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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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VII

Nur mit Sachs hatte er beständige Kämpfe auszutragen, der nun einmal zu bedingungslosem Glauben und Hinnehmen nicht geschaffen war und sowohl geistiger Erörterungen, als auch gewisser Erregungen aller Leidenschaften bedurfte, um seine immer wieder erwachende skeptische Natur durch die Gegenstimme eines Erhöhungsbedürfnisses und Glaubenstriebes besiegen zu lassen.

Wieweit dieses Verhalten unbedingt und natürlich, wieweit es durch weltliche Rücksichten bestimmt war, bleibt dunkel, soviel steht aber fest, daß sich der merkwürdige Geist der Verneinung, als welcher er im ganzen Kreise bekannt war und sein Wesen trieb, jedenfalls aufrichtig genug auch zu einer Zeit äußerte, da er den Gläubigen angehörte. Er pflegte bald bei diesen, bald bei jenen unter oder übergeordneten Mitgliedern, vorzüglich bei Frauen – war er doch durch seinen Stand als Arzt, da ihm die Behandlung aller Zugehörigen anvertraut war, hinlänglich gerechtfertigt – die Empfindungen und Lehren gern ins Ungemessene zu übertreiben, wodurch sie in abschreckender Verzerrung erschienen, oder mit höhnischer Selbstverspottung herabzusetzen, wodurch er die solcher Dialektik Ungewohnten mit seinen spitzen Gründen zur Verzweiflung hetzte. Denn wenn man ihn hörte, war gleich das Höchste und alle innere Gewißheit in ein Nichts, noch schlimmer, in ein Gemeines und ins Fragwürdigste verwandelt. Dabei fand er an den ohnedies für die meisten unverständlichen und gefürchteten, absichtlich im Dunkel gelassenen oder dem eigenen Ermessen der Einzelnen überantworteten Lehren der geschlechtlichen Reinigung und Läuterung ein besonderes teuflisches Vergnügen, indem er gerade die sinnlichen Zustände, Empfindungen und Gedanken der weiblichen Mitglieder dringlich erforschte, die Bekenntnisse hierüber durch halb ärztliche, halb gläubige Fragen nach Möglichkeit ausbreitete, andererseits gerade dieses Heikelste mit jener ärztlichen Selbstverständlichkeit erörterte, die von den übrigen als Zynismus oder als grobsinnliches Behagen empfunden werden mußte. Die jungen Mädchen schonte er und erschreckte sie nur gelegentlich durch eine starke Frage oder eigentümlich dreiste Offenbarung, dann erröteten sie und antworteten etwas Unbeabsichtigtes, worauf er seine früheren Anspielungen völlig ins Harmlose, Geistige und Gläubige umdeutete, so daß sich die Unglücklichen erst recht als hintersinnig und verdächtigt, selbst des Mißverständnisses schämten, hingegen ließ er sich den Frauen gegenüber, bei denen er eine gewisse Vertrautheit voraussetzte, mit einiger Kühnheit gehen und erregte bei den stetigen, ernsten und gefaßten Naturen gelegentlich unverhohlenen Abscheu, den er dann durch gesteigerte Demut, Gläubigkeit und Gehorsam vergessen machen mußte, bei den Unsicheren aber, die in der Lehre erst Halt und Beruhigung suchten, ein unsicher prickelndes Gefühl berührter Instinkte, scheues Gelächter, innerste Schwankung, nachher Bestürzung. Und das eben war seine Absicht. In jedem Einzelnen vermochte er die dichten, aber leichten Schleier mit einem einzigen Wort, mit einer beiläufigen Frage oder Gebärde wegzuziehen, die über der Hölle des Gemütes hängen. So konnte sein bloßes Erscheinen alles ins Bodenlose und Entsetzliche zurückdrängen, was ohne ihn als Klarheit, Ordnung, beherrschte Kraft erschien und sich fügte. Er machte die Erde unter den Füßen brennen, die Hirne in den Schädeln sieden, er schien mit allen Sinnen verbündet, die Ebel fesseln wollte, so daß sie bloß durch seine Nähe Zuversicht bekamen und aufbegehrten.

Gleichwohl hing Ebel mit einer merkwürdigen Zähigkeit gerade an diesem gefährlichen Manne und beschwichtigte die empörten oder besorgten Klagen beleidigter Frauen des Kreises entweder mit gleichgültigen Worten oder mit lächelnden, sie hätten Sachs sicherlich mißverstanden, er habe es nicht so arg meinen können und dergleichen. Dem Arzt wiederum verwies er etwa sogar mit aufbrausendem Zorn solche selbständige und zerstörende Handlungen und Reden, aber er wurde durch dessen ruhig spöttisches Verhalten sogleich still gemacht und zog sich zurück, bis die Sache auf diese Weise wieder einschlief.

Ebel fürchtete den Arzt, aber nicht so, wie es der böse Ausgang gerechtfertigt hätte, als Zeugen lichtscheuer Handlungen, als Ankläger geheimer Verfehlungen, sondern als Geist, der ihn besiegen, seine Lehren verhöhnen und dadurch um ihre Kraft bringen konnte. Er glaubte gerade diesen Widerstrebenden um jeden Preis bändigen zu müssen, als hinge an dessen Glauben und Anerkennung seine eigene ganze Macht. Der Arzt war gewissermaßen die Verkörperung der Zweifel, die Ebel selbst gegen sich vorzubringen hatte, ein tieferer Sinn lag schon im Namen, den er dem Gefürchteten beilegte: »Hauptzentralnatur der Finsternis«; wie jede Weltordnung ihr Böses und ihren Widerspruch braucht, den sie unter ihren Füßen bändigt, so fand Ebel auch für die seinige diese Stimme des Dunkels und Hohnes an Sachs.

Die Frauen nahmen den Arzt anders und scherten sich nicht um seine geistige Bedeutung, er war ihnen bloß widerwärtig und gefährlich, sie wollten ihn unschädlich machen, wenn sie schon nicht wagten, ihn gegen den Willen des Meisters gar auszustoßen. Aber Sachs war nicht so einfach zu behandeln und übte, ließ man ihn überhaupt nur in die Nähe, wiederum eine eigentümliche Art bedrängenden Zaubers selbst auf feindliche Naturen aus, denn sein Betragen hatte sogar im Hohn eine gewisse Anmut, und wo er die Frauen eigentlich am tiefsten erniedrigte, eine entsetzliche Huldigung.

So war es dazu gekommen, daß er eine der Damen des Kreises, allerdings nicht eine der Vordersten, bei einer Unterredung, die dazu bestimmt war, ihn zu besiegen und zu beschämen, bei der Frage des Bekenntnisses der beiderseitigen Regungen und der Bekämpfung der niedrigen Triebe durch Gewöhnung an die Gefahr, recht in die Enge trieb. Er erklärte sich selbst mit allem Ernst als unverführbar und sogar dem Anblick hoher Reize einer so schönen Frau gegenüber vor Versuchung sicher. Die Törin, aus Begierde, über ihn zu triumphieren und ihn des Gegenteils zu überweisen und aus jenem Triebe selbst, den sie unterdrücken wollte, der sich aber mit der Eitelkeit verbündete, entblößte nun ihre schönen Schultern mit einer, wie es schien, unabsichtlichen Bewegung, indem sie den Schal herabgleiten ließ. Sachs benützte den Augenblick, zeigte sich zwar, was die Sinne betraf, nicht als frei, aber dafür einer dankbaren Gelegenheit gewachsen, stürzte sich mit anderen Küssen, als den sonst erlaubten auf die anmutige Versucherin und war geschickt oder glücklich genug, an Stelle eines eigenen Sündenbekenntnisses eine angenehme gemeinsame Verfehlung zu erzielen.

Sei es, daß dieser Vorfall ruchbar geworden, sei es, daß ähnliche sich wiederholt hatten, oder daß nur die Art des Mannes die Bekenntnisse der Frauen hervorzulocken, zu deuten oder durch eigene zu reizen ihn verdächtig machte, oder daß er als Zeuge gefürchtet, als zweifelhafter Anhänger mißliebig war, Ida von der Gröben ließ ihn eines Tages berufen. Diese Ladung traf den Arzt in einer schweren Gemütserschütterung, da gerade zu dieser Zeit seine Frau verschieden war. Schmerz und Verzweiflung, Hoffnung einer höheren Gemeinschaft, die Vergebung der Sünden und Vereinigung in Aussicht stellte, Bewußtsein der Schuld, Reue, tiefster Zweifel an dem eigenen Wesen, Unsicherheit über alle Verhältnisse zu allen Menschen verwirrten den sonst überklaren Verstand und warfen ihn ganz in den Schwall von Gefühlen, unter denen er wie ein unkundiger Schwimmer mehr zu kämpfen hatte, als daß er sie teilte. Ida von der Gröben veranlaßte den Grafen Kanitz zu folgendem Briefe:

»Ich habe, seit wir uns nicht gesehen, doch Tag und Nacht heftige Pein um Sie gelitten und meine Seele zittert vor dem Verderben, davor Sie stehen. Ich habe seit der Zeit unablässig zu Gott geschrieen, und ich weiß, worum ich ihn bitte! Mich verlangt zu hören, was in Ihnen vorgeht, denn ich bedarf der Botschaft hierüber; sagen Sie mir, ob Gott Sie treffen kann? Mit der Angst um den Untergang Ihrer Seele und um alles Verderben und Elend, das Sie über Ihre unglückliche Frau, über unzählige Menschen und die Welt bringen? Kann Gott Sie hier treffen, so wird das erwachte beängstigte Gewissen Sie die Hilfe ergreifen lehren; und darauf warte, danach frage ich mit unermüdlichem Eifer und fürchterlichem Ernst und Strenge. Kommen Sie heute um vier her und bringen Sie mit den Beginn Ihrer Rettung. Ich erwarte Sie, denn ich habe zunächst mit Ihnen zu sprechen und werde nicht ablassen, bis Gott in entschiedenem Segen oder Fluche hinausführt das Ende des, das er hier begonnen an Ihnen und durch Sie! Daß der Arm des allmächtigen Gottes Sie ergreife!«

Sachs erschien zu dem Verhör, den unbedingten Gehorsam gegen die Übergeordneten wagte er selbst am wenigsten außer acht zu lassen, waren es doch Grafen und Gräfinnen, die ihn forderten, denen er die endlich erlangte Professur verdankte, die seine ärztliche, seine Stellung in der Welt beeinflußten, kurz, er gehorchte. Aber vielleicht hätte er es in dieser Stunde, in dieser Gemütsverfassung auch ohne solche äußeren, zwingenden Verhältnisse getan.

Er fand sich vor dem Grafen Kanitz und der Gräfin von der Gröben und hatte es schwer, den beiden gegenüber eine halbwegs richtige Haltung und die nötige Sicherheit zu behaupten, denn die gesellschaftliche Gewandtheit, die er sich nur mit Mühe hatte aneignen können und jedesmal mit tausend Zweifeln auf die Probe gestellt sah, war den beiden Vornehmen selbstverständlich, dazu eine Überlegenheit des fraglosen Gemütswesens über seine, beständig von den Einwendungen der Vernunft gequälten und verstörten Gefühle. Der ganze Mann, sonst selbstbewußt und auch nach dem Äußern ansehnlich, erschien unsicher und mit einem peinvollen Lächeln, das ihn anderwärts dem Mitleid empfohlen hätte. Aber in Fragen ihres eigensten Bekennens und der Zugehörigkeit kannten diese zwei Wesen kein Erbarmen.

Kanitz sah ihn streng an und hielt ihm den eigentümlichen Spott vor, der seit einiger Zeit in allen seinen Reden gegen die Freunde bemerkbar werde, und womit er eben schmähe und herabsetze, was er bekannt habe und noch bekenne. Es sei ein gewisser Trieb in ihm, gestand Sachs mit einiger Verlegenheit, gleich mächtig und gefährlich wie irgendein sinnlicher, wie eine verzehrende Begierde, alles, was sein Gemüt, sein innerstes Wesen betreffe und ihn aufs stärkste ergriffen habe, durch eine merkwürdige Gegenstimme wiederum abzuschütteln und sich gewissermaßen davon zu befreien. Sein Verstand bedürfe immer der Hervorbringung der Gegensätze, des Vergleichs, einer Messung aller gegeneinanderwirkenden Kräfte. Diesem Triebe habe er bei derartigen beanstandeten Bemerkungen nachgegeben.

Kanitz fragte, ob nicht jedes Wort des Zweifels an sich schon Lästerung sei. Sachs schüttelte halb ratlos, halb ärgerlich den Kopf. Die Gräfin setzte das Verhör fort, er habe aber nicht bloß den Glauben, die gemeinsame Überzeugung, sondern auch einzelne, vor allem den Pfarrer Ebel selbst verdächtigt und mit lästernden Bemerkungen getroffen. Das möge so sein, aber der Herr Graf und die Frau Gräfin sollten nur einmal ihr eigenes Herz prüfen, ob sie nicht alles, was ein Mensch überhaupt denken könne, gedacht hätten, eben weil es denkbar sei, eine Reinigung des Denkens scheine ihm noch viel hoffnungsloser als eine der Sinne.

Kanitz drängte weiter, was man etwa bloß als Gedanken denke, wie man sich eben etwas Vorstellbares gelegentlich vorstelle, sei bei einem von Natur fragwürdigen Gemüte wie dem seinigen zunächst nicht anzuklagen, wohl aber das gefährliche Verneinen, das dann in seiner ganzen Haltung, in jeder Äußerung peinlich hervorbreche. Er solle sagen, ob er noch zu ihnen gehöre, oder nicht, es stünde ihm ja zu gehen frei, wohin es ihm gefiele, aber einen spöttelnden Anhänger, einen gegnerischen, einen Wolf im Schafspelz wollten sie nicht dulden.

Sachs beteuerte, er denke heute wie immer, soweit sein freier Wille in Betracht komme; den Einspruch seiner triebhaften Verneinung, seines angeborenen Zweifels könne er nicht verhindern. Er müsse ihm entgegenwirken, wie jeder anderen gemeinen Versuchung.

Ida von der Gröben sah den Doktor Sachs bei diesen Worten mit so strenger Leidenschaft an, daß die eigentlich kleine Frau gleichsam von innen her wuchs und mit einer Schönheit, die durch die Empfindung erhöht war, den Spott unterdrückte, den der Arzt etwa während des ganzen Verhörs im Stillen als Gegenstimme gehegt haben mochte. Die Kraft ihres Blickes machte ihn gefügig, so daß er vielleicht sogar vergaß, daß er einem Weibe, nicht einer Überzeugung folgte.

Sie wollten aber nun auch seine Zweifel und seine verwerflichen Meinungen und Handlungen kennen, und er müsse sie alle einzeln aufzählen und erklären, Besserung und Bekämpfung geloben, bevor sie ihn entließen. Sachs bekannte nun, daß er vor allem an Ebel und seiner Sendung, an dessen unbeweisbaren Behauptungen und Offenbarungen gezweifelt und sich darüber auch geäußert, daß er die Lehre von der Bekämpfung der sinnlichen Triebe durch den freien Willen bis zu ihrer völligen Unwirksamkeit für widernatürlich und zwecklos gehalten, daß er immer wieder versucht sei, ihr entgegen zu handeln, wie er auch ähnliche Versuchungen bei anderen beobachtet und allerdings durch Worte und Handlungen bestärkt zu haben bekenne. Ebels und vieler anderer Menschen Lebensführung im heiligen Sinne sei ihm oft als Heuchelei oder als grober Selbstbetrug erschienen, eben weil er die Möglichkeit solcher verleugnenden Ausmerzung aller menschlichen Lust nicht glauben wolle.

Seine Sündenlitanei ging lange so weiter und hob mit jedem Eingeständnis eigentlich die ganze Gemeinschaft auf, machte aber wieder durch, wie es schien, aufrichtige Reue alles Vergangene ungeschehen. Es war ein so wüstes Durcheinander von Bekennen und Zweifeln, Begehren nach Glauben und Bedrängnis durch Spott, von innerster Lebensangst und Hoffnung, die nach Halt verlangte und ihn bei dieser Gemeinschaft suchte, die ihm als edel und auserwählt erschien, während er sie andererseits verhöhnte, ein solches widersinniges Gegeneinanderzeugen aller Stimmen in diesem Bekenntnis, daß Ida und der Graf Kanitz zugleich entsetzt und verzweifelt diese schwelende Hölle eines menschlichen Gemütes sahen und darüber in ihrer eigenen Sicherheit mehr Mitleid als Zorn empfanden, während der Angeklagte wiederum sich der Demut nicht schämte, womit er um Gnade bat, als hinge sein Leben davon ab, daß ihn der Kreis dulde, den er doch wieder in jedem Augenblick verriet.

So sollte er einen Bericht aller seiner Sünden, der Handlungen wie der Gedanken schriftlich abfassen und Ebel vorlegen. Mit ihm sollte er sich aussprechen, dann werde er wieder ins Klare kommen und der Gemeinschaft von neuem würdig sein.

Sachs zeigte sich über diese Begnadigung so unverkennbar und ehrlich beglückt, so befreit und versöhnt, daß auch die beiden Richter eine gewisse Genugtuung empfanden, als wäre ihnen eine wahrhafte Seelenrettung geglückt. Indessen hatten sie freilich nur den Druck fremder, entgegengesetzter Naturen über eine andere bestimmbare, schwankende und unzufriedene ausgeübt. Aber Sachs war so beschämt, so besserungseifrig, so gedemütigt, so beflissen, sich wieder mit seinem ganzen Kreise zurechtzustellen und in Gnaden aufgenommen zu werden, daß er das schriftliche Bekenntnis in der Tat eiligst und doch aufs genaueste niederlegte und der Gräfin von der Gröben einhändigte. Ein Bedürfnis, zu zeigen, daß er diesen Vornehmeren an Sinnesart gleich sei, ließ ihn jede Vorsicht hintansetzen und mit diesem Berichte, der durch arge Tatsachen gegen ihn zeugte, seinen Kopf gleichsam den Mächtigen ausliefern. Diese Reuehandlung versöhnte ihn wieder mit Ebel, aber sie veränderte doch den Mann selbst und sein fragwürdiges Verhältnis zu den andern nicht, so daß er bald als Sünder und Abtrünniger, oder doch als ganz Unzuverlässiger galt, der von allen zurechtzuweisen war, bald wiederum als Mittler zwischen den unnahbaren Oberen und den fernerstehenden Gliedern, indem er Ebels und der Frauen Aufträge ausrichtete, Gewissen erforschte und dergleichen, da er als Arzt sich besonders für vertrauliche Sendungen und Prüfungen eignete, je nachdem eben die Wage seiner wechselnden Anschauungen nach der Verstandes- oder nach der Gefühlsseite neigte. Den merkwürdigen Zustand, daß man einen so unzuverlässigen, schwankenden, gelegentlich höhnischen, selbst feindseligen Mann so lange als engsten Vertrauten litt, trotzdem man seine zweifelhafte Gesinnung erkannt und in engen Auseinandersetzungen zu spüren bekommen hatte, mag man nur in der eigentümlichen Natur solcher geistigen Beziehungen erklärt finden, am Widerspruche und gerade in entgegengesetzten Trieben sich zu bewähren. So ist ja auch Sachsens Bedürfnis nach Duldung in Ebels Gemeine zu verstehen. Diese inneren und äußeren Verhältnisse brachten in den sonst einigen Kreis manche Aufregungen und Trübungen, die Ebel wieder, der in ihrer Mitte eigentümlich zurückgezogen und unnahbar wie in seinem Allerheiligsten waltete, zu wunderlichen Deutungen veranlaßten, indem er aus diesen Vorgängen in nächster Nähe gewaltige Zustände und Ereignisse der äußeren Welt, der Natur wie der Geschichte ableitete. So stand eine Überschwemmung in Rußland mit der Untreue des Doktor Sachs in Zusammenhang, aus Krisen unter seinen näheren Anhängern folgerte er politische Schwankungen und Gefahren, wie zum Beispiel türkische Kriegsdrohungen und dergleichen.

Aber bald sollten bedeutendere Umstände in Königsberg selbst ihn und die Seinen näher bedrängen. Sein Gönner Auerswald, Ida von der Gröbens Vater, war gestorben und die Landhofmeisterschaft auf seinen Schwiegersohn Theodor von Schön übergegangen, der zwar die Vorzüge der gesellschaftlichen Stellung seiner Familie benützte, aber, völlig anderer Richtung, die erlangte Macht in einem Sinne auszuüben begann, welcher der Amtsführung des alten Auerswald entgegengesetzt war. Schön gehörte zu den liberalen Nationalisten, die damals in Preußen eine demokratische Verwandlung der Dinge, eine Belebung und Erneuerung des gemeinen Wesens durch die sogenannte Aufklärung wünschten und anstrebten. Begreiflich genug erzürnte die Schwärmerei und dunkle gesellige Vereinigung den Nüchternen, durch Logik und Klarheit innerhalb der faßlichen täglichen Dinge zugleich erhellten und beschränkten Kopf aufs äußerste – sind doch alle Verstandesmenschen die ärgsten Buchstabengläubigen des Unglaubens. Als Verwaltungsmann mit Wissen und Willen derb zupackend und in der Wahl seiner Mittel nicht sehr ängstlich, beschloß er, dem Spuk in Königsberg geradezu auf den Leib zu rücken und müßte er dabei seine Standesgenossen, seine Schwägerin selbst, die Gräfin von der Gröben, und all die andern ins Herz treffen.

In der Mitte des schleichenden, dämmernden und zehrenden Übels schien ihm Ebel und dessen Gemeinschaft zu stehen. Er hatte manches gehört, das sie ihm verdächtig machte; da er ihre leidenschaftliche und geradezu ansteckende Frömmigkeit, den Einfluß kannte, den sie auf so viele ausübten, und da er diese ihre Wirkung verabscheute, war er nur allzusehr geneigt, sie noch anderen, geheimen, bösen, ja verbrecherischen Grundsätzen und Handlungen zuzuschreiben. So glaubte er manchen, insgeheim verbreiteten Gerüchten, die den Männern und Frauen der Ebelschen Gemeinde allerhand geschlechtliche Ungeheuerlichkeiten nachsagten, die unter dem Schein und Vorwand der Lehre begangen werden sollten.

Bevor er genaue Schuldbeweise in der Hand hatte, konnte er freilich nicht geradeheraus vorgehen. So führte er zuerst bloß einen Schlag, der den Bau des Fuchses vernichten sollte, indem er die Schließung der Altstädtischen Kirche anbefahl, die vorgeblich baufällig war. Dadurch zwang er den Archidiakon Ebel, seine Predigten in einer weit ungünstiger, fern vom Herzen der Stadt gelegenen Kirche zu halten und hoffte ihn dadurch der vornehmsten Hörerschaft zu berauben, wenigstens den Zuzug neuer Elemente der besten Gesellschaft fernzuhalten und den gefährlichen Mann mit seiner Schar engster Anhänger gleichsam zu vereinzeln und ihn dann leichter zu vernichten.

Diese, vorerst freilich nur versteckten Handlungen der Feindseligkeit und der allerdings gleich in der ersten Zeit der Schönschen Amtsführung merkliche Geist der Neuerung und unbarmherzigen Vernunftherrschaft mußten in Ebel und den Seinen das Gegengefühl des bedrängten Glaubens und das Bedürfnis stärken, die Macht ihres besseren Wesens und die Herrlichkeit Gottes, von der sie wußten, deutlicher zu erweisen und den Leugnern zu Gemüte zu führen. Jetzt oder nie schien die Zeit gekommen, wo die Offenbarung zu beginnen, die Wiederkunft zu erfolgen, die Predigt der Worte Gottes gewaltig anzuheben hätte. Eine tiefe, innere Erregung gärte in allen leidenschaftlichen Seelen. Die zwei ewigen Feinde innerhalb der menschlichen Gesellschaft, die ins Irdische eingewachsenen Verstandesmenschen und die schwärmerisch ausgreifenden Gefühlsbeherrschten spürten sich aufgerufen, ohne daß irgendeine auffällige Kundgebung geschehen wäre. Es gibt Zeiten, wo diese eingeborene geistige Feindschaft alle anderen Gegensätze oder Zugehörigkeiten vergessen macht. Sie erregten in Ebel und den Seinen schier unbewußt ein nicht mehr zu bändigendes Begehren nach wunderbarer Erweisung ihrer Wahrheit.

Vielleicht hätte Ebel noch gezögert, der überhaupt mit seiner Trennung von Schönherr und der erlangten Alleinherrschaft ein gewisses Ruhe- und Friedensbedürfnis empfand, zumal er seine Macht inmitten einer bedeutenden Schar so angesehener Gläubigen ohne Widerspruch genießen konnte, aber die Frauen, vor allem die Gräfin von der Gröben und die seit ihrer Ehe zugleich verstörte und schwärmerisch erregte Minna Kanitz trieben ihn durch ihre Bitte und ihren überzeugten Eifer zu einer entschiedeneren Wahrsagung der kommenden Entscheidung. Nicht erst das Jahr 1836 sollte die Schlachten des Tausendjährigen Reichs erwecken, die Frömmigkeit und der Wille der Gläubigen wollten sie – nicht zum Heile – beschleunigen.

Minna Kanitz und die Gräfin von der Gröben wußten, Ebel sei der wiedererstandene Heiland. Wenn sie ihn dazu drängten, den Tag der Offenbarung für eine baldige, vorzubereitende allgemeine Zukunft anzusetzen, so brannte in ihnen wohl der Eifer, diese höchste glückselige Einheit sinnfällig zu erleben und andern zu zeigen, während Ebel, der sich selbst nur als Prediger und Vermittler der Wahrheit ansah, die leibhaftige Wiederkunft Christi erhoffte. Weil er sie glaubte, mußte er sie auch beschleunigen können.

Zur selben Stunde, da der Herr weiland auf dem Ölberge verklärt worden, in der Osterwoche, werde er wieder erscheinen. So war es den Frauen recht, die an diesem Tage das größere Wunder von Ebels Einheit mit Christus erwarteten. Nun hatte die erwachte Leidenschaft der übrigen ihren Sinn und Gegenstand. Sie hielten Versammlungen und Gebete ab und bereiteten sich vor, denn Christus sollte seinen neuen Gläubigen in verklärter Gestalt, gekleidet in himmlisches Licht, erscheinen, gerade wie damals den Aposteln auf dem Berge. Man sollte den Herrn als Gemeinde vereinigt und in heiterer Erwartung begrüßen, der wie ein Gast in eine fröhliche Gesellschaft, wie dereinst zur Hochzeit von Kana, auch hier nach so vielen Jahrhunderten abermals zu einer Hochzeit treten würde. Ein armes junges Mädchen sollte einen braven Jüngling heiraten, Aussteuer, Mahlzeit, bekränzte Kirche, alles sollte den hohen Tag würdig vorbereiten und ausfüllen. So sehr die Gräfinnen von der Gröben und Kanitz in Ebel drängten, dieses Fest der Wiederkunft anzusetzen, so sehr widerrieten andere die gefährliche Probe, insbesondere Graf Finkenstein, ein besonnener, frommer, doch weltgewandter Herr, der mit seiner Gattin dem Ebelschen Kreise angehörte, aber eine gewisse Unabhängigkeit beanspruchte, die ihn oft genug mit den Unbedingte in Widerspruch setzte. Ebel, der die Frage zu entscheiden hatte und von seinen Frauen bedrängt wurde, sich für den Termin auszusprechen, verhielt sich, wie immer bei solchen an den Leib rückenden Fragen, zögernd und schwankend. Dem Grafen Finkenstein verwies er seine Kleingläubigkeit und Furchtsamkeit. Wo immer der Herr erwartet werde, dort sei er sichtbar oder unsichtbar Gast, und wenn die Herzen ihn riefen, wolle er sich nicht entziehen, aber freilich dürfe kein Zweifel ihn abhalten. Hingegen äußerte er sich den Frauen gegenüber hinhaltend und unbestimmt. Er verbot ihnen weder die Anberaumung des Festes, noch die Hinausgabe des Losungswortes von der Wiederkunft des Herrn, aber er mengte sich nicht in die Vorbereitungen, tat nichts zu besonderer Verherrlichung und hielt sich, so weit er konnte, von persönlichen Äußerungen und jeder unmittelbaren Einmischung zurück.

Nur der Pfarrer Diestel, als unbedingter Gefolgsmann, wie ein derber Korporal, der die Sache des Leutnants unbedingt zu der seinen macht, betrieb die Angelegenheit mit allem leidenschaftlichen und beschränkten Eifer, mit Grobheit und übertriebener Verzückung, mit phantastischen Ausmalungen, in deren derben Zügen sich seine rohe, armselige Natur mit ihrer ganzen Einfalt darstellte. Er rannte herum und klagte bei allen Freunden unter einem Schwall von Worten und Tränen über seine Sünden, die ihn des großen Tages und der Heiligung unwert machten, wobei die komische Weise des heulenden Poltrons abstoßen und Ekel erregen mußte, den er wiederum wie eine gerechte Strafe hinnahm, als hätte er ihn mit Absicht hervorgerufen. War er mitten im Jammern und Zähneklappern, so konnte er plötzlich den Tabaksbeutel hervorziehen, seine Meerschaumpfeife stopfen, in Brand setzen und zu paffen beginnen, was als eine gröbste Ausschreitung der Begierden verpönt war, die man zu allererst bekämpfen sollte. Da er freilich mit seinem Geheul lästig fiel, sah man ihn, der an sich auf keine Weise wichtig erscheinen konnte, nicht einmal als Raucher besonders an, er aber verfehlte nicht, auch diese neuerliche Sünde in seine allgemeine Verfehltheit mit lautem Hallo einzubeziehen, also demütige er sich vor dem Herrn und erhalte sich im Gefühle seiner Verdammtheit bis zur Erlösung. Indes also die vornehmen Frauen mit sanftem Eifer und in der Stille das große Ereignis vorbereiteten, lief Diestel wie ein ungeschlachter Fleischerhund allen zwischen die Beine und bellte es aus. Er schämte sich nicht einmal davon zu reden, daß seine Frau wieder einmal in der Hoffnung sei, denn auch das lieferte einen neuen Beweis seiner Sünde, sollte doch vor der völligen Wiedergeburt kein wahrhaft Frommer Kinder zeugen. Oh, er sei abscheulich schwach, aber wenn er wieder einen armen sündigen Wurm in die Welt gesetzt habe, werde die gottselige Überzeugung gleichzeitig in ihm lebendig und fange wie draußen das Neugeborene also in ihm zu winseln und zu klagen an, daß er seiner Schwachheit so recht inne werde und immer ganz von neuem beginnen müsse, die Sünde von sich abzutun. So werde er als ein Unwürdiger, aber herrlich Ergebener den Tag erleben und feiern.

Nicht anders als die armen Anhänger des verlassenen Schönherr den »Schwan«, der sie in die Weite und Freiheit einer göttlichen Welt tragen sollte, betrieben die Freundinnen Ebels diesen wunderbaren Hochzeitstag, der Erfüllung und weltliches Glück im Himmlischen, ganze irdische und geistige Seligkeit bringen sollte. Freilich war von den Frauen bei der Ankündigung und Vorbereitung des Festes eine gewisse Vorsicht beobachtet worden, indem sie die untersten, entferntesten Glieder der Gemeinde nicht von der großen Wiedergeburt in Kenntnis setzten, sondern bloß die Hochzeit selbst als besonders erhebende Feierlichkeit zurüsteten, wie ja die Außenstehenden immer mit voller Absicht von der letzten Wahrheit ferngehalten wurden, deren Sinn und Wort ihnen allzu fremd oder erschreckend gewesen wäre; nur die Näheren wußten Näheres, und dadurch bekam alles eine eigentümliche Bedeutung, denn die geheimnisvolle Stimmung und Wichtigkeit der Eingeweihten übertrug sich unwillkürlich auf die anderen und ließ auch diese den Ostertag als höchst ungewöhnlich und ahnungsvoll empfinden. Jeder glaubte, daß sich mehr zutragen würde, als eine Vermählung, wie sie andere schon gefeiert hätten, jeder erwartete Besonderes, ohne zu wissen, was der Nächste meine oder erhoffe. Und die zwei Führerinnen allein wußten das letzte, äußerste, daß Ebel seine Einheit mit Jesus Christus erweisen würde.

Unter gehobener, durch das herrliche Geheimnis wunderbar gedämpfter, von schönem Chorgesang durchrauschter, von kunstvollem Orgelspiel abwechselnd belebter, von leisem Gebet wieder beschwichtigter inniger Stimmung verlief der Tag in dem Saal der Brüder-Gemeine, der den Ebelschen Leuten von den sinnverwandten, achtungsvoll geneigten mährischen Brüdern zur Begehung des Festes zur Verfügung gestellt worden war. Kränze aus frischem Tannengrün wanden sich über die Decke, Licht strömte durch die hohen Fenster der alten Kapelle in der Langgasse. Die Verlobten wurden von Diestel zusammengegeben, der eine kräftige, gar nicht üble Ansprache hielt. Ebel fehlte. Wieder wurde gesungen, wieder gebetet und Orgel gespielt, dann gab es Pausen der Erwartung, wo niemand ein Wort zu sagen wagte, als müsse das Entscheidende eben jetzt und sogleich sich ereignen. Nach einer Weile, als nichts Besonderes eintrat, begann irgendwo eine Stimme etwas zu flüstern und bald stellte sich das natürliche Menschengesumme eines vollen Bethauses wieder her, ward wiederum unterbrochen durch neues mächtiges Orgelspiel, durch zusammenhaltenden Gesang, verstummte zu neuer Pause. In einer solchen trat Ebel ein, ernst, bleich, schwarz gekleidet und mit einem schmerzlichen Lächeln. Ida von der Gröben und Minna Kanitz gingen ihm entgegen, sie knieten vor ihm nieder, Emilie von Schrötter und die brustkranke Maria Consentius warfen sich ihm gleichfalls zu Füßen, Graf Kanitz stand, aber mit tiefgebeugtem Haupt, Diestel, der auf der Kanzel war, erhob betend die Arme. Ebel beugte sich zu den Frauen nieder und zog sie zu sich empor, er küßte sie auf die Stirnen, dann trat er auf die Kanzel und betete laut.

Endlich zog er sich wieder zurück und saß unter den Frauen in der ersten Bank. Wiederum begann Gesang und Orgelspiel, und als es endigte, brachen die Fernstehenden, Nichteingeweihten einigermaßen enttäuscht auf, es erhob sich Ungeduld und Lärm einer lange zurückgehaltenen Menge, immer mehr Leute schlossen sich an, endlich schickte sich auch Graf Finkenstein mit seiner Frau zum Gehen, nicht ohne mit einem gewissen Lächeln seiner Schwester, die zu den nächsten des Ebelschen Kreises zählte, einen Blick zuzuwerfen, der die Vergeblichkeit des Tages feststellte. Gerade diese Schwester war es, die Finkenstein sowohl zu Ebel hinzog, als ihm den Prediger unlieb machte, denn der Graf hing mit übergroßer Liebe an ihr und empfand ihre äußerste Hingebung an Ebel mit Schmerz und Eifersucht. Er nahm daher an den Bestrebungen der Gemeinde Anteil, um der Schwester nahe zu bleiben, aber er nährte dabei sein Mißtrauen, seine Angst um das Mädchen, dessen inbrünstige und schwärmerische Gemütsverfassung, leiblich und seelisch gleich gefährlich, ihm die Schwester entfremdete. Der Blick, womit sie ihm antwortete, mußte ihn erschrecken, so viel Zorn und Vorwurf lag darin und so viel Abweisung in dem Zurückwerfen des kleinen, runden, von glatten schwarzen Haaren umgebenen, nicht schönen, aber eigenwillig bedeutenden Kopfes.

Ebel blieb mit seinen Frauen allein in der verlassenen Kirche. Nur die Anwesenheit des Doktor Sachs, der in einer Ecke stand, von niemand in den eigentlichen Sinn des Tages eingeweiht worden war, aber alles zu wissen schien, verhinderte eine Erörterung des Geschehenen und Ungeschehenen.

Endlich trieb Diestel, wiederum wie ein Schäferhund, zum Aufbruch und schwatzte von seinem Hunger und daß ihm der Magen krache, um ihn so recht an seine Unvollkommenheit zu mahnen.

Verstimmt, wortlos verließen nun die letzten die Kapelle. –

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