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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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7.
Der Mann der tausend Masken

Major Houlden, der Polizeivizepräsident, war zu einem Entschluß gekommen. Nachdenklich legte er den Brief, nachdem er ihn gelesen hatte, auf seine Schreibtischplatte und drückte auf die Klingel.

»Ich möchte Inspektor Benskin sprechen«, befahl er dem eintretenden Boten.

»Sofort, Sir.«

Nach wenigen Minuten erschien der Inspektor. Sein Vorgesetzter stand vor dem Bücherschrank und betrachtete eingehend eine Mappe, die er in der Hand hielt.

»Sie gehören nun schon seit drei Jahren zur Kripo«, begrüßte er Benskin. »Die meisten Fälle, die Ihnen anvertraut waren, haben Sie erfolgreich gelöst. Bisher war es aber nichts Großes, was Sie zu bearbeiten hatten. Sind Sie ehrgeizig?«

»Jawohl, Sir«, antwortete der Inspektor.

»Ihr Ruf ist ausgezeichnet«; fuhr der Chef fort. »Nicht eine einzige Beschwerde liegt gegen Sie vor. Das ist gut. Auch mutig sollen Sie sein. Sie waren es doch, der Holland eigenhändig festgenommen hat und bei dieser Gelegenheit beinahe den Arm verlor, nicht wahr? Nein, sehr kräftig sind Sie nicht+...«

»Habe aber gleichwohl den ersten Preis in einem Jiu-Jitsu-Wettbewerb bekommen, Sir«, vervollständigte Benskin das Urteil des anderen. »Auch beim Boxen stehe ich meinen Mann.«

Major Houlden nickte.

»Das hatte ich zu erwähnen vergessen«, gab er zu. »Nun hören Sie, Benskin. Sie lassen bei West-End-Schneidern arbeiten und haben das Gymnasium besucht, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir?«

»Ich habe da eine große Sache an Hand, mein Sohn. Eigentlich müßte ich sie einem anderen übertragen, aber Sie sind der einzige, dem ich sie anvertrauen möchte. Erstens kennt man Sie noch nicht überall, zweitens sieht man Ihnen Ihren Beruf nicht so leicht an, und drittens na, Sie wissen ja, die meisten unserer Leute sehen auch in Zivil wie beurlaubte Schutzleute aus. Hier, lesen Sie diesen Brief!«

Benskin streckte die Hand aus und las das Schreiben langsam und sorgfältig durch.

Hotel de Paris, Monte Carlo,
2. September.

Mein sehr verehrter Herr Präsident,

ich finde es unerhört, daß man mich so schnell von Monte Carlo weggeschreckt hat, gerade in dem Augenblick, wo ich das System gefunden hatte. Hätten Sie mich gewähren lassen, das Casino wäre in vier Wochen bankrott gewesen.

Ich will mich nun für Ihre Einmischung revanchieren, aber in edlerer Form. Ich beabsichtige, Sie in London zu besuchen, und werde Ihnen Tag und Stunde meiner Ankunft rechtzeitig mitteilen.

Zu den Zeiten Heinrichs VIII. oder der gottseligen Königin Elisabeth I. würden Ihre polizeilichen Methoden, mein sehr verehrter Herr Präsident, Bewunderung erregt haben; heute aber kann ich nur den Kopf über sie schütteln. Diese plumpen Nachforschungen, Ihre schlecht angezogenen und ungebildeten Detektive, passen wirklich nicht in die heutige Zeit hinein. Warum setzen Sie Ihren Beamten in Zivil nicht lieber gleich eine Mütze mit der Inschrift ›Scotland Yard‹ auf, ungefähr so, wie bei den Hausdienern der Hotels? Wenn ich mich jemals entschließen sollte, mich zur Ruhe zu setzen, werde ich Ihnen gern meine Leute zur Verfügung stellen. Auch Sie, mein sehr verehrter Herr, würden von ihnen hinsichtlich kriminalistischer Finessen etwas lernen können.

Sie wissen, ich habe viele Namen; einige von ihnen

werden in die Geschichte als berühmt – oder ist es berüchtigt? – eingehen. Heute aber beschränke ich mich darauf, mich so zu nennen, wie Sie und Ihre Meute mich zu einer aktenmäßigen Persönlichkeit gemacht haben, nämlich:

Mathew.

Ein Aufleuchten in Benskins Augen verriet deutlicher, als Worte es zu tun vermochten, sein Interesse. Der Chef hatte es bemerkt.

»Dieser Brief kam heute morgen«, erklärte Houlden.

»Soll es ein Ulk sein?« fragte Benskin.

»Weit entfernt davon. Den, Brief ist so echt wie sein Inhalt.«

»Warum glauben Sie das?«

»Ich kenne Mathew«, gab der Chef zurück.

»Auch mir sind seine Methoden nicht unbekannt, Sir, und ich weiß, was für ein merkwürdiger Mensch er ist. Er hat aber, wie wir alle, seine Schwächen. Wenn es uns jemals gelingen sollte, ihn dingfest zu machen, dann werden wir unseren Erfolg nur seiner Eitelkeit zu verdanken haben.«

Nachdenklich nickte Houlden.

»Da könnten Sie recht haben«, meinte er.

»Er hat den Ruf, ein Mann ohne Leidenschaften zu sein«, fuhr Benskin fort. »Aber eitel ist er bestimmt. Er muß seine Verfolger verhöhnen und herausfordern; das kann er sich nie versagen. Er ist wohl einer der größten Verbrecher der Gegenwart, aber eines schönen Tages wird auch er den kleinen Fehler machen, der uns schon so manchen seiner Kategorie in die Hände gespielt hat.«

Die Stimme des jungen Beamten klang fieberhaft, und Houlden blickte ihn fragend an.

»Sie brennen wohl darauf, den Fall übertragen zu bekommen,, wie?«

»Sir«, antwortete der Inspektor, »es wäre die Erfüllung meiner kühnsten Träume+...«

»Schön, ich übertrage Ihnen den Fall. In der Nähe des Westens, genauer gesagt, im modernsten und vornehmsten Teil Londons, nämlich am Belgrave Square Nr. 16a, wird ein Spielklub betrieben, wo man dem ›chemin de fer‹ mit ziemlich hohen Einsätzen huldigt. Der Klub heißt ›Die Wanderer‹ und ist offiziell ein Bridge-Klub. Ich glaube aber kaum, daß man dort dieses zahme Spiel betreibt.«

»Soll eine Razzia veranstaltet werden, Sir?« erkundigte sich Benskin.

»Um Himmels willen, nein, nicht daran zu denken! Kein einziger Klub in London ist für uns gegenwärtig so wertvoll wie gerade ›Die Wanderer‹. Im Gegenteil, die Leutchen sollen sich ganz sicher fühlen. Vielleicht landet dort noch einmal einer von unseren ganz großen Hechten; dann, aber auch erst dann, werden wir zufassen.«

»Haben die Leute denn keine Ahnung, Sir«, meinte Benskin, »daß sie auf einem Vulkan sitzen?«

Lächelnd schüttelte der Chef den Kopf.

»Sie werden im Gegenteil von Tag zu Tag frecher«, erklärte er. »Die Direktion des Klubs ist sehr freigebig. Wir lassen uns von ihr bestechen.«

»Bestechen?«

»Der ›Waisenfonds der Polizeibeamten‹ hat vorige Woche einhundert Pfund überwiesen bekommen. Den drei Patrouillenschutzleuten hat man wöchentlich fünf pro Kopf, dem Inspektor des Reviers zehn Pfund in die Hand gedrückt. Selbstverständlich ist das Geld ebenso regelmäßig hierher abgeliefert worden, aber die Klubdirektion weiß das ja nicht. Sie glaubt, die Polizei fest in der Hand zu haben.«

»Ach so!«

»An diesem Punkt setzt Ihre Tätigkeit ein«, fuhr der Chef fort. »Sie müssen dem Klub als Mitglied beitreten und sich von der Cork Street völlig fernhalten. Wir haben im Milan-Hotel ein Appartement für Sie gemietet, und zwar werden Sie Mr. Walsh heißen, der berühmte Walsh aus Sidney, der das Bankhaus besitzt. Sie sind natürlich schwerreich, auch nicht geizig, und haben in London eine Menge Freunde. Außerdem wird sich in Ihrer Begleitung eine sehr hübsche Dame befinden, die dem Klub zur gleichen Zeit beitreten wird wie Sie.«

Diese Mitteilung schien die einzige zu sein, die dem Inspektor nicht ganz geheuer vorkam.

»Ich getraue mich, den Kavalier zu spielen«, sagte er, »aber, hm+... Eine hübsche Dame+... Hm+...«

Wieder drückte der Vizepräsident auf den Klingelknopf und gab einen kurzen Befehl. Gleich darauf trat eine junge, außerordentlich geschmackvoll gekleidete Dame ein, die den Chef lächelnd begrüßte.

»Darf ich Ihnen Mr. Benskin vorstellen? Hier ist Lady Muriel Carter.«

Die beiden gaben einander die Hand, und Benskins Zweifel begannen sich langsam zu zerstreuen.

»Lady Muriel wird Ihnen helfen, Mitglied beim Klub zu werden«, unterrichtete ihn Houlden. »Es wird viel Geld kosten, aber die Kasse wird all Ihre Anforderungen befriedigen, Benskin. Seien Sie auch nicht zu vorsichtig beim Spielen; Sie können ruhig ein Paar Pfund verlieren.«

»Darf ich eine Frage stellen, Sir?« erkundigte sich der Inspektor. »Warum halten Sie es für so sicher, daß Mathew den Klub besuchen wird?«

Der andere lächelte.

»Ganz sicher bin ich meiner Sache natürlich nicht«, meinte er, »aber ich schicke Sie in der Hoffnung hin, daß er dort auftauchen wird. Mathew ist leidenschaftlicher Spieler; wohl die einzige Leidenschaft, die wir von ihm kennen. Er war voriges Jahr schon in London, aber es gelang uns nicht, ihn dingfest zu machen. Die schönste Frau Londons hatten wir ihm als Köder hingehalten, aber er behandelte sie, als wäre sie ein Dienstmädchen. Also für Frauen hat er nicht viel übrig, aber alle Informationen, die wir bekommen haben, deuten darauf hin, daß er leidenschaftlicher Spieler ist. Die Klubs in Paris, Cannes, Monte, Madrid, Florida, Buenos Aires zählen ihn zu ihren geehrtesten Mitgliedern, aber – ehe wir ihn festnehmen konnten, war er stets wieder spurlos untergetaucht. Vorgestern soll ein junger Argentinier am Belgrave Square zwanzigtausend Pfund verloren haben; ich weiß nicht, ob es sich tatsächlich so verhält, aber derartige Gerüchte werden Mathew schneller als irgend etwas sonst anlocken. Schluß! Ich habe zu tun.« Der Chef warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich habe für Sie Visitenkarten drucken lassen, Benskin. Ihre Suitennummer im Milan ist 128. Ziehen Sie so bald wie möglich, und ohne Aufsehen zu erregen, um. Heute abend können Sie mit Lady Muriel irgendwo zu Abend essen. Sie wird alles Notwendige für Sie vorbereiten.«

»Punkt neun im Ciro«, sagte die junge Dame. »Paßt Ihnen das?«

»Ich bin aber kein Mitglied dieses Klubs«, meinte Benskin.

»Ich werde Sie einführen«, versprach sie ihm. »Ich erwarte Sie im Foyer.«

 

Sobald die beiden am Abend ihre Plätze eingenommen hatten, machte Lady Muriel Benskin auf zwei Gäste aufmerksam, die in geringer Entfernung an einem Tisch für sich speisten. Der Mann war groß und kräftig, hatte sein graumeliertes Haar weit zurückgestrichen und machte einen guten Eindruck. Seine Begleiterin war, nach ihren Juwelen und dem geschmackvollen Abendkleid zu urteilen, Französin und mochte sich reichlich langweilen.

»Den Mann müssen Sie kennenlernen«, vertraute Lady Muriel Benskin an. »Er heißt Oberst Braund und ist Sekretär des Wanderer-Klubs. Seine Begleiterin ist die Gräfin Riga. Major Houlden würde sie als Lockvogel des Klubs bezeichnen. Ich glaube aber nicht, daß sie sich auf diese Art betätigt; ich halte sie für eine unheilbare Spielerin, die sich nur aus Leidenschaft für das Spiel als Köder gebrauchen läßt.«

»Kennen Sie denn die beiden?« fragte Benskin.

»Nein, aber ich werde sie bald kennenlernen. Ich habe meine Augen offengehalten und verschiedenes bemerkt, was Sie als Neuling hier nicht feststellen konnten. Wir sind fremd hier und recht anspruchsvoll aufgetreten. Das genügt für Braund, um uns seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ich habe gesehen, wie er den Geschäftsführer heranrufen und sich das Besucherbuch bringen ließ. Jetzt weiß er, daß Sie der Bankier Walsh aus Sidney sind, und ich Lady Muriel Carter.«

»Aber, Lady Muriel«, gab Benskin zu bedenken, »er braucht sich doch nur im »Wer ist's?« zu vergewissern, daß Ihr Name so gut wie meiner falsch ist.«

Sie lachte.

»Der Chef ist doch kein solcher Stümper, wie Sie glauben, Benskin. Ich heiße wirklich Muriel Carter und habe auch das Recht, meinen Titel zu führen. Meine Angehörigen leben in Irland, und ich betreibe das, was man offiziell als Journalismus bezeichnet. Major Houlden läßt sich keinen solchen ›faux pas‹ zuschulden kommen, daß er auch für mich einen falschen Namen gewählt hätte.«

»So, so. Und was wird nun?«

»Das überlassen wir den beiden dort. Wenn sie heute nicht anbeißen, dann wird es morgen geschehen.«

Sie bissen schneller an, als die beiden vermuteten. Sie waren noch nicht mit ihrem Mahl fertig, als sie Oberst Braund und seine Begleiterin sich erheben, den Speisesaal in ihrer Richtung durchschreiten und an einem Nebentisch Platz nehmen sahen. Der Oberst hatte einen fragenden Blick Benskins aufgefangen und wandte sich an ihn.

»Sie werden unser Eindringen in Ihre Ecke entschuldigen, Sir«, meinte er. »Die junge Dame hier fand, daß es auf unserem alten Platz zog.«

Damit war der Anknüpfungspunkt gefunden. Als sich Braund und seine Begleiterin eine Stunde später erhoben, wandte sich die junge Dame an Muriel.

»Sie wollen wohl noch ins ›Florida‹?« fragte sie.

Lady Muriel schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Ich glaube kaum«, erwiderte sie. »Mein Freund Mr. Walsh macht sich nicht sehr viel aus dem Tanzen; ich befürchte, sein Geschmack ist weniger harmlos.«

»Zum Beispiel?« erkundigte sich der Oberst höflich. »Ich weiß, ich dürfte nicht danach fragen«, fügte er hinzu, als er das kurze Zögern Lady Muriels bemerkte, »aber wir Leute aus den Kolonien vermuten in solchen Fällen gern, daß ein Spielchen annehmbarer erscheint als das sogenannte Tanzen in überfüllten Sälen.«

»Ja, wenn ich mich erholen will«, erklärte nun auch Walsh, »dann müssen die Karten auf dem Tisch liegen.«

Braunds Augen leuchteten auf.

»Na, daran fehlt es doch in London bestimmt nicht«, meinte er. »Natürlich muß man die Lokale kennen und eingeführt sein.«

»Möglich«, entgegnete der Australier nachlässig. »Ich habe ein- oder zweimal schon Gelegenheit gehabt, hier in London einen sogenannten Spielklub kennenzulernen. Mein Sekretär meinte, das grenze schon an Hasard, was man hier betreibe: Bridge zwei Pfund pro hundert Punkte. Lächerlich! Nein mein Lieber, so eine Art Spiel meinte ich freilich nicht.«

»Sie suchen also einen Platz, wo man wirklich etwas wagt? Darf ich mich erkundigen, mit wem ich das Vergnügen habe?« Der Oberst wußte es bereits aus dem Besucherbuch des Klubs, wollte sich aber nicht den Anschein geben, als wisse er, mit wem er es zu tun hatte.

Man stellte sich gegenseitig vor. Nun ergriff Braund den neugefundenen Freund am Arm und zog ihn zur Seite.

»London ist wirklich eine heuchlerische Stadt«, erklärte er. »Hier wird genau soviel und vielleicht noch mehr hasardiert als in jeder anderen Großstadt. Aber man will es nicht wahrhaben. Wenn Sie heute abend Lust haben, ein kleines Spielchen ›chemin de fer‹ aufzulegen, dann kann ich Ihnen das vermitteln. Ich weiß zwar nicht, ob Ihnen die Höhe der Einsätze genügen wird, aber man muß nehmen, was sich bietet.«

»Ich bin dabei«, stimmte der angebliche australische Bankier freudig zu. »Ich dachte, Hasardspiel sei in London verboten?«

Braund lächelte.

»Wir sind mit der Polizei gut Freund«, vertraute er dem andern an.

 

Major Houlden war in schlechtester Stimmung, als Benskin sich eine Woche später zum Bericht meldete. Nach kurzer Begrüßung reichte ihm der Chef ein Telegramm.

»Was halten Sie davon?« fragte er.

Der Inspektor überflog rasch den Inhalt der Depesche. Sie war in Monte Carlo aufgegeben und lautete:

Ankomme Blauexpreß Donnerstag.
Lassen Sie passende Zimmer reservieren und erwarten Sie mich Victoria-Bahnhof. Mathew.

Das schien dem »Vize« wirklich über die Hutschnur zu gehen. Bei Benskin löste das Telegramm eine andere Wirkung aus. Seine Augen waren aufgeflammt. Dann lachte er leise.

»Wieder seine Eitelkeit!« meinte er.

»So eine Unverschämtheit!« brach der Major los. »Mir zu depeschieren, ich solle ihn erwarten! Verdammt noch einmal, wie gern würde ich ihm Zimmer reservieren, aber dort, wo er bald das Zimmern seines Schafotts hören könnte! Sein Bett würde ihm dann wohl kaum sehr komfortabel vorkommen!«

»Jedenfalls werden wir rechtzeitig am Bahnhof sein«, erklärte Benskin.

»Ja. Ob wir diesen Mr. Mathew aber finden werden, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht kommt er in der Maske des Erzbischofs von Canterbury oder als Heizer auf der Lokomotive an.«

Er hob den Telefonhörer, ab.

»Verbinden Sie mich mit dem Paßbüro in Dover«, rief er in den Apparat, »und anschließend mit dem Polizeidirektor dort. Nachher nehmen Sie ein Funktelegramm an den Kapitän der ›Maid of Kent‹ auf+... Na«, wandte er sich an Benskin, »wie geht es denn bei Ihnen?«

»Gut, danke. Ich war beinahe jeden Abend im Wanderer-Klub und glaube, daß man sich dort an mich gewöhnt hat. Das Spiel scheint gleichfalls ganz ehrlich gehandhabt zu werden, außer daß man zehn Prozent von den Gewinnen für den Klub abzieht. Beim Bakkarat bin ich mir des ehrlichen Spiels nicht so sicher. Es sind da drei Herren, die einander beim Bankhalten abwechseln – ein gewisser Vanderleyde, Schokoladefabrikant in Brüssel; Salomon, ein älterer Herr, der irgendwo in Highgate wohnt, und Amos Wheatley, ein als Rentier lebender Baumwollfabrikant aus Lancashire. Ich selbst bin mit Karten nicht gerade ein Waisenknabe, aber diese drei sind die reinen Zauberkünstler.«

»Und die Leute, die dort verkehren?«

»Eine ganz außergewöhnliche Garnitur. Gestern abend hätte ich dort mindestens vier bereits gesuchte Verbrecher festnehmen können. Der eine war Lampson, der Fälscher von Bethnal Green. Ich habe Inspektor Collins einen Fingerzeig gegeben, natürlich nicht, ohne daß ich ihn vorher auf Ihren Befehl, niemand bei Betreten oder Verlassen des Klublokals zu verhaften, aufmerksam gemacht hätte.«

»Gut. Wir können diese kleinen Hechte ja jederzeit bekommen.«

»Lady Muriel hat gleichfalls eine Liste der Leute zusammengestellt, die ihr bekannt sind. Einige ziemlich berühmte Namen sind darunter, aber auch solche, die schon von weitem nach Strafgesetzbuch riechen. Geld haben sie alle wie Heu. Sie haben recht, Sir; ich glaube, das ist der richtige Platz für unseren Freund Mathew.«

Der Chef sprach einige Augenblicke ins Telefon; als er seine Befehle gegeben hatte, legte er auf und schob Benskin eine Schachtel Zigaretten hin.

»Die schwerste Aufgabe wird es ja sein, diesen Menschen ausfindig zu machen«, sagte er. »Ich sprach gestern mit dem Chef der Sûreté in Paris. Dort kennt man Mathew unter dem Namen Monsieur Vanderler. Ja, er wird auch dort gesucht. Vier Morde und sieben Raubüberfälle legt man ihm zur Last. Der Pariser Chef sagte mir, er habe niemals in seiner langjährigen Erfahrung einen in allen Maskenkünsten so erfahrenen Menschen gefunden wie diesen Vanderler. Er meinte, Mathew hätte auf der Bühne als Charakterdarsteller ein Vermögen erwerben können.«

»Wie sieht er denn in Wirklichkeit aus, Sir?« erkundigte sich Benskin. »Ich habe natürlich seine Beschreibungen in den Akten gelesen, aber ich möchte wissen, wie er in seiner natürlichen Gestalt aussieht.«

»Brodie, der amerikanische Kriminalinspektor, konnte, ehe er starb, noch einige Worte stammeln«, erklärte Houlden. »Sie wissen ja, daß Mathew ihn in Bordeaux erschossen hat. Er beschrieb seinen Mörder als gebildeten Menschen, schlank, mit stählernen Muskeln, schnell wie ein Wiesel und mit Augen, die wie Phosphor leuchten. Deshalb verbirgt er sie auch meist hinter einer Brille. Wie Brodie weiter sagte, haben die Augen etwas verschiedene Farben. Das eine sei von dunklerem Braun als das andere. Von seiner Haarfarbe brauchen wir gar nicht erst zu sprechen, denn er wechselt seine Perücken wie die Hüte. An eines aber müssen Sie immer denken: Er versteht seinen Revolver schneller zu gebrauchen als irgendein Mensch, mit dem wir es je zu tun gehabt haben. Für ihn ist es ein Kinderspiel, den Mann niederzuknallen, der ihn festzunehmen versucht. Ich selbst bin kein Freund von Blutvergießen, Benskin, das wissen Sie, aber wenn Sie Ihren Mann sicher zu haben glauben, dürfen Sie nicht einen Augenblick zögern. Er wird sich niemals lebend fangen lassen, wenn er es vermeiden kann. Verstehen Sie, mit einer Pistole umzugehen?«

Er hatte diese Frage kaum ausgesprochen, als er sich der Mündung einer Pistole gegenübersah. Er warf sich in seinen Stuhl zurück und lachte.

»Das geht schnell genug«, sagte er. »Wo haben Sie denn den Trick gelernt? Er ist gut.«

»Ich übe jeden Morgen zehn Minuten lang, Sir. Möglich, daß Mathew und ich zusammen fallen werden, aber ich glaube nicht, daß ich der erste sein werde.«

»Erwarten Sie mich heute nachmittag im Zimmer Nr. 16 im Victoria-Bahnhof, Benskin«, erklärte der Chef und verabschiedete dann seinen Untergebenen.

 

Der Anschlußzug des Kanaldampfers bot den Beamten von Scotland Yard meist ein reiches Feld für Beobachtungen. Diesmal jedoch waren außer den Bahnhofsdetektiven auch noch andere Herren anwesend. Major Houlden hatte im Privatzimmer Nr. 16 des Bahnhofs ein kleines Heerlager um sich versammelt. Dann begab er sich auf den Bahnsteig hinaus, wo er, eine Zigarre rauchend, nachdenklich auf und ab spazierte. Benskin stand in einiger Entfernung von ihm. Er sollte den rückwärtigen Teil des Zuges im Auge behalten. Eben lief der Expreßzug ein. In einem Abteil des Pullmanwagens saß ein königlicher Prinz, den seine Freunde begrüßten und dann sofort entführten. Ein Tennis-Champion englischen Geblüts empfing die Gratulationen der zahlreichen Pressevertreter mit stereotypem Lächeln und entfernte sich dann mit seinen Schlägern in einem Taxi. Ein Minister entging beinahe der Bewachung, wurde aber von den Journalisten entdeckt, denen er von seinem Sekretär nur mit Mühe wieder entrissen werden konnte. Die anderen Reisenden waren von der Art, wie sie mit diesem Zug ständig einzutreffen pflegten. Keiner der Beamten hatte irgend jemand bemerkt, der ihnen als verkleidet aufgefallen wäre. Houlden und Benskin gaben ihre Posten auf und verließen den Bahnhof. Der Chef war etwas niedergeschlagen.

»Wir sind schließlich auch nur Menschen«, sagte er, »und wir könnten ebensogut in einem Heuhaufen nach einer Stecknadel wie hier in diesem Gedränge nach Mathew suchen. Ich habe mindestens fünfzig Männer bemerkt, von denen jeder einzelne unser Freund hätte sein können. Der erste Schachzug scheint zu seinen Gunsten ausgefallen zu sein.«

»Das ist noch gar nicht so sicher«, tröstete ihn der Inspektor. »Oberst Braund sagte mir gestern, sie erwarteten heute abend jemand, dessen Spiel eine Sehenswürdigkeit sei.«

»Ein Hoffnungsschimmer! Hat er einen Namen genannt?«

»Nein, im Gegenteil, er spielte den Geheimnisvollen.«

»Ich gehe jetzt, Benskin«, erklärte der Chef. »Die weiteren Schritte überlasse ich Ihnen. Wenn Mathew heute abend wirklich im Klub auftaucht, dann wird er seine Leute haben, die ihn bewachen. Ich werde deshalb niemand hinschicken, um den Klub im Auge zu behalten, er würde es ja doch sofort erfahren. Ich lasse ihn in Ruhe. Wenn Sie wirklich Hilfe brauchen, wissen Sie ja, was Sie zu tun haben, Benskin.«

Der andere nickte.

»Sie haben recht, Sir. Wir dürfen keinen Verdacht erregen. Nur so haben wir Aussicht, ihn zu erwischen.«

Die Herren verabschiedeten sich voneinander, da Benskin nochmals auf den Bahnsteig wollte. Bevor er den Chef verließ, beugte sich Houlden aus dem Autofenster.

»Vor Mitternacht werden Sie wohl kaum im Klub zu finden sein?« fragte er.

»Vor ein Uhr ist dort überhaupt nichts los.«

»Dann können wir um zehn zusammen im Olympic-Klub essen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, so lange zu warten«, lud ihn der Major ein. »Wenn ich bis dahin irgend etwas Neues erfahren sollte, gebe ich Ihnen beim Essen Bescheid.«

»Ich werde pünktlich erscheinen, Sir«, versprach Benskin.

Die beiden Männer hatten sich in das Rauchzimmer zurückgezogen und saßen beim Kaffee. Houlden hatte einen Blick in die Abendzeitung geworfen und sah seinen Tischgenossen nun überrascht an.

»Was soll denn das wieder bedeuten?« rief er aus und zeigte auf einen Artikel, der unter »Letzte Telegramme« stand:

Edgar Howson, der englische Tennis-Champion, gewann heute nachmittag im Spiel mit Boiret, das in Versailles stattfand, mit 6:3, 6:4 und 6:0.

Benskin las stirnrunzelnd den Artikel durch.

»Aber Howson war doch in dem Schnellzug«, sagte er.

»Ich habe ihn und seine Schlägerpakete selbst gesehen. Er konnte sich der Berichterstatter kaum erwehren.«

»Hier steht noch etwas«, rief der Chef aus. »Hören Sie zu:

Lord Ellacot, den man heute nachmittag in London zurückerwartete, liegt grippekrank im Hotel Meurice in Paris. Er wird mehrere Tage das Bett hüten müssen.«

»Aber –«, rief Benskin aus, »ich sah ihn doch mit Stevens von der ›Times‹ zusammenstehen!«

Die beiden blickten einander stumm an und hatten beide denselben Gedanken. Plötzlich erschien der Klubdiener.

»Entschuldigen Sie, Sir«, wandte er sich an den Gastgeber, »ein Bote vom Yard ist hier. Er möchte Sie dringend sprechen.«

Der Bote trat an den Tisch.

»Was gibt es, Saunders?« erkundigte sich Houlden.

»Es wurden eben zwei große Einbrüche gemeldet, Sir. Einer im Hause Lord Ellacots. Eine Menge Juwelen sind verschwunden. Der andere in einem Haus der Dover Street, das von Mr. Howson, dem Tennis-Champion, bewohnt wird.«

»Irgendwelche Verletzte?«

»Der Diener Mr. Howsons wurde bewußtlos vorgefunden, Sir. Er ist zwar wieder bei Besinnung, phantasiert aber und meint, es sei sein eigener Herr gewesen, der den Einbruch verübt habe. Auch im Haus Lord Ellacots schwört der Butler, daß es der Lord selbst gewesen sei, der heute nachmittag von Paris zurückgekommen und dann wieder ausgegangen sei. Sämtliche Schmuckgegenstände Lady Ellacots sind geraubt worden, und auch andere Wertsachen sind spurlos verschwunden.«

Die beiden Beamten verließen eiligst das Rauchzimmer. Im Foyer trat ihnen der Pförtner in den Weg und überreichte dem Major einen Brief. Mit immer finsterer werdender Miene las Houlden die wenigen Zeilen durch und reichte das Schreiben dann seinem Begleiter:

Sehr verehrter Herr Major,

was halten Sie nun von der Sache? Wir sind ganz in Ihrer Nähe und wirklich tadellos untergebracht. Hoffentlich blühen meine Geschäfte weiter so. Behalten Sie Mr. Benskin ruhig bei sich. Ich sehe einem Zusammentreffen mit ihm freudig entgegen.

Immer der Ihre,
Mathew.

»Wer hat den Brief abgegeben«, erkundigte sich der Chef beim Pförtner.

»Das weiß ich nicht, Sir«, gab dieser zurück. »Ich führte den Boten Scotland Yards gerade ins Rauchzimmer. Als ich zurückkehrte, fand ich den Brief auf meinem Pult.«

Mit einem fragenden Blick auf den Major steckte Benskin den Brief in seine Tasche.

»Lachen und nicht verzweifeln, Sir«, beruhigte er den Aufgebrachten, »und – warten! Auch unsere Zeit wird kommen.«

Der Tatbestand im Ellacot House war einfach und lag klar zutage. Die Diener wollten darauf schwören, daß es ihr Herr gewesen sei, der kurz nach seiner Rückkehr von Paris einen Whisky-Soda verlangte und sich dann auf einige Zeit in sein Zimmer einschloß. Sein Gepäck hatte er mitgebracht und gleich seine Absicht erklärt, den Abend im Klub zuzubringen. Kurz darauf hatte er das Haus mit einer kleinen Aktentasche wieder verlassen, mitsamt den Juwelen und Wertsachen der Familie Ellacot.

»Wir hatten Mylord noch gar nicht zurückerwartet«, erklärte der Butler auf die Frage Benskins. »Kaum eine Stunde vor seiner Ankunft erreichte uns sein Telegramm, daß er krank sei und in Paris bleiben würde. Aus diesem Grund war nichts für die Ankunft seiner Lordschaft vorbereitet; sein Kammerdiener war beurlaubt, und nur einem Zufall ist es zuzuschreiben, daß nicht das ganze Haus verschlossen und ich ebenfalls abwesend war. Ich freute mich aufrichtig, als Lord Ellacot dann doch eintraf. Er teilte mir mit, er würde nur kurze Zeit bleiben. Ich brauche sein Schlafzimmer nicht vorzubereiten, denn er gedenke im Klub zu essen und dort auch zu schlafen.«

»Sein gewohntes Glück«, brummte der Chef, als die beiden Männer auf die Straße traten. »Alles klappte tadellos für unseren Freund Mathew.«

Auch in der Wohnung Howsons waren für die beiden Beamten keine Lorbeeren zu ernten. Der einzige, der den falschen Tennisspieler gesehen hatte, war der Diener. Da dieser aber glaubte, sein eigener Herr habe ihn niedergeschlagen, konnte er kaum als verläßlicher Zeuge gewertet werden. Benskin und der Major trennten sich an der Ecke der Dover Street, beide ein wenig niedergeschlagen.

»Ich gehe schlafen«, sagte der Inspektor, »und auch Ihnen würde ein wenig Ruhe gut tun, Sir. Wir müssen morgen früh die Hotelberichte durchsehen.«

Plötzlich überlegte Benskin es sich anders. Er winkte ein Taxi heran.

»Ich werde doch noch auf eine Stunde in den Klub gehen«, wandte er sich an den Chef.

Der Major nickte interesselos.

»Sie versäumen nur unnötig Ihren schönen Schlaf!«

»Schadet nichts, Sir. Ich habe eben für den Klub eine ganz besondere Sympathie.«

 

Im Klublokal fand Benskin Lady Muriel damit beschäftigt, beim Sekretär des Klubs Banknoten gegen Spielmarken umzutauschen. Sie rief ihn zu sich heran.

»Ich habe schon den ganzen Abend Pech«, teilte sie ihm mit. »Dreimal acht gegen neun, und die einzige Bank, die ich hielt, lief im ganzen nur elfmal. Hier gehen meine letzten drei Banknoten zum Teufel. Kommen Sie, wir wollen, ehe wir uns wieder dem Spiel widmen, einen Cocktail trinken.«

»Ich bin dabei«, stimmte er zu.

»Wieviel darf ich für Sie umwechseln«, erkundigte sich der Sekretär höflich bei Benskin.

Walsh, als der er hier bekannt war, wollte einhundert Pfund gewechselt haben und händigte dem andern die Banknoten ein. Dann folgte er Lady Muriel in einen etwas abgelegenen Winkel und bestellte die Getränke. Sobald sie allein waren, wurde die junge Dame ernst.

»Ich bin so froh, daß Sie endlich gekommen sind«, flüsterte sie ihm zu. »Hier stimmt heute abend irgend etwas nicht.«

Walsh blickte sich verstohlen um. Sein Interesse für die Umgebung verbarg er hinter der Maske eines konventionellen Lächelns.

»Mir fällt eigentlich nichts Besonderes auf«, meinte er ebenso leise wie seine Begleiterin. »Es scheint nur etwas voller zu sein als sonst; mehr fremde Gesichter.«

Das Mädchen schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Vielleicht ist es nur Einbildung von mir«, meinte sie, »aber ich habe das Gefühl, daß ich mich nicht täusche. Die gewohnheitsmäßigen Spieler sind heute überhaupt nicht da. Der alte Salomon zum Beispiel pointiert heute viel höher als sonst. Er kommt mir überhaupt irgendwie verändert vor. Wie heißt doch der schwindsüchtig aussehende Mann, dem wir am ersten Abend vorgestellt wurden?«

»Sie meinen sicherlich Wheatley, Lady Muriel«, erklärte Benskin. »Amos Wheatley, den ehemaligen Baumwollspinner aus Lancashire. Ich habe seine Firma im Adreßbuch gefunden. Sie besteht tatsächlich. Er muß bei der Zusammenlegung der Fabriken eine Unmenge Geld – man spricht von drei bis vier Millionen Pfund – verdient haben. Seitdem hat er allerdings über die Hälfte davon im Spiel verloren.« »

»Ja, den meine ich. Er legte heute abend eine Bank ohne Limit auf, was er noch nie getan hat. Als er einen Schlag nach dem anderen verlor, lachte er nur. Früher vermochte er noch nicht einmal ein Lächeln aufzubringen. Ich weiß nicht, ich weiß nicht, mir kommt der ganze Klub heute anders vor. Sehen Sie, Benskin, dort drüben, dem Platz Mr. Salomons gegenüber, ist ein Stuhl leer. Beeilen Sie sich, damit Ihnen nicht ein anderer zuvorkommt. Setzen Sie sich dorthin und passen Sie auf den Alten auf. Ich werde gleich hinkommen und mit Ihnen spielen.«

Benskin folgte ihrem Wunsch und nahm auf dem leeren Stuhl Platz. Ihm gegenüber vertrieb sich Salomon die Zeit, indem er die Spielmarken nachlässig vor sich aufstapelte. Er begrüßte den Neuankömmling höflich und setzte dann seine harmlose Beschäftigung fort.

»Nicht viel los heute abend«, eröffnete er das Gespräch und nahm einen Augenblick seine Brille ab, um sich die Augen zu reiben. »Die andere Seite unseres Tisches macht heute das Rennen; sie spielen ohne Limit und lassen uns gar nicht zu Wort kommen.«

Benskin lächelte verständnisvoll; niemals hatten seine blauen Augen harmloser in die Welt geblickt als in eben diesem Augenblick. Nachdenklich kratzte er sich am Kinn und starrte auf das heiße und leidenschaftliche Spiel, das wenige Schritte von ihm entfernt im Gang war. So sehr er sich aber auch den Anschein gab, blasiert zu sein – innerlich zitterte er vor verhaltener Erregung. Er fühlte, daß man ihn einer eingehenden Prüfung unterzog, hielt aber den Blicken stand, ohne mit der Wimper zu zucken. Nach wenigen Augenblicken ermannte er sich sogar, selbst ein Gespräch in die Wege zu leiten.

»Waren Sie gestern abend auch hier, Mr. Salomon?« fragte er den andern.

»Gestern und vorgestern; kurz, alle Abende, Wenn man wirklich von Natur aus ein Spieler ist – welcher Klub wäre geeigneter als dieser? Ich spiele leidenschaftlich gern. Wenn ich nicht geschäftlich an England gebunden wäre, würde ich meinen Wohnsitz bestimmt dort aufschlagen, wo man am bequemsten spielen kann. Da es mir aber leider unmöglich ist, England zu verlassen, bin ich Oberst Braunds bester Kunde geworden.«

An Benskin linker Seite übernahm nun ein anderer die Bank. Benskin legte dem neuen Bankhalter eine Zehnpfundmarke hin und gewann. Mit dem ergatterten Gewinn fing er selbst an, die Bank aufzulegen.

»Darf ich mitspielen?« fragte Salomon.

Ehe der »Australier« antwortete, blickte er sich suchend nach Lady Muriel um, die jedoch nirgends zu sehen war.

»Gern«, sagte er, sich verbeugend, zu Salomon.

Sie spielten gegen Amos Wheatley. Dreimal gewannen sie; beim vierten Spiel aber beugte sich Wheatley über den Tisch.

»Banco?« fragte er.

Benskin schüttelte den Kopf.

Salomon nickte zustimmend.

»Sie haben recht, Mr. Walsh«, sagte er. »Wir haben genug gewonnen und können die weitere Entwicklung in Ruhe abwarten. Man darf auch nicht zu habgierig sein.«

Benskin steckte seine Spielmarken in die Tasche und erhob sich.

»Ich werde einen Cocktail trinken gehen«, erklärte er. »Wenn ich hier sitzenbleibe, spiele ich wieder mit, und da ist es besser, ich gehe.«

Ziellos wanderte er durch die Klubräume, richtete es aber so ein, daß er dem Foyer, wo sich die Telefonzelle befand, immer näher kam. Der Pförtner wies auf seine Frage bedauernd auf eine Notiz, die am Fenster der Zelle angebracht war.

»Es tut mir leid, Sir«, unterrichtete er Benskin, »aber das Telefon ist außer Betrieb. Die Störungsstelle will gleich morgen früh jemand schicken, um den Apparat in Ordnung zu bringen.«

Einen Augenblick lang war Benskin ratlos.

»Das wird aber doch nicht der einzige Apparat im Hause sein?« meinte er dann.

»Das nicht. Wir haben noch einen Anschluß im Privatbüro von Oberst Braund, aber das liegt im obersten Stockwerk.«

»Dann werde ich von dort oben sprechen«, sagte Benskin.

»Das ist drei Etagen höher, Sir«, gab der Pförtner zu bedenken. »Der Aufzug funktioniert auch nicht.«

Der Inspektor zog eine Zehnschillingnote aus der Tasche und drückte sie dem Pförtner in die Hand. Das Benehmen des Mannes änderte sich mit einem Schlage.

»Bitte, folgen Sie mir«, bat er.

Er führte Benskin ins oberste Stockwerk, wo er eine Tür aufschloß und dem andern einen Wink gab, einzutreten.

»Dort steht der Apparat«, sagte er, auf den Tisch deutend. »Bitte werfen Sie die Tür hinter sich zu, wenn Sie fertig sind. Der Riegel schnappt von selber ein.«

Er bedankte sich noch für das Trinkgeld und ging.

Kaum waren seine Schritte verhallt, als der Inspektor den Hörer abhob und eine Nummer wählte, die er auswendig wußte.

Eine Zeitlang kam keine Antwort. Endlich meldete sich eine männliche Stimme.

Der Inspektor verzichtete auf alle sonst üblichen Vorreden.

»Walsh«, sagte er kurz. »Sie wissen, wo ich mich befinde. Schicken Sie mir sofort tausend Pfund hierher.«

»Mr. Walsh? Tausend Pfund? Wird erledigt, Mr. Walsh!«

Benskin legte auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er hatte den Nachtanschluß des Yards gewählt und ›tausend Pfund‹ war das vereinbarte Code-Wort, auf Grund dessen sofort ein starkes Überfallkommando den Klub umzingeln würde.

 

Das Büro des Obersten Braund war bequem, ja beinahe luxuriös eingerichtet. In einer Ecke stand ein Feldbett, diskret hinter einer spanischen Wand verborgen. Mit den Plänen für die nächste halbe Stunde beschäftigt, blieb der Inspektor noch einige Augenblicke in seinem bequemen Stuhl sitzen. Zunächst würde er davon absehen, den Spielraum wieder zu betreten; Lady Muriel wollte er eine mündliche Botschaft durch den Pförtner zukommen lassen, sich sofort aus dem Staube zu machen. Im Augenblick des Eintreffens des Überfallkommandos mußte der Klub gestürmt werden.

Sein Nachdenken wurde durch näherkommende Schritte unterbrochen. Er erhob sich und starrte auf die Tür. Ein inneres Gefühl warnte ihn vor tödlicher Gefahr. Plötzlich, ohne ein Warnungszeichen, verlöschten sämtliche Lampen. Eine kurze, atemlose Stille folgte; langsam fühlte Benskins Rechte nach der Tasche, in der er seinen Revolver hatte. Der Büroraum hatte drei Türen, und der Inspektor starrte in die Richtung derjenigen, durch die er eingetreten war, um zu telefonieren. Langsam, kaum zentimeterweise, öffnete sie sich, aber auch die anderen beiden Türen ließen nun einen schwachen Lichtschein in das dunkle Zimmer dringen, ein Zeichen dafür, daß auch sie von jemand, der draußen stand, geöffnet wurden. Nun unterbrach eine seidige, nichtsdestoweniger aber drohende Stimme das entsetzliche Schweigen.

»Ich rate Ihnen, Ihre Pistole einzustecken. Wir haben Sie von drei Seiten auf dem Korn.«

Noch zögerte der Überraschte. Ein Blick überzeugte ihn, daß der Unsichtbare die Wahrheit gesagt hatte. Die dünnen Lichtstrahlen, die durch die Türen drangen, wurden von einem dunklen Schatten unterbrochen – den Läufen der auf ihn gerichteten Schußwaffen.

»Wir lügen nicht, Freund Benskin«, fuhr die Stimme fort. »Legen Sie Ihre Pistole auf den Tisch vor sich hin und treten Sie dann wieder zurück.«

Rasch überblickte Benskin die Lage. Unzweifelhaft hatte der Gegner sein Leben in der Hand. Er folgte deshalb dem Befehl und warf die Pistole auf den Tisch. Sofort brannten wieder sämtliche Lampen. Auf der Schwelle stand Mr. Salomon. Die beiden anderen Türen waren von Wheatley und Vanderleyde besetzt. Salomon senkte die Schußwaffe, die er bisher auf den Detektiv gerichtet gehalten hatte.

»Nähern Sie sich dem Tisch nicht, Benskin«, befahl er, »Sie sehen, ich habe auch meine Waffe eingesteckt, aber meine Freunde dort werden Sie scharf im Auge behalten.«

Langsam näherte er sich dem Tisch. Dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich. Die Pistole Benskins warf er in ein offenstehendes Schreibtischfach.

»Ich habe Sie, mein sehr verehrter Herr Peter Benskin, offenbar unterschätzt«, näselte er. »Das ist bedauerlich, denn Sie sind es ja, der die Konsequenzen zu tragen haben wird. Aber auch mich läßt es nicht unberührt. Ich muß nun das einzige Vergnügen aufgeben, das mich mit der Atmosphäre Londons versöhnen konnte: das Spiel. Dieser nette Klub wird seine Tore schließen müssen.«

Benskin hatte es sich in seinem Stuhl bequem gemacht.

»Ich bin unbewaffnet«, gab er zurück. »Bitten Sie doch Ihre Freunde dort drüben, nun auch ihrerseits die Waffen abzulegen. Diese modernen Schußwaffen haben die unangenehme Eigenschaft, auch bei der leisesten Berührung des Abzugs loszugehen.«

Salomon winkte seinen Freunden.

»Behaltet ihn aber gut im Auge«, befahl er ihnen. »Ich traue ihm auch jetzt noch nicht. Andererseits möchte ich mit ihm nicht unter Drohung verhandeln.«

Die beiden Männer traten, ihre Schußwaffen senkend, ins Zimmer. Vanderleyde sank mit der ihm eigenen Grazie in einen Sessel, hielt jedoch seinen Revolver noch in der Hand.

»Ich glaube, Sie begehen einen Fehler, Chef«, meinte er. »Ich hatte schon immer das Gefühl, daß uns dieser Kerl da Unheil bringen würde.«

Auch Wheatley hielt mit seiner Meinung nicht zurück.

»Schaffen Sie ihn beiseite«, riet er. »Scotland Yard muß ein für alle Male die Nase voll bekommen. Das Beste, was man machen kann: ihnen gleich zeigen, daß wir nicht mit uns spaßen lassen.«

Nachdenklich starrte Salomon vor sich hin. Dann schüttelte er den Kopf.

»Nein. Ich bin zwar außerordentlich wütend auf Sie, mein lieber Mr. Benskin, aber für den Augenblick glaube ich kaum, daß wir Sie schon entbehren können. Wissen Sie überhaupt, wie lästig uns Ihre Einmischung ist? Salomon, Vanderleyde und Wheatley haben die letzten Monate weiter nichts im Auge gehabt, als sich eine Identität aufzubauen, die sie, sobald es notwendig wurde, uns abtreten konnten. Gerade als ich in Salomons Persönlichkeit hineinschlüpfen wollte – was ja der Zweck der ganzen Übung war –, kommen Sie ganz einfach hierher und bringen den schönen Plan zum Scheitern. Den ersten Zug haben Sie also gewonnen, Benskin. Das Kompliment muß ich Ihnen machen. Dafür müssen Sie mir aber den Gefallen tun, mir zu sagen, wie Sie hinter meine Schliche gekommen sind. Eine halbe Minute, nachdem Sie mir gegenüber am Spieltisch Platz genommen hatten, wußten Sie schon, wer ich war. Wie habe ich mich verraten?«

»Durch Ihre Augen. Sie nahmen doch Ihre Brille ab«, klärte ihn Benskin auf.

Salomon nickte. Dann wandte er sich an seine Freunde.

»Habe ich es euch nicht vorhergesagt? Ihr könnt von ihm denken, was ihr wollt; jedenfalls seid ihr, wenn ihr seinem unschuldigen Äußern traut, verdammt auf dem Holzweg. Er wird uns noch viel Vergnügen bereiten – das heißt natürlich, wenn wir ihm die Gelegenheit dazu geben. Ich habe Sie schon damals im Victoria-Bahnhof bei meiner Ankunft bemerkt, Benskin. Es war ein Glück, daß Sie Lord Ellacot und Howson nicht so eingehend musterten, wie Sie es heute bei mir taten. Sie hätten dann tatsächlich meine Pläne ins Wanken bringen können. Darf ich Sie fragen, warum Sie so oft auf die Uhr blicken?«

Benskin trommelte auf die Tischplatte.

»Ich will Ihnen die Wahrheit gestehen«, sagte er. »Ich wollte nur wissen, wie spät es ist.«

Salomon lächelte.

»Sie haben Mutterwitz«, lobte er. »Ich dachte nämlich schon, daß Sie sich wunderten, wo das Überfallkommando, das Sie bestellten, so lange bliebe.«

Jetzt erst empfand Benskin die Trostlosigkeit seiner Lage. Salomon schüttelte den Kopf und fuhr fort:

»Sie konnten natürlich nicht wissen, daß Sie nur mit einem von uns sprachen«, sagte er. »Die einzige Verbindung, die Sie hatten, war mit dem Hausmeisterzimmer im Kellergeschoß.«

»Ich scheine also heute abend kaum viel Glück gehabt zu haben«, erklärte Benskin, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ja, so scheint es«, gab Salomon zu. »Wir, das heißt meine Freunde und ich, werden uns aus diesem Hause auf andere Weise entfernen, als Sie sich das vorstellten. Können Sie von Ihrem Platz aus die Uhr sehen?«

»Ja«, erwiderte der Gefragte. »Es ist genau drei Uhr.«

Salomon erhob sich, und mit ihm seine Freunde. Alle drei schritten, Benskin scharf im Auge behaltend, der Tür zu.

»Sie werden kein solcher Narr sein«, richtete der Führer der drei das Wort an Benskin, »etwas zu versuchen, was Ihnen von vornherein unmöglich erscheinen muß. Zehn Minuten nach drei können Sie das Zimmer und nachher das Haus unangefochten verlassen, um, wenn Sie wünschen, noch ein wenig zu spielen oder sich mit Scotland Yard in Verbindung zu setzen. Sollten Sie es aber wagen, vor der genannten Zeit einen Schritt aus dem Raum zu tun, dann müßte ich Ihnen einen unglücklichen Ausgang prophezeien. Bitte, bleiben Sie stehen, wo Sie sind. Nicht einen Schritt dem Schreibtisch näher, wo Ihre Waffe liegt.«

Trostlos blickte der Besiegte den sich entfernenden Gestalten nach.

»Wie kommt es, Mathew, daß Sie diesmal die Gelegenheit versäumen, sich von einem Feind zu befreien? Das ist doch sonst nicht Ihre Gepflogenheit.«

Benskins Gegner wandte sich, zwischen Tür und Angel, lächelnd dem Gefangenen zu.

»Mein lieber Inspektor«, klärte er ihn auf, »wenn ich der Ansicht wäre, daß Sie für mich in Zukunft eine Gefahrenquelle darstellen könnten, dann müßten Sie sich damit abfinden, heute schön zu sterben. Man würde Sie hier tot aufgefunden haben; natürlich hätten Sie Ihrer Spielverluste wegen Selbstmord begangen. Ich bin in allem ein Künstler, mein Junge. Wenn Sie mir wirklich einmal lästig werden sollten – das heißt, wenn sich keine offene Tür vor mir befinden sollte –, dann würde ich nicht eine einzige Sekunde zögern, Sie und Ihre Freunde niederzuknallen wie tolle Hunde. Nehmen Sie Vernunft an, mein junger Freund. Bleiben Sie dort, wo Sie eben stehen, bis die Uhr zehn Minuten nach drei zeigt. Dann erst gestatte ich Ihnen, die Tür zu öffnen.«

Die drei verschwanden. Genau zehn Minuten nach drei öffnete Peter Benskin die Tür. Im selben Augenblick hörte er leise Schritte die Treppe hinabsteigen. Man hatte ihn bewachen lassen. Er trat in den Spielsaal. Als Bankhalter fungierte noch immer Mr. Salomon, aber leider nicht der, den Benskin sich dringlicher als jeden anderen herbeiwünschte. Mr. Vanderleyde, mit seinem gewohnten Lächeln, stand neben dem Kassierer und ließ sich einen Scheck auszahlen. Mr. Amos Wheatley spazierte gemächlich im Spielzimmer auf und ab. Lady Muriel erhob sich von ihrem Platz, als sie Benskin eintreten sah.

»Sie sehen recht blaß aus«, sagte sie verwundert. »Ist etwas passiert?«

Er schüttelte den Kopf.

»Morgen«, sagte er bitter, »werde ich den Chef bitten, mir wieder meine blaue Uniform auszuhändigen und mich irgendwo als Verkehrsschutzmann aufzustellen.«

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