Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
Schließen

Navigation:

8.
Bakunins Anteil an der deutschen Revolution

Beim Ausbruch der Februarrevolution eilte Michel sofort nach Paris zurück und dort zu den Montagnards, den für die Revolution organisierten Arbeitern, um mit ihnen auf Stroh zu schlafen und auf den Barrikaden zu kämpfen. Sie bereiteten ihm einen Empfang, an den er sich bis an sein Lebensende mit Rührung gern erinnerte. Nicht so zufrieden mit ihm waren die Leiter der Bewegung, Flocon, Caussidière, Arago, die nach dem erkämpften Siege möglichst schnell Ruhe und Ordnung wiederherstellen wollten, was gar nicht nach Bakunins Sinn war. Bakunin sei unschätzbar am ersten Tage der Revolution, sagte Caussidière, am zweiten müßte man ihn erschießen. »Später, im Exil«, so erzählt Herzen, »schlug sich Caussidière mit seiner ungeheuren Faust an die mächtige Brust, mit einem Schwunge, mit dem man Pfähle in die Erde hineinzutreiben pflegt, und rief aus: ›Hier trage ich Bakunin, hier!‹« Noch aber glaubten die Arbeiterführer die Früchte der Revolution in Frieden mit der Bourgeoisie teilen zu können und suchten den Friedenstörer mit guter Manier loszuwerden. Sie forderten ihn auf, durch Deutschland an die polnische Grenze zu gehen und die Verbindung mit der polnischen Revolution herzustellen, was er als eine Angelegenheit, für die er sich besonders interessierte, gern übernahm. Den Abreisenden begleiteten Etienne Arago und Reichel zur Post. Die Freunde ahnten nicht, daß zwanzig Jahre vergehen sollten, bis sie sich wiedersähen.

So zogen ihn die überall verbreiteten Lebenskräfte, an die er glaubte, in das Gewoge der deutschen Revolution hinein. Bevor ich von der Rolle spreche, die er darin spielte, will ich versuchen, einen Begriff davon zu geben, was man in seinem Kreise eigentlich mit der Revolution bezweckte. Bekannt ist, daß die deutsche revolutionäre Bewegung im Anfang des Jahrhunderts auf eine Verfassung hinzielte, gesetzmäßigen Anteil des Volkes an der Regierung.

Es gibt ein Märchen von einem bei Nacht herumirrenden Manne, dem plötzlich ein Unhold auf den Rücken springt, um sich an ihn festzuklammern und von ihm fortschleppen zu lassen. Die unheimliche Last wird mit jedem seiner Schritte schwerer, der Schweiß rinnt dem Geängstigten von der Stirne; aber vergebens versucht er den ungebetenen Gast abzuwerfen, das Ungetüm ist wie angewachsen, es reitet und spornt ihn wie ein Tier, keuchend muß er es weitertragen, bis er zusammenbricht. So ähnlich waren die sogenannten Territorialfürsten über die Völker des Abendlandes gekommen. Während die Herzöge und Könige der germanischen Stämme Erste unter Gleichen waren, die von allen gewählt, ursprünglich nur auf die Dauer eines Krieges, später auf Lebenszeit, und das Reichsland, das freie Männer besaßen und bebauten, nur dem Namen nach innehatten, in späterer Zeit es als Lehen austeilten, maßten sich die Territorialfürsten das Gebiet, in welchem sie ursprünglich als verwaltende oder richtende Beamte gesessen hatten, als Eigentum an und betrachteten seine Bewohner als Untertanen. Es bildete sich der Begriff des Gottesgnadentums aus, der hier durchaus falsch angewendet wurde; denn von Gottes Gnade ist der Vertreter des Ganzen, der aus dem Ganzen herausgewachsen ist als seine natürliche Spitze und eben deshalb nicht erblich sein kann. Das neue Fürstentum beruhte nicht auf der Gnade Gottes, sondern auf Usurpation, und es zeigt sich hier, daß Gott damals anfing, das menschliche bewußte Selbst zu bedeuten; denn die Fürsten hatten sich ihre Würde aus eigener Machtvollkommenheit zugeschrieben. Da sie einer irdischen Stütze bedurften, gewannen sie einen Teil des Volkes für sich, den Adel, indem sie ihm die Herrschaft über die Bauern überließen, welche nun vorzugsweise »das Volk« genannt wurden. Das Wort Volk erhielt dadurch eine andere Bedeutung, und ein Volk im Sinne von Gesamtheit aller gab es nicht mehr. Der Adel war den Fürsten ebenso zum Gehorsam verpflichtet wie die Bauern dem Adel; allein der Adel hatte noch eine Schicht unter sich, welche für ihn arbeitete und die er aussaugen konnte, so daß seine Lage bequem und glänzend, die des Bauern elend war. Eine andere Stütze der Fürsten war die Kirche, welche sich dazu hergab, die verdrehte Lage durch eine ebenso verdrehte Lehre zu begründen, so daß das Christentum allmählich mit dem Willen seines Stifters nichts mehr gemein hatte. Das wichtigste Werkzeug, das die Macht der Fürsten unerschütterlich machte, war das stehende Heer, welches vom Adel beherrscht und dem Volke entfremdet wurde, dem es entstammte. Zwischen der herrschenden Kaste und den arbeitenden und zahlenden Bauern stand die Bürgerschaft, der es mehr und mehr gelang, den Adel zu verdrängen, von der sich aber gleichzeitig eine neue untere Schicht, die Arbeiterschaft, absonderte.

Der Kampf gegen den Absolutismus und die Vorrechte des Adels stand natürlich auf dem Programm aller Revolutionäre; die Tieferdenkenden glaubten aber nicht, mit einem Parlament und mehr oder weniger ausgedehntem Stimmrecht die Lage wesentlich gebessert zu haben. Die Demokraten wollten weit mehr: einen neuen Himmel und eine neue Erde. Sie wollten wieder ein ganzes Volk und innerhalb des Volkes ganze Menschen; sie wollten organisches, von innen wachsendes Leben an Stelle des mechanischen, von außen geregelten. Sie wendeten sich also gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen den Deismus, in den das Christentum ausgeartet war, gegen diejenige irdische und himmlische Regierung, welche das Leben von außen wie ein Uhrwerk regiert. Die Wurzel des Übels sahen sie darin, daß es überhaupt eine Regierung neben dem Volke gab; denn eine solche regiert ja von außen; sie forderten Selbstverwaltung im weitesten Sinne. Wollten sie im Volke den Gegensatz von Regierenden und Regierten abschaffen, so dachten sie die Spaltung im einzelnen Menschen zu überwinden, durch Aufhebung der verhängnisvollen Trennung in geistige und körperliche Arbeit, die die eine Hälfte des Volkes zu Stumpfsinn und Roheit, die andere zu intellektueller Verblasenheit führt. Überhaupt sei die Arbeitsteilung im modernen Leben zu weit getrieben und löse die Ganzheit des einzelnen sowie des Volkes auf.

»Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine eigenen Kräfte als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.« So drückte sich Marx aus.

Allgemein war der Widerwille gegen die moderne Zivilisation und die sie bedienenden Mächte: Individualismus, Geldwirtschaft, Industrie, Kaufmannsgesinnung, Papierverehrung.

»Nicht unsere klimatische Natur«, schrieb Richard Wagner in »Kunst und Klima«, »hat aus den frohen, lebenslustigen, selbstvertrauenden Heldengeschlechtern unsere hypochondrische, feige und kriechende Staatsbürgerschaft gemacht, nicht sie hat aus dem gesundheitstrahlenden Germanen unsere skrofulösen, aus Haut und Knochen gewebten Leineweber, aus jenem Siegfried einen Gottlieb, aus Speerschwingern Tütendreher, Hofräte und Herrjesusmänner hervorgebracht – sondern der Ruhm dieses glorreichen Werkes gehört unserer pfäffischen Pandektenzivilisation mit all den herrlichen Resultaten, unter denen neben unserer Industrie auch unsere Herz und Gemüt verkümmernde Kunst ihren Ehrenplatz einnimmt.«

Die Einsicht, daß der einzelne Mensch nichts ist, nur als Teil des Ganzen seine Bestimmung findet, daß also gerade der vereinzelte Mensch halb, der mit andern verbundene erst ganz ist, war unter einer ganzen Anzahl von Männern allgemein. Man sprach geradezu von Universalismus in diesem Sinne. Ein Vorbild dessen, was man erstrebte, sah man in der Urverfassung der germanischen Stämme, ähnlich wie die Russen die bäuerliche Gemeindeverfassung in Rußland als Ideal verkündeten. Diese Revolutionäre, obwohl der gebildeten Bourgeoisie entstammend, waren ohne Hintergedanken gegenüber dem Volke, mit dem sie vielmehr Verbindung suchten. Schrieb doch zum Beispiel Ludwig Feuerbach, der Philosoph, im Jahre 1844 an Friedrich Kapp: »Im würdigsten Gegensatz zu diesen und ähnlichen widerlichen Erscheinungen unserer verwesenden Staaten fällt mir eben erfreulicher- und trostreicherweise der Schneidergeselle Weitling ein. Ich lernte nämlich erst diesen Sommer den Kommunismus etwas näher kennen, unter anderen auch die Schrift Weitlings: ›Garantien der Harmonie und Freiheit‹. Wie war ich überrascht von der Gesinnung und dem Geiste dieses Schneidergesellen! Wahrlich, er ist ein Prophet seines Standes. Ich verdankte seine Bekanntschaft einem jungen, theoretisch in den Kommunismus eingeweihten Handwerker. Wie frappierte mich auch der Ernst, die Haltung, der Bildungstrieb dieses Handwerksburschen! Was ist der Troß unserer akademischen Burschen gegen diesen Burschen! Wahrlich, bald – bald im Sinne der Menschheit, nicht der Individuen –, bald wird sich das Blatt wenden, das Oberste zuunterst, das Unterste zuoberst kehren, die da herrschen, dienen, die da dienen, herrschen. Das wird das Resultat des Kommunismus sein, nicht das von ihm beabsichtigte. Neue Geschlechter, neue Geister werden erstehen, und sie werden entstehen wie einst aus den rohen Germanenstämmen, aus der unkultivierten, aber bildungsdurstigen Menschenmasse ...

Und jetzt schon haben wir die religiösen und theoretischen Anfänge dieser unvermeidlichen Metamorphose vor Augen. Während die Könige sich zu Betbrüdern, zu Pietisten erniedrigen, erheben sich die Handwerker zu Atheisten, und zwar Atheisten nicht im Sinne des alten, nichtssagenden, leeren, skeptischen, sondern des modernen, positiven, tatkräftigen, religiösen Atheismus.«

Was allgemein ersehnt wurde und worauf man glaubte, daß die Entwickelung hinziele, war ein Zusammenleben, in welchem die Idee der Gemeinschaft stärker sei als die Einzelbestrebungen, also das, was man Gottesreich nennen darf. Wie diese Art der Verfassung, in welcher die brüderliche Gemeinsamkeit der Grundpfeiler ist, worauf sich alles aufbaut und dem sich alles unterordnet, die erste Stufe der Völkergeschichte bildet, so glaubte man, daß sie unsere über alles gedeihliche Maß gesteigerte Zivilisation ablösen müsse. Bedeutet das Erscheinen Christi in wissenschaftlicher Sprache das sich selbst aufhebende Selbstbewußtsein der Menschheit, so deutet jene geheimnisvolle Stelle in den Korinthern, wo es heißt, daß am Ende Christus das Reich dem Vater überantworten werde, wo alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt aufhören werde, damit Gott sei alles in allem, auf eine Zeit, wo der Individualismus überwunden sein und das Bewußtsein des Gemeinsamen wieder vorherrschen werde. Dem stürmischen Geschlecht von Achtundvierzig schien diese Zeit uralter Verheißung nahe zu sein.

Ein großer Teil der deutschen Revolutionäre von 1848 waren Dichter – Freiligrath, Kinkel, Gottfried Keller, Alfred Meißner, Heinrich Heine –, und von den Dichtern sagt ja Gottfried Keller, sie seien die eigentlichen Menschen. Kein Wunder, daß sie gerade nach Humanität, nach Universalismus strebten und daß sie bereit waren, Leben und Eigentum für ihre Idee zu opfern. Sie waren aber doch nur einzelne gegenüber den Unzähligen, die nur an ihren persönlichen Vorteil oder an das Interesse ihrer Partei dachten, und sie besaßen nicht die Zielsicherheit, die Schonungslosigkeit, die gesammelte Kraft, womit sie die größere Menge und die reicheren Mittel ihrer Gegner hätten aufwiegen können. Vor allen Dingen stellten sie sich den Sieg viel zu leicht vor und bildeten sich ein, Gegner ließen sich durch Worte überzeugen. Viele von ihnen teilten den tragikomischen deutschen Aberglauben, daß die Fürsten biedere Leute wären, die es gut mit dem Volke meinten und, wenn sie einmal gesehen hätten, was das Volk wolle, sich ihm anschließen würden; vor allen Dingen glaubten sie, sich auf die Versprechungen der Fürsten, mit denen sie in gefährlicher Stunde bei der Hand waren, verlassen zu dürfen. Die napoleonische Zeit und die der Freiheitskriege hatte die kleinliche, feige Gesinnung der Fürsten, ihre Aufgeblasenheit und ihre skrupellose Unzuverlässigkeit, ihre Verlogenheit zur Genüge offenbart; trotzdem konnte der Deutsche, auch darin dem Russen ähnlich, von dem Trugbilde des treuherzigen Landesvaters nicht lassen, eine Gemütlichkeit, die auch Bequemlichkeit war. Obwohl die durchaus republikanische Bibel immer einschärft, man solle sich nicht auf Fürsten, sondern auf Gott verlassen, galt die unbedingte Anhänglichkeit an die Fürsten sogar als ein Erfordernis der Frömmigkeit. Da man es versäumt hatte, die Volksmassen vorzubereiten und zu organisieren, hatte man nichts der furchtbaren Waffe der stehenden Heere entgegenzusetzen und war ganz auf die Einsicht und Gutartigkeit der Fürsten und des sie stützenden Adels angewiesen, zu denen sich auch die besitzenden Klassen im allgemeinen hielten.

Noch verhängnisvoller war der Umstand, daß das Streben nach Freiheit fast überall mit dem nach Einheit verbunden war. Eine Einheit, die auf dem Gefühl der Zusammengehörigkeit beruhte, wie es gemeinsame Abstammung und gemeinsamer Glaube an gemeinsame Ideale gibt, hatte das mittelalterliche Europa und innerhalb desselben die einzelnen Völker verbunden. An die Stelle dieser natürlichen, organischen Einheit, die sich aufgelöst hatte, war die getreten, die man gewöhnlich Zentralisation nennt, die ebenso lebentötend ist wie jene andere schöpferisch, zuletzt in den Ländern, die im Mittelalter die Träger der Einheit gewesen waren: in Deutschland und Italien. Immer verbunden mit dem Streben nach Macht, ist die Zentralisation der modernen Staaten eine sehr bedrohliche Erscheinung geworden; trotzdem glaubten an sie nicht nur die, denen es um Macht und Beherrschung zu tun war, sondern auch die, welche ehrlich für die Freiheit kämpften. Man muß den Zug nach Zentralisation als eine Entwicklungserscheinung auffassen, welche im Leben der einzelnen und der Völker mit Notwendigkeit auftritt, wenn sie auch, davon abgesehen, mehr der römischen als der germanischen Art entspricht. Schlimm war das, daß die Regierungen überall die Einheitssehnsucht aufgriffen und durchführten und damit einen großen Teil der Revolutionäre so blendeten, daß sie das Ausbleiben der Freiheit nicht beachteten.

Bakunin, entschiedener Föderalist, nahm an den vielen Reden, die über die deutsche Einheit gehalten wurden, Anstoß; ihrerseits meinten manche Deutsche, der Russe verstehe den deutschen Patriotismus nicht, sei wohl gar vom Standpunkte russischer Machtpolitik aus einer gedeihlichen Entwicklung Deutschlands entgegen. Doch traf er sofort, als er aus Frankreich in Deutschland ankam, alte und neue Gesinnungsgenossen. In Frankfurt lernte er, nach eigener Aussage, fünfzig lebendige, energische, einflußreiche Demokraten kennen und befreundete sich mit diesen: dem Königsberger Jakobi, dem Grafen Reichenbach aus Schlesien und dem Artilleriehauptmann Willich, der wegen Verbreitung kommunistischer Ideen aus dem preußischen Dienste gejagt worden war. In Leipzig sah er Arnold Ruge wieder, der eben in einer Versammlung war, wo er gewählt werden sollte. Bakunin ließ ihn herausrufen; es fand eine herzliche Begrüßung statt, und Ruge ließ sich mit fortziehen zu Wein und Gespräch und Lachen, das ersprießlicher sei als die öde Wahlangelegenheit. »Bis in die Nacht blieben wir beisammen, und immer von neuem wurde ich von meinem liebenswürdigen Russen zurückgehalten: Ruge, du weißt, was du vom Augenblick ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück.« Allerdings wurde Ruge nun wirklich nicht gewählt; aber Bakunins Rat, er möge ihn nach Breslau begleiten, wo er sicherlich gewählt werden würde, erwies sich als gut. Von dort eilte Michel nach Prag, wo ein slawischer Kongreß stattfand, der am 1. Mai auf den letzten einberufen worden war, von der österreichischen Regierung zugelassen. Auf der Tagesordnung stand das Verhältnis der österreichischen Slawen zu den übrigen Slawen und anderseits zu den nichtslawischen Völkern Österreichs und Europas; harmlose Titel, unter denen sich allerlei revolutionäre Strömungen verbargen. Bakunin hoffte bei dieser Gelegenheit, an der Verbrüderung der deutschen und der slawischen, insbesondere tschechischen Demokratie arbeiten zu können; aber es stellte sich heraus, daß das viel schwieriger war, als er gemeint hatte. Sein Feuer, seine Unermüdlichkeit erregten Staunen; er war bei allen Sitzungen und in allen Kommissionen das belebende Element. Am Pfingstsonntage machte er mit einem neugewonnenen böhmischen Freunde einen Ausflug, auf welchem er sich dortige Volkslieder vorsingen ließ und selbst russische sang; seine liebenswürdige Geselligkeit, sein Humor, seine Bildung, sein offenes Wesen machten ihn schnell beliebt. Am folgenden Tage brach der Aufstand aus, der der Regierung, wenn sie ihn nicht selbst herausgefordert hatte, jedenfalls sehr gelegen kam, da sie nun den ganzen Kongreß gewaltsam unterdrücken konnte. Michel nahm als einer der Führenden lebhaften Anteil am Kampfe, der bei der geringen Zahl, der Uneinigkeit und Ratlosigkeit der slawischen Verschworenen unglücklich ausfallen mußte. Die österreichische Regierung hatte sich nicht getäuscht, indem sie darauf gerechnet hatte, daß sie die Abneigung und das Mißtrauen zwischen Deutschen, Tschechen und Magyaren würde ausnützen können. Mitte Juni verließ Bakunin Prag und ging wieder nach Breslau; im Juli, zur Zeit der sommerlichen Blüte der siegreichen Revolution, kam er nach Berlin. Er wohnte bei Hermann Müller-Strübing, einem alten Burschenschafter, der sieben Jahre lang, bis 1840, in Preußen eingekerkert und der Bakunins und seiner russischen Freunde Führer in Berlin gewesen war, als er dort studierte. Er nahm den Verkehr bei Varnhagen und Bettina wieder auf und wurde natürlicherweise mit den namhaften Demokraten der Nationalversammlung bekannt: Carl d'Ester, Waldeck, Lothar Bucher, Elsner und anderen. Eines Abends, als sie in einem Kaffeehause zusammensaßen, braute Bakunin der Gesellschaft einen russischen Punsch, den er Hohenstaufen nannte und der ein Gemisch von Rum, Weißwein und Zucker war. Wie der riesige Russe, nachdem er die Lichter gelöscht hatte, in den bläulichen Flammen rührte, die ihn selbst unheimlich beleuchteten, das edle Geschäft mit Zitaten aus dem Faust würzend, blieb den Teilnehmern lange im Gedächtnis.

Im Herbst fing die Revolution an abzublühen; der Winter der Reaktion begann seine Ketten über ganz Deutschland zu schlagen. Die Fürsten hatten sich nach der Überrumpelung wieder gefaßt und wagten es, ihre eigentliche Gesinnung zu zeigen. Friedrich Wilhelm IV. hatte mit einer verworrenen mittelalterlich-romantischen Volkstümlichkeit gespielt; in Wahrheit war er überzeugt von seiner unbeschränkten Hoheit und gestand höchstens dem Adel und den Offizieren eine gewisse Stellung neben sich zu; vom Volke fühlte er sich durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt und sah in der revolutionären Bewegung nichts als strafbaren Aufruhr. So unsinnig auch die Vorstellung ist, daß Millionen von Menschen, die überwiegende Zahl der Bevölkerung, einem Fürsten, der nicht Eroberer ist, willenlos sollten unterworfen sein, so lebte er doch wie die damaligen Fürsten in dieser Einbildung und hielt sich für befugt, als Feind nicht nur gegen diejenigen vorzugehen, welche eine Republik der Monarchie vorzogen, sondern auch gegen die, welche nur auf der längst verheißenen Verfassung bestanden, ja sogar gegen diejenigen, welche ihm die Kaiserkrone zuwenden wollten. Die vorher gegebenen Versprechungen hinderten weder das blutig-grausame Vorgehen noch das salbungsvolle Pathos.

Anfang Oktober aus Preußen ausgewiesen, fand Bakunin Aufnahme in dem kleinen Anhalt, das unter dem Ministerium des Dr. August Habicht ein Zufluchtsort für die anderwärts verjagten Freiheitsfreunde war. Etwa anderthalb Stunden von Köthen entfernt, an der Straße nach Bernburg, lag das Pachtgut der Eltern des Dr. Enno Sanders, der radikaler Deputierter im Dessauer Konvent und später in Dresden Bakunins Mitkämpfer war; im Kreise dieser Menschen brachte Bakunin den Winter zu. Trotz der sympathischen Umgebung litt er unter der erzwungenen Untätigkeit; er glaubte nicht mehr an das Gelingen der Revolution und machte zum Teil die Führer dafür verantwortlich. Ein Sekretär der Berliner Nationalversammlung, der nach Köthen kam, erzählte, wie das Militär in sein Haus eingedrungen sei und ihm alle seine Papiere nebst fünfzigtausend Talern weggenommen habe. Die Entrüstung, die der letztere Umstand hervorrief, die Ausrufe: Auch das Geld! Das Geld wird man Ihnen doch zurückgeben! belustigten und ärgerten Bakunin. Daß man, wo es um die ernstesten Überzeugungen, um die ganze Entwicklung Deutschlands ging, sich wegen des heiligen Eigentums aufregte, zeigte ihm den Unterschied zwischen seiner Auffassung und der der meisten anderen. »Mit einem Worte, Freund«, schrieb er an Georg Herwegh, »das ist mein letztes und wahrlich sehr begründetes Urteil: Wenn die deutsche Nation bloß aus der großen, leider zu großen Masse der Spießbürger, der Bourgeoisie, bestände, aus dem, was man heute das sichtbare, offizielle Deutschland nennen könnte – wenn unter dieser offiziellen deutschen Nation es nicht Stadtproletarier, besonders aber eine große Bauernmasse gäbe, dann würde ich sagen müssen: Es gibt keine deutsche Nation mehr, Deutschland wird erobert und zugrunde gerichtet werden. Nur ein anarchischer Bauernkrieg einerseits und die Verbesserung der Bourgeoisie durch die Bankrotte anderseits können Deutschland retten. Für das zweite werden die Verhältnisse selbst und eine eiserne Notwendigkeit sorgen. Ich finde keinen Ausdruck, um die Stupidität und abstrakte Prinzipienreiterei der sogenannten demokratischen Führer in Deutschland zu bezeichnen.«

Was den Anlaß gab, daß Michel, nachdem er noch Weihnachten mit den Kameraden in Anhalt gefeiert hatte, das Asyl verließ, ist nicht bekannt. Aus dem Dunkel der stürmischen Zeit blitzen hie und da Ereignisse auf, deren Entstehen und Zusammenhang man nur ahnt. Vielleicht war es Ruge, der ihn bewog, nach Leipzig zu kommen, vielleicht waren es die Brüder Straka, zwei Söhne eines böhmischen evangelischen Pfarrers, die in Leipzig studierten und bei denen er wohnte. Er hatte diese beiden, kühne, energische junge Leute, die in hussitischen Traditionen erzogen waren, in Prag kennengelernt und ganz an sich gefesselt. Sie waren, wie er, geneigt, das, was sie wünschten, als möglich zu sehen, auch gegen den Augenschein. Nachdem die Stadt Prag Michel enttäuscht hatte, setzte er seine Hoffnung auf die Landbevölkerung und versuchte sogleich, sie für seine Zwecke zu gewinnen. Die Beziehungen, die es ihm gelang anzuknüpfen, bildeten ihm eine hohe Meinung von den böhmischen Bauern, das heißt bei ihm von ihrer Wildheit, ihrer Entschlossenheit. Auch jetzt, von Leipzig aus, begab er sich heimlich nach Böhmen, trotz der Gefahr, die damit für ihn verknüpft war. Damals mag es vorgekommen sein, was erzählt wird, daß er unterwegs auf aufrührerische Bauern stieß, welche sich vergeblich bemühten, ein Schloß in Brand zu stecken. Michel sprang aus dem Wagen, zeigte den Bauern, wie sie es machen müßten, und als er weiterfuhr, schlugen schon die Flammen gen Himmel. Noch während er lebte, entstand eine Menge von Anekdoten und Legenden über Bakunin; dieser Sagenkreis ist in jedem Falle für den Helden, und wie er wirkte, charakteristisch. Sein Herz, da er doch nun einmal Slawe war, hing besonders an dem Aufstand in Prag und der Verbindung der dortigen Bewegung mit der deutschen, insbesondere der sächsischen. Von Leipzig aus schrieb er an Herwegh: »In Deutschland gehen die Sachen gut. Das schönselige und dumme Vielreden, das vergangene Unheil, ist fast gänzlich verschwunden und hat einer ernsten, schwülen, entschlossenen Stimmung Platz gemacht.« Das klang anders als der niedergeschlagene Brief aus Köthen. Der feurigste unter den Revolutionären Sachsens, der vielleicht, der Michel diese Zuversicht einflößte, war August Roeckel, ein Österreicher aus Graz. Der Zufall will, daß August Roeckel im selben Jahre wie Bakunin geboren und im selben Jahre gestorben ist. Er hatte bei einem längeren Aufenthalt in England und Frankreich arbeiterfreundliche, sozialistische Ideen aufgenommen. Gleichzeitig mit Richard Wagner, im Jahre 1843, wurde er am selben Theater wie jener als Musikdirektor angestellt; Bakunin hatte Dresden kurz vorher verlassen. Roeckel und Wagner befreundeten sich sehr; man sah sie oft zusammen spazierengehen und nannte sie scherzweise Faust und Mephisto. Wenn man damit sagen wollte, Roeckel habe Wagner zu revolutionären Ansichten verführt, so irrte man vielleicht nicht ganz; jedenfalls aber war der Boden gut vorbereitet. Schon sein Mitleid für alle Leidenden, Entbehrenden machte Wagner den sozialen Ideen geneigt. Ein anderer Ausgangspunkt für revolutionäre Gedankengänge war die trostlose Lage der Kunst in der Gegenwart. Wie Weber als Kapellmeister in Dresden mit dem Ungeschmack der höheren Stände hatte kämpfen müssen, so Richard Wagner gegen die unübertreffliche Ignoranz seines Vorgesetzten, des Generalintendanten v. Lüttichau, und der zahlreichen, die seinesgleichen waren. Dazu machte es böses Blut, daß er für die Rechte der elend besoldeten Musiker warmherzig eintrat. Die Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie mußte er gegen Intrigen, Anfeindungen, Verleumdungen und Bosheiten durchsetzen, als begehe er damit ein Verbrechen oder eine Narrheit. Er fand, daß die Kunst, wie jede Lebenserscheinung, an dem industriell-kaufmännischen Charakter der Zeit teilnehme und dadurch verdorben sei, und kam zu dem Schluß, daß wahre Kunst nur in einer gänzlich umgestalteten Welt erstehen könne. »... das ist die Kunst, wie sie jetzt die ganze zivilisierte Welt erfüllt. Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten. Aus dem Herzen unserer modernen Gesellschaft, aus dem Mittelpunkt ihrer kreisförmigen Bewegung, der Geldspekulation im großen, saugt unsere Kunst ihren Lebenssaft, erborgt sich eine herzlose Anmut aus den leblosen Überresten mittelalterlich-ritterlicher Konvention.«

Ebenso charakterisiert er die moderne Religion:

»Mit Entsetzen sehen wir in einer heutigen Baumwollenfabrik den Geist des Christentums ganz aufrichtig verkörpert: Zugunsten der Reichen ist Gott Industrie geworden, die den armen christlichen Arbeiter nur so lange am Leben erhält, bis himmlische Handelskonstellationen die gnadenvolle Notwendigkeit herbeiführen, ihn in eine bessere Welt zu entlassen.«

Der Zukunftsstaat, den er erhofft, muß antikapitalistisch sein, es muß anstatt einer bürokratischen Staatsverwaltung »von oben« eine soziale Gliederung »von unten« sich heranbilden. Damit ist schon gesagt, daß nicht ein einzelner, sondern nur das Volk in der Gesamtheit hier handelnd auftreten kann. »Aber eben dieses Band, diese Religion der Zukunft, vermögen wir Unseligen nicht zu knüpfen, weil wir, so viele wie dieser auch sein mögen, die den Drang nach dem Kunstwerk der Zukunft in sich fühlen, doch nur Einzelne, Einsame sind. Das Kunstwerk ist lebendig dargestellte Religion, Religionen aber erfindet nicht der Künstler, die entstehen nur aus dem Volke.« Volk sind Richard Wagner alle die, »welche eine gemeinschaftliche Not empfinden«, diejenigen, »die unwillkürlich und nach Notwendigkeit handeln«.

Das deutet auf Revolution, und zwar hatte Wagner die äußersten, radikalsten Ziele derselben im Sinn. »Es wäre denkbar«, schreibt er, »daß die Konsequenzen unserer Zivilisation sich abstumpfen, nämlich im Untergange unserer Zivilisation; was ungefähr anzunehmen wäre, wenn alle Geschichte über den Haufen geworfen würde, wie dies etwa in den Konsequenzen des sozialen Kommunismus liegen müßte, wenn dieser sich der modernen Welt im Sinne einer praktischen Religion bemächtigen sollte.«

Revolutionen erklärte der Leipziger Schriftsteller Oelkers in den Erinnerungen an seine Gefängniszeit als naturwüchsige Ereignisse, bei denen die einzelnen nur Werkzeuge des Geistes wären, der die Gesamtheit beseele. Wirklich waren gleichartige Ideen in ganz Sachsen verbreitet, oder sie wurden doch mit Verständnis aufgenommen. Die Wühler, wie sie von den Gegnern genannt wurden, sprachen sich im Vaterlands-Verein über ihre Ziele aus und gaben Blätter heraus, die Roeckel mit ingrimmiger Leidenschaft redigierte, weshalb er Ende 1848 aus seiner Stellung entlassen wurde. An der Leipziger Universität scharten sich viele Studenten um das schwarzrotgoldene Banner und bildeten, nachdem Herweghs »Gedichte eines Lebendigen« erschienen waren, ein Herwegh-Kränzchen. Zu ihnen gehörten der Mediziner Hermann Schauenburg, der Freund Jakob Burckhardts, und der Philologe Hermann Semmig, der sympathische, noble und getreue Mann, der, aus dem Volke hervorgegangen, eines Sattlers Sohn, die ganze Ehrenhaftigkeit, die Tapferkeit im Leiden, die Kraft des Entsagens, den stolzen Idealismus, die Echtheit des Gefühls dieser im Dunkeln sich mühenden Schicht verkörperte.

Aus dem Verlage Otto Wigands gingen die Ideen der Revolution in die Welt; neben ihm wirkte Arnold Ruge, der das von Fröbel in Zürich gegründete »Literarische Comptoir«, das Herwegh berühmt gemacht hatte, zuerst aus seinen eigenen Mitteln unterstützte und dann, da es sich nicht halten konnte, nach Leipzig übernahm. Echtermeyer und Ruge hatten im Sinn, in Dresden eine freie Akademie der Wissenschaft zu gründen, welche die Vertreter der neuen Ideen sammeln sollte: Feuerbach, Kapp, Strauß. Bei Semmig und Roeckel fand Bakunin volles Verständnis. Hermann Semmig war einer der ersten, der sich durch das Studium der Schriften Karl Grüns für die soziale Idee begeisterte, deren Berechtigung ihm seine eigene Erfahrung, seine Beziehung zum Handwerk bestätigte. Er wurde dadurch zum Gegner Robert Blums, des politischen Volkstribuns Sachsens, der zur Zeit, als Bakunin nach Sachsen kam, schon ein Opfer der österreichischen gewalttätigen Reaktion geworden war. Manche Aussprüche Richard Wagners hören sich an, als kämen sie von Bakunin:

»Kein Einzelner kann glücklich sein, ehe wir es nicht alle sind, wie kein Einzelner frei sein kann, ehe nicht alle frei sind.«

»Die Natur, die menschliche Natur, wird den beiden Schwestern Kultur und Zivilisation das Gesetz verkündigen: ›Soweit ich in euch enthalten bin, sollt ihr leben und blühen; soweit ich nicht in euch bin, sollt ihr aber sterben und verdorren.‹«

Und vollends: »Wenn mir die Erde übergeben würde, um auf ihr die menschliche Gesellschaft zu ihrem Glücke zu organisieren, so könnte ich nichts anderes tun, als ihr vollste Freiheit geben, sich selbst zu organisieren; diese Freiheit entstünde von selbst aus der Zerstörung alles dessen, was ihr entgegensteht.«

Begriff Wagner, so wie er damals war, ein gegen das Bestehende anstürmendes Genie, das Letzte, Eigenste in Bakunins Seele, das so wenige verstanden, seine Sehnsucht nach Sturm und Leben, seinen Haß unserer registrierten, statistisch untersuchten, abgezählten, eingeteilten Welt? Man meint, bei der Gestaltung des Siegfried habe ihm Bakunin vorgeschwebt, der Riese mit dem löwenhaften Kopfe, dem kindlichen Lachen, dem großmütigen Herzen und der vulkanischen Wildheit. Die Liebe zur Musik verband sie noch enger; Michel dachte daran, Musiker zu werden, wie vor ein paar Jahren Zimmermann. Er hauste eine Zeitlang unter dem Namen Dr. Schwarz im Kgl. Menageriegarten in der Friedrichstadt, wo auch Wagner wohnte. Abends, im Schutze der Dunkelheit, gingen sie spazieren, und Wagner führte oft den Verfolgten, der unbekümmert war, unter irgendeinem Vorwande im Wagen zurück, damit er nicht gesehen würde.

Als Wagner am Palmsonntag, es war der l. April, im alten Opernhause Beethovens Neunte Symphonie aufführte, trotzte Bakunin der Gefahr und ging hin. Das Unsterbliche des deutschen Volkes, gefaßt in die vulkanisch herausgeschleuderten Töne Beethovens, die mit Schillers Glaubensbekenntnis verschmolzen sind, wird hier eins mit dem Unsterblichen der Menschheit. Die Liebe Gottes und der Menschheit, mit ihrer Glut die eherne Welt überwindend, aus dem Zusammensturz alles Irdischen in dämonischer Seligkeit auflodernd, das Herz und die Himmel sprengend mit ihrem Siegesmarsche – wie mußte dieser Glaube das Gemüt dessen erschüttern, der bereit war, im Namen desselben sich in die ungleiche Schlacht zu stürzen! »Alles, alles wird zugrunde gehen, nichts mehr wird bleiben«, sagte er zu Wagner, »nicht nur die Musik, auch die anderen Künste, auch Ihr Cornelius, nur eins wird nicht vergehen und ewig bleiben: die Neunte Symphonie!« Wie schwächlich mochten ihm vor diesen Posaunenstößen die Mauern erscheinen, die die Heiligtümer der Bourgeoisie umschlossen!

Indessen, wie wenn ein kaum spürbarer Atemzug genügt, ein herbstgelbes Blatt vom Aste zu lösen, das Tage vorher noch dem ärgsten Sturme widerstand, so bricht wohl auch eine herrschende Macht in sich selber zusammen, wenn ihre Stunde gekommen ist; zuvor aber fließt in Strömen das Blut derer, die vergeblich gegen sie anstürmen. Damals war die Zeit dieser vergeblichen Kämpfe. Kaum hatte sich das preußische Königtum von seiner Niederlage erholt, so bot es sich den anderen deutschen Fürsten als militärische Polizei zur Unterwerfung der Revolution an, eine Hilfe, die diese nicht hätten zurückweisen dürfen, selbst wenn sie gewollt hätten. Allein sie wollten es auch nicht; daß diese hinter dem Rücken des Volkes und der Zentralregierung geschlossene Abmachung ungesetzlich war, erregte keine Bedenken. Bei der Totenfeier zu Ehren Robert Blums in der Frauenkirche konnte sich die Regierung überzeugen, welchen Anhang die neuen Ideen hatten; sogar Angehörige der königlichen Garde wurden im Zuge gesehen. Das deutliche Zurückweichen des Königs vor den abgedrungenen Zugeständnissen verschärfte die revolutionäre Stimmung; auf beiden Seiten drängte es zum Zusammenstoße. Den Anlaß gab die Anerkennung der von der Nationalversammlung ausgearbeiteten Grundrechte des deutschen Volkes, welche die Vertreter des Volkes verlangten und die der König mit Beziehung auf Preußen ablehnte. Der Ausbruch von Unruhen in Dresden gab dem Könige Gelegenheit, mitsamt der Familie und den Ministern zu flüchten, ohne die Behörde davon in Kenntnis zu setzen. Da infolgedessen keine Regierung mehr da war, bildeten drei angesehene Männer eine provisorische, nämlich der Kreisamtmann Otto Leonhard Heubner, der Advokat Samuel Erdmann Tzschirner und der Bürgermeister von Adorf, Regierungsrat Karl Todt. Die beiden zuerst genannten waren 1812 geboren, also damals siebenunddreißig Jahre alt, Todt war neun Jahre älter. Alle drei hatten nur den Fehler, daß sie zu gut, zu gerechtigkeits- und ordnungsliebend, zu vornehm waren; keiner von ihnen hatte den Teufel im Leibe, wie Bakunin es vom Revolutionär verlangt. Roeckel war beim Ausbruch der Kämpfe mit einem Brief Bakunins, der ihm verhängnisvoll werden sollte, nach Prag gereist. Bakunin stellte sich sofort der provisorischen Regierung zur Verfügung und war Tag und Nacht im Rathause, wo sie ihren Sitz aufschlug. Als es bekannt wurde, daß die preußischen Truppen zur Exekution heranrückten, konnte auf Sieg nicht mehr ernstlich gehofft werden und es sich nur noch darum handeln, sich solange wie möglich gegen die feindliche Übermacht zu verteidigen. Bakunin verlor weder seine unerschütterliche Ruhe noch seinen unerschöpflichen Humor. Seine eindrucksvolle Persönlichkeit war vielleicht die Ursache, daß eine Überlieferung sich bildete, als sei er der eigentliche Leiter der Revolution gewesen. Er soll den Vorschlag gemacht haben, die Sixtinische Madonna aus der Galerie zu holen und auf der Mauer aufzustellen; das würde die preußischen Soldaten abhalten zu schießen, welche zu gebildete Leute wären, um einen Raffael zu zerstören.

Der Brand des Opernhauses wurde ihm zur Last gelegt, andere schieben ihn Richard Wagner zu. Auch dieser erschien häufig im Rathause und stieg auch auf den Kreuzturm, um nach Zuzügen auszuschauen, die man erwartete. Bevor das preußische Militär einrückte, verteilte er eigenhändig Zettel unter die sächsischen Schützen, die in Dresden lagen, auf denen die Worte standen: »Seid ihr mit uns, wenn die Preußen kommen?« Ferner hatte er den von liebenswürdiger Unschuld zeugenden Plan, die Offiziere flehentlich zu bitten, sie möchten aufhören, auf das Volk zu schießen. Einmal, als er gerade im Begriff war, über eine Barrikade zu klettern, rief ihm ein Herr zu: »Herr Kapellmeister, der Freude schöner Götterfunken hat gezündet!« Es war ein Einfall, der ihn und die Neunte und die Flammen, die aus dem alten Opernhause schlugen, unwillkürlich verband; die musikalische Glut und die Revolution schienen zu einem elementarischen Ereignis zusammenzuschlagen. Dieser Brand und der einiger anderer Häuser wurde mit Erfolg gegen die Revolutionäre ausgebeutet, als wäre ihnen dadurch das Brandmal der Verbrecher aufgedrückt. Diejenigen, die sich so nachdrücklich Christen nannten und sich mit allen erdenklichen Emblemen des Christentums schmückten, dachten nicht daran, daß die ersten Christen soviel sie konnten von der heidnischen Herrlichkeit zertrümmerten und sich des Schuttes edler Bauwerke rühmten. In den Untersuchungen und Verhören, die später folgten, spielte der Brand des Opernhauses und wer schuld daran sei eine große Rolle. Bakunin hat sich später darüber einfach so geäußert: »Einmal in diesen Kampf verwickelt, hatte ich ihn ernst genommen und fand es natürlich, daß man ein Theater und einige Häuser verbrannte, deren Opfer für unsere Verteidigung notwendig war. Der Krieg ist kein Kinderspiel, und man muß sehr naiv sein, um darüber Erstaunen zu empfinden.«

Am 9. Mai mußte der Kampf aufgegeben werden, und die Führer verließen inmitten eines Haufens bewaffneter Insurgenten im Wagen Dresden. In Tharandt stieg zu Heubner und Bakunin, durch letzteren aufgefordert, Hermann Semmig ein, etwas später Richard Wagner. Während Heubner und Bakunin schweigsam waren, strömten Wagner in höchster Erregung Worte von den Lippen, die Semmig unvergeßlich blieben. Er trennte sich in Freiberg von den andern und entkam nach Frankreich. Die Absicht der Fliehenden war zuerst, mit Hilfe der Landschaft den Kampf fortzusetzen; als sich zeigte, daß dazu keine Aussicht war, drängte Bakunin darauf, man solle sich durch das Erzgebirge nach Böhmen durchschlagen und gemeinsam mit den Slawen weiterkämpfen. Dieser Vorschlag fand den Beifall der übrigen nicht, die den Böhmen nicht trauten. Tatsächlich blieb Prag still; es ist sehr zweifelhaft, ob es Bakunin gelungen wäre, das erloschene Feuer der Revolution anzuschüren. In Freiberg wurde haltgemacht, weil Heubner einige Anordnungen in seiner Wohnung zu treffen hatte, dann ging es auf Wagners Rat weiter nach Chemnitz. Während Wagner seinen Schwager Wolfram aufsuchte, der ihn in seinem Wagen glücklich nach Weimar brachte, stiegen Heubner, Bakunin und der Postsekretär Martin im Blauen Engel ab, trotz Wagners Warnung vor Wirtshäusern. Bakunin war so müde, daß er auch im Rachen eines Löwen eingeschlafen wäre. Nach der unbeschreiblichen Aufregung der letzten Tage, nach mehreren ganz durchwachten Nächten und nachdem ihre Nerven durch die Verantwortung und das Bewußtsein des unabwendbaren Schicksals aufs äußerste angespannt gewesen waren, schien ihnen nun nichts mehr wichtig außer zu schlafen. Bisher hatten sie sich im allgemeinen von der Sympathie der sächsischen Bevölkerung getragen gefühlt; nun, da sie Besiegte waren, wandte sich das Blatt. Nach der Überlieferung soll der Verräter, welcher auf das Verdächtige der Reisenden aufmerksam machte, ein Studiengenosse oder gar Verwandter Heubners gewesen sein, Dr. med. Becker. Als sie des Morgens um zehn aufwachten, fanden sie sich umringt und festgenommen, ohne daß sie sich hätten zur Wehr setzen können; sie waren verloren. Man brachte sie nach Altenburg, um sie dem Kommandanten eines preußischen Bataillons zu übergeben, der sie noch am selben Tage nach Dresden transportieren ließ.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.