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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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VI

Der Ebelsche Kreis, dem in diesem Jahre Männer und Frauen aus den bedeutendsten Familien beitraten, bildete nun eine auch nach außen kenntliche Gemeinschaft, ohne daß irgendwelche bestimmte Formen sie hervorzuheben und zu binden brauchten. Schon durch eine gewisse, zugleich anspruchsvolle und demütig-einfache Tracht fielen die Mitglieder auf, die Damen durch schmucklose einfarbige, dunkle, anschließende Kleider mit weißen Kragen, so daß sie ein wenig klösterlich erschienen, die Männer durch besonders lange predigerhafte Schlußröcke mit weißen, hohen Halsbinden.

Eine eigentümliche hochmütige Bescheidenheit verband sie untereinander, wirkte indessen den Außenstehenden gegenüber fremd, demütig und hoffärtig in einem. Ihre zur Schau getragene Einfalt bei ihrer sonst feinen Bildung und Übung in aller Geselligkeit mußte fast lächerlich oder heuchlerisch anmuten, in ihrem geschlossenen, ungestörten Kreise aber stellte sich der Eindruck völlig gemäßen, würdigen und gleichgestimmten Beisammenseins sofort her.

Wie es bei der ritterlichen Erbsitte der Adeligen leicht zu verstehen ist, nahmen die schönen und geistig bedeutenden Damen dieser Gesellschaft den vordersten Rang ein, unter ihnen wieder Ida von der Gröben, ohne dies erst zu beanspruchen oder durch Winkelzüge des Ehrgeizes erwirken zu müssen. Männer und Frauen ordneten sich ihr unter, die sie mit ihrem Blick allein, mit der Sicherheit und unbedingten Festigkeit ihres Wesens, aber auch mit Witz, Verstand, Gefühl beherrschte. Sie selbst wiederum stand in einem Verhältnis zu Ebel, das sich bei überschwänglichen, zugleich religiösen und eigenwilligen Frauen natürlich ergibt, doch mit Worten und in einzelnen Handlungen nur schwer begreiflich oder glaublich machen läßt. Will man es sich halbwegs vorstellen, so mag man an die schwärmerische Hingabe denken, die solche Frauen manchmal dem Arzte bezeugen, der sie aus schweren wirklichen oder eingebildeten Gefahren befreit hat. Ähnliche geistliche Rettungen, die hauptsächlich von seelischer Beeinflußbarkeit abhängen, gelingen überdies nur, wo die Gemüter einander von Anbeginn zuneigen. Wann und wie das natürliche Verhältnis der Unterordnung und Verehrung in gleichstimmende Liebe übergeht, wird von Außenstehenden kaum erfaßt werden können, da sich solche Ausgleichungen der Seelen sozusagen jenseits der Mitwelt, wie auf Berggipfeln unter Nebeln und Wolken und bloß von dem glühenden Schein einer einsamen Sonne beleuchtet und vergöttlicht ereignen.

Was will aber die Form und körperliche Ausdrucksweise solcher Beziehungen der Geschlechter besagen gegenüber der höchsten inneren Einheit, die sich ohne sinnliche Verwirklichung und auch weit über jede hinausgreifend, in allen Seelenkräften vollzogen hat und zwei Menschen bis in die letzte Fiber ihres Wesens so miteinander durchdringt, daß die Gebärde des einen aus Leib und Willen des anderen genommen, daß der Mann mit der Seele des Weibes zu blicken, dieses mit dem Geiste des Mannes zu antworten scheint.

Die Gräfin hing an Ebel mit einer Dankbarkeit, die in ihm nicht bloß einen Priester, sondern einen Spender und Bürgen der Gnade sah, der das Wort besitzt, das vom Tod erlöst und zu leben erlaubt, denn er hatte sie wirklich dem Dasein wiedergegeben. Den Einwänden, eine solche Rückkehr sei in ihr selbst vorbereitet gewesen und wäre wohl auch durch die Begegnung mit irgendeinem anderen Menschen aus der Heimat möglicherweise ebenso veranlaßt worden, konnte sie bloß ihre Gewißheit entgegenhalten: sie war in ihrem schlesischen Gute wie in einem Sarge gelegen, und nur wer den Odem Gottes besaß, konnte ihr, die für tot dort hauste, diesen Hauch des Lebens wiedergeben. Aber gesetzt den Fall, ein anderer hätte sie zur völligen Wandlung bewegen können, wer anders als Ebel hätte ihr deren Ziel, den Sinn ihres Daseins bieten und darstellen, es also wertvoll und lebenswürdig machen können, wie sie es jetzt als innerste Einheit mit dem Herrn, als unmittelbaren Weg zu ihm ansah.

Hinwiederum vermochte sie aus der Kraft ihres Gemütes den Geist Ebels so dauernd über alles Gewöhnliche hinauszuheben und in solcher dünner, klarer, überschauender, fragloser Höhe auch festzuhalten, als hätte zugleich ihre Seele die seine aus den Niederungen gegriffen und wie der Adler des Zeus einen göttlichen Knaben unmittelbar gegen das übermächtige Licht gerissen. Denn erst durch sie, durch den Glauben, womit sie ihm glaubte, durch die Deutung, womit sie seinem Tun und Lassen, seinem Geringsten und Zufälligsten die zwingende Gewalt göttlichen Gebotes, überirdischer Wahrheit beilegte, erst durch ihre Anschauung, Empfindung und Haltung wurde er der, als der er sich nunmehr zu benehmen wagte und von andern Anerkennung verlangte. Erst indem sie ihn heilig sah, schaute er – und oft nicht ohne Entsetzen – sich selbst so an. Die ungeheure Wörtlichkeit, die sie seinen Gedanken und Lehren beilegte und womit sie sie über und außer alles Maß der überkommenen religiösen Gemeinschaft rückte, wurde Ebel zur Offenbarung und zum Schicksal. Er mußte sich sputen und mühen, solchem Schwung nachzukommen, wozu sie ihn zwang, solche Kraft der Empfindung gleichmäßig aus sich zu erzeugen und zu erhalten, die sie selbstverständlich voraussetzte, sich im Leben ohne Spuren der Ermüdung, des Zweifels, gar des Spottes so zu benehmen, wie sie ihn sehen wollte. Und was sie in ihrer Leidenschaft bloß zu fühlen brauchte und sicher besaß, mußte er aus dem bewußten Verstande erschaffen. Es war, als ob ein Feuer das andere nähre, und eben in diesen verzehrenden wechselseitigen Zumutungen eine Belebung und Erneuerung ohnegleichen. Dazu die Spannung die zwischen ihm und dieser Frau noch gesellschaftlich bestand und den Mann immerhin zu steter Haltung und Strenge nötigte. Wie hatte sie den armen Schönherr, der dem Urzustande der Offenbarung wahrlich näher gewesen war, mit ihrem Spott verfolgt, unmöglich gemacht und seiner Herrschaft über Ebel beraubt! Irdische Liebe eines Weibes hätte blind gemacht, solche himmlische war scharfäugig. Dieser Zustand beiderseitiger Steigerung bis zu einer furchtbaren Fallhöhe wäre unter Gatten unmöglich, deren Gemeinschaft eine irdische Beschränkung voraussetzt, wie sie ihr ja auch ziemt. Darum gedieh dieses Verhältnis ruhig und ungestört neben und über einer durchaus glücklichen Ehe Ebels, dessen Frau für die Gräfin eine unbeirrbare Verehrung hegte und mit dem Stolz der Einfältigen über die Stellung entzückt war, die ihr Mann bei so außerordentlichen Menschen einnahm. Mit seiner Gattin durfte Ebel getrost in das sanfte Tal der irdischen Zustände niedersteigen und sich hier vom ungemessenen Anspruch der Höhen erholen; sie hatte häusliche Sorgen, Kinderglück und Herdfeuer zu verwalten, sie flickte die Wäsche und hielt die Kleider instand, worin ihr Mann sich nachher als Gewaltiger zeigte, und sie sah zu ihm auf, auch wenn er und seine Leute längst ihrem Verständnis entrückt waren.

So verkehrte Ebel im Schlosse, Ida von der Gröben im Hause des Archidiakons, beide wie Boten aus einer anderen Welt, und ihr wunderbares Einverständnis, eine Leidenschaft, die gleichsam von außen nach innen, nicht von innen nach außen brannte, konnte um so weniger Anstoß erregen, als sich auch Minna von Derschau, Fräulein Emilie von Schrötter und viele andere zu Ebel nicht anders stellten, wenn sich gleich jede nach ihrer Art benahm, Minna etwa scheu verehrend, Emilie von Schrötter mit einer gewissermaßen heiteren Leidenschaft und Überzeugtheit.

So wandelte Ebel inmitten von schönen, edeln, bedeutenden Frauen und dachte dem weiblichen Geschlechte eine bestimmende und beherrschende Stellung zu. Die Frauen konnten, mußten ihn lieben, aber wie ein zugleich verwandtes und höheres Wesen, nicht wie irgendeinen Mann, sondern man durfte sich ihm offenbaren wie einem Gewissensherrn und genoß die brennende Scham des Bekenntnisses nicht mehr als Qual, sondern als Trost. Er stärkte gerade seine weiblichen Anhänger durch die Achtung, die er vor ihrer Wahrhaftigkeit zeigte. Und dies war der Kern seiner Lehre, daß jeder Mensch nach völliger Selbsterkenntnis streben, durch fortwährende überwachende Selbstbetrachtung nach echter Einheit mit Gott, mit dem Sinn und Ziel dieses Lebens trachten müsse.

Den alten Zwiespalt, der von je gläubige Seelen erschüttert und im Bodenlosen vergeblich nach Halt greifen gemacht hat, daß der Mensch wie das Tier an Begierden gebunden leben, aber dabei nach Gott, nach höchstem Vollenden verlangen und sich ihrer in der vollsten Entäußerung begeben müsse, versuchte Ebel auf seine Weise zu lösen, indem er diesem irdischen Zwange sein Recht mit seiner Notwendigkeit vergönnte. Ja, der Mensch war an ein sinnliches Leben gefesselt, aber nur, wie er es empfand, machte ihn zum Tier oder Gott. Wer es um seiner selbst willen, um der Wollust, um des Triebes willen achtete, der war verworfen, wer es um der höheren Erhaltung der menschlichen und göttlichen Ewigkeit willen eben duldete, war gerettet. Es galt, die Sinne nicht zu töten, sondern zu reinigen, sie zu binden und der geistigen Notwendigkeit unterzuordnen. Er wollte ihren Träger, den Menschen, bewußt und zum Herrn der Instinkte machen. Was höchste Vernunft, allerdings unter Verlust des wahren Zaubers der menschlichen Freuden gelegentlich vermag, sollte hier der Glaube tun und eine Seligkeit außer, über der Lust des Geschlechts erwirken, wie sie in der vollkommensten Vereinigung der Wesen untereinander und mit Gott bestand. Jeder sollte solchen Gipfel anstreben, schon zu ihm aufzusteigen war Glückes genug und leitete die innere Vereinigung ein, darum galt ständige Beobachtung und Bereitschaft alles. Weil aber solche Erkenntnis und Behandlung der Triebe, des gesamten inneren Lebens von keinem einzelnen bedingungslos und wirksam erreicht werden kann, weil es sich eben um ständige Wechselbeziehungen handelt und ein Verhältnis der Menschen zueinander geradezu fordert, ergab sich ein Zusammenschluß der verwandten Naturen, ja auch der Grundverschiedenen, eine Förderung der minder Tauglichen durch die Vorgeschrittenen, eine Schule der Gläubigkeit und Erkenntnis mit Lehrenden, die ihrerseits Zöglinge waren, mit Bevorzugten, die voranschritten, aber jezuweilen durch eigenes Verschulden oder durch bewußte Strenge Höherer wieder in neue Unterordnung rückversetzt wurden. Ein unverbrüchliches allseitiges Vertrauen, immer wieder auf Ebel und seine Nächsten gerichtet, bestimmte und gliederte diesen mannigfachen Kreis, der sich in einer Ordnung der Hoffnung, des Glaubens und der inneren Wandlung wie in einem vorbestimmten, frommen Tanze bewegte, von jenem Willen allein geleitet und abhängig, der alle um den Pfarrer sammelte und mit diesem Willen abbrach, sinnlos zum Taumel und Wahnwitz ausarten mußte, wenn er irre wurde.

Ebel selbst rechnete mit gewaltigen äußeren Tatsachen, denen die innere Vollendung seiner selbst und seiner Leute entgegenkomme, er verkündigte nach der übernommenen Lehre anderer Vorgänger das wirkliche Herannahen der Apokalypse, den Eintritt der Offenbarung des Antichrists, der Weltpredigt des Evangeliums vor den Menschen und setzte dies alles ans Jahr 1836, glaubte aber in einer gewissen Ungeduld durch die Inständigkeit der eigenen und der Bemühungen seiner Nächsten die Erlösung der Welt etwas früher erwirken zu können. Das Gelingen göttlicher Ratschlüsse machte er von der menschlichen Freiheit abhängig.

Die unheimliche Großartigkeit der Erlösung, die hier gewonnen werden sollte, indem jeder das eigentliche Glück der Sinne drangab und die sinnlichen Handlungen zu beherrschen strebte, um mit ihnen übersinnliche Vollendungen zu erreichen, machte aus allen diesen Hoffenden ebensoviele Verzichtende, und die Liebe und Ehrfurcht, die sie um Ebel drängte, ließ es sie auf sich nehmen, daß sie dann Paarungen und Beziehungen mit andern ertrugen, die sie nie aus freien Stücken gewählt hätten.

Wie Ebel seinen leidenschaftlichen und demütigen nächsten Bekennerinnen ihre Stellung anwies und wie er das Andrängen aller zugleich duldete, aber in Schranken setzte, war seine und Ida von der Gröbens ordnende und bestimmende Gabe. Am erschütterndsten wirkte diese auch gegen den Willen der einzelnen verfügte Gliederung bei der armen Minna von Derschau. Sie hatte zu Ebel jedenfalls eine tiefe Liebe gefaßt, die ihm freilich nicht als solche, sondern nur als Anbetung eines göttlichen Menschen bewußt wurde. Eine gewisse Verwirrung ihres Gemütes mag Minna freilich solchen Erschütterungen durch einzelne Erlebnisse, durch machtvolle Menschen und Erscheinungen zugänglicher gemacht haben. Seit sie von Schönherr damals gleichsam wie vom blendenden Licht in ihrem unbewußten Dunkel getroffen worden war, übertrug sie ihre vordem allgemeine Frömmigkeit auf einen erhabenen Empfänger, und was sie in Schönherr mehr auf dessen inständigen Wunsch aus Bestimmbarkeit zu erblicken geglaubt, sah sie in Ebel aus eigenstem Gefühl und Willen, weil sie ihn liebte. Freilich hätte sie dieser Neigung sonst nie Raum gegeben, hier durfte und sollte sie es getrost, wo es auf die allgemeine Verherrlichung eines Allgeliebten ankam, und sie wandelte in ihrer Demut diese Leidenschaft in eine göttliche um und in eine Verkündigung.

Sie hatte mit Ida von der Gröben viele merkwürdige Gespräche über Ebel und ihre Gefühle. Einmal offenbarte sie ihr erschüttert, jetzt sei es ihr klar geworden und sie wisse, Ebel sei der Herr Jesus Christus selbst, der wiedergekommen sei, um die Offenbarung zu verwirklichen.

Ida von der Gröben flammte auf, und indem sie mit beiden Händen Minna packte und krampfhaft festhielt, sah sie sie mit einem furchtbaren Blicke an: »Ja, ja, aber wenn du dies sagst, werden sie ihn kreuzigen.«

Sie wollten ihn dem Spott, dem Neid und Haß nicht aussetzen; er selbst wußte von dieser Offenbarung nichts, keiner sollte sie erfahren, sie beide mußten sie allein tragen und ihn selbst davor beschützen. Er sollte sinnen und tun, was seiner Macht zukam, aber ohne sie der Welt vor der Zeit zu erklären. Doch wie hatte Minna diese Offenbarung erfassen können? Ida von der Gröben empfand im stillen einen leisen Neid und Eifersucht gegen diese Fähigkeit des Glaubens und der Erleuchtung. Das Mädchen bekannte ohne Arg, weil sie ihn liebe und ihr dieses Gefühl selbstverständlich und geheiligt erschien, liebten ihn doch alle und wer sollte Gott nicht lieben? Ida aber ergriff dieses Bekenntnis und preßte es mit stärkeren Fragen. Als Weib dem Weibe gegenüber, als leidenschaftliches Geschöpf, das ungeheurer Empfindung, ungeheurer Gedanken fähig, eine unermeßliche Folgerichtigkeit von Begierden und den tiefsten Ursprung alles Glaubens im Triebe witterte und fürchtete, drang sie in die hilflos demütige Freundin nach Enthüllung dieser Liebe, sie forschte nach allem, was sie wußte und selbst erlebt hatte, während Minna als Jungfrau davon nur fiebernde und entsetzte Ahnungen besaß. Aber zugleich störten diese Fragen alles Heimlichste auf, als hätte das Mädchen gehegt, gewünscht, gewußt, was es jetzt zum ersten Male erfuhr. Unter der Folter dieses liebevollen Verhörs, unter der erschauernden Aufrichtigkeit der Bekenntnisse, die Minna ablegte, wurde ihr erpreßt, was sie nie getan, nie gewollt, nie gedacht hätte, erniedrigte sie sich zugleich und wurde sich selbst zum Abscheu, weil sie den Gedanken an den Höchsten mit solchen Trieben verquickt sah. Daß sie nur durch die Fragen zu diesem Höllenweg der Wünsche geführt, nunmehr erkannte und darum einer Leidenschaft verfallen war, deren sie vordem nie fähig gewesen, bemerkte weder sie noch die Gräfin. Vielmehr übte die eine ebenso selbstverständlich das Recht der Herrschaft der Stärkeren in ihrem Drängen, wie die andere die Pflicht des Gehorsams der Schwächeren in ihrem Nachgeben. Aber diese Beichte bedrückte Minna, anstatt sie zu befreien, die alte Vorstellung ihrer Unreinheit und tiefsten Unwürdigkeit trat wieder schreiend hervor und eine Verzweiflung erschütterte sie, von der Ida die schwersten Folgen für das arme Mädchen befürchtete. Da bot sich der Gräfin ein Gedanke, den sie längst erwogen hatte. Man mußte Minna verheiraten, und zwar sie als die bedeutendste und innigste Anhängerin mit dem obersten Freunde der Lehre, mit dem Grafen Kanitz. Ohnehin bestand die Notwendigkeit solcher voranleuchtender Paare, der alternde Mann bedurfte einer edlen Führerin, er war ihrer würdig. Wie weit hier die Eifersucht einer schweigsam verzehrten weiblichen Natur mitwirkte, um Minna von der nächsten Nähe Ebels abzudrängen und so ein echt weibliches Spiel veranlaßte, mag jeder selbst beurteilen. Kanitz würde sich fügen, da bei ihnen durchaus eine allgemeine höhere, keine besondere vereinzelte Liebe galt. Übrigens beherrschte Ida auch den Grafen völlig, genau so wie sie jedem Blick Ebels gehorchte. Sie wagte freilich nicht, Minna selbst zu dieser Ehe zu raten, ihr davon zu sprechen, aber sie zog Ebel ins Vertrauen und gewann ihn sogleich für diesen Plan, der eine neue, engste Verbindung der Nächsten des Kreises verhieß. Ebel wußte denn eine Gelegenheit der Erörterung mit Minna herbeizuführen, wobei sie mit den Äußerungen ihres alten schweren Schuldbewußtseins, den Selbstanklagen ihrer schlechten Triebe und Gedanken nicht zurückhielt. Wem dies alles galt, verschwieg die Erglühte freilich. Ebel hörte sie geduldig an und zeigte, als sie, mit Angst und Demut sein Urteil erwartend, zu ihm emporsah, ein gütiges, heiteres Gesicht. Er beruhigte sie, alle diese Anfechtungen seien Zeichen und notwendige Bestimmung; was in dem Herzen lechze, sei nicht an sich schlecht, sondern werde es erst durch üblen Geist, ihr sei eine hohe Gnade zugeteilt, da sie als Jungfrau die Vollendung noch vor sich sehe. Sie und Graf Kanitz seien die Zeugen, von denen in der Offenbarung geschrieben stehe, sie würden eintausendzweihundertundsechzig Tage weissagen. Sie solle sich mit dem Grafen in ehelicher Liebe verbinden, sie sei zum Weibe, zur Mutter eines reinen, vollseligen Geschöpfes, zur Führerin der Menschen geschaffen.

Minna schaute ihn mit einem Blicke zweifelnder Fügsamkeit an und willigte ein, wenn der Graf sie wirklich zur Ehe begehre. Kanitz gehorchte gerne dem gleichen Zureden, war doch ein so schönes und edles Wesen wie Minna aller Gefühle eines so schwärmerischen und ritterlichen Mannes würdig, um wievielmehr, wenn solche Neigung als gottgewollt und von dem Freunde empfohlen wurde, der ihm als Vermittler aller Gnade galt.

So warb der Graf um Minna von Derschau und empfing ihr Jawort und wahrlich, als dieses fromme Paar einander den Brautkuß gab – Minna beugte sich und reichte ihm die Stirne, indessen ihr Gesicht mit geschlossenen Augen und Lippen, blaß wie Stein leuchtete – war vielleicht zum ersten Male Ebels Lehre der Heiligung, aber wie schmerzvoll, verwirklicht, daß alle irdische Vereinigung im Geiste der Seligkeit ohne Begierde und frei von sinnlichen Wünschen erfolgen müsse.

Zum zweiten Male hatte Ebel das Schicksal eines Weibes bestimmt, das sich gehorsam, erschüttert und gedemütigt unter das Joch der Gnade fügte. Wenn Ebel den Anblick dieses gebeugten Nackens als Mann, nicht als Priester, geschweige denn als unbeweglicher Gott hätte anschauen können und wollen, ihm hätte gegraut vor seiner Macht, die in dieser Stunde dieses Haupt nicht nur gebeugt, sondern gefällt und einen lebendigen Menschen in den Sarg gebracht, wie er damals einen daraus befreit hatte.

Er aber ahnte in seinem von allen bestärkten Gottübermut nichts von diesen Bedrängnissen, oder er achtete sie gering gegenüber den höheren Geboten, denn ein ungeheurer Schwall der Dinge mußte hereinbrechen und seine kleine Schar bereit finden.

Er sammelte sie und überließ sie wiederum einer Ordnung, die sich von selbst und mit Hilfe seiner Nächsten vollzog. Der Gedanke, daß jeder Mensch in seinen wesentlichen Lebensverhältnissen der Ergänzung durch andere bedürfe, wie er selbst auch anderen Hilfe leiste, schien ihm durch die übernommene Schönherrsche Lehre von den Urwesen, vor allem in der Beziehung von Mann und Weib begründet. Eine dunkle Ahnung, als sei in jedem Menschen eine urgegebene Einheit der Geschlechter vorhanden, aber zugunsten des leiblich Bestimmten unterdrückt, so daß jeder Ergänzung und neue Einheit in fremden Wesen außer sich selbst suchen müsse, mag durch seine eigenen Verhältnisse bestärkt, die Ordnungen seines Kreises bestimmt haben. So erklärte er die Gräfin für seine »Lichtnatur«, für das Weib seines Kopfes, Emilie von Schrötter für seine »Finsternisnatur«, für das Weib seines Herzens, seine eigene Gattin als Weib der Umfassung, womit er wohl den Zustand der täglichen, sinnlichen und dauernden Gemeinschaft benannte. Alle diese Ausdrücke konnten ebensowohl einem begeisterten Bedürfnis selbständiger Verkündigung, als eigentlichen persönlichen Verhältnissen entsprechen, in beiden Fällen verschieden ausgelegt werden und mußten bösen Argwohn und Verdächtigungen erregen, wenn sich das Mißtrauen einmal in diese, durch besondere Stellung geschützte Gesellschaft einfraß.

Ebensolche Ergänzungen fand aber Ebel selbst und jeder der übrigen auch an anderen, wie zum Beispiel Sachs als sogenannte »Hauptzentralnatur der Finsternis« galt, weil der Meister in ihm eine ständige, sowohl gefürchtete als unentbehrliche verstandesmäßige Gegenstimme seines eigenen Wesens vernahm und brauchte. In solchen merkwürdigen Bei- und Überordnungen fanden sich alle vereinigt und auseinandergehalten, wobei das innere Gefühl der jeweiligen Abstände und des Trennenden von selbst Stufen baute, ohne daß sie durch schonungslose Gesetzgebung erst ausdrücklich bestimmt zu werden brauchten.

Ebel verharrte inmitten und über allen, umringt von seinen Nächsten, den Frauen, dann von den beiden Zeugen Kanitz und Minna. Für ihn selbst gab es, wie für die Außenstehenden ein Geheimnis: seine eigene Person. Hielt und verkündigte er sich nur als Priester der kommenden Offenbarung, der die nahe Auferstehung Christi glaubte und lehrte, so wußten die Gräfin und Minna – niemand sonst – daß er selbst der wiedergeborene Herr sei und erscheinen und wirken müsse. Und wie das stärkste Licht durch die vorgelagerten Schichten mit immer geringerer Helligkeit schimmert, entfernte sich Bedeutung und Würdigung Ebels auch für die Weiterstehenden, aber allen blieb er der Bestimmende und Führende.

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