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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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8.
Der Überfall im Westend

Plötzlich aus dem Schlaf aufschreckend warf Peter Benskin einen raschen Blick auf seine Uhr. Es war zwanzig Minuten nach vier.

Ohne Unterlaß rasselte der Wecker seines Telefons, und mit einem Sprung war der noch halb Träumende aus dem Bett und nahm den Hörer ab. Die Stimme des Chefs schlug, heiser und mißtönig, an sein Ohr.

»Sind Sie es, Benskin?« fragte er.

»Ja, Sir.«

»Fahren Sie so schnell wie möglich zu Warren, dem großen Warenhaus. Mathew hat wieder einmal einen seiner Tricks gelandet. Eine schlimme Sache, befürchte ich.«

»Ich fahre sofort hin, Sir.«

Eine Viertelstunde später setzte ein Taxi den Detektiv an der Brompton Road vor einem Seitenausgang des großen Warenhauses ab. Er hatte kaum die Schwelle überschritten, als er sich bereits bewußt wurde, daß sich hier ein entsetzliches Drama abgespielt haben mußte. Die weißverdeckten Tische, unter deren Hüllen sich die formlosen Gegenstände abzeichneten, die schattendunklen Zwischenräume, die nicht direkt im Glanz der Bogenlampen lagen, die Menschen, die sich mit gedämpfter Stimme unterhielten – alles das, so fühlte Benskin, verriet deutlich die entsetzlichen Ereignisse, die sich hier abgespielt hatten. Zu einem auf dem Boden liegenden Mann in Uniform hatten sich ein Polizeiinspektor und ein Arzt niedergekniet, während auf der anderen Seite noch zwei leblose Gestalten auf der Erde lagen. In der Ecke des Raumes, vor einem Telefon, saß ein uniformierter Beamter der Distriktspolizei und sprach eifrig in die Muschel. Der Verwundete richtete sich auf, als er Benskin gewahrte. Der Arzt hielt ihm ein Wiederbelebungsmittel an die Lippen.

»Sie+... kommen+... vom Yard?« rief der Verwundete, mühsam atmend, dem Neuankömmling zu. »Hören Sie! Drei haben eigentlich die ganze Sache geschmissen! Die anderen machten weiter nichts als die Beute einpacken und wegschaffen! Sie alle hatten Masken vorgebunden und bewegten sich wie Marionetten hier herum. Hier, an diesem Regal hat es mich erwischt. Er kam ganz plötzlich um die Ecke. ›Hände hoch!‹ brüllte er mir zu. Hätte ich den Befehl nur befolgt! Ich habe ihm eins versetzt+...«

Mit einem Seufzer sank der Verletzte zurück. Erst nach einer geraumen Weile konnte er wieder sprechen.

»Ich schlug ihm mit der Faust gegen den Mund; dachte, er würde hinstürzen und dann+... Aber nein, er stolperte nur ein wenig und knallte mich dann nieder!«

»Haben Sie bemerkt, aus welchem Material die Masken angefertigt waren? Ist Ihnen etwas an einem der Einbrecher aufgefallen?« fragte Benskin.

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Wie Gespenster zogen sie hier herum, Sir. Gummisohlen, schwarze Anzüge und Masken, die ihnen ins Gesicht paßten, als wären sie aus Wachs gegossen. Nein, die Lampen ließen sie brennen, Sir. Außerdem hatten sie auch ihre Taschenlampen mit. Jim, mein Kollege, war der erste, Sir, der etwas merkte. Wir trafen gegen drei Uhr hier unten wie vorgeschrieben zusammen. Er sah eine Stichflamme im Büro, wo die Tresors stehen, und hörte gleich darauf eine Explosion. Er rannte, um den Alarm einzuschalten, war aber noch kaum einen Meter von der Uhr entfernt, als sie ihn niederschossen. Er war sofort tot. Dort liegt er! Nicht mit einem Finger zuckte er mehr.«

Die Augen des Mannes schlossen sich einen Augenblick. Dann seufzte er und schwieg. Der Arzt schüttelte bedeutsam den Kopf.

»Es wird nicht mehr lange mit ihm dauern«, flüsterte er Benskin zu.

Der Inspektor beugte sich tiefer zu dem Sterbenden herab.

»Sprechen Sie nicht mehr«, sagte er gütig. »Haben Sie noch an jemand etwas auszurichten?«

Müde schlug der andere die Lider auf. Es klang wie ein Flüstern, als er fortfuhr:

»Meine Frau ist schon lange tot«, erklärte er. »Gott sei Dank, daß es so ist; nun braucht sie sich wenigstens keine Sorgen um mich zu machen. Ich war zweimal dabei, als hier eingebrochen wurde, aber niemals habe ich etwas Ähnliches gesehen. Sieben Säcke voll Juwelen und Wertsachen brachten sie von oben angeschleppt. Sie benutzten den Fahrstuhl, als wären sie hier zu Hause. Sobald einer mit neuer Beute kam, nahm sie ihm ein anderer ab und trug sie nach unten ins Auto. Vielleicht werden sie uns jetzt wenigstens erlauben, Waffen zu tragen; bisher mußten wir uns wie tolle Hunde von irgendwelchen Lumpen niederknallen lassen, ohne uns wehren zu können.«

Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen gewesen. Dann schwieg der Verletzte. Zart breitete der Arzt ein Taschentuch über das Gesicht des auf seinem Posten Gefallenen. Benskin richtete sich auf. Er war den Tränen nahe, aber er wußte, daß es jetzt nicht an der Zeit war, zu trauern. Eiligst untersuchte er den Platz, wo der nun Tote einem der Einbrecher einen Zahn ausgeschlagen haben mußte. Er fand einige Tropfen Blut und einen kleinen weißen Gegenstand auf dem Fußboden – einen Vorderzahn, goldplombiert. Sorgfältig wickelte Benskin den Zahn in ein Stück Seidenpapier und steckte ihn in seine Brieftasche. Die weitere Suche blieb vergeblich.

 

Gegen sechs Uhr kamen die Rettungsautos, und die Leichen der auf ihrem Posten gefallenen Wachtleute wurden entfernt. Major Houlden war unterdessen ebenfalls eingetroffen, und auch Sir Thomas Callender, der Direktor des Warenhauses, war eiligst auf dem Schauplatz erschienen. Jetzt saßen die beiden mit Benskin im Privatbüro des Leiters des Konzerns.

»Eine ganz schlimme Sache, meine Herren«, stieß Sir Thomas hervor. »Entsetzlich! Stimmt es wirklich, daß drei meiner Wächter erschossen worden sind?«

»Ja, leider«, erklärte Major Houlden.

»Und man hat von der Bande keine Spur? Mit der ganzen Beute ist sie entkommen?«

»Für den Augenblick wohl, Sir Thomas«, lautete die Antwort. »Sie haben einen Ihrer Lieferwagen und eine Limousine mit entführt, um die Beute abzutransportieren. Können Sie uns eine Aufstellung der gestohlenen Waren geben?«

»Ich werde mich umsehen«, gab der Direktor zurück. »Ich glaube, der Leiter der Schmuckabteilung wird unterdessen eingetroffen sein.«

Er entfernte sich, während Benskin und der Chef einen Rundgang durch das Warenhaus antraten.

»Ich wüßte nicht, warum wir noch hierbleiben sollten«, meinte Houlden. »Wir haben alles getan, was wir hier tun konnten. Sieben Schränke haben sie ausgeraubt und, Gott weiß, welche Beute gemacht. Ich glaube, wir finden im ganzen Haus nicht einen Kragenknopf mehr. Sie können sich doch ausmalen, Benskin, wessen Arbeit dieser Einbruch hier war, nicht wahr?«

»Mathews!«

Houlden nickte.

»Kein anderer kommt in Frage. Die Polizei von Brompton Road hat nicht den geringsten Verdacht geschöpft. Der Wachthabende berichtete mir, daß er zwar ein langsam hier umherfahrendes Taxi beobachtet, ihm aber keine Bedeutung beigemessen hätte. Als er den Lieferwagen aus dem Hof des Hauses kommen sah, glaubte er natürlich, es handele sich um eine zeitige Warenlieferung. Er hätte sich vielleicht um die ganze Sache überhaupt nicht gekümmert, wenn er nicht im Lieferwagen drei Herren im Frack bemerkt hätte. Dies kam ihm merkwürdig vor, und er ging zu Warren hinüber, um zu sehen, ob die Türen verschlossen wären. Als er durch die Scheibe blickte, sah er die drei Gestalten auf dem Fußboden liegen und eine Unmenge Waren durcheinandergeworfen. Wann haben Sie zuletzt etwas von Mathew gehört, Benskin?«

»Vor drei Nächten habe ich ihn gesehen, Sir.«

»Gesehen? Wo?«

»Er kam gerade aus dem Ambassador-Theater heraus, Sir. Ich war bei Ivy zum Abendessen gewesen, da ich gehört hatte, er pflege dort häufig zu verkehren. Als ich gegessen hatte, spazierte ich ein wenig vor dem Theater auf und ab und beobachtete das Publikum. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre Mathew ein leidenschaftlicher Theaterbesucher. Als ich eben ankam, sah ich einen Herrn eine Dame zum Auto begleiten. Anfangs fiel mir an dem Betreffenden nichts auf; ich vermochte mir keine Rechenschaft abzulegen, warum ich ihn überhaupt beobachtete. Er war gekleidet wie ein Mann der besten Gesellschaftskreise, in Frack und Lack. Als er seiner Begleiterin in den Wagen half, drehte er sich um und starrte mich an. Wieder veranlaßte ihn wohl seine Eitelkeit, mich höhnisch anzulächeln. Es war Mathew, aber ehe ich auch nur einen Schritt in seiner Richtung tun konnte, war die Limousine schon fünfzig Meter entfernt. Sie fuhr nach Osten.«

»Viel hilft uns das nicht«, meinte der »Vize« nachdenklich.

»Vielleicht doch«, murmelte Benskin.

Eben erschien Sir Thomas wieder und trat zu den beiden.

»Es ist kaum zu glauben«, stöhnte er. »Die Einbrecher müssen hier wie zu Hause gewesen sein. Dreiviertel unserer besten Schmucksachen sind geraubt, und sieben unserer Tresore, mit den Einnahmen des gestrigen Tages, geleert. Ich beziffere unsere Verluste auf etwa eine Viertelmillion Pfund.«

»Versichert?« wollte Houlden wissen.

Der andere schüttelte den Kopf.

»Eine Firma unserer Bedeutung«, sagte er stolz, »hat es nicht notwendig, andere Gesellschaften mit der Versicherung ihrer Waren zu belästigen. Wir haben Selbstversicherung. Vielleicht, mein sehr verehrter Herr Houlden, können Sie mir nun mitteilen, welche Schritte Sie in dieser Angelegenheit zu unternehmen gedenken? Ich muß umgehend eine Aufsichtsratssitzung einberufen und meinen Bericht erstatten.«

»Wir haben ganz England alarmiert, Sir Thomas«, teilte ihm Houlden mit. »Jeder Polizist, jeder Kriminalbeamte ist auf dem ›qui vive‹. Fünfzig Motorradfahrer patrouillieren die Landstraßen ab. Jede Straßenkreuzung wird überwacht; alle paar Minuten kommen telefonische Berichte von unseren Außenposten, und wenn irgend etwas vorliegt, werden wir sofort benachrichtigt.«

Der Direktor nickte.

»Es hat den Anschein, als könnten sie Ihnen nicht entkommen, Major«, meinte er.

»Das hoffen wir, aber Sie dürfen nicht vergessen, Sir Thomas, daß wir es mit einer außergewöhnlichen Bande zu tun haben. Sie hat sorgfältig ausgearbeitete Pläne in die Tat umgesetzt und, wie wir sehen, Erfolg gehabt. Als es ihr gelungen war, in der Nacht zu entkommen, hatten sie gewonnenes Spiel. Ich fürchte sehr, es wird ihr geglückt sein, ihre Höhle unangefochten zu erreichen. Erst wenn sie versucht, die Beute in Geld umzusetzen, werden wir sie fassen.«

»Was halten Sie von der Auslobung einer Belohnung?«

»Damit würde nichts geändert, Sir Thomas. Wir alle würden auch ohne Belohnung gern unser Leben aufs Spiel setzen, wenn es uns damit gelänge, diese Bande dingfest zu machen. Vor allen Dingen der Mann an ihrer Spitze ist uns ans Herz gewachsen+...«

»Ich werde meinen Herren die Angelegenheit in Ihrem Sinne vortragen«, versprach Sir Thomas.

»Auf die Belohnung brauchen Sie wirklich keinen zu großen Wert legen, Sir Thomas«, meinte der Major. »In allen anderen Fällen wäre es möglich, daß die Ausschreibung einer größeren Geldbelohnung ihren Zweck erfüllt; hier aber dürfte sich außerhalb der Polizei keiner finden, der sie zu verdienen versuchen würde.«

»Warum nicht?« fragte der andere erregt. »Sie könnten doch den betreffenden Achtgroschenjungen – so nennt man sie wohl, nicht wahr? – in Schutz nehmen?«

»Ja, das könnten wir tun. Aber nach einer gewissen Zeit würde der Betreffende das Bedürfnis verspüren, die Belohnung zu genießen. Gegen sich selbst kann man niemand schützen, Sir Thomas. Wir haben im Yard ein kleines schwarzes Büchelchen, in dem alle verzeichnet stehen, die uns in den letzten Jahren als Agenten dienten, wenn es sich darum handelte, gesuchte Meisterverbrecher dingfest zu machen. Sie alle standen eine Zeitlang unter unserem Schutz, begaben sich aber dann doch wieder in ihre Sphäre zurück, um die verdienten Gelder zu verzehren. Zwei fand man, über die das Verdikt ›Durch Selbstmord geendet‹ gefällt wurde. Bei zwei anderen hieß es: ›Von unbekannter Hand ermordet‹, und alle, glauben Sie mir, Sir Thomas, hatten vorher nicht die geringsten Bedenken gehabt, sich wieder in ihre Wohnung zu begeben. Kein Zinker wird Gelegenheit haben, seine wohlverdiente Belohnung in Frieden zu verzehren. Dafür sorgen die Betroffenen oder deren Komplicen. Schreiben Sie die Belohnung aus, Sir Thomas, aber, fände sich wirklich einer, der sie verdienen will – er unterschriebe sein eigenes Todesurteil.«

Sir Thomas starrte den andern nachdenklich an, schien aber immer noch nicht gewillt, die Warnung Major Houldens ernst zu nehmen.

»Sie muten mir doch hoffentlich nicht zu, daß ich mich ganz besonders geehrt fühlen soll, weil ein so hervorragender Bandit mein Geschäft besucht hat?«

Major Houlden erhob sich.

»Kommen Sie, Benskin, wir wollen nach dem Yard.«

Ein Inspektor trat nach kurzem Anklopfen ein und grüßte.

»Wir haben eben Bericht von Woking bekommen, Sir«, sagte er, »daß man den Lieferwagen, der hier gestohlen wurde, in einer kleinen Seitengasse aufgefunden hat.«

»Aufgefunden? Soll das heißen, daß er leer war?« fragte Houlden.

»Jawohl, Sir. Auf dem Verdeck steckte eine Karte, die das Ersuchen enthielt: ›Mit der Bitte, diesen Wagen der Firma Warren & Co., Brompton Road, zuzuführen, die für Auszahlung einer Belohnung Sorge tragen wird!‹«

»Verdammte Frechheit«, entrüstete sich Sir Thomas.

»Das war Mathew«, murmelte Benskin vor sich hin.

 

Die gesamte Tagespresse war wie aus dem Häuschen. Kein Platz in London, so hieß es, sei von nun an vor den Taten dieser Meisterverbrecher sicher. Der königliche Palast selbst müsse unter strengste Bewachung gestellt werden, damit es der Bande nicht eines schönen Tages einfalle, sich an ihn heranzuwagen.

Die Polizei arbeitete fieberhaft, aber nach Verlauf von vier Tagen war man nicht einen Schritt weiter als am ersten. Keine Verhaftung, keine Spur von den Tätern. Seit man den Lieferwagen gefunden hatte, tappte man im dunkeln. Der Polizeipräsident in höchsteigener Person ließ sich Major Houlden kommen.

»Stimmt es, Major«, fragte er, »daß diese Bande uns geistig überlegen ist?«

»Wenn auch nicht gerade überlegen, so doch mindestens gleichwertig«, gab der Major kühl zu. »Natürlich mußten wir versuchen, die Bande zu finden, aber ich wette hundert zu eins, daß wir sie nicht erwischen werden. Wir haben dieselben Verbrecher gegen uns, die Lord Ellacot und den Tennis-Champion Howson personifizierten und deren Wohnungen beraubten. Nein, es sind keine gewöhnlichen Verbrecher. Keiner von denen, die wir in unseren Listen führen, kommt für die verübten Verbrechen in Frage.«

»Und was beabsichtigen Sie gegen die Bande zu unternehmen?« fragte der Präsident. »Das Publikum erwartet, von uns gegen solche Auswüchse der Gesellschaft geschützt zu werden, und es wundert sich, was eigentlich hinter den Kulissen gespielt wird. Erst die Fälle Ellacot und Howson – beide in einer einzigen Nacht – und nun dieses entsetzliche Verbrechen! Ich glaube, Sie werden einige Ihrer Beamten abbauen müssen, Houlden.«

»Damit wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, Sir, denn doch noch etwas warten. Denken Sie daran, daß wir die Bande, die Ellacot und Howson bestahlen, in jener Nacht beinahe fassen konnten. Nur ein Wunder ließ sie entkommen.«

»Ja, aber diese Wunder scheinen sich nur zugunsten der anderen zu ereignen, Houlden«, meinte der Polizeipräsident ironisch. »Was sollen wir dem Innenminister berichten, der uns sowieso schon dauernd auf dem Halse sitzt?«

»Wenn Sie wollen, gehe ich persönlich zu ihm, Sir«, gab der Major zurück. »Wir sind nicht mehr in der glücklichen Lage, in der sich die Polizei noch vor zwanzig Jahren der Verbrecherwelt gegenüber befand. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Wenn ein wirklich intelligenter Mensch, der die moderne Technik zu nutzen versteht, sich vornimmt, die Verbrecherlaufbahn einzuschlagen, dann dürfte es ihm gelingen, sein Unterfangen eine hübsche Zeit lang fortzuführen.«

»Das mag sein«, gab der Chef zu, »aber das Publikum wird sich für eine derartige Aufklärung bestens bedanken. Sie wagen sich aufs Glatteis, Sir, wenn Sie etwas Derartiges in der Öffentlichkeit verlauten lassen.«

»Ich weiß«, nickte der Vizepräsident. »Es ist aber so und wirklich nicht so schrecklich, wie es klingt. Anfangs mag der anderen Seite auch das größte Verbrechen gelingen, aber lassen Sie sie ihre Tricks ein halbes dutzendmal wiederholen – dann sind wir an der Reihe. Wenn das Publikum wüßte, was wir seit jener Affäre bei Ellacot und Howson schon alles unternommen haben, würde man uns nicht für die Idioten halten, die wir gegenwärtig zu sein scheinen.«

»Wer ist der Mann in Ihrer Abteilung, dem Sie solches Vertrauen schenken, Major?« erkundigte sich der Chef.

»Er heißt Benskin, Sir. Er sieht nicht gefährlich aus, ist aber durch und durch ein Genie. Wissen Sie, einer jener ruhigen Leute, die für die Verbrecher mit der Zeit am gefährlichsten werden. Er ist ein Mann, der stundenlang auf einem Fleck steht, wenn er damit sein Ziel erreichen kann. Er wird unseren Freund Mathew noch erwischen, daran zweifle ich nicht im geringsten.«

Der Präsident war nur halb befriedigt, beendete aber die Unterredung. Houlden kehrte in sein Büro zurück und ließ Benskin holen.

»Der Alte hat mir gründlich den Kopf gewaschen«, berichtete er seinem Untergebenen. »Gibt's was Neues?«

Benskin war schmäler geworden; die Arbeit der letzten Tage hätte aber auch einen Stärkeren, als er es war, aufzureiben vermocht.

»Heute morgen habe ich meinen ersten Erfolg buchen können, Sir«, berichtete er. »Ich habe einhundertvierzig Zahnärzte besucht.«

»Ich wußte gar nicht, daß es in London so viele gibt«, begnügte sich der Major zu antworten.

»Unter ihnen befand sich einer, der einen Mann behandelt hat, dessen Vorderzahn man ausgeschlagen hatte.«

»Und wer war der betreffende Patient?«

»Ein Lederfabrikant namens Ellis, dessen Büro sich in der Endale Street, Bermondsey, befindet. Ich war dort; es ist nur eine kleine Fabrik, rings von leerstehenden Häusern umgeben. An der Tür hängt ein Schild mit der Firma ›Ellis & Humphreys‹. Im Augenblick, als ich vorbeispazierte, stand gerade ein Wagen da, der Waren aufgeladen hatte. Natürlich habe ich mich gehütet, das Haus zu betreten; ich habe jedoch einige Leute dort, die es scharf im Auge behalten. Dem Lastwagen folgte ich, als er abfuhr, bis zum Liverpool-Street-Güterbahnhof. Er hatte aber nur Leder geladen, das an eine Firma in Norwich, ›Chittuck & Baynes‹, adressiert war.«

»Haben Sie sich nach diesem Ellis erkundigt?« fragte der Major. »Haben wir etwas über ihn in der Kartei?«

»Nicht ein Wort. Aber das will gar nichts besagen. Salomon, Wheatley und Vanderleyde sind auch Leute, gegen die wir nichts vorliegen haben. Allem Anschein nach beschäftigt sich Freund Mathew hier in England nur damit, Leute zu finden, die eine gewisse Persönlichkeit darstellen und von unantastbarem Ruf sind. Kommt dann der Augenblick, wo er verschwinden will, dann nimmt er die Identität des Betreffenden an. So kommt es mir auch bei dieser Lederfabrik vor. Die beiden Teilhaber werden wohl von Mathew ausgehalten, und zwar bis zu dem Augenblick, wo er die Persönlichkeit eines der beiden für sich selbst braucht. Dann verschwindet der, und er selbst tritt an seine Stelle.«

»Und was beabsichtigen Sie zu unternehmen? Bisher haben Sie wahrscheinlich noch nicht genügend Beweise, um eine Razzia zu veranstalten?«

»Nein, und ich brenne auch keineswegs darauf, mich mit Mr. Ellis persönlich zu unterhalten. Morgen werden mir schon eingehendere Berichte über den Geschäftsbetrieb der Firma vorliegen. Ein Freund von mir hat eine kleine Schuhfabrik im Osten Londons; ich habe seinem etwas mißratenen Sohn einmal einen Gefallen erwiesen, und der Alte hat geschworen, sich dafür erkenntlich zu zeigen. Ihn werde ich zu Ellis schicken. Er soll dort Leder einkaufen und mir Berichte verschaffen, was für eine Firma das ist. Kommt sie mir verdächtig vor, dann werde ich einen Durchsuchungsbefehl verlangen.«

»Viel Grund dazu haben Sie bisher anscheinend noch nicht?« meinte Major Houlden.

»Vielleicht nicht«, gab Benskin zu, »aber Sie wissen, Sir – wenn ich mich einmal in eine Sache verbissen habe, dann gebe ich nicht eher auf, als ich weiß, ob ich mich geirrt habe. Ich kann mir kaum denken, daß es an jenem Donnerstagmorgen viele Leute in London gegeben hat, denen man in der Nacht vorher einen Vorderzahn ausgeschlagen hatte und die sich ihn demzufolge ersetzen lassen mußten. Noch auffälliger erscheint mir, daß sich der Betreffende an einen ihm unbekannten Zahnarzt gewandt hat. Ellis war dem Mann, der mir diese wertvolle Auskunft gab, völlig unbekannt. Erst als ich mich einer Generalreinigung meiner Zähne unterwarf, berichtete er mir, was ich wissen wollte.«

Der »Vize« lachte herzlich.

»Sie führen Ihre Unternehmungen konsequent durch, Benskin«, sagte er. »Das muß Ihnen der Neid lassen.«

 

In der Kneipe zu den »Three Castles« wartete Peter Benskin auf den Lederhändler aus dem Osten Londons. Das Lokal entsprach seiner Umgebung. Die Wände waren mit Plakaten behängt, den Fußboden schmückte statt des üblichen Linoleumläufers eine dicke Lage von Sägespänen.

Endlich – Benskin wurde bereits ungeduldig – trat der erwartete Mr. Cecil Small, seines Zeichens Schuhfabrikant für handgearbeitete Fußbekleidung, ein. Er war ein untersetzter Herr in den vierziger Jahren, dessen Finger mit riesengroßen Simili-Brillantringen geschmückt waren.

»Welch eine Überraschung«, begrüßte er den ihn Erwartenden und gab sich den Anschein, als wäre das Zusammentreffen ein rein zufälliges. In seiner Bemühung, niemanden im Lokal wissen zu lassen, daß er sich mit einem Beamten Scotland Yards ein Stelldichein gegeben hatte, übertrieb er die zur Schau getragene Überraschung ein wenig.

Benskin winkte ab.

»Nehmen Sie Platz, Small, und bestellen Sie sich etwas zu trinken.«

Erst als das Bestellte gebracht worden war, gab er Benskin den sehnlichst erwarteten Bericht.

»Ich bin dort gewesen, Mr. Benskin. Sie haben keine Vertreter und machen ihre Geschäfte nur im Lager und gegen sofortige Kasse. Ich mußte einen höheren Preis bezahlen, als ich sonst bei Kassakäufen zu zahlen gewöhnt bin. Es macht fünfzehn Prozent aus, Sir«, setzte er mit einem beredten Blick auf sein Gegenüber hinzu.

»Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf«, beruhigte ihn der Inspektor. »Wir werden Sie schadlos halten, Small.«

»Schön. Wenn ich auch sagen muß, daß es sich um eine kleine Firma zu handeln scheint, so ist das Lager doch recht gut sortiert. Ich habe für etwa vierzig Pfund gekauft, was doch immerhin allerhand Geld ist, aber man scheint sich kaum den Kopf zerbrochen zu haben, ob und wieviel ich kaufte.«

»Denken Sie angestrengt nach, Mr. Small«, bat ihn Benskin, »und sagen Sie mir, ob Ihnen irgend etwas Besonderes aufgefallen ist. Vielleicht nur eine Kleinigkeit, die einem in Geschäften dieser Branche befremdet.«

»Es haben sich eine ganze Menge feiner Leute dort herumgetrieben, wie man sie sonst nur in Ballokalen trifft, Mr. Benskin«, vervollständigte Small nach kurzem Nachdenken seinen Bericht. »Keiner aber hat etwas vom Geschäft selbst verstanden. Einer der Chefs sah aus wie aus dem Ei gepellt, in Frack und Lack und Claque. Stellen Sie sich vor: Im Knopfloch hat er eine große Orchidee stecken gehabt. Er machte mir den Eindruck, als wäre er in schlechter Laune, und erzählte, er hätte einen Unfall gehabt.«

»So? Welcher Art?«

»Er hatte mir eine gute Zigarre angeboten und wollte sich auch selbst eine anbrennen. Dabei verlor er einen Zahn, der ihm neu eingesetzt worden war.«

Benskin lachte leise vor sich hin. Dann wandte er sich wieder an Small.

»Sie glauben Ursache zu haben, sich mir dankbar zu erweisen, nicht wahr?«

»Nur deshalb bin ich ja hierhergekommen, Mr. Benskin. Hätte ich vielleicht nötig gehabt, bei so einer kleinen Firma zu kaufen, wenn es nicht Ihnen zu Gefallen geschehen wäre?«

»Bitte, beschreiben Sie mir doch diesen Mr. Ellis so genau wie möglich.«

»Wie ich Ihnen schon sagte, trat er in Lack und Frack auf. Der weiße Mantel, den er trug, stand offen, so daß ich seine feine Kleidung deutlich sehen konnte. Aus seiner Fracktasche schaute ein goldenes Zigarettenetui hervor. Er sah bestimmt eher wie ein Gigerl als wie der Inhaber einer Lederhandlung aus.«

Benskin reichte seinem Gegenüber die Hand.

»Wir sind quitt, Small«, sagte er. »Ich freue mich, daß ich damals Ihren Jungen vor dem Gefängnis bewahren konnte. Bitte, rufen Sie mir ein Taxi heran; ich möchte mich nicht unnötig in dieser Gegend auf der Straße sehen lassen.«

An der London Bridge ließ Benskin den Wagen halten und verbrachte zehn Minuten in einer Telefonzelle. Eine halbe Stunde später saß er beim einsamen Mahl, das, wie er wußte, gut seine letzte irdische Mahlzeit werden konnte.

Der Nachmittag wurde leicht neblig. Wie ein Leichentuch von gelber Farbe hing der Dunst über dem Stadtteil Bermondsey und drückte auf die Stimmung der Menschen.

Im Privatbüro der Firma Ellis & Humphreys saß Mr. Ellis, der eine der Inhaber, an seinem Schreibtisch und öffnete mit geübter Hand die eben eingetroffene Nachmittagspost. Neben ihm stand, jede seiner Bewegungen beobachtend, der angebliche Mr. Humphreys. Hager und aufmerksam, war er ein getreues Spiegelbild Amos Wheatleys, des Millionärs aus dem Wanderer-Klub.

Endlich war der letzte Brief gelesen, und Ellis lehnte sich, erleichtert aufatmend, in seinem Stuhl zurück.

»Du weißt nun, wie du diese Briefe zu behandeln hast«, wandte er sich an Humphreys-Wheatley. »Du bringst sie nach der Riverside Street, wo sie erledigt werden können.«

Nachdenklich musterte der andere seinen Sozius.

»Ist irgend etwas los?« fragte er.

Ellis zuckte mit den Achseln.

»Nichts Faßbares«, meinte er. »Wahrscheinlich handelt es sich nur um einen meiner Zustände. Mir liegt es in den Knochen, als ginge hier in der Nachbarschaft etwas vor.« Er drückte auf einen auf dem Schreibtisch angebrachten Knopf. Ein Verkäufer in weißem Kittel erschien.

»Haben Sie die Auskunft über diesen Mr. Small da, der heute morgen hier gekauft hat?«

»Jawohl, Sir«, antwortete der Gefragte. »Es ist alles in bester Ordnung. Er betreibt in der Bethnal Green Road eine kleine Schuhfabrik. Nein, darüber besteht kein Zweifel, daß er in ehrlicher Absicht kam. Er wohnt schon viele Jahre dort. Außerdem gehört er zu denen, die immer auf der Suche nach neuen Lieferanten sind, weil sie glauben, irgendwo billiger kaufen zu können.«

»Schien er Ihnen besonders neugierig zu sein? Sagte er etwas, daß unser Lager nicht sehr groß sei?«

»Nein, Sir, nicht daß ich wüßte. Er wollte nur wissen, ob wir amerikanisches Spaltleder zu verkaufen hätten.«

»Haben Sie ihn in den Keller geführt?«

»Nein. Ich machte ihn nur darauf aufmerksam, daß wir Spaltleder nicht führten, da es nicht in unser System passe.«

Nachdenklich starrte Ellis einige Augenblicke vor sich hin.

»Sie sind doch aus der Branche, Britten, nicht wahr?« meinte er dann. »Wenigstens behaupteten die vorigen Inhaber, daß Sie in ihr groß geworden seien?«

»Das stimmt, Sir. Ich bin seit zwanzig Jahren in der Branche.«

»Sie müßten demzufolge auch wissen, Britten, ob dieser Small, angesichts seiner Fabrikation, überhaupt Spaltleder verwenden kann, wie?«

»Nein, Sir. Für Spaltleder hätte er, soweit ich zu urteilen vermag, eigentlich keine Verwendung«, gab Britten zurück. »Max hat die von Small gekauften Schaftleder abgeliefert und sich dort genau umgesehen. Er hat nichts bemerkt, was auf das Vorhandensein von Maschinen für die Absatzfabrikation hingedeutet hätte.«

Ellis runzelte die Stirn. Er wußte, daß in der Endale Street selten Kunden vorsprachen, die Spaltleder verlangten.

»Wieviele Fässer haben wir eigentlich im Keller?« fragte er.

»Siebenundzwanzig, Sir.«

»Sie sind ja verkauft, und wir könnten sie gleich abtransportieren lassen, Britten«, meinte der Chef. »Sie gehen an Mr. Jacob Rubel, Lederhändler in Barcelona. Lassen Sie den Spediteur kommen und die Fässer an Bord der ›Juanita‹ bringen, die am Kai Riverside Street liegt. Und dann noch etwas, Britten, wenn dieser Small wiederkommen sollte, schicken Sie ihn zu mir.«

»Soll geschehen, Sir«, versprach der Angestellte.

Ellis versicherte sich durch einen Blick aus der Tür, daß er mit Humphreys allein war, und erst als er Britten am anderen Ende des Lagerhauses am Telefon stehen sah, trat er in sein Büro zurück.

»Was ist denn nur los?« fragte sein Sozius unruhig. »Haben wir irgend etwas versehen?«

»Nichts ist los. Von Rechts wegen müßten wir hier sicher wie in Abrahams Schoß sitzen. Ich habe die Posten verdoppelt; Ludolf patrouilliert als Chauffeur eines Taxis die Umgebung des Lagerhauses ab und dürfte niemand übersehen, der sich heranwagt. Wahrscheinlich ist es dieses verdammte Wetter, das mich so nervös macht. Fahr mit dem Geschäft hier ruhig fort, Maurice, und bleib der Riverside Street solange wie möglich fern.«

Ellis erhob sich und trat in den Lagerraum. An dessen anderem Ende stieß er eine Schwingtür auf und durchschritt ein großes Zimmer, das voll von leinenüberdeckten Regalen stand. Am jenseitigen Ende wurde eine Tür sichtbar. Ellis drückte auf einen Knopf, und sie sprang vor ihm auf. Eine zweite Tür stellte sich ihm in den Weg. Auch diese öffnete er mittels eines seiner Tasche entnommenen Schlüssels und befand sich nun in einem luxuriös möblierten Raum, dessen Fußboden mit einem weichen Teppich bedeckt und der mit allem ausgestattet war, was einem das Leben erträglich machen konnte.

Ellis hatte den Raum kaum betreten, als ein livrierter Diener hereinkam.

»Gibt's was Neues?« erkundigte sich Ellis.

»Nein, Sir, nichts.«

»Beide Drähte in Ordnung?«

»Vollkommen. Ich habe sie erst vor wenigen Minuten ausprobiert.«

»Ist Ludolf auf seinem Posten?«

»Jawohl, Sir.«

»Mein Wagen steht bereit?«

»Der Motor läuft seit acht Uhr, Sir. Francis sitzt am Steuer. Er hat ein neues Nummernschild angebracht und führt außerdem zwei andere als Reserve mit.«

»Ich will für eine Zeitlang verschwinden«, erklärte nun Ellis. »Ist in der Riverside Street alles in Ordnung?«

»Jawohl. Wollten Sie dort hinziehen?«

»Ja, aber nur für ein, zwei Tage. Seien Sie vorsichtig und vergewissern Sie sich, daß sich nichts Verdächtiges ereignet. Kommen Sie dann um acht hierher, denn ich möchte heute abend, wenn möglich, in die Oper.«

»Die gewohnten Warnungssignale, nicht wahr, wenn ich etwas bemerke?«

»Wir ändern den Code erst morgen«, sagte Ellis kurz. »Bringen Sie mir einen starken Cocktail, Morrison.«

Nachdem er getrunken hatte, begab sich Ellis auf dem Weg, den er gekommen war, wieder zurück. Anstatt aber wieder dem Lagerraum zuzugehen, änderte er seine Absicht und stieg einige Stufen hinab.

 

Der Kutscher von der Speditionsgesellschaft hatte seine siebenundzwanzig Fässer aufgeladen und fuhr nun, ein reichliches Trinkgeld in der Tasche, die Endale Street hinab. An der Thomas Street wurde er zu seinem Erstaunen, obwohl die Straßenkreuzung frei war, von einem Schutzmann angehalten.

»Was ist denn los, Wachtmeister?« fragte der Kutscher verwundert.

Ein Mann in langem, bis zum Kinn zugeknöpftem Gummimantel trat an den Wagen heran und gab dem Schutzmann, hinter dem er sich bisher versteckt gehalten hatte, einen Wink, beiseite zu treten.

»Ich bin Inspektor Benskin vom Yard«, erklärte er. »Fahren Sie rechts heran und halten Sie dort neben der zweiten Laterne.«

»Sie denken wohl, ich habe die Fässer hier geklaut? Nein, die sind von Ellis & Humphreys, dort um die Ecke. Stimmt was nicht?«

»Wir wollen uns selbst überzeugen«, lautete die Antwort.

Man hatte bereits einige Fässer ohne Resultat geöffnet, als einer der durchsuchenden Beamten einen erstaunten Ausruf hören ließ. In seiner Hand hielt er ein Halsband von feinsten Juwelen. Benskin, weniger überrascht als die andern, gab seine Befehle.

»Vier von euch bewachen den Wagen«, ordnete er an. »Die Motorradfahrer sofort nach der Endale Street. Stürmt das Lagerhaus und haltet eure Pistolen schußbereit.«

Mindestens zwei Dutzend Beamte tauchten auf; von allen Seiten kamen sie, ihre Motorräder ankurbelnd, heran. Benskin selbst stieg in einen Überfallwagen, der aus dem Dunst aufgetaucht war. In weniger als drei Minuten hielt die gesamte Macht vor den Toren der Firma Ellis & Humphreys. Ein Lagerarbeiter, der einige Stücke Kernleder im Hof abstaubte, blickte verwundert die zahlreichen Besucher an, rührte sich aber nicht von der Stelle. Benskin war der erste, der an die Tür klopfte. Als niemand antwortete, drückte er die Klinke nieder und befand sich auch schon im Innern des großen Lagerraumes. Britten stand vor einem Tisch und sortierte Lederstücke, während ein anderer Mann mit Maschineschreiben beschäftigt war. Benskin zog seine Pistole und eilte durch den Raum.

»Hände hoch!« befahl er scharf.

Humphreys warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf ein Fach seines Schreibtisches, in dem ein Revolver lag. Dann blickte er auf den Mann, der vor ihm stand, und zögerte nicht länger. Er hob seine Hände hoch über den Kopf.

»Ein kleiner Überfall, wie?« fragte Humphreys ruhig. »Ihr werdet nicht viel erwischen. Wir haben nur vierzehn Pfund und einige Schillinge in der Kasse.«

»Schweigen Sie, Amos Wheatley, oder wie immer Sie sich hier nennen mögen«, unterbrach ihn der Inspektor schroff. »Wo ist Mathew?«

Der Schatten eines Lächelns huschte um die Lippen des andern.

»Mathew? Der hatte so etwas wie Vorahnungen«, beantwortete er orakelhaft die gestellte Frage.

 

Am selben Abend berichteten die Zeitungen in großen Schlagzeilen, daß es der Polizei gelungen sei, den größten Teil der bei dem Warenhauseinbruch gestohlenen Juwelen wiederzuerlangen. Von der Bande selbst waren einer der Führer und eine große Anzahl untergeordneter Mitglieder gestellt worden. Scotland Yard gewann seinen Ruf als vorzüglich geleitetes Institut wieder, und Lobsprüche fielen wie aus einem Wolkenbruch auf Benskins Haupt. Nur er selbst war unbefriedigt, denn irgendwo in England ging vielleicht eben jetzt Mathew mit einem höhnischen Lächeln zur wohlverdienten Ruhe.

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