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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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1.
Peter Benskin, Detektiv

Gedämpft durch den Dunst, der über der Weltstadt lag, drang von fernher das Lärmen der Citystraßen, durch die sich in nicht endendem Strom der Verkehr wälzte. In der kleinen Gasse aber, die zum Schauplatz des Endkampfes zwischen der Polizei und der Verbrecherbande des berüchtigten Crawley Martin werden sollte, mußte man sich auf dem flachen Lande glauben – so still und menschenleer war sie. Sie hatte bessere Zeiten gesehen; die mit Erkern überladenen Häuser gehörten einer Epoche an, in der vermögende Großkaufleute diese Zehn-Zimmer-Wohnungen bewohnen und auch bezahlen konnten. Jedes der Häuser konnte sich eines wenn auch heute verwilderten Gärtchens rühmen. Kleine schmale Treppen führten zu den Haustüren, an denen statt der modernen elektrischen Klingeln noch altmodische, typisch englische Klopfer angebracht waren.

An einer Ecke dieser Gasse musterte Inspektor Henslow noch einmal sein Überfallkommando. Als eine ferne Kirchturmuhr zum Schlag ausholte, warf er einen vergleichenden Blick auf seine Armbanduhr.

»Viertel nach elf, sagte er leise. »Martin ist schon vor einer Stunde hinein und dürfte sich jetzt einigermaßen sicher fühlen. Wissen Sie bestimmt, Brooks, daß er es war, der vorhin hineinging?«

»Jawohl, Sir«, gab der Gefragte zurück. »Seit er die ›Three Crowns‹ verlassen hat, haben wir ihn nicht ein einziges Mal aus den Augen gelassen. Saunders und Randall begleiteten ihn, als er durch jene Haustür dort verschwand. Ja, derselbe Randall, den wir wegen seines Einbruches am Highgate auf der Fahndungsliste haben. Eddie Joseph war, als Martin ankam, schon im Haus. Er hatte sich den Arm gebrochen und hat seit der Zeit keinen Schritt auf die Straße getan.«

»Verdammt noch einmal«, meinte Henslow. »Hat er vielleicht noch mehr Komplicen bei sich?«

»Das kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, Sir. Sie wissen ja, daß die Nachbarschaft hier nicht ganz stubenrein ist; wenn wir uns für die Insassen jenes Hauses zu sehr interessiert hätten, glaube ich, daß sie gewarnt worden wären.«

Henslow nickte.

»Sie haben recht, Brooks«, gab er zu. »Es wäre natürlich schön, wenn wir die ganze Bande auf einmal schnappten, aber wir werden das nur erreichen, wenn wir sie überrumpeln können. Wie viele von euch sind hier? Sieben? Das sollte eigentlich genügen.« Er winkte dreien seiner Leute, die sich etwas entfernter von ihm aufgestellt hatten. »Ihr drei geht unter Führung von Sergeant Pryce nach hinten und bewacht dort den Ausgang. Wenn Sie, Pryce, mich an der Haustür klopfen hören, dürfen Sie die Fenster nicht einen Augenblick mehr aus den Augen lassen. Sobald ich im Hause bin, kommen zwei von euch mir nach, während der dritte bleibt, wo er ist. Verstehen Sie, wie ich es meine?«

Ein unterdrücktes Murmeln der Zustimmung ließ sich hören, und die zum Hinterausgang Befohlenen traten zurück. Der Inspektor vergewisserte sich durch einen Griff in die Hüfttasche, daß er seine Pistole bei sich hatte, zog den Gürtel noch einmal fester und winkte den verbleibenden beiden Beamten.

»Wir greifen von vorn an«, erklärte er ihnen. »Wer von euch will mit mir kommen?«

Er musterte prüfend die beiden Beamten. Der zu seiner Linken, Druce, sah in seiner kleidsamen blauen Uniform wie ein Ringkämpfer aus – kräftig gebaut und mit breitausladenden Schultern. Benskin, der zur Rechten Henslows stand, war bedeutend schwächer; sein Gesicht war schmal und verriet die Nervosität des jungen Beamten. Auch war er bedeutend kleiner als sein älterer Kollege. Gleichwohl war er der erste, der sich Henslow zur Verfügung stellte.

»Ich fürchte mich wirklich nicht vor einer kleinen Rauferei, Sir«, antwortete er lächelnd auf den stumm fragenden Blick seines Vorgesetzten.

»Verstehen Sie mit einer Pistole umzugehen? Und haben Sie wirklich keine Angst – Sie, der Sie doch erst kurze Zeit bei der Polizei sind?«

»Ich habe die Schießauszeichnung bekommen, Sir. Erst vorige Woche; drei Schuß, drei Treffer.«

»Hm. Ja, mein Freund, das mag stimmen, aber vergessen Sie nicht, daß Sie da auf Scheiben schossen. Ich glaube nicht, daß Martin sehr still halten wird. Wir brauchen einen Mann mit Praxis, Benskin.«

»Ich glaube kaum, daß in der ganzen Polizei ein einziger ist, der die Pistole schneller ziehen kann als ich, Sir.«

Nun mischte sich Druce ein und spielte seinen Trumpf aus.

»Ich war es, Sir«, sagte er, »der Billy Drew ganz allein festgenommen hat.« Er sehnte sich schon lange nach Beförderung und glaubte, die Gelegenheit dazu sei gekommen.

»Sie haben recht«, stimmte ihm sein Vorgesetzter zu. »Das hatten Sie wirklich fein gedeichselt. Kommen Sie mit mir, Druce. Sie, Benskin, sollen das nächste Mal die Chance haben. Passen Sie scharf auf die Gartentür auf; vielleicht haben Sie Glück und bekommen da auch noch etwas zu tun.«

»Ich will mein Bestes tun«, gab Benskin zurück, der so seine Enttäuschung so gut wie möglich verbarg.

Kurze Zeit darauf klopfte der Inspektor, Druce neben sich, an die Tür des verdächtigen Hauses. Er brauchte keine Minute zu warten, als auch schon geöffnet wurde. Gleich darauf verschwanden die beiden Beamten im Innern des Gebäudes.

*

Was auch im Hause vorgehen mochte – wie die Stille, die darin herrschte, zu erklären war, darüber sich den Kopf zu zerbrechen, hatte Polizist Benskin wenig Zeit. Er mußte seine Aufmerksamkeit auftragsgemäß auf die Gartentür konzentrieren. Zehn, zwanzig Minuten wartete er in dieser Weise; jeden Augenblick erwartete er, Henslow und Druce mit den gefesselten Verbrechern aus dem Haus kommen zu sehen. Endlich wurde die Haustür von innen geöffnet, und heraus trat Inspektor Henslow – allein! Er stieg die wenigen Stufen herunter und kam auf Benskin zu.

»Begleiten Sie mich bis an die Straßenecke«, befahl er. »Wir haben die Bande, aber leider nicht widerstandslos. Das war ein schönes Durcheinander dort drin. Ich muß so schnell wie möglich zur Newly-Street-Wache.«

Ohne ein Wort zu erwidern, setzte sich Benskin neben seinem Vorgesetzten in Bewegung. Plötzlich begann auch hier das »Durcheinander«, das Henslow erwähnt hatte. Henslow fühlte einen eisernen Griff an seinem Handgelenk und ein kaltes Eisen auf seinem Nacken.

»Eine Bewegung, und ich schieße«, sagte Benskin schroff. »Ich habe sechs Patronen.«

Der »Inspektor« schien mit dieser Warnung nicht ganz einverstanden zu sein, überlegte es sich aber doch und stand still wie eine Statue.

»Hände hoch!« kam der zweite Befehl von Benskin.

Wieder ein kurzes Zögern. Die Mündung der Pistole drückte sich fester an den Körper des »Inspektors« – dann fuhren die Hände hoch. Ein leises Knacken – die Handschellen saßen. Gemächlich führte Benskin die Signalpfeife an seine Lippen und wartete auf den Wagen.

Inzwischen hatte sich sein Gefangener ihm zugewandt und blickte ihn giftig an.

»So ein Pech!« Der »Inspektor« schien aufrichtig betrübt. »Mich von einem ganz gewöhnlichen ›Blinker‹ festnehmen zu lassen! Aber das geschieht mir recht! Warum habe ich mich nicht mehr in acht genommen!«

»Was haben Sie mit Inspektor Henslow gemacht?«

»Der hat sein Teil weg«, lautete die kurze Entgegnung, »und ich hoffe, daß es Ihnen bald ebenso gehen wird.«

Die »grüne Minna« hielt vor den beiden; Benskin führte seinen Gefangenen ins Innere und setzte sich daneben. Auf der nächsten Polizeistation lud er ihn ab. Er gab dem Wachthabenden eine kurze Schilderung der Ereignisse, ordnete an, daß Verstärkungen geschickt würden, und fuhr mit seinem Gefangenen nach dem Präsidium weiter, so gern er auch mit den Hilfsmannschaften nach dem Hause zurückgekehrt wäre.

Der Wachthabende der Polizeiwache in Scotland Yard blickte erstaunt auf, als er die beiden Männer ins Zimmer treten sah.

»Was soll das heißen, Benskin?« fragte er mit vernichtender Ironie. »Mein Gott! Wie kommen Sie dazu, Inspektor Henslow zu fesseln?«

Der einfache Polizist Benskin lächelte stolz.

»Ja, denselben Trick hat der Bursche auch bei mir versucht«, erklärte er. »Das ist Crawley Martin, der Führer der Bande, die wir ausheben sollten.«

Der Wachthabende winkte zwei Polizisten, die auf einer Bank als Türwachen saßen.

»Wenn Sie wirklich recht haben, Benskin«, sagte er, »dann haben Sie heute die beste Arbeit Ihres Lebens vollbracht. Los, sagen Sie, was gegen den Kerl hier vorliegt.« Er tauchte seine Feder in die Tinte und begann, Benskins Bericht niederzuschreiben.

Am nächsten Nachmittag suchte Benskin den echten Henslow im Krankenhaus auf.

»Brooks hat uns ein wenig im Stich gelassen«, berichtete der Inspektor auf die Frage seines Untergebenen nach den Ursachen der gescheiterten Überrumpelung vom gestrigen Tag. »Sie kamen an wie die Ratten, stürmten den rückwärtigen Ausgang und rissen aus wie Schafleder. Während die anderen Beamten hinter ihnen her jagten, suchte ich Martin, fand ihn und trieb ihn in ein Zimmer, in dem zu meiner Überraschung fünf seiner Genossen warteten. Einer von ihnen bearbeitete mich mit dem Sandsack, und als ich wieder aufwachte, lag ich hier in diesem Bett.«

»Na, Martin haben wir jedenfalls geschnappt, Sir«, tröstete ihn sein Untergebener.

»Ja, Sie haben ihn erwischt«, gab Henslow verlegen lächelnd zu. »Das haben Sie gut gemacht, Benskin, alle Achtung! Zwei unserer Leute standen auf der Treppe und ließen ihn unangefochten vorüber. Wie kam es denn, daß Sie Verdacht schöpften?«

»Verschiedene Kleinigkeiten waren es, die mich aufmerken ließen. Vor allen Dingen schritt er viel weiter aus als Sie; dann hatte er vergessen, andere Schuhe anzuziehen. Ferner ging er nicht, wie ich es bei Ihnen gewohnt war, zur Rechten, sondern links von mir.«

»Jedenfalls haben Sie das fein gemacht«, lobte ihn Henslow und legte sich, als die Krankenschwester mit scherzhaft drohendem Finger auf ihn zukam, in seine Kissen zurück. »Sie werden sicherlich befördert werden, Benskin«, prophezeite er, ehe sein Untergebener sich von ihm verabschiedete.

Im Yard fand Benskin einen Befehl vor, dessen Ausführung keinen Aufschub duldete. Schon nach zehn Minuten stand er vor dem Schreibtisch des Polizei Vizepräsidenten, Major Houlden. Dieser hatte sich weit in seinen Stuhl zurückgelehnt und betrachtete neugierig den eintretenden Untergebenen.

»Sie haben sich recht lobenswert benommen, Benskin«, begrüßte er ihn. »Was hatte denn Ihren Verdacht erregt?«

»Zuerst, Sir, wunderte ich mich, daß der Inspektor allein herauskam. Zweitens machte er viel längere Schritte als ich, der ich sonst immer mit Inspektor Henslow mitkommen konnte. Zum dritten ließ er mich rechts gehen anstatt, wie Mr. Henslow es getan hätte, links. Außerdem klang seine Stimme viel tiefer als die meines Vorgesetzten.

»Diese Beobachtungsgabe macht Ihnen alle Ehre, Benskin«, bemerkte Houlden. »Wir möchten Sie für den Dienst, den Sie geleistet haben, auch gern belohnen. Wie alt sind Sie?«

»Siebenundzwanzig, Sir.«

»Ich habe Ihre Personalakten durchgesehen«, fuhr der Vizepräsident fort. »Sie sind Pastorensohn, nicht wahr, und haben ein Gymnasium besucht. Warum suchten Sie sich da denn keine andere Beschäftigung als die, die Sie ausüben?«

»Ich fand nichts, Sir, und zog Außenarbeit einem Büroposten vor. Ich hoffte, daß ich auch bei der Polizei vorwärtskommen könnte.«

»Sie haben Glück gehabt und die Chance, die sich Ihnen bot, genutzt«, erwiderte der hohe Beamte gütig. »Sie sind hiermit zum Sergeanten befördert, Benskin. Außerdem wird Ihnen noch eine Geldprämie zugehen. Daß ich Sie auch ferner im Auge behalten werde, brauche ich wohl nicht erst zu betonen. Sind Sie einverstanden?«

»Besten Dank, Sir«, kam die sofortige Antwort. »Aber darf ich, ohne undankbar zu erscheinen, noch eine Bitte aussprechen?«

»Legen Sie ruhig los, mein Lieber.«

»Ich möchte zur Kriminalabteilung versetzt werden, Sir.«

Der andere nickte. Nachdenklich starrte er auf seine Schreibtischplatte.

»Ihr Wunsch ist nicht unbescheiden«, sagte er endlich. »Bedenken Sie aber, daß Sie bei der Kriminalpolizei lange nicht die Beförderungschancen haben. Ich kann Sie nicht gut über die Köpfe der dienstälteren Kameraden hinweg aufrücken lassen.«

»Das weiß ich, Sir. Ich möchte aber betonen, daß ich gerade in der Hoffnung, zur Kriminalpolizei zu kommen, bei der uniformierten Schutzmannschaft eingetreten bin.«

Prüfend musterte ihn der »Vize«. Benskin war kein Goliath, aber die sehnige Gestalt war regelmäßig gebaut und verriet die Sportbeflissenheit des jungen Mannes. Die Augen waren von hellem Blau. Das Gesicht war noch etwas weich, um den Mund aber lag ein Zug, der ihn völlig zum Mann stempelte.

»Mut müssen Sie unbedingt besitzen, Benskin«, meinte der Chef endlich lächelnd. »Sonst hätten Sie nicht einen Riesen wie Martin allein festnehmen können.«

»Ich betreibe Jiu-Jitsu, Sir«, klärte ihn der andere auf, »und interessierte mich auch für Ringkampf und Boxen. Ich habe vielleicht noch nicht die richtigen Muskeln, bin aber dafür um so schneller mit meinen Händen und Füßen.«

»Schön, Benskin. Betrachten Sie sich von heute ab als zur ›Kripo‹ gehörig. Ich brauche Sie wohl kaum darauf aufmerksam zu machen, daß auch bei ihr nicht alles Gold ist, was glänzt. Abenteuer gibt es schon, aber sie sind von der Art, die bald monoton wirkt. Achtzig Prozent Ihrer Tätigkeit wird in Kleinarbeit bestehen, vielleicht in noch größerem Maß als bei Ihrer bisherigen Beschäftigung. Haben Sie sich das alles reiflich überlegt?«

»Jawohl, Sir. Aber es wird ja auch mal etwas Interessantes kommen, und darauf warte ich.«

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