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Menschliches, Allzumenschliches II

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches II - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleMenschliches, Allzumenschliches II
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke. Taschen-Ausgabe
volumeBand IV
editorElisabeth Förster-Nietzsche
year1922
firstpub1874-1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectid8f1cd2f8
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III. Rückblicke auf die Zeit der Freundschaft mit Richard Wagner.

(Sommer 1878.)

Aus einer Vorrede zu einem ungedruckten Buch.

 

1.

Ich wünsche, daß billig denkende Menschen dieses Buch als eine Art Sühne dafür gelten lassen, daß ich früher einer gefährlichen Ästhetik Vorschub leistete: deren Brauch war, alle ästhetischen Phänomene zu »Wundern« zu machen. Ich habe dadurch Schaden angestiftet, unter den Anhängern Wagner's und vielleicht bei Wagner selbst, der Alles gelten läßt, was seiner Kunst höhern Rang verleiht, wie begründet und wie unbegründet es auch sein mag. Vielleicht habe ich ihn durch meine Zustimmung seit seiner Schrift über »die Bestimmung der Oper« zu größerer Bestimmtheit verleitet und in seine Schriften und Werke Unhaltbares hineingebracht. Dies bedaure ich sehr.

 

2.

Über Wagner wie über Schopenhauer kann man unbefangen reden, auch bei ihren Lebzeiten –: ihre Größe wird, was man auch gezwungen ist, in die andere Wagschale zu legen, immer siegreich bleiben. Um so mehr ist gegen ihre Gefährlichkeit in der Wirkung zu warnen.

 

3.

Wirkung meiner Schriften: dagegen sehr skeptisch. Ich sah Parteien. »Ich will warten, bis Wagner eine Schrift anerkennt, die gegen ihn gerichtet ist«, sagte ich.

 

(Geburt der Tragödie. Schopenhauer als Erzieher.)

4.

Wie wurmstichig und durchlöchert das Menschenleben sei, wie ganz und gar auf Betrug und Verstellung aufgebaut, wie alles Erhebende, wie die Illusionen, alle Lust am Leben dem Irrthum verdankt werden – und nur insofern der Ursprung einer solchen Welt nicht in einem moralischen Wesen, vielleicht aber in einem Künstler-Schöpfer zu suchen sei, wobei ich meinte, daß einem solchen Wesen durchaus keine Verehrung im Sinne der christlichen (welche den Gott des Guten und der Liebe aufstellt) gebühre, und sogar die Andeutung nicht scheute, ob dem deutschen Wesen diese Vorstellung, wie sie gewaltsam inoculirt ist, auch gewaltsam wieder entrissen werden könnte. Dabei meinte ich in Wagner's Kunst einen Weg zu einem deutschen Heidenthum entdeckt zu haben, mindestens eine Brücke zu einer specifisch unchristlichen Welt- und Menschenbetrachtung. »Die Götter sind schlecht und wissend und sie verdienen den Untergang, der Mensch ist gut und dumm – er hat eine schöne Zukunft und erreicht sie, wenn Jene erst in ihre endliche Dämmerung eingegangen sind« – so werde ich damals mein Glaubensbekenntniß formulirt haben.

Damals glaubte ich, daß die Welt vom ästhetischen Standpunkt als ein Schauspiel und als Poesie von ihrem Dichter gemeint sei, daß sie aber als moralisches Phänomen ein Betrug sei: weshalb ich zu dem Schlusse kam, daß nur als ästhetisches Phänomen die Welt sich rechtfertigen lasse.

 

5.

Wenn ich auf den Gesammtklang der älteren griechischen Philosophen hinhorchte, so meinte ich Töne zu vernehmen, welche ich von der griechischen Kunst, und namentlich von der Tragödie gewohnt war zu hören. In wie weit dies an den Griechen, in wie weit aber auch nur an meinen Ohren (den Ohren eines sehr kunstbedürftigen Menschen) lag, – das kann ich auch jetzt noch nicht mit Bestimmtheit aussprechen.

 

6.

Darstellung der Geburt der Tragödie: schwebende Wolken-Guirlanden, weiße bei Nachthimmel, durch welche Sterne hindurchschimmern – undeutlich allzudeutlich geisterhaft erhelltes Thal.

 

7.

Der Vergleich der Symphonie, dritter Act Tristan, in der »Geburt der Tragödie« undeutlich und hochtrabend, wie ich damals nach Wagner's Vorbilde mich auszudrücken liebte.

Bei Schopenhauer zuerst im Großen ihn festhaltend gegen das Einzelne, später im Einzelnen gegen das Ganze.

 

8.

Der Schopenhauerische Mensch trieb mich zur Skepsis gegen alles Verehrte, Hochgehaltene, bisher Vertheidigte (auch gegen Griechen, Schopenhauer, Wagner), Genie, Heilige, Pessimismus der Erkenntniß. Bei diesem Umweg kam ich auf die Höhe, mit den frischesten Winden. – Die Schrift über Bayreuth war nur eine Pause, Zurücksinken, ein Ausruhen. Dort gieng mir die Unnöthigkeit von Bayreuth für mich auf.

 

9.

Ich glaubte mich Wunder wie fern von Philosophie und gieng in Nebel und Sehnsucht vorwärts. – Plötzlich –

 

10.

Mein Fehler war der, daß ich nach Bayreuth mit einem Ideal kam: so mußte ich denn die bitterste Enttäuschung erleben. Die Überfülle des Häßlichen, Verzerrten, Überwürzten stieß mich heftig zurück.

 

11.

Wagner's Nibelungenring sind strengste Lesedramen, auf die innere Phantasie rechnend. Hohes Kunstgenre, auch bei den Griechen.

 

12.

Epische Motive für die innere Phantasie: viele Scenen wirken viel schwächer in der Versinnlichung (der Riesenwurm und Wotan).

 

13.

Diese wilden Thiere mit Anwandlungen eines sublimirten Zart- und Tiefsinns haben Nichts mit uns zu thun. Dagegen zum Beispiel Philoktet.

Wotan, wüthender Ekel: mag die Welt zu Grunde gehn.

Brünnhilde liebt: mag die Welt zu Grunde gehn.

Siegfried liebt: was schiert ihn das Mittel des Betrugs (ebenso Wotan).

Wie ist mir das Alles zuwider!

 

14.

Anwandlung der Schönheit: Rheintöchterscene, gebrochene Lichter, Farbenüberschwang, wie bei der Herbstsonne, Buntheit der Natur, glühendes Roth, Purpur, melancholisches Gelb und Grün fließen durcheinander.

 

15.

Am wenigsten stimme ich Denen bei, welche mit Decorationen, Scene, Maschinerie in Bayreuth unzufrieden waren. Viel zu viel Fleiß und Erfindung war darauf verwandt, die Phantasie in Fesseln zu schlagen, bei Stoffen, die ihren epischen Ursprung nicht verleugnen. Aber der Naturalismus der Geberde, des Gesanges, im Vergleich zum Orchester!! Was für geschraubte, erkünstelte, verdorbene Töne, was für eine falsche Natur hörte man da!

 

16.

Einzelne Töne von einer unglaubwürdigen Natürlichkeit wünsche ich nie wieder zu hören; ja sie auch nur vergessen zu können (Materna).

 

17.

Wie auf unsern Theatern Helden mit Lindwürmern kämpfen und wir an ihr Heldenthum glauben sollen, trotzdem wir sehen – also sehen und doch glauben – so auch bei ganz Bayreuth.

 

18.

Warum fehlten die Gelehrten in Bayreuth? Sie hatten es nicht nöthig. Das hätte ich ihnen früher zum Vorwurf gemacht. Jetzt –

 

19.

Den Untergang der letzten Kunst erleben wir: Bayreuth überzeugte mich davon.

 

20.

Im Böhmerwald erhob ich mich über die Phase.

 

21.

Mein Gemälde Wagner's gieng über ihn hinaus, ich hatte ein ideales Monstrum geschildert, welches aber vielleicht im Stande ist, Künstler zu entzünden. Der wirkliche Wagner, das wirkliche Bayreuth war nur wie der schlechte allerletzte Abzug eines Kupferstichs auf geringem Papier. Mein Bedürfniß, wirkliche Menschen und deren Motive zu sehen, war durch diese beschämende Erfahrung ungemein angereizt.

 

22.

Dies sah ich ein, mit Betrübniß, Manches sogar mit plötzlichem Erschrecken. Endlich aber fühlte ich, daß ich, gegen mich und meine Vorliebe Partei ergreifend, den Zuspruch und Trost der Wahrheit vernehmen würde; – ein viel größeres Glück kam dadurch über mich, als das war, welchem ich jetzt freiwillig den Rücken wandte.

 

23.

Montaigne: »Wer einmal ein rechter Thor gewesen, wird niemals wieder recht weise werden«. Das ist, um sich hinter den Ohren zu krauen.

 

24.

Ich sagte als Student: »Wagner ist Romantik, nicht Kunst der Mitte und Fülle, sondern des letzten Viertels: bald wird es Nacht sein«. Mit dieser Einsicht war ich Wagnerianer, ich konnte nicht anders, aber ich kannte es besser.

 

25.

Ich war verliebt in die Kunst, mit wahrer Leidenschaft, und sah zuletzt in allem Seienden Nichts als Kunst – im Alter, wo sonst vernünftigermaaßen andre Leidenschaften die Seele ausfüllen.

 

26.

Goethe: »Das Sehnsüchtige, das in mir lag, das ich in früheren Zeiten vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben kräftig zu bekämpfen trachtete, wollte dem Manne nicht mehr ziemen, und er suchte deshalb die volle endliche Befriedigung.« Schluß?

 

27.

»Verwundet hat mich, der mich erweckt.«

 

28.

Ich habe das Talent nicht, treu zu sein und, was schlimmer ist, nicht einmal die Eitelkeit, es zu scheinen.

 

29.

Wer Etwas vollbringt, das über den Gesichts- und Gefühlskreis der Bekannten hinausliegt, – Neid und Haß als Mitleid, – die Partei betrachtet das Werk als Entartung, Erkrankung, Verführung. Lange Gesichter.

 

30.

Erziehung, zwei Haupt-Epochen: 1) Schleier-Zuziehen, 2) Schleier-Aufheben. Fühlt man sich hinterdrein wohl, so war es die rechte Zeit.

 

31.

Ich will es nur gestehen: ich hatte gehofft, durch die Kunst könne den Deutschen das abgestandene Christenthum völlig verleidet werden – deutsche Mythologie als abschwächend, gewöhnend an Polytheismus.

Welcher Schrecken über die Restaurations-Strömungen!!

 

32.

Wozu sind Wagner's Thorheiten und Ausschweifungen und die seiner Partei nutz? Oder sind sie nützlich zu machen? Er trägt eine lärmende Glocke durch sie mit herum. Ich wünsche ihn nicht anders.

 

33.

Ich sah in Wagner den Gegner der Zeit, auch in Dem, wo diese Zeit Größe hat, und wo ich selber in mir Kraft fühlte.

Eine Kaltwasserkur schien mir nöthig. Ich knüpfte an die Verdächtigung des Menschen an, an seine Verächtlichkeit, die ich früher benützte, um mich in jene übermüthigen metaphysischen Träume zu heben. Ich kannte den Menschen gut genug, aber ich hatte ihn falsch gemessen und beurtheilt: der Grund zum Verwerfen fehlte.

 

34.

Weder so heftig am Leben leiden, noch so matt und emotionsbedürftig, daß uns Wagner's Kunst nothwendig, als Medium, wäre. – Dies ist der Hauptgrund der Gegnerschaft, nicht unlautere Motive: man kann Etwas, wozu uns kein Bedürfniß treibt, was wir nicht brauchen, nicht so hoch schätzen.

 

35.

Wagner's Kunst nicht mehr nöthig haben oder noch nöthig haben.

Ungeheure Antriebe sind in ihr: sie treibt über sich hinaus.

 

36.

Goethe: »Byron's Kühnheit, Keckheit und Grandiosität, ist das nicht Alles bildend? Wir müssen uns hüten, es stets im entschieden Reinen und Sittlichen suchen zu wollen. Alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden.« Dies auf Wagner's Kunst anzuwenden.

 

37.

Man wird es Wagner nie vergessen dürfen, daß er in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in seiner Weise (die freilich nicht gerade die Weise guter und einsichtiger Menschen ist) die Kunst als eine wichtige und großartige Sache in's Gedächtniß brachte.

 

38.

Wagner gegen die Klugen, die Kalten, die Zufriednen – hier seine Grüße – unzeitgemäß – gegen die Frivolen und Eleganten. – Aber auch gegen die Gerechten, Mäßigen, an der Welt sich Freuenden (wie Goethe), gegen die Milden, Anmuthigen, die wissenschaftlichen Menschen – hier seine Kehrseite.

 

39.

Unsere Jugend empörte sich gegen die Nüchternheit der Zeit. Sie warf sich auf den Cultus des Excesses, der Leidenschaft, der Extasen, der schwärzesten herbsten Auffassung der Welt.

 

40.

Wagner rennt der einen Verrücktheit nach, die Zeit einer andern; Beide im selben Tempo, ebenso blind und unbillig.

 

41.

Ich kann Glocken läuten: Schrift über Richard Wagner.

 

42.

Wiederschöpfung des Portraits aus Ahnung, angesichts der Werke. »Richard Wagner in Bayreuth«, wie das Werk das Bild des Lebenden verzaubert – es giebt Idealbildung.

 

43.

Mein Irrthum über Wagner ist nicht einmal individuell, sehr Viele sagten, mein Bild sei das richtige. Es gehört zu den mächtigen Wirkungen solcher Naturen, den Maler zu täuschen. Aber gegen die Gerechtigkeit vergeht man sich ebenso durch Gunst als durch Abgunst.

 

44.

Wagner's Natur macht zum Dichter, man erfindet eine noch höhere Natur. Eine seiner herrlichsten Wirkungen, welche gegen ihn zuletzt sich wendet. So muß jeder Mensch sich über sich erheben, die Einsicht über sein Können sich erheben: der Mensch wird zu einer Stufenfolge von Alpenthälern, immer höher hinauf.

 

45.

Ich habe dabei das Loos der Idealisten getragen, welchen der Gegenstand, aus dem sie so viel gemacht haben, dadurch verleidet wird. Ideales Monstrum: der wirkliche Wagner schrumpft zusammen.

 

Wagner's Natur.

46.

Ich zweifle nicht, daß dieselben Dinge, in einen dicken süßen Brei eingehüllt, williger geschluckt werden. – Wahrheiten über Wagner.

 

47.

Den Gang der inneren Entwicklung Wagner's zu finden sehr schwer – auf seine eigne Beschreibung innerer Erlebnisse ist Nichts zu geben. Er schreibt Parteischriften für Anhänger.

 

48.

Ob Wagner im Stande ist, über sich selbst Zeugniß abzulegen??

 

49.

Menschen, die vergebens versuchen, aus sich ein Princip zu machen: wie Wagner.

 

50.

Es ist schwer, im Einzelnen Wagner angreifen und nicht Recht zu behalten, seine Kunstart, Leben, Charakter, seine Meinungen, seine Neigungen und Abneigungen, Alles hat wunde Stellen. Aber als Ganzes ist die Erscheinung jedem Angriff gewachsen.

 

51.

Unklarheit der letzten Ziele, unantike Verschwommenheit.

 

52.

Alle »Ideen« Wagner's werden sofort zur Manie, er wird durch sie tyrannisirt. Wie sich nur ein solcher Mann so tyrannisiren lassen kann! Zum Beispiel durch seinen Judenhaß. Er macht seine Themata wie seine »Ideen« todt durch eine wüthende Lust an der Wiederholung. Das Problem der übergroßen Breite und Länge, – er plagt uns durch sein Entzücken.

 

53.

» C'est la rage de vouloir penser et sentir au delà de sa force« (Doudan). Die Wagnerianer.

 

54.

Wagner, dessen Ehrgeiz noch größer ist als seine Begabung, hat in zahllosen Fällen gewagt, was über seine Kraft geht – aber es erweckt fast Schauder. Jemanden so unablässig gegen das Unbesiegbare – das Fatum in ihm selber – anstürmen zu sehen.

 

55.

Immer auf den extremsten Ausdruck bedacht – bei jedem Wort; aber das Superlativische schwächt ab.

 

56.

Es giebt Etwas, das im höchsten Grade das Mißtrauen gegen Wagner wachruft: das ist Wagner's Mißtrauen. Das wühlt so stark, daß ich zweimal zweifelte, ob er Musiker sei.

 

57.

Der Satz: »gegen das Vortreffliche giebt es keine Rettung als die Liebe«, recht wagnerisch. Tiefe Eifersucht gegen alles Große, dem er neue Seiten abgewinnen kann, – Haß gegen Das, wo er nicht heran kann: Renaissance, französische und griechische Kunst des Stils.

 

58.

Eifersucht gegen alle Perioden des Maaßes: er verdächtigt die Schönheit, die Grazie, er spricht dem »Deutschen« nur seine Tugenden zu und versteht auch alle seine Mängel darunter.

 

59.

Wagner hat nicht die Kraft, die Menschen im Umgange frei und groß zu machen: Wagner ist nicht sicher, sondern argwöhnisch und anmaßend. Seine Kunst wirkt so auf Künstler, sie ist neidisch gegen Rivalen.

 

60.

Plato's Neid. Er will Sokrates für sich in Beschlag nehmen. Er durchdringt ihn mit sich, meint ihn zu verschönen, (ϰαλὸς Σωϰϱἁτη) allen Sokratikern zu entziehn, sich als Fortlebenden zu bezeichnen. Aber er stellt ihn ganz unhistorisch dar, auf die gefährlichste Kante: wie Wagner es mit Beethoven und Shakespeare macht.

 

61.

Ein Dramatiker spielt, wenn er von sich redet, eine Rolle, es ist unvermeidlich. Wagner, der von Bach und Beethoven redet, redet als Der, als welcher er gelten möchte. Aber er überredet nur die Überzeugten, seine Mimik und sein eigentliches Wesen streiten gar zu ingrimmig gegen einander.

 

62.

Bei Goethe ist der größte Theil der Kunst in sein Wesen übergegangen. Anders unsre Theaterkünstler, die im Leben unkünstlerisch sind und nur Theatermaterial beschaffen. Tasso.

 

63.

Was ist Frivolität? Ich verstehe sie nicht. Und doch ist Wagner im Widerspruch zu ihr erwachsen.

 

64.

Wagner kämpft gegen die »Frivolität« in sich, zu der ihm, dem Unvornehmen (gegen Goethe) die Freude an der Welt wurde.

 

65.

Wagner hat den Sinn der Laien, die eine Erklärung aus einer Ursache für besser halten. So die Juden: eine Schuld, so ein Erlöser. So vereinfacht er das Deutsche, die Cultur; falsch aber kräftig.

 

66.

Dies Alles hat sich Wagner oft genug im heimlichen Zwiegespräch selber eingestanden: ich wollte, er thäte es auch öffentlich. Denn worin besteht die Größe eines Charakters, als darin, daß er, zu Gunsten der Wahrheit, im Stande ist, auch gegen sich Partei zu ergreifen?

 

Wagner's Deutschthum.

 

67.

Das Undeutsche an Wagner. Es fehlt die deutsche Anmuth und Grazie eines Beethoven, Mozart, Weber, das flüssige, heitere Feuer ( Allegro con brio) Beethovens, Weber's. Der ausgelassene Humor ohne Verzerrung. Mangel an Bescheidenheit, die lärmende Glocke, Hang zum Luxus. Kein guter Beamter wie Bach. Gegen Nebenbuhler nicht Goethisch ruhig.

 

68.

Wer wollte Wagner auf den Gipfel seiner Eitelkeit folgen, den er immer dort erreicht, wenn er vom deutschen Wesen redet; übrigens der Gipfel seiner Unklugheit: denn wenn Friedrich's des Großen Gerechtigkeit, Goethe's Vornehmheit und Neidlosigkeit, Beethoven's edle Resignation, Bach's duftig verklärtes Innenleben, wenn Schaffen ohne Rücksicht auf Glanz und Erfolg, ohne Neid die eigentlich deutschen Eigenschaften sind, sollte Wagner nicht fast beweisen wollen, daß er kein Deutscher sei?

 

69.

Anmuth und Innigkeit gesellt sind auch deutsch.

 

70.

Furchtbare Wildheit, das Zerknirschte, Vernichtete, der Freudenschauer, die Plötzlichkeit, kurz die Eigenschaften, welche den Semiten innewohnen! – Ich glaube, semitische Rassen kommen der Wagnerischen Kunst verständnißvoller entgegen als die arischen.

 

71.

Stelle Taine's über die Semiten. – Übrigens habe ich den Leser irregeführt: die Stelle gilt gar nicht Wagner, – Sollte Wagner ein Semite sein? Jetzt verstehn wir seine Abneigung gegen die Juden.

 

Psychologie der Kunst Wagner's.

 

72.

Schopenhauer ist Optimist, wenn er sagt: »es giebt zwei Geschichten: die politische und die der Litteratur und Kunst. Jene ist die des Willens, diese die des Intellekts. Daher ist jene durchweg beängstigend, ja schrecklich ... Die andere hingegen ist überall erfreulich und heiter.« (Parerga II Capitel 24, Über Lesen und Bücher, Anhang verwandter Stellen.) Oho! Ho!

 

73.

Die Liebe für Wagner's Kunst in Bausch und Bogen ist genau so ungerecht als die Abneigung in Bausch und Bogen.

 

74.

Zeit: elementarisch, nicht durch Schönheit verklärte Sinnlichkeit (wie die der Renaissance und der Griechen), Wüstheit und Kaltsinn sind die Voraussetzungen, gegen welche Wagner und Schopenhauer kämpfen, auf welche sie wirken: der Boden ihrer Kunst. Brand der Begierde, Kälte des Herzens. Wagner will Brand des Herzens, neben dem Brand der Begierde, Schopenhauer will Kühle der Begierde, neben der Kühle des Herzens (der Schopenhauer des Lebens, nicht der der Philosophie).

 

75.

Es ist wirklich die Kunst der Gegenwart: ein ästhetisches Zeitalter würde sie ablehnen. Feinere Menschen lehnen sie auch jetzt ab. Vergröberung alles Ästhetischen. – Gegen Goethe's Ideal gehalten tief zurückstehend. Der moralische Contrast dieser hingebenden glühend-treuen Naturen Wagner's wirkt als Stachel, als Reizmittel: selbst diese Empfindung ist zur Wirkung benutzt.

 

76.

Was aus unserer Zeit drückt Wagner aus? Das Nebeneinander von Rohheit und zartester Schwäche, Naturtrieb-Verwilderung und nervöser Über-Empfindlichkeit, Sucht nach Emotion aus Ermüdung und Lust an der Ermüdung. – Dies verstehen die Wagnerianer.

 

77.

Betäubung oder Rauschwirkung gerade aller Wagnerischen Kunst. Dagegen will ich die Stellen nennen, wo Wagner höher steht, wo reines Glück ihm entströmt.

 

78.

Ich nannte »sittlichste Musik« die Stelle, wo es am extatischesten zugeht. Charakteristisch!

 

79.

Völlige Abwesenheit der Moral bei Wagner's Helden. Er hat jenen wundervollen Einfall, der einzig in der Kunst ist: der Vorwurf des Sünders an den Schuldlosen gerichtet, Tristan an Marke: »o König, das kann ich dir nicht sagen«.

 

80.

Schopenhauer verherrlicht im Grunde doch den Willen (das Allmächtige, dem Alles dient), Wagner verklärt die Leidenschaft als Mutter alles Großen. Wagner's Wirkung auf die Jugend.

 

81.

Das creatürliche Leben, das wild genießt, an sich reißt, an seinem Übermaaße satt wird und nach Verwandlung begehrt – gleich bei Schopenhauer und Wagner, Der Zeit entsprechend bei Beiden, keine Lüge und Convention, leine Sitte und Sittlichkeit mehr thatsächlich – ungeheures Eingeständniß, daß der wildeste Egoismus da ist – Ehrlichkeit, Berauschung, nicht Milderung.

 

82.

Die Heftigkeit der erregten Empfindung und die Länge der Zeitdauer stehen im Widerspruch. Dies ist ein Punkt, worin der Autor selber keine entscheidende Stimme hat: er hat sich langsam an sein Werk gewöhnt und es in langer Zeit geschaffen: er kann sich gar nicht unbefangen auf den Standpunkt des Aufnehmenden versetzen. Schiller machte denselben Fehler, Auch im Alterthum wurde viel zurecht geschnitten.

 

83.

Was wirkt noch? Princip der Maler und Musiker und Dichter. Sie fragen sich selber zuerst, aus der Zeit, wo sie nicht produktiv waren.

 

84.

Die Angst, daß man den Wagnerischen Figuren nicht glaubt, daß sie leben: sie geberden sich deshalb so toll.

 

85.

An unkünstlerische Menschen sich wendend, mit allen Hilfsmitteln soll gewirkt werden, nicht auf Kunstwirkung, sondern auf Nervenwirkung ganz allgemein ist es abgesehn.

 

86.

Was sich Alles als Kraft, Inspiration, Gefühls-Überfluß geben möchte: Kunstmittel der Schwäche (des Überreizten, Künstlichen), um zu täuschen.

Der Luxus der Mittel, der Farben, der Ansprüche, des Symbolischen. Das Erhabene als das Unbegreifliche, Unausschöpfliche in Bezug auf Größe. Appell an alles andere Große.

 

87.

Anscheinende Kunst für Alle bei Wagner, weil gröbere und feinere Mittel zugleich. Doch aber an bestimmte musikalisch-ästhetische Erziehung gebunden, namentlich an moralische Gleichgültigkeit.

 

88.

Bei Wagner ehrgeizigste Combination aller Mittel zur stärksten Wirkung: während die echten Musiker still die einzelnen Arten fortbildeten.

 

89.

Die Dramatiker entlehnen – ihr Hauptvermögen– künstlerische Gedanken aus dem Epos. Wagner auch noch aus der klassischen Musik. Dramatiker sind construktive Genies, nicht auffindende und originale wie die Epiker. Das Drama steht tiefer als das Epos: roheres Publikum, demokratisch.

 

90.

Wer auf Kunst der Inspiration rechnet, muß aus verwandten Gebieten viel zu Hilfe nehmen, um seine Kunst durchzusetzen, ewig ergreifen, erschüttern, der Besinnung und des Urtheils berauben, an die tiefsten Nöthe und Erfahrungen erinnern.

 

91.

Wagner hat kein rechtes Vertrauen zur Musik: er zieht verwandte Empfindungen heran, um ihr den Charakter des Großen zu geben. Er stimmt sich selber an Andern, er läßt seinen Zuhörern erst berauschende Getränke geben, um sie glauben zu machen, die Musik habe sie berauscht.

 

92.

Da ich Wagner mit Demosthenes verglichen habe, muß ich auch den Gegensatz hervorheben. Den größten rednerischen Improvisator, Demades, schätzte man über Demosthenes. »Ein Mensch, der aus Worten, und zwar aus bitteren und künstlichen, besteht«, sagte Äschines von Demosthenes.

 

93.

Alles Ausgezeichnete hat mittlere Natur. Wagner ist Musil für eine überreife Musikperiode.

 

94.

Barockstil – es muß gesagt werden.

 

95.

Dieselbe Summe von Talent und Fleiß, die den Classiker macht, macht, eine Spanne Zeit zu spät, den Barockkünstler.

 

96.

Der griechische Dithyrambus ist der Barockstil der Dichtkunst.

 

97.

Die Verhäßlichung der menschlichen Seele erfolgt ebenso nothwendig, wie der Barockstil auf den classischen – in ganzen Zeitaltern.

 

98.

Wagner's Kunst auf Kurzsichtige berechnet – allzugroße Nähe nöthig (Miniatur), zugleich aber fernsichtig, aber kein normales Auge.

 

99.

Wenn die Natur nicht von euch zur Komödie gemacht worden wäre, so würdet ihr nicht an Gott glauben: das Theatralische, Maschinenwesen, die Coulissen und Überraschungen.

 

Widersprüche im Begriff des musikalischen Dramas.

 

100.

Man höre den zweiten Akt der Götterdämmerung ohne Drama: es ist verworrene Musik, wild wie ein schlechter Traum und so entsetzlich deutlich, als ob sie vor Tauben noch deutlich reden wollte. Dies Reden, ohne Etwas zu sagen, ist beängstigend. Das Drama ist die reine Erlösung. – Ist das ein Lob, daß diese Musik allein unerträglich ist (von einzelnen absichtlich isolirten Stellen abgesehn), als Ganzes? – Genug, diese Musik ist ohne Drama eine fortwährende Verleugnung aller höchsten Stilgesetze der älteren Musik: wer sich völlig an sie gewöhnt, verliert das Gefühl für diese Gesetze. Hat aber das Drama durch diesen Zusatz gewonnen? Es ist eine symbolische Interpretation hinzugetreten, eine Art philologischen Commentars, welcher die innere freie Phantasie des Verstehens mit Bann belegt – tyrannisch! Musik ist die Sprache des Erklärers, der aber fortwährend redet und uns keine Zeit läßt: überdies in einer schweren Sprache, die wieder eine Erklärung fordert. Wer einzeln sich erst die Dichtung (Sprache!) eingelernt hat, dann sie mit dem Auge in Action verwandelt hat, dann die Musik-Symbolik herausgesucht und verstanden hat und ganz sich hineinlebt, ja in alles Dreies sich verliebt hat, – der hat dann einen ungemeinen Genuß. Aber wie anspruchsvoll! Aber es ist unmöglich, außer für kurze Augenblicke, – weil zu angreifend, diese zehnfache Gesammtaufmerksamkeit von Auge, Ohr, Verstand, Gefühl, höchste Thätigkeit des Aufnehmens, ohne jede produktive Gegenwirkung! – Dies thun die Wenigsten: woher doch die Wirkung auf so Viele? Weil man intermittirt mit der Aufmerksamkeit, ganze Strecken stumpf ist, weil man bald auf die Musik, bald auf das Drama, bald auf die Scene allein Acht giebt – also das Werk zerlegt. – Damit ist aber über die Gattung der Stab gebrochen: nicht das Drama, sondern ein Augenblick ist das Resultat, oder eine willkürliche Auswahl. Der Schöpfer einer neuen Gattung hat Acht hier zu geben! Nicht die Künste immer nebeneinander, – sondern die Mäßigung der Alten, welche der menschlichen Natur gemäß ist.

 

101.

Das psychologische Gesetz in der Entwicklung der Leidenschaft (Handlung, Rede, Geberde,) und der musikalischen Symphonie decken sich nicht: die Wagnerische Behauptung kann als widerlegt gelten, durch seine Kunst. – Alles Große ist da, wo die Musik dominirt, oder dort, wo die Dramatik dominirt – also nicht im Parallelismus.

 

102.

Es entschlüpfen ihm kurze Stellen guter Musik: fast immer im Widerspruch zum Drama.

 

103.

Widerspruch im vorausgesetzten Zuhörer. Höchst künstlerisch als Empfänger und völlig unproduktiv! Die Musik tyrannisirt die Empfindung durch allzupeinliche Ausführung des Symbolischen, die Bühne tyrannisirt das Auge. Etwas Sklavenhaft-Unterthäniges und doch ganz Feuer und Flamme zugleich bei dieser Kunst – deshalb eine Parteizucht sonder Gleichen nöthig. Deshalb Judenthum u. s. w. als Hetzpeitsche.

 

104.

Mehrere Wege zur Musik stehen noch offen (oder standen noch offen, ohne Wagner's Einfluß). Organische Gebilde als Symphonie mit einem Gegenstück als Drama (oder Mimus ohne Worte?) und dann absolute Musik, welche die Gesetze des organischen Bildens wiedergewinnt und Wagner nur benutzt als Vorbereitung. Oder Wagner überbieten: dramatische Chormusik, Dithyrambus. Wirkung des Unisono. Musik aus geschlossenen Räumen in's Gebirge und Waldgehege.

 

105.

Wagner hat den Gang unterbrochen, unheilvoll, nicht wieder die Bahn zu gewinnen. Mir schwebte eine sich mit dem Drama deckende Symphonie vor. Vom Liede aus sich erweiternd. Aber die Oper, der Effekt, das Undeutsche zog Wagner anderswohin. Alle nur denkbaren Kunstmittel in der höchsten Steigerung.

 

Die Musik Wagner's.

 

106.

Wir stehen der Musik zu nahe, wir deuten nur hin, spätere Zeiten werden unsre Schriften über Musik gar nicht verstehen.

 

107.

Beethoven hat es besser gemacht als Schiller, Nach besser als Klopstock, Mozart besser als Wieland, Wagner besser als Kleist.

 

108.

Wagner erinnert an die Lava, die ihren eignen Lauf durch Erstarrung hindert und plötzlich sich durch Blöcke gehemmt fühlt, die sie selbst bildet. Kein Allegro con fuoco für ihn.

 

109.

Richard Wagner sieht die Musik zu den Empfindungen, welche er beim Anblicken dramatischer Scenen hat; nach dieser Musik zu schließen ist er der ideale Zuschauer eines Dramas.

 

110.

Seine Seele singt nicht, sie spricht, aber so wie die höchste Leidenschaft spricht. Natürlich ist bei ihm der Ton, Rhythmus, Geberdenfall der Rede; die Musik ist dagegen nie ganz natürlich, eine Art erlernter Sprache mit mäßigem Vorrath von Worten und einer andern Syntax.

 

111.

Ich vergleiche mit Wagner's Musik, die als Rede wirken will, die Relief-Skulptur, die als Malerei wirken will. Die höchsten Stilgesetze sind versetzt, das Edelste kann nicht mehr erreicht werden.

 

112.

Das Wogende, Wallende, Schwankende im Ganzen der Wagnerischen Musik.

 

113.

Wagner's Musik interessirt immer durch irgend Etwas: und so kann bald die Empfindung, bald der Verstand ausruhen. Diese gesammte Anspannung und Erregung unseres Wesens ist es, wofür wir so dankbar sind. Man ist schließlich geneigt, ihm seine Fehler und Mängel zum Lobe zu rechnen, weil sie uns selber produktiv machen.

 

114.

Bei Wagner's Verwerfung der Formen fällt Einem Eckermann ein: »es ist keine Kunst geistreich zu sein, wenn man vor Nichts Respekt hat.«

 

115.

Seine Werke erscheinen wie gehäufte Massen großer Einfälle, man wünscht einen größeren Künstler herbei, sie zu behandeln.

 

116.

Auch in der Musik giebt es eine Logik und eine Rhetorik als Stilgegensätze. Wagner wird Rhetor, wenn er ein Thema behandelt.

Tiefgehendes Mißtrauen gegen seine musikalische Erfindung in der Dialektik. Er maskirt auf alle Weise den Mangel.

 

117.

Seiner Musik fehlt, was seinen Schriften fehlt: Dialektik. Dagegen Kunst der Amplifikation sehr groß.

 

118.

Nach einem Thema ist Wagner immer in Verlegenheit, wie weiter. Deshalb lange Vorbereitung, Spannung. Eigene Verschlagenheit, seine Schwächen als Tugenden umzudeuten, so das Improvisatorische.

 

119.

Wagner kann mit seiner Musik nicht erzählen, nicht beweisen, sondern überfallen, umwerfen, quälen, spannen, entsetzen; – was seiner Ausbildung fehlt, hat er in sein Princip genommen. Die Stimmung ersetzt die Composition: er geht zu direkt zu Wege.

 

120.

Armuth an Melodie und in der Melodie bei Wagner. Die Melodie ist ein Ganzes mit vielen schönen Proportionen, Spiegelbild der geordneten Seele. Er strebt darnach: hat er eine Melodie, so erdrückt er sie fast in seiner Umarmung.

 

121.

Problem: der Musiker, dem der Sinn für Rhythmus abgeht.

Hebräischer Rhythmus (Parallelismus), Überreife des rhythmischen Gefühls, auf primitive Stufen zurückgreifend. Mitte der Kunst vorüber.

 

122.

Wie Meister Ervin von Steinbach von seinen französischen Mustern und Meistern abhängig ist, frei und sie überragend, so Wagner von den Franzosen und Italiänern.

 

123.

Die große Oper aus französischen und italiänischen Anfängen. Spontini, als er die Vestalin schuf, hatte wohl noch keine Note eigentlich deutsche Musik gehört. Tannhäuser und Lohengrin – für sie hat es noch keinen Beethoven, allerdings einen Weber gegeben. Bellini, Spontini, Auber gaben den dramatischen Effekt; von Berlioz lernte er die Orchestersprache; von Weber das romantische Colorit.

 

124.

Die Kunst der Orchester-Farben mit feinstem Ohre den Franzosen, Berlioz abgehört (frühzeitig).

 

125.

Tannhäuser und Lohengrin keine gute Musik. Das Ergreifende, Rührende wird eben durchaus nicht von der reinsten und höchsten Kunst am sichersten erreicht. Vergröberung.

 

126.

Es fehlt die natürliche Vornehmheit, die Bach und Beethoven haben, die schöne Seele (selbst Mendelssohn); eine Stufe tiefer.

 

127.

Wagner ahmt sich vielfach selber nach – Manier. Deshalb ist er auch am schnellsten unter Musikern nachgeahmt worden. Es ist leicht.

 

128.

Wagner kämpft gegen das Monumentale, aber glaubt an das allgemein Menschliche!

Stil-Tradition: hier will er monumentalisiren, wo es am wenigsten erlaubt ist – im Tempo!

 

129.

Mendelssohn, an dem sie die Kraft des elementaren Erschütterns (beiläufig gesagt: das Talent des Juden des alten Testaments) vermissen, um an Dem, was er hat, Freiheit im Gesetz und edle Affekte unter der Schranke der Schönheit, einen Ersatz zu finden.

 

130.

Liszt, der erste Repräsentant aller Musiker, kein Musiker: der Fürst, nicht der Staatsmann. Hundert Musikerseelen zusammen, aber nicht genug eigne Person, einen eignen Schatten zu haben.

 

131.

Heilsamste Erscheinung ist Brahms, in dessen Musik mehr deutsches Blut fließt als in der Wagner's, – womit ich viel Gutes, jedoch keineswegs allein Gutes gesagt haben möchte.

 

Wagner's Schriften.

 

132.

Wagner, der in seinen Prosaschriften mehr bewundert als verstanden werden will.

 

133.

Wagner hat in seinen Schriften nicht Größe, Ruhe, sondern Anmaßung. Warum?

 

134.

Wagner's Stil. – Die allzuzeitige Gewöhnung, über die wichtigsten Gegenstände ohne genügende Kenntnisse mitzureden, hat ihn so unbestimmt und unfaßbar gemacht: dazu der Ehrgeiz, es dem witzigen Feuilleton gleich zu thun, – und zuletzt die Anmaßung, die sich gern mit Nachlässigkeit paart: »siehe, Alles war sehr gut.«

 

135.

Schrecken, bis zu welchem Grade ich selbst an Wagner's Stil Vergnügen haben konnte, der so nachlässig ist, daß er eines solchen Künstlers nicht würdig ist.

 

136.

Ich habe gesagt, man könne sehr viel über die Entstehung des Kunstwerks aus Wagners Schriften lernen. Nämlich die tiefe Ungerechtigkeit, Selbstlust und Überschätzung, die Verachtung der Kritik u. s. w.

 

Die Wagnerianer.

 

137.

Bei Wagner blinde Verleugnung des Guten (wie Brahms), bei der Partei sehende Verleugnung.

 

138.

Statt in's Leben überzuströmen, fördert die Wagnerische Kunst bei den Wagnerianern nur die Tendenzen, zum Beispiel religiöse, nationale.

 

139.

Wagner's Kunst für Solche, welche sich eines wesentlichen Fehlers in ihrer Lebens-Führung bewußt sind: entweder eine große Natur durch niedrige Thätigkeit eingeklemmt zu haben oder durch Müßiggang vergeudet oder durch Conventions-Ehen u. s. w.

Weltflüchtig ist hier = Ich-flüchtig.

 

140.

Wagnerianer wollen Nichts an sich ändern, leben im Verdruß über Fades, Conventionelles, Brutales – die Kunst soll zeitweilig magisch sie darüber hinausheben. Willensschwäche.

 

141.

Wagner's Kunst für Gelehrte, die nicht Philosophen zu werden wagen: Mißbehagen über sich, gewöhnlich dumpfe Betäubung – von Zeit zu Zeit im Gegentheile baden.

 

142.

Bei Ungenügen stellt sich leicht Geist- Vergiftung ein: so bei den Zielen der Bayreuther Blätter.

Schluß:

 

143.

Mir ist zu Muthe, als ob ich von einer Krankheit genesen sei: ich denke mit unaussprechlicher Süßigkeit an Mozart's Requiem. Einfache Speisen schmecken mir wieder.

 

144.

Das »Lied an die Freude« (22. Mai 1872) eine meiner höchsten Stimmungen. Erst jetzt fühle ich mich in dieser Bahn. – »Frei wie seine Sonnen fliegen, wandelt Brüder eure Bahn!« – Was für ein gedrücktes und falsches Fest war das von 1876. Und jetzt qualmt aus den »Bayreuther Blättern« Alles gegen das Lied an die Freude.

 

145.

Aber hinterdrein wurde mir der Blick für die tausend Quellen in der Wüste geöffnet. Jene Periode sehr nützlich gegen eine vorzeitige Altklugheit.

Jetzt tagte mir das Alterthum und Goethe's Einsicht der großen Kunst: und jetzt erst konnte ich den schlichten Blick für das wirkliche Menschenleben gewinnen: ich hatte die Gegenmittel dazu, daß kein vergifteter Pessimismus daraus wurde. Schopenhauer wurde »historisch«, nicht als Menschenkenner.

 

146.

Ich hatte die Lust an den Illusionen satt. Selbst in der Natur verdroß es mich, einen Berg als ein Gemüthsfaktum zu sehen. – Endlich sah ich ein, daß auch unsere Lust an der Wahrheit auf der Lust der Illusion ruht.

 

147.

Entwicklung des Sophokles verstehe ich durch und durch – der Widerwille gegen den Pomp und Prunkeffekte.

 

148.

Was wird aus einer Kunst, die an ihr Ende gekommen ist? Sie selbst stirbt ab, – die von ihr gegebene Wirkung kommt andern Gebieten zu Gute, ebenso die nunmehr, bei ihrem Ende, freiwerdende, nicht verwendete Energie. Wo also zum Beispiel?

 

149.

Einsicht in die Ungerechtigkeit des Idealismus, darin daß ich mich für meine getäuschten Erwartungen an Wagner rächte.

 

150.

Ich sehe die Leidenden, die in die Höhenluft des Engadin sich begeben. Auch ich sende die Patienten in meine Höhenluft – welcher Art ist ihre Krankheit?

 

151.

Ein Zeichen von der Gesundheit der Alten, daß auch ihre Moral-Philosophie diesseits der Grenze des Glücks blieb. Unsere Wahrheits-Forschung ist ein Exceß: dies muß man einsehen.

 

152.

Plato's Abwendung von der Kunst symbolisch-typisch am Schluß.

 

153.

Die höchste Aufgabe am Schluß, Wagner und Schopenhauer öffentlich zu danken und sie gleichsam gegen sich Partei nehmen zu machen.

 

154.

Ich rathe Jedem, sich vor gleichen Pfaden (Wagner und Schopenhauer) nicht zu fürchten. Das ganz eigentlich unphilosophische Gefühl, die Reue, ist mir ganz fremd geworden.

 

Wagner's Wirkungen.

 

155.

Wir müssen der falschen Nachwirkung Wagner's widerstreben. Wenn er, um den Parsifal schaffen zu können, genöthigt ist, aus den religiösen Quellen her neue Kräfte zu pumpen, so ist dies kein Vorbild, sondern eine Gefahr.

 

156.

Ich habe die Besorgniß, daß Wagners Wirkungen zuletzt in den Strom einmünden, der jenseits der Berge entspringt und der auch über Berge zu fließen versteht.

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