Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
Schließen

Navigation:

6.
Die Fassadenkletterer

Zum erstenmal in seiner kriminalistischen Tätigkeit sah sich Benskin dem Tod – unabweisbar und plötzlich gegenüber. Er blickte in die Mündung eines schweren Revolvers, der von einer Hand gehalten wurde, die nicht im geringsten zitterte. Das Gesicht des Mannes, der den Revolver auf ihn gerichtet hielt, war energisch und zielbewußt, die Augen klarblau und von tödlicher Entschlossenheit erfüllt.

»Wer sind Sie? Heraus mit der Wahrheit!« rief er Benskin zu.

»Ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen«, gab der Inspektor zurück. »Ich bin gekommen, um mir einige Liter Benzin zu borgen. Kein Mensch hat mich hierhergewiesen, und ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie treiben;«

Seine Antwort schien die Spannung ein wenig gelöst zu haben. Der Bedrohte ließ seine Blicke im Zimmer umherwandern. Nichts deutete darauf hin, daß hier eine zu allem fähige Bande hauste; der Raum ähnelte mehr dem Salon eines Landhauses als der Höhle einer Verbrecherbande. Benskin war vom Garten her durch eines der hohen Fenster hereingekommen und hatte sich zu seiner Überraschung mit dem Revolver bedroht gesehen. Auf einem Diwan saß ein junges Mädchen in Golfkleidung; es schien der Szene, die sich vor seinen Augen abspielte, nur wenig Interesse entgegenzubringen. Sicherlich war die junge Dame eher auf einem Golfplatz zu Hause als hier in der Gesellschaft eines Mannes, der einen zufällig ins Haus gelangten Touristen mit der Schußwaffe bedrohte.

»Sie sind Kriminalinspektor Benskin, nicht wahr?« fragte der Mann.

»Stimmt«, gab der Beamte zu. »Heute bin ich aber wirklich nicht beruflich unterwegs. Ich wollte nur ein wenig spazierenfahren. Vor Ihrem Haus ging mir das Benzin aus. Ich sah, daß hier eine Garage ist, und folgerte, daß Sie auch Benzin haben mußten. Um das zu erhalten, bin ich hier hereingekommen.«

Das Mädchen blickte interessiert auf.

»Vielleicht sagt er doch die Wahrheit, Alan«, meinte sie.

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich«, gab der andere zurück.

»Wenn Sie mir nicht glauben, können Sie sich ja persönlich überzeugen«, riet Benskin. »Mein Wagen steht draußen, und Sie werden finden, daß mein Benzintank leer ist.«

Das Mädchen erhob sich.

»Ich werde mal nachsehen«, erklärte sie.

Mit raschen Schritten eilte sie über den Rasen, während der junge Mann den Revolver auch weiterhin auf seinen Besucher gerichtet hielt.

»Ich glaube nicht an Wunder, Mr. Benskin«, sagte er höhnisch. »Ich hatte von Anfang an das Gefühl, daß Sie auf unsere Spur gelangen würden. Daß Sie uns aber an einem Platz überraschen, der uns als der sicherste in ganz England erschien, das geht denn doch über die Hutschnur. Los, Benskin, beichten Sie. Nur zwei Leute gibt es im Land, die Ihnen unser Versteck verraten haben können. Nennen Sie mir den Namen des Verräters, und ich werde Sie, wenn irgendmöglich, freilassen.«

»Ich habe Ihnen die einfache und reine Wahrheit gesagt«, erklärte der Inspektor. »Die Tätigkeit Scotland Yards wird wohl auch während meines eben beendeten Urlaubs weitergegangen sein, aber über Näheres bin ich nicht unterrichtet. Ich hatte die Grippe und bin noch immer nicht wieder ganz auf der Höhe. Deshalb zittern mir jetzt auch die Knie.«

Das Mädchen hatte ihren Vorsatz ausgeführt und erschien nun wieder im Zimmer.

»Er hat nicht gelogen«, berichtete sie. »Du hast dich zum Idioten gemacht, Alan. Sein Wagen steht draußen ohne einen Tropfen Benzin.«

»Dann haben Sie eben Pech gehabt, Benskin«, meinte der junge Mann, »Sie sind an den gefährlichsten Platz geraten, den es für Sie gibt.«

»Unter diesen Umständen würde es wahrscheinlich wenig Zweck haben, Sie nach Ihrem Namen zu fragen«, erwiderte der Bedrohte ruhig. »Aber da ich noch immer nicht ganz gesund bin, wäre es vielleicht nicht zuviel verlangt, wenn ich Sie bäte, mir zu gestatten, daß ich mich setze. Ich kann nicht so lange stehen. Auch fängt Ihr Zeigefinger an zu zittern, Mr. Alan, und ich fürchte, Sie werden dem Abzug zu nahe kommen. Könnten wir uns nicht ein wenig gemütlicher unterhalten?«

Das Mädchen lächelte verhalten.

»Er ist für einen Kriminalbeamten eigentlich ein recht netter Mensch«, sagte sie. »Er gefällt mir. Er hat übrigens ganz recht mit dem, was er wegen deines Revolvers sagte. Nimm sein Ehrenwort, daß er nicht zu fliehen versuchen wird, bis wir wissen, was wir mit ihm anfangen.«

»Ich verpfände niemals mein Ehrenwort«, machte Benskin die beiden aufmerksam. »Ich bin ja nicht mein eigener Herr, sondern Beamter des Yard. Es ist uns verboten, auf derlei Vorschläge einzugehen.«

»Er ist auf alle Fälle ein Sportsmann«, urteilte die junge Dame. »Alan, leg deinen Revolver hin. Solange Benskin keinen hat, brauchst du ihn auch nicht.«

»Überzeug dich erst einmal, ob er wirklich ohne Waffen ist«, erwiderte Alan.

Das Mädchen durchsuchte oberflächlich die Taschen Benskins.

»Nichts hat er bei sich«, erklärte sie dann.

»Setzen Sie sich auf den Stuhl dort«, befahl Alan nunmehr seinem Gefangenen. »Mit dem Gesicht hierher. So. Schließ die Tür ab, Hilda.«

Erst nachdem sie dem Befehl nachgekommen war und wieder ihren Platz eingenommen hatte, legte Alan den Revolver, den er bisher unentwegt in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch.

»Schieß los, Hilda«, wandte er sich an die junge Dame, »und laß hören, was du vorzuschlagen hast.«

Sie dachte nach.

»Ich habe keine Lust, von hier wegzugehen«, sagte sie dann. »Nächste Woche findet das Golfturnier statt, das ich unbedingt mitmachen möchte. Das Haus gefällt mir auch ausgezeichnet. Sie sind wirklich ein Störenfried, Mr. Benskin«, wandte sie sich an den Inspektor.

»Verdammtes Pech!« brummte nun auch Alan. »Nicht einer Ihrer Kollegen hätte Verstand genug gehabt, hierherzukommen, und Sie – Sie treten mit beiden Füßen zugleich hinein.«

»Vergessen Sie nicht«, erwiderte Benskin, »daß ich immer noch nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe.«

»Möglich«, gab der andere zurück. »Sie werden es aber, sobald Sie wieder in London sind, schnell genug erfahren.«

Man hörte vom Garten her eine lustige Stimme.

»Oh, Onkel Jo kommt«, rief Hilda erfreut aus.

»Jetzt wird der Teufel losgehen«, murmelte Alan vor sich hin.

Die Tür öffnete sich, und ein älterer, etwas beleibter Herr trat ein. Der Schweiß strömte ihm von der Stirn. Als er die Schwelle überschritt, lächelte er, doch wurde er sofort ernst, als er den Fremden gewahrte.

»Welch ein Stilleben!« rief er aus und warf einen prüfenden Blick auf Benskin. »Das war heute eine heiße Schlacht auf dem Golfplatz! Ihr habt Besuch? Ihr Gesicht kommt mir recht bekannt vor, Sir«, wandte er sich an den Inspektor.

»Leicht möglich«, warf der junge Mann ein. »Das ist Mr. Benskin, Inspektor von Scotland Yard.«

Wie mit einem Schlage veränderte sich das joviale Wesen des »Onkels«. Das Lächeln verschwand von seinem geröteten Gesicht, und seine Zähne klappten wie die Fänge eines Fuchseisens zusammen.

»Ein kleiner freundschaftlicher Besuch, wie?« fragte er den unfreiwilligen Besucher.

»Nicht gerade so freundschaftlich, wie es den Anschein hat«, gab dieser zurück, »sondern eher irrtümlich, Sir. Ich mußte am Fuß des Hügels da draußen wegen Benzinmangels halten und kam hier herein, um mir Betriebsstoff zu borgen. Ihr junger Freund dort scheint mich erkannt zu haben und machte aus seinem Mißvergnügen kein Hehl.«

»Das kann ich ihm nachfühlen«, erklärte Onkel Jo nachdenklich.

»Wenn er wirklich die Wahrheit gesagt hat«, mischte sich nun Alan ein, »was sollen wir dann tun?«

»Mein Gott«, murmelte der »Onkel« und ließ Benskin nicht aus den Augen. »Was für ein unglücklicher Zufall!«

»Ich glaube«, meinte Benskin, »es wird das beste sein, ich gehe, ehe Sie noch etwas sagen können, was ich mir in meiner dienstlichen Eigenschaft merken müßte.«

Die kräftige Gestalt Onkel Jos blockierte den Weg.

»Warten Sie noch ein bißchen, Mr. Benskin«, bat er mit seidiger Stimme. »Sie haben uns da eine harte Nuß zu knacken aufgegeben. Ich hätte gern von meinem Neffen erfahren, wie er sich mit der Sache abzufinden beabsichtigt.«

»Sehr brutal«, warf das Mädchen ein. »Es ist mir erst vor knapp fünf Minuten gelungen, ihn zu bewegen, den Revolver hinzulegen.«

»Das ist begreiflich«, meinte Onkel Jo. »Aber wir wollen die Sitzung vorläufig unterbrechen und uns erst einmal ein Gläschen einschenken.«

Er ging auf die Diele hinaus, von wo er nach wenigen Augenblicken mit Flaschen und Gläsern zurückkehrte.

»Na, habt ihr es euch überlegt?« fragte er.

Alan schüttelte verneinend den Kopf.

»Er weigert sich, sein Ehrenwort zu geben«, erklärte er. »Ich weiß allerdings auch nicht, ob uns das viel genützt hätte. Ich glaube+...«

Onkel Jo nickte verständnisvoll. Die Atmosphäre von Jovialität, die ihn bisher umgeben hatte, war geschwunden, und an ihre Stelle war eine verhaltene Drohung getreten. Er nahm seinen Neffen beiseite, während das Mädchen ängstlich ihrem Geflüster lauschte. Starr blickte sie auf den Gefangenen. Ihre Linke hielt etwas umfangen, während die rechte Hand stumme Zeichen machte. Benskin verstand sofort, was sie besagen sollten. Leise und ohne Laut erhob er sich, balancierte einen Augenblick auf seinen Zehenspitzen und rannte zum Fenster. Der junge Mann suchte ihn aufzuhalten, aber Benskin schlüpfte unter seinen Armen durch. Nun zögerte Alan keinen Augenblick länger; er ergriff den auf dem Tisch liegenden Revolver und drückte ab. Ein Knacken folgte, aber die erwartete Explosion blieb aus. Hilde hatte den Revolver entladen und dies dem Detektiv durch Zeichen zu verstehen gegeben.

Benskin war kein schlechter Läufer, aber es dauerte nicht lange, bis er die Schritte der Verfolger hinter sich hörte. Er hatte keine Zeit sich umzudrehen. Eine ganze Meile hügelauf zu rennen, das durfte er sich bei seinem geschwächten Körperzustand nicht zumuten. Sein Auto stand zwar bereit, war aber ohne Betriebsstoff. Nun war er am Wagen angelangt, als eben Alan am Ende des Weges auftauchte. In der Türtasche des Kabrioletts steckte, wie sich Benskin erinnerte, eine Pistole. Ein Griff, und den heraneilenden Alan bedrohte eine ähnliche Waffe, wie er sie auf den Verfolgten gerichtet hielt.

»Einen Schritt noch, mein sehr verehrter Mr. Alan«, warnte ihn Benskin, »und ich schieße. Kommen Sie näher; ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.«

Vorsichtig näherte sich der andere. Benskin drückte ab, die Mündung seiner Waffe in die Luft gerichtet.

»Ich wollte Ihnen nur beweisen«, erklärte er, »daß meine Waffe geladen ist. Bleiben Sie stehen.«

Mürrisch gehorchte sein Gegner.

»Nun, und?« fragte er, die hellblauen Augen starr auf Benskin gerichtet.

Der Inspektor wollte antworten, als er plötzlich neben seinem Wagen einen Kanister Benzin stehen sah.

»Na, wie ich sehe, ist der Betriebsstoff, den ich mir bestellte, endlich angekommen, meinte er. »Ich glaube, wir beide haben für einen Nachmittag von unserer gegenseitigen Gesellschaft genug. Vielleicht haben Sie noch die Liebenswürdigkeit, dieses Benzin in den Tank zu gießen, Mr. Alan?«

»Eher soll mich der Teufel holen«, gab der andere zurück.

Eine große Limousine war eben in Sicht gekommen und rollte den Hügel herab. Vorsichtig steckte Benskin seine Waffe in die Tasche und drückte sich näher an den Straßengraben heran. Der andere Wagen hielt, und ein junges Mädchen beugte sich heraus.

»Alan, Sie Faulenzer«, rief sie. »Warum haben Sie sich heute nicht auf dem Golfplatz sehen lassen?«

Der junge Mann ging näher an den Wagen heran, während Benskin in aller Ruhe das vorgefundene Benzin in den Tank füllte. Dann ließ er den Motor anspringen und gab Gas. Langsam bewegte sich sein Wagen vorwärts Erst als er die halbe Steigung hinter sich hatte, wandte Benskin sich um. Sein Gegner stand immer noch neben der Limousine und unterhielt sich mit der jungen Dame. Lächelnd schaltete der Inspektor den zweiten Gang ein und fuhr lustig pfeifend weiter. Nach London+...

*

Der Vizepräsident zündete sich nachdenklich eine Zigarette an. Die Finger seiner Rechten spielten mit einem Telefonblock.

»Sie sind sicher, Benskin«, sagte er, »daß alles so ist, wie Sie es gestern abend berichtet haben?«

Benskin lächelte.

»Es war ein richtiger Überfall, Sir.«

Major Houlden blickte auf ein Blatt Papier, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Hier habe ich einen telefonischen Bericht von Cawston, den Sergeant Alston, der Ortsgendarm, mir heute morgen durchgegeben hat. Er ist, wie Sie wissen, ein sehr gescheiter Mensch.«

Neugierig warf Benskin einen Blick auf den Bericht:

Habe im Landhaus an der Chaussee vorgesprochen. Fand Mr. MacDougal, den Besitzer, im Garten mit dem Mähen des Rasens beschäftigt. Die junge Dame und der andere Herr waren zum Golfspiel gegangen.

Benskin war ehrlich überrascht.

»Wir haben unsere gesamten Akten durchgewühlt«, fuhr der Chef fort, »und nirgends einen Hinweis auf die von Ihnen genannte dreiköpfige Bande gefunden. Fahren Sie doch nochmals hin und vergewissern Sie sich. Sie scheinen das Opfer eines Witzes geworden zu sein, Benskin.«

»Ich glaube nicht, Sir«, erwiderte der Inspektor respektvoll. »Ja, ich werde heute noch einmal hinfahren. Kann ich Brooks und vielleicht noch einen anderen Kollegen mitnehmen? So eine Art Urlaubsfahrt, Sir.«

Houlden zuckte mit den Achseln.

»Sie irren sich selten genug, Benskin«, entschied er dann. »Fahren Sie los, und klären Sie die Dinge auf.«

 

Das Landhaus lag in Sonne gebadet da. Es war ein herrlicher Frühlingstag; Blumenduft erfüllte die Luft, und zeitige Schmetterlinge tummelten sich in der schon recht heißen Sonne. Bienen summten von Knospe zu Knospe, aber – der Platz kam Benskin anders vor als beim gestrigen Besuch. Er hatte dieses Gefühl im selben Augenblick, als er sich dem Fenster näherte, durch das er gestern seine Flucht bewerkstelligt hatte. Noch sicherer aber wurde er, als ihn ein älterer Herr, ein ihm völlig Fremder, begrüßte.

»Sind Sie Mr. MacDougal?« wandte er sich an ihn.

»So heiße ich, Sir.«

»Sie sind der Besitzer des Hauses?«

»Jawohl.«

»Können Sie mir vielleicht sagen, wo sich Ihre Mieter gegenwärtig befinden?«

»Diese Frage habe ich mir schon selbst vorgelegt«, erwiderte der andere. »Merkwürdig! Sie sind abgereist.«

»Was? Für immer?«

»So sieht es wenigstens aus. Ein- bis zweimal wöchentlich komme ich hierher, um ein wenig zu gärtnern. Meist sind die jungen Leute beim Golfspiel, wenn ich komme. Heute morgen habe ich noch keinen von ihnen gesehen. Außerdem – was halten Sie davon? Das hier fand ich heute morgen im Geräteschuppen, als ich den Rasenmäher holte.«

Es war ein Bogen Papier, an den mehrere Banknoten geheftet waren. Nur wenige Worte standen auf dem Zettel, von einer kräftigen Hand hingeworfen:

Sehr geehrter Mr. MacDougal! Es tut uns furchtbar leid, schon vor Ablauf unseres Vertrages abreisen zu müssen. Beifolgend einige Noten, die Sie freundlichst an das Dienstmädchen und den Jungen verteilen wollen, die jeden Tag hierherkamen, um alles in Ordnung zu halten.

Ihre Hilda Craven-Stewart.

»Seit wann wohnten denn die Leutchen bei Ihnen?« wollte Benskin wissen.

»Seit sieben Wochen. Verdammt anständige Mieter waren sie, das muß ihnen der Neid lassen. Nach ein paar Tagen schon waren sie mit der gesamten Nachbarschaft befreundet. Der Onkel spielte jeden Nachmittag mit unserem Doktor Golf, die jungen Leute mit ihresgleichen. Wollten Sie etwas von ihnen?«

»Ja, aber es handelt sich um eine Privatangelegenheit. Wir wollen die Frage einen Augenblick beiseitelassen. Später werde ich Ihnen vielleicht Auskunft geben können. Darf ich mit meinen Freunden das Haus besichtigen?«

»Gewiß. Sie haben wohl Lust, es zu mieten?«

»Vielleicht. Es ist ein herrlicher Platz für jemand, der absolute Ruhe sucht.«

»Ich habe das Haus seinerzeit für mich selbst gebaut«, erklärte der geschmeichelte Besitzer. »Inzwischen habe ich meine Frau verloren und auch einiges Geld mit Aktien eingebüßt. Deshalb bin ich froh, wenn ich das Häuschen im Sommer auf einige Monate vermieten kann. Ich wohne dann immer im Dorf. Bitte folgen Sie mir, meine Herren.«

Sie besichtigten alle Räume, ohne auch nur die geringste Spur von den Durchgebrannten zu finden. Im Salon verhielt Benskin einen Augenblick seinen Schritt.

»Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, Sir«, wandte er sich an den Führer, »sich umzusehen, ob sich hier Gegenstände befinden, die nicht Ihr Eigentum sind.«

Mr. MacDougal schien immer neugieriger zu werden.

»Warum? Wer sind Sie eigentlich?« wollte er wissen.

»Wir kommen von Scotland Yard«, gab ihm Benskin Auskunft.

Der andere schien an der Wahrheit dieser Mitteilung zu zweifeln.

»Sie wollen mich wohl zum besten haben?« fragte er.

Der Inspektor gab ihm seine Karte und zeigte gleichzeitig auf das Amtsschild, das er unter dem Rock verborgen trug.

»Wir scherzen nicht«, fügte er hinzu. »Wir sind hierhergekommen, um ausfindig zu machen, was Sie von Ihren bisherigen Mietern wissen. Davon später mehr. Für den Augenblick bitte ich Sie, sich zu vergewissern, ob irgend etwas hier den Mietern gehört.«

MacDougal blickte sich um. Dann schüttelte er verneinend den Kopf.

»Ich sehe nichts«, meinte er. »Es fehlt auch nichts. Sie haben alles bezahlt. Wirklich anständige Leute. Sie befinden sich im Irrtum, wenn Sie die Leute für Verbrecher halten, Mr. Scotland Yard+...«

»Möglich«, gab Benskin zu. »Wir irren uns oft. Wenn wir uns aber damit bescheiden würden, alles als Irrtum zu betrachten, würden wir nicht weit kommen.«

»Na, über meine bisherigen Mieter werden Sie wohl nichts Nachteiliges ausfindig machen«, verteidigte Mac Dougal die Abwesenden.

Die Verschwundenen hatten anscheinend alles, was ihnen gehörte, mitgenommen und ebenso alles, was zum Haus gehörte, zurückgelassen. Nichts fehlte.

Während sie einen Rundgang um das Haus machten, wandte sich der Inspektor an den Besitzer.

»Wie hießen denn eigentlich die Leute?« fragte er.

»Mr. und Miss Craven-Stewart; das waren die jungen Leute; der ältere Herr hieß Mr. Bellamy.«

»Haben Sie von ihnen Bankreferenzen zu sehen bekommen?«

»Ich habe sie gar nicht zu sehen verlangt«, erwiderte Mr. MacDougal. »Sie kamen eines Tages in einem Rolls Royce hier vorbei und sahen, daß das Haus zu vermieten war. Weil es ihnen so gefiel, wurden wir schnell handelseinig. Sie zahlten immer einen Monat im voraus; einen Diener brachten sie mit, während ein Mädchen und ein Junge vom Dorf die groben Arbeiten verrichteten. Die beiden jungen Leute traten bald darauf dem Golfklub bei und haben die ganze Zeit über sich nur mit Golfspielen beschäftigt.«

»Soll das heißen, daß sie nicht ein einziges Mal abwesend waren?«

»Zwei- oder dreimal fuhren sie, glaube ich, nach London«, erklärte MacDougal.

»Vielleicht können Sie sich auf die genauen Daten dieser Reisen besinnen, Sir«, meinte Benskin.

»Das erstemal verreisten sie Mittwoch vor vierzehn Tagen, das zweitemal am Dienstag darauf und zuletzt vorigen Sonntag. Sie fuhren alle drei, während Mr. Bellamy den Wagen führte. Um welche Zeit sie zurückkamen, weiß ich nicht. Am nächsten Morgen spielten sie jedenfalls wieder Golf.«

»Wieviele Wagen hatten sie?«

»Immer nur einen; allerdings glaubte ich zu bemerken, daß sie mit einem anderen zurückkehrten als dem, mit dem sie weggefahren waren. Ich dachte, sie hätten irgendwo in London eine Garage mit mehreren Wagen.«

»Ihre Londoner Adresse kennen Sie nicht?«

»Nein. Ich brauchte sie ja auch nicht. Ihr Geld und ihre Gesellschaft genügten mir vollauf.«

Mr. MacDougal schien nicht von sehr freundlichen Gefühlen für seine Besucher erfüllt zu sein. Benskin merkte das, machte noch einige kurze Bemerkungen und schloß dann sein Notizbuch.

»Darf ich Ihr Telefon benutzen, Mr. MacDougal?« fragte er.

»Bitte. Sie sind aber trotzdem auf dem Holzweg.«

Benskin lächelte.

»Bitte,, vergessen Sie nicht, Sir, daß wir Sie kaum belästigt hätten, wenn wir nicht glaubten, Grund dafür zu haben! Auch Ihre Mieter würden wohl kaum ohne ein Abschiedswort abgereist sein, wenn sie nicht etwas zu verbergen hätten.«

»Warum wollen Sie denn telefonieren?« erkundigte sich der Hauswirt neugierig.

»Ich will unseren Sachverständigen für Fingerabdrücke herbestellen«, unterrichtete ihn Benskin. »Sie werden bemerkt haben, daß ich, als ich als letzter das Haus verließ, die Tür hinter mir verschloß. Ich bitte Sie, das Haus während der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht zu betreten. Dann hoffen wir so weit zu sein, daß wir es freigeben können.«

Mr. MacDougal nickte verständnisvoll.

»Gegen die Polizei kann man nicht gut ankämpfen«, meinte er, »ich glaube aber nicht, daß Sie viel erreichen werden. Hier kommt jemand, der die jungen Leute gut gekannt hat.« Er wies auf einen eben herangekommenen Sportzweisitzer, dem ein junges Mädchen im Golfkostüm entstieg.

»Wo ist denn Miss Craven-Stewart?« erkundigte sie sich, sobald sie den Besitzer des Hauses sah. »Ich warte schon eine Stunde lang vergeblich auf sie. Sie wollte doch zum Golfspiel kommen+...«

»Sie sind alle nach London.«

»Auch Mr. Craven-Stewart?«

»Alle.«

»Komisch. Zum Lunch werden sie aber sicherlich wieder zurück sein?«

»Sie haben keine Nachricht hinterlassen«, erwiderte MacDougal.

Benskin fand es an der Zeit, sich ins Gespräch zu mischen. Den Hut in der Hand, trat er vor.

»Madam«, wandte er sich an die junge Dame, »würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir Ihren Namen zu nennen?«

»Gern.« Sie richtete erstaunt ihre Augen auf ihn. »Ich heiße Strathers, Lady Helen Strathers. Ich wohne hier im Dorf.«

»Darf ich Sie bitten, mir zu sagen, ob Sie die Herrschaften, nach denen Sie sich eben erkundigten, schon seit längerer Zeit kennen?«

»Warum? Interessiert Sie das so sehr?«

»In gewisser Hinsicht schon, Lady Helen.«

Sie zögerte, entschloß sich aber zu antworten, als sie die ernste Miene des Fragestellers sah.

»Ich kenne die Herrschaften erst, seit sie hier wohnten.«

»Sie wurden Ihnen nicht durch Freunde oder Bekannte vorgestellt?«

»Nein. Ich sprach hier vor, weil sie mir sympathisch waren.«

»Sie wissen also von ihrem Vorleben nichts«, bestand Benskin auf seiner Frage. »Nur daß sie dies Landhaus mieteten, wie?«

»So ist es«, gab sie zu, und ein leiser Unterton von Trotz klang in ihrer Antwort mit. »Es sind recht nette Leute, und ich habe sie gern.«

Benskin lüftete seinen Hut und verbeugte sich vor der jungen Dame.

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, sie zu benachrichtigen, daß ich hier vorgesprochen habe; das heißt«, setzte er hinzu, »wenn Sie sie wiedersehen sollten.«

»Gern.« Sie wandte sich an MacDougal: »Bitte sagen Sie ihnen doch, daß ich sie morgen bei mir zum Lunch erwarte.«

Die Zurückbleibenden blickten sich schweigend an, während Lady Helen ihren Weg fortsetzte.

»Sehen Sie«, richtete Benskin endlich das Wort an MacDougal, »keiner von Ihnen weiß auch nur das geringste über diese Leute, so sympathisch sie Ihnen auch gewesen sein mögen.«

Nachdenklich rieb sich der Besitzer des Hauses die Stirn. Die plötzliche Abreise der Mieter, zusammen mit den Mitteilungen des Detektivs, begann einen leisen Verdacht in ihm zu erwecken.

»Ja, es ist merkwürdig«, gab er endlich zu.

*

Der Vizepräsident Scotland Yards konnte sich anscheinend nicht dazu aufschwingen, dem Bericht Benskins irgendwelche Wichtigkeit beizumessen.

»Möglich«, meinte er, »daß sie irgend etwas Gesetzwidriges vorhatten, als Sie bei ihnen hereinschneiten, aber Sie wissen selbst gut genug, Benskin, daß unsere Kartei auf der Höhe ist. Von einem Trio, wie Sie es beschreiben, ist in ihr nichts zu finden.«

»Das mag stimmen, Sir, aber wie erklären Sie die Absicht Alans, mich zu erschießen? Ich weiß bestimmt, daß er damit nicht einen Augenblick gezögert hätte, wenn das Mädchen ihm nicht dazwischengefahren wäre.«

»Bluff. Das wird es gewesen sein«, urteilte Houlden.

»Nein, das war es bestimmt nicht, Sir«, erklärte Benskin. »Er war sogar sehr ernst, als er auf mich anlegte. Er hat auch, als ich abrückte, schießen wollen. Ich hörte das Knacken des Abzuges.

»Wie groß war der eine, sagten Sie? Einen Meter siebzig? Sah aus wie ein Kavalier?«

»Er muß bei Lady Helen Strathers ›persona grata‹ gewesen sein«, bestätigte der Inspektor. »Wahrscheinlich ein Produkt derselben Erziehungsmethoden.«

»Und die junge Dame?«

»Ich glaube nicht, daß sie zur Clique gehörte«, erklärte der Detektiv bedächtig.

»Nein, das kommt mir nicht so vor«, meinte Houlden. »Sie hat doch unstreitig gewußt, daß Alan Sie erschießen wollte. Und was ist denn mit diesem Onkel Jo?«

»Ein reiner Verbrechertyp. Wissen Sie, einer von denen, die aussehen, als könnten sie niemand ein Härchen krümmen. Klug ist er unbedingt. Sie hatten sich alle drei dort so fein eingeführt, daß sie ohne irgendwelche Nachfrage bei dritter Seite als gesellschaftsfähig anerkannt wurden. Wäre ich nicht durch Zufall auf sie gestoßen, dann hätten sie dort eine Ewigkeit wohnen können, ohne daß jemand Verdacht geschöpft hätte.«

»Haben Sie eine Ahnung, wohin sie gegangen sein können?«

»Nein. Das allein beweist, wie schlau die Gesellschaft zu Werke gegangen ist. Ich verfolgte ihre Spuren, die nach Süden wiesen. Irgendwo haben sie ihren Wagen einem Komplicen übergeben und sind auf dem gleichen Weg zurückgefahren.«

Der Chef studierte einige Augenblicke einen Bericht, den er vor sich liegen hatte. Darin wandte er sich an seinen Inspektor.

»Ich bezweifle Ihre Worte zwar nicht, Benskin, aber die Tatsache bleibt nun einmal bestehen, daß wir kein wie immer geartetes Verbrechen vorliegen haben, das wir auf die drei zurückführen könnten. Der einzige Fall, der noch der Aufklärung bedarf, ist die Sache mit Gollenstein. Sie kennen ihn ja: ein ganz gemeiner und brutaler Mensch. Er hält sich aber, wie ich aus bestimmter Quelle weiß, gegenwärtig in Paris auf.«

»Nein, der paßt nicht in diesen Rahmen«, erklärte Benskin.

»Dann bliebe als einziger ein großer Fall übrig, und zwar diese unaufgeklärten Einbrüche, unter denen die hiesige Geschäftswelt seit Wochen zu leiden hat. Die Beschreibung der betreffenden Leute hätten wir ja, und seit einigen Tagen ist auch kein neuer Einbruch gemeldet worden. Der junge Mann war ziemlich hoch gewachsen, sagten Sie, nicht wahr?«

»Über Mittelgröße.«

»Die Beschreibung des einen Einbrechers, die wir vorliegen haben, ist ganz anders. Der Mann ist viel kleiner. Nein, ich glaube nicht, daß wir großes Interesse für Ihre Verdächtigen haben. Ich weiß nicht, wo sie hineinpassen. Haben Sie Lust, nach Paris zu fahren, um Gollenstein dingfest zu machen?«

»Gar keine«, gab Benskin zurück. »Ich möchte lieber noch ein paar Tage hier mein Glück versuchen. Gollenstein hat mich nie besonders beeindruckt. Ich will vor allen Dingen wissen, was aus meinen Freunden geworden ist. Ich habe das Landhaus vom Keller bis zum Dach durchsucht und einiges gefunden, was mich interessierte.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Benskin«, meinte der Chef.

 

Die kommende Woche verbrachte Benskin mit ziellosen Spaziergängen. Er wanderte über den Grosvenor Square, strich durch die Park Lane und verbrachte einen Teil seiner Zeit am Berkeley Square und in ähnlichen, dem feinsten Westen zugehörigen Gegenden. Vor allen Dingen interessierten ihn die palastartigen Häuser der Aristokratie, soweit sie mit einem Hof versehen waren. Die illustrierte Zeitung, die er aus einem Papierkorb im Landhaus gefischt hatte, enthielt auf einer blau angestrichenen Seite die rückwärtige Ansicht eines Hauses, das, nach seiner Größe zu urteilen, im Londoner Westen stehen mußte. So sehr er aber auch versuchte, das dazu passende Original zu finden – es gelang ihm nicht. Schon wollte er die Suche als hoffnungslos abbrechen, als ihm der Zufall zu Hilfe kam. Eines Nachmittags stand er inmitten einer großen Schar Sportbeflissener auf dem Golfplatz von Ranelagh, als er, eine Dame und ein junges Mädchen vorübergehen sah, die von einer Anzahl Verehrer begleitet wurden. Bisher hatte Benskin Golfturnieren nur mit einem Gefühl der Langeweile zugesehen; nun aber dankte er seinem Schöpfer für den Einfall, sich den Wettkampf anzusehen.

Er wandte sich an einen Schulfreund, der in seiner Nähe stand.

»Du kennst doch alle und jeden, Percy«, sagte er. »Weißt du, wer die Dame ist, die eben in dem entzückenden Pariser Kostüm hier vorbeiging? Du weißt, wen ich meine? Ja, die Schlanke war es.«

Percy verzog sein Gesicht.

»Wer soll das schon sein?« fragte er mürrisch. »Wenn du ein zweibeiniges Juwelengeschäft siehst, kann es nur eine Amerikanerin sein. Die Dame war Mrs. Husset-Brown; sie hat in London ein Haus gemietet. Riecht förmlich nach Geld. Nein, häßlich ist sie nicht, aber sie hat schon fünfmal geheiratet und sich viermal scheiden lassen. Wo ihr jetziger Mann ist, weiß ich nicht. In London ist er bestimmt nicht. Morgen abend empfängt sie.«

»Kanntest du ihre Begleiterin?« erkundigte sich der Inspektor.

»Nur vom Sehen. Wie sie heißt, weiß ich nicht.«

»Wo wohnt denn diese Mrs. Husset-Brown?« wollte Benskin wissen.

»Curzon Street 14 b, in einem Palast, den man ›Horst der Millionäre‹ getauft hat. Willst du eine Einladung für morgen abend haben? Ich habe ein Dutzend übrig.«

»Ja, bittet gib mir eine. Ich muß gehen, Percy. Entschuldige. Sie scheinen hierherzukommen, und ich möchte mich von ihnen nicht sehen lassen.«

Benskin fuhr in die Stadt zurück. Am Shepherd's Market hielt er seinen Wagen an und begann mit der Durchforschung des Häuserlabyrinths, das sich in jener Gegend ausbreitet. Nach kurzer Zeit wurde sein Eifer belohnt. Lächelnd steckte er das Blatt mit der Hausansicht, das er in MacDougals Landhaus im Papierkorb gefunden hatte, wieder in seine Brieftasche und fuhr nach Scotland Yard zurück. Er war so in Gedanken versunken, daß er erst aufblickte, als er auf der Treppe des Präsidiums gegen seinen Chef anrannte.

»Verdammt noch einmal, Benskin. Sie sind mir auf die Hühneraugen getreten«, fluchte Houlden. »Ich wollte Ihnen gerade etwas mitteilen.«

»Erst komme ich dran«, lachte Benskin. »Sie wissen doch, daß der Zufall oft nützlicher ist als selbst die Intelligenz Ihres Inspektors Benskin, nicht wahr?«

*

Vor der Tür des Schlafzimmers der Mrs. Husset-Brown rekelte sich Mr. Peter Bracknell, berühmter Privatdetektiv aus New York, dessen einzige Pflicht darin bestand, den Schlummer der Millionärin zu bewachen und ihre Juwelenschätze vor diebischen Händen zu schützen. Auf einem kleinen Tischchen neben ihm lagen noch die Reste der Abendmahlzeit, die er eben eingenommen zu haben schien. Seine Augen blickten munter, seine Sinne waren wach. Vor ihm lagen hell erleuchtet die Treppen, die ins Erdgeschoß und in die oberen Stockwerke führten. Aus seiner Rocktasche lugte griffbereit der Kolben eines schweren Revolvers.

Draußen vor dem Hause aber lag, gegen einen der Marmorpfeiler gepreßt, eine schwarze, eidechsenartige Gestalt – still und bewegungslos. Nun zog sie sich höher und immer höher, bis sie vor einem der zahlreichen Balkone angekommen war. Mit einem Sprung war sie unsichtbar geworden, tauchte aber sofort auf einem zweiten Vorsprung wieder auf. Die ganze Zeit über goß es wie aus Eimern vom Himmel; die Nacht war undurchdringlich.

Mr. Bracknell lächelte inzwischen auf seinem Platz vor sich hin. Er hatte eben den Baseballbericht von New York gelesen und freute sich, daß der Klub, dem auch er angehörte, siegreich geblieben war. Die dunkle Gestalt hatte sich auf dem Balkon am Fenster zu schaffen gemacht, das kurz darauf mit einem leisen Laut aufsprang. Nun schlich sich der Eindringling an das Bett heran, auf dem, tief atmend, Mrs. Husset-Brown der wohlverdienten Ruhe pflegte. Ein leises Geräusch, und der Schlüssel, der sich bisher an ihrem Handgelenk befunden hatte, war in den Besitz des Einbrechers übergegangen. Die Tür des Tresors sprang auf. Hier lagen Smaragde, die den Thron einer Königin hätten zieren können, hier die Diamanten der Frau, die einen argentinischen Millionär besiegt hatte, hier die Perlen, die einmal einer entthronten Kaiserin gehört hatten, Armbänder, Diademe, brillantenbesetzte Uhren – alles fiel dem Griff der schwarzen Gestalt zum Opfer. Mrs. Husset-Brown seufzte leise im Schlaf; ohne ein Geräusch fiel die Tresortür wieder ins Schloß, der Eindringling schlich sich ans Fenster, schwang sich hinaus, ließ das Säckchen mit der Beute hinunterfallen und begann dann selbst seinen Weg abwärts zu suchen. Als er am Boden ankam, tauchte eine andere Gestalt auf.

»Gib mir mein Cape, Alan«, flüsterte der Einbrecher.

Aber weder das Cape noch auch nur ein Wort von ›Alan‹ empfing ihn. Von der Straße erklang das leise Surren eines Automotors, ein Lichtstrahl blitzte auf, und – der Einbrecher blickte in das Gesicht des Mannes, den man vor einigen Tagen in Cawston festgehalten und den das Mädchen hatte entkommen lassen.

»Sie waren hinter uns her?« flüsterte der Einbrecher, das Mädchen von Cawston, und starrte den anderen an.

»Durch Zufall«, gab Benskin zurück. »Hier, legen Sie den Mantel um.« Er bückte sich und reichte ihr das in den Schmutz des Gartens getretene Cape. Dann preßte er ihr seine Taschenlampe in die Hand und zeigte auf eine Tür, die offenstand.

»Die Juwelen habe ich«, sagte er, »und auch Ihren Bruder und den schönen Onkel. Sie sitzen schon. Los, verduften Sie!«

»Benskin?« murmelte sie.

»Sie haben mir das Leben gerettet, und – ich bin doch schließlich auch nur ein Mensch.«

Sie lachte leise. Dann beugte sie sich vor und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen. Als sie im Dunkel der Nacht verschwunden war, kehrte Benskin nach dem Yard zurück, um dort seinen teilweisen Mißerfolg zu Papier zu bringen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.