum schwerer ist, da die Menschen uns näher sind – und was die Hauptsache ist, wir werden uns mitten in ihrer Gesellschaft von uns selbst befreien.«

 

Was ihm besonders am Herzen lag, war, daß er seinem Anwalt das Geld zurückgeben könne, und daß ihm ein alter, in Paris lebender Pole verzeihe, dessen Enkel er augenscheinlich in die revolutionäre Bewegung hineingezogen hatte.

Bald nach diesem Briefe, im Mai 1850, wurde er an Österreich ausgeliefert, das ihn als Rädelsführer bei dem Prager Pfingstaufstand vor sein Gericht forderte, und dann verstummte er. Kein Wort von ihm drang unmittelbar mehr aus den Kerkern, in die er nun geschleppt wurde. Durch das sächsische Kriegsgericht war er zum Tode verurteilt, aber zu lebenslänglicher Gefangenschaft begnadigt, wie alle in Sachsen. In Preußen konnte man sich in Todesurteilen nicht genug tun; es lag in der Natur der Sache, daß die Betroffenen dem sächsischen Könige diese Milde nicht dankten. Varnhagen schrieb am 24. Januar in sein Tagebuch: »Ich sah mir heute Bakunins Bildnis an, diese edlen, starken und doch wehmütigen Züge, diese guten, milden Augen! Dieses Gesicht sollte von Kugeln zerrissen werden?!« Das Publikum wurde über den Verlauf des Prozesses so im unklaren gelassen, daß viele von seinen nächsten Freunden Bakunin für tot hielten. Es wird berichtet, daß er bleich geworden sei, als man ihn abholte, um ihn nach Österreich zu bringen. Diese Transporte wurden gewöhnlich des Nachts ausgeführt, die Gefangenen wurden aus dem Schlafe geschreckt und mußten ihren bewaffneten Führern folgen, ohne zu wissen, was man mit ihnen vorhatte. Er mochte ahnen, wie sehr seine Lage sich fortwährend verschlechterte. Von Österreich, dessen Zerstörung er als das Ziel seines Lebens verkündet hatte, mußte er das Ärgste gewärtig sein. Die Gefängnisse des Silvio Pellico waren ihm bekannt, und er hatte sich vielleicht danach eine Vorstellung des ihm bevorstehenden Leidens gebildet; aber sie wurden weit übertroffen. Er wurde zuerst in Prag im Kloster des heiligen Georg eingeschlossen und dann, wahrscheinlich weil Gerüchte von einem Befreiungsversuch umgingen, in die Kasematten von Olmütz gebracht. In Prag hatte er offenbar den Hauptmann und Auditor beim k. k. Kriegsgericht Franz bezaubert, der sich öfters an Herwegh mit der Bitte um Geld wandte, damit der Gefangene sich Zigarren und einen Schlafrock anschaffen könne. In Olmütz war er im Grabe, aus dem keine Stimme drang. Sechs Monate soll er dort mit Ketten an die Wand geschmiedet zugebracht haben.

Das österreichische Kriegsgericht verurteilte ihn zum zweitenmal zum Tode, lieferte ihn aber, was er zu allermeist gefürchtet hatte, an die russische Regierung aus. Es war Oktober im Jahre 1851, als er von österreichischen Soldaten an die russische Grenze gebracht wurde, wo ihn russische in Empfang nahmen. Vor zehn Jahren hatte er sie, von unbestimmter Hoffnung erfüllt, überschritten mit dem Gefühl, aus einem Kerker in die Freiheit einzutreten. Wenn er daran dachte, so war doch die unwillkürliche Lust an der Heimat in diesem Augenblick stärker. »In der Heimat ist auch das Sterben angenehm«, sagte er zu den Russen, die ihm die russischen Ketten anlegten, nachdem die österreichischen, leichteren, abgenommen waren. »Das Sprechen ist verboten«, sagte der Gendarmerieoffizier; denn die rechtgläubigen Russen waren nicht weniger grausam als die deutschen Protestanten, obwohl vielleicht nicht aus Pedanterie, sondern aus Roheit; das Ergebnis war dasselbe. Durch die russische Ebene sauste der Schlitten mit dem Mann in Ketten nach Petersburg, wo wiederum ein Kerker ihn verschlang; die gefürchtete Peter-Pauls-Festung, deren undurchdringliche Mauern schon so mancher Fremde, von Grauen erfaßt, betrachtet hat. Kaiser Nikolaus hatte gesiegt. Er soll stolz gewesen sein, daß sein Untertan, ein russischer Offizier, eine bedeutende Rolle bei der sächsischen Revolution gespielt habe; aber er wollte ihn hindern, eine solche Rolle irgendwo in der Welt zu wiederholen. Man unterschätzte Bakunin in Petersburg nicht, bei allen Attentaten auf die Regierung glaubte man, er habe die Hand im Spiele. Der Fürst, welcher die geheime Polizei leitete und Bakunin vernahm, empfing einen bedeutenden Eindruck von ihm. »Schade um den Menschen!« sagte er zu dem sächsischen Gesandten, dem Grafen Vitzthum v. Eckstädt; »ich glaube nicht, daß die russische Armee einen Artillerieoffizier in ihren Reihen zählt, der an Wissen und Talent es mit ihm aufnehmen könnte.«

Für den Westen, der seine wahre Heimat geworden war, erlosch sein Licht; seine Freunde dachten nicht, ihn jemals wiederzusehen. Ein Toter hätte ihnen nicht weiter entrückt sein können. Das einzige, was ihn etwa retten, wenigstens aus der Festung befreien konnte, war der Tod des Zaren. Wer mag sagen, wie die Tage in solcher Abgeschlossenheit beginnen und hingehn? Wie munter und abwechslungsreich muß ihm das Leben auf dem Spielberg erschienen sein, wo je zwei Freunde zusammengesperrt waren. Wäre es auch lästig geworden, ja hätte man sich sogar gehaßt! Der Gedanke quälte ihn zuweilen, er könne mit der Zeit so werden wie Silvio Pellico, eine frömmelnde, allverzeihende, weinerliche Gebetsleier, und er bemühte sich, den Geist der Revolte in sich wachzuhalten. Das Protestieren, die Empörung war in seinen Augen das, was den Menschen erst zum ganzen Menschen macht, etwas wie der Tupfen Scharlachrot, den manche Maler gern auf ihren Bildern anbringen, der Funken Höllenglut, der zündend in die himmlische Sonntagslangeweile springt. Ob er auch hier zuweilen an das spanische Lied dachte, das Reichel einst unter seinem Fenster sang? Es war vielleicht in den ersten Tagen ihrer Freundschaft, die der Liebe verwandt war, und jenes Lied mochte vollgesogen sein von dem heimlichen Reiz der mit Wehmut verwandten Fröhlichkeit der Frühlingshoffnung. Er hatte ein Klavier und konnte sich vorspielen, was ihn einst entzückt hatte. In die Mauern seines vom Meer umbrandeten Kerkers gefesselt, weil er für die Freiheit der Völker gekämpft hatte, fühlte er sich eins mit dem Prometheus der Sage, der den Menschen das Feuer vom Himmel holte und von den herrschenden Göttern zur Strafe an den Kaukasus geschmiedet und dem zerfleischenden Biß des Adlers preisgegeben wurde. Diesen Stoff wollte er musikalisch gestalten, und es tut wohl, zu denken, daß die tragischen Figuren ihn tröstend umgaben und ihm Anteil an ihrer verklärten Herrlichkeit gewährten. Noch in seinen letzten Lebensjahren pflegte er zuweilen den damals von ihm komponierten Gesang der Okeaniden leise vor sich hin zu singen, die aus dem Meere steigen und um den Heros trauern: eine süße, klagende Melodie, zu deren Takte er in kindlicher Weise das löwenhafte Haupt wiegte.

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