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Meuterei auf der Elsinore

Jack London: Meuterei auf der Elsinore - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleMeuterei auf der Elsinore
publisherBüchergilde Gutenberg
year1937
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150611
projectidb3b8c4ed
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Die Situation beginnt sich zuzuspitzen. Seevögel gibt es nicht mehr, und bei den Meuterern meldet sich der Hunger. Gestern hatte ich eine Unterredung mit Bert Rhine. Heute sprach ich wieder mit ihm, und diese kurze Unterredung wird er nie vergessen. – Es war gegen fünf Uhr nachmittags, als ich plötzlich seine Stimme durch die Schachtmündung in der Rückwand des Navigationshauses hörte. Ich stand an der Ecke des Hauses, also außer Schußbereich und antwortete ihm von dort aus.

»Na, ihr habt wohl Hunger bekommen?« höhnte ich. »Ich will euch mal erzählen, was wir heute zum Mittagessen haben. Hör mal zu, mein Junge: zuerst Kaviar mit Toast, dann Muschelsuppe, dann Hummer in Mayonnaise, Hammelkoteletts mit französischen Erbsen, und dann kalifornischen Spargel mit holländischer Soße. Danach gibt es Pfirsichpudding und endlich Kaffee, richtigen Bohnenkaffee. Wirst du nicht hungrig?«

Ich habe übrigens gar nicht so sehr geflunkert. Was ich schilderte, war tatsächlich so ungefähr, was wir zu Mittag haben sollten.

»Hören Sie auf«, fauchte er. »Ich will ernsthaft mit Ihnen reden.«

»So, wirklich?« höhnte ich. »Sehr schön. Wann gedenkt ihr denn die Arbeit wieder aufzunehmen?«

»Lassen Sie den Unsinn«, fauchte er zurück. »Ich werde euch geben, was ihr in dieser Welt noch braucht. Ich will Ihnen gerade was erzählen.«

»Du mußt schon entschuldigen, mein Junge, aber ich bin ein bißchen schwer von Begriff«, antwortete ich. »Du mußt schon etwas deutlicher werden.«

Und während ich mit ihm sprach, merkte ich, wie natürlich es mir fiel, Ausdrücke zu finden, die ihm am verständlichsten waren. Ihm gegenüber mußte ich mich der elementarsten Sprache von Leben und Tod, Essen und Trinken, Roheit und Grausamkeit bedienen.

»Ich will euch eine Chance geben«, fuhr er fort. »Gebt jetzt nach, und wir werden euch nichts tun, keinem von euch!«

»Und wenn wir nun nicht darauf eingehen«, warf ich hin.

»Dann werden Sie bedauern, daß Ihre Mutter Sie je geboren hat! Sie sind kein Dummkopf! Und Sie haben hier an Bord ein kleines Mädchen, das ganz verrückt nach Ihnen ist. Verstehen Sie?«

O ja, ich verstand wohl, was er meinte. Und aus irgendeinem Grunde tauchte in meinem Gehirn ein Bild dessen auf, was ich über die Belagerung der Gesandtschaften in Peking gelesen hatte, und was die weißen Männer in bezug auf ihre Frauen beabsichtigt hatten für den Fall, daß die gelben Horden die letzten Verteidigungslinien durchbrechen sollten. Und der alte Steward verstand es auch – denn in seinen schwarzen Augen sah ich, hinter den schiefen engen Lidern, ein mörderisches Feuer aufglimmen. Er wußte nur zu gut, worauf der Bandit hinzielte.

»Verstehen Sie, was ich meine?« fragte der Bandit wieder.

Ich fühlte meinen Zorn aufflammen. Keinen heißen Zorn, sondern eine eiskalte Wut. Diese menschliche Bestie, diese unterirdische Ratte wagte es, durch die untersten Räume des Schiffes zu kriechen, um mir und den Meinen zu drohen.

»Wenn du wie ein räudiger Köter auf deinem dreckigen Bauch über das Deck kriechst, und wenn du zeigst, daß du froh bist, überhaupt arbeiten zu dürfen, dann, und erst dann, werde ich weiter mit dir reden. Verstanden?«

Zehn Minuten lang warf er mir durch die Schachtmündung die gemeinsten Schimpfwörter an den Kopf, die er im Rinnstein New Yorks aufgelesen hatte. Ich gab ihm indessen keine Antwort mehr.

Als ich heute morgen sah, wie sich der Steward mit einem Behälter, der fünf Gallonen Schwefelsäure enthielt, abmühte, hatte ich freilich keine Ahnung, was er damit beabsichtigte.

Ich hatte mir unterdessen eine andere Möglichkeit ausgedacht, diesen todbringenden Schacht unschädlich zu machen. Meine Idee war so einfach, daß ich mich direkt schämte, nicht früher darauf gekommen zu sein. Die Öffnung war an sich ja nicht sehr groß. Zwei Säcke Mehl in einem hölzernen Rahmen, die mit Tauen am Gesims des Navigationshauses aufgehängt wurden, so daß sie gerade vor der Öffnung herunterhingen, genügten vollkommen, um sie zu verdecken und jedes Revolverschießen wirkungslos zu machen. Kaum gefaßt, wurde der Plan auch schon zur Ausführung gebracht. Tom Spink und Louis standen mit mir auf der Decke des Navigationshauses, um die Mehlsäcke festzubinden, als wir eine Stimme aus dem Schacht hörten.

»Wer ist denn jetzt da?« fragte ich. »Sag schnell, was du willst.«

»Ich will Ihnen noch eine Chance geben«, antwortete Bert Rhine.

Gerade in diesem Augenblick kam der Steward um die Ecke des Hauses. Er trug einen großen verzinkten Eimer in der Hand, und ich dachte, daß er gekommen wäre, um Regenwasser aus dem Tank zu holen. In derselben Sekunde, in der dieser Gedanke mir durch den Kopf schoß, schwang er den Eimer und schleuderte den ganzen Inhalt in den Schacht. Und im selben Augenblick wußte ich, was es war: konzentrierte Schwefelsäure, ganze zwei Gallonen.

Der Bandit muß das flüssige Feuer ins Gesicht und in die Augen bekommen haben. Und infolge des plötzlichen Schmerzes muß er den Halt verloren haben, denn er fiel durch den ganzen Schacht bis auf die Kohlen im untersten Raum des Schiffes. Sein Geschrei und sein Gewimmer waren unerträglich anzuhören, und ich mußte unwillkürlich an die hungernden Ratten denken, deren Wimmern wir während der ersten Monate der Reise durch denselben Schacht hatten hören müssen. Ich ziehe es vor, daß Männer offen und redlich getötet werden.

Wir verdeckten den Schacht mit unsern Mehlsäcken. Allmählich hörte das Schreien auf – offenbar, weil das Opfer von seinen Kameraden über die Kohlen nach vorn geschleppt wurde. Und doch muß ich bekennen, daß mir den ganzen Nachmittag schlecht war. Zum Glück war Margaret unten, als es geschah. Und als ich wenige Minuten später meine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, befahl ich meinen Leuten, ihr den Vorfall zu verschweigen.

Ja, wir haben auch schon dafür büßen müssen! Gestern hörten wir den ganzen Tag hindurch ein seltsames Geräusch unter dem Boden der Kajüte oder des Decks. Wir hörten es unter dem Eßtisch, unter der Pantry des Hofmeisters, unter Margarets Kajüte. Das Deck ist mit Planken belegt, aber unter den hölzernen Planken ist Stahl. Begleitet von Wada, Louis und dem Steward gingen Margaret und ich diesem seltsamen Geräusch nach, das bald wie das Klopfen von Hämmern, bald wie das Klirren von Meißeln gegen Eisen anzuhören war. Das Klopfen schien von überallher zu kommen, aber wir waren uns einig, daß uns das nur ablenken sollte – die Konzentration auf eine Stelle, die notwendig war, um eine Öffnung zu schaffen, groß genug, daß ein Mann hindurchkriechen könnte, hätte unvermeidlich unsere Aufmerksamkeit auf diese Stelle lenken müssen.

Ich entband Buckwheat deshalb von aller Arbeit an Deck und stellte ihn auf Posten, um den Kajütenboden zu überwachen. Während Margarets Wache sollte ihn dann der Steward ablösen.

Spät am Nachmittag hörte jedes Geräusch auf, nachdem an verschiedenen Stellen wie wahnsinnig gehämmert und gemeißelt worden war. Als ich gegen Mitternacht auf Deck ging, löste Buckwheat wieder den Steward in der Überwachung der Kajüte ab. Und als ich mich an den Kampanjebogen lehnte, während meine vier Wachstunden langsam vorüberglitten, ahnte ich nicht im geringsten, welche Gefahr uns von der Hütte her drohte. Die Schurken konnten vielleicht die Kampanje entern oder in die Wanten und von dem Mittelmast in den Kreuzmast klettern und von dort aus zu uns herunterspringen. Wie sie uns aber durch den Boden angreifen wollten, das wollte mir durchaus nicht einleuchten. Und doch taten sie es.

Es war gegen zwei Uhr morgens geworden, und ich hatte mir schon eine Stunde lang den Kopf zerbrochen, weil aus der Back Rauch aufstieg, und ich durchaus nicht verstehen konnte, warum die Meuterer zu einer so gottverlassenen Stunde Dampf unter der Donkeymaschine aufgemacht hatten. Da kam Wada über das Deck gelaufen.

»Schlimme Geschichte mit Buckwheat«, rief er mir zu. »Kommen Sie ganz schnell.«

Ich überließ ihm meinen Stutzen und befahl ihm, aufzupassen, während ich um das Navigationshaus lief. Zwischen dem Niedergangsluk und dem Rad saß Buckwheat. Er wiegte sich hin und her und schlug mit den Armen um sich, während ihm vor Schmerzen die Tränen aus den Augen liefen. Er hustete schrecklich und rang nach Luft. Ich ging zu ihm hin, und ein einziger Atemzug von dem Gas, das von unten aufstieg, ließ mich nach Luft schnappen und husten. Es war Schwefeldampf, den ich eingeatmet hatte. Im selben Augenblick vergaß ich die Elsinore, die Meuterer und alles andere und dachte nur an eines ...

Ich schoß die Treppe des Niedergangsluks hinunter und irrte ganz schwindlig in dem großen Heckraum umher, während die Schwefeldämpfe mich fast erstickten. Bei dem trüben Schein einer Schiffslaterne sah ich den alten Steward, der, auf Händen und Füßen kriechend, hustend und keuchend den Segelmacher Yatsuda schüttelte, um ihn aus schwerem Schlaf zu wecken. Uchino, der Segelmaat, lag noch immer da und röchelte im Schlaf.

Ich kam auf den Gedanken, daß die Luft näher am Boden vielleicht besser sein würde, und fand es sofort bestätigt, als ich mich auf Knie und Hände legte. Schnell wickelte ich Uchino aus seinen Decken, hüllte mir die Laken um Kopf, Gesicht und Mund, stand dann wieder auf und stürzte in die Diele. Nachdem ich mehrmals gegen die Holzwände geprallt war, legte ich mich wieder auf den Boden und ordnete die Laken so, daß mein Mund zwar bedeckt blieb, es mir aber doch möglich wurde, die Augen freizumachen oder zu verhüllen, wie es mir paßte. Der Schmerz, den mir die Dämpfe verursachten, war schon an sich schlimm genug, am schlimmsten aber war es, daß ich so furchtbar schwindlig wurde. Ich taumelte in die Pantry hinein und wieder heraus, konnte den Quergang nicht finden, wankte durch die nächste Steuerbordtür in den großen Korridor und stieß zuletzt kräftig mit dem Eßtisch zusammen. Ich tastete mich um den Tisch herum, stürzte dann wieder in den Quergang und suchte den Weg nach Steuerbord zu finden. Hier, am Fuß der Treppe zum Navigationshaus fand ich endlich den hinteren Korridor. Jetzt war mein eigener Zustand anscheinend so ernst geworden, daß ich in großen Sprüngen achteraus eilte.

Die Tür zu Margarets Kammer stand offen. Ich taumelte hinein. Als ich das Laken von meinen Augen nahm, erhielt ich eine vage Vorstellung davon, wie es sein muß, wenn man blind ist. Mein Gott, wie mir die Schwefeldämpfe Lunge, Nase, Augen, ja selbst das Gehirn verbrannten und peinigten! In Margarets Kammer brannte kein Licht. Ich konnte nur noch röcheln. Ich taumelte hinein und brach über ihrem Bett zusammen. Sie war nicht da. Ich raffte mich auf und tastete mich weiter. Meine Lunge schrie buchstäblich nach frischer Luft, und der Schmerz, den mir der Schwefel verursachte, war so groß, daß ich nahe daran war, alles aufzugeben.

Da hörte ich aus der Diele ein furchtbares Husten. Das flößte mir neues Leben, neue Kräfte ein. Ich taumelte vom Bett in den Korridor, und es gelang mir, mich auf den Beinen zu halten, bis ich die Diele erreichte. Von dort kroch ich dann auf Händen und Füßen nach dem Treppenhaus. In meiner nächsten Nähe hörte ich jemand röcheln und sich bewegen. Mit Mühe gelang es mir, mich am Geländerpfosten aufzurichten, um zu lauschen. Dann fiel ich über etwas – und fühlte unter meinen Händen den süßen, weichen Körper Margarets.

Wie soll ich den Kampf schildern, den es mich kostete, die Treppe mit ihr hinaufzuklettern? Ein Mal über das andere war ich nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren, und immer wieder fühlte ich mich versucht, den Kampf aufzugeben und mich in der ewigen Finsternis versinken zu lassen. Aber ich stritt mich von Stufe zu Stufe vorwärts. Margaret war vollkommen bewußtlos, und ich mußte auch noch ihren Körper von Stufe zu Stufe hinauftragen. Doch aus all diesen Kämpfen erinnere ich mich, daß ihr warmer, weicher Körper mir das Liebste auf der Welt war ... unendlich viel lieber, als das lächelnde schöne Land, das ich nur als etwas ganz Fernes vor mir sah, lieber als alle Bücher und alle Menschen, die ich je gekannt, lieber als das Deck droben mit seiner herrlichen frischen Luft und dem milden Wind unter dem kühlen, sternenübersäten Himmel.

Und dabei betete ich, daß die Türen des Navigationshauses nicht verschlossen wären! Leben und Tod hingen davon ab.

Endlich erreichte ich die oberste Stufe der Treppe, aber ich war schon zu erschöpft, um aufstehen zu können. Ich schleppte mich am Boden entlang. Es waren in Wirklichkeit nur wenige Fuß von der Treppe bis zur Tür – aber während ich mich diese paar Fuß weiterschleppte, starb ich eines mehrfachen schmerzhaften Todes. Und die Tür stand offen! Sowohl die Tür nach Steuerbord, wie die nach Backbord standen sperrangelweit offen. Und als die Elsinore schlingerte, sauste ein Windzug durch den Gang und füllte meine Lunge mit frischer, kühler Luft. Margaret hinter mir herziehend, schleppte ich mich über die hohe Türschwelle und hörte wie aus weiter Ferne das Brüllen kämpfender Männer und das Knallen der Revolver und meines Stutzens. Und ehe ich in Bewußtlosigkeit versank, sah ich, wenn auch nur traumhaft und entfernt, die scharfen Silhouetten von Männern auf der Kampanje, dunkle Schatten, die hieben, fochten und schlugen ... und das alles überragte der Kreuzmast, klar und hell von meinen Feuerwerkskörpern beleuchtet.

Es gelang den Meuterern nicht, die Kampanje zu erstürmen. Meine fünf Asiaten und die beiden Weißen verteidigten die Festung mit Erfolg, während Margaret und ich bewußtlos dalagen.

Die Sache war an sich ganz einfach. Die modernen Quarantänebestimmungen fordern, daß auf einem Schiff kein Ungeziefer geduldet wird. Im Donkey-Maschinenraum ist deshalb eine vollständige Desinfektionsanstalt eingerichtet. Die Meuterer brauchten also nichts zu tun, als Röhren achteraus über die Kohlen zu legen, ein Loch durch den Doppelboden aus Stahl und Holz in der Kajüte zu bohren, eine Verbindung mit dem Desinfektionsapparat herzustellen, und dann den Kessel zu heizen. Wir wären also von unseren Banditen fast wie die Ratten ausgeräuchert worden.

Wada hatte die eine, der alte Steward die andere Tür des Navigationshauses geöffnet. Sie hatten beide den Versuch gemacht, die Treppe hinabzugelangen, waren aber von den furchtbaren Dämpfen zurückgetrieben worden. Dann hatten sie sich am Kampf beteiligen müssen, um den Sturm auf die Kampanje abzuschlagen.

Erst jetzt, nach fünf bis sechs Stunden, können Margaret und ich wieder unbehindert atmen. Aber meine Lunge war doch nicht so wund, daß ich ihr nicht hätte erzählen können, was sie nach meinem letzten Erlebnis für mich bedeutet.

Liebe ist wirklich etwas Wundervolles. Kein Mann gelangt jemals höher als zur Liebe. Tief, tief unter ihm liegen dann Streben und Streiten aller philosophischen Dunkelmänner. Denn wer nicht geliebt hat, hat die letzte und tiefste Süße des Lebens nicht gekostet.

 

Die letzten vierundzwanzig Stunden haben uns viele Überraschungen gebracht. Erstens hätten wir gestern während der Plattfußwache beinahe unseren alten Steward verloren. Es war einem der Meuterer gelungen, ein Messer durch die Schlitze der Schachtmündung zu stechen und die Mehlsäcke aufzuschneiden. In der Dunkelheit war dann das ganze Mehl hinausgelaufen, ohne daß wir es bemerkt hatten.

Der Mann, der dahinter stand, konnte selbstverständlich nicht durch die Hülle der leeren Säcke sehen, als er aber den Steward in seinen Pantoffeln vorbeischlürfen hörte, schoß er, ohne zu zielen, auf so kurze Distanz, daß er hätte treffen müssen. Zum Glück schoß er dennoch vorbei, aber dem Steward wurden Hals und Backe vom Pulver verbrannt.

Während der Dianawache, um sechs Glasen, kam eine weitere Überraschung. Als ich an der Brüstung der Kampanje stand und Wache hielt, kam Tom Spink zu mir gestürzt. Seine Stimme zitterte merkbar, als er sagte: »Gott sei mir gnädig. Käpt'n, jetzt sind sie da.«

»Wer?« fragte ich barsch.

»Sie«, stammelte er. »Die Gespenster, die bei Kap Horn an Bord kamen, Käpt'n, die drei toten Seeleute. Sie stehen hier achtern, Käpt'n; die drei, neben dem Ruder.«

»Wo sind sie denn hergekommen?«

»Das ist's ja eben, Herr. Sie sind durch die Luft geflogen, sie sind eben Gespenster, Käpt'n.«

Der arme Tom seufzte.

»Aber es sind ja Wanten genug da, so daß sie vom Mittelmast in den Kreuzmast entern konnten«, sagte ich. »Schick mir Wada mal her.«

Als Wada mich abgelöst hatte, ging ich achteraus. Und da standen tatsächlich unsere drei fahlhaarigen Sturmwaisen mit den topasfarbenen Augen. Im Schein der Blendlaterne, die Louis auf sie richtete, glichen ihre Augen mehr als je denen großer Katzen. Und so wahr ich lebe: sie spannen auch noch wie die Katzen – tatsächlich klangen die unartikulierten Laute, die sie hören ließen, ganz wie das Schnurren der Katzen. Es war aber ganz deutlich, daß diese Laute eine freundliche Absicht kundtun sollten. Dann nahmen sie die Mützen ab und legten der Reihe nach meine Hand auf ihre Köpfe. Unzweifelhaft sollte das bedeuten, daß sie mir Gehorsam und Treue schworen und mich als ihren Herrn und Meister anerkannten. Ich nickte mit dem Kopfe. Was konnte ich mit Männern tun, die wie Katzen spannen? Tom Spink knurrte einen leisen Protest, als ich Louis Bescheid gab, sie nach unten zu führen und ihnen die nötigen Bultsäcke zu geben.

Ich bedeutete ihnen durch Zeichen, daß sie schlafen gehen sollten, und sie nickten dankbar, zeigten jedoch zuerst auf ihren Mund und hielten dann die Hand mit vielsagender Miene vor den Leib.

»Ertrunkene Seemänner essen nicht«, sagte ich lachend zu Tom Spink. »Geh mit ihnen hinunter und überwache sie. Und du, Louis, gib ihnen so viel zu essen, wie sie haben wollen. Ihr Hunger ist der beste Beweis, wie es vorn steht.«

Nach einer halben Stunde kam Tom Spink wieder.

»Nun, haben sie gegessen?« neckte ich ihn.

Er ließ sich aber nicht überzeugen. Selbst die ungeheuren Mengen, die sie verzehrt hatten, erschienen ihm verdächtig.

Das dritte Ereignis gab es heute morgen gegen sieben Uhr. Die Meuterer wünschten zu verhandeln, und als Nasen-Murphy, der Malteser-Londoner und der unvermeidliche Charles Davis auf dem Großdeck unter mir standen, sah ich, wie fahl ihre Gesichter waren. Der Hunger war mein bester Verbündeter.

»Nun, was wollt ihr?« fragte ich. »Ich habe nicht viel Zeit für euch, das Frühstück wartet schon.«

Charles Davis wollte sprechen, aber ich unterbrach ihn.

»Mit dir habe ich nichts zu tun, Davis. Vielleicht später, vor dem Gericht, von dem du immer geredet hast.«

Er wollte wieder sprechen, wurde aber von Nasen-Murphy unterbrochen.

»Halt die Fresse, Davis«, knurrte der Bandit, »oder ich stopfe sie dir gründlich.« Er sah zu mir empor. »Wir wollen wieder arbeiten, das ist es, was wir wollen.«

»So bittet man nicht darum«, antwortete ich.

»Käpt'n«, fügte er schnell hinzu.

»Das klingt schon besser«, meinte ich.

»Um Gottes willen, Käpt'n, lassen Sie die Meuterer nicht achteraus kommen«, flüsterte Tom Spink mir schnell ins Ohr. »Dann ist es aus mit uns.«

Ich tat, als hörte ich nichts und wandte mich wieder zu den Banditen.

»Nichts ist so gut wie Arbeit, wenn ihr es ebenso eifrig wünscht, wie ihr schlecht ausseht. Ich denke, ihr werdet alle Segel setzen, um mir zu zeigen, daß ihr es ehrlich meint.«

»Wir möchten gern zuerst was zu essen haben, Käpt'n«, wandte er ein.

»Und ich möchte euch zuerst mal die Segel setzen sehen«, lautete meine Antwort. »Und es ist gut, wenn ihr gleich einseht, daß ihr hier auf dem Schiff immer tun müßt, was ich wünsche.«

Nasen-Murphy zögerte und sah den Malteser-Londoner an, um einen Rat von ihm zu erhalten. Der überlegte, indem er prüfend nach oben sah und die Arbeit abschätzte. Schließlich nickte er.

»Jawoll, Käpt'n«, erklärte der Bandit. »Dann werden wir das tun ... aber könnten Sie nicht unterdessen kochen lassen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich denke nicht daran. Wenn alle Segel gesetzt und alle Rahen gebraßt und der ganze Dreck ordentlich getrimmt ist, sollt ihr euer Futter kriegen. Den Besan und die Kreuzmastbrassen könnt ihr lassen ... das ist immerhin eine Erleichterung.«

Als sie aufenterten, sah man, wie entkräftet sie waren. Der arme Sundry Buyers hielt sich immerfort den Bauch, während er um den Achterkaapstand herumlief. Und nie hatte das Gesicht Nancys so verzweifelt und hoffnungslos ausgesehen wie jetzt, als er auf Befehl des Malteser-Londoners aufenterte, um das Mittelobermarssegel loszumachen.

Da ich gerade dabei bin, muß ich von einem herrlichen Wunder berichten, das sich vor unseren Augen abspielte. Sie waren im Begriff, mit dem einen Patentspill die Mitteloberbramrahe aufzuholen. Obgleich es ein Doppelspill war, so daß die Kraft, die sie benötigten, um die Hälfte herabgesetzt wurde, schien es doch eine schwere Arbeit für sie zu sein. Lars Jacobsen humpelte mit seinem gebrochenen Bein herum, und Sundry Buyers, der Griechen-Tony, Bombini und Mulligan Jacobs halfen ihm. Murphy nahm den Törn. Als sie vor Überanstrengung eine Pause machen mußten, fiel Murphys Blick zufällig auf Davis ... den einzigen, der seit den ersten Tagen der Reise keine Hand zur Arbeit gerührt hatte und es auch jetzt nicht tat.

»Faß mit an, Davis«, rief der Bandit.

Der Seerechtsverdreher guckte den anderen verblüfft an, ehe er antwortete:

»Fällt mir gar nicht ein.«

Murphy gab Sundry Buyers ein Zeichen, daß er einspringen sollte, reckte sich, trat dicht an Charles Davis heran und wiederholte dann ganz ruhig:

»Na, wird's bald?«

Das war alles. Keiner von ihnen sagte sonst etwas. Es schien, als ob Charles Davis sich die Sache einen Augenblick vom rein juristischen Standpunkt aus überlegte. Die anderen sahen keuchend zu ... alle mit Ausnahme Bombinis, der sich über das Deck schlich, bis er unmittelbar neben Murphy stand.

Unter diesen Umständen war der Entschluß, den Davis faßte, der einzig richtige.

»Also schön«, sagte er.

»Du kannst Erlaubnis kriegen, mit einem Spaaken herumzugondeln«, sagte Murphy.

Der Seerechtsverdreher war zu schlau, um eine Dummheit zu machen. Er wußte genau, daß es Leben und Tod galt, er humpelte zum Kaapstand hinüber und nahm seinen Platz ein. Unsere Leute traten an die Kampanjebrüstung, um das herrliche Schauspiel, Davis arbeiten zu sehen, zu genießen.

All das schien Nasen-Murphy Spaß gemacht zu haben, denn während er die Klinken ausdrehte, faßte er Davis kritisch ins Auge.

»Mehr Knochenfett!« herrschte er ihn an.

Und Davis nahm sich sichtlich zusammen.

Das war indessen zuviel für unsere Leute, und alle, selbst die Asiaten, begannen zu lachen und Beifall zu klatschen. Was konnte ich dagegen tun? Es war eben ein Festtag für uns, und unsere Getreuen hatten sich das bißchen Unterhaltung wahrlich verdient. Ich tat deshalb, als ob ich diesen Bruch der Disziplin gar nicht bemerkt hätte, und schlenderte mit Margaret achteraus. Am Steuer stand eine unserer Sturmwaisen. Ich ließ ihn den Kurs auf Valparaiso nehmen und schickte dann den Steward in die Kajüte, um Proviant für eine ordentliche Mahlzeit für die Meuterer zu holen.

»Und wann kriegen wir wieder was zu essen, Käpt'n?« fragte Nasen-Murphy, als der Steward ihm den Proviant von der Kampanje herab übergab.

»Zu Mittag«, antwortete ich. »Und solange du und deine Bande eure Arbeit tut, kriegt ihr dreimal täglich was. Aber die Schiffsarbeit muß gemacht werden, und willig! Sonst kriegt ihr nichts mehr zu essen. Verstanden? Und jetzt macht, daß ihr voraus kommt.«

»Noch eins, Käpt'n«, sagte er schnell. »Es geht Bert Rhine verflucht dreckig. Er kann nicht sehn, Käpt'n. Sein Gesicht wird ganz aufgefressen von der dreckigen Säure. Er winselt immerfort.«

Ich wählte verschiedene Medikamente aus der Schiffsapotheke, um dem mit Säure verbrannten Zuchthäusler etwas zu helfen. Und als ich hörte, daß Murphy mit einer Morphiumspritze umzugehen verstand, überließ ich ihm eine.

Dann arbeitete ich mit dem Sextanten, und ich glaube, es gelang mir ganz gut, gegen Mittag die Sonne zu nehmen und die Observation auszuarbeiten. Den ganzen Nachmittag schob eine leichte nördliche Brise die Elsinore mit einer Fahrt von fünf Knoten durch die See. Wir hielten östlichen Kurs, um Land anzusegeln, wo Gesetz und Ordnung herrschten. Hatten wir erst den Hafen von Valparaiso erreicht, so nahmen sich die Behörden an Land schon der Meuterer an.

Gestern habe ich die drei Topasäugigen auf eine schwere Probe gestellt. Margaret und ich hatten die Sache eingehend besprochen. Sie ist fest überzeugt, daß die Leute vor dem Mast gar nicht daran denken, sich ohne weiteres an die Gefängnisse in Valparaiso ausliefern zu lassen. Wir nehmen an, daß sie die Absicht haben, die Elsinore, sobald Land in Sicht ist, in den Booten zu verlassen. Und wenn man bedenkt, welche verrückten und verbitterten Leute wir vor dem Mast haben, ist es durchaus nicht undenkbar, daß sie, bevor sie das tun, die stählernen Seiten der Elsinore unter der Wasserlinie anbohren. Um ein Uhr morgens purrte ich deshalb unsere Sturmwaisen heraus. Zwei von ihnen nahm ich zu einem kleinen Angriff auf die Boote mit, den dritten ließ ich zur Überwachung der Kampanje bei Margaret zurück. Neben ihm stand der Steward mit seinem großen Hackmesser. Ich gab ihm und seinen beiden Kameraden, die mit mir gehen sollten, durch Zeichen zu verstehen, daß sie bei dem ersten Anzeichen eines Verrates niedergemacht würden.

Ferner ließ ich Tom Spink und Buckwheat bei Margaret, während Wada, die japanischen Segelmacher, Louis und die beiden andern Topasäugigen mich begleiten sollten. Außer den Schießprügeln hatten wir auch Äxte. Wir kamen, ohne bemerkt zu werden, über das Deck, erreichten die Brücke am Mittschiffshaus, zur Decke des Vorderkastells. Hier lagen die Boote, die wir zuerst in Angriff nehmen wollten. Bevor wir aber begannen, rief ich den Ausguck von der Galion zu mir.

Es war Mulligan Jacobs. Er bahnte sich den Weg durch die Überreste der Laufbrücke und kam furchtlos zu mir heran, so verbittert und unversöhnlich, wie er stets gewesen.

»Jacobs«, flüsterte ich. »Du wirst hier neben mir stehenbleiben, bis wir alle Boote zerschlagen haben. Verstanden?«

»Als ob ich deshalb Angst hätte«, knurrte er. »Meinetwegen könnt ihr machen, was ihr wollt, mir ist es schnuppe. Ich weiß schon, was ihr euch ausbaldowert habt. Und ich weiß auch, was die Scheißkerle da unten ausgeheckt haben. Sie wollen sich in den Booten dünne machen. Und jetzt wollen Sie die Boote zerschlagen und die ganze Bande ins Kittchen bringen.«

»Scht ...« Ich suchte ihn vergeblich zum Schweigen zu bringen.

»Was denn?« fuhr er so laut wie je fort. »Die pennen alle schon, wie die heut gefressen haben. Selbst Rhine schnarcht. Ein paar Stiche mit der schönen Nadel, die sie ihm gaben, haben dem ewigen Gewimmer ein Ende gemacht. Nur los! Schlagen Sie die Boote kaputt! Mir kann's schnuppe sein. Mir ist mein Buckel immer noch mehr wert als alles Gesindel in dieser lausigen Welt.«

»Aber wenn du so denkst, warum hast du nicht zu uns gehalten?« forschte ich.

»Weil ihr mir ebenso ekelhaft seid, wie die Bande dort unten. Auf die pfeife ich, aber euch kann ich schon gar nicht vertragen. Ich kümmere mich nur um mich selbst und um meinen Buckel, der mir Beweis genug ist, daß es keinen Gott gibt.«

»Dann schließ dich uns jetzt an«, sagte ich, um ihm etwas entgegenzukommen. »Später wirst du dann einen leichteren Stand haben.«

»Scheren Sie sich zum Teufel!« sagte er. »Knallt sie meinetwegen zu Mus. Aber mit dem Gesetz könnt ihr mir nicht bange machen. Die Natur hat mich zum Krüppel gemacht, und ich bin viel zu schwach, um eine Hand gegen die Meuterer zu erheben.«

»Nun, wie du willst«, sagte ich.

»Das fehlte nur, daß ich nicht tun dürfte, was ich will«, brummte er.

»Mit dem vollen Bauch hast du deine große Schnauze wiederbekommen«, knurrte ich. »Wer hat denn die Sache mit dem Schwefel gemacht?«

»Ich werde den Mann nicht bei Ihnen verpfeifen, aber ich hab' ihn ehrlich beneidet, bis ich sah, daß sein Plan zu Essig wurde. Und wer hat denn die verdammte Idee gehabt, Rhine Schwefelsäure in die Fresse zu schmeißen? Seine ganze Galion ist für immer verschamfiert.«

»Das erzähle ich dir nicht«, erklärte ich. »Aber ich freue mich, daß es nicht meine Idee war.«

Erst als wir unsere Arbeit beendet hatten, fand ich Zeit, über dieses mystische Geschöpf nachzudenken. Mulligan Jacobs hätte Künstler – ein Dichter und Denker – werden können, wäre er nicht mit einem Buckel zur Welt gekommen!

Wir zertrümmerten also sämtliche Boote. Mit Äxten und Hämmern war die Arbeit leichter, als ich gedacht hatte. Auf den Decken beider Hütten ließen wir die Wracks der zerschlagenen Boote liegen. Die Leute im Volkslogis wurden natürlich durch den Lärm aus dem Schlaf gepurrt, aber sie machten keinen Versuch, uns an der Arbeit zu hindern.

Und hier muß ich Kritik an den Verfassern der üblichen Seemannserzählungen üben. Eine Schar von Männern vor dem Mast, verzweifelte Männer, die eine Reihe von verzweifelten Taten begangen und innerhalb nicht vieler Tage Zuchthaus und Galgen zu erwarten hatten, konnten eigentlich nichts tun als kämpfen. Aber diese Männer rührten keine Hand, als ihre letzte Möglichkeit, diesem Schicksal zu entrinnen, vernichtet wurde.

»Aber wo haben die Kerle eigentlich den Proviant herbekommen?« fragte mich der Steward später.

Diese Frage hat er mir jeden Tag gestellt, seit Pike sich den Kopf damit zu zerbrechen begann. Jedenfalls wird sie ja vor dem Gericht in Valparaiso geklärt werden. Ich bin aber überzeugt, daß der Steward mich inzwischen täglich fragen wird.

 

»Es ist Mord und Meuterei auf hoher See«, sagte ich heute morgen zu den Matrosen, als sie achteraus gekommen waren, um sich über die Vernichtung der Boote zu beschweren und gleichzeitig meine Absichten zu erfahren. –

Von der Brüstung der Kampanje aus betrachtete ich die jämmerlichen Wracks. Seit wir Baltimore verließen, hatten schon drei Männer diesen Platz eingenommen, alle drei starke Männer, die dennoch längst dahingegangen waren – der Samurai, Pike und Mellaire. Und jetzt stand als vierter ich selber da. Und die Aufgabe der Elsinore in dieser Welt wurde weiter vollbracht wie bisher.

Dort unten stand Bert Rhine – sein Gesicht war in Verbände gehüllt, und ich gestehe offen, daß ich unwillkürlich eine gewisse Achtung vor ihm hegte. Auf seine Art war auch er ein Herrscher. Nasen-Murphy und Bub Twist standen dicht neben ihrem schwer getroffenen Führer. Er wollte lieber sein Gerichtsurteil hinnehmen, statt an Bord zu verrecken oder bestenfalls zu erblinden.

Die Mannschaft war unter sich uneinig. Und soviel ich sehen konnte, war es Chantz, der die Revolte gegen den Banditenführer leitete. Seine Wunde genügte, ihn in den Augen eines jeden Gerichts in der Welt schuldig erscheinen zu lassen, und das wußte er. Ihm schlossen sich der Malteser-Londoner, Andy Fay, Arthur Deacon, Fitzgibbon, Richard Giller und John Hackey an. Eine weitere Gruppe, die immer noch zu den Banditen hielt, bestand aus Leuten wie Shorty, Lars Jacobsen, Sörensen und Larry. Das bedeutendste Mitglied dieser Gruppe war Charles Davis. Eine dritte Gruppe bestand aus Sundry Buyers, Nancy und dem Griechen-Tony. Sie verhielt sich neutral. Und Mulligan Jacobs endlich bildete eine Gruppe ganz für sich, ohne Verbindung mit der einen oder anderen Partei.

»Was wollen Sie mit uns machen, Käpt'n«, fragte Chantz, ohne sich um die Banditen zu kümmern, die gedacht hatten, wie bisher das Wort zu führen.

Bert Rhine drehte sich zornig nach dem Klang der Stimme um. Chantz' Anhänger schlossen sich enger um ihn zusammen.

»Euch einsperren lassen«, antwortete ich. »Und ich werde dafür sorgen, daß ihr gehörig bestraft werdet.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, gab Chantz zurück.

»Halt das Maul, Chantz«, befahl Bert Rhine.

»Du wirst schon dein Teil kriegen, du verfluchter Bandit«, fauchte Chantz, »und wenn ich selbst es dir geben sollte«.

Ich fürchte, daß ich doch nicht so ganz der Mann der Tat bin, der zu sein ich mir einbildete. Denn ich wurde von dem spannenden Drama, das sich hier unter mir entrollte, mitgerissen und übersah anfangs ganz, daß es sich in eine Tragödie zu verwandeln drohte.

»Bombini!« rief Bert Rhine.

Seine Stimme war gebieterisch. Es war der Herr, der den Hund rief, welcher ihm »bei Fuß« folgt. Und Bombini gehorchte. Er zog sein Messer und näherte sich Chantz. Aber dessen Anhänger ließen ein tiefes, tierisches, drohendes Knurren hören. Bombini zögerte und blickte den Führer an, dessen Gesicht er infolge der Verbände nicht sehen konnte, und der auch ihn nicht sah.

»Da tust du mal was Gutes«, ermunterte ihn Charles Davis.

»Halt die Schnauze, Davis!« ertönte aus den Verbänden Bert Rhines Stimme.

Bub Twist zog seinen Revolver, stieß Bombini damit in die Seite und richtete ihn dann auf Chantz. Tatsächlich empfand ich einen Augenblick Mitleid mit dem Italiener, der zweifellos wie eine Laus zwischen zwei Nägeln saß.

»Bombini, stich den Kerl nieder«, befahl Bert Rhine.

Der Italiener machte wieder einen Schritt vorwärts, und Schulter an Schulter mit ihm rückten Nasen-Murphy und Bub Twist vor.

»Ich kann den Burschen nicht sehen«, fuhr Bert Rhine fort, »aber beim Teufel, ich will ihn sehen.«

Und mit einer einzigen, männlich tapferen Bewegung riß er sich den Verband vom Gesicht. Die Qualen, die er empfand, mußten unbeschreiblich sein. Ich sah, wie grauenhaft entstellt sein Gesicht war, aber die Sprache besitzt keine Worte, es zu beschreiben. Ich merkte, daß Margaret, die dicht neben mir stand, schauderte, daß sie nach Luft rang, als sie ihn sah.

»Bombini – stich ihn nieder«, wiederholte der Bandit. »Und stich jeden nieder, der zu mucksen wagt. Murphy, sorg dafür, daß Bombini tut, was er soll.«

Murphy hatte seinen Dolch gezogen und die Spitze dem Bravo auf den Rücken gesetzt. Bub Twist hielt die anderen mit seinem Revolver in Schach. Und alle drei rückten wieder vor. Jetzt aber raffte ich mich auf und ging vom Träumen zur Tat über.

»Bombini –«, sagte ich barsch.

Er blieb stehen und sah zu mir auf.

»Bleib stehen, wo du bist«, befahl ich. »Ich habe einige Worte zu sagen. Chantz! Mach keine Dummheiten. Rhine führt das Kommando vor dem Mast. Du hast seinen Befehlen zu gehorchen, bis wir Valparaiso erreicht haben, dann kannst du mit ihm ins Kittchen spazieren. Inzwischen hast du zu tun, was er befiehlt. Verstanden? Also richte dich danach! Ich stehe hinter Rhine, bis die Polizei an Bord kommt. Bombini, du hast alles zu tun, was Rhine von dir verlangt! Ich knalle den Mann nieder, der sich dir in den Weg stellt. Deacon, fort von Chantz! Hinüber zur Nagelbank!«

Alle kannten den Strom von Blei, den mein Stutzen ausspeien konnte, auch Arthur Deacon. Er zögerte nur eine Sekunde, dann gehorchte er.

»Fitzgibbon, Giller, Hackey!« rief ich, und wieder gehorchten alle. »Fay!« Ich mußte zweimal rufen, ehe er antwortete.

Jetzt stand Chantz allein, und Bombinis Mut wuchs.

»Chantz«, sagte ich, »überleg dir, ob es nicht gesünder für dich wäre, Vernunft anzunehmen und zu den andern an die Nagelbank zu gehen.«

Er überlegte nur wenige Sekunden, dann steckte er sein Messer ein und tat, wie ich befahl.

»Rhine –«, sagte ich.

Er wandte mir sein verbranntes Gesicht zu.

»Solange Chantz deinen Befehlen gehorcht, läßt du ihn in Ruhe. Wir haben jetzt alle Hände nötig, um das Schiff manövrieren zu können. Dann kannst du Murphy zu mir schicken – ich werde ihm das Beste, was wir in der Apotheke haben, für dich geben. Das ist alles ... jetzt alle Mann voraus!«

Und sie trollten sich, geknechtet und mutlos.

 

Es ist nicht viel mehr zu schreiben. Die Meuterei an Bord der Elsinore ist vorbei. Der erste Abschnitt von der Reise der Elsinore nähert sich seinem Ende. In höchstens zwei Tagen laufen wir in Valparaiso ein. Und dann wird die Elsinore nach Seattle weitersegeln, als ob eine ganz neue Reise begänne.

Nur noch eines habe ich zu berichten, und dann wird dies seltsame Logbuch einer seltsamen Fahrt beendet sein. Erst gestern geschah es. Und ich bin noch ganz berauscht davon und von der Freude über die Verheißung, die es enthielt.

Margaret und ich verbrachten heute die letzte Stunde der Plattfußwache miteinander auf der Kampanje. Es war ein wunderbares Gefühl, wieder zu spüren, wie die Elsinore unter dem leisen Druck des Windes auf ihre Segel ruhig durch die glatte See glitt. Im Schutz der Dunkelheit hielten wir uns eng umschlungen und sprachen von Liebe und Liebesplänen. Und ich schäme mich durchaus nicht, offen zu gestehen, daß ich mich für schnelle Erledigung aller Formalitäten einsetzte. Ich war dafür, daß wir, sobald wir in Valparaiso eingelaufen waren, eine neue Mannschaft und neue Offiziere für die Elsinore heuern sollten. Uns selbst sollten Schnelldampfer und Schnellzüge so schnell wie möglich nach Hause bringen. Außerdem gab es auch in Valparaiso Trauscheine und Pfarrer, so daß wir, ehe wir weiterreisten, heiraten konnten.

Aber Margaret war unerschütterlich. Die Wests hätten immer treu zu ihren Schiffen gehalten, sagte sie. Sie hätten stets ihre Schiffe entweder in den Bestimmungshafen gebracht oder wären mit ihnen zugrunde gegangen. Die Elsinore sei von Baltimore nach Seattle mit einem West als Kommandant gechartert. Die Elsinore müsse folglich in Valparaiso neue Besatzung heuern und mit einem West an Bord nach Seattle weiterfahren.

»Aber bedenke doch, Liebling«, wandte ich ein, »die Reise wird noch Monate dauern! So denk doch an all die langen, langweiligen Monate«, klagte ich.

»Du süßer Dummkopf«, lachte sie. »Verstehst du denn nicht ...«

»Ich verstehe nur, daß es noch viele tausend Meilen von Valparaiso nach Seattle sind«, antwortete ich.

»Du willst einfach nicht verstehen«, erklärte sie herausfordernd.

»Ich bin ein Dummkopf«, gab ich zu. »Ich weiß nur eines: ich begehre dich, Margaret. Ich begehre dich.«

»Du bist sehr, sehr lieb, aber du bist auch furchtbar dumm.« Sie nahm meine Hand und hielt sie an ihre Wange.

»Was merkst du jetzt?« fragte sie.

»Eine heiße Wange, eine sehr heiße Wange.«

»Sie ist heiß, weil ich mich schäme zu sagen, was du mich durch deine Dummheit zu sagen zwingst«, erklärte sie. »Du hast ja selbst schon gesagt, daß man in Valparaiso Trauscheine und Pfarrer bekommen kann ... und dann ... dann ...«

»Du meinst also ...« stotterte ich.

»Ja, eben, das meine ich«, bestätigte sie.

»Und die Fahrt von Valparaiso nach Seattle, an Bord der Elsinore, soll also unsere Hochzeitsreise sein?« fuhr ich fort.

»Die vielen tausend Meilen, die langen langweiligen Monate ...«, wiederholte sie mit meiner eigenen Betonung, bis ich ihren Mund mit meinen Lippen schloß.

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