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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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III

So brachen sie denn auf und reisten über das östliche Deutschland, dank Ebels angesehener Stellung und gewandtem Betragen überall wohl aufgenommen, in geistlichen Kreisen ohne Arg, wenngleich mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, die durch Schönherrs wunderliches Gehaben veranlaßt sein mochte, der seine Ansichten schroff und streng äußerte, während Ebel die verbindlichste Überredung pflegte und dem Widerstande auch zu weichen vermochte, ja sich jeder logischen Beweisführung ohne weiteres schier unbefangen entzog. Aber die innige Begeisterung und Zuversicht des Glaubens der beiden erweckte Achtung, und mancher schien sie so unbedingt zu teilen, dem es schwerlich danach ums Herz war, um nicht für lau zu gelten, und überredete sich, da er solchen Aufschwungs entbehrte und etwa seinen eigenen geringeren Sinn im stillen anklagte. Man wird am härtesten durch Pflichten gedrängt, die man sich einbildet und nicht wirklich erfüllen kann, dies schafft eine Heuchelei des Gehorsams, ärgerlicher, weil unfaßbarer, als die aufrichtige Nichtachtung.

Die Erfahrung, die mancher Reisende macht, daß ihm bei fremden Menschen, in neuen Orten und Umständen alles wunderbar leicht vonstatten geht, Erfolge verspricht, die er daheim nicht einmal zu träumen wagte und unverhoffte Früchte in den Schoß wirft, beglückte auch die beiden auf ihrer Wanderschaft. Und Schönherr genoß mit rührender Zufriedenheit und kindlichem Behagen das Wohlsein und die ehrbare Auskömmlichkeit dieser geistlichen Fahrt, indem er oft auf den Hunger, die Entbehrungen, Enttäuschungen und einsamen Kümmernisse hinwies, die er als armer Studiosus auf ähnlichen Wegen hatte ausstehen müssen.

Endlich kamen sie nach Schlesien auf das Schloß der Gräfin von der Gröben, das inmitten eines kleinen, aber anständigen Gutes und schönen Gartens in dem Hügellande lag, das zu den bedeutenderen Erhebungen des Riesengebirges sanft ansteigt.

Von den Dorfleuten gewiesen, betraten sie durch das offene Gittertor den Garten, der in der Üppigkeit sommerlichen Wuchses durch seine verlassene Ungepflegtheit und Einsamkeit ihr Herz mit der Ahnung trostlosen Kummers erfüllte. Die unbeschnittenen Hecken und Baumlauben schatteten so dicht, daß selbst die starke Sonne nur gedämpft durchleuchtete, manche Zweige hingen verdorrt, volle Rosenbüsche mit allzuvielen entblätterten Blüten verrieten, daß niemand da war, der die Rosen rechtzeitig vom Stocke abnahm.

Sie kamen zum gelben ländlichen Schlosse selbst, ohne irgend einem Bedienten zu begegnen, durch den sie sich hätten ankündigen lassen können, und traten endlich in den weißen Vorsaal ein, wo ihre Schritte auf den Fliesen hallten. Das gedämpfte Kläffen eines Hündleins aus den inneren Gemächern meldete die Ankunft Fremder, und nach einer Weile schob sich aus der weißen Tür ein alter Diener in schwarzem Frack, aber eine blaue Schürze vorgebunden, einen Flederwisch unterm Arm, ein Tablett in der Hand, ein Käppchen auf dem grauen Schädel, unrasiert, sah sie fremd, aber nicht unfreundlich an und blieb vor ihnen in einiger Entfernung stehen, ohne etwas zu sagen.

Ebel fragte nach der Gräfin und bat, den Besuch anzumelden, der vielleicht auch schon durch vorangegangene Briefe angekündigt sein möchte. Der Diener lächelte: »Briefe liest sie nicht.« – »So sagt ihr denn, guter Mann, Menschensöhne seien da.« – »Sie will niemand sehen.« – »Auch Fremde nicht?« – »Wenn Sie für Arme sammeln wollen, habe ich Auftrag, das Notwendige zu reichen.« – »Wir wollen geben, nicht nehmen.« Übrigens hätten sie auch einen Gruß von des hochseligen Herrn Grafen bestem Freunde Kanitz zu überbringen. Der Diener ging.

Nur kurze Zeit saßen sie wartend auf der weißen Bank des Vorhauses, als anstatt des alten Mannes die Gräfin selbst eintrat, eine kleine, zierlich gewachsene, schwarzhaarige Dame in Trauerkleidern, deren große goldbraune Augen sich mit einem von Kummer und Einsamkeit verschleierten Blick auf die Ankömmlinge richteten, denen sie mit einiger Verlegenheit die Hand reichte. Ebel stellte Schönherr und sich mit wenigen Worten vor, erbat ihre Gastfreundschaft für einen kurzen Besuch und bestellte die Grüße ihrer Familie und des Grafen Kanitz, ihres gemeinsamen Freundes. Bei diesem Namen erblaßte die Dame, lächelte aber gleich mit unsäglich ergreifender Fassung. Schönherr, der für die eigentümliche Zurückhaltung keinen rechten Sinn hatte, begann sofort von dem Schicksal zu reden, das sie betroffen habe. Ebel unterbrach ihn und lenkte das Gespräch auf die der Gräfin notwendig entgangenen, aber gleichwohl am Herzen liegenden Zustände der Heimat, auf das Befinden ihrer Lieben, der Eltern, des Landhofmeisters, der jungen Schwestern, auf Ereignisse der Stadt Königsberg selbst und so fort. Ging die Gräfin anfangs nur aus gesellschaftlichem Zwang auf diese Erörterungen ein, so folgte sie ihnen bald mit der natürlichen Teilnahme einer jungen Frau, deren Einsamkeit und abgesperrter Schmerz jählings durch den Zutritt der ganzen, zugleich unveränderten und doch entfremdeten äußeren Welt unterbrochen und widersinnig geworden scheint, unwillkürlich äußerte sie lebhaftes Interesse für diese oder jene Ereignisse der Heimat, sie erfuhr von der ansehnlichen Laufbahn ihres Schwagers, des Mannes ihrer nächstältesten Schwester, des Heinrich Theodor von Schön, und konnte die Frage nicht unterdrücken, wie sich ihr Vater, und ob sich gar Ebel mit diesem sogenannten Freigeiste vertragen möge. Mit einem stillen Lächeln bekannte dieser, seine und Herrn von Schöns Ansichten seien so verschieden, daß sie sich überhaupt kaum begegnen könnten, zu einem Streite fehle völlig der Boden, wo sich der eine in Lüften bewege, der andere sozusagen unter der Erde grabe.

Das Lächeln auf dem feinen Gesichte Idas von der Gröben, das erst der grenzenlosen Trauer abgezwungen war, stellte sich im Laufe des Gespräches allmählich häufiger, von selbst und aus innerer Erfrischung und erwachender Regsamkeit des erhellten Gemütes ein, durchleuchtete auch den Blick der offen auf Ebel und Schönherr gerichteten Augen, das unwillkürliche Erröten der Überraschung in der ersten Minute wurde jetzt zur natürlichen, gesunden Farbe eines erwärmten, aufgeschlossenen Wesens.

Sie führte die Besucher durch das recht weitläufige Gebäude, zeigte die Einrichtung der Stuben, die mit Porträts der eigenen und der Familienangehörigen ihres weiland Gemahls, mit allerhand Kriegserinnerungen, Jagdgegenständen geschmückt, sonst aber recht einfach nach Art und Vermögen bescheidener Landedelleute bestellt war. Bis auf ihres Gatten und ihr eigenes Zimmer stand alles offen, zwar geordnet, aber doch mit einer gewissen Nachlässigkeit, wie wenn nur aus guter Gewohnheit, aber ohne eigentliche Strenge das Nötige getan würde. Im Gespräch unterließ die Gräfin nicht, hier einen Gegenstand wegzutun, an eine andere Stelle zu bringen, dort ein vergessenes Büchlein geschwind in eine Lade zu schieben, sich ärgerlich für den Staub zu entschuldigen, der über einer Alabastervase lag. Die Standuhren tickten nicht.

Auf einer Terrasse, die einen schönen Ausblick auf den Garten, die Wiesen und das weitere buschige Gelände bot, verließ sie die Gäste, um, wie sie sagte, in aller Eile für eine anständige Mahlzeit zu sorgen, die ohne ihre Befehle sicherlich ganz versäumt würde.

»Siehst du, Levite, ein Frauenzimmer, nichts weiter,« spottete Schönherr. »Du irrst, wir haben sie erweckt, sie weiß es nicht, aber sie ist gerettet.« Ebel lächelte glücklich, aus Anstand hatte er Schönherr seinen Anteil an dem Gelingen zugewiesen, das er sich ruhig allein beimessen durfte, denn der Ältere hatte überhaupt fast ganz geschwiegen, er aber erkannte, daß er die Einsamkeit der armen Frau wirklich unterbrochen und dadurch die entsetzliche Schwermut ohne besondere Aufwendung gelöst, in ein natürliches Lebensgefühl gemildert hatte. Die unbewußte Verwandlung, die sich in den Zügen, in den Bewegungen, in der wachsenden Teilnahme, in dem freieren Lächeln, in der volleren Stimme, in der Aufmerksamkeit der Hausfrau auf die kleinen Nachlässigkeiten der sonst unberücksichtigten Wohnung ausgedrückt hatte, gereichte ihm zur herzlichen Genugtuung. Vor dem tiefen Kummer, der die junge Frau eingezwängt hatte, mochte man Ehrfurcht hegen, aber die liebenswürdige Befreiung eines so schönen Wesens zu seiner unwillkürlichen Natur, und wie es sich dem Leben, beschämt zwar, doch sehnsüchtig zuwandte, mußte einen Mann notwendig rühren. Es war wie das Wunder des Lichtes selber, das nicht nur das Feste im Flüssigen schafft, sondern wiederum das Starre zum Flüssigen, die widernatürliche Ruhe eines lebendigen Todes mit der schönen Bewegung und Wärme des Blutes löst.

Die wenigen Tage des Aufenthalts im Schlosse benützte Schönherr zu Besuchen bei den verschiedenen, entlegenen Hütten der schlesischen Ackerleute, Weber, Hirten, wobei er tief ins Gebirge hineingeriet und überall ein dem seinigen verwandtes geistliches Streben, Mühen und Betrachten mit hoher Befriedigung wahrnahm, das diese ärmsten Menschen aus Eigenem sich hatten erschaffen können. Zumindest verstanden sie sogleich, was er in langwieriger Lehre sowohl für sich selbst hatte erwerben, als nachher den beschränkten harthörigen Geistern seiner Anhänger beibringen müssen. Die stillversunkene Demut und gehorsame sinnende Ergebung der Schlesier war ihm eine liebe Offenbarung selbst, und er genoß, während er halbe Tage lang auch wieder allein herumstrich, sich auf Wiesen im Grase wälzte, den süßen Wohlgeschmack eines Halmes kaute, an einem der schwatzenden Bäche saß, den langentbehrten Zauber der Einsamkeit, dem er vor Jahren die erste Offenbarung des Naturwesens und der Gottheit verdankt hatte, und der sich hier mächtig und bestätigend wiederholte.

Indessen wich Ebel nicht aus der Gesellschaft der Gräfin, und es war ihm vergönnt, was anfangs nur unbewußt und von der Überraschung erwirkt war, dem vollen Verstande, ja dem Gemüte der edlen Frau abzugewinnen: eine wahre Zuwendung zum Lichte der Welt. Freilich eine Zuwendung zu einem geistlichen, keinem irdischen Feuer; fromm erzogen und durch ihr Schicksal wie durch die ererbte Gewohnheit der alten Familienart leidenschaftlich gläubig, mußte die junge, schöne Frau die natürlichste, begreifliche, langunterdrückte Sehnsucht nach dem Leben in einer gläubigen Neubelehrung empfangen, die ihr nicht das vergebliche Nachtrauern und Sichvergraben im endlosen Schmerze gestattete, sondern den gelassenen Gehorsam gegen den Willen Gottes, die stille Freude am reinen Wandel im Lichte vorschrieb, eine Heiterkeit, die Leib und Seele der einstigen Vereinigung mit dem Geliebten durch Vergöttlichung und Klärung würdig machte. Mitgefühl, Anhänglichkeit an den hohen Gönner ihren Vater, Bewunderung der Gefühlskraft der Gräfin, unwillkürliche Ehrerbietung vor ihrer Anmut, die Gewohnheit, alles Irdische und Natürliche geistig anzusehen und so zu rechtfertigen, was ihm sonst als gemein gegolten hätte, gaben dem Diakon Beredsamkeit, seine feinen weltgewohnten Bewegungen, seine schonungsvolle Art das Entscheidende mit Sanftmut zu sagen, sein schwärmerisches Haupt mit dem milde glühenden Blick, der schmale Bart, das gescheitelte, wellige, zu den Schultern reichende, gepflegte Haar verliehen ihm eine merkbare, gewiß nicht unabsichtliche Ähnlichkeit mit den Bildern Christi, alles dies wirkte auf den Sinn der Gräfin, und sie fügte sich dem so natürlichen, so unbegreiflichen Wunder ihrer Wandlung, das ihre Strenge in eine holde Frömmigkeit, ihre ertötete in eine erwachte Lebensneigung und Zuversicht löste. Ja, sie überließ sich sogar der wiedererwachten Heiterkeit; gleich einem lauteren Wasser aus der Tiefe kam jezuweilen ein quellendes Lachen aus ihrer Kehle und erschrak nicht mehr sofort über seinen Laut, sondern hallte lieblich aus. Und zum ersten Male hörte Ebel dieses Lachen über seinen Begleiter. Während sich die Gräfin dem Ernst und der Ergebenheit des Diakons, seiner Weltgewandtheit und taktvollen Überredungsgabe ohne Arg anvertraut hatte, nötigte ihr, als der vornehmen Dame, die Art Schönherrs ein Entsetzen ab, das sie nicht anders als durch Spott und Witz loswerden konnte. So sehr sie sich durchaus dem Gemüt und dessen Eingebungen überließ, die urweltliche Einsiedlermanier des groben, ungeschickten Paraklets bekämpfte sie mit dem Verstande. Sie konnte mit der Hingabe an das geistige Leben, mit der Versunkenheit in die Offenbarungen die vollständige Achtlosigkeit auf weltliche Sitte, auf die Rücksichten, die jeder mit dem Nächsten haben muß, nicht entschuldigen. Alle hohen Gewißheiten Schönherrs, die ihr bei Ebel angemessen und selbstverständlich erschienen, dünkten sie bei dem Naturmenschen verzerrt und spaßhaft, unziemlich, ja unwürdig. Sie nannte ihn geradeheraus einen Waldteufel, und wenn Ebel ihr zwar lächelnd, aber eindringlich die außerordentlichen Verdienste Schönherrs, seine erste Entdeckung, die Begründung seiner Lehre, die Überlieferung vorhielt, gab sie süßsauer alles zu, aber wozu brauche er diesen Genossen?

Der Eitelkeit des Jüngeren mußte diese höhere Wertschätzung, die sie ihm bewies, schmeicheln, seinem Ehrgeiz die Selbständigkeit nahelegen. Einstweilen genoß er solche Anerkennung ohne weitere Folgerungen, aber auch in ihm war eine natürliche Entwicklung lose geworden, ein Anstoß gegeben zu einer entscheidenden Wendung, und das Schicksal trieb diese Menschen wie rollende Räder über den steilen Abhang hinunter.

Die Gräfin von der Gröben entschloß sich zur Rückkehr in ihre Heimat.

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