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Gutenberg > Hermann Stehr >

Meta Konegen

Hermann Stehr: Meta Konegen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typedrama
authorHermann Stehr
titleMeta Konegen
publisherS. Fischer, Verla
year1904
firstpub1904
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120214
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Vierter Akt

Wohnzimmer der Konegschen Familie, ein gemächlicher, großer Raum mit einer guten Einrichtung aus Eichenholz. In der Hinterwand: links Balkontür, nach rechts zwei Fenster. In der rechten Wand: nach hinten Tür zum Flur, nach vor Tür ins Schlafzimmer der Kinder. Beide Türen sind mir Portieren aus graugrünem Tuch verwahrt. An der linken Wand: nach vorn Sofa mit Lederbezug, ein großer Tisch davor, hochlehnige Rohrstühle darum, Pianino, daneben Notenschrank. An den Wänden wenige gute Bilder, Gehörne und Geweihe. Auf zwei Stühlen zwischen den Türen liegen Damenreisemantel und -hut, Reisetasche und Schirm. Ein brauner Lederkoffer steht davor. Auf dem Pianino eine Tischlampe, auf dem Tisch einige geöffnete Briefkartons, Schreibzeug.

Es ist gegen ½ acht Uhr abends, am Tage der Ereignisse des dritten Aktes. In das erste Abenddämmern zittert das schüchterne Silber des sich vollendenden Mondes.

Willy sitzt auf einem Stuhl am Fenster und tuscht eifrig mit Wasserfarben in ein Heft. Urselchen sitzt artig, die Händchen im Schoß, am Tisch und sieht von Zeit zu Zeit gespannt nach Meta hin, die neben ihr schreibt.

Sie trägt das nämliche Reisekleid, ist blaß und gramvoll-ernst.

Urselchen, nach einigem Stillsitzen. Na, Muttel, siehste, ich bin ganz stille. Ich red gar nich. Ich lass dich immer-, immerfort schreiben, gell, Muttel.

Meta, ungeduldig, ohne im Schreiben innezuhalten. Urselchen! Sieht einen Augenblick das Geschriebene durch, faßt erregt nach dem Blatt, es zu zerreißen. Ach!

Urselchen. Ja, ja; zerreiß den Brief, immer zerreiß 'n. Das Blatt krieg ich aber, Muttel! Willy hat schon zwei gekriegt.

Willy, um Ursel zu ärgern. Nee, ich hab dreie. Eins, zwei, drei. Ja, dreie!

Urselchen, weinerlich. O – och! Dreie, Muttel, dreie!!

Meta hat indessen den Brief nochmal überlesen, adressiert, in den Umschlag gesteckt; legt ihn vor sich hin und starrt auf die Adresse. Atmet schwer aus. So …

Urselchen. Bist du jetzt ganz, ganz, ganz fertig mit dem Schreiben?

Meta, mit unbewegtem, schmerzvoll–ernsten Gesicht. Ja. Jetzt bin ich ganz fertig. Reißt sich hastig vom Stuhl auf. Ruf mal die Anna.

Willy springt auf. Ich wer gehn, Muttel.

Urselchen, mit Willy zugleich, weinerlich vom Stuhl rutschend. Muttel! Sieh doch, Muttel! Du!!

Meta. Nein, Willy, du bist mit deiner Arbeit noch nicht fertig, und es ist schon halb acht.

Willy geht mißmutig wieder ans Fenster. Der Müller Leo kann schon Löwen tuschen und Blumen und alles und ich muß immerfort braune, grüne und blaue Dreiecke malen.

Meta, in sich steigernder Heftigkeit. Willy – gleich setzt du dich! Gleich, gleich!! – Du sollst dir diese weinerliche Widersetzlichkeit abgewöhnen! – Nun, wird's bald?! Nach einem Moment starrer Besinnung umschlingt sie den Knaben, erschüttert. Willy, liebes Willychen, ich bitte dich, sei artig. Willy … Richtet sich auf; zu Ursel. Nun geh und ruf!

Urselchen ruft gellend. Anna! – Anna!! – Anna!!! –

Meta. Urselkind, du sollst nicht immer das Haus so Vollschrein! Zieht sie am Arm zurück. Das geht einem ja durch Mark und Bein. Sei doch bloß stille, da kommt ja die Anna schon.

Anna, noch auf dem Flur; überstürzt, atemlos. Ich war eim Garten drunten war ich. Im Zimmer, sich die Schürze glatt streichend. Da hert ma's zu schlecht, wenn eim Hause und's ruft ees. Fingert Urselchen mit plumper Zärtlichkeit am Kinn. Ursela, Ursela! Kille, kille, kille! Zu Meta. Was soll ich 'n? Metas angewidertes Gesicht falsch deutend. Ach a so. Gun Amd, gnädge Frau!

Meta. Mach vor allem erst die Tür zu.

Anna tut es, sich ausscheltend. Nee, ma is schon manchmal eene tumme Büchse!

Meta. Geh mal zum Marche Bauer und sag ihm, er dürfe mich heute abend nicht zur Bahn fahren.

Anna. Da wird er erst ein Gesichte machen. Er war schon grandig, wie ich und bestellte de Vier-Fuhre ab. Sie wissen ja, wie er glei grob wird.

Meta. Es tut mir leid, aber ich kann's nicht ändern. Sag ihm, ich habe soeben ein Telegramm erhalten und müsse vor der Abfahrt noch etwas im Dorfe besorgen. Deshalb wolle ich den Weg zu Fuß machen. Da gib ihm zwei Mark als Entschädigung für seine Bemühungen.

Anna. Sie haben eene Tepesche gekriegt – hmhm –. Wie's aso mit da Tepeschen etze flink geht.

Willy. Muttel, zeig mir mal die Depesche.

Anna. Nee, nee, so ne Tepeschen dirfen kleene Kinder nich sehn, Willy!

Meta. Diese Tasche und den Koffer nimmst du gleich mit. Du wirst doch beides ertragen!

Anna versucht. O – ja, es wird schon gehn.

Meta. Der Marche Hof liegt ja am Wege. Du nimmst die Sachen gleich mit, gibst sie mit diesem Brief im Hotel zum Schwan ab und wartest auf Antwort. Dann kommst du sofort wieder nach Hause, hörst, sofort. Daß du mir nicht wieder mit jedem Menschen unterwegs plauderst, wie es deine Mode ist.

Anna. Schön. Den Brief dahin. Wie Sie scheen schreiben kenn! An – nee, o a Herrn Kullmann! Ja, der is dahier eim Dorfe? Nee aber!

Meta, gepreßt. Er hat mir soeben depeschiert. – Also, er wird mir die Sachen einstweilen aufgeben. Er fährt heute hier durch und hat eine Stunde Aufenthalt, er … aber du hast doch weiter nichts zu sagen! Als … Schritte nahen, die Tür wird geöffnet. Anna, geh mal weg, die Therese will rein.

Therese. Da geh och schon aus 'm Wege, wenn du siehst, daß jemand rei will. Zu Meta. Gun Abnd. Auf die Sachen sehend. Nu, nu! – Stützt die Arme in die Hüften und nimmt Anna aufs Korn, sie von Kopf zu Fuß musternd. Wo warscht 'n di etze a so lange?

Anna, überlaut lachend. Wo wer ich 'n gewesen sein? Eim Garten war ich und hab das Gras aus a Gängen gehackt.

Therese äfft Annas hohe Stimme verächtlich nach. 's Gras aus a Gängen gehackt! Ja! Grimmig–verhalten. Und zu dem Gemache mußt du dir eene Blumenschirze mit Krausen ummachen?! – – – Ich wer drsch besser sagen, eim Pfarrhofe bist du gewesen, Lügenmaul!

Anna. Da soll mich Gott of 'm Flecke erschlagen. Frau, Sie wissen's, ich hab bale, wie ich reikam, gesagt, daß ich aus 'm Garten komm. Gell, Willy, du hast's doch gehört!

Willy, gewichtig. Ja, Therese, 's is wahr.

Anna. Na, da hast du's!

Therese. Nischt is wahr. Jetze grade hat mirsch de Petzolten, das Botenweib, gesagt, die hat dich rauskommen sehn, hinten iber die Stufen runder.

Meta. Du warst auf dem Pfarrhofe? – Was hast du denn dort zu suchen?

Anna, verstockt. Ich war nich, abgemacht Seefe! De Leute wissen nischt wie of eem rumtrummln. Ich hab's bale dicke. Glooben Sie mir oder der Petzolten, die mehrschtenteels besoffen is, daß se nich weeß, ob se a Mann is oder a Weib. Das is mr etze bale egal.

Meta will etwas sagen, überwindet sich finsteren Gesichts, tritt ans Fenster und sieht schwer atmend hinaus.

Anna, etwas leiser, doch eifrig. Und wenn ich au und wär gewesen! Ich bin katholsch und der Herr Pfarr, ha, wen hätt 'n mei Vater gehabt, wie er eim kleen Budel lag mutterseelenalleene und kunde sich nich riehrn!

Therese. Vor Besoffenheet.

Anna. De Gicht hatt' a.

Therese. Ei dr Gurgel.

Meta, zu Anna. Gib den Brief wieder her! Tritt an den Tisch, setzt sich und beginnt einen neuen zu schreiben.

Urselchen hat die ganze Zeit abgeschlagen in der Sofaecke gelegen. Vom Geräusch des Stuhlrückens erwacht sie, fährt auf und sieht sich fremd um. Sie erblickt Therese, auf sie zu. Therese, Therese, ich bin dir gut.

Therese. Nu, das is scheen, da free ich mich aber. – Nee, nee, Kindel, dei Kopp brennt halt doch gar zu sehr. Zu Meta hinüber. Frau, mit dem Kinde wern mr was machen missen. Ma weeß doch nie. Das Frühjahr is mit 'm Scharlache wieder gar zu schlimm eim Dorfe drunten. Da liege se och Haus um Haus, wie ma hern kann.

Meta. 's is gut, Therese.

Therese. Freilich kenn Se machen, was Se wollen. Ich wollt Ihn bloß das eene geraten haben. Die Anna trägt aus und das gehörig.

Anna. Da hert's doch vollds uf!!

Therese. Jawoll! Wenn du wo a Maul voll ufschnappst, da leefst du eim ganzen Kreese rum und machst a Fuder draus. Im Abgehn. Blas dich och uf, auch kee Wort nehm ich zurücke. Noch einmal ins Zimmer zurücksehend. Das beste wärsch, die kriegte a Laufpaß.

Urselchen läuft auf die Tür zu. Therese! – Therese!!

Meta hat den Brief beendet, nimmt das Kind von der Türe weg, kniet vor ihm nieder und küßt es prüfend immer wieder auf die Stirn. Nicht wahr, Urselchen, es tut dir nichts weh. Mußt mir's sagen. Etwa hier? Oder hier?

Urselchen. Nein, gar nichts. Bloß manchmal ein bißchen Karusselfahren tut's. Weißt du, Muttel, Sofa tanzen und Fenster und Tür und alles, aber das is hübsch. Beginnt mit fiebernder Lustigkeit umherzutanzen.

Meta, starr auf das Kind sehend, mit wunder Stimme flehend. Urselchen, setz dich, ja Kindchen, setz dich! Da sieht sie, daß Anna am Koffer herumbastelt. Laß! Stell den Koffer vor den Stuhl, Gib mir die zwei Mark wieder, ich werde fahren.

Anna, unterwürfig. Weger dem, ich hätt 'n schon ertragen.

Meta. Hier, gib nur den Brief unten im Schwan ab und warte auf Antwort.

Anna. Ja, ich geb 'n ab und wart.

Meta. Und kommst schnell mit der Antwort wieder her. Ein Brettwagen fährt auf der Straße und hält in der Nähe

Anna, strahlend. Richtig! Ein Peitschenknall. Schon gut, ich wer's schon machen, ich wer mich schon vertefentieren. Sie bewegt sich der Tür zu.

Stimme der alten Therese im untern Hausflur. Anna! Du! Komm a mol her. Herkommen, due!! Der Bretterwagen fährt ab.

Willy reißt die Balkontür auf. Anna! – Anna!!

Meta. Um Gotteswilln, Junge, schrei du noch vollends, und daß du runterfällst. Das fehlte grade noch. Laß sie. Laß sie. Läßt sich erschöpft auf einem Stuhle nieder. Kommt, Kinder, zu mir. Urselchen, langsam, fall nicht. Sie drängen sich zwischen ihre Kniee, sie küßt sie leidenschaftlich. Dann mit tiefem Schmerz. Kinder! – Kinder!! Ihr Ruf endet in verlorenem Sinnen.

Willy. Ja, wär ich da tot, wenn ich vom Balkon runterfalle. Auf 'n Kopp, was?

Meta, schon hingenommen. Denk doch, die zwei Stock und unten die Sandsteinfliesen.

Willy. Käm da viel Blut raus? Aus 'm Leibe auch? Und aus 'm Beine, was?

Meta, in sich gesunken, mit schwimmender Stimme. Geh, mach's Fenster auf, daß ich den Wald rauschen höre.

Willy folgt. Aber er ist ganz stille.

Meta, verwundert. Er ist ganz stille? Wirklich, Aber er hat doch immer gerauscht um die Abendzeit? – immer – und nun auf einmal ist er stille? – totenstill …

Urselchen. Muttel, du?

Meta, dumpf. Was?

Urselchen. Haben die Bäume auch Kopfschmerzen?

Meta, ohne hinzuhören, ins Leere … gar nicht heruntergehn sollt ich, da war alles anders.

Urselchen. Und wenn der Wald stille is, ganz still, is er da gestorben?

Meta … es ist eben mein Schicksal … Zusammenfahrend. Sprich nicht vom Sterben, Kind!

Urselchen. Wie ein Mensch, ja?

Meta reißt beide im Schmerz an sich. Kinder – Urselchen – Junge – Willy! –

Urselchen beginnt zu weinen, Bleib da, Muttel, fahr nich fort, Muttel.

Meta. Du willst doch nicht auch weinen, Willy, du großer Junge? – Nein, nein Urselchen, sei still. Ich bin immer bei euch, jeden Augenblick meines Lebens, am Tage und in der Nacht, wenn ihr schlaft und du hast deine Händchen auf dem Bett liegen. Dann komm ich und mach die Tür ganz leise auf und nehm deine Händchen wie eine weiße Blume zwischen meine großen Finger. Nein, nein, ihr dürft euch gar nicht fürchten, Ich fahr bloß zu einem Onkel, gar nicht lange. Dan hab ich euch wohl wieder. Es ist möglich, euer Vater kommt unterdes nach Hause. Dann sagt ihm – nein – ja – Eine Tür fällt irgendwo im stillen Hause ins Schloß. War das nicht die Gartenzimmertür? Es geht doch niemand unten? Sied mal stille! Nun hat's gehustet! Springt auf und ruft dringend durch die Tür. Therese! Therese!!

Therese, unwirsch. Was soll ich 'n?

Meta. Komm herauf und bring die Kinder ins Bett!

Therese. Warum 'n ich?

Meta. Weil ich noch zu besorgen habe. Es ist indessen tiefer Abend geworden, die Fenster füllt goldene Röte. Kommt mal beide zum Fenster, Willy, Ursel! Damit ich eure Auge noch mal sehen kann und eure süßen, unschuldigen, unschuldigen Gesichter. Kinder, meine lieben Kinder, ich hab's gar nicht gewußt, daß ich euch so – küßt sie – unendlich liebe. Küßt sie. Aber ich bleibe in alle Ewigkeit eure Mutter, ich will alle Abende …

Therese tritt behutsam, das offene Licht mit der Hand beschützend, ein.

Meta richtet sich sofort auf. Willy, räum dir deine Sachen ordentlich auf!

Therese setzt das Licht auf den Tisch. Nee, nee, Frau; küssen Sie och ruhg weiter. Wenn ees das und machts noch aso lange, ma kommt da immer zu kurz. Ihr Püpple! Ja, ja; das is eich enne Welt! Du meine Gitte!

Meta. Therese, sei du mal dem Willy ein wenig behilflich, damit es schneller geht. Wenn du dann fertig bist, gehst du durch die Flurtür wieder runter in die Küche, damit jemand unten ist. Welche Tür schlug denn vorhin?

Therese, will helfend. Ach, de Kichentüre fuhr zu. Ja, da wollen Se heute abend fortfahrn. Hätten Se och 's wingste gewart, bis der Herr wieder da is. Ma weeß doch nie, was mit dem Kindel wird, sehn Se och, da liegt se schon wieder ei dr Sofaecke, und ich steh drnach alleene da. Sie hat mir halt a so een schnellen Odem . und de Hände – na, jetze sein se grade kalt.

Meta, des Kindes Stirn und Händchen befühlend. Den Magen hat sie sich wieder überladen, sonst nichts. Ich dächte, du weißt's, daß sie 's dann immer so treibt.

Therese nimmt die Lampe und zündet sie auf dem Tisch an. Schon, schon; aber 's kann ebens aso gut au was Schlimmes sein. Wenn's nich gar notwendig is, wart'n Se och noch wingste een Tag. Denken Se och: Sie fahrn und dem Kinde passiert was. Mir hängen doch alle bloß an eem seidnen Faden. Sie könnten Ihr ganzes Leben nie meh zur Ruhe kommen. Aso ein Engele, denken Se och, Frau! Lassen Sie Bahne Bahne sein!

Meta. Therese, ich muß es wissen, ich allein, sonst niemand, was ich darf. Öffnet die Tür ins Schlafzimmer. Kommt, Kinderchen! Urselchen, du, komm schlafen! Gute Nacht! Gute Nacht, Willy. S09o und nun bleibt mir gesund, ich bring euch was Schönes mit.

Willy. Mir eine richtige Pistole.

Urselchen. Und mir zweie.

Therese. Nee Frau, das kann nich sein, das gloob ich nich.

Meta. Hier nimm's Licht.

Therese. Da warten Se och noch een kleen Augenblick. Ma hat doch noch das und jes wegen der Wirtschaft zu fragen. – Nu, da kommt och, Kinderla. Sie warten doch, he?

Meta. Ja, gewiß! Greift nach ihrem Reisemantel Ich weiß so wie so schon nicht, wo mir der Kopf steht. Das fehlte grade noch. Wenn doch bloß das Mädchen, die Anna, käm! Tritt ans Fenster.

Therese, im Schlafzimmer. Hopp och nich! Dir sellde nich zum Hoppen sein, mei herzer Junge

Willy. Eine richtige Pistole krieg ich! Da schieß ich wie ein Jäger.

Therese. Da krich och jetze nei und tut beten.

Das Gebet der Alten und der Kinder beginnt leise und undeutlich. Meta schleicht zur Tür und horcht. Unwillkürlich setzt sie sich und verfällt, den Körper auf steifen Armen gegen die Kniee gestützt, die Augen unverwandt auf die Diele gerichtet, in Sinnen,

Therese tritt leise herein, und da Meta wie abwesend verharrt, läßt sie sich auf einen Stuhl neben ihr nieder, betrachtet sie von der Seite und redet dann mit einer solch weichen Stimme, die man ihrer Rauheit nicht zu getraut hätte. »Und mach mich deinen Engeln gleich. Amen.« Wenn mrsch och fertig brächten, scheen wärsch freilich. Sone kleene Händel habens woll noch ei dr Gewalt. Mir Großen haben durch de Banke zu wing Gnade, zu wing Geduld. Da soll och alls glei eim Handumdrehn andersch sein. Du schinster Herrgott! Wenn ma a so fast siebzig is, da hats ees woll nach und nach begreifen missen. Der Kopp is harte, jaja; aber bloß, daß ma genung Beulen draufkriegen kann. Und was hat ern etwan sonst zu tun? Nischt wie Ungelegenheeten macht er eenem. Denn die Nisse, die uns der Herr ufgibt, die miß mr alle mit 'm Herzen knacken. Und wenn's forsch zukloppt, da is gut, was ma vorhat; aber wenn sich's sperrt, als wollt's am liebsten zum Halse raus: da soll de Gabel hinlegen, werde essen will, und werde denkt, a muß patuh zum Hause naus, der zieh of der Schwelle de Schuhe aus und geh wieder ei sein Stibel. – A Kind is kee Stuhl, den ma aus 'm Wege räumt und druf vergißt. Sie hält inne, sieht Meta von der Seite an, der Tränen das Gesicht überströmen. Kommen Se, Frau, ich wer Ihn helfen den Mantel runterziehn.

Meta, in tiefster Qual … Weib – altes Weib, du weißt nichts, als mich zu quälen. Laß mich und geh.

Therese. Frau, reden Sie alles, was Se of 'm Herze haben. Haben Se keene Bange nich. Schitten Se alls aus, wie ees was ei een tiefen Born schmeißt. Verleicht wird's Ihn leichter. Meta bemüht sich umsonst, den schluchzenden Schmerz zu bemeistern. Therese zu niedergebeugt, leiser, mit ausgehendem Atem. He, Sie wollen fort, weil Sie sein of a Leim gegangen? Gell und da denken sie jetza … Meta schrickt totenblaß jäh auf, erhebt sich und tritt an ihre Sachen. Sie dirfen nich fort, aso wahr ein Gott eim Himmel is. Meta hat sich den Hut aufgesetzt und ergreift entschlossen den Schirm. Frau, Sie dirfen nich und sellde 's Schlimmste passiert sein mit dem verfluchten Kerle. Eilt und verstellt ihr den Ausgang. Gell, Sie denken, Sie sein verfallen? – Um Himmels Christi willen, Frau, ich bitt Sie!

Meta, tonlos, stotternd. Weib – tritt zur Seite! Sofort!!

Therese. Haun Se mich ales Weib, meinswegen treten Se mich mit Fissen. Aber durch die Türe gehn Sie nich! Meta läßt jäh ab und schreitet flüchtenden Schrittes dem Schlafzimmer zu. Therese eilt auf den Flur; man hört das Einschnappen eines Schlosses. Fliegenden Schrittes tritt sie wieder ein, schließt auch diese Tür und verbirgt den Schlüssel in ihrem Kleide. Da müßt ich ja wer weeß was kriegen. Nee, nee! Aso lange ich da bin, kommst du mir nich aus dem Hause! Man hört Meta an der Tür rütteln. Ha! Was ei aller Gotteswelt kann mir alem Weibe denn passieren? Wenn der Herr wird da sein, kann er machen, was er will. Urselchen ist erwacht und weint. Meta bettelt das Kind verzweifelt um Ruhe. Bleib du och und sieh dir dei armes Kindl an. Verleicht gehn dir da die Augen auf. Das Kind beruhigt sich. Sie sinkt erschöpft auf den nächsten Stuhl. Nu is aso weit – Ach du himmlischer Vater, was wird och noch wern! – Ja, ja – kommt ihr mir och mit den Weibern aus der grußen Stadt, die da Haare wie de Kommedigspieler haben! – He! – – Aber hab ich nich ufgepaßt? Hinder a Türen, of Schritt und Tritt? – Und geredt? – – Of a Kopp druf mußt ich's 'm Herrn sagen – – Aber nimm's och – nimms och! – Ja. – Es klopft behutsam an die Flurtür. Schon wieder was! – Erhebt sich und geht wieder an die Tür. Leise. Was is 'n draußen?

Anna, außer Atem. Nu ich, de Anna. Bist 'n alleene? Laß mich schnell rei. Im Hereinschlüpfen triumphierend. Etze is fertig. Nu wischt's eich amol die Nase; aber orndtlich!

Therese. Ehb du's Maul ufmachst, mach's erscht zu. Die Kindle sein grade eingeschlafen. Gib den Brief her; die Frau is drüben ei der Stube. Ich wern abgeben. Siech, daß du naukommst.

Anna. Wer redt 'n da drinne?

Therese. De Ursela hat Hitze und redt eim Schlafe, bale huch, bale tief. Langt nach dem Briefe. Mach und erspar der das Gemäre.

Anna. Den Brief – und da ha ich noch een. Den wer ich 'r selber geben. Ich wer's 'r beweisen, wer ein Mensch is.

Therese. Wen meenst du denn?

Anna. Nu, wer wohnt 'n dahier ei der Stube? Etwan du? Hast du etwan een Schatz und er is fortgefahren? Jaja, he! Ich hab's woll gehert eim Schwane. 's ganze Dorf is ful. Das trescht och bloß aus jeder Dachrinne also! Und a Herrn haben se glei ei Breslau nausgeschmissen – of de Gasse –

Therese. Ich wills nich hern, dei Gemäre! Mach du dich ei de Kiche nunder und wart, bis de Frau kemmt, und laß mich zufriede.

Anna. Ich hab ei der Kiche nischt mehr zu suchen. Ich mach dahier ein Ende. Mir is etze alls egal.

Therese. Wenn du dich willst durchaus eis Unglücke reiten, da machs och. A jedes tritt seine Schuhe schief. – Aber das wirste woll selber wissen: Die Leute reden viel, wenn der Tag lang is, und wo man of 'm Wege geht, tritt ma of a beeses Maul. Wissen tut kees was und gesehn hat niemand nischt. Und wenn se und sollen de Finger ei de Höh recken, da stehn se da wie de Pah-Affen. Und die da 's Maul aus der Hand lassen, die missen d'rnach de Katze wirgen. – Dich bringt dei loses Maul noch eis Kittchen. Mädel, laß d'rsch gesagt sein: Ich meens gut, wenn ich au manches Mal herbe bin. –

Anna, cynisch. Ja, etze, do eich 's Hihndel nach dr Hand hackt, da lockt r betusam: Putt, putt, putt! – Geht mr och, Ihr Evangelschen, ich weeß besser wer ihr seid! – Der Herr reest ei der Welt rum und will de Leute um ihrn Herrgott bringen.

Therese. Gemare!

Anna. Vo a Kanzeln schrein se 's, of allen Dörfern. Ei em solchen Hause blei ich nimmeh. Ich wer's eich zeigen, daß ich nich eier Pinscher bin.

Therese. Du sollst nich a so gurgeln! An der Tür des Schlafzimmers entsteht ein Geräusch.

Anna schreit laut. Und gerade! Ich will mit dr Frau reden! – Mit – der Frau!!

Therese. Wahrhaftigen Gott, die päckt se mr wieder raus!

Meta tritt blaß, steil aufgerichtet, fast lautlos ein. Gib mir den Brief her.

Anna. Dahier … dahier … da is der Brief vom Herrn Kullmann … und da is Ihr Brief – –

Meta. Mein Brief? Den ich dir vorhin gegeben habe? Warum hast du ihn denn nicht abgegeben?

Anna. Weil der Herr Kullmann schon fortgefahren war, schon mit dem Dreiviertelsechs–Zuge, mitsamt'm Herrn Dokter Tetzner. – Nu jaja, da lesen Se och, da wird's drinne stehn. Am Ende wärsch au wieder nie wahr, am Ende is au gelogen, daß der Doktor Tetzner heite vormittag drunten eim Garten gewesen is, gell?

Therese. Glooben S'r nischt, die weeß nich, was se redt. Die is manntoll durch und durch. Das kann ich beschwern iberall. Die is nich gescheide.

Anna. Ich nich gescheide? Weil ich de Ligen nich gloob, weil ich alls gesehn hab und weeß, was de hier gespielt hat, deswegen wollt 'r een verrickt machen?

Metas Hände sind mit dem Briefe auf den Tisch gesunken, aschfahl und starr sieht sie nach Anna hin, lange kann sie nicht sprechen. Du – hast – gelogen. – Du – bist –. Ihre Hände greifen auf dem Tisch umher.

Anna. Immer wirgen Sie 's raus. Und wenn ich au een Schatz habe, deswegen bin ich noch lange nich mannstoll. Jawoll, ich hab een, au zwee, und wann's der Herr Kullmann gewesen wär, da laß ich mir noch gar nischt vierschmeißen. – Immer wer Se steif – am wingsten vo Ihn.

Meta erfaßt das Papiermesser, unnatürlich–leise, mit wildem Blick. Herr Kullmann?

Anna. Lassen Sie das Messerle Messerle sein. Ich fircht mich nich. Jawoll der saubere Herr Kullmann – den kenn Sie aso gut wie ich – – ei der Laube und eim Pusche – –

Meta stürzt sich mit erhobenem Messer auf Anna. Du bist ein Tier – sonst nichts!! –

Therese wirft sich zwischen beide. Jesus Maria, Frau!! Zu Anna, die retiriert ist. Raus!! Anna verschwindet durch die Tür. Meta ist wie versteinert stehen geblieben, die Arme sind ihr am Leibe heruntergefallen; während Therese sie von der Tür mit den Worten Ne ha, was denken Sie sich denn, Frau! Geben Se bloß das Messer her! fortführt und ihr das Messer entwindet, fällt sie in sich zusammen. In der Mitte des Zimmers hält sie an, blickt auf ihre Hände, wischt sie aneinander, als müßten sie von Blut gereinigt werden, und sieht sich mit irren Augen müde. Da kommen Se och ofs Sofa.

Meta blickt sie lange stumpf an. Ihr Leib zittert immer stärker. Meine – Kinder – meine – Kin … der – – Es ist, als schrumpfte sie zusammen, sie schwankt und droht zu fallen.

Therese nimmt die Jammernde und gängelt sie ins Schlafzimmer. Na da wern mir zu 'n gehn. So – kommen Se – kommen Se.

Vorhang

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