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Meuterei auf der Elsinore

Jack London: Meuterei auf der Elsinore - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleMeuterei auf der Elsinore
publisherBüchergilde Gutenberg
year1937
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150611
projectidb3b8c4ed
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»Was kostet der Tabak heute?« fragte Mellaire, als wir uns heute morgen an Deck begrüßten. Ich war müde und wie zerschlagen. Alle Knochen und Muskeln schmerzten, nachdem ich sechzig Stunden lang vom Sturm herumgeworfen war.

Jetzt war es wieder windstill, und die Elsinore, deren wenige Segel gegen die Masten schlugen, schlingerte schrecklicher als je. Mellaire wies nach Steuerbord – ich sah dort eine dunkle Küste mit weißen, zerklüfteten Klippen schimmern.

»Staten Island, das östliche Ende«, sagte Mellaire.

Und ich wußte, daß wir jetzt die Position erreicht hatten, von der aus ein Schiff die Umsegelung von Kap Horn in Angriff nimmt. Und doch hatten wir vor drei Tagen nur wenige Meilen vor Kap Horn gelegen. Und jetzt konnten wir wieder von vorne anfangen.

Die Verhältnisse, unter denen die Matrosen arbeiten, sind tatsächlich erschütternd. Während des Sturmes wurde das Volkslogis zweimal unter Wasser gesetzt – und das bedeutet, daß alles, was sich darin befand, im Wasser herumschwamm, und daß alle Kleider, Bettdecken und Matratzen durchnäßt wurden und naß bleiben werden, bis wir Kap Horn gerundet haben. Erst wenn wir in die Gebiete kommen, wo besseres Wetter herrscht, können sie wieder trocknen. Dasselbe gilt natürlich vom Mittschiffshaus. Und es gibt keine Öfen in diesen Räumen, so daß es den Leuten unmöglich ist, ihre Sachen zu trocknen.

Die Matrosen tragen schon die Spuren der schweren Arbeit, die sie leisten müssen. Es ist verblüffend, wie mager und eingefallen ihre Gesichter in der kurzen Zeit geworden sind. Und doch – es mag paradox klingen, trotz ihren ausgemergelten, mageren Gesichtern sehen sie aus, als wären sie groß und dick geworden. Aber diese anscheinende Fettleibigkeit ist nur die Folge von den vielen Kleidungsstücken, die sie auf dem Leibe haben. Dazu bewegen sie sich wie die Elefanten, denn sie haben sich die Füße über den schweren Seestiefeln noch mit Sackleinen umwickelt.

Es ist auch wirklich kalt, obgleich das Thermometer heute gegen Mittag nur wenige Grad unter Null zeigte. Ich habe Wada die Kleidung, die ich an Deck trage, wiegen lassen – ohne Ölzeug und Seestiefel sind es schon achtzehn Pfund. Und doch ist mir durchaus nicht warm genug, wenn es weht. Wie sich Leute, die einmal eine Fahrt um Kap Horn gemacht haben, wieder für eine solche Reise anheuern lassen können, ist mir ganz unbegreiflich. Es zeigt nur, wie unbeschreiblich dumm und stumpfsinnig sie sind.

Die Tage verstreichen – wenn man das düstere Grau, das die völlige Finsternis unterbricht, überhaupt Tag nennen kann. Seit einer Woche haben wir die Sonne nicht zu sehen bekommen. Einmal trieb uns ein Sturm bis ungefähr hundert Meilen südlich von Kap Horn – dann kam aber ein anderer Sturm aus Südwesten, der unser Vormarssegel zerriß, das nagelneue Gaffelsegel aus dem Liek zerrte und uns auf irgendeinen nur zu erratenden Längengrad östlich von Staten Island zurückschleuderte.

Dann folgt ein Sturm dem andern, und alle kommen sie aus Westen, und wir laufen nach Osten.

In den Kajüten brennen den ganzen Tag die Lampen. Aber Pike läßt nie mehr sein Grammophon spielen. Margaret rührt nie mehr die Tasten ihres Klaviers an. Sie klagt, daß ihr alle Glieder schmerzen und wie zerschlagen sind. Ich habe mir neulich, als ich gegen die Wand geschleudert wurde, die Schulter verrenkt. Wada und der Steward humpeln. Die einzige Stelle, wo ich es mir wirklich gemütlich machen kann, ist die Koje, die ich mit Kissen so vollgestopft habe, daß selbst der wildeste Sturm mich nicht hinauswerfen kann. Da liege ich nun die ganze Zeit mit Ausnahme der Mahlzeiten und einiger kleiner Ausflüge, die ich, um frische Luft zu schöpfen, an Deck mache. Und achtzehn oder neunzehn von den vierundzwanzig Stunden des Tages lese ich.

 

Es war Mellaires Wache. Ich las, als ich das Trappeln vieler Füße über meinem Kopfe hörte. Die Elsinore fuhr über Backbordhalsen, und es waren nur sehr wenige Segel gesetzt. Ich dachte deshalb, was für ein ernstes Ereignis wohl die Wache an Deck gebracht hätte, als auch schon ein abermaliges Getrappel mir zeigte, daß jetzt auch die Freiwache an Deck kam. Aber ich hörte weder fieren noch halen, und der Gedanke an Meuterei schoß mir durch den Kopf.

Aber nichts geschah. Meine Neugier wuchs; ich schlüpfte in Seestiefel, Schafspelz und Ölrock, setzte den Südwester auf, zog die Fäustlinge an und begab mich an Deck. Pike war schon angezogen und lief mir voran. Kapitän West, der bei diesem schlechten Wetter im Navigationshaus schläft, stand in der Tür, durch die das Lampenlicht von drinnen auf die ängstlichen Gesichter der Matrosen fiel.

Die Leute vom Mittschiffshaus waren nicht mit dabei, sonst aber alle Mann aus dem Vorderkastell. Nur Andy Fay, der zur Freiwache gehörte, war ruhig in seiner Koje geblieben, und Mulligan Jacobs hatte die Gelegenheit benutzt, um sich in das Vorderkastell zu schleichen und seine Pfeife zu stopfen.

»Was ist los, Steuermann?« fragte Kapitän West.

Ehe der Steuermann antworten konnte, sagte Bert Rhine grinsend: »Der Teufel ist an Bord gekommen, Käpt'n.«

Sein Grinsen fiel indessen nicht ganz echt aus. Je mehr ich daran denke, um so mehr staune ich, daß so verwegene Männer, wie die drei Banditen, sich dermaßen hatten erschrecken lassen. Aber ängstlich waren sie alle drei, so ängstlich, daß sie ihre Kojen verlassen und ihre kostbare Ruhezeit geopfert hatten.

Larry war so erschrocken, daß er wie ein Affe schnatterte. Er drängte und kämpfte sich durch die Menge hindurch, um möglichst weit aus den dunkeln Schatten in den sicheren Kreis des Lichts zu kommen, das aus dem Navigationshaus fiel. Der Griechen-Tony war ebenso verrückt; er murmelte vor sich hin und bekreuzte sich immerfort. Arthur Deacon war fast zusammengebrochen, und er und Chantz stützten sich aufeinander, ohne sich ihrer Feigheit zu schämen. Bob, der große, dicke Junge, schluchzte, während Bony, der andere Jungmann, zähneklappernd dastand. Und selbst die beiden besten Männer vor dem Mast waren dabei, wenn sie sich auch im Hintergrund hielten, den Rücken der gefährlichen Dunkelheit und die Gesichter sehnsüchtig dem beruhigenden Licht zugekehrt.

Ich beobachtete auch Mellaire. Mag sein, daß er Pike fürchtet, auch, daß er ein Mörder ist – aber jedenfalls fürchtete er sich nicht vor dem Übernatürlichen. Da zwei Männer zugegen waren, die über ihm standen, hatte er, wenn auch seine Wache war, keine Verpflichtung, sich hervorzutun. Er stand deshalb ruhig da und betrachtete den ganzen Auftritt mit spöttischen Blicken.

»Wie sieht denn der Teufel aus?« fragte Kapitän West.

Bert Rhine grinste blöd.

»Na, antworte dem Kapitän!« knurrte Pike.

Es war Mord, reiner Mord, der für eine Sekunde in den Augen des Banditen aufglomm, als er das Fauchen des Steuermanns hörte. Dann antwortete er Kapitän West: »Ich blieb nicht lange genug, um ihn mir nur genauer anzusehen, Käpt'n. Aber es war ein Riese von Teufel.«

»Er ist so groß wie 'n Elefant, Käpt'n«, erklärte Bill Quigley. »Ich hab' ihn gesehn, Käpt'n. Er hätte mich beinah gekriegt, als ich aus der Back lief.«

»O Gott, o Gott!« stöhnte Larry. »Wie er gegen die Hütte schlug, Käpt'n. Er hat uns zum Jüngsten Gericht gerufen!«

»Deine Theologie läßt einiges zu wünschen übrig«, sagte Kapitän West ruhig, obgleich mir auffiel, wie müde und abgespannt er aussah.

Er wandte sich zum Steuermann. »Steuermann, gehen Sie mal hin und reden Sie mit dem Teufel. Ergreifen Sie ihn und binden Sie ihn gehörig, dann werde ich ihn mir morgen früh ansehen.«

»Jawoll, Käpt'n«, sagte Pike.

Und als ich Pike und Mellaire durch die Mauer der Dunkelheit voraus folgte und wir über die schwanke, vereiste, von Seen umspülte Laufbrücke gingen, wagte kein einziger von den Matrosen uns zu begleiten.

Auf der Decke des Mittschiffshauses bekamen wir eine Sturzsee, die mich schaudern läßt, so oft ich daran denke. Ich hatte mich zu sehr mit dem Ankleiden beeilt, so daß ich mein Ölzeug nicht am Halse zugeknöpft hatte, und wurde deshalb bis auf die Haut naß. Das nächste Stück der Brücke passierten wir durch fliegenden Gischt und waren endlich glücklich auf der Decke der Back angelangt, als irgend etwas mit einem mächtigen Krachen gegen die Wand das Volkslogis prallte.

»Was es auch sein mag, es spielt offenbar die Rolle des Teufels«, brüllte Pike mir ins Ohr, während er versuchte, den Gegenstand mit Hilfe einer elektrischen Handlampe zu identifizieren. Der dünne Lichtstreifen tanzte über das schwarze Wasser, das mit weißen Schaumkämmen über das Deck zischte.

»Da ist es!« rief Pike, als die Elsinore sich nach vorn neigte und das ganze Wasser vorausströmte.

Das Licht erlosch, während wir drei uns festhielten und unter der Sintflut, die sich über die Schiffsseite wälzte, zusammenkrochen. Wir hörten ein furchtbares Hämmern und Klopfen an der Galion. Als der Bug sich wieder hob, sah ich eine Sekunde lang einen schwarzen Gegenstand, der jetzt das schrägstehende Deck hinabkollerte.

Pike stieg auf das Deck hinab, und Mellaire folgte ihm. Als die Elsinore dann wieder den Bug in die See tauchte und eine Woge von Seewasser nach vorn fegte, sah ich den schwarzen Gegenstand gerade auf die beiden Steuermänner losstürzen. Es gelang ihnen, beiseite zu springen und sich in Sicherheit zu bringen, aber das Licht ging wieder aus, während eine neue Sturzsee über das Schiff hereinbrach.

Einen Augenblick sah ich nichts von den beiden Männern. Als das Licht aber wieder aufblitzte, hatte Pike das Ding gegen die Reling gepreßt und ein Tauende darum geworfen. Der Untersteuermann sprang hinzu, um Pike zu helfen, und endlich gelang es beiden mit Hilfe verschiedener Tauenden, das Ding zu bewältigen.

Ich kletterte zu ihnen hinunter. Es war ein großes Faß mit einer dicken Kruste von Muscheln.

»Es muß mindestens vierzig Jahre im Wasser gelegen haben«, meinte Pike.

»Und es ist etwas drin«, sagte Mellaire. »Wollen hoffen, daß es nicht nur Wasser ist.«

»Es ist Schnaps drin«, sagte der Steuermann. »Aber wir woll'n das Ding erst morgen öffnen.«

»Wo kommt es nur her?« fragte ich.

»Es kann nur über die Schiffsseite gekommen sein«, antwortete Pike und ließ das Licht darauf spielen. »Gucken Sie mal, es liegt seit Jahr und Tag im Wasser.«

»Der Schnaps scheint gut gelagert zu sein«, meinte Mellaire.

Ich überließ es ihnen, das Faß ordentlich festzuzurren, und ging in meine Kabine.

Kaum hatte ich mich gründlich getrocknet und mich mit einem Buch in die Koje gelegt, als das Gestampfe vieler Füße über meinem Kopf wieder begann. Ich wartete auf das zweite Getrappel – und es kam. Da zog ich mich wieder an.

Der Auftritt, dessen Zeuge ich auf der Kampanje wurde, war eine getreue Wiederholung der vorigen Szene, nur waren die Matrosen diesmal noch aufgeregter und ängstlicher. Sie zitterten, schnatterten und redeten alle durcheinander.

»Haltet jetzt das Maul!« brüllte Pike, als ich zu der Gruppe trat. »Immer einer auf einmal! Und dann gebt dem Käpt'n Antwort.«

»Diesmal ist es bestimmt kein Faß, Käpt'n«, sagte Tom Spink. »Es ist lebendig. Und wenn's nicht der Deibel ist, dann ist's ein toter Mann. Ich hab' ihn ganz deutlich gesehen. Es ist ein Mann oder war mal einer.«

»Es waren zwei, Käpt'n«, fügte Richard Giller, einer der »Maurer«, hinzu.

»Nein, drei, Käpt'n«, sagte Nasen-Murphy. »Es sind Ertrunkene. Sie sind übern Bug an Bord gekommen. Sörensen hat sie zuerst gesehen. Er zeigte sie mir. Und da sah ich sie, auf dem Verdeck der Back. Und Olansen sah sie, und Deacon und Hackey ... alle sahen wir sie, Käpt'n ... auch den zweiten ... und als die andern wegliefen und ich noch einen Augenblick stehenblieb, bekam ich auch den dritten zu sehn ... vielleicht sind es noch mehr ... ich hab' nicht gewartet.«

Kapitän West befahl ihm, zu schweigen.

»Steuermann«, sagte er, und er schien sehr müde zu sein. »Wollen Sie mal dem Unsinn gründlich nachgehen und sehen, was los ist.«

»Jawoll, Käpt'n«, antwortete der Steuermann. Dann wandte er sich zu den Leuten. »Kommt mal mit, alle zusammen!«

Aber die Matrosen schauderten vor ihm zurück – sein Befehl erfüllte sie mit Grauen.

»Bande!« hörte ich Pike vor sich hinmurmeln, dann schwieg er mitten im Satz.

Er drehte sich um und ging über die Laufbrücke. In derselben Reihenfolge wie das vorige Mal folgten wir ihm, Mellaire als zweiter, ich als letzter. Auf der Decke des Vorderkastells blieben wir stehen. Vergebens ließ Pike seine Taschenlampe aufblitzen, wir konnten nichts sehen als das weißschäumende schwarze Wasser an Deck, nichts hören als das Heulen des Sturmes in der Takelung und das krachende Dröhnen der Sturzseen. Langsam gingen wir weiter bis zur Galion, wo wir stehenbleiben und uns festkrallen mußten, da eine See über uns hereinbrach.

Pike leuchtete zwischen die Schaumspritzer vor uns ... da hörte ich einen erstaunten Ausruf von ihm. Begleitet von Mellaire ging er weiter, während ich wartete. In den Pausen zwischen den Sturzseen konnte ich das Aufflackern des kleinen Lichtstrahls sehen, bald tauchte er auf, bald verschwand er wieder. Einige Minuten darauf kam der Steuermann wieder zu mir.

»Unser Vorgeschirr ist zur Hälfte dahin«, erzählte er mir. »Wir müssen einen Zusammenstoß gehabt haben.«

»Als Sie vorhin nach unten gingen, habe ich auch so etwas wie einen Stoß gemerkt, Steuermann«, sagte Mellaire; »aber ich dachte, es wäre bloß die See.«

Unter Führung Pikes durchsuchten wir das Deck und das Finknetz zwischen Galion und Back. Dann trat der Steuermann in die Tür zum Volkslogis, und der Lichtschein seiner Handlampe zerschnitt wie ein Dolch den dunklen Raum, der von der schlecht brennenden Funzel an der Decke kaum erhellt wurde. Und jetzt sahen wir die Teufel. Nasen-Murphy hatte recht gehabt ... es waren drei.

Der Raum war naß und eiskalt. Die stählernen Wände, deren Farbe in großen Fetzen abgeplatzt war, war von Rostflecken übersät, die Decke war niedrig, und doch hingen zwei Reihen Kojen übereinander. Der ganze Raum stank nach den Ausdünstungen und dem Schweiß der dreißig Matrosen. In einer Oberkoje lag Andy Fay in Ölzeug und Seestiefeln und beobachtete uns mit seinen bösen Augen. An dem ungehobelten Tisch saß Mulligan Jacobs und rauchte seine Pfeife, während er die Beine in dem zischenden Wasser hin und her baumeln ließ. Mit feierlichen Blicken starrte er drei Männer an, die nebeneinander standen. Sie waren nicht sehr groß, diese Männer, die Seestiefel trugen und mit Blut beschmiert waren. Und sie schwankten im Takt mit den Bewegungen der Elsinore hin und her.

Aber was für Männer! Ich habe den Auswurf von allerlei Rassen gesehen, aber wo ich diese drei Männer unterbringen sollte, wußte ich wirklich nicht. Die Länder um das Mittelmeer haben nie solche Geschöpfe hervorgebracht, und Skandinavien ebensowenig. Sie waren nicht blond, aber ebensowenig dunkel. Sie waren weder braun, noch schwarz, noch gelb. Ihre Haut war weiß unter der Bronze, die Wetter und Sonne gebräunt hatten. Ihr Haar war naß, aber man konnte doch erkennen, daß es völlig farblos, fast sandfarbig war. Aber ihre Augen waren dunkel – und doch wieder nicht dunkel. Sie waren von der Farbe des Topas, eines bleichen Topas, und funkelten verträumt wie die Augen großer Katzen. Sie sahen uns auch an wie Menschen, die Schlafwandler sind, dieses Diebesgut des Sturmes, diese fahlhaarigen Kinder des Windes mit den fahlen, topasfarbigen Augen. Sie grüßten nicht, sie lächelten auch nicht, sie gaben kein Zeichen, daß sie unsere Anwesenheit bemerkten, außer, daß sie uns träumerisch anstarrten.

Aber Andy Fay hatte gleich einen Gruß für uns bereit.

»Eine höllische Nacht heute, und kein Auge kann man schließen bei all der Spukerei«, sagte er.

»Wer zum Teufel hat die nur in so einer Nacht hergebracht?« klagte Mulligan Jacobs.

»Du hast ja eine Zunge im Maul – warum hast du nicht gefragt?« knurrte Pike. Dann wandte er sich zu den träumerischen Fremdlingen und sprach sie in fünf oder sechs Sprachen an, wie der weltwandernde Angelsachse sie auf seinen Fahrten aufschnappt.

Die Fremdlinge gaben keine Antwort. Sie schüttelten nicht einmal den Kopf. Ihre Gesichter blieben seltsam ruhig, gleichgültig und sanft. Immerhin, Menschen waren sie jedenfalls, denn das Blut aus ihren Wunden hatte sie befleckt und bildete dicken Schorf an ihren Mänteln.

»Holländer«, fauchte Pike mit der ganzen Verachtung des Angelsachsen für andere Völker und gab ihnen ein Zeichen, daß sie es sich in den Kojen bequem machen sollten.

Pikes Kenntnisse auf dem Gebiet der Völkerkunde sind etwas begrenzt. Außer seiner eigenen Rasse kennt er nur noch drei: Nigger, Holländer und Dagos.

Unsere Besucher bewiesen wieder, daß sie Menschen waren. Sie verstanden die Einladung des Steuermanns, und nachdem sie einander angesehen hatten, kletterten sie in die Oberkojen und machten es sich bequem. Sie schlossen gleich die Augen, und ich möchte schwören, daß es keine halbe Minute dauerte, so schliefen sie schon.

»Wir müssen klarmachen voraus, sonst fallen uns die Masten noch auf den Kopf«, sagte der Steuermann. »Rufen Sie alle Mann an Deck, Untersteuermann, auch den Zimmermann.«

 

Und noch immer kommen wir nicht westwärts! Seit der Nacht, in der die drei Fremdlinge an Bord erschienen, sind wir um drei Grad nach Osten geschleudert. Sie sind das große Geheimnis geblieben, diese drei Männer vom Meere. »Kap-Horn-Zigeuner« nennt Margaret sie, während Pike sie die »Holländer« getauft hat. Sie haben eine Sprache für sich, die sie mit keinem andern reden. Und in dem ganzen Wirrwarr von Nationalitäten vorn und achtern gibt es keinen, der auch nur die leiseste Ahnung von ihrer Sprache oder Nationalität hätte.

Mellaire hat die Behauptung aufgestellt, daß sie Finnen seien, aber das bestreitet unser junger Zimmermann mit den Riesenplattfüßen entrüstet – er schwört, selbst Finne zu sein. Louis, der Koch, meint, irgendwo in der Welt, auf irgendeiner im übrigen vergessenen Fahrt Leute ihres Schlages getroffen zu haben, kann sich aber weder der Fahrt selbst, noch der Herkunft jener Männer erinnern. Die Mannschaft hat – mit Ausnahme von Mulligan Jacobs und Andy Fay – höchst abergläubische Ansichten in bezug auf die Neuankömmlinge und will nichts mit ihnen zu tun haben.

»Die bringen nichts Gutes, Herr«, sagte Tom Spink zu uns, als er am Ruder stand. Und er schüttelte düster den Kopf. »Wo sind sie denn hergekommen? Sie wollen es nicht sagen. Sie sind keine Menschen, sie sind Geister, Gespenster von ertrunkenen Seeleuten.«

»Aber wie erklären Sie sich die Beschädigung unseres Vorgeschirrs?« fragte ich.

»Es gibt viele Dinge, Herr, die man sich nicht erklären kann«, lautete die Antwort Tom Spinks. »Wer kann sich erklären, was das für Teufelskünste sind, die die Finnen mit dem Wetter machen. Und daß sie das tun, weiß doch jeder Mensch. Warum haben wir solch schlechte Fahrt um Kap Horn?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Von wegen dem Zimmermann, Herr. Wir haben rausgekriegt, daß er Finne ist. Und weiß nicht jeder, daß die Finnen Hexenmeister sind, die Wetter machen können?«

»Aber sind die drei Fremden denn überhaupt Finnen?«

Der alte Engländer schüttelte finster den Kopf.

»Ne, das sind tote Seemänner, die vor vielen Jahren ertrunken sind. Und der Zimmerbaas könnte uns schon verschiedenes erzählen, wenn er bloß wollte.«

 

Nichtsdestoweniger sind die Fremdlinge eine sehr willkommene Verstärkung unserer Mannschaft. Ich habe sie bei der Arbeit beobachtet – sie sind tüchtig und willig. Pike behauptet, sie seien befahrene Seeleute. Seine Theorie ist, daß sie aus irgendeinem ausländischen Hafen kommen, und daß ihr Schiff von der Elsinore überrannt wurde und unterging.

Ich habe vergessen zu erzählen, daß das Faß mit den vielen Muscheln einen so delikaten Wein enthielt, wie ich kaum je getrunken habe. Wada und der Steward haben den ganzen Inhalt auf Flaschen und Gebinde gefüllt. Es ist ein wunderbar gelagerter Wein, den Pike für einen ganz milden Kognak hält. Mellaire begnügt sich mit einem zufriedenen Schmatzen, während Kapitän West, Margaret und ich uns einig sind, daß es unbestreitbar richtiger Wein ist.

 

Es hat herzlich wenig Zweck, diese einförmigen, sich ewig wiederholenden Weststürme zu schildern. Wir sind jetzt so lange herumgeschleudert worden, daß schon der Gedanke an einen soliden Billardtisch, der fest und gerade auf den Beinen steht, einfach nicht zu fassen ist. In früheren Inkarnationen habe ich wohl Dinge gesehen, die fest standen und nicht hin und her schaukelten, aber das war, wie gesagt, in einem früheren Dasein.

 

In den letzten zehn Tagen sind wir zweimal bis zu den Diego-Ramirez-Klippen zurückgetrieben. Jetzt liegen wir, nach einer allerdings unsicheren Schätzung, ein paar hundert Meilen davon. Dreimal in der letzten Woche wurden wir so stark auf die Seite geworfen, daß das Wasser bis zu den Luken ging. Sechs herrliche, aus dem besten Kanevas genähte Segel, die mit doppelten Beschlagseisingen und Bindseln festgemacht waren, rissen sich von den Rahen los. Und mehr als einmal stand es so schlecht um die Gesundheit unserer Matrosen, daß kaum die Hälfte von ihnen dem Befehl nachkommen konnte, wenn »Alle Mann an Deck, überall, überall« gerufen wurde. Jacobsen, der sich schon zu Beginn der Reise das eine Bein brach, wurde vor einigen Tagen von den Seen zu Boden geschmettert und brach sich wieder dasselbe Bein. Ditman Olansen, der Norweger mit den verrückten Augen, hatte während der Plattfußwache einen Wutanfall und machte in seiner Hälfte des Volkslogis gründlich klar. Wada erzählt, daß die beiden Maurer, Fitzgibbon und Gilder, der Malteser Londoner und der Excowboy Steve Roberts nötig waren, um den Amokläufer zu binden. Sie gehören alle zur Wache Mellaires. In der Wache des Steuermanns hat John Hackey, der Friscoer Strolch, die Waffen gestreckt und sich den Banditen angeschlossen. Und erst heute morgen mußte der Steuermann Charles Davis aus dem Volkslogis hinauswerfen, wo er ihn gefunden hatte, als er den Schuften dort das Seerecht erklären wollte. Was Mellaire betrifft, so beharrt er bei seiner unpassenden Intimität mit den Banditen. Heute ist etwas Wunderbares passiert! Gegen Mittag erschien die Sonne und blieb mindestens fünf Minuten lang am Himmel sichtbar. Aber ach! Welch armselige Sonne! Ein fahler, kalter, kränklicher Ball, der auf seinem Höhepunkt nur 9 bis 10 Grad über dem Horizont stand. Und ehe noch eine Stunde vergangen war, mußten wir die Segel bergen, und jetzt liegen wir hier im Schneegestöber einer labberen Südwestkühlte.

»Was Ihr auch tut, immer westwärts! Immer westwärts!« Diese alte Navigationsregel der Seefahrer für die Reise um Kap Horn ist wie in Erz gehämmert. Ich verstehe jetzt, daß es Schiffsführer gibt, die über Bord gefallene Matrosen ihrem Schicksal überließen und nicht einmal den Versuch machten, ein Boot auszusetzen, nur weil sie endlich günstigen Wind bekommen hatten.

Und wir laufen immer nur ostwärts. Dieser verfluchte Westwind scheint ewig dauern zu wollen. Ungläubig lausche ich den Erzählungen Pikes und Mellaires, wenn sie berichten, daß es sogar Zeiten gegeben hat, da auch unter diesen Breitengraden Ostwinde wehten. Ich würde mich durchaus nicht wundern, wenn Kapitän West sich entschlösse, umzudrehen und ostwärts nach Seattle zu gehen. Aber Margaret lächelt vertrauensvoll und erklärt, ihr Vater werde Kap Horn umsegeln und den fünfzigsten Grad im Stillen Ozean erreichen.

 

Aber was kümmert mich das ganze Wüten und Schäumen dieses eisgrauen Meeres an der äußersten Spitze der Welt! Ich habe Margaret gesagt, daß ich sie liebe. Wir standen hinter dem Windschutz und hielten uns aneinander fest, um nicht umzufallen. Ihr Gesicht trug die Frische und Klarheit, die der Sturm ihm geschenkt hatte. Und sie war ganz stolz – aber doch leuchteten ihre Augen so sanft und warm, und ihre Lider zitterten leise in mädchenhafter, weiblicher Scham. Es war ein großer Augenblick – unser großer Augenblick!

Wir armen Teufel von Männern sind am glücklichsten, wenn wir lieben und geliebt werden. Bitter und traurig muß das Schicksal eines Mannes sein, der liebt, ohne wieder geliebt zu werden! Denn sieh, wenn Margaret ... nun, wenn sie eine der süßen und banalen Frauen wäre, die nur zum Kosen und zur Flucht in die starken Arme des Mannes geboren sind, ja, dann wäre es weder seltsam noch wunderbar; daß sie mich liebte. Aber Margaret ist stark, selbstbewußt, besonnen und beherrscht. Und darin besteht ja das Wunder: daß eine solche Frau mich liebt! Ich gehe allein auf der eisigen Kampanje auf und ab, singe mit leiser Stimme dem Sturm meinen Trotz entgegen und erzähle der tobenden See, daß ich liebe. Ich sende den Albatrossen, die droben in der Dunkelheit kreisen, die geheime Botschaft, daß ich liebe. Und ich betrachte die jämmerlichen Matrosen, die auf dem schaumbespritzten Deck herumkrabbeln, und weiß, daß sie nie die Liebe kennenlernen werden, die ich empfinde.

 

»Und das einzige, was ich von der Reise ganz bestimmt wußte, war doch, daß ich dir nie erlauben würde, mir den Hof zu machen.« Dies Geständnis machte Margaret mir heute morgen in der Kajüte, als ich sie aus meinen Armen ließ.

»Also, das waren deine Gedanken schon vor Beginn der Reise«, neckte ich sie heiter. »Du betrachtetest mich schon damals mit dem Blick der Frau, die einen Mann abschätzt.«

Sie lachte übermütig.

»Ich weiß jedenfalls, wann du mich das erstemal haßtest«, sagte sie mit einem Versuch, mir auszuweichen.

»Ja«, sagte ich, »als ich dich das erstemal sah und hörte, daß du die Reise mitmachen wolltest. Aber du weißt auch, wann ich dich zuerst liebte.«

Oh, ihre Augen waren herrlich, und ihre Ruhe und Sicherheit war verblüffend, als sie ihre Hand auf meinen Arm legte und mit sanfter, stiller Stimme sagte:

»Ja, ich weiß ... es war der Morgen, an dem der Pampero wehte und du durch die Tür in die Kabine meines Vaters geschleudert wurdest ... ich las es in deinen Augen ... ich weiß es, das war der erste Augenblick ... der allererste.«

Ich konnte nur mit dem Kopfe nicken und preßte sie fester an mich. Da sah sie mich an und sagte:

»Du sahst so schrecklich komisch aus. Du saßest auf dem Bett, hieltest dich mit einer Hand fest und starrtest mich an, ärgerlich, verblüfft, und ganz furchtbar töricht ... und da ... ich weiß nicht wie ... da wußte ich mit einem Male, daß du ...«

»Und in der nächsten Sekunde wurdest du sehr steif und kühl«, unterbrach ich sie sehr ungalant.

»Ja, eben deshalb«, gestand sie ohne Scham. Dann bog sie sich etwas zurück, ließ aber ihre Hände auf meinen Schultern, während sie lachte und ihre Lippen sich leicht öffneten, so daß ich die starken weißen Zähne sah.

 

Es ist sehr seltsam! Und ich weiß kaum, was ich glauben soll. Hat der Samurai wirklich einen Fehler gemacht? Oder war es die Finsternis des kommenden Todes, die sein sternenklares Gehirn lähmte und verdüsterte und seine ganze Weisheit zunichte machte? Oder war es umgekehrt der Fehler, der vorzeitig seinen Tod veranlaßte? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren.

Gestern nachmittag, fünf Wochen, seit wir aus der Straße von Le Maire in dies graue Meer der Stürme tauchten, lagen wir wieder einmal über Backbordhalsen vor Kap Horn. Als die Wachen sich um vier Uhr ablösten, erteilte Kapitän West Pike den Befehl, das Schiff vor dem Winde wenden zu lassen. Wir lagen in diesem Augenblick über Steuerbordhalsen, und die Abtrift führte uns von der Küste fort. Das neue Manöver sollte uns in einen rechten Winkel zum Lande bringen.

Im Kartenraum blickte ich neugierig auf die Karte, maß mit den Augen den Abstand und kam zu dem Ergebnis, daß wir uns nur etwa fünfzehn Meilen von Kap Horn befanden.

»Da werden wir gegen Morgen ja ganz nahe am Land sein, nicht wahr?« meinte ich.

»Freilich«, nickte Kapitän West; »und wenn die Westwindströmung nicht wäre und das Land sich nicht nach Nordosten erstreckte, würden wir morgen früh sogar das Land anlaufen. So aber werden wir gegen Tagesanbruch nahe an der Küste sein, bereit, wenn wir Glück haben, um das Horn zu schlüpfen, oder, wenn wir kein Glück haben, vor dem Winde zu wenden.«

Es fiel mir nicht ein, seinen Entschluß zu kritisieren. Was er sagte, war richtig und mußte geschehen. War er nicht der Samurai?

Und doch sah ich Pike wenige Minuten, nachdem der Kapitän nach unten gegangen war, das Navigationshaus betreten. Als ich mehrmals auf und ab gegangen war, schlenderte ich wieder nach dem Navigationshaus. Von einem unklaren Gefühl angetrieben, guckte ich durch das Fenster. Da stand Pike. Er beugte sich, Zirkel und Reisschiene in der Hand, über die Karte. Aber es war sein Gesichtsausdruck, der mich überraschte. Die gewöhnliche Verdrießlichkeit war verschwunden, alles, was ich darin lesen konnte, war Furcht und Unruhe. Nie hatte ich ihn so alt gesehen wie in diesem Augenblick. Ich entfernte mich leise von der Tür und ging über die Kampanje bis zur Brüstung. Dort blieb ich stehen und starrte über die grauen Wellen hinaus. Irgendwo drüben lag eine Küste von eisernen Klippen, gegen die sich die mächtigen Graubärte brüllend stürzten. Und hier, im Navigationsraum der Elsinore, stand über eine Karte gebeugt ein alter Seemann und maß und rechnete, um unsere Lage und unsere Abtrift festzustellen.

Aber ich wußte, daß er nicht recht haben konnte. War es doch nicht der Samurai, sondern der Diener, der auf den Irrwegen der Schwäche wandelte. Ich mußte lachen, daß ich so töricht gewesen war, mich auch nur einen Augenblick zu beunruhigen, und ging wieder nach unten, sehr zufrieden, daß ich meine Geliebte jetzt treffen sollte, und völlig beruhigt bei dem Gedanken an die Weisheit ihres Vaters.

Beim Mittagessen war Pike sehr unaufmerksam. Er beteiligte sich nicht an der Unterhaltung und schien fortwährend auf etwas draußen zu lauschen. Um acht Uhr ging er wieder an Deck, wo er die Wache bis Mitternacht hatte. Dann ging ich zu Bett und ließ all meine Ängste und Ahnungen fahren.

Ich schlief schnell ein und wachte erst gegen Mitternacht auf. Ich hörte, wie die Wachen sich ablösten, und war schon ganz wach und las bereits, als Pike die Treppe vom Navigationshaus herunterkam und an meiner offenen Kabinentür vorbeiging. Es folgte eine kleine Pause, von der ich aus langer Erfahrung wußte, daß er sie zum Zigarettenrollen benutzte. Dann hörte ich ihn husten, wie er immer tat, wenn er sich die Zigarette angesteckt hatte und die ersten Züge seine Lunge mit dem Rauch füllten.

Eine Viertelstunde später, mitten im Lesen, hörte ich Pike über die Diele gehen. Ich warf einen verstohlenen Blick über den Rand meines Buches hinweg und sah, daß er seine Seestiefel anhatte und Ölrock und Südwester trug. Es war seine Freiwache, und er hatte in der letzten Zeit infolge der unaufhörlichen Stürme nur sehr wenig geschlafen. Und dennoch ging er jetzt an Deck!

Ich las und wartete eine ganze Stunde, aber er kehrte nicht zurück. Und ich wußte jetzt, daß er irgendwo dort oben stand und in die stürmische Finsternis starrte. Ich zog schnell meine ganze schwere Sturmausrüstung von Seestiefeln und Südwester bis zum Schafpelz unter dem Ölrock an. Als ich den Fuß der Treppe erreicht hatte, sah ich, daß bei Margaret noch Licht brannte. Ich guckte zu ihr hinein – sie läßt ihre Tür wegen der Ventilation nachts immer offenstehen – und sah, daß sie las.

»Ich kann nicht schlafen«, sagte sie.

Ich glaube nicht, daß sie Befürchtungen hegte. Sie konnte einfach nicht schlafen – wenn man auch nicht wissen kann, wie die Ängste des Steuermanns in ihr Unterbewußtsein gedrungen sein mochten.

Als ich die Treppe hinaufgestiegen war und durch den engen Gang nach der Tür des Navigationshauses ging, warf ich einen Blick in den Warteraum. Auf der Bank lag Kapitän West – auf dem Rücken, den Kopf zu hoch, jedenfalls für meine Empfindung. Er schlief. Der Raum war warm, und er lag ohne Decke, sonst aber angekleidet – jedoch hatte er weder Ölzeug noch Seestiefel an. Er atmete ruhig und regelmäßig, und die Furchen in seinem asketischen Gesicht schienen im Lichte der tief herabgedrehten Lampe schwächer als sonst. Dieser eine Blick gab mir all meine Sicherheit und all meinen Glauben an seine Weisheit wieder.

Unter dem Wetterschutz an der Brüstung der Kampanje traf ich Mellaire. Er war ganz ruhig. »Der Sturm flaut ab«, erzählte er mir und wies auf einen Streifen des sternenbedeckten Himmels, der hinter der immer dünner werdenden Wolkendecke erschien.

Aber wo war Pike? Wußte der Untersteuermann überhaupt, daß er an Deck war? Ich begann Mellaire auszuhorchen, während wir zusammen über die schlingernde Kampanje nach dem Steuerhaus gingen. Ich erzählte ihm, wie schwer es mir wurde, bei stürmischem Wetter einzuschlafen, stellte fest, daß die heftigen Bewegungen des Schiffes mich nervös und schlaflos machten, und fragte schließlich, ob das schlechte Wetter auch die Offiziere am Schlafen hinderte.

»Wir schlafen gut, Herr Pathurst«, lachte der Untersteuermann. »Je härter das Wetter ist, und je größere Anforderungen es an uns stellt, desto tiefer ist unser Schlaf. Ich meinerseits bin wie tot, sobald ich den Kopf auf mein Kissen lege. Und Pike braucht nur etwas mehr Zeit, weil er immer noch eine Zigarette raucht. Aber er zieht sich dabei aus, so daß er auch nur wenige Minuten braucht, bis er wie ein Toter daliegt. Ich halte jede Wette, daß er sich seit zehn Minuten nach zwölf nicht bewegt hat.«

Der Untersteuermann hatte also keine Ahnung, daß Pike an Deck war. Um meiner Sache ganz sicher zu werden, ging ich nach unten. Seine Koje war leer. Als ich auf die Kampanje zurückkehrte, stieß ich auf den überraschten Mellaire.

»Ich dachte, Sie schliefen schon«, rügte er.

»Ich bin zu unruhig«, erklärte ich. »Ich habe gelesen, bis meine Augen ganz müde waren, und jetzt versuche ich es damit, mich tüchtig durchwehen zu lassen. Vielleicht kann ich dann einschlafen.«

»Ich beneide Sie wirklich«, antwortete er. »Du lieber Gott! Eine so herrlich lange Nacht zu haben und dann nicht einmal durchschlafen zu können!«

Lachend wünschten wir uns gute Nacht. Als ich wieder in den Kartenraum hineinguckte, sah ich Kapitän West wie vorher, fast in derselben Lage schlafen. Bei Margaret brannte immer noch Licht, als ich aber hineinguckte, sah ich, daß sie eingeschlafen war. Was mochte vorgehen? Die Hälfte aller an Bord Befindlichen schlief. Der Samurai schlief. Aber der alte Steuermann hielt eine schwere Extrawache auf der Decke des Vorkastells. Hatte er recht mit seinen Befürchtungen? Oder war es nur die Schrulle eines Greises? Führte die Abtrift uns tatsächlich in den Untergang?

Ich war zu wach, um schlafen zu können, und setzte mich deshalb mit meinem Buch an den Eßtisch. Ich behielt auch mein Ölzeug an, mit Ausnahme der Fäustlinge, die ich auswrang, ehe ich sie zum Trocknen an den Ofen hängte. Es schlug vier Glasen, es schlug sechs Glasen, Pike war immer noch nicht zurückgekehrt. Als es acht Glasen schlug und seine Wache beginnen sollte, fiel es mir ein, wie anstrengend diese Nacht für den alten Steuermann sein mußte! Von acht bis zwölf hatte er Wache gehabt und dann vier Stunden seiner Freiwache dort oben verbracht. Und jetzt begann wieder seine eigene Wache, die bis acht Uhr morgens dauerte. Also zwölf Stunden ununterbrochen an Deck, im Sturm bei Kap Horn und bei einer Temperatur, die weit unter dem Nullpunkt lag.

Dann muß ich etwas eingenickt sein, denn plötzlich hörte ich über meinem Kopf lautes Rufen, das über das ganze Schiff bis zur Kampanje wiederholt wurde. Erst später erfuhr ich, daß Pike das Steuer hatte umwerfen lassen, und daß der Befehl von der Back nach dem Steuerhaus durch eine Reihe von Matrosen gegangen war, die er in regelmäßigen Abständen auf der Laufbrücke postiert hatte.

Mit einem Ruck wurde ich wach und wußte, daß an Deck etwas vorgefallen sein mußte. Als ich meine dampfenden Fäustlinge angezogen hatte und die schlingernde Treppe so schnell wie möglich hinaufkletterte, hörte ich das Trappeln der Matrosen. Und als ich im Gang zum Navigationshaus stand, hörte ich Pike brüllen:

»Die Kreuzbrassen, zum Teufel! Fieren ... Donnerwetter noch mal ... Fieren ... dalli, dalli! Achteraus alle Mann – aber schnell, wenn ihr nicht alle schwimmen wollt ... Hierher! Backbordbrassen! Aufgepaßt, daß sie nicht wappern! ... Leebrassen ... wenn ihr den Schlag da gehen laßt, knalle ich euch eure verfluchten Schädel ein ... Dalli ... dalli, zum Teufel noch mal ... Ist der Helm luvwärts? Warum, zum Teufel, antwortest du nicht?«

Alles das hörte ich, während ich nach der Tür des Navigationshauses eilte. Ich wunderte mich, daß ich die Stimme des Samurais nicht hörte. Als ich dann am Kartenraum vorbeiging, sah ich ihn. Er saß auf der Bank und hielt einen Seestiefel in der Hand. Sein Gesicht war ganz weiß, und mir schien, daß seine Hände zitterten. So viel sah ich – dann ging ich schnell an Deck.

Als ich aus dem erleuchteten Navigationsraum herauskam, konnte ich zunächst gar nichts sehen, hörte aber die Matrosen, die an der Finknetzreling arbeiteten, und den Steuermann, der Befehle fauchte und brüllte. Das Manöver kannte ich. Mit einer kränklichen, körperlich schwachen Mannschaft mußte die Elsinore in einer hohlen See vor dem Winde wenden. Ganz langsam fühlte ich, wie sich der Winddruck gegen meine Wange änderte. Der Mond, der anfangs nur sehr schwach geschimmert hatte, wurde immer klarer, und schließlich verschwanden die letzten Fetzen der fliehenden Wolkendecke, die ihn verhüllten. Vergebens spähte ich nach einer Küste aus.

»Großbrassen ... alle Mann ... Schnell!« brüllte Pike. Alle überstürzten sich in wilder Hast. Noch nie hatte ich sie so arbeiten sehen.

Ich begab mich nach dem Steuerrad, wo Tom Spink als Rudergast stand. Er bemerkte mich gar nicht. Seine Augen starrten wie verzaubert in eine ganz bestimmte Richtung ... ich folgte seinem Blick über ein im Mondschein unklar und vage erscheinendes Gebirge von Seen hinweg. Und da sah ich es: Das Heck der Elsinore wurde hoch in die Luft geschleudert, und hinter dem kalten Meer erblickte ich das Land ... schwarze Felsen und schneebedeckte Hänge und Gipfel ... und gegen dieses Land wurde die Elsinore, jetzt fast vor dem Winde, getrieben.

Vom Mittschiffshause her tönten das Brüllen des Steuermanns und die Rufe der Matrosen zu uns herauf. Sie halten und fierten jetzt um ihr Leben. Dann kam Pike über die Kampanje gelaufen, und sein Gebrüll stürmte noch vor ihm her.

»Komm auf, zum Teufel! Was glotzt du? Stütz – sag' ich dir, das ist alles, was du zu tun hast!«

Von der Back hörten wir einen Ruf, der mir zeigte, daß Mellaire auf der Decke des Vorderkastells stand und die Fockbulien geben ließ.

»Jetzt!« brüllte Pike. »Noch ein paar Spaken ... Stütz ... Recht so!«

Er setzte in großen Sprüngen über die Kampanje und rief die Matrosen an die Kreuzbrassen. Die Leute waren aus dem Schlaf gepurrt und kamen ohne Mäntel, ohne Mützen, zum Teil ohne Stiefel, und ihre Gesichter waren fahl vor Angst. Aber alle gehorchten eifrig, denn sie wußten, daß nur dieser eine Mann sie vor einem jämmerlichen Tode erretten konnte. Pike war wirklich prachtvoll! Auch als die Elsinore vor dem Winde aufkam, während die Rahen scharf angebraßt, die Bulienen angeholt und die Luvbrassen steif gesetzt wurden, hatte er noch Zeit, die Leute in die Wanten zu schicken.

Als alle Segel gesetzt waren, wurde die Elsinore mehr und mehr an den Wind gebracht, und dabei merkte ich, daß es immer noch sehr kräftig wehte, wenn der Sturm auch im Abflauen war. Pike schickte jetzt den Malteser Londoner dem Rudergast zu Hilfe. Er selbst stand neben dem Achterluk, von wo aus er gleichzeitig die Fahrt der Elsinore messen, Ausschau nach Lee halten und den Rudergast beobachten konnte. Als ich in Lee des Navigationshauses stand, konnte ich das Land jetzt rechts in Lee auftauchen sehen. Es war keine dreihundert Schritt entfernt, schwarze drohende Felsen und eisiger Schnee, Klippen, so schroff, daß die Elsinore dort längsseits noch im tiefen Wasser hätte liegen können. Die Küste war zerrissen und zerklüftet, und mächtige Brecher donnerten gegen sie an. Ich erkannte jetzt, welche Gefahr uns drohte. See und Wind trieben uns gerade gegen die Küste. Die einzige Möglichkeit einer Rettung bestand darin, daß die Elsinore mit aller denkbaren Schnelligkeit und Kraft durch das Wasser getrieben wurde – und mir leuchtete es ein, als Pike an die Brüstung der Kampanje lief und Mellaire zurief, daß er das Großsegel heißen solle.

Man spürte den großen Unterschied, als die mächtige Leinwand sich dem Winde entgegenstellte. Die Elsinore hüpfte und zitterte, als sie vor dem Wind aufdrehte, und ich konnte merken, wie sie sich luvwärts schob, während ihre Schnelligkeit gleichzeitig sprunghaft wuchs. Pike beobachtete sie wie der Habicht seine Beute. »Land in Lee!« wurde von vorn gerufen. Und der unheilvolle Ruf ging von Mann zu Mann das ganze Deck entlang bis zur Kampanje. Ich sah Pike höhnisch mit dem Kopfe nicken.

Kein Wunder, daß ich in diesem spannenden Augenblick den Samurai vergaß, bis er die Tür des Navigationshauses öffnete und ich ihn in meinen Armen auffing. Schwankend stand er da und betrachtete das furchtbare Bild der Felsen, des Schnees und der schäumenden Brecher.

»Es würde gut sein, das Gretchen zu setzen«, hörte ich Kapitän West mit schwacher, zitternder Stimme sagen.

»Herr Pathurst, würden Sie Herrn Pike bitten, das Gretchen zu setzen.«

Eben in dieser Sekunde hörte ich Pike von der Kampanjewand her über das Schiff brüllen: »Untersteuermann ... das Gretchen!«

Kapitän Wests Kopf senkte sich, bis das Kinn seine Brust berührte, und er sprach so leise, daß ich mich zu seinem Mund hinabbeugen mußte, um ihn zu verstehen: »Ein sehr tüchtiger Offizier«, sagte er. »Ein hervorragender Offizier. Herr Pathurst, wollen Sie die Güte haben, mir behilflich zu sein ... ich möchte gern wieder hineingehen ... ich habe mir die Stiefel noch nicht angezogen.«

Es war eine wirkliche Anstrengung, die schwere eiserne Tür zu öffnen und sie bei dem Schlingern und Stampfen des Schiffes offenzuhalten. Aber es gelang mir. Als ich Kapitän West geholfen hatte, die hohe Schwelle zu übersteigen, dankte er mir und lehnte weitere Hilfe ab. Ich wußte ja auch noch nicht, daß ich es mit einem Sterbenden zu tun hatte.

Was für eine Fahrt! Die Elsinore flog über die mächtigen Graubärte hinweg, die sich brüllend gegen die Küste warfen. Es gab Augenblicke, da ich hätte schwören mögen, daß die Spitzen der Unterrahen die Wellen streiften. Wir hatten vielleicht eine Chance gegen zehn, der Vernichtung zu entgehen. Wir wußten es alle und harrten stumm der Dinge, die da kommen sollten. Nur eine Stimme ließ sich hören – die des Steuermanns, der abwechselnd fluchte und drohte, wenn er seine Befehle erteilte. Ununterbrochen maß er die Stärke der Windstöße, und immer wieder suchte sein Blick die große Bramrahe. Er hätte gern noch dies eine Segel gesetzt ... mehr als ein dutzendmal sah ich ihn schon den Mund öffnen, um den Befehl zu geben, den er doch nicht zu geben wagte. Dieser barsche, verbitterte Offizier war der einzige Mann unter diesen »Männern«. »Und wo«, so dachte ich schmerzlich, »wo ist der Samurai?«

Eine Chance gegen zehn? Wir hatten nur eine gegen hundert, als wir kämpften, um den letzten gefährlichen Felsblock luvwärts zu umsegeln, der See und Sturm zwischen uns und dem freien Meere trotzig zerriß. Aber wir kamen frei vom Land. Und wie in wilder Wut darüber, daß wir ihm entschlüpften, benutzte der Sturm den Augenblick, um uns die schlimmste aller Backpfeifen auszuwischen. Der alte Steuermann fühlte, daß diese Riesenwoge es auf uns abgesehen hatte, denn noch ehe der Schlag kam, war er schon ans Steuer gesprungen. Ich sah, wie alles vorn in der ungeheuren Wassermenge verschwand, die sich über das Schiff stürzte. Dann hob sich die Elsinore und wurde wieder in ihrer ganzen Länge sichtbar, und im selben Augenblick schleuderte ein Windstoß sie auf die Seite, so daß die Hälfte der ungeheuren Wassermenge über Bord gespült wurde.

Über die Laufbrücke lief von Mund zu Mund der Ruf: »Mann über Bord!«

Ich sah den Steuermann an. Er schüttelte den Kopf, als ob er sich über eine so alltägliche Begebenheit ärgerte, trat an die Ecke des Navigationshauses und starrte von dort aus nach der Küste, der wir soeben entgangen waren, und die kalt im Mondlicht schimmerte.

Mellaire kam achteraus, und sie trafen sich neben mir in Lee des Navigationshauses.

»Alle Mann an Deck«, sagte der Steuermann. »Und bergen Sie das Großsegel und dann das Gretchen.«

»Jawohl, Steuermann«, antwortete Mellaire.

»Wer war es eigentlich?« fragte der Steuermann, als Mellaire sich schon umdrehte, um sich zu entfernen.

»Boney ... war sowieso nichts wert«, lautete die Antwort.

Das war alles. Boney war verschwunden. Und alle Mann befolgten den Befehl des Untersteuermanns, das Großsegel zu bergen. Aber sie kamen nie dazu – denn im selben Augenblick wurde es vom Winde zerrissen, und wenige Minuten später waren nur einige flatternde Fetzen übrig.

»Das Gretchen!« befahl Pike.

Auf dem Wege nach unten warf ich einen Blick in den Kartenraum. Da erhielt ich die Erklärung des Fehlers, den der Samurai gemacht hatte, wenn man überhaupt von einem Fehler sprechen kann. Keiner wird es je entscheiden können. Er lag auf dem Boden – ein willenloser Körper, den jedes Schlingern des Schiffes hin und her schleuderte.

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