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Meuterei auf der Elsinore

Jack London: Meuterei auf der Elsinore - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleMeuterei auf der Elsinore
publisherBüchergilde Gutenberg
year1937
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150611
projectidb3b8c4ed
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Es ist so viel auf einmal zu berichten. Zunächst natürlich von Kapitän West. Sein Tod kam nicht ganz unerwartet. Margaret sagte mir, sie hätte es von Anfang der Reise an befürchtet. Das war es auch, was sie bewogen hatte, ihren Vater zu begleiten.

Wie alles in Wirklichkeit vor sich ging, wissen wir freilich nicht, aber wir sind uns doch einig, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Herzschlag gewesen ist. Freilich habe ich, das muß ich offen gestehen, nie davon gehört, daß eine Art Gehirnschwäche einem Herzschlage um mehrere Stunden vorausging. Und der Verstand des Kapitäns schien mir auch ganz ungetrübt und muß es auch gewesen sein, als er gestern nachmittag den Befehl zum Halsen gab. Dann hat er freilich einen Fehler begangen. Der Samurai beging einen Fehler – und sein Herz brach, als ihm der Fehler zum Bewußtsein kam.

Jedenfalls kommt Margaret gar nicht auf den Gedanken, daß ihr Vater vielleicht einen Fehler gemacht hätte. Sie bleibt dabei, daß alles irgendwie mit seinem bevorstehenden Tode zusammenhing. Und es ist auch keiner unter uns, der sie dieser Illusion berauben würde. Und auch ich frage mich oft, ob es nicht vielleicht doch etwas anderes gewesen ist, was sein Bewußtsein trübte und seinen klaren Verstand verdunkelte, bevor er starb?

 

Gegen Mittag desselben Tages, an dem wir die Elsinore noch gerade von der Küste der Tierra del Fuego abgehalten hatten, schlingerte sie wieder in einer Windstille, kaum zehn Meilen vom Land entfernt. Um vier Uhr wurde Kapitän West bestattet, und um acht Glasen am selben Nachmittag übernahm Pike das Kommando und hielt eine kleine Ansprache an die versammelte Mannschaft. Unter anderm sagte er den Matrosen, sie hätten jetzt einen neuen Herrn bekommen und müßten ganz anders arbeiten als bisher. Bis jetzt hätten sie es wie die Taugenichtse in einem feinen Hotel gehabt, von heute ab aber müßten sie schuften.

»Gott helfe dem Mann«, erklärte er, »der nicht springen will. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Und jetzt an die Arbeit.«

Die Mannschaft befand sich jedoch wirklich in einem schrecklichen Zustand. Wir hatten wieder eine Woche mit westlichen Stürmen, die mit völliger Windstille abwechselten, und wir haben bereits sechs Wochen vor Kap Horn verbracht. Die Leute sind so entkräftet, daß weder Arbeitslust noch Mut in ihnen übrig ist ... nicht einmal in den Banditen. Und sie haben eine solche Angst vor dem Steuermann, daß sie tatsächlich ihr Bestes tun, um zu »springen«, wenn er sie antreibt. Mellaire schüttelt den Kopf.

»Warten Sie nur, bis wir um Kap Horn gekommen sind und das Wetter besser wird«, sagte er zu meinem Befremden gestern nachmittag. »Warten Sie, bis sie wieder trocken und ausgeruht und ihre Wunden geheilt sind, bis sie mehr Fleisch auf ihre Knochen und etwas mehr Feuer ins Blut bekommen haben – dann werden sie sich dies Antreiben nicht mehr gefallen lassen. Herr Pike versteht nicht, daß die Zeiten sich geändert haben. Er ist ein alter Mann, und ich weiß, wovon ich spreche.«

»Weil Sie auf das Gerede der Matrosen gehört haben?« schleuderte ich ihm ins Gesicht, weil es meinen tiefsten Unwillen erregte, daß ein Offizier des Schiffes sich unkorrekt benahm.

Das saß, denn mit einem Schlage verschwand der süßliche Ausdruck aus seinen Augen, und das furchtbare Wesen, das in seinem Schädel lauert, schien sich auf mich stürzen zu wollen. Dann beherrschte er sich, der Mund zog sich zusammen, und die süßliche, höfliche Schicht legte sich wieder über seine Augen.

»Ich meine, Herr Pathurst«, sagte er sanft, »daß ich auf Grund langjähriger Erfahrungen sprechen darf. Die Zeiten haben sich geändert. Die alten Tage des ›Hetzens‹ sind vorbei.«

Dann kam die Unterhaltung auf etwas anderes. Aber bei alledem ist er – wie auch Pike knurrend zugibt – ein guter Seemann und Untersteuermann, abgesehen von seiner ungehörigen Vertraulichkeit mit den Leuten vor dem Mast – einer Vertraulichkeit, die selbst der chinesische Koch und der chinesische Steward als unseemännisch und gefährlich verurteilen.

Drei Leute gibt es in der Back, die so lebendig wie je sind. Das sind Andy Fay, Mulligan Jacobs und Charles Davis. Man begreift einfach nicht, welch ungeheuerliche, abgrundtiefe Lebenskraft in ihnen steckt. Viel stärkere und bessere Männer als sie sind über die Reling gegangen oder liegen jetzt in hoffnungsloser Körperschwäche in den nassen Kojen des Volkslogis. Und Andy Fay und Mulligan Jacobs, diese beiden Jammergestalten, die von der Flamme ihres bösen Hasses durchglüht werden, tun ihre volle Pflicht und folgen ohne Rücksicht auf ihre Freiwachen jedem Ruf.

Unsere drei Kap-Horn-Zigeuner, unsere Sturmgäste mit den träumerischen Topasaugen, sind auch nicht ohne Kraft und Lebenslust. Die übrige Mannschaft hält sich in törichtem Aberglauben von ihnen fern, und zudem sind sie ja auch schon wegen ihrer Sprache, die keiner versteht, den andern ganz fremd. Sie sind indessen sehr gute Seeleute und immer die ersten bei jeder Arbeit oder Gefahr. Sie sind der Wache des Untersteuermanns zugeteilt worden und halten sich völlig für sich.

Aber die andern! Der Malteser Londoner ist nur ein Schatten seiner selbst. Tom Spink, der sonst stählerne Nerven hat und ein ausgezeichneter Seemann ist, selbst er ist in dem Maße zusammengebrochen, daß er – wenn er auch seine Pflicht tut – weder Stolz noch Scham kennt.

»Nie wieder um Kap Horn, Herr«, sagte er neulich, als er am Steuer stand, und ich ihm Guten Morgen wünschte. »Das habe ich freilich auch früher schon geschworen, aber diesmal soll es ernst sein. Nie wieder, Herr ... nie wieder.«

Und heute morgen hat Tom Spink mir sein Herz ausgeschüttet: »Wenn doch bloß der Zimmermann und nicht Boney über Bord gegangen wäre.«

Ich verstand nicht gleich, was er eigentlich meinte, aber dann fiel es mir ein. Der Zimmermann war ja Finne, also ein Hexenmeister, der allerlei geheime Kniffe mit den Winden machte und sein Spiel mit den armen Seeleuten trieb.

Und die Matrosen müssen springen. Pike treibt sie mit seinen Quaderblöcken von Fäusten gründlich an, wie die Gesichter mehrerer Leute zur Genüge bezeugen. So schwach sind sie, und so furchtbar ist er, daß ich schwören möchte, er könnte allein eine ganze Wache auf einmal vertrimmen. Ich muß übrigens bemerken, daß Mellaire dieses Hetzen nicht mitmacht. Und doch weiß ich, daß er selbst sehr viel Übung darin hat, und daß er am Anfang der Reise gar nichts dagegen einzuwenden hatte. Jetzt scheint er sich aber auf guten Fuß mit der Mannschaft stellen zu wollen. Ich möchte wissen, was Pike davon denkt, denn er kann nicht blind für das sein, was hier vorgeht, aber ich weiß nur zu gut, was geschehen wird, wenn ich die Frage anschneide. Er wird mich einfach anschnauzen und dann die folgenden drei Tage »seesauer« sein. Für Margaret und mich sind die Verhältnisse bei Tisch wie in den Kabinen, auch ohne die Ungnade des Steuermanns, schon eintönig und traurig genug.

 

Wieder hat sich ein brutaler Seemannsaberglaube bestätigt. Wir befinden uns westlich von den Diego-de-Ramirez-Klippen und laufen vor einem Oststurm mit einer Fahrt von zwölf Knoten nach Westen. Und der Zimmermann ist über Bord gegangen. Sein Verschwinden erfolgte gleichzeitig mit dem Einsetzen des Ostwindes.

Als Wada mir gestern morgen beim Anziehen half, war ich von dem feierlichen Ausdruck seines Gesichtes betroffen. Mit finsterem Kopfschütteln berichtete er mir das Geschehene. Der Zimmerbaas war verschwunden. Man hatte das ganze Schiff, oben und unten, vorn und achtern nach ihm durchsucht.

»Was meint der Steward dazu?« fragte ich. »Und was meint Louis? Und Yatsuda?«

»Seeleute Zimmerbaas totschlagen, ganz sicher«, lautete die Antwort. »Sehr schlechter Schiff diese hier! Sehr böse Herzen! Alle dieselbe Hund! Immer totschlagen! Zum Schluß alle tot! Sie werden sehen!«

Und doch gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, daß ein Verbrechen vorliegt. Keiner weiß, was dem Zimmermann zugestoßen ist. Es ist keine Spur vorhanden. Die Nacht war ruhig, und es schneite. Keine Sturzsee überspülte das Schiff. Kein Zweifel: der klobige Riese mit den gewaltigen Plattfüßen – trotz seiner Größe war er eigentlich nur ein Knabe – ist über Bord gefallen und tot. Die Frage ist nur: fiel er von selber, oder wurde er geworfen? Die Matrosen sind einer nach dem andern vom Steuermann vernommen worden, und alle haben dieselbe Geschichte zum besten gegeben. Sie wissen nicht mehr als wir oder behaupten es wenigstens.

Es war ein unvergeßlicher Auftritt – der Steuermann auf der Kampanje, die Männer, mürrisch und gleichgültig, in Gruppen an Deck. Durch die stille Luft rieselte der Schnee leise und senkrecht auf das Schiff herab. Und dann kam er, der leise Hauch eines Ostwindes. Der Steuermann war der erste, der ihn spürte. Ich sah ihn zusammenfahren und seine Wange dem fast unmerklichen Hauch zuwenden. Dann spürte auch ich ihn. Der Steuermann wartete noch eine Minute, bis er seiner Sache sicher war, dann war der verschwundene Zimmermann vergessen, und seine Befehle an den Rudergast und an die Leute brachen wie ein Strom hervor. Und die Männer sprangen, wenn das Aufentern auch langsam und mühselig vonstatten ging. Als die Beschlagseisinge von den Bramsegeln genommen waren, und die Männer an Deck die Rahen aufzogen und die Schoten anholten, waren die Toppsgasten erst dabei, die Reuel loszumachen. Unterdessen aber begann die Elsinore, mit dem Bug gegen West, vor dem ersten guten Winde seit anderthalb Monaten westwärts zu laufen.

Langsam wuchs die leichte Brise zu einer labberen Kühlte an, während es unaufhörlich schneite. Tom Spink, der an mir vorbeiging, warf mir einen triumphierenden Blick zu. Der Aberglaube hatte seine Bestätigung gefunden. Die Ereignisse selbst hatten ihm recht gegeben. Im selben Augenblick, als der Zimmermann von der Bildfläche verschwunden, war ein günstiger Wind aufgekommen. Jetzt mußte es doch jedem einleuchten, daß dieser verdammte Hexenmeister seinen Sack voll Windzauber mit über Bord genommen hatte.

Gegen Mittag hörte das Schneegestöber auf, und wir liefen vor einer labberen Kühlte, die sich gegen drei Uhr nachmittags zu einer steifen entwickelte. Immer westwärts! Und Pike guckte zu den Reuelrahen hinauf, die sich unter dem Druck des Windes auf die Segel bogen, und schwor, daß sie bersten sollten, bevor er die Segel nur um einen Zoll mindern würde. Er tat mehr als das. Er setzte das große Kreuzsegel, dann auch Besan und Brodwinner. Und er forderte Gott oder Teufel auf, eine Naht oder alle Nähte zu zerreißen. Seine Ausdauer ist einzig. Wache auf Wache, ununterbrochen, bleibt er auf der Kampanje und hetzt die Leute.

Margaret hatte nichts gegen dieses Antreiben, abgesehen davon, daß sie nicht schlafen konnte. Mellaire hingegen hegte gewisse Befürchtungen.

»Es geht nicht«, vertraute er mir an, »daß man ein Kauffahrteischiff antreibt, als wäre es eine Rennjacht. Ich weiß auch, was Hetzen heißt, aber das macht man mit Schiffen, die dazu gebaut sind. Unsere stählerne Takelung hält das nicht aus. Es ist Mord und Verbrechen, die Elsinore bei diesem Wetter mit Kreuzsegel, Besan und Leesegel laufen zu lassen. Und wenn etwas passiert, Herr, wenn das Schiff dem Steuer, wenn auch nur für Sekunden, nicht gehorcht und nicht sofort beidreht ...«

»Was dann?« fragte oder vielmehr rief ich. Denn jedes Gespräch mußte man in dieser verrückten Kühlte einander ins Ohr brüllen.

Er zuckte die Achseln so beredt, wie wenn er das Wort ausgesprochen hätte, das verhängnisvolle Wort: Erledigt ...

Heute morgen gegen acht Uhr gingen Margaret und ich auf der Kampanje im ewigen Kampf mit dem Winde auf und ab. Der alte unbesiegbare Mann aus Eisen war immer noch da. Er war die ganze Nacht an Deck geblieben. Und doch waren seine Augen ganz klar, und er schien sich äußerst wohl zu befinden. Er rieb sich die Hände, begrüßte uns heiter kichernd und erzählte alte Erinnerungen.

»Wissen Sie, Fräulein West, einundfünfzig, da machte die Flying Cloud mit gesetzten Reueln dreihundertvierundsiebzig Meilen. Es war genau hier in dieser Gegend. Das kann man segeln nennen.«

»Und wie schnell laufen wir jetzt, Herr Pike?« fragte Margaret, die auf das Große Deck hinunterblickte, wo sie bald die eine, bald die andere Reling in die See tauchen sah, während mächtige Wassermengen das Deck überfluteten.

»Dreizehn durchschnittlich seit fünf Uhr gestern nachmittag«, rief er begeistert. »In den Böen aber sechzehn. Das ist schon was für die Elsinore.«

Die Matrosen bekamen an diesem Tage kein Frühstück. Dreimal wurde die Kombüse überflutet, und die Leute mußten sich mit Zwieback und kaltem Pökelfleisch begnügen. Gegen Mittag überholten wir ein Schiff, das rechts voraus lag. Es führte die Untermarssegel und ein Bramsegel. Von den Untersegeln nur die Fock. Unsere Schnelligkeit war so ungeheuer, daß wir fast im Augenblick das fremde Schiff erreichten und überholten. Pike war wie ein Schuljunge. Er sprang auf die Reling und verhöhnte die Leute drüben auf der Kampanje, indem er ihnen ein Ende hinstreckte und sie einlud, sich von uns schleppen zu lassen.

Um fünf Uhr nachmittags loggten wir 314 Meilen seit vorgestern um fünf – also vierundzwanzig Stunden lang zwei Meilen über eine Durchschnittsfahrt von dreizehn Knoten in der Stunde.

 

Wir haben Kap Horn umsegelt! Wir befinden uns tatsächlich nördlich vom fünfzigsten Grad im Stillen Ozean, auf 80° 49' Länge. Kap Pillar und die Magellanstraße liegen schon südöstlich von uns, und wir laufen jetzt nach Nordnordwest. Kap Horn umsegelt! Die volle Bedeutung dieser Worte kann natürlich nur erfassen, wer selbst den Versuch gemacht hat, sich bei Gegenwind von Osten nach Westen um das Horn zu schleichen. Jetzt kann uns nichts mehr in die Quere kommen. Noch nie ist es geschehen, daß ein Schiff, das den fünfzigsten Grad erreicht hatte, wieder zurückgeworfen wurde. Von jetzt an gibt es glatte Fahrt, und selbst das ferne Seattle scheint uns plötzlich in greifbare Nähe gerückt.

Die ganze Besatzung des Schiffes ist jetzt auch in besserer Stimmung. Die glücklich vollbrachte Umseglung Kap Horns, das gute Wetter, das jetzt immer besser wird, die Verringerung der ewigen Schufterei und der dauernden Lebensgefahr und endlich die Aussicht auf die Wärme der Tropen und die balsamische Luft des Südostpassats ... alles das trägt dazu bei, daß die Leute sich allmählich erholen. Es ist schon so warm, daß sie angefangen haben, ihre überflüssigen Kleidungsstücke abzulegen. Gestern abend hörte ich während der Plattfußwache einen der Matrosen singen.

Der Steward hat auch sein riesiges Fleischermesser abgeschnallt und macht es sich so weit gemütlich, daß er sich hin und wieder in seiner besonnenen Art darauf einläßt, mit Possum zu spielen. Wada geht auch nicht mehr beständig mit einem feierlichen Gesicht herum, und der Oxforder Akzent des chinesischen Kochs ist noch honigsüßer als sonst. Mulligan Jacobs und Andy Fay sind natürlich die giftigen Kröten geblieben, die sie waren. Und die drei Banditen haben – gemeinsam mit dem Kreis, den sie um sich gesammelt haben – ihre frühere Tyrannei im Volkslogis wieder aufgenommen und die Gelegenheit benutzt, um die Feiglinge und Schwächlinge zu verprügeln. Charles beharrt immer noch zäh bei seinem Entschluß, nicht sterben zu wollen. Jedenfalls hat es selbst Pike in Erstaunen gesetzt, daß er die furchtbaren Wochen um Kap Horn in seinem eisigen und nassen stählernen Käfig ausgehalten hat.

Pike selbst hat von allen an Bord die beste Laune und befindet sich körperlich am wohlsten. Daß er jetzt die Mannschaft antreiben kann, wie er es will, bekommt ihm besser als Essen und Trinken.

»Ja, ja«, sagte er zu mir, als wir von der Mannschaft sprachen. »Ich gebe ihnen einen kleinen Begriff von der guten, alten Art zu segeln. Sie werden dieses Schiffchen nie mehr vergessen, falls sie nicht schon während unserer Fahrt mit einem Sack Kohlen an den Füßen über Bord gehen.«

»Glauben Sie denn, daß wir noch mehr Todesfälle an Bord bekommen werden?« fragte ich.

Er wandte sich rasch zu mir um und sah mir einige Sekunden scharf in die Augen – dann sagte er: »Noch ist die Hölle nicht losgelassen.«

Und er drehte sich um und ging.

Er hat übrigens seine Wache als Steuermann beibehalten, obgleich er jetzt das Schiff führt, denn er ist der Ansicht, daß es keinen vor dem Mast gibt, der geeignet wäre, an Stelle des Untersteuermanns zu treten. Er wohnt auch immer noch in seiner alten Kammer. Wahrscheinlich tut er es aus Feingefühl gegen Margaret – ich habe nämlich gehört, daß es sonst feste Regel ist, daß der Steuermann beim Tode des Kapitäns dessen Quartier übernimmt. So schläft Mellaire immer noch mit Nancy zusammen im Mittschiffshaus.

 

Mellaire hat recht gehabt, als er es mir sagte, die Matrosen würden dies ewige Hetzen nicht länger dulden. Und Pike hat auch recht gehabt; die Hölle war wirklich noch nicht bei uns losgelassen, aber jetzt ist es soweit! Mehrere Männer sind schon über Bord gegangen, sogar ohne daß man sich die Mühe gab, ihnen auch nur einen Sack Kohlen an die Füße zu binden. Und doch sind es nicht die Matrosen, die den Aufruhr angezettelt haben, sondern Mellaire. Oder vielmehr, es war Ditman Olansen, der Norweger mit den verrückten Augen. Oder eigentlich Possum. Jedenfalls war es der reine Zufall, an dem alle Erwähnten einschließlich Possum ihren Anteil gehabt haben.

Ich will jedoch lieber mit dem Anfang beginnen. Zwei Wochen sind verstrichen, seit wir den fünfzigsten Grad passiert haben, und jetzt sind wir auf dem siebenunddreißigsten. Wir sind also ebenso weit südlich vom Äquator wie San Francisco nördlich davon. Der Aufruhr brach gestern morgen, kurz nach neun, ganz plötzlich los. Possum brachte die Ereignisse ins Rollen. Es war während der Wache des Untersteuermanns, und Mellaire stand gerade auf der Laufbrücke unter dem Mitteltopp und erteilte Sundry Buyers Befehle, der mit Arthur Deacon und dem Malteser-Londoner in der Takelung zu schaffen hatte. Pike kam, das Thermometer in der Hand, über die Laufbrücke, nachdem er die Temperatur der Kohlen im Vorderraum gemessen hatte. Ditman Olansen kletterte gerade auf ein Fußpaard oben am Mittelmast, in den er mit einer Rolle Tau hinauf geentert war. An dem einen Ende des Taus war ein ziemlich großer Block befestigt, der vielleicht zehn Pfund wog. Possum lief vergnügt herum und spielte eifrig auf dem Verdeck des Mittschiffshauses in der Nähe des Hühnerstalls. Die Persenning, die den Käfig bisher zugedeckt hatte, war bei dem schönen Wetter abgenommen.

Und jetzt merken Sie sich bitte genau die Situation: Ich stand an der Brüstung der Kampanje und beobachtete Ditman Olansen, der sich mit seiner unbequemen Last auf das Fußpaard hinausschwang. Pike ging soeben an Mellaire vorbei. Possum, der infolge des schlechten Wetters bei Kap Horn und auch wegen der Persenning die Hühner lange nicht gesehen hatte, untersuchte sie neugierig mit seiner aufdringlichen Schnauze. Und da geschah es, daß ein Hühnerschnabel, der ebenso aufdringlich war, Possum auf die empfindliche Nase pickte. Possum fuhr entsetzt vom Hühnerstall zurück und stieß ein wildes Schreckensgeheul aus. Ditman Olansen, der es hörte, blieb einen Augenblick auf dem Fußpaard stehen und beugte sich vor, um hinunterzugucken – und in diesem Augenblick, als seine Aufmerksamkeit abgelenkt war, glitt der Block mit der Taurolle, die er über der Schulter trug, ab und fiel auf das Deck hinunter. Beide Steuermänner machten einen Sprung zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Das Tau, das an dem Block festgemacht war, wurde beim Fallen hin und her geschleudert, und obgleich der Block Mellaire nicht traf, schlug ihm doch eine Bucht des Taus die Mütze ab.

Pike wollte schon einen mächtigen Fluch nach oben schicken, als er plötzlich die furchtbare Narbe am Kopf des Untersteuermanns bemerkte. Sie war jetzt allen Augen sichtbar, wenn auch nur Pike und ich wußten, was sie bedeutete. Das dünne Haar auf dem Schädel des Untersteuermanns verdeckte die tiefe Schmarre nicht.

Die Flüche und Schimpfworte, die Pike schon für Ditman Olansen in Bereitschaft hatte, blieben ihm in der Kehle stecken. Gelähmt starrte er auf die furchtbare Narbe. Seine großen Fäuste ballten sich krampfhaft, ohne daß er es merkte, während er das unverkennbare Zeichen anstarrte, von dem er gesagt hatte, daß es ihm eines Tages den Mörder Kapitän Sommers' enthüllen würde. Und im selben Augenblick erinnerte ich mich auch seiner Worte, daß er eines Tages seine Finger in dieses Zeichen legen würde.

Immer noch wie im Traum ging der Steuermann mit ganz langsamen Schritten auf Mellaire zu – die eine Hand hielt er ausgestreckt, die Finger wie die Krallen einer furchtbaren Pranke gekrümmt. Offenbar hatte er unbewußt die Absicht, seine Finger in die entsetzliche Narbe zu stoßen, um das lebendige Gehirn, das darunter klopfte und pulste, herauszuzerren und zu zerfetzen. Der Untersteuermann zog sich ebenso langsam über die Brücke zurück, während Pike allmählich zum Bewußtsein zu kommen schien. Er ließ den ausgestreckten Arm sinken und blieb einen Augenblick stehen.

»Jetzt erkenne ich dich«, sagte er dann, mit seltsam vibrierender Stimme, die in gleichem Maße Alter und Erregung enthüllte. »Vor achtzehn Jahren warst du auf der Cyrus Thompson, als ihre Masten über Bord gingen. Sie sank, nachdem ihr lange auf der Seite gelegen hattet. Es blieb nur ein Boot übrig, das gerettet wurde, und in dem saßest du. Und es ist elf Jahre her, daß Käpt'n Sommers vom Jason Harrison im Hafen von San Francisco von seinem Untersteuermann zu Tode geprügelt wurde. Der Untersteuermann war einer der Überlebenden der Cyrus Thompson ... ein verrückter Schiffskoch hatte ihm einmal ein Loch in den Schädel geschlagen. Es blieb eine tiefe Narbe, und diese Narbe sehe ich jetzt in deinem Schädel. Der Untersteuermann hieß Sidney Waltham. Und wenn du nicht Sidney Waltham bist ...«

In diesem Augenblick tat Mellaire – oder richtiger: Sidney Waltham – trotz seinen fünfzig Jahren das einzige, was er tun konnte. Er sprang seitwärts über das Geländer der Laufbrücke, ergriff die Wewelinge des Mittelmasts und brachte sich auf dem Großluk in Sicherheit. Dann sprang er über das Luk und verschwand in der Tür seiner Kammer.

So tief war Pike in seine sinnlose Wut versunken, daß er plötzlich wie ein erwachender Schlafwandler stehenblieb und sich die Augen rieb. Im nächsten Augenblick tauchte der Untersteuermann wieder auf, hatte aber eine zweiunddreißigkalibrige Smith & Wesson-Pistole in der Hand, mit der er sofort zu schießen begann.

Pike, jetzt wieder ganz der alte, blieb einen Augenblick stehen und rang offenbar mit zwei Entschlüssen. Sollte er über das Geländer der Laufbrücke springen und sich auf den Mann stürzen, der ihn niederknallen wollte, oder sollte er sich zunächst zurückziehen. Er entschied sich für letzteres. Und als er in weiten Sprüngen die schmale Treppe nahm, brach die Meuterei aus.

Es begann damit, daß Arthur Deacon, der oben in den Stengewanten war, sich vornüber beugte und einen stählernen Marlpfriem nach dem flüchtenden Steuermann warf. Blitzend sauste er durch die Luft, fehlte jedoch Pike, hätte aber um ein Haar Possum durchbohrt – der ganz außer sich vor Angst bellend achteraus lief. Der Marlpfriem bohrte sich tief in die hölzernen Planken des Laufbrückenbodens ein.

Wenn ich jetzt die Einzelheiten zusammenzufügen versuche, ist mir klar, daß ich vieles von dem, was geschah, übersehen habe. Ich weiß, daß die Matrosen, die in den Wanten waren, wieder herunterkamen, aber ich habe sie nicht herunterklettern sehen. Ich weiß auch, daß der Untersteuermann die Kammer seines Revolvers leerte, aber ich hörte nicht alle Schüsse. Ich weiß, daß Lars Johanson, der am Ruder stand, das Steuerrad verließ und trotz seinem kranken Bein in größter Eile über die Kampanje humpelte, die Leiter hinabkletterte und schnell nach dem Volkslogis lief. Ich entsinne mich, daß ich das Trappeln der vielen Füße hörte, als die Matrosen im Volkslogis über das Deck gelaufen kamen. Pike suchte hinter dem Kreuzmast Deckung. Und als der Untersteuermann nach Backbord lief, um seinen letzten Schuß vom Großluk aus abzufeuern, sah ich, wie Pike sich hinter dem Navigationshaus versteckte, dann achteraus lief und durch das Achterluk verschwand. Ich vernahm auch den Knall des letzten Schusses und hörte die Kugel gegen die stählerne Wand des Navigationshauses schlagen.

Ich selbst rührte mich nicht vom Fleck. Ich war zu begierig zu sehen, was vorging. Vielleicht war es mangelnde Geistesgegenwart, vielleicht nur mangelnde Gewohnheit, an Auftritten teilzunehmen, die so schnelle Entschlüsse erforderten, daß ich einfach auf der Kampanje stehenblieb und zuschaute.

Ich war der einzige, der sich auf der Kampanje befand, als die Leute unter Anführung des Untersteuermanns und der drei Banditen angestürmt kamen. Ich sah sie die Treppe heraufsteigen, und mir kam gar nicht der Gedanke, Widerstand zu leisten. Was natürlich auch das einzig Vernünftige war, denn sie hätten mich beim ersten Versuch getötet. Die Meuterer waren ganz verblüfft, als sie keinen Widerstand fanden. Bert Rhine holte schon zum Stoß aus, offenbar in der Absicht, mich mit seinem Scheidemesser niederzustechen. Aber dann – und ich weiß genau, daß ich ihn richtig beurteile – kam er zu dem für mich durchaus nicht schmeichelhaften Ergebnis, daß ich ganz bedeutungslos sei, und ließ mich unangetastet.

Was mir in eben diesem Augenblick so auffiel, war der völlige Mangel an Überlegung bei der Mannschaft. So unvorbereitet war sie in die Meuterei hineingesprungen, daß sie noch ganz verwirrt war, als sie sich schon mitten darin befand. Seit wir vor Monaten Baltimore verlassen hatten, war es (abgesehen von dem Selbstmordversuch Griechen-Tonys) ja nie auch nur für einen Augenblick geschehen, daß kein Mann am Steuer stand. Die Leute waren so daran gewöhnt, immer jemand dort zu sehen, daß sie jetzt, als sie das Steuerrad ohne Bedienung sahen, völlig den Kopf verloren. Einen Augenblick starrten sie entgeistert hin. Dann schickte Bert Rhine mit einer herrischen Handbewegung den Italiener Guido Bombini ans Ruder, das sich hinter der Wand des Steuerhauses befand.

Ich muß gestehen, daß ich im Taumel der Ereignisse nur weniges ganz genau bemerkte. Ich sah wohl, daß mehrere Matrosen die Treppe heraufkamen und sich über die Kampanje zerstreuten, aber ich interessierte mich nur für die Gruppe achtern am Steuerhaus und sah etwas sehr Merkwürdiges, nämlich, daß es Bert Rhine und nicht der Untersteuermann war, der dort Befehle gab, und dem man gehorchte. Auf ein Zeichen von ihm begab Chantz sich zur Steuerbordtür des Navigationshauses. Während alles das in Bruchteilen von Sekunden vor sich ging, beobachtete Bert Rhine vorsichtig durch das offene Achterluk den Proviantraum.

Chantz öffnete die nach außen gehende Tür zum Navigationshaus. Was jetzt geschah, erfolgte alles blitzschnell. Im Türspalt erschien eine welke, gelbe Hand, in der ein zwei Fuß langes Schlachtermesser blitzte. Der scharfe Stahl fuhr am Kopf des Eindringlings vorbei, traf ihn aber in die linke Schulter. Chantz taumelte gegen die Reling, und ich konnte sehen, wie das Blut in einem dunklen Strom hervorquoll. Bert Rhine beendete seine Besichtigung des Achterluks und sprang mit dem Untersteuermann, der noch immer seinen Revolver in der Hand trug, mitten in die erregte Gruppe vor der Tür hinein.

Oh, der gescheite, vorsichtige alte chinesische Steward! Er war nicht so dumm, einen Ausfall zu machen. Die Tür schlug beim Schlingern der Elsinore hin und her, und alle Matrosen mußten glauben, daß der Steward mit seinem schweren Fleischermesser dahinter lauerte. Und während sie noch die Tür anstarrten, die im Schlingern des Schiffes bald aufsprang, bald wieder zuschlug, erschien plötzlich eine Gestalt im Achterluk zwischen Steuerhaus und Navigationshaus. Es war Pike. In der Hand hielt er seine 44kalibrige automatische Coltpistole. Jetzt war alles Chaos und Verwirrung. Es wurde viel geschossen, und doch hörte ich aus dem allgemeinen Lärm immer wieder das eintönige Knallen des Colts heraus.

Ich sah, wie der Italiener Mike Cipriani sich plötzlich verzweifelt an den Unterleib griff und dann langsam aufs Deck sank. Knirps, das japanische Halbblut, tanzte abseits vom Kampf grinsend herum, und er war es auch, der mit einer letzten grotesken Grimasse und einem hysterischen Gekicher den Rückzug über die Kampanje und die Treppe einleitete. Nie habe ich ein schöneres Beispiel der Psychologie der Masse gesehen, als bei dieser Gelegenheit. Knirps war sicher der unzuverlässigste unter den Individuen, die hier die »Masse« ausmachte, und er ergriff denn auch zuerst die Flucht – aber die ganze Masse schloß sich ihm an. Sein Mangel an Gleichgewicht wurde entscheidend für das Gleichgewicht aller andern.

Chantz, der furchtbar blutete, war einer der ersten. Ich sah noch, daß Nasen-Murphy stehenblieb, um sein Messer nach dem Steuermann zu schleudern. Es fehlte ihn jedoch, traf mit einem metallischen Klang das Steuerrad und schlug dann klatschend aufs Deck. Der Untersteuermann, den verschossenen Revolver in der Hand, und Bert Rhine mit seinem langen Scheidemesser flüchteten an mir vorbei.

Jetzt sprang Pike aus dem Achterluk heraus und schoß Bill Quigley nieder. Er fiel vor meine Füße. Der letzte Mann auf der Kampanje war der Malteser-Londoner. Auf der obersten Stufe der Treppe blieb er stehen, um sich noch einmal nach Pike umzusehen, der sorgfältig auf ihn zielte. Der Malteser-Londoner ließ sich keine Zeit mehr, die Treppe zu benutzen, sondern sprang direkt aufs Deck herab. Der Colt aber klickte nur. Die Kugel, die Bill Quigley getroffen hatte, war die letzte gewesen.

Die Kampanje war jetzt in unserer Gewalt.

Noch immer folgte ein Ereignis dem andern so schnell, daß mir vieles entgehen mußte. Ich sah den Steward vorsichtig aus dem Navigationshaus auftauchen, das große Messer immer noch stoßbereit. Ihm folgte Margaret, und hinter ihr Wada mit meinem Winchesterstutzen. Wie er mir nachher erzählte, hatte er ihn auf Befehl Margarets geholt.

Der Steuermann sah gerade nach, ob sein Revolver noch geladen wäre, als Margaret ihn nach dem Kurse fragte.

»Beim Winde«, rief er ihr zu. »Dicht beim Winde, sonst fangen wir noch eine Eule.«

Selbst in diesem Augenblick vergaß er nicht, daß das Schiff seiner Führung anvertraut war. Während die Meuterei ihre blutrote Flagge hißte, vergaß er nicht das Schiff, die stolze Elsinore, dies seltsame Ding aus Stahl, Hanf und Baumwolle, das in seinen Augen ruhmreiches und wundervolles Leben bedeutete.

Margaret gab Wada ein Zeichen, daß er zu mir gehen sollte, während sie an das Steuerrad lief. Als Pike um die Ecke des Navigationshauses bog, knallte ein Schuß vom Mittschiffshaus, und eine Kugel schlug klirrend gegen die stählerne Wand. Ich erkannte den Mann, der geschossen hatte. Es war Steve Roberts.

Der Steuermann suchte blitzschnell Deckung hinter dem schützenden Kreuzmast und steckte im selben Augenblick die Hand in die Tasche, um das Magazin seiner Pistole neu zu laden.

Wada reichte mir den Stutzen. »Alles in Ordnung«, sagte er. »Nur noch entsichern.«

»Knallen Sie Roberts nieder«, rief Pike mir zu. »Er ist der beste Schütze vor dem Mast.«

Zum erstenmal in meinem Leben sollte mir ein Mensch als Zielscheibe dienen. Der Mann stand vor mir, kaum hundert Fuß entfernt, und wollte gerade einen zweiten Schuß auf Pike geben. Das erstemal verfehlte ich Steve Roberts, aber meine Kugel kam ihm immerhin so nahe, daß er unwillkürlich einen Sprung machte. Im nächsten Augenblick hatte er mich entdeckt und richtete seinen Revolver auf mich. Aber er hatte nicht die geringste Chance. Sein Schuß ging vollkommen fehl, weil meine Kugel ihn traf, ehe er richtig gezielt hatte. Er taumelte zurück, aber nicht weniger als zehn Kugeln sausten aus der Mündung meines Gewehrs, ehe er zusammenbrach. Aber selbst im Fallen als ein willenloser, rein mechanisch funktionierender Klumpen, gelang es ihm doch noch zweimal, seinen Revolver abzufeuern. Als er den Boden berührte, war er, glaube ich, schon tot.

Ich setzte mein Gewehr ab und blickte über das Großdeck, das auf einmal ganz menschenleer geworden war. Da merkte ich, daß Wada meinen Arm berührte. Ich erblickte in seiner Hand zwölf kleine, rundspitzige, rauchschwache Patronen. Ich sicherte den Stutzen, öffnete das Magazin und hielt die Waffe so, daß er die neuen Patronen nur hineinfallen zu lassen brauchte.

»Holen Sie noch mehr«, sagte ich.

Kaum war er gegangen, als Bill Quigley, der zu meinen Füßen lag, für Abwechslung sorgte. Vor Schrecken und Überraschung machte ich einen Sprung und, ja, ich gestehe, daß ich einen Schrei ausstieß, als ich merkte, wie seine Fäuste plötzlich um meine Fußknöchel griffen und seine Zähne sich in mein linkes Bein gruben. Da kam mir Pike zu Hilfe. Mit einem Sprung war er neben mir, ein Fußtritt – und Bill Quigley wurde von mir weggerissen und sauste im nächsten Augenblick in einem großen Bogen über Bord. Es war ein prachtvoller Wurf – der Körper berührte nicht einmal die Reling.

Ob Mike Cipriani, der sich bisher auf dem Deck gewälzt hatte, sich in Sicherheit bringen wollte, oder ob er die Absicht hatte, Margaret, die am Ruder stand, zu belästigen, werden wir nie erfahren – er bekam keine Gelegenheit mehr, seine Absicht auszuführen. Pike schnellte über das Deck und schleuderte den Italiener durch einen Fußtritt in die Luft, daß er Bill Quigley über Bord folgte.

Nichts entging den Adleraugen des Steuermanns auf seinem Rückweg über die Kampanje. Es war übrigens keiner mehr auf dem Großdeck zu sehen. Selbst der Ausguck war schleunigst nach dem Volkslogis geflüchtet. Die Elsinore schleppte sich, von Margaret gesteuert, träge durch die See. Pike fürchtete indessen, daß man aus einem Versteck auf ihn schießen würde, und beobachtete deshalb zuerst prüfend das Großdeck, ehe er den Revolver in die Tasche steckte und brüllte:

»Heraus mit euch, ihr verdammten Ratten! Ich hab' ein Wörtchen mit euch zu reden!«

Zuerst tauchte Guido Bombini auf, eifrig gestikulierend, um seine friedlichen Absichten zu zeigen – er war offenbar von Bert Rhine vorgeschickt worden. Als Pike ihn nicht niederknallte, kamen allmählich die andern zum Vorschein. Schließlich waren alle da, mit Ausnahme des Kochs, der beiden Segelmacher und des Untersteuermanns. Die letzten, die erschienen, waren Tom Spink, der Schiffsjunge Buckwheat und Hermann Lunkenheimer, der gutmütige Deutsche. Die drei erschienen erst, als Bert Rhine ihnen mehrmals gedroht hatte. Es war klar, daß er und die beiden andern Banditen, Nasen-Murphy und Bub Twist, das Kommando übernommen hatten.

»Halt! Stehenbleiben!« befahl Pike, als die Mannschaft sich in einer dünnen Kette zu beiden Seiten des Kabelgatsluks aufgestellt hatte.

Es war wirklich ein spannender Auftritt. Meuterei auf hoher See! Wie oft hatte ich in meinen Knabenjahren diesen Satz bei Marryat und Cooper gelesen! Jetzt erlebte ich es also: Meuterei auf hoher See, nahm sogar teil daran und hatte schon meinen ersten Menschen getötet. Pike lehnte sich – alt, aber unbezähmbar – an den Brüstungsbogen der Kampanje. Von hier aus blickte er auf die Meuterer hinab. Da waren zunächst die drei früheren Zuchthäusler, sie waren alles eher als Seeleute, und doch hatten sie das Kommando an sich gerissen. Neben ihnen standen der italienische Hund Guido Bombini und ein wenig abseits Männer, die anscheinend so wenig miteinander gemeinsam hatten, wie Sörensen, Jacobsen, Fitzgibbon und Giller. Dann Deacon, der weiße Sklavenhändler, Hackey, der Zuhälter aus Frisco, ferner der Malteser-Londoner und Tony, der Selbstmörder. Ich sah auch die drei Fremden. Sie standen etwas abseits von den andern, schwankten im Takt mit dem trägen Schlingern des Schiffes, und ihre fahlen, topasfarbenen Augen schienen voll von seltsamen Träumen. Und da war auch der Faun, stocktaub, aber eifrig beobachtend, um den Sinn des Ganzen zu erraten. Ja, und dann natürlich Mulligan Jacobs und Andy Fay, die erbittert und böse nebeneinanderstanden, und hinter den beiden Olanson, der Berserker mit den verrückten Augen. Und ganz vorn stand Davis, der Mann, der nach menschlichem Ermessen längst hätte tot sein müssen. Sein Gesicht mit der wachsgelben Haut bildete einen seltsamen Kontrast zu den wettergebräunten Gesichtern der andern.

Ich warf einen Blick auf Margaret, die ruhig am Ruder stand und steuerte. Sie lächelte mir zu, und Liebe war in ihren Augen zu lesen.

»Wo ist Sidney Waltham?« knurrte der Steuermann. »Ich will ihn haben. Bringt ihn her. Wenn ihr das tut, könnt ihr andern wieder an die Arbeit gehen ... sonst gnade euch Gott!«

Die Matrosen an Deck traten unruhig von einem Fuß auf den andern.

»Sidney Waltham! Ich will mit dir sprechen. Komm heraus!« rief Pike und wandte sich, ohne sich um die andern zu kümmern, an den Mörder Kapitän Sommers. Heldenmütiger, alter Kauz! Nicht einen Augenblick fiel ihm ein, daß er das Gesindel dort unten nicht beherrschte. Er hatte nur einen einzigen Gedanken: den Wunsch, seinen alten Chef zu rächen.

»Alter Schuft«, knurrte Mulligan Jacobs zur Antwort.

»Halt die Fresse, Mulligan«, befahl Bert Rhine. Zum Dank bekam er einen giftigen Blick von dem Krüppel.

»Mit dir werde ich schon noch fertig werden, brauchst keine Angst zu haben«, fuhr Pike fort. »Aber zunächst holst du mir mal den Hund heraus, und das ein bißchen dalli. Verstanden?«

Aber der Führer und seine beiden Helfershelfer lachten ihr finsteres, lautloses Lachen.

»Ich denke, daß du erst hören willst, was wir zu sagen haben, du altes Vieh«, gab Bert Rhine zurück. »Davis, jetzt zeig deine Kunst. Spuck dem Alten ins Gesicht, was er zu tun hat.«

»Du verfluchter Seerechtsverdreher«, fauchte Pike, als Davis den Mund öffnete, um seine Rede zu beginnen. Bert Rhine zuckte die Achseln und drehte sich halb um, während er ruhig sagte: »Meinetwegen – wenn du nicht hören willst.«

Pike gab um einen Punkt nach. »Na, dann los«, knurrte er. »Spuck dein Gift aus, Davis, aber vergiß nicht, Freundchen, daß du dafür bezahlen mußt!«

Davis räusperte sich, um besser reden zu können. Dann begann er: »Zunächst hab' ich überhaupt gar nichts mit der Sache zu tun. Ich bin ein kranker Mann und sollte von Rechts wegen in der Koje liegen. Aber sie haben mich gebeten, ihnen das Gesetz zu erklären ...«

»Nun, und was sagt das Gesetz?« unterbrach ihn Pike.

Aber Davis ließ sich nicht einschüchtern. »Das Gesetz sagt, wenn die Offiziere nicht fähig sind, das Kommando zu führen, darf die Mannschaft durch friedliche Mittel das Kommando übernehmen, um das Schiff in den Hafen zu bringen. So steht es im Gesetz. Unser Schiffer war ein anständiger Mann, aber er ist tot. Unser Steuermann ist gewalttätig und will den Untersteuermann abmurksen. Schön, das geht uns alles nichts an. Aber wir wollen heil in den Hafen kommen. Unser Leben ist in Gefahr. Wir tun niemand was zu Leide. Ihr allein habt Blut vergossen. Ihr habt geschossen und unschuldige Männer niedergeknallt und über Bord geworfen, wie wir alle vor Gericht bezeugen können.«

Die Leute murmelten beifällig.

»Du willst wohl meine Arbeit übernehmen, was?« grinste Pike. »Und was wollt ihr mit mir machen?«

»Wir werden Sie in Verwahrung nehmen, bis wir Sie den Behörden überliefern können«, antwortete Davis ohne Zögern. »Dann können Sie ja den Verrückten spielen und mildernde Umstände kriegen.«

In diesem Augenblick fühlte ich, wie jemand leicht meine Schulter berührte. Es war Margaret, die sich unterdessen mit dem langen Messer des Stewards bewaffnet und ihn selbst an das Rad gestellt hatte.

»Da mußt du dir schon einen anderen Dreh ausknobeln, Davis«, sagte Pike. »Mit dir bin ich fertig. Aber ich habe noch etwas für euch alle: ich gebe euch zwei Minuten, um eure Wahl zu treffen. Entweder liefert ihr mir den Untersteuermann aus, geht an eure Arbeit und nehmt, was kommen wird, auf euch, oder ich lege euch alle in Eisen, und ihr könnt nachher ins Zuchthaus spazieren – und zwar für längere Zeit. Ich gebe euch zwei Minuten. Wer das Zuchthaus wählt, kann stehenbleiben, wo er ist. Wer bereit ist, seine Arbeit zu tun, kommt auf die Kampanje und stellt sich hinter mich. Zwei Minuten!«

Er drehte sich zu mir um und flüsterte: »Halten Sie Ihren Schießprügel bereit für den Fall, daß es losgehen sollte. Und zögern Sie nicht! Gleich losknallen. Die Schweinebande bildet sich ein, nach Belieben mit uns umspringen zu können.«

Buckwheat war der erste, der einen Schritt auf die Kampanje zu machte, aber so zögernd, daß er eigentlich nur die Beinmuskeln straffte und die Schultern vorschob, aber diese Andeutung genügte, um Hermann Lunkenheimer in Bewegung zu setzen. Der hob gleich den Fuß und begann vertrauensvoll achteraus zu gehen. Aber Bub Twist erreichte ihn in einem Sprung, legte ihm den Arm von hinten um den Hals, drückte die Knie gegen seine Beine, riß ihn zurück und hielt ihn fest. Und im selben Augenblick, in dem ich den Stutzen anlegte, zog Guido Bombini sein Messer durch die nach oben gestraffte Kehle Lunkenheimers. Ich hörte Pike: »Knallen Sie ihn nieder«, und drückte ab. Aber ich hatte das Pech, daß die Kugel fehlging und den Faun traf, der zurücktaumelte, sich auf das Luk setzte und zu husten anfing. Und dabei versuchten seine schmerzgequälten Augen zu verstehen, was hier vorging. Bub Twist ließ Lunkenheimer los, und die Leiche fiel schwer auf das Deck. Ich schoß nicht wieder. Bub Twist stellte sich neben Bert Rhine, und auch Guido Bombini hielt sich dicht neben ihm.

Bert Rhine lächelte – diesmal ganz offensichtlich.

»Hat noch einer von euch Trotteln Lust, nach der Kampanje zu spazieren?« fragte er mit sammetweicher Stimme.

»Die zwei Minuten sind um«, erklärte Pike.

»Und was willst du jetzt tun?« knurrte Bert Rhine.

Wie ein Blitz flog der Revolver aus der Tasche des Steuermanns, und er feuerte so schnell, wie er nur den Finger bewegen konnte, während die Leute Deckung suchten. Aber er war, wie er mir ja schon vor langem erzählt hatte, kein guter Schütze und vermochte tatsächlich nur auf ganz kurze Entfernung zu treffen.

Während wir noch das leere Deck betrachteten, wo nur die Leiche des Deutschen und der Faun, der noch auf seinem Luk saß und hustete, waren, kamen plötzlich einige Männer um die vordere Ecke des Mittschiffshauses gelaufen.

»Schieß!« rief Margaret hinter mir.

»Um Gottes willen, nein!« brüllte Pike neben mir.

Ich hatte schon angelegt, setzte aber schnell wieder ab. Louis, der Koch, führte die Schar an, die jetzt vom Dach des Mittschiffshauses über die Laufbrücke kam. Ihm folgten die beiden japanischen Segelmacher und Henry und Buckwheat, die beiden Schiffsjungen. Tom Spink bildete die Nachhut. Als er die Leiter zur Decke des Mittschiffshauses hinaufkletterte, muß ihn jemand an den Beinen gepackt und versucht haben, ihn zurückzuziehen. Wir sahen nur die Hälfte von ihm, konnten aber feststellen, daß er kämpfte und mit den Füßen trat. Schließlich gelang es ihm, sich loszureißen und mit einem Satz auf die Decke der Hütte zu springen. Dann lief er über die Brücke, bis er Buckwheat erreichte und mit ihm zusammenprallte. Der Junge schrie entsetzt auf, weil er sich von einem der Meuterer erwischt glaubte.

 

Wir Belagerten sind immerhin zahlreicher, als ich gedacht hätte. Das sehe ich erst jetzt, nachdem ich meine Zählung der gesamten Besatzung beendet habe. Margaret, Pike und ich vertreten die herrschende Klasse. Zu uns gehören unsere Diener und Leibeigenen, die ihren Brotgebern treu geblieben sind und von uns erwarten, daß wir ihr Leben retten und sie führen sollen. Ich gebrauche das Wort »Leibeigene« mit Überlegung. Denn Tom Spink und Buckwheat sind Leibeigene und nichts anderes. Henry, der Schulschiffsjunge, nimmt eine Stellung ein, die nicht leicht zu bezeichnen ist. Er ist eigentlich einer der Unsern, aber er ist doch noch sehr jung und hat noch nicht bewiesen, daß er das Zeug besitzt, das ihm seine Erbberechtigung sichert. Wada, Louis und der Steward sind Diener von asiatischer Herkunft. Dasselbe gilt von den beiden japanischen Segelmachern – sie sind keine richtigen Diener, beileibe keine Sklaven, aber irgend etwas dazwischen.

Alles in allem sind wir genau elf hier in unserer Festung. Unsere Anhänger werden uns bei ihrer Verteidigung gute Hilfe leisten können. Sie werden wie in die Ecke gedrängte Ratten kämpfen, wenn es ihr Leben gilt. Tom Spink ist unbedingt treu, besitzt aber keine Initiative. Buckwheat ist ein Trottel. Henry hat sich die Sporen noch nicht verdient. Es bleiben also Margaret, Pike und ich selbst. Die andern werden helfen, die Kampanje zu halten, und bis in den Tod kämpfen, aber bei einem Ausfall können wir nicht auf sie rechnen.

Die andern sind ... nun, ich kann gleich die ganze Liste mitteilen: der Untersteuermann, ob man ihn nun Mellaire oder Sidney Waltham nennen will, ein tüchtiger Mann von unserer Klasse, aber ein Überläufer. Dann die drei Banditen, Mörder und Hyänen: Bert Rhine, Nasen-Murphy und Bub Twist. Dann der Malteser-Londoner und der verrückte Griechen-Tony. Weiter Fitzgibbon und Richard Giller, die von den drei »Maurern« übriggeblieben sind. Ferner Anton Sörensen und Lars Jacobsen, tölpelhafte skandinavische Seeleute. Ditman Olanson, der Berserker mit den irren Augen, John Hackey und Arthur Deacon, der weiße Sklavenhändler. Dann Knirps, Guido Bombini, der italienische Hund, Andy Fay und Mulligan Jacobs. Die drei topasäugigen Träumer, die nicht zu rubrizieren sind. Der verrückte Chantz, Bob, der zu lang geratene Idiot. Der arme schwachsinnige und verwundete Faun. Dann die beiden hilflosen Bootsmänner Sundry Buyers und Nancy und schließlich Charles Davis. Also sechsundzwanzig gegen uns elf. Aber es sind unter ihnen Männer, die durch ihre Laster stark sind. Sie haben auch ihre Leibeigenen und außerdem ihre Bravos. Bombini und Chantz sind sicher solche gedungenen Bravos. Und dann haben sie Schwächlinge wie Sörensen und Jacobsen und Bob, die für Männer dieser Art nichts als Sklaven sein können.

Unsere Lage könnte zweifellos schlimmer sein. Wir bereiten unser Essen auf dem Kohlenofen und den Spiritusbrennern. Und was mir als das Wichtigste erscheint: Aller Proviant an Bord der Elsinore befindet sich in unserm Besitz. Pike beurteilt die Situation durchaus richtig. Überzeugt, daß wir die Mannschaft vor dem Mast nicht angreifen können, nimmt er die Belagerung als etwas Unvermeidliches hin ... und zwar um so leichteren Herzens, als die Belagerer am Rand der Hungersnot stehen.

»Wir werden die Hunde aushungern«, knurrt er. »Sie aushungern, bis sie auf allen vieren angekrochen kommen und uns die Stiefelwichse von den Schuhen lecken. Glauben Sie nicht, es sei der reine Zufall, daß die Lebensmittel achter der Hand verstaut werden, das wurde schon so gemacht, bevor Sie und ich geboren waren, und zwar, weil man aus bitterer Erfahrung gelernt hatte, daß es notwendig war. Ja, ja, sie wußten schon, was sie taten, die alten Burschen, als sie den ganzen Proviant im Heckraum verstauten.«

Louis sagt, daß in der Kombüse nur Vorräte für drei Tage sind, daß die Zwiebäcke bald alle sein werden, und daß unsere Hühner, die die Leute gestern nacht aus dem Hühnerhaus gestohlen haben, höchstens für einen Tag reichen. Kurz, wir sind überzeugt, daß es kaum eine Woche dauern wird, bis die Meuterer um Pardon bitten.

Ich habe die Wache des Untersteuermanns übernommen und löse Pike deshalb regelmäßig ab, wenn es auch nur wenig zu tun gibt. Hinter dem Navigationshaus steht meine Wache – Tom Spink, Wada, Buckwheat und Louis –, bereit, jeden Angriff zurückzuschlagen. Henry, die beiden Segelmacher und der alte Steward bilden die Wachmannschaft des Steuermanns. Pike hat strengen Befehl gegeben, daß kein einziger vor dem Mast sich an Deck zeigen darf. Als der Untersteuermann heut hinter der Ecke des Mittschiffshauses auftauchte, sandte ich ihm eine Kugel, die nur einen Fuß von seinem Kopfe entfernt gegen die Wand schlug, und er sprang mit einem großen Satz in die Deckung zurück.

Margaret bewahrt sich ihre gute Laune. Das Deck überläßt sie dem Steuermann und mir, aber wenn sie ihn auch als Chef anerkennt, hat sie unten doch das Kommando übernommen und ist unser Proviant- und Kellermeister. Die Meuterei lenkt sie wenigstens von der Trauer um ihren Vater ab, alle ihre freien Stunden am Tage sind jetzt mit Arbeit ausgefüllt.

 

Inzwischen verrinnt Tag um Tag, und es geschieht nicht das allergeringste. Wir kommen nicht von der Stelle. Die Elsinore hat ja jetzt ihre Segel nicht und schlingert deshalb hilflos hin und her. Eine halbe Stunde lang trieb sie heute ab, bis sie den Wind dwars bekam, und in der nächsten halben Stunde luvte sie wieder an. Und wir können unterdessen nichts tun, als die Kampanje gegen Angriffe sichern. Pike macht regelmäßig seine Observationen, aber mehr aus Gewohnheit, und stellt immer sorgfältig die Lage der Elsinore fest. Heute mittag befand sie sich acht Meilen östlich von der gestrigen Position, heute aber waren wir kaum eine Meile nördlicher als vor vier Tagen.

Die Takelung der Elsinore bietet einen traurigen Anblick. Sie befindet sich in wüster Unordnung. Wären Wind und See nicht so still, so würden die schweren eisernen Stengen nicht halten und den Meuterern auf die Köpfe fallen.

Eines können wir nicht begreifen. Jetzt ist eine ganze Woche vergangen, und die Leute scheinen immer noch nicht zu hungern. Vergebens hat Pike mehrmals unsere Leute gefragt. Alle schwören, nichts davon zu wissen, daß man vorn irgendwelche Lebensmittelbestände hätte, abgesehen von dem bißchen Proviant in der Kombüse und der Tonne mit Zwieback im Volkslogis. Und doch sehen wir den Rauch aus der Kombüse aufsteigen und müssen daraus den Schluß ziehen, daß sie auch etwas zum Kochen haben. Zweimal hat Bert Rhine versucht, einen Waffenstillstand zu erlangen, aber beide Male hat Pike, sobald sich die weiße Flagge über der Brüstung des Mittschiffshauses zeigte, darauf gefeuert. Der Steuermann hat die Absicht, sie völlig auszuhungern, so daß sie sich bedingungslos unterwerfen, aber der Gedanke, daß sie vielleicht doch genügend Proviant hätten, beginnt ihn ängstlich zu machen.

Pike ist überhaupt nicht so recht der alte. Er ist von dem Gedanken besessen, Rache an dem Untersteuermann zu nehmen. Mehrmals habe ich ihn jetzt überrascht und bemerkt, wie er dastand und mit grimmiger Miene vor sich hinflüsterte, oder wie er seine mächtigen Pranken ballte und mit den Zähnen knirschte. Heute nachmittag hatte Pike mich soeben abgelöst, als der Untersteuermann auf die Decke des Vorderkastells kletterte und zu den Seitenklüsen hinschlenderte, wo er stehenblieb und über Bord guckte.

»Knallen Sie ihn nieder«, sagte Pike.

Die Entfernung war ziemlich groß, und ich zielte deshalb besonders lange und sorgfältig. Da legte er mir die Hand auf den Arm.

»Lieber nicht«, sagte er.

Ich ließ den Stutzen sinken und sah ihn fragend an. »Vielleicht hätten Sie ihn getroffen«, erklärte er, »und den möchte ich doch lieber für mich behalten.«

Das Leben ist immer anders, als man erwartet. Unsere ganze Fahrt von Baltimore südwärts bis Kap Horn und dann um das Horn herum war durch Mord und Sterben gekennzeichnet. Und jetzt, da der Höhepunkt, die offene Meuterei, erreicht ist, hören Totschlag und Gewalttätigkeit plötzlich auf. Wir achter der Hand bleiben für uns, und die Meuterer halten sich ebenfalls für sich. Es ist vorbei mit der Härte, vorbei mit dem ewigen Anschnauzen, dem Brüllen von Befehlen. Und bei diesem herrlichen Wetter ist es, als sei jeder Tag ein Festtag.

Bei uns lösen Margaret und Pike sich mit Grammophon und Klavier ab, während die Matrosen im Volkslogis eine vollbesetzte Jazzband gebildet haben, die wir freilich nicht sehen können, die aber Tag und Nacht ihren schrecklichen Spektakel macht. Ein winselndes Schifferklavier, das, wie Tom Spink erzählt, dem toten Mike Cipriani gehört hat, wird von Guido Bombini gespielt, der auch Generalmusikdirektor der Kapelle ist. Im übrigen besteht sie aus zwei stark mitgenommenen Harmonikas und einem Brummeisen. Dazu gibt es ein paar selbstverfertigte Flöten, einige Querpfeifen und Trommeln. Ferner ein paar mit Papier überzogene Kämme, improvisierte Triangeln und eine Art Xylophon, das sie sich aus den Rippen des gepökelten Pferdefleisches gemacht haben – ein Instrument, wie es die Negersänger benutzen.

Die Kapelle scheint aus der gesamten Mannschaft zu bestehen, und wie ein Affenvölkchen, das besonderes Wohlgefallen an derben Rhythmen findet, unterstreichen die Matrosen den Takt, indem sie auf Petroleumkannen, Bratpfannen und alle möglichen Metallgegenstände und andere Lärminstrumente loshämmern. Ein besonders erfindungsreiches Mitglied der Kapelle hat eine Schnur an die Schiffsglocke, die an einem Galgen auf der Back hängt, gebunden, und wenn die Jazzband so recht in Schwung und auf dem Gipfel ihrer Kunst ist, hört man die Glocke wild bimmeln, obgleich Generalmusikdirektor Bombini diesen Vandalismus mehrmals auf das strengste gerügt hat. Und um diesem musikalischen Kunstgenuß die Krone aufzusetzen, heult die Sirene in den verrücktesten Augenblicken mit ihren Nebeltönen dazwischen. Sie spielt offenbar die Rolle der großen Baßgeige.

Und das soll Meuterei auf hoher See vorstellen! Fast jede Stunde meiner Tageswachen lausche ich, wenn ich an Deck bin, auf diesen infernalischen Lärm und bin so wütend, daß ich mich entschließen könnte, gemeinsam mit Pike einen nächtlichen Überfall zu organisieren und diese verfluchten aufrührerischen und unmusikalischen Sklaven zur Arbeit zu zwingen.

Alle sind übrigens gar nicht so unmusikalisch. Guido Bombini hat eine sehr beachtenswerte, wenn auch ganz ungeschulte Stimme – einen Tenor –, und er setzt mich durch sein verblüffend abwechslungsreiches Repertoire in Erstaunen, denn er singt nicht nur Verdi, sondern auch Wagner und Massenet. Bert Rhine und seine Spießgesellen kennen eine Menge moderner Schlager und Tänze, und heute morgen gab Nancy, offenbar auf dringende Aufforderung, mit der schönsten Rührseligkeit Volkslieder zum besten.

Das ist also eine Meuterei! Jetzt, da ich das Wort hinschreibe, kann ich es kaum glauben. Ich weiß zwar, daß Pike einsam die Wache auf der Kampanje hält. Aber Wada und die Segelmacher sitzen friedlich in der Pantry und sprechen über japanische Politik. Und durch den Korridor höre ich Margaret beim Zubettgehen leise vor sich hinsingen.

Doch jeder Zweifel schwindet, wenn die Glocke acht Glasen schlägt und ich an Deck gehe, um Pike abzulösen. »Sagen Sie mal«, sagte er vorhin vertraulich. »Sie und ich, wir könnten doch eigentlich die ganze Bude ausräuchern. Wir brauchen uns nur voraus zu schleichen und dann loszuknallen. Sobald wir zu schießen beginnen, wird die Hälfte achteraus laufen. Dann nehmen unsere Leute sie auf der Kampanje in Empfang, und wir beide können tüchtig unter ihnen aufräumen. Was meinen Sie?«

Ich zögerte einen Augenblick, denn ich mußte an Margaret denken.

»Wissen Sie«, sagte er, »sobald ich erst in das Loch hineingekommen bin, knalle ich los und schieße die Banditen nieder.«

Ehe ich ihm aber noch eine Antwort gegeben hatte, war er schon wieder zur Vernunft gekommen.

»Nein, das geht natürlich nicht. Wenn die drüben einen von uns erwischen sollten ... nein, wir müssen hier bleiben, bis sie ausgehungert sind. Aber wo sie ihr Futter herkriegen, das möchte ich wirklich wissen. Gucken Sie sich nur die Kerle an, sie sind bald so fett, daß sie kaum noch watscheln können. Und wenn es mit rechten Dingen zuginge, so hätten sie schon seit einer Woche nichts mehr ins Maul zu stopfen.«

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