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Edward Phillips Oppenheim: Menschenjagd - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdward Phillips Oppenheim
titleMenschenjagd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
translatorArthur A. Schönhausen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171026
projectid7da0445d
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12.
Das Ende der Jagd

»Hier ist mein Clou«, meinte Lady Muriel, als sie mit Houlden und Benskin im Amtszimmer des Chefs zusammensaß. Sie legte einen Geschäftsbriefbogen auf den Tisch. Benskin nahm ihn auf und las den Inhalt vor:

Firma Gonzalez & Ardron, Südfruchtimporteure,
Riverside Docks, London E. C. 3

An die Geschäftsleitung des
Milan-Hotels, London W. C. 2

Unsere Vertreter in Barcelona haben uns ersucht, für ihren Geschäftsführer, Mr. Paul Gilmott, am 2. November ein Zimmer mit Bad und für dessen Sekretär gleiche Räumlichkeiten in der Nähe des anderen Herrn in Ihrem Hotel reservieren zu lassen. Die Herren werden am erwähnten Tage auf dem Victoria-Bahnhof aus Spanien ankommen.

Bitte bestätigen Sie die getroffenen Dispositionen.

Hochachtungsvoll
Gonzalez & Ardron.

»Diesen Brief«, erklärte Lady Muriel, »hat Mathew am Morgen der Razzia seinem Sekretär diktiert. Ich wachte eben aus meiner Bewußtlosigkeit auf, als ich ihn in der Nebenkabine einige Briefe ansagen hörte. Kurz darauf kam der Alarm. Mathew flüchtete, und sein Sekretär folgte ihm. Ich stand auf und holte mir diesen Briefbogen vom Pult im Nebenraum.«

»Am zweiten November?« rief der Major aus.

»Am zweiten November?« echote Benskin.

»Sagt Ihnen dieses Datum etwas?« wollte Lady Muriel wissen.

»Am zweiten November«, erklärte der Major, »werden die Krondiamanten vom Buckingham-Palast nach dem Tower transportiert. An diesem Tag reisen die Mitglieder der königlichen Familie ab, und es ist angeordnet worden, daß die Juwelen während ihrer Abwesenheit im Tower aufbewahrt werden sollen.«

Benskin trommelte nervös auf die Schreibtischplatte, während Lady Muriel schreckensbleich auf die beiden Männer starrte.

»Sogar für Mathew«, fuhr Major Houlden fort, »würde das Unterfangen, diese Juwelen zu stehlen, an Wahnsinn grenzen.«

»Ist er denn nicht wahnsinnig?« Benskin schlug mit der Faust auf den Tisch. »Alles, was er bisher getan hat, beweist, daß er nicht normal ist. Hat er uns nicht erklärt, daß er noch einen großen Schlag vorhabe und dann endgültig verschwinden werde?«

»Wagt er sich an die Kronjuwelen heran«, erklärte der Chef, »dann wird er wirklich verschwinden, aber durch die Falltür des Galgens.«

»Warum aber«, meinte Lady Muriel verwundert, »sucht er sich als Wohnsitz ein so bekanntes Hotel wie das Milan aus? Er hatte doch sonst immer so wunderbare Verstecke.«

»Er hatte sie«, erwiderte Houlden anzüglich. »Wir haben sie ihm, gründlich versalzen. Gerade daß er sich das Milan ausgesucht hat, ist ein Meisterstreich. Am zweiten November also?« Er warf einen raschen Blick auf seinen Kalender. »In vier Tagen«, fuhr er nachdenklich fort.

Das Telefon klingelte. Houlden sprach einige Worte in den Apparat und legte dann wieder auf.

»Lady Muriel«, sagte er und warf einen Blick auf seine Uhr. »Sie müssen uns nun entschuldigen. Der Palastverwalter wünscht mich wegen der Sicherungen während des Juwelentransportes zu sprechen. Benskin, Sie begleiten mich, bitte.«

Ehe er sich von der jungen Dame verabschiedete, zollte er ihr noch einige lobende Worte. Zum Schluß sagte er:

»Wenn es uns diesmal gelingt, Freund Mathew unschädlich zu machen, so wird Ihr Wunsch, Lady Muriel, sich ein kleines Landhaus zu kaufen, in Erfüllung gehen. Die Belohnung ist groß genug, um die Erfüllung dieser bescheidenen Sehnsucht zu erlauben.«

»Es wird Blutgeld sein«, erwiderte das Mädchen leise erschauernd.

»Ja, das wohl; aber ist nicht alles, was mit Mathew verknüpft ist, blutig?«

 

Pünktlich um dreiviertel vier am Nachmittag des zweiten November verließen zwei königliche Lakaien unter Aufsicht eines ergrauten Palastbeamten eine selten benutzte Seitentür des Palastes. Sie hatten alle Hände voll zu tun, eine schwere Kiste zu schleppen. Drei Polizisten in Uniform bewachten den Transport, und drei weitere befanden sich bereits in dem großen Lastwagen, der die Juwelen zum Tower bringen sollte. Nach wenigen Minuten war die Operation beendet, und das Auto fuhr ab. Zwei dicht mit Kriminalbeamten besetzte Personenwagen folgten ihm, während eine Limousine, in der Benskin und Houlden Platz genommen hatten, die Prozession schloß. Sie fuhren über die Mall, die Northumberland Avenue, das Embankment entlang. Der Transport erregte Aufmerksamkeit, wickelte sich aber ohne irgendwelche Zwischenfälle ab. Genau fünfunddreißig Minuten später hielt der große Lastwagen vor dem Tor des Tower an. Die Kiste mit den Juwelen wurde herabgehoben und unter Aufsicht des Gouverneurs der Festung in das Panzergewölbe hineingetragen.

Hier erst meldete Houlden dem hohen Militär den Transport: »Die Juwelen vom Palast, Sir«, berichtete er und hob grüßend die Hand an die Mütze.

Einige Soldaten ergriffen die schwere Kiste und schoben sie auf ihren Lagerplatz.

Major Houlden wischte sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich lächelnd an Benskin.

»Gott sei Dank«, sagte er. »Es war doch ein falscher Alarm.«

»Wahrscheinlich«, gab der andere zurück.

In diesem Augenblick läutete das Haustelefon und der Gouverneur nahm den Hörer ab.

Sir Gregory lauschte der fernen Stimme eine ganze Weile. Sein Gesicht wurde immer bleicher.«

»Mein Gott«, rief er endlich in den Apparat, »ja, ja! Ich werde sofort berichten!«

Er legte auf und kehrte in den Panzerraum zurück, wo das Transportkommando noch immer wartete. Mit zitternder Hand holte der hohe Beamte aus seiner Tasche die Schlüssel zur Schatzkiste.

»Sie wollen die Kiste öffnen, Sir?« fragte Houlden, den eine schreckliche Ahnung befiel.

»Auf Befehl der Palastverwaltung«, gab der andere brüsk zurück. »Wir haben Schlüssel zu allen derartigen Kästen.«

Der Deckel sprang auf. Anstatt der Juwelen lagen in den sorgfältig angeordneten Fächern kleine Eisenbarren.

»Ein Diebstahl von einer halben Million Pfund, Major«, rief der Gouverneur dem erschrockenen Vizepräsidenten Scotland Yards zu. »Vor Ihrer Nase gestohlen! Gott sei Dank, daß ich wenigstens Zeugen beibringen kann, daß niemand in meiner Umgebung den Diebstahl ausgeführt haben kann!«

Weder Houlden noch Benskin verloren eine Sekunde mit unnötigen Fragen. Wenige Minuten später raste ihre Limousine dem Palast zu.

Dort herrschte ein entsetzliches Durcheinander. Niemand durfte die Tore passieren; der nicht die besten Ausweise bei sich führte. Auf der Treppe, über die man den Transport nach unten gebracht hatte, stand eine kleine Menschengruppe versammelt. Drei tote Lakaien lagen auf den Stufen.

»Wir haben nichts berührt, Sir«, berichtete der Polizeibeamte, als er den Major erblickte. »Sie waren kaum zehn Minuten mit der Kiste weg, Sir, und wir wollten eben unsere Leute zurückziehen, als Alarm geschlagen wurde.«

»Zehn Minuten!« murmelte Benskin vor sich hin.

»Diese Treppe wird nur wenig benutzt, Sir«, fuhr der Beamte in seinem Bericht fort. »Jedes der in diesem Flügel liegenden Zimmer hat einen Ausgang für sich.«

Der Arzt, der bisher mit der Untersuchung der Toten beschäftigt gewesen war, richtete sich auf.

»Entsetzlich«, sagte er. »Die drei armen Teufel sind von hinten niedergestochen worden. Mitten ins Herz! Drei verschiedene Mordwaffen, jede von anderer Machart. Unglaublich! Das grenzt ja beinahe ans Mittelalter!«

»Sind es Diener des königlichen Haushalts?« fragte Houlden.

»Zwei sind Lakaien; der dritte ist Verwaltungsbeamter, Sir«, gab der Polizist Auskunft. »Sie sind seit dreißig Jahren in königlichen Diensten.«

»Die Leichen können entfernt werden«, befahl der Major. »Sonst aber darf nichts berührt werden.«

Eben kehrte Benskin von einem kurzen Verhör der Dienerschaft zurück.

»Ein Wäscheauto von der Pink-Heather-Wäscherei wartete, wie man mir berichtet, draußen vor dem Haus. Ich habe es selbst noch stehen sehen; der Chauffeur hatte eine Mütze der Wäschereifirma auf. Die Haushälterin sagte mir, daß drei Männer in langen Regenmänteln, alle mit Uniformmützen der Wäscherei, einen Korb Wäsche hinausgeschafft hätten, als wir kaum weg waren.«

»Wo ist denn die Frau?«

»Drüben im Dienerzimmer. Sie ist aufgeregt.«

Houlden war selbst viel zu erregt, um auf die seelischen Zustände eines anderen Rücksicht zu nehmen. Er trat ins Nebenzimmer, wo die Haushälterin schluchzend aufblickte, als sie ihn eintreten hörte.

»Hatten Sie Wäsche vorbereitet, die von der Pink-Heather-Wäscherei abgeholt werden sollte?« begann er das Verhör.

»Jawohl. Die Leute holten sie kurz nach der Abfahrt des Juwelentransportes«, berichtete die Frau.

»Dieselben Leute wie gewöhnlich?«

»So kam es mir vor, Sir. Jedenfalls trugen Sie die Mützen, die alle Angestellten der Wäscherei tragen müssen. Ich wunderte mich nur, weil sie, obwohl es nicht regnete, lange Gummimäntel anhatten.«

»Sie nahmen die Wäsche mit sich?«

»Ja, ich sah den Wagen abfahren.«

»Was ist denn das dort?« fragte Houlden, auf einen Wäschehaufen in der Zimmerecke zeigend.

Die Frau wandte sich um und fuhr erschrocken zusammen.

»Mein Gott«, rief sie. »Das ist doch die+...«

Benskin unterbrach sie.

»Ja«, sagte er, »dort liegt die angeblich abgeholte Wäsche.«

»Aber, meine Herren«, meinte die Frau verwirrt, »ich habe doch selbst gesehen, wie die drei Männer den Wäschekorb hinaustrugen?!«

»Ich muß Sie bitten, Madam«, sagte der Chef ernst, »niemandem ein Wort von dem zusagen, was wir eben hier besprochen haben. Schweigen Sie, als hinge Ihr Seelenheil davon ab.«

»Ich werde mir eher die Zunge abbeißen, ehe ich ein Wort darüber verlauten lasse«, versprach die alte Dame.

Houlden ließ sich mit Scotland Yard verbinden.

»Hier ist Major Houlden. Ich spreche vom Palast aus. Verbinden Sie mich sofort mit der Pink-Heather-Wäscherei! Unterbrechen Sie alle anderen etwa bestehenden Verbindungen. Schnell, schnell!«

In kaum zehn Sekunden war die Verbindung hergestellt.

»Hier ist Major Houlden von Scotland Yard«, meldete sich der »Vize«. »Haben Sie heute in den Buckingham-Palast nach schmutziger Wäsche geschickt?«

»Unser Wagen steht eben jetzt zur Abfahrt bereit. Wir wurden heute morgen von der Palastverwaltung gebeten, die Wäsche erst nach vier abzuholen.«

»Haben Sie noch andere Autos?«

»Zwei im ganzen, Sir, aber eines davon befindet sich in Reparatur; das andere steht, wie gesagt, draußen auf dem Hof.«

Houlden legte auf.

»Ein Streich, unseres Freundes Mathew würdig«, sagte er, zu Benskin gewandt. »Kommen Sie, wir wollen gehen.«

 

Eine Viertelstunde später saßen die beiden im Amtszimmer des Majors.

Benskins Augen hingen wie gebannt an dem Telefon, durch das jeden Augenblick Nachricht von dem Lieferwagen eingehen konnte. Die gesamte Kriminalpolizei Londons war auf der Suche nach dem Wagen.

»Was halten Sie von der Sache, Benskin?« fragte Houlden.

»Mathew hat seine Leute als königliche Lakaien uniformiert, sich ein Lieferauto besorgt und es mit der Firma der Wäscherei bemalen lassen. Dann ließ er seine Helfershelfer Regenmäntel anziehen, setzte ihnen die Uniformmützen der Wäschereileute auf und meldete sich im Palast zur Abholung der schmutzigen Wäsche. Nachdem es ihm auf diese Weise gelungen war, seine Leute hineinzuschmuggeln, legten sie die Regenmäntel ab und traten als Lakaien auf. Als die wirklichen Diener mit der Kiste kamen, überfiel er sie, stach sie nieder, packte den Inhalt der Schatzkiste in den Wäschekorb um und ersetzte die Juwelen durch kleine Eisenbarren, worauf die Kiste wieder geschlossen und weitertransportiert wurde. Als der Transport schließlich weg war, lud er ganz gemächlich die angebliche Wäsche in den Lieferwagen und verschwand mit seinen Komplicen. Wir haben zweihundertfünfzig Leute unterwegs, um das Wäscheauto zu finden, und ich zweifle nicht, daß es uns gelingen wird. Doch sei dem, wie es wolle: es war ein Meisterstreich.«

Eben schrillte das Telefon, Benskin ergriff den Hörer.

»Hier ist Inspektor Hannaford vom Victoria-Bahnhof«, meldete sich eine Stimme. »In der Handgepäckaufbewahrung ist ein Wäschekorb abgegeben worden, Sir. Wir öffneten ihn und fanden zwei Uniformen von königlichen Lakaien. Außerdem lagen darin: ein Cut, eine schwarze Weste und ein Paar gestreifte Hosen.«

»Gut. Haben Sie den Lieferwagen schon gefunden?«

»Nein. Drei Männer haben den Wagen angeblich hier verlassen, Sir.«

»Haben Sie ihre Beschreibung?«

»Keine gute, Sir. Ein Gepäckträger lieferte den Wäschekorb ab, ohne sich um die Leute, die ihn dazu beauftragten, weiter zu kümmern. Er gab einem von ihnen den Gepäckschein, glaubt aber, daß drei Männer im Wagen gesessen hatten. Die beiden anderen betraten den Bahnhof. Er weiß jedoch nicht, was aus ihnen geworden ist. Einen Augenblick bitte!« Eine kurze Pause trat ein, dann meldete sich der Sprecher wieder: »Auch der Wagen ist soeben gefunden worden, Sir. Er stand vor dem Bahnhof. Die Aufschrift war durch ein Brett verdeckt.«

»Erkundigen Sie sich sofort«, erwiderte Benskin, »wann der Kanalzug hereinkommt. Ich warte hier solange.«

Kurz darauf erhielt er die verlangte Auskunft:

»Er hat eine Viertelstunde Verspätung, Sir.«

»Erwarten Sie mich auf dem Bahnsteig. Hier ist Benskin.«

»Was wollen Sie denn mit diesem Zug?« fragte der Chef neugierig. »Es kann doch niemand, der mit diesem Raub zu tun hatte, mit ihm ankommen.«

»Möglich. Aber ich habe nicht vergessen, daß mit diesem Zug Mr. Gilmott und sein Sekretär Sacrosta aus Barcelona kommen wollen.«

*

Benskin stand, in einen Winkel gedrückt, auf dem Bahnsteig und erwartete die Ankunft des Kanalzuges. Hannaford patrouillierte auf und ab und beobachtete gleich Benskin das Leben und Treiben der zahlreichen Menschen, die sich im Bahnhof befanden. Plötzlich drückte sich Benskin noch tiefer in die Nische hinein, in der er sich aufgestellt hatte, um unbeachtet zu bleiben.

Ein eleganter Privatwagen war bis knapp an den Bahnsteig herangefahren, und ein in dunkle Uniform gekleideter Chauffeur schaffte zwei Reisetaschen und einen Koffer auf den Bahnsteig. Benskin schlich sich vorsichtig von seinem Standort weg und winkte Hannaford heran.

»Zwei Herren sitzen drinnen«, berichtete dieser Benskin. »Ein Herr in mittleren Jahren, der eine Zigarette raucht. Der andere ist kleiner, viel dicker und sieht wie ein Ausländer aus. Der erste liest die Abendzeitung, während der andere dauernd aus dem Fenster starrt.«

Noch während sich die beiden Beamten unterhielten, fuhr ein Auto an das bereits dastehende heran und hielt knapp hinter ihm. Hannaford eilte hinaus und kehrte schon nach wenigen Minuten kopfschüttelnd zurück.

»Merkwürdig, Sir. Auch in dem eben angekommenen Wagen sitzen zwei Herren, und sie sehen genau so aus wie die ersten. Aber da kommt der Zug.«

Benskin warf kaum einen Blick auf die lange Wagenreihe, die eben von der mächtigen Lokomotive hereingezogen wurde. Er trat auf die Straße hinaus und winkte einem Taxi.

»Nach dem Milan-Hotel«, befahl er.

 

Ein vornehm aussehender Fremder beugte sich im Milan über den Tisch des Empfangschefs.

»Sie haben einige Zimmer für mich reserviert«, sagte er. »Mein Name ist Gilmott, und hier ist mein Sekretär, Mr. Sacrosta. Unser Londoner Vertreter hat die Zimmer für uns schriftlich bestellt.«

Der Angestellte verbeugte sich.

»Jawohl, Sir. Alles in Ordnung. Sie haben Suite neunundachtzig, und Mr. Sacrosta fünfundachtzig. Bitte, folgen Sie mir.«

Ehe er der Aufforderung Folge leistete, blickte sich Mr. Paul Gilmott nochmals im Foyer um. Seine Blicke ruhten einen Augenblick auf einer entfernten Ecke, wo Benskin saß, anscheinend ohne sich besonders für die Neuankömmlinge zu interessieren. Rasch trat Gilmott noch einmal an sein Auto heran und rief ein einziges Wort in das offenstehende Fenster hinein. Dann folgte er seinem Sekretär nach oben.

Benskin hatte das kurze Intermezzo beobachtet und war wütend aufgesprungen.

»Hannaford«, wandte er sich an einen Herrn, der neben ihm gesessen und Zeitung gelesen hatte, »ich werde niemals ein richtiger Detektiv werden. Jedesmal, wenn es darauf ankommt, versage ich. Schnell!«

Sie eilten durch die Halle. Ehe sie die Tür erreichen konnten, fuhr das draußen wartende Auto ab. Benskin sprang in das bereitstehende Dienstauto und rief seinem Chauffeur einen kurzen Befehl zu.

»Gott sei Dank, es ist noch nicht zu spät«, murmelte er vor sich hin, »aber ein verdammter Idiot bin ich doch.«

 

Eine halbe Stunde später traf er den Chef in einer kleinen Kneipe im Stadtteil Bermondsey.

»Na, ich hatte alle Hände voll zu tun«, begrüßte Houlden seinen Inspektor. »Aber hier bin ich! Was ist los?«

»Sind die Leute auf ihren Posten?«

»Vierzig. Wir haben unsere Zeit gut genutzt. Jedes Loch in dem Lagerhaus ist verstopft. Auf dem Fluß liegt die Strompolizei bereit. Die ›Juanita‹ liegt klar zur Abfahrt an der Werft. Wie sind Sie ihm denn auf die Spur gekommen? Los, erzählen Sie. Wir haben noch fünf Minuten Zeit.«

»Wie wir durch den von Lady Muriel gefundenen Briefdurchschlag erfuhren, hatte Mathew die Absicht, im Milan die für ihn reservierten Zimmer zu beziehen und im Hotel den Anschein zu erwecken, als sei er eben mit seinem Sekretär Sacrosta aus Barcelona angekommen. Einmal sicher im Milan untergebracht, wäre es ihm leicht gefallen, aus und ein zugehen, wie es ihm beliebte. In gewohnter Vorsicht traf er alle Maßregeln, um sicher zu sein, daß man von seiner Absicht nichts ahnte. Im ersten Wagen, der vor dem Milan vorfuhr, saß der Komplice, der sich vergewissern sollte, ob die Luft rein sei. Im zweiten Wagen folgte er selbst, doch beabsichtigte er, erst dann auszusteigen, wenn sein Doppelgänger ihm Bescheid gab, daß er ungefährdet die für ihn reservierten Räume beziehen könne. Leider habe ich einen meiner üblichen Fehler gemacht. Ich hatte mich zwar im Foyer verborgen, konnte aber vom Platz des Empfangschefs gesehen werden. Der Doppelgänger Mathews hat mich denn auch, obwohl er sich nicht durch die geringste Bewegung verriet, erkannt und den wirklichen Mathew durch das offene Autofenster gewarnt. Ich folgte dem verschwindenden Wagen so lange, bis ich mir denken konnte, wohin er sich begab. Erst dann rief ich Sie an und machte mich unsichtbar.«

»Sollten wir wirklich dem Ende der Jagd nahe sein?« fragte Houlden, der den Erklärungen seines Inspektors aufmerksam zugehört hatte. »Wir haben Gilmott und seinen Sekretär im Milan festgehalten, wissen freilich genau, daß keiner von beiden der gesuchte Mathew sein kann. Diesmal soll er uns aber nicht entkommen. Wir haben ihn so ziemlich eingekreist, aber ich befürchte, daß uns noch eine schlimme Viertelstunde bevorsteht, ehe wir ihm die Handschellen anlegen können.«

»Aber durchführen werden wir die Sache«, erklärte Benskin. »Er kann doch schließlich nicht mit vierzig bis fünfzig Mann fertig werden! Ich will gern der erste sein, der sich an ihn heranwagt, Sir, doch weiß ich, daß auch meine Kollegen sich nicht fürchten werden, den Angriff zu eröffnen. Sie selbst, Sir, müssen sich fernhalten. Sie brauchen den Feldzug nur zu leiten; alles andere müssen Sie uns überlassen.«

Der Chef lächelte.

»Das wollen wir abwarten, Benskin«, meinte er. »Sind wir soweit?«

»Ja, ich bin bereit«, erwiderte der Inspektor.

In tiefem Schweigen fuhren sie nach der Riverside Street und folgten der engen Straße bis zum anderen Ende. Auf der linken Straßenseite standen die zu den Lagerhäusern führenden Türen weit offen; eine Menge arbeitsloser Männer hielt sich in ihrer Nähe auf. Benskin bemerkte viele bekannte Gesichter. Die zu den Docks führenden Tore waren verschlossen. Einer der verkleideten Beamten brachte einen mürrisch aussehenden Mann an das Auto.

»Das ist der Wächter, Sir«, meldete er. »Ich erwischte ihn gerade, als er sich mit den Schlüsseln in der Tasche aus dem Staub machen wollte.«

»Schließen Sie die Tore auf«, befahl ihm Houlden.

Der Wächter starrte ihn finster an.

»Wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er verächtlich. »Dieses Gelände gehört der Firma Gonzalez & Ardron, und ich habe strenge Befehle, die Tore geschlossen zu halten.«

»Ich bin der Vizepräsident von Scotland Yard«, erklärte der Major, »öffnen Sie sofort die Tore, wenn Sie sich keine Unannehmlichkeiten zuziehen wollen.«

Jetzt gehorchte der Wächter.

»Zerbrecht euch nur nicht über mich den Kopf. Ihr werdet noch genug mit euch selbst zu tun bekommen«, murrte er. »Geht nur los; ich wünsche euch viel Glück.«

Hinter dem Wagen des Chefs hatte ein Auto des Überfallkommandos gehalten. Ein halbes Dutzend in Zivil gekleidete Beamte sprang auf die Straße.

»Habt ihr eure Schußwaffen bereit?« fragte Houlden ernst.

Die Männer nickten.

»Gut. Kommt mit. Wir wollen uns erst einmal mit dem Dampfer dort beschäftigen. Wir sind hinter Mathew her. Jeder Ausgang nach dem Land zu ist besetzt, aber er ist schon einmal nach der Flußseite hin entkommen.«

»Diesmal wird es ihm nicht gelingen«, versicherte Benskin. »Dort unten liegt die Polizeibarkasse.« Er wies auf ein langes, schmales Rennboot. »Sie hat einen 40-PS-Dieselmotor, der schon einige Meilen die Stunde leistet.«

Vorsichtig suchten sie ihren Weg bis an den Liegeplatz des Dampfers heran. Die Laufbrücke war hochgezogen, und nichts rührte sich auf dem Verdeck der »Juanita«. Nur die Bullaugenfenster der Kabinen waren hell erleuchtet.

»Juanita, ahoi!« rief der Major das Schiff an.

Ein Matrose tauchte vor dem Mannschaftslogis auf.

»Was ist los?« rief er zurück.

»Lassen Sie den Laufsteg herunter. Hier ist die Polizei; wir wollen an Bord.«

Plötzlich tauchte neben dem Matrosen eine zweite Gestalt auf. Atemlos musterten die Polizeibeamten das Äußere des Mannes. Er war groß und hager. Sein dunkles Haar war mit Grau untermischt, das Gesicht glatt rasiert, die Augen scharf und feurig. Benskin erkannte ihn sofort.

»Besucher?« fragte der andere. »Was wollen Sie?«

»Mathew!« rief Houlden hinüber. »Lassen Sie den Laufsteg herunter! Wir wollen an Bord!«

»Alle?«

»Jawohl. Wir haben sogar noch mehr Leute, wenn Sie wünschen. Wir werden Ihnen Ihr Handwerk legen, Freund Mathew. Sie haben genug Unheil angerichtet. Seien Sie wenigstens jetzt vernünftig und geben Sie das Spiel verloren!«

Mathew warf einen Blick auf Benskin. Dann sagte er:

»Also Freund Benskin ist beim Endspurt dabei, wie? Ein hartnäckiger Mensch, das muß man ihm lassen. Wer will denn die Kronjuwelen haben?«

»Ich!« gab der Chef zurück.

»Schön! Ich erwarte Benskin in meiner Kabine. Sie liegt an der Steuerbordseite des Schiffes. Sie allein, Benskin, werde ich empfangen, keinen anderen! Der erste, der außer meinem Freund Benskin mir nahekommt, tut es unter Gefahr, sein Leben zu verlieren. Legt die Brücke hinüber«, wandte er sich an den Matrosen, der der Unterhaltung schweigend zugehört hatte. »Auf Wiedersehen, meine Herren.«

Er drehte sich um und verschwand im Inneren des Schiffes. Einige Augenblicke später kletterten die Beamten an Bord. Der Major legte Benskin die Hand auf den Arm.

»Sie wissen so gut wie ich, daß Mathew Ihnen eines versetzen will. Ich befehle Ihnen dienstlich, hierzubleiben. Burton wird ihn festnehmen.«

»Sir«, bat der andere, »wenn Mathew es nur mit mir zu tun haben will, dann wird er sich keinem anderen ergeben. Burton ist verheiratet, Sir. Lassen Sie mich hinuntergehen; habe ich mir nicht genug Mühe gegeben, die Sache so weit zu bringen?«

Aber Houlden hielt ihn fest. Sein Griff war wie von Eisen. Er winkte Burton zu, der eine Pistole in der Hand hielt.

»Ich hole ihn mir, Sir«, versprach der Beamte. »Darf ich schießen, wenn es nötig werden sollte?«

»Ohne weiteres!«

Langsam stieg Burton die wenigen Stufen hinunter und verschwand im Gang. Er war etwa zwei Meter von der Kabine Mathews entfernt, als sich deren Tür öffnete. Ein Lichtschein drang aus der Spalte heraus, und Mathew erschien auf der Schwelle.

»Hände hoch!« rief ihm Burton zu. Aber es war zu spät. Ehe er noch seine Pistole auf den andern richten konnte, hatte dieser bereits abgedrückt. Mit einem leisen Wehlaut sank Burton zu Boden. Die an Deck versammelten Beamten stießen Ausrufe des Entsetzens aus.

»Warum haben Sie mir den Falschen geschickt?« rief ihnen der Mörder zu. »Ich warte auf Benskin.«

Einer der Kriminalbeamten wollte ihn niederschießen, aber Houlden fiel ihm in den Arm.

»Wir müssen ihn lebend bekommen«, rief er. »Henshaw?«

»Hier, Sir.«

»Gehen Sie an Land und vergewissern Sie sich, ob es ihm möglich ist, durch das Bullauge zu entkommen.«

Der Beamte kehrte nach wenigen Minuten zurück.

»Es ist unmöglich, Sir«, meldete er. »Nicht einmal ein Kind könnte sich durchquetschen. Außerdem ist die Öffnung noch durch Gitter verschlossen.«

»Gut. Dann werden wir ihn früher oder später doch bekommen. Der arme Burton!«

»Wir werden uns Burton holen, Sir. Wenn er uns dabei niederknallt, dann läßt sich das eben nicht ändern.«

Zwei der Leute krochen vorsichtig den Gang entlang und zogen die leblose Gestalt ihres Kollegen dem Deck zu. Houlden beugte sich zu dem Erschossenen nieder.

»Es hat keinen Zweck«, erklärte er. »Er ist mitten ins Herz getroffen, Mathew hat seinen Schwur wahr gemacht.

»Lassen Sie mich gehen, Sir«, bat Benskin noch einmal.

Der andere schüttelte abwehrend den Kopf.

»Es wäre Mord, Benskin. Mathew will Sie mit sich nehmen, wenn er die große Reise ins Jenseits antreten muß. Er hat es sich geschworen. Sie sind ein tapferer Mann, Benskin, aber gegen ihn ein Kind. Außerdem ist er in Deckung. Sie würden gar nicht bis zur Kabinentür gelangen.«

»Es kommt auf einen Versuch an, Sir«, meinte nun auch Henshaw. »Wenn ich so weit wie Burton käme, könnte ich in die danebenliegende Kabine kriechen und mich dort verstecken. Vielleicht bekomme ich ihn dann vor die Mündung.«

»Der Gedanke ist gut. Versuchen Sie es, Henshaw«, meinte Houlden.

Der erste Teil des Planes gelang. Henshaw erreichte den Schutz der neben Mathews liegenden Kabine. Die oben Stehenden glaubten einige Male, die Tür sich bewegen zu sehen. Henshaw war augenscheinlich auf dem Posten.

»Henshaw ist wie ein Wiesel und hat Kräfte wie ein Bär«, flüsterte Houlden dem neben ihm stehenden Benskin zu. »Vielleicht bekommt er Mathew, wenn er versucht, die Kabine zu verlassen.«

Es schienen Stunden vergangen zu sein, als endlich ein Schuß fiel. Kurz darauf schleppte sich Henshaw mit blutigem Gesicht die Treppe zum Deck empor.

»Er hat mich erwischt«, meldete er und sank um.

Plötzlich öffnete sich die Tür zu Mathews Kabine, und dieser selbst erschien auf der Schwelle, im Schein der elektrischen Lampe voll sichtbar. Einer der Kriminalbeamten wollte eben abdrücken, als Major Houlden die Waffe zur Seite schlug.

»Warum verschwenden Sie Zeit und Mannschaften?« Mathew hatte die Frage gestellt. »Sie können mich vielleicht aushungern oder mich, wie es gerade eben möglich gewesen wäre, niederknallen, aber sonst+... Sie haben nicht die geringste Aussicht, mich lebend zu bekommen. Ich warte immer noch auf Benskin.«

In diesem Augenblick verstieß Benskin zum erstenmal in seiner Laufbahn gegen einen dienstlichen Befehl. Ehe ihn jemand zurückhalten konnte, war er vorgetreten, in der einen Hand eine Pistole, in der anderen ein Paar Handschellen.

»Hier bin ich, Mathew«, rief er. »Halten Sie Ihre Hände für die Handschellen bereit.«

»Sie sind doch ein vernünftiger Mensch«, lobte ihn der Mörder. »Aber gehen Sie nicht so leichtsinnig mit Ihrer Pistole um; wenn Sie sie so herumschwingen, könnte sie leicht losgehen. Bitte, kommen Sie hier herein.«

»Benskin!« hörte der Inspektor den Chef rufen. »Kommen Sie sofort zurück!«

Der junge Beamte schien einen plötzlichen Anfall von Taubheit erlitten zu haben, denn er folgte dem Befehl nicht. Sollte er die schönste Stunde seines Lebens selbst zerstören? Ohne Furcht, ja ohne einen Gedanken an die Gefahr, in der er schwebte, trat er mit Mathew in dessen Kabine.

»Hände hoch!« rief er dem anderen zu, sobald er in der Kabine war.

»Das hat noch Zeit«, erwiderte Mathew kaltblütig. »Nun tun Sie mir aber den Gefallen und stecken Sie Ihre Mordwaffe ein. Sie sollen mich doch lebend fangen, nicht wahr? Überdies wissen Sie ja ebensogut wie ich, daß ich Sie hätte niederknallen können, wenn ich das gewollt hätte. Schießen werden Sie also bestimmt nicht. Setzen Sie sich dort hin. Ich habe Ihnen, ehe wir Schluß machen, noch etwas mitzuteilen.«

»Ich bleibe stehen. Machen Sie schnell, wenn Sie mir noch etwas mitzuteilen haben.«

»Sie wundern sich wahrscheinlich, warum, ich meine Niederlage so gefaßt aufnehme? Ich will es Ihnen erklären. Ich bin noch nie besiegt worden, weiß aber, wann das Ende gekommen ist. Entweder haben meine geistigen Fähigkeiten in letzter Zeit nachgelassen, oder Sie sind klüger, als ich vermutet hätte. Diesmal haben Sie mich jedenfalls überlistet, obwohl ich alle Zufälle mit in Rechnung gezogen hatte. Einen Augenblick bitte!«

Er streckte den Arm aus. Ehe Benskin ihn hindern konnte, hatte er den Riegel vor die Tür geschoben.

»Nur eine Vorsichtsmaßregel«, klärte er seinen Besucher auf. »Ich möchte verhindern, daß Sie sich mit Ihren Kollegen in Verbindung setzen. Ich will nämlich nicht, daß einer von ihnen uns hier unvermutet stört. Wissen Sie, Freund Benskin, was das hier ist?«

Er zeigte auf eine kleine Kiste, aus der das Ticken einer Uhr klang.

»Es sieht aus, als wäre eine Uhr darin«, meinte Benskin.

»So ist es auch. Diese Uhr steht aber mit einem Apparat in Verbindung, der in neuerer Zeit etwas aus der Mode gekommen ist: mit einer Höllenmaschine. Wissen Sie, wie spät es ist, Benskin?«

»Zehn Minuten vor sechs.«

»So spät schon? Mit diesem kleinen Spielzeug habe ich mich schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Ich wollte Vorsorge für die Stunde treffen, wo ich einmal nicht mehr weiter konnte. Der Gedanke, daß ich nicht allein in die Ewigkeit eingehen würde, sondern meinen Häscher mitnehmen könnte, machte mir die Aussicht auf die vielleicht unausbleibliche Niederlage schmackhafter. Seit zweiundzwanzig Jahren bin ich, was die Welt einen Verbrecher nennt. Und während dieser ganzen Zeit ist es niemandem gelungen, mir Handschellen anzulegen.«

Mit einem Sprung stand er neben Benskin und hatte ihm, ehe dieser sich noch wehren konnte, die Pistole aus der Hand gerissen.

»Ich weiß, Sie würden mich nicht niederschießen, da ich selbst unbewaffnet bin«, meinte er. »Aber ich wollte verhindern, daß Sie mich anschossen und dann die Tür öffneten und Ihre Leute herbeiriefen.«

»Vielleicht darf ich jetzt auch einmal einige Worte sagen, Mathew«, unterbrach ihn Benskin. »Ich verdiene Ohrfeigen dafür, daß ich mich so leicht entwaffnen ließ aber wollen Sie mir bitte zuhören?«

»Sie haben noch fünf Minuten Zeit, Benskin. Beeilen Sie sich.«

»Ich allein«, begann der Inspektor, »bin Ihnen seit Monaten auf den Fersen. Meine Kollegen kannten Sie weniger, machten sich auch nicht viel daraus, ob Sie lebend oder tot in die Hände der Polizei gerieten. Ich allein hatte mir einen Eid geschworen, nicht zu ruhen und zu rasten, bis ich Sie zur Strecke gebracht hätte. Alles andere habe ich liegen lassen, nur um das eine Ziel – Sie! – zu erreichen. Ich war es auch, der den Plan zum heutigen Schlag gegen Sie faßte.«

»Sie haben tadellos gearbeitet«, murmelte Mathew.

»Sie können sich Ihre ironischen Bemerkungen sparen«, brach Benskin los. »Wir wollen die Angelegenheit zwischen uns regeln. Hier bin ich! Ich fürchte mich nicht!«

Er brannte sich eine Zigarette an. Seine Hand war ruhig, und kein Zittern verriet seine Erregung.

»Ich will gern hier warten, bis diese Maschine uns in die Luft schickt«, fuhr er fort. »Aber lassen Sie mich die anderen warnen. Auch Ihre Mannschaft soll nicht unschuldig für uns büßen.«

Mathew schüttelte den Kopf.

»Die Besatzung hatte Befehl, das Schiff um fünf Uhr fünfzig zu verlassen«, sagte er. »Haben Sie nicht gehört, wie sie eben an Land gegangen ist? Es fehlt nur noch eine Minute, Mr. Benskin. Ihre Freunde warnen zu lassen, kann ich mich leider nicht entschließen. Ich freue mich auf die Überraschung, die einige von ihnen vielleicht empfinden werden, wenn sie plötzlich in die Luft gehen. Haben Sie je eine Bombe explodieren sehen? Nein? Nun, ich kann Ihnen versichern, daß von diesem Schiff auch nicht eine Niete übrigbleiben wird. Die Kronjuwelen – sie liegen neben Ihnen dort im Fach – dürften ungefähr auf Ludgate Hill niedergehen.«

Benskin hatte jede Hoffnung aufgegeben. Seine Blicke wanderten der Uhr zu. Eben holte das Werk zum Schlag der sechsten Stunde aus.

»Die Stunde ist gekommen«, erklärte der Verbrecher lächelnd. »Horchen Sie!«

Aus der Kiste drang ein schnurrender Ton. Benskin, die Arme über der Brust gekreuzt, blickte seinem Gegner kühl in die Augen. Er sah dessen höhnisches Lächeln, die funkelnden Augen, das glattrasierte Gesicht, den grausamen Zug um die feingeschwungenen Lippen. Das Schnarren in der Kiste hörte plötzlich auf. Mathew erhob sich, und seine Hände griffen nach dem Kaminsims.

»Ich beglückwünsche Sie, Freund Benskin«, rief er aus. »Sie haben Ihr eigenes und das Leben Ihrer Kollegen gerettet. Eine einzige menschliche Eigenschaft vermag mir nämlich zu imponieren: Mut. Ein Zucken Ihrerseits, und Sie wären jetzt ein toter Mann. So aber – meine, herzlichsten Wünsche begleiten Sie!«

Benskin war schnell, aber sein Gegner kam ihm zuvor. Immer noch die glimmende Zigarette zwischen den Lippen, hatte Mathew einen Revolver an seine Schläfe gesetzt und losgedrückt. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank er auf dem Tisch zusammen und stürzte gleich darauf zu Boden. Nachdenklich musterte Benskin die leblose Gestalt; dann ging er zur Tür und öffnete sie.

Als die erregten Beamten in die Kabine stürzten, fanden sie ihren Kollegen neben der Leiche Mathews kniend. Kein Triumphgefühl war ihm anzusehen, als ihn der Chef beglückwünschte.

»Er hat mich zuletzt doch noch überwunden«, murmelte Benskin vor sich hin.

 

Houlden begrüßte Benskin lächelnd, als dieser sich nach Ablauf seines Urlaubs bei ihm meldete.

»Aber, lieber Freund«, gab er ihm zu bedenken, »Sie haben eine Menge Arbeit, die hier auf Sie wartet. Sie sind noch jung und haben bei Ihren Vorgesetzten einen guten Stand. Was fällt Ihnen ein, jetzt, wo alles gutgeht, zurücktreten zu wollen?«

»Ein neuer Mathew wird niemals wieder auftauchen, Sir«, antwortete der andere. »Und käme, wirklich noch einer – ich glaube nicht, daß mir viel daran liegen würde, ihn zu verfolgen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß ich niemals ein erstklassiger Kriminalbeamter werden würde.«

»Aber ein tadelloser Angler sind Sie«, warf Lady Muriel ein. »Auch ein besserer Reiter, als ich jemals vermutet hätte.«

Major Houlden musterte die beiden nachdenklich. Dann lachte er.

»Wohin wollen Sie denn, Benskin? Was wollen Sie anfangen?«

»Ich will nach Irland«, beichtete der Inspektor.

»Sie sind ein sehr guter Heiratsvermittler, Sir«, lachte Lady Muriel und gab Benskin einen Kuß.

 

Ende

 

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