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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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4.
Der Mord in der Hill Street

Während draußen noch die Stille herrschte, die der Morgendämmerung vorauszugehen pflegt, saß Sir Gregory Dent an seinem Schreibtisch und arbeitete. Seine Feder eilte wie besessen über das weiße Papier und fügte Zeile auf Zeile dem schon Geschriebenen hinzu. Die Angelegenheit, die ihn beschäftigte, mußte von seinem Herzen herunter. Erst dann durfte er sich die ihm so notwendige Ruhe gönnen.

Er saß im Arbeitszimmer seiner Privatwohnung, umgeben von dem Luxus, den ein vermögender Geschäftsmann dem Raum zu verleihen liebt, der seine ureigenste Domäne ist. Zwei unscheinbare, aber wertvolle Bronzen schmückten den Schreibtisch aus schwerem Eichenholz; die Feder, die er benutzte, war aus reinstem Gold – ein Geschenk von einem indischen Fürsten. Der Löscher war aus getriebenem Silber, sein Griff stellte eine chinesische Pagode dar.

Wie von einem grausamen Schicksal geführt, raste die Feder weiter und weiter, ihre zerstörende Botschaft aufs Papier bringend. Nicht ein einziges Mal warf der einsame Mann einen Blick auf das bereits Geschriebene; seine Worte brachten einem einst reichen und mächtigen Unternehmen sicheren Ruin. Ja, er war gerechtfertigt, und Dent unterdrückte die leise Regung des Mitleids, die ihn bei Abfassung seines Berichtes beschleichen wollte.

Endlich hatte er den Schlußpunkt hinter seine Unterschrift gesetzt. Mit einem Seufzer der Erleichterung legte er die Feder hin und richtete sich auf. Der Gedanke, eine wichtige Arbeit erfolgreich beendet zu haben, ließ ihn ein Gefühl der Befriedigung empfinden, das er sich vollauf verdient zu haben meinte. Jetzt erhob er sich, öffnete ein Likörschränkchen und goß sich den goldklaren Whisky ein, den er stets mit Wasser genoß. Dann wandte er sich dem kleinen Telefontischchen zu und blätterte suchend in dem Verzeichnis. Endlich hatte er die gewünschte Nummer gefunden.

Er drehte die Wählscheibe und wartete. »Hier ist Sir Gregory Dent«, stellte er sich dann dem Teilnehmer am anderen Ende der Leitung vor. »Ja, Hill Street 17a. Ist dort das Schreibbüro von Miss Fisher? Schön. Kann ich sofort eine Ihrer Damen haben? Ich habe eine halbe Stunde Arbeit für sie. Lassen Sie sie ein Taxi nehmen und an der Abzweigung der Hill Street aussteigen. Ich möchte nicht, daß sie hier vorfährt, damit meine Leute nicht unnötig wach werden. Gut. Ich erwarte sie also in zehn Minuten.«

Er legte auf. Nun erst las er das Geschriebene durch. Er schien mit seiner Arbeit zufrieden, denn er nickte, als er die engbeschriebenen Bogen wieder auf den Schreibtisch legte. Dann brannte er sich eine Zigarette an, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete. Immer noch herrschte in den Straßen der Nachbarschaft absolute Ruhe; nur von fernher, von der Hauptstraße, klang hin und wieder das Hupen eines Autos, das verspätete Heimkehrer befördern oder auf der Suche nach zufälligen Fahrgästen sein mochte. Sir Gregory erhob sich, trat zur Tür, öffnete sie und horchte auf den Korridor hinaus. Nichts im Hause rührte sich.

Dent war ein hochgewachsener, etwas gedrungen gebauter Mann mit strengen Gesichtszügen, die nur durch die weicheren Mundlinien etwas gemildert wurden. Während er horchte, huschte ein zärtliches Lächeln um seinen Mund; im Stockwerk über ihm schlief Angela. Sobald er mit dieser wichtigen Arbeit hier unten fertig war, würde er – so malte er es sich aus – hinauf schleichen und an ihrer Tür lauschen. Vielleicht war sie zufällig munter+...

Er setzte sich wieder, bis ihn das Geräusch eines in der Nähe haltenden Autos aus seinem Sinnen aufschreckte. Auf den Fußspitzen schlich er zur Haustür hinunter und öffnete sie einem jungen Mädchen, das in langem Mantel und kokettem Hütchen auf der Schwelle stand. Ohne ein Wort zu sprechen, führte er sie in sein Arbeitszimmer und wies ihr einen Platz an.

»Ich habe hier sieben Seiten eines Berichts«, teilte er der jungen Dame mit, »den ich Sie abzuschreiben bitte. Original und zwei Kopien. Jede der Kopien muß in einem Umschlag für sich verschlossen werden. Das Original adressieren Sie an Lord Eustace Martinhoe, Vorsitzenden der Dent-Finanz-Trust-AG., Bishopsgate 32b, E. C. 2. Eine der Kopien geht an Sir Walter Cranley, Scuddamore Gardens 14a, S. W. I, und die letzte an Jacob Houlder, Sekretär der eben genannten Trust-AG. Haben Sie die Adressen notiert?«

»Jawohl, Sir Gregory.«

Er reichte dem Mädchen einige Pfundnoten.

»Ich weiß nicht, wie hoch sich Ihr Honorar beläuft, Miss«, erklärte er, »aber Arbeit zu dieser Nachtstunde ist ihr Geld wert. Ich will versuchen, so lange wach zu bleiben, bis Sie mit Ihrer Arbeit fertig sind. Ich bin aber reichlich müde und bitte Sie, falls ich doch einschlafen sollte, die Umschläge in den Briefkasten einzuwerfen. Die Sitzung, auf die sich der Inhalt des Schriftstücks bezieht, findet zwar erst um drei Uhr nachmittags statt. Ich möchte aber, daß die Briefe bereits morgens zugestellt werden. Können Sie das erledigen?«

»Gern, Sir Gregory.«

»Danke. Wenn ich nachher schlafen sollte, können Sie die Schriftstücke, die Sie zu tippen haben, in meinem Namen unterschreiben. Zeichnen Sie ›Gregory Dent‹ ›per‹ Ihren Namen. Die Maschine können Sie hierher auf diesen Tisch stellen. Gestatten Sie?!«

»Danke, ich trage sie selbst hin.«

Mit geübten Fingern spannte sie die Bogen ein und begann zu schreiben. Dent hatte sich einen zweiten Whisky eingeschenkt und suchte nach dem Sodawasser. Die Augen des jungen Mädchens blickten, als sie das Dokument zur Hälfte gelesen hatte, merkwürdig fragend auf den Hausherrn; als sie seinen Blicken begegnete, wandte sie sich jedoch schnell wieder ihrer Arbeit zu. Als sie das Ende des Manuskriptes erreicht hatte, bemerkte Sir Gregory ihre tödliche Blässe.

»Sie sind für Nachtarbeit zu schwächlich«, meinte er mitleidig. »Ich kann Ihnen leider nur einen Whisky mit Soda anbieten. Ich bin selbst erst vor einer halben Stunde mit meinem Wagen gekommen und möchte niemand hier im Hause wecken.«

»Es ist auch nicht notwendig«, erklärte das Mädchen. »Ich brauche nichts. Es war mir nur ein wenig zu warm hier.«

»Können Sie meine Schrift lesen?«

»Leicht.«

Nun begann das Mädchen zu schreiben, rasch und mit gleichmäßigem Anschlag. Das Geräusch wirkte auf den müden Hausherrn einschläfernd. Er schloß die Augen und träumte versonnen vor sich hin. Ob wohl Angela gern mit ihm an die Riviera fahren würde? Er hatte sich den Urlaub verdient. Seine Reise nach Nordengland, von der er in langer Fahrt eben zurückgekehrt war, hatte sich gelohnt. Er war glücklich, eine dringende Aufgabe befriedigend gelöst zu haben. Sobald das Mädchen mit der Abschrift fertig und gegangen war, konnte er sich als freien Mann betrachten. Ja, Monte Carlo würde das beste Reiseziel sein. Angela spielte gern. Nun, sollte sie sich vergnügen, wie es ihr gutdünkte. Vielleicht wählte sie auch Cannes, das Städtchen mit der ständigen Sonne und den überfüllten Promenaden. Er sah seine geliebte Frau vor sich, wie sie an seiner Seite heiter plaudernd über die »Croisette« tänzelte, dem »Carlton« zu, und mit ihrer entzückenden Mädchenstimme auf dies und jenes aufmerksam machte. Ja, Cannes mußte es sein, nahm er sich in seinem Halbschlummer vor.

Er hatte einige Minuten geschlafen, als ihn die plötzliche Stille aufschreckte. Mit einem merkwürdigen Gefühl der Unruhe öffnete er die Augen und – starrte dem Tod ins Gesicht.

*

So sehr Benskin auch gegen Tragödien des Lebens abgestumpft war, konnte er sich doch eines leisen Schauders nicht erwehren, als er wenige Stunden später den Toten erblickte.

Der Polizeiarzt schien gleiches zu empfinden, denn er sprach nur im Flüsterton.

»Der Tod muß augenblicklich eingetreten sein«, erklärte er. »Der Mann ist durch einen Nahschuß getötet worden, und die Kugel traf ins Herz. Ich glaube, er wußte nicht einmal, was geschah.«

Benskin blickte sich in dem luxuriösen Zimmer um. Ein uniformierter Beamter stand, bleich vor Entsetzen, im Hintergrund.

»Der Körper befindet sich doch noch in derselben Lage, wie Sie ihn auffanden?« wandte sich Benskin an den Polizisten.

»Der erste, der ihn berührte, war der Arzt«, gab der Beamte zurück.

»Haben Sie eine Waffe gefunden?«

»Nichts.«

»War jemand vor Ihnen im Zimmer?«

»Nur das Dienstmädchen, das die Leiche auffand, und nachher der Butler. Keiner von beiden ist jedoch ins Zimmer hereingekommen, vielmehr verließen sie es sofort, nachdem sie den Toten erblickt hatten. Der Butler rief uns daraufhin gleich und gab mir, als ich eintraf, den Schlüssel.«

»Dent muß von jener Ecke aus erschossen worden sein«, mutmaßte Benskin und deutete auf eine spanische Wand, die im Zimmer stand. »Wissen Sie genau, daß niemand hier etwas berührt hat?«

»Ich weiß es bestimmt«, meinte der Polizist. »Wie der Doktor hier erklärt hat, muß Sir Gregory bei seiner Auffindung schon einige Stunden tot gewesen sein. Es hat den Anschein, als habe niemand von den Hausbewohnern den Schuß gehört. Das Mädchen kam, wie gewöhnlich, gegen sieben Uhr hier herein, um aufzuräumen, und rannte, als sie die Leiche sah, schreiend aus dem Zimmer. Der dadurch alarmierte Butler rief uns dann an. Man hatte Sir Gregory eigentlich erst heute morgen zurückerwartet. Er ist aber allem Anschein nach schon in der Nacht, lange nachdem sich der Haushalt zur Ruhe begeben hatte, gekommen und, da er einen Schlüssel mithatte, unbemerkt ins Haus gelangt.«

»Aus wieviel Personen besteht der Haushalt?«

»Außer der Dienerschaft ist nur noch Lady Dent da. Kinder sind nicht vorhanden. Auch ist kein Besuch im Hause.«

»Hat man Lady Dent schon benachrichtigt?«

»So weit ich unterrichtet bin, nicht.«

Da draußen ein leichter Nebel herrschte, drehte Benskin das Licht an, während der Arzt der Tür zuschritt.

»Ich will meinen Bericht machen. Dann kann die Leiche fortgebracht werden. Ich wüßte nicht, was ich sonst hier noch zu suchen hätte.« Er verabschiedete sich, und Benskin wandte sich wieder an den uniformierten Kollegen.

»Schläft jemand auf der Vorderseite des Hauses?«

»Nur die Zofe Lady Dents. Sie schlief, wenn Sir Gregory verreist war, immer im Ankleidezimmer ihrer Herrin.«

»Holen Sie sie.«

Kurz darauf trat die zierliche Französin ein. Benskin bot ihr einen Stuhl.

»Sie sind Lady Dents Zofe, nicht wahr?« begann er das Verhör. »Wie heißen Sie?«

»Céleste Vignolle, Monsieur«, stellte sie sich mit einem verhaltenen Schluchzen vor. »Seit zwei Jahren versehe ich bei Lady Dent Zofendienste. Was für ein schreckliches Malheur!«

»Hat jemand Mylady schon von dem Unglück benachrichtigt?«

»Mon Dieu, non!« Mademoiselle war vor Entsetzen in ihre Muttersprache zurückgefallen. »Wer sollte so etwas wagen?«

»Da der Doktor sich entfernt hat, werde ich diese traurige Nachricht der Dame des Hauses wohl persönlich übermitteln müssen«, erklärte Benskin. »Das Ankleidezimmer stößt doch an das Schlafzimmer Ihrer Herrin, wie?«

»Certainement, Monsieur. Dort schlafe ich, wenn Sir Gregory verreist ist.«

»Also auch in der vergangenen Nacht?«

»Ja, Sir. Wir hatten Sir Gregory erst heute zurückerwartet.«

»Sie haben nichts gehört?«

»Nein, Sir.«

»Keinen Schuß, kein Öffnen oder Schließen von Türen?«

»Gar nichts. Ich selbst kam erst nach Mitternacht nach Hause, da mir Mylady Urlaub gegeben hatte.«

»War Lady Dent auch ausgegangen?«

»Nein. Ich machte, als ich um zehn Uhr ausging, das Bett für die Nacht zurecht.«

»Sind Sie durch die Vordertür zurückgekommen?«

»Ja, Mylady lieh mir ihren Hausschlüssel.«

»Brannte in diesem Zimmer, als Sie zurückkehrten, noch Licht?«

»Nein.«

Benskin dachte einen Augenblick nach.

»Führen Sie mich nach oben«, befahl er dann der Zofe.

»Melden Sie mich Mylady und sagen Sie ihr, es wünsche sie jemand zu sprechen. Vielleicht kann sie mich einen Augenblick im Ankleidezimmer empfangen. Und, Mademoiselle+...«

»Monsieur?«

»Ich möchte der erste sein, der ihr die Nachricht vom Tode ihres Gatten bringt. Sie sagen kein Wort davon und erwähnen auch nicht, daß ein Polizeibeamter sie zu sprechen wünscht. Haben Sie mich in allem richtig verstanden?«

Das Mädchen zitterte.

»Wie käme ich dazu, Monsieur, Madame von dieser entsetzlichen Sache die erste Mitteilung zu machen?« fragte sie. »Mylady wird das Herz brechen.«

Sie eilte, ihre Herrin von dem bevorstehenden Besuch in Kenntnis zu setzen. Benskin folgte ihr langsam. Im Ankleidezimmer angekommen, hörte er die Stimmen der beiden Frauen aus dem Schlafgemach dringen. Die Zofe schien den ihr gegebenen Befehl ausgeführt zu haben, denn die Unterhaltung betraf nur gleichgültige Dinge. Gleichwohl war der Inspektor, als Lady Dent endlich zu ihm heraustrat, von ihrem Aussehen entsetzt. Sie war noch jung – beinahe ein Kind –, und ihre herrlichen Augen, tiefliegend und von azurblauer Farbe, verrieten einen unsagbaren Schrecken. Sie zitterte an allen Gliedern und war totenbleich.

»Was ist geschehen?« rief sie dem Besucher zu. »Wer sind Sie? Und was wollen Sie von mir?«

»Woher wissen Sie, Mylady, daß überhaupt etwas geschehen ist?« fragte er sie.

»Woher ich weiß+...?« Dann unterbrach sie sich: »Was wollen Sie hier? Wer sind Sie? Warum all diese Heimlichtuerei?«

»Um welche Zeit sind Sie gestern abend schlafen gegangen, Lady Dent?«

»Um zehn. Ich hatte Migräne.«

»Haben Sie in der vergangenen Nacht irgendwelche Geräusche gehört?«

»Nein.«

»Erwarteten Sie die Rückkehr Ihres Gatten?«

»Natürlich nicht, denn er hatte mich benachrichtigt, daß er erst heute nachmittag gegen drei zurückkommen würde. Ich verlange nunmehr endlich zu wissen, wer Sie sind und was Sie von mir wünschen!«

»Ich heiße Benskin und bedaure es außerordentlich, der Überbringer schlimmer Nachrichten zu sein, Mylady«, beantwortete der Inspektor endlich die wiederholten Fragen. »Ihr Gatte kehrte bereits heute nacht zurück und wurde von einem Unfall betroffen. Es scheint, als habe man ihn angeschossen.«

»Ein U–n–f–a–l–l??!«

»Jawohl, sogar ein recht ernsthafter.«

»Wollen Sie damit sagen+...?«

»... daß er tot ist? Jawohl.«

Die junge Frau streckte sprachlos ihre Arme gegen den Besucher aus, starrte ihn mit weitgeöffneten Augen einen Augenblick an und sank dann, hysterisch aufschluchzend, auf die Chaiselongue. Benskin fühlte tiefes Mitleid mit ihr. Er rief die Zofe zu ihrer Hilfeleistung herbei und begab sich wieder nach unten in das streng bewachte Arbeitszimmer des toten Hausherrn. Er verriegelte die Tür von innen und begann eine genaue Durchsuchung des Zimmers; prüfte eingehend den Schreibtisch, entnahm dem Löscher das von Sir Gregory zuletzt benutzte Löschpapier, das noch Spuren der Schriftzüge des Toten aufwies, und fand endlich, als er diese Arbeit beendet hatte, zu seinem Erstaunen an Dents Zeigefinger einen Tintenfleck. Das Trinkglas auf der Schreibtischplatte enthielt noch einen Rest Whisky, mit Sodawasser verdünnt, während auf der Aschenschale eine halb aufgerauchte Zigarette lag. Das Telefonbuch war aufgeschlagen, und Benskin notierte sich die Nummern der beiden Seiten, die offen dalagen. Einige lose Manuskriptblätter betrachtete er sorgfältig durch die Lupe. Damit war die Durchsuchung des Raumes beendet, denn so sehr er sich auch bemühte, weitere Spuren zu entdecken, es blieb alles vergeblich. Endlich rief er den Butler.

»Wie ich erfahren habe, hatte man Sir Gregory gestern abend noch nicht zurückerwartet. Stimmt das?«

»Jawohl, Sir. Hätten wir gewußt, daß er schon heute nacht eintreffen würde, wäre ich bis zu seiner Ankunft aufgeblieben.«

»Und weiß niemand hier im Hause, um welche Zeit er zurückkehrte?« forschte Benskin weiter.

»Niemand, Sir. Die Schlafzimmer der Dienstboten liegen im Hinterhaus, und man kann dort nichts von dem hören, was hier im Vorderhaus oder auf der Straße vor sich geht.«

»Lassen Sie bitte das Zimmer hier für ein bis zwei Stunden noch verschlossen«, bat ihn Benskin. »Mein Untergebener wird hierbleiben für den Fall, daß er gebraucht werden sollte. Auch der Arzt wird später noch einmal kommen. Falls Lady Dent in der Nachbarschaft Freunde hat, würde ich raten, nach ihnen zu schicken.«

»Wie Sie befehlen, Sir!«

Als der Butler sich entfernt hatte, winkte Benskin den Polizisten heran, der solange auf dem Korridor gewartet hatte.

»Sie haben recht gehabt«, vertraute er ihm an. »Sir Gregory ist tatsächlich völlig unerwartet zurückgekehrt. Kurz nach seiner Ankunft schrieb er einige Briefe und telefonierte auch an jemand. Sie werden von jetzt ab alle Anrufe persönlich entgegennehmen und mir alles berichten. Jeder Anruf wird Ihrer Überwachung unterliegen. Haben Sie verstanden?«

»Jawohl, Sir«, versicherte ihm der Polizist.

Noch einen mitleidigen Blick warf der Inspektor auf die leblose Gestalt des Hausherrn, dann verließ er das Haus, um den Mörder zu suchen, der den kräftigen Mann aus dem Leben gerissen hatte.

 

Zehn Tage später befand sich Benskin im Geschäftslokal des Schreibbüros von Miss Fisher und warf einen prüfenden Blick auf die junge Dame, die auf seinen Wunsch hin gerufen worden war. Sie gefiel ihm.

»Sie wollten mich sprechen, Sir? Ich bin Miss Horton«, stellte sie sich ruhig und gefaßt vor.

»Ja, Miss Horton. Entschuldigen Sie bitte, daß ich mich nicht mit Namen melden ließ. Bitte, hier ist meine Karte.«

Sie warf einen Blick auf das weiße Kärtchen, verriet aber auch jetzt noch nicht, daß sie erschrocken wäre.

»Ein Kriminalbeamter?« sagte sie verwundert. »Was wollen Sie denn von mir?«

»Ich wollte Sie einer ziemlich ernsten Sache wegen befragen«, erklärte er, »und möchte Sie jetzt schon bitten, mir offen zu antworten. Gleichzeitig muß ich Sie jedoch ermahnen, sich jedes Wort, das Sie mir auf meine Fragen erwidern, genau zu überlegen.«

»Ich habe nichts zu verbergen.«

»Warum haben Sie sich dann nicht gemeldet, als man anläßlich der gerichtlichen Untersuchung des Todes Sir Gregory Dents etwa vorhandene Zeugen aufrief?«

»Warum hätte ich mich melden sollen? Hatte man mich etwa geladen? Was hätte ich der Polizei auch schon mitteilen können? Als ich Sir Gregory verließ, war er noch am Leben und wohlauf.«

»Dennoch waren Sie allem Anschein nach die letzte, die Sir Gregory Dent lebend gesehen hat«, machte der Besucher sie aufmerksam. »Sie werden selbst einsehen, daß Ihre Aussagen infolgedessen von großer Wichtigkeit sind.«

Sie zuckte die Achseln.

»Haben Sie mich sonst noch etwas zu fragen?«

»Sie tippten für Sir Gregory, wie ich erfahren habe, in jener Nacht drei Briefe, die Ihnen jede Aussicht nehmen mußten, die Firma Ihres Vaters in den Dent-Plan für die Zusammenlegung der Baumwollindustrie eingeschlossen zu sehen.« Jedes Wort, das Benskin sprach, klang wie ein Hammerschlag. »Kein einziger der drei Briefe hat seinen Adressaten erreicht, Miss Horton.«

Nun wurde das Mädchen doch ein wenig unruhig.

»Woher wollen gerade Sie erfahren haben, was das für Briefe waren, die ich in jener Nacht tippte?« fragte sie erregt.

»Ich will Böses mit Gutem vergelten, Miss Horton. Sie haben mir meine Fragen nicht beantwortet; trotzdem werde ich Ihnen offen Rede und Antwort stehen. Ich fand das Original, nach dem Sie die drei Briefe anfertigten, im Schreibtischkasten Sir Gregorys. Ich sah an seinem von Tinte beschmutzten Zeigefinger, daß er in jener Nacht Briefe geschrieben haben mußte, und suchte danach mit dem Ihnen nunmehr bekannten Erfolg. Von dieser Entdeckung bis zur Vermutung, daß er ein Schreibbüro angerufen haben mußte – das Telefonbuch, das ich aufgeschlagen auf dem Tischchen fand, bestätigte mir ja diesen Verdacht –, war es nur ein kleiner Schritt. Danach war es nicht mehr schwer, ausfindig zu machen, daß die von Ihnen getippten Briefe ihre Adressaten nicht erreicht hatten. Das aber hatte zur Folge, daß die Firma Ihres Vaters in der Verschmelzung der Baumwollfirmen mit aufging, während der Bericht Sir Gregorys sich für das gerade Gegenteil aussprach. Ihres Vaters Firma stand bereits am Rand des Zusammenbruchs, als diese Verschmelzung mit anderen, besser fundierten Firmen sie rettete.«

»Sehr klug zusammengebracht«, gab das Mädchen zu. »Haben Sie noch irgendwelche Fragen an mich zu stellen?«

Nachdenklich blickte Benskin sie an.

»Wer hat Sie in Sir Gregorys Haus eingelassen, und um welche Zeit kamen Sie dort an?« wollte er nach kurzem Schweigen wissen.

»Sir Gregory öffnete mir selbst; es mag gegen halb vier Uhr gewesen sein. Sonst schien niemand im Hause mehr auf zu sein.«

»Sie sahen niemand, während Sie dort waren?«

»Keine Menschenseele. Wäre ich jemand begegnet, dann wäre ich vielleicht als Zeugin bei der Leichenschau erschienen; da das aber nicht der Fall war, wäre ja meine Meldung zwecklos gewesen.«

»Ich frage mich, Miss Horton«, erklärte Benskin nach einem langen, prüfenden Blick auf die junge Dame, »ob der Gedanke, die Briefe zu unterschlagen, vielleicht erst in Ihnen aufgetaucht ist, als Sie erfuhren, daß Sir Gregory ermordet worden war. Sie wußten ja, daß seine Anwesenheit bei der für den folgenden Nachmittag einberufenen Sitzung der Aktionäre Ihrem Vater jede Aussicht genommen hätte, seine Firma noch zu retten.«

»Sir Gregory hatte ein ungerechtes Urteil gefällt, Sir«, gab Miss Horton zurück. »Andere Sachverständige wären bei Prüfung der Verhältnisse meines Vaters zweifellos zu einem günstigeren Urteil gelangt. Natürlich weiß ich, worauf Sie mit Ihren Fragen hinaus wollen. Sie wollen mir den Mord an Sir Gregory in die Schuhe schieben.«

»Sie müssen aber doch zugeben, daß Sie die letzte waren, die Dent lebend gesehen hat«, gab Benskin ihr zu bedenken. »Auch einen Grund, die Tat zu begehen, glaubten Sie zu haben, nicht wahr?«

»Andererseits ist es doch lachhaft, zu glauben, ich wäre zu Sir Gregory schon mit der Absicht hingegangen, ihn zu erschießen«, machte sie ihren Besucher aufmerksam. »Er hat unser Büro doch ganz unvermutet angerufen; ich hatte noch nie von ihm gehört. Ich würde nur zu ihm geschickt, weil ich gerade Nachtdienst hatte.«

»Sie haben recht«, gab Benskin zu.

»Nebenbei gesagt, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie eine Pistole in der Hand gehabt; viel weniger noch damit geschossen. Ich wüßte auch gar nicht, wie ich das machen sollte.«

»Woher stammt dann diese Schußwaffe, die ich in Ihrem Zimmer fand?« fragte der Inspektor plötzlich, zog eine gefährlich aussehende Pistole aus der Tasche und hielt sie ihr hin.

Sie starrte die Waffe wie hypnotisiert an.

»Die haben Sie in meinem Zimmer gefunden?« fragte sie, als sie endlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Ich habe die Pistole noch nie gesehen.«

»Wirklich?« murmelte er. »Ich versichere Ihnen aber, daß sie, sorgfältig in braunes Papier gewickelt, in Ihrer Wohnung gefunden worden ist. Sie steckte ganz unten in einem Ihrer Kästen.«

»Ich habe sie noch nie gesehen«, bestand sie auf ihrer Aussage.

»Ich möchte jetzt ein ernstes Wort mit Ihnen sprechen«, sagte Benskin langsam. »Ich wiederhole, daß Sie die letzte waren, die Sir Gregory lebend gesehen hat. Sie hatten Grund – oder glaubten doch Grund zu haben – ihn zu erschießen. Das Geschoß, das ihn tötete, ist von besonderem Kaliber und paßt in die Pistole, die man in Ihrem Zimmer gefunden hat. Nein, bitte, lassen Sie mich ausreden. Als vernünftiges Mädchen werden Sie einsehen, daß Ihre Lage sehr bedrohlich ist. Ich würde völlig im Recht sein, wenn ich Sie jetzt, in diesem Augenblick, festnähme. Können Sie irgendwelche Bekundungen machen, die mich, den Vertreter der Behörde, auf die Spur des wirklichen Mörders zu bringen vermöchten? Bitte, lassen Sie sich diese meine Frage genau durch den Kopf gehen und überlegen Sie gut, ehe Sie antworten.«

»Nein«, gab sie trotzig zurück. »Ich kann keinerlei Aussagen machen.«

»Dann gestatten Sie mir, daß ich mich verabschiede«, sagte er und erhob sich.

»Werden Sie mich denn nicht verhaften?« fragte sie verwundert.

»Bisher ist keinerlei Anschuldigung gegen Sie erhoben worden«, erklärte er ernst. »Guten Morgen.«

 

Am Nachmittag suchte Benskin den Chef auf und erstattete ihm Bericht. Als der Detektiv geendet hatte, blickte der »Vize« nachdenklich vor sich hin.

»Aber mein lieber Benskin«, machte er ihn aufmerksam, »Sie haben doch Beweise genug, um einen Haftbefehl gegen dieses junge Mädchen zu beantragen.«

»Das kann ich jederzeit tun«, meinte Benskin. »Miss Horton ist ja auch ständig unter polizeilicher Beobachtung. Andererseits werden Sie es mir nachfühlen können, wenn ich zögere, einen Menschen wegen Mordes vor Gericht zu bringen, von dessen Schuld ich keineswegs überzeugt bin. Natürlich sieht es ganz so aus, als hätte sie Gregory erschossen. Hat sie es getan, dann wird sie dafür geradestehen müssen. Ausreißen kann sie uns ja nicht. Aber einmal habe ich mich in meinen Schlüssen schon geirrt, und ich verspreche Ihnen, daß es nie wieder vorkommen wird. Ehe ich von nun an zugreife, muß ich selbst fest von der Schuld des Betreffenden überzeugt sein.«

Der Chef schien mit diesen Ansichten seines Untergebenen nicht ganz einverstanden zu sein.

»Selbstverständlich sollen Sie vorsichtig zu Werk gehen, Benskin«, sagte er. »Aber mit Glacéhandschuhmanieren werden Sie es in unserem Beruf nicht weit bringen. Wenn Sie wirklich noch jemand finden, gegen den so viele Beweise vorliegen wie gegen diese Miss Horton, dann bringen Sie mir den Betreffenden. Ein oder zwei Tage länger werden ja kein großes Unheil anrichten, aber – Sie wissen: Ich bezweifle, daß es Ihnen gelingen wird.«

»Sie hegen Zweifel, Sir, aber nicht mehr als ich selbst«, gab Benskin zu.

 

Im Foyer eines bekannten Ballokals saß Benskin und entnahm seiner Tasche, um sich die Wartezeit zu verkürzen, den Bericht, den er sich von Scotland Yard hatte besorgen lassen. Aufmerksam las er ihn zum wer weiß wievieltem Male:

Hermyanas: Griechischer Abstammung, jedoch geborener Argentinier. Alter: etwa zweiunddreißig Jahre. Gigolo in Nizza und Monte Carlo. Mußte Riviera wegen finanzieller Schwierigkeiten verlassen. Erstes Londoner Engagement Marabu-Klub, sechs Monate. Eröffnete dann eigenes, zwar kleines, aber mondänes Lokal »Kabarett zum Lamm«. Scheint der einzige Inhaber zu sein. Finanzieller Status jetzt ausgezeichnet, da, wie man berichtet, Dame der Gesellschaft ihn unterstützt. In England liegt nichts Nachteiliges gegen ihn vor. Ruf an der Riviera zweifelhaft.

Langsam faltete der Inspektor das Blatt zusammen und steckte es sorgfältig wieder in seine Tasche. Während er noch damit beschäftigt war, betrat die junge Dame, auf die er gewartet hatte, das Lokal. Elegant gekleidet und von unzweifelhaft französischem Chic, würde niemand sie als die Zofe der Lady Dent, Céleste, erkannt haben.

»Mademoiselle?« murmelte Benskin, sich erhebend und ihr in den Weg tretend.

Sie blickte ihn freundlich, doch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens an.

»Wir haben uns«, rief er ihr ins Gedächtnis zurück, »unter einigermaßen traurigen Umständen kennengelernt.«

Jetzt erkannte sie ihn. Alle Freundlichkeit war, wie weggewischt, aus ihren Zügen verschwunden. Sie ließ einen erschreckten Ausruf hören.

»Sie sind der Detektiv!« rief sie aus.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, Mademoiselle«, suchte er das Mädchen zu beruhigen. »Ich bin wirklich kein Kannibale. Sind Sie allein gekommen? Ja? Dann dürfte ich Sie wohl um eine Unterredung unter vier Augen bitten.«

Er sprach französisch, und die Klänge ihrer eigenen Muttersprache beruhigten sie.

»Ich bin allein hier«, gab sie zu, »aber+... wollen Sie bitte – nicht von jener entsetzlichen+... Ich kann es nicht mit anhören! Horrible!«

»Ich habe Tee für uns beide bestellt«, unterrichtete er sie und zog einen Stuhl für sie in seine Nähe. »Sie wissen, Mademoiselle, daß mir nichts ferner liegt, als Sie zu beunruhigen, aber – ganz vermag ich jene entsetzliche Nacht leider nicht zu umgehen. Wollen Sie, daß ich hier weiterspreche, oder ziehen Sie einen ruhigeren Ort für unsere Unterhaltung vor?«

»Warum wollen Sie denn überhaupt wieder von jenem Drama sprechen?« verwunderte sie sich.

»Sie dürfen nicht vergessen, daß es mein Amt ist, den Mörder Ihres Herrn ausfindig zu machen«, erinnerte er sie.

»Aber ich kann Ihnen doch dabei nicht helfen. Warum also mich erst wieder an jenes Ereignis erinnern?«

Er musterte sie, als wollte er ihre Widerstandskraft abschätzen. Sie war mutiger, als es anfangs den Anschein gehabt hatte.

»Mademoiselle«, sagte er ernst, »Sie waren glücklich genug, nicht als Zeugin bei der Leichenschau vernommen zu werden, und brauchten infolgedessen auch nichts zu beschwören. Ich will Ihnen nun Gelegenheit geben, Ihre Worte zu wägen und sich zu überlegen, ob es sich für Sie nicht doch lohnen würde, die lautere Wahrheit zu sprechen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte sie.

»Sagten Sie mir nicht seinerzeit, daß Sie am Abend der Ermordung Sir Gregorys fortgewesen seien und erst gegen Mitternacht zurückgekehrt wären?«

»Ja. Und?«

»Nicht Sie waren es, die ausging, sondern Ihre Herrin!«

Céleste schwieg, und Benskin fuhr nach kurzem Schweigen fort:

»Sie werden mir nachfühlen können, daß ich eine so ernste Sache wie die, die uns hier beschäftigt, mit allen Mitteln aufzuklären versuchen muß. Letzten Endes kommt ja doch alles ans Tageslicht, und sei es auch noch so fein gesponnen. Lady Dent tanzt leidenschaftlich gern, was Sir Gregory natürlich verabscheute und nicht dulden wollte. Er verbot ihr, Tanzlokale und Nachtklubs aufzusuchen. Um dies Verbot zu umgehen, nahm Lady Dent, wenn sie Lust verspürte auszugehen, Ihren Platz ein; das heißt, Lady Dent ging als Céleste an vielen Abenden tanzen, wenn alle in Sir Gregorys Haus sie daheim vermuteten. An jenem Abend nun waren Sie es, die im Ankleidezimmer zurückblieb, während Ihre Herrin ausging. Wohin? Und wie spät war es, als sie zurückkehrte?«

»Ich weiß von nichts, Monsieur«, erklärte die Zofe mit scheinbarer Ruhe, aber Benskin merkte, daß ein Ausdruck der Furcht in ihre Augen getreten war.

»Ich werde alles herausbekommen, Céleste«, warnte er sie, »und Sie erreichen mit Ihrem Leugnen nur, daß ich mich erinnern werde, daß Sie der Polizei unwahre Angaben gemacht haben. Sie wissen doch, daß das strafbar ist, Mademoiselle, nicht wahr? Sie allein würden die Konsequenzen zu tragen haben, wenn Sie mich weiter im dunkeln ließen.

Nervös spielte sie mit ihrem Taschentuch. Aus dem Ballsaal klangen die Synkopen der Jazzband herüber und bildeten zu der im Vorraum sich abspielenden Szene eine merkwürdige Begleitung.

»Wo also ist Mylady an jenem Abend hingegangen und wann kam sie nach Hause?« wiederholte Benskin seine Fragen. »Sie ändern für Lady Dent gar nichts, wenn Sie die Antwort verweigern; Sie verschlimmern damit nur Ihre eigene Lage.«

»Sie ging in ein Kabarett«, gestand Céleste endlich, »und kam gegen zwei Uhr nach Hause.«

Einen Augenblick lang huschte über das sonst ausdruckslose Gesicht des Inspektors ein triumphierendes Leuchten.

»In ein Kabarett, das, wie ich glaube, einem Mann namens Hermyanas gehört, der in Cranford Court wohnt, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht.«

»Mylady kam allein nach Hause?«

»Wie soll ich das wissen? Ich schlief.«

»Ja, im Ankleideraum«, erinnerte Benskin sie mit strenger Stimme. »Hermyanas ist mit Mylady zurückgekehrt, nicht wahr?«

Flehend blickte sie ihn an, und er streichelte ihr beruhigend die Hände.

»Ich weiß, Céleste, was Sie dies Geständnis kostet«, sagte er, »aber ich muß die Wahrheit wissen.«

»Monsieur Hermyanas kehrte mit Mylady kurz vor zwei Uhr nach Hause zurück«, gab sie endlich zu. »Ich wußte sofort, wie töricht sie damit handelte. Ich sagte es ihr, aber sie wollte ja nicht auf mich hören. Sie war wahnsinnig in ihn verliebt; als Sir Gregory vor einigen Wochen krank war, ist Monsieur Hermyanas beinahe nicht mehr aus unserem Hause herausgekommen. Er glaubte, daß Mylady ihn heiraten würde, falls Sir Gregory stürbe.«

Benskin rief den Kellner und zahlte. Dann erhob er sich.

»Céleste«, sagte er, »Sie sind ein vernünftiges Mädchen, und ich werde die ersten Aussagen, die Sie der Polizei machten, aus meinem Gedächtnis streichen. Sie müssen mich jetzt aber begleiten.«

»Sie wollen mich verhaften, Monsieur?« schrie sie auf.

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Nicht offiziell«, beruhigte er sie. »Ich muß Sie nur irgendwohin bringen, damit Sie sich nicht mit Mylady in Verbindung setzen können. In wenigen Stunden können Sie gehen, wohin Sie wollen.«

*

Benskin entfaltete die Serviette, bestellte sich eine Flasche Wein und blickte sich in dem kleinsten, aber vielleicht auch mondänsten Nachtlokal Londons um.

»Wirklich entzückend«, murmelte er und wandte sich an den aufmerksamen Maître d'hôtel, der neben ihm seiner Befehle harrte. »Gehört dieses wunderschöne Lokal wirklich Monsieur Hermyanas?«

Der andere zuckte mit den Achseln.

»Man glaubt es, Sir«, gab er zurück.

»Ist er heute hier?«

»Gewiß.«

»Bitte benachrichtigen Sie ihn doch, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«

Der Maître verbeugte sich und eilte, den Auftrag auszuführen. Nach wenigen Augenblicken tauchte ein dunkelhaariger, bleicher junger Mann in tadellosem Abendanzug auf und verbeugte sich vor dem Gast.

»Sie wünschten mich zu sprechen?« fragte er herablassend.

»Ganz recht. Bitte nehmen Sie doch einen Augenblick Platz. Die Sache will vertraulich behandelt sein.«

Hermyanas spielte mit seinem Monokel.

»Ich habe viel zu tun, mein Herr«, bemerkte er. »Wenn es sich darum handelt, daß Sie diesem Klub als Mitglied beitreten wollen –«

»Nein, damit hat meine Bitte nichts zu tun. Ich pflege derartige Lokale nicht zu besuchen.«

Etwas im Ton des Inspektors mußte die Aufmerksamkeit Hermyanas' erregt haben, denn er setzte sich nun ohne weitere Widerrede auf den Stuhl, den Benskin ihm angeboten hatte.

»Hermyanas«, machte der Inspektor, sich vorbeugend, den andern aufmerksam, »ich warne Sie, irgendwelche Tricks anzuwenden. Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie in der Tasche.«

Wie von einem Tuch weggewischt, war der Hochmut des Griechen verschwunden. Er war bleich geworden und hielt sich krampfhaft am Tisch fest.

»Einen Haftbefehl? Gegen mich? Sie machen Witze! Ich habe mich niemals gegen das Gesetz vergangen. Hier wird kein Alkohol nach der Polizeistunde verkauft.«

»Darum handelt es sich auch nicht«, versetzte Benskin. »Sie werden beschuldigt, am Morgen des Dreizehnten Sir Gregory Dent durch einen Pistolenschuß getötet zu haben. Es ist meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen, daß alles, was Sie hier in meiner Gegenwart aussagen, in der Schwurgerichtsverhandlung gegen Sie verwendet werden kann.«

Die Gefahr, daß der Verhaftete sprechen würde, bestand in diesem Augenblick jedoch nicht. Mit einem Seufzer sank er in seinem Stuhl zurück. Als er wieder zu sich kam, saßen die Handschellen an seinen Gelenken, und vor ihm drohte – der Galgen.

Am nächsten Morgen sprach der »Vize« seinem Inspektor die herzlichsten Glückwünsche aus. Der Gesichtsausdruck Benskins reizte ihn zu einer Bemerkung.

»Sie scheinen allmählich abgebrühter zu werden, Benskin«, meinte er. »Das ist das erstemal, daß ich Sie strahlen sehe, nachdem es Ihnen gelungen ist, einen Menschen dem Scharfrichter auszuliefern.«

Nachdenklich lächelte der andere. Vor seinen Augen schwebte das Bild Hermyanas', wie er leise ins Zimmer Miss Hortons schlich, um dort den in braunes Papier eingewickelten Revolver zu verstecken.

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