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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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3.
Ein verfehltes Ende

Zeitweise haßte Benskin seinen Beruf. Die entsetzlichen Einzelheiten bei der Verfolgung von Verbrechen machten ihm die Ausübung seines Dienstes oft zur Qual.

Er war nach der Euston Road beordert worden, wo in einem nüchternen, kaum möblierten Schlafzimmer eines Temperenz-Hotels der leblose Körper eines Gastes aufgefunden worden war. Wachtmeister Collier, den man von seiner Patrouille weggerufen hatte, war erst einmal mit Scotland Yard in Verbindung getreten und hatte dann das Zimmer verschlossen, bis der mit der Aufklärung des vielleicht vorliegenden Verbrechens betraute Beamte eingetroffen sein würde. Für Collier bedeutete das Ganze nicht mehr, als wenn er den Auftrag erhalten hätte, einen Taschendieb zu verhaften.

»Den hat's richtig erwischt, Sir«, meinte er zu Benskin, der sich eben damit beschäftigte, die Schußwunde in der Stirn des Toten näher zu untersuchen.

»War er schon tot, als man Sie rief?«

»Mausetot, Sir.«

Prüfend ließ Benskin seine Blicke in dem Zimmer umherschweifen. Ein einziger Stuhl stand in einer Ecke, ein ausgetretenes Stück ausgefransten Linoleums lag auf dem gestrichenen Fußboden. Die Bettwäsche schien seit Wochen nicht mehr gewaschen worden zu sein. Im Kamin fand sich eine zerbrochene Flasche, der jetzt noch der Duft stärksten Whiskys entströmte. Merkwürdig! Auf dem Kaminsims aber lag eine bedeutende Summe in Banknoten neben einer schweren goldenen Uhr mit Kette. Mit einem Gefühl des Widerstrebens, das er trotz seiner Erfahrung in derartigen Dingen nie hatte ganz unterdrücken können, trat Benskin an das Lager des Toten heran. Dieser mochte im Anfang der vierziger Jahre gestanden haben, war glatt rasiert und trug die Kleidungsstücke eines gewöhnlichen Arbeiters. Gleichwohl verrieten sein Äußeres und vor allen Dingen die gepflegten Hände, daß er einer höheren Gesellschaftsschicht angehörte. Neben dem Bett lag auf dem Fußboden eine moderne Pistole, aus der, wie Benskin sich überzeugt hatte, nur ein Schuß abgefeuert worden war.

»War der Arzt schon da?« erkundigte sich der Detektiv bei dem Schutzmann.

»Nein, Sir, der Kellner ist eben unterwegs, um ihn zu holen. Ein gewisser Dr. Jacob, der seine Praxis hier ganz in der Nähe hat. Die Wirtin dieses Hotels steht unten, Sir, und wartet auf Ihre Anweisungen.«

»Holen Sie sie.«

Nach wenigen Minuten brachte Collier die Besitzerin des Hotels ins Zimmer. Sie war eine etwas beleibte Dame von unordentlichem Aussehen und allem Anschein nach sehr nervös. So früh am Morgen es auch noch war, hatte sie doch offenbar schon etwas zu tief in die Whiskyflasche geblickt.

»Wissen Sie, wie der arme Teufel dort heißt?« begann Benskin das Verhör.

»Mir gegenüber nannte er sich Brown, Sir«, gab die halb Betrunkene stotternd zurück. »Ich weiß nicht, ob er wirklich so hieß+...«

»Seit wann wohnte er hier?«

»Seit drei Tagen. Das heißt, er schlief nur hier. Tagsüber war er weg.«

»Wissen Sie etwas Näheres über ihn?«

»Nein, gar nichts. Als er einzog, bezahlte er eine Woche Miete im voraus. Ich habe später noch einige Flaschen Bier für ihn besorgen müssen, die noch nicht bezahlt sind.«

»Hat er Besuche empfangen?«

»Nein. Ich kann natürlich nicht, den ganzen Tag hier herumstehen, um auf die Besucher meiner Gäste aufzupassen, aber bestimmt brachte er niemanden ins Hotel mit.«

»Ist das sein ganzes Gepäck?« Benskin deutete auf eine abgetragene Reisetasche, von der man die Monogrammbuchstaben weggekratzt zu haben schien.

»Anderes Gepäck habe ich nicht gesehen«, erwiderte die Frau. »Allerdings hatte er bei seiner Ankunft noch einen Koffer mit, aber den hat er am nächsten Tag wieder weggeschafft.«

»Ließ er etwas über seinen Beruf verlauten?«

»Er sagte nur, er sei arbeitslos. Er sprach überhaupt nicht viel von sich selbst. Wahrscheinlich war er ein kleiner Angestellter oder so etwas Ähnliches.«

Nachdenklich musterte Benskin den Toten.

»Haben Sie vorige Nacht einen Schuß gehört?«

»Keinen Laut.«

»Wann kam er denn nach Hause?«

»Ich weiß nicht. Solange meine Mieter sich anständig aufführen, kümmere ich mich nicht um sie. Außerdem schlafe ich oben in der Mansarde.«

»Kann ihn sonst jemand gehört haben, als er nach Hause kam?«

»Vorige Nacht nicht«, gab die Wirtin nach kurzem Nachdenken zurück. »In diesem Stockwerk war das hier das einzige besetzte Zimmer. Die großen, billigen Hotels nehmen uns ja unsere Kundschaft weg.«

Es klopfte an die Tür. Auf das »Herein« Benskins trat Dr. Jacob ein, ein bleicher, müde aussehender Mann mit ergrautem Haar und gebeugten Schultern, der auf Benskin keinen besonders günstigen Eindruck machte. Der Arzt stellte seine Instrumententasche vor sich auf das Linoleum, begrüßte die Wirtin und warf Benskin einen fragenden Blick zu.

»Ich bin Inspektor Benskin vom Yard«, stellte sich der Detektiv vor. »Man hat mich telefonisch hierher beordert. Dort liegt die Ursache dazu.« Er zeigte auf den Toten.

Bedächtig setzte sich Dr. Jacob die Hornbrille auf und untersuchte eingehend, jedoch auffallend rasch die Leiche.

»Kopfschuß!« stellte er fest. »Ein Nahschuß! Wahrscheinlich Selbstmord. Einen Augenblick, bitte.«

Er knöpfte die Weste des Toten auf, und ein Ausruf des Erstaunens entfuhr ihm.

»Was ist los?« wollte Benskin wissen.

Der Arzt zeigte auf die Unterwäsche.

»Nach außen hin in Arbeiterkleidung«, meinte er, »und doch seidene, hellblaue Unterwäsche. Merkwürdig!«

Neugierig beugte sich Benskin über den Körper des Toten. Ja, der Arzt hatte recht. Das war reine Seide, was der Unbekannte da getragen hatte. Am Kragen war der Name einer bekannten Wäschefirma aus der Bond Street eingenäht.

»Wahrscheinlich einer, der sich aus irgendeinem Grunde versteckt halten mußte«, mutmaßte Dr. Jacob. »Na, das geht mich nichts weiter an; das ist Ihre Sache, Inspektor. Als Todesursache ist unstreitig dieser Kopfschuß anzusprechen.«

»Wann mag der Tod eingetreten sein?« wollte der Detektiv wissen.

Der Arzt beschäftigte sich einige Minuten mit dem Toten. Dann erklärte er:

»Vor sechs Stunden ungefähr.«

Spielerisch wog er die am Boden liegende Pistole in seiner Hand und drückte dann die Mündung gegen seine Schläfe.

»Einfach genug, sich den Hergang auszumalen«, erklärte er. »Ich werde den Totenschein ausstellen. Dann können Sie den Toten anschließend in die Leichenhalle schaffen lassen.«

Benskin fuhr mit der Durchsuchung des Raumes fort. Die goldene Uhr des Unbekannten wies den Namen des Lieferanten auf. Außerdem waren noch einige Brieffetzen vorhanden, die der Inspektor sorgfältig in seiner Brieftasche verwahrte. Aus den Wäschestücken war jedes Monogramm entfernt worden, und auch aus den übrigen Habseligkeiten des Toten ging nichts hervor, was auf seine Identität hindeuten konnte.

Inzwischen hatte sich Dr. Jacob aufgerichtet und etwas in seinem Notizbuch notiert.

»Haben Sie etwas Neues entdeckt?« fragte ihn Benskin.

»Nein. Was mein Honorar betrifft –«

»Es wird ihnen zugehen«, beruhigte ihn der Inspektor.

Der Arzt verabschiedete sich, und wenige Minuten später verließ auch Benskin das Hotel.

 

Kurz nach Erscheinen der Abendzeitungen meldeten sich beim diensttuenden Pförtner Scotland Yards mit allen Anzeichen der Erregung ein älterer Herr und ein junges Mädchen und wurden auf ihren Wunsch in Benskins Büro geführt. Die junge Dame, die etwas auffällig gekleidet war, kam sofort auf den Zweck des Besuches zu sprechen.

»Ich heiße Hammond«, begann sie, »und bin Privatsekretärin Mr. Starrs. Seit einigen Tagen ist mein Chef spurlos verschwunden. Erst glaubten wir, er sei verreist, aber nun sahen wir zu unserem Schrecken in den Abendzeitungen+...«

Sie schluchzte auf, was ihrem Begleiter Gelegenheit gab, auch sein Sprüchlein anzubringen.

»Ich bin Mr. Starrs Kammerdiener«, erklärte er. »Was Miss Hammond eben sagte, stimmt ganz genau. Unser Herr verschwand am vorigen Donnerstag – wie wir glaubten, um sich nach Boulogne zu begeben. Eine Menge Leute haben ihn seither zu sprechen versucht, aber keiner von uns hatte eine Ahnung, wo er sich befinden mochte.«

»Mir kam die Sache selbstverständlich spanisch vor«, fiel das junge Mädchen ein, »und als wir heute abend davon lasen, daß in der Euston Road in einem obskuren Hotel ein Selbstmörder aufgefunden worden sei, glaubte ich, mich würde der Schlag treffen. Ich habe die Zeitung gleich Mr. Furnell gezeigt, und er riet mir, sofort mit ihm hierherzugehen.«

»Ich hätte keine ruhige Nacht mehr verbringen können«, bestätigte der Diener, »wenn ich das nicht von meiner Seele bekommen hätte. Als wir in der Euston Road eintrafen, sagte uns der Polizist dort, daß Sie den Fall bearbeiteten. Wir müßten uns an Sie wenden, wenn wir den Toten in der Leichenhalle in Augenschein nehmen wollten.«

Benskin setzte seinen Hut auf.

»Es tut mir leid«, meinte er, »daß ich Sie an jenen traurigen Ort führen muß, aber mitkommen müssen Sie schon. Kennen Sie diese Uhr?«

Er zeigte ihnen die im Hotel gefundene Uhr des Toten. Der Diener schrie erschrocken auf.

»Sie gehört meinem Herrn«, erklärte er zitternd. »Hat man sie bei – hm – dem Toten gefunden?«

»Ja. Wo kaufte Mr. Starr übrigens seine Unterwäsche?«

»Bei Beale & Inman in der Bond Street, Sir.«

»Pflegte er hellblaue Seidenunterwäsche zu tragen?« wollte Benskin wissen.

»Immer, Sir«, bestätigte der Diener.

»Dann werden Sie sich wohl darauf vorbereiten müssen, in jenem Toten Ihren Herrn wiederzuerkennen«, machte sie der Inspektor aufmerksam. »Kommen Sie, je schneller wir das hinter uns haben, um so besser.«

Der Besuch in der Leichenhalle währte nur kurz, erfüllte aber von Benskins Standpunkt aus seinen Zweck vollkommen. Das Mädchen warf nur einen kurzen Blick auf den Toten und brach dann in Tränen aus. Der Diener wandte sich schaudernd ab.

»Ja, das ist unser Herr, Sir«, erklärte er. »Zweifellos ist er es. Der beste Mann, den Sie in London finden konnten, gutherzig und freigebig. Ich hatte von Anfang an meine Vorahnungen, weil er mir erst kürzlich sechs Monate Gehalt im voraus bezahlte. Er meinte, er täte das für alle Fälle.«

Benskin schickte die beiden in seinem Dienstauto nach Scotland Yard zurück.

»Wollen Sie mir bitte Ihre Adressen geben?« sagte er noch. »Vielleicht brauche ich Sie nochmals und weiß dann, wo ich Sie finden kann.«

Das Mädchen gab ihm ihre Karte und notierte auf ihr auch die Anschrift des Dieners.

»War Mr. Starr geschäftlich tätig?« fragte Benskin noch, ehe er die beiden verließ.

Miss Hammond nickte.

»Er war Makler«, erklärte sie, »und befaßte sich mit der Gründung von Gesellschaften. Zuletzt schien es ihm allerdings nicht besonders zu gehen, denn er war nervös und ungehalten. Mr. Furnell hat mit dem, was er vorhin sagte, vollkommen recht. Mr. Starr hatte viele Freunde, und sie hätten ihm, wenn sie gewußt hätten, wie es ihm ging, alle gern geholfen.«

»Er befand sich also ›im Druck‹, wie? Und Sie wußten es?« fragte Benskin.

Das Mädchen zögerte.

»Es muß so gewesen sein«, gab sie dann zurück. »Die Schar der Gläubiger, die ihn aufsuchten, wurde von Tag zu Tag größer. Wird eine gerichtliche Untersuchung angeordnet werden, Sir?«

Der Inspektor nickte.

»Das läßt sich nicht vermeiden. Sie und Furnell werden Ihre Aussagen machen müssen. Da der Fall aber klar genug zu sein scheint, wird die ganze Vernehmung nicht länger als ein paar Minuten dauern. Die Vorladungen werden Ihnen rechtzeitig zugehen.«

»Wann wird denn die Beerdigung sein?« fragte sie, während sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten.

»Am Tage nach der Verhandlung. Wo wohnte denn Mr. Starr eigentlich?«

»Clarges Street 7a«, beantwortete Furnell die Frage.

»Ich erwarte Sie in einer Stunde dort, Mr. Furnell, da ich noch einige kleine Formalitäten zu erledigen habe und auch die hinterlassenen Papiere durchsehen muß.«

»Ich werde auch da sein«, versprach die junge Dame. »Ich kann Ihnen über alles am besten Auskunft geben.«

Es kam Benskin vor, als erböte sie sich ein wenig zu schnell, ihm zu helfen. Als die beiden sich in dem Wagen entfernt hatten, blickte er ihnen noch lange nach.

 

Der Vizepräsident war außerordentlich überrascht, als Benskin ihn am nächsten Morgen mit der Bitte aufsuchte, die Leichenschauverhandlung sofort nach den Eingangsformalitäten vertagen zu lassen.

»Was, zum Donnerwetter, wollen Sie damit erreichen?« fragte er seinen Untergebenen. »Und was für einen Grund wollen Sie für die Vertagung vorbringen? Ich habe noch niemals einen klareren Fall von Selbstmord vorliegen gehabt.«

»Auch ich war anfangs dieser Meinung, Sir«, gab Benskin zurück. »Ich bin sogar jetzt noch derselben Meinung, aber ich möchte einige mir noch unklare Punkte erst aufklären, ehe der Verdacht eines Selbstmordes ausgesprochen werden kann.«

»Das heißt also, Sie glauben, daß auch ein Mord vorliegen könnte?« wollte der hohe Beamte wissen.

Benskin drückte sich um eine direkte Bejahung.

»Ich taste noch völlig im dunkeln, Sir«, sagte er. »Sie wissen ja, wie sehr wir Kriminalbeamte uns auf unseren Instinkt verlassen müssen.«

»Es hat sich stets für uns gelohnt, wenn wir Ihrem Instinkt vertrauten, Inspektor«, räumte der Major ein. »Los, packen Sie aus, was Sie sonst noch auf dem Herzen haben.« Er lehnte sich bequem in seinen Stuhl zurück.

»Vor allen Dingen gefiel mir der Arzt ganz und gar nicht«, begann Benskin. »Es kam mir vor, als nähme er die ganze Sache zu selbstverständlich. Noch eine weitere Merkwürdigkeit hat mich stutzig gemacht: Als Dr. Jacob die Weste aufknöpfte, um den Toten näher zu untersuchen, sah ich auf dessen Armen kleine rote Punkte, die von einer Injektionsspritze herrühren mochten. Auch Dr. Jacob muß diese Einstichnarben gesehen haben, doch erwähnte er mir gegenüber nichts davon. Er nahm ganz einfach den Revolver in seine Hand und zeigte mir an seiner Stirn, wie der Selbstmord vor sich gegangen sein mochte.«

»Für einen Selbstmord hätten wir die Gründe einigermaßen zusammen«, meinte der Vizepräsident. »Um einen Mord anzunehmen, fehlt uns jeder Anhaltspunkt. Starr hatte sein ganzes Vermögen verloren; seine Bank hatte ihm den Kredit gekündigt, von allen Seiten bedrängten ihn seine Gläubiger. Das wenige Geld, das er in der Tasche trug, wie auch die goldene, doch immerhin wertvolle Uhr, lagen unangetastet im Zimmer. Vielleicht hatte er Feinde, aber wir wissen nichts davon. Haben Sie etwas darüber erfahren?«

»Nein«, gab Benskin zu. »Er stand mit seiner Sekretärin auf bestem Fuß. Ihr hinterließ er ja auch alles, was aus dem Konkurs zu retten sein wird.«

»Wie stand er denn finanziell?«

»Ganz schlimm. Ich ging mit seiner Sekretärin seine Papiere durch und muß gestehen, daß ich sprachlos war, als ich sah, wie übel seine Lage war.«

»Inwiefern?«

»Er hatte sich hauptsächlich mit Aktien und Grundstücken befaßt«, erklärte Benskin, »ohne auch nur eine Ahnung von ordnungsmäßiger Buchführung zu haben. Er betrieb sie einfach auf Grund seiner Bankausweise. Voriges Jahr hat er besonders große Summen von der Bank abgehoben, meist vor Beginn der großen Rennen.«

»Warum aber«, wiederholte sein Vorgesetzter seine Frage, »wollen Sie die Leichenschau vertagt wissen?«

»Weil ich hinter dieser Selbstmordsache immer noch etwas zu finden hoffe, was das Licht des Tages zu scheuen hat. Ich möchte Zeit gewinnen, mich ein wenig mehr in seine private Lebenshaltung zu vertiefen. Gegenwärtig nehmen wir als zu sicher an, daß Starr Selbstmord begangen haben muß, weil er so gut wie bankrott war. Gewiß, nicht das geringste deutet darauf hin, daß ihn jemand ermordet hätte, aber – wir wissen zu wenig von seinem Privatleben. Ein Mann, wie er es war, muß Feinde gehabt haben. Ich brauche nur ein paar Tage, Sir«, setzte er flehend hinzu.

»Wir werden uns auf diese Weise verhaßt machen«, erklärte der Chef, »aber wenn es ohne die Vertagung nicht geht – meinetwegen, beantragen Sie sie.«

»Ich muß sie haben, Sir«, bestand Benskin auf seinem Wunsch. »Ich mache mich ungern zum Störenfried, Sir, aber ich glaube, der Richter wird mir eines Tages noch recht geben müssen. Wenigstens hoffe ich es.«

»Wenn er es tut«, meinte der Major, »dann werden Sie bei einem der besten Dinners, die ich jemals bestellt habe, mein Gast sein.«

 

Die Leichenschauverhandlung hatte ihren normalen Verlauf genommen, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Antrag auf Vertagung eingebracht wurde. Dr. Jacob, Miss Hammond, Furnell und die Hotelwirtin hatten ihre Aussagen gemacht, und der Vorsitzende schickte sich eben an, die Geschworenen zu belehren, als Benskin sich erhob und im Auftrag Scotland Yards den Vertagungsantrag stellte.

Der Vorsitzende Richter starrte ihn verwundert an.

»Eine Vertagung, Inspektor?« fragte er. »Warum?«

»Die Polizeibehörde hatte leider nicht genügend Zeit, sich in die Materie gehörig zu vertiefen«, erklärte Benskin. »Wir geben zu, daß alle Anzeichen auf einen Selbstmord hinweisen, möchten uns aber angesichts der Tatsache, daß ein großer Teil des Vermögens des Verstorbenen verschwunden ist, gern näher nach dem Verbleib erkundigen. Ein Mann, der wie Mr. Starr mit großen Summen umging, kann sehr leicht auch das Opfer eines Verbrechens geworden sein.«

Die Zeugen saßen noch im Saal, betreut von einem Anwalt, der ihre Interessen wahrnahm. Dieser erhob sich nun.

»Ich habe bisher noch nie Gelegenheit gehabt, gegen derartige Anträge Einspruch erheben zu müssen«, wandte er sich an den vorsitzenden Richter. »Ganz besonders dann nicht, wenn sie von der höchsten Polizeibehörde des Landes, von Scotland Yard, ausgingen. Gleichwohl muß ich betonen, daß ich keinerlei Gründe für einen derartigen Beschluß zu sehen vermag. Niemals ist mir ein Fall von Selbstmord so klar erschienen wie dieser. Warum sollen die Zeugen nochmals einer Belästigung unterzogen werden, Sir, wo gar kein Grund dafür zu sehen ist?«

Der Richter räusperte sich.

»Sie haben recht, Mr. Ellis«, gab er zu. »Auch ich bin Ihrer Ansicht. Aber bisher haben wir nie die Gepflogenheit gehabt, derartige Anträge der Polizei abzulehnen. Die Verhandlung ist auf heute über acht Tage vertagt.«

Die wenigen Zuhörer erhoben sich und verließen den Saal. Das Mädchen blieb einen Augenblick wie betäubt auf ihrem Platz, die Augen starr auf Benskin gerichtet. Nur Dr. Jacob redete ihn an.

»Ich vermag mir wirklich nicht zu erklären«, sagte er scharf, »warum Sie meine wertvolle Zeit auf diese Weise verschwenden wollen. Die Sachlage ist klar genug. Ich wußte von dem Augenblick an, wo ich den Toten sah, daß nur Selbstmord in Frage kommen konnte. Lachhaft, die Verhandlung vertagen zu lassen! Die Polizei scheint viel überflüssige Zeit zu haben.«

»Es tut mir leid, Doktor«, gab Benskin zurück, »wenn ich Ihnen Ungelegenheiten bereitet haben sollte. Andererseits habe ich noch verschiedene Informationen einzuholen, ehe die Akten über diesen Fall geschlossen werden können. Sie wissen ja selbst, daß der Wahrspruch der Geschworenen endgültig ist und nicht mehr umgestoßen werden kann.«

Mißmutig verließ ihn der Arzt. Zur Überraschung Benskins erwartete ihn Miss Hammond vor der Tür des Gerichtsgebäudes. Sie war etwas bleich, im übrigen aber gefaßt.

»Werde ich Sie vor der neuerlichen Verhandlung noch einmal treffen, Mr. Benskin?« fragte sie. »Es laufen noch immer jeden Morgen Briefe ein, die Sie prüfen können. Viel Erfreuliches ist in ihnen allerdings nicht enthalten. Der Konkursverwalter kommt jeden Tag und holt die Post weg, aber ich öffne sie natürlich vorher.«

»Ich werde mal mit vorbeikommen«, erwiderte Benskin. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie mit meinem Vertagungsantrag in Ungelegenheiten gebracht haben sollte.«

»Sie müssen ja selbst entscheiden können, ob es notwendig war«, meinte sie. »Wenn es tatsächlich wichtig war, sind wir die letzten, die sich darüber beklagen wollen.«

»Es dauert ja nur eine Woche«, tröstete Benskin sie. »Ich habe mich, wie es den Anschein hat, durch meine Einmischung verhaßt gemacht, aber Dienst ist nun einmal Dienst.«

Sie starrte ihn an.

»Haben Sie einen Verdacht?« fragte sie.

»Ja, er wird sich aber wohl als ›Ente‹ herausstellen.«

 

Noch ehe die Woche um war, wurde Benskin von Miss Hammond besucht. Sie hatte sich noch mehr als sonst geschminkt und auch den Lippenstift freigebiger angewandt. Mutig trat sie ins Amtszimmer und setzte sich auf einen Wink Benskins mit einer Miene, als habe sie eine Beschwerde vorzubringen. Gleichwohl vermochte sie nur mit Mühe die Unruhe in ihren Augen zu unterdrücken.

»Ich wollte mich nur erkundigen, Mr. Benskin«, begann sie, »warum Ihre Leute mich andauernd verfolgen?«

»Verfolgen? Meine Leute?«

»Ja. In den letzten drei Tagen ist mir zweimal aufgefallen, daß ein Mann, der stets auf der anderen Straßenseite wartete, mir überall, wo ich hinging, folgte.«

»Merkwürdig. Warum haben Sie nicht, wenn Ihnen Ihr Verfolger lästig wurde, einen Schutzmann gerufen?«

»Ist es denn nicht die Polizei«, fragte sie erstaunt, »die mich verfolgt?«

Benskin blickte sie mit seinen blauen, unschuldigen Augen an.

»Mein liebes junges Fräulein«, erwiderte er, »warum sollte sich die Polizei gerade für Sie so ausnehmend interessieren?«

»Ich wüßte auch nicht, warum«, gab sie zu. »Aber wo ich auch hinging, überall folgte mir dieser Mensch. Ich habe schon zweimal einen Besuch bei meinen Freunden aufgegeben, weil ich mich belästigt fühlte.«

»Aber warum taten Sie das? Es lag ja gar kein Grund dafür vor.«

Das Mädchen wurde verlegen.

»Nein, Sie haben recht«, meinte sie dann, »aber ich habe es nicht gern, wenn sich andere Leute in meine Angelegenheiten mischen.«

Ernst betrachtete er sie.

»Miss Hammond«, sagte er, »ich mische mich wirklich nicht gern in Ihre Angelegenheiten; Sie dürfen aber nicht außer acht lassen, daß man die Hinterlassenschaft Ihres einstigen Chefs nur mit nassen Augen betrachten kann. Er soll reich gewesen sein und hat trotzdem nichts hinterlassen. Nicht ein Pfennig von ihm lag auf der Bank; im Gegenteil, er hatte noch Schulden. Sie, seine einstige Mitarbeiterin, sind die einzige, die diese Unklarheit aufhellen kann.«

»Wieso? Mr. Starr hat niemals Bücher geführt – er machte alles mit Notizen ab. Ich meinte immer, er hätte aus steuerlichen Gründen keine Buchhaltung eingerichtet.«

»Gewiß, das verstehe ich«, gab Benskin zu. »Ja, wie soll ich Ihnen helfen, Miss Hammond? Ich kann wirklich nichts dazu tun. Vielleicht packen Sie das nächste Mal, wenn Sie verfolgt werden, den Stier bei den Hörnern und fragen Ihren Verfolger, auf wessen Befehl er Sie im Auge behalten soll. Mr. Starr hatte eine Menge Gläubiger, Miss Hammond, das dürfen Sie nicht vergessen.«

Ohne erreicht zu haben, was sie wünschte, verabschiedete sich das junge Mädchen. Sobald sie weg war, warf Benskin einen Blick auf den vor ihm liegenden Bericht seines Beamten, der Miss Hammond seit einigen Tagen auf Schritt und Tritt folgte.

*

Die seinerzeit vertagte Verhandlung wurde ohne das geringste Anzeichen der kommenden Sensation zum zweitenmal eröffnet. Die Geschworenen hatten die Leiche nochmals besichtigt, Miss Hammond und Furnell wieder die Identifikation durchgeführt und bestätigt. Die Aussage Dr. Jacobs lautete Wort für Wort genau wie die in der ersten Verhandlung gemachte, aber – anstatt die Geschworenen sofort zu belehren, blickte der Richter in einige vor ihm liegende Akten. Dann gab er dem Saaldiener einen Wink.

»Polizeiarzt Harding in die Zeugenbank, bitte«, rief der Diener aus.

Der Arzt trat vor, und Dr. Jacob zuckte zusammen, als er seiner ansichtig wurde. Der Vorsitzende blätterte in seinen Papieren und wandte sich dann an den Zeugen.

»Sie hatten keine Gelegenheit, den Toten bei seiner Auffindung zu untersuchen?« fragte er ihn.

»Nein«, gab der Zeuge zurück. »Da Dr. Jacob die Todesursache festgestellt hatte, glaubte man, den Amtsarzt nicht mehr hinzuzuziehen zu brauchen. Ich hatte am selben Tag zwei andere derartige Verhandlungen.«

»Später aber haben Sie auf Wunsch der Polizei den Körper des Toten untersucht?«

»Jawohl, Sir.«

»Und welchen Befund können Sie uns mitteilen?«

Der Arzt zögerte. Dann begann er:

»Selbstverständlich ist es möglich«, begann der Arzt, »daß ich mich in meinen Mutmaßungen irre, aber ich gelangte zu der Ansicht, daß der Mann bereits einige Tage tot war, als man ihn in jenem Hotelzimmer auffand. Als Todesursache habe ich eine Morphiumvergiftung festgestellt. Der angebliche Selbstmörder muß Morphinist gewesen sein.«

Eine Welle der Erregung lief durch den Saal.

»Und wie erklären Sie sich den Schläfenschuß?« fragte der vorsitzende Richter den Zeugen.

»Er ist ihm beigebracht worden, als er bereits tot war, Sir.«

Die Erregung des Publikums ließ sich nicht länger zurückdämmen. Ein Wirrwarr von Stimmen unterbrach für einen Augenblick die gewohnte feierliche Stille einer derartigen Verhandlung. Dr. Jacob war erbleicht, Miss Hammond rieb ihr Gesicht unentwegt mit ihrem Taschentuch, und ihre Finger zitterten, als sie den Lippenstift gebrauchte.

»Diese Ihre Bekundung, Sir«, erklärte der Richter, »überrascht uns aufs höchste.«

»Sie beruht aber nur auf meiner gewissenhaft vorgenommenen Untersuchung des Toten«, gab der Zeuge zurück.

Der Richter entließ ihn mit einer Handbewegung. Der nächste Zeuge war ein würdig aussehender, feierlich in Schwarz gekleideter Herr. Ihm wandte sich der Vorsitzende zu.

»Sie sind Dr. Marriott, Chefarzt des St.-Lukas-Krankenhauses, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir.«

Als das Verhör bei diesem Punkt angelangt war, konnte man beobachten, wie Dr. Jacob sich verstohlen erheben und entfernen wollte. Ein hinter ihm sitzender, kräftig gebauter Mann legte ihm jedoch die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Dr. Jacob nahm seinen Platz wieder ein.

»Sie haben den Toten gesehen?« fragte der Richter den Krankenhausarzt.

»Jawohl, Sir.«

»Kannten Sie den Verstorbenen, oder haben Sie ihn mit irgendeiner Ihnen bekannten Person identifiziert?«

»Gewiß. Der Tote war ein gewisser Sidney John Mason, der Donnerstag vor acht Tagen in St. Lukas an Morphiumvergiftung verstarb.«

Wieder das Aufbrausen der Stimmen im Zuhörerraum. Der Richter konnte die Ruhe nur durch energisches Klopfen auf sein Pult wiederherstellen. Erst als dies notdürftig gelungen war, wandte er sich dem wichtigen Zeugen wieder zu.

»Wie erklären Sie sich, daß ein in Ihrem Krankenhaus verstorbener Patient nach seiner doch sicherlich erfolgten Beerdigung in einem Hotelzimmer in Euston aufgefunden werden konnte und alle Merkmale einer fremden Identität aufwies?«

»Ich möchte der Entscheidung dieses Gerichts nicht vorgreifen und mich dadurch wegen Ungebühr vor Gericht strafbar machen, Sir«, gab der Arzt zurück. »Meines Erachtens nach handelt es sich um einen ausnehmend klug und vorsichtig durchgeführten Betrug. Mason wurde vom Krankenhaus aus drei Tage nach seinem Tode nachmittags um zwei Uhr beerdigt. Noch ehe eine Stunde verflossen war, muß sich der Sarg, der seinen Körper enthielt, im Grab befunden haben.«

»Sie haben erfahren, daß die Behörde das Grab öffnen ließ und daß der Sarg nur Ziegelsteine enthielt, nicht wahr?«

»So berichtete man mir.«

Wieder mußte der Richter das Stimmengewirr, das nach dieser Aussage aufbrandete, energisch unterdrücken. Dann erst erhob er sich.

»Meine Herren Geschworenen«, wandte er sich an diese, »Ihre, wie sich inzwischen herausgestellt hat, unnötige Gegenwart hier ist auf einen Betrug zurückzuführen, mit dem sich ein anderes, für solche Fälle zuständiges Gericht zu beschäftigen haben wird. Sie sind hiermit entlassen, meine Herren, und ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie in den nächsten zwei Jahren von Geschworenendiensten verschont bleiben. Die Verhandlung ist geschlossen.«

Der hinter Dr. Jacob sitzende Herr beugte sich vor und berührte den Arzt an der Schulter. Zwei uniformierte Polizisten tauchten aus dem Hintergrund des Saales auf und nahmen den Arzt, Miss Hammond und den Diener Furnell in die Mitte, um sie zum draußen wartenden Transportwagen zu führen.

Der Vizepräsident hielt sein Benskin gegebenes Wort hinsichtlich der Einladung zum besten Dinner, das er je bestellt hatte. Beim ersten Glas Wein trank er seinem klugen Untergebenen feierlich zu.

»Benskin«, sagte er, »der Chef hat mich persönlich beauftragt, Ihnen seine Zufriedenheit auszusprechen. Sie haben der Abteilung einen wertvollen Dienst geleistet. In den Zeitungen sind Sie ja auch nicht schlecht weggekommen, und ich glaube, mit Recht. Sie brauchen mir nicht alle Einzelheiten zu schildern – einige davon kenne ich schon –, aber verraten Sie mir doch bitte, wie Sie die Sache gedeichselt haben. Prosit!«

Benskin setzte sich bequemer, stellte sein Glas hin und begann:

»Wie ich Ihnen schon berichtete, fiel es mir auf, daß Dr. Jacob kein Wort über die zahlreichen Narben an den Armen des Toten verlor. Später bemerkte ich noch eine Reihe weiterer Einstichnarben an den Schenkeln – dort also, wo man in einem Krankenhaus die notwendigen Einspritzungen vorzunehmen pflegt. Nun begann sich mein Verdacht zu regen; alle Beweise deuteten auf einen anderen Sachverhalt hin als den, den man uns glauben machen wollte. Wie kam es, daß der Selbstmörder so große Sorgfalt aufgewandt hatte, irgendwo unterzukriechen, wo ihn kein Mensch kennen konnte, und trotzdem seine eigene Unterwäsche – aus Seide – trug und seine goldene Uhr und Kette bei sich behielt? Ein weiteres Moment, das mich stutzig werden ließ, war das restlose Verschwinden aller Vermögenswerte. In Starrs Bankkonten vermochte sich niemand, auch der Bücherrevisor nicht, zurechtzufinden. Ich unterhielt mich deshalb eingehend mit dem Direktor seiner Bank. Er beichtete mir, daß er Starr nie getraut habe, und ließ mich alles, was ich wollte, wissen. Nach und nach wurde mir im Verlauf dieser Unterredung der finanzielle Status des angeblichen Selbstmörders klar. Er muß früher einmal ein reicher Mann gewesen sein, hatte aber vor zwei Jahren allein an Kautschukwerten fünfzigtausend Pfund auf einen Schlag verloren. Dieser Verlust scheint ihn auf die abschüssige Bahn gebracht zu haben. So häufig wie möglich zahlte er Beträge, die ihm von dritter Seite zuflossen, bei seiner Bank ein. War eine gewisse Summe, die ihm der Mühe wert erschien, beisammen, dann instruierte er seine Bank, das Geld einem fiktiven Konto auf einer Auslandsbank zu überweisen. Dies scheint ihm aber nicht rasch genug gegangen zu sein, denn er begann, kleinere Summen hier in London abzuheben und vorzugeben, er habe sie bei Rennen verloren. Die ganze Zeit über bezahlte er natürlich keinem seiner Gläubiger auch nur einen Pfennig; im Gegenteil, er machte jede wie immer auch geartete Spekulation mit, nur um einige Monate länger Kredit zu haben und bares Geld in die Finger zu bekommen. Auf diese Weise verringerten sich seine Vermögenswerte in England ständig, während sein amerikanisches Bankkonto auf siebzigtausend Pfund anwuchs.

Ich hatte diese seine Vermögenslage kaum durchschaut, als ich bereits jeden Gedanken an seinen Selbstmord als lachhaft und unmöglich verwarf und eine eigene Theorie auszuarbeiten begann. Die Ereignisse bestätigten die Richtigkeit meiner Vermutungen. Zuerst warf ich einen Blick in die Vergangenheit dieses Dr. Jacob. Was ich erfuhr, war für ihn wenig schmeichelhaft. Dann fuhr ich in das St.-Lukas-Krankenhaus und entdeckte dort, daß ein von Dr. Jacob behandelter Patient drei Tage vorher an Morphiumvergiftung gestorben und auf einem benachbarten Friedhof beerdigt worden war. Weitere Erkundigungen führten zum Resultat, daß Dr. Jacob einige sehr drückende Schulden bezahlt hatte und nunmehr den ihm so unentbehrlichen Whisky nicht mehr flaschen-, sondern kistenweise anfahren ließ. Zwei Leute, die dem Beerdigungsinstitut angehörten, das die Toten des Krankenhauses nach dem Friedhof zu überführen hat, trieben sich, die Pfundnoten nur so um sich werfend, seit einigen Tagen betrunken herum. Miss Hammond beschäftigte sich unterdessen damit, ihre Ausstattung zusammenzukaufen. Das genügte mir natürlich, Sir. Starr hatte den ganzen Fall wunderbar arrangiert; er hatte sich an einen Arzt herangemacht, der fünf gerade sein ließ, hatte die Wirtin des Hotels genügend geschmiert – dreihundert Pfund, wie ich erfahren habe –, um auch sie seinen Plänen geneigt zu machen, und – na, die Sache verlief anfangs ja auch völlig programmäßig.«

»Und was ist mit Starr?« wollte der »Vize« wissen.

»In ein paar Minuten hoffe ich über ihn Meldung zu bekommen, Sir.«

Kurz darauf tauchte ein uniformierter Eilbote, vom Geschäftsführer des Lokals geleitet, auf und überreichte Benskin ein Telegramm. Nach einem Wort der Entschuldigung an den Chef riß Benskin den Umschlag auf und las den Inhalt der Depesche.

»Starr ist heute nachmittag in Tilbury verhaftet worden, Sir«, berichtete er, nachdem er den Boten verabschiedet hatte. »Er wollte heute abend mit der ›Orana‹ nach Samoa ausreisen.«

Nun zeigte sich die Menschlichkeit des »Vize«.

»Armer Teufel«, seufzte er, während er versonnen den Kellner beobachtete, der ihm sein Glas frisch füllte.

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