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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Die Erweckten in Königsberg

I

Am dreißigsten November des Jahres 1770 wurde zu Memel einem Infanterie-Unteroffizier namens Schönherr ein Sohn Johann Heinrich geboren, der sich nachmals für das Licht aus der Hütte und den neuerlich gesandten göttlichen Mittler hielt.

Die Eltern übersiedelten nach Angerburg, in die Heimat der Mutter, hier besuchte das Kind die Stadtschule. Die Verhältnisse des Hauses waren zwar dürftig, aber doch nicht so armselig, um den Sohn zu einem kümmerlichen Taglöhner zu bestimmen. Er sollte Kaufmann werden, und man schickte ihn nach Königsberg zur Lehre in eine Handlung. Für den in engen provinzialen Zuständen aufgewachsenen Knaben mußte diese Hauptstadt von Ostpreußen wie die unendliche eröffnete Welt selbst wirken: altertümliche Straßen und Plätze, hochgiebelige Häuser mit riesigen Speichern, die Kanäle des Pregel, wo die Schifferkähne aus dem Landinnern Waren zum Hafen führen, eine Bevölkerung von Fischern, Fuhrmännern, Handwerkern, Seeleuten, zusammengefaßt und beherrscht von reichen Kaufherren, deren Geschäfte Beziehungen zu ganz Deutschland und über das Meer hinaus nach England und Skandinavien, gegen Osten nach Rußland mit sich bringen, diese ganze irdische Masse wiederum vergeistigt und erhöht durch eine alte und berühmte Universität, die den Stolz der Stadt, den Ruhm der ganzen Landschaft ausmacht. Eine notwendige geistige Richtung nach dem Helldunkel eines Weltgefühls und einer gläubigen Ahnung war dem jungen Schönherr von der Natur vorgeschrieben. In den Eindrücken der großen Stadt wußte er nur Elemente seiner Deutung wiederzufinden. Er besuchte die Predigten geschätzter Kanzelredner und ging den Leuchten der Universität nach, die er bald durch die achtungsvollen Hinweise der Königsberger von Angesicht kennen lernte, namentlich den großen Kant, dessen ständige Spaziergänge er zu kreuzen liebte, um den bereits weltberühmten Mann immer wieder zu beobachten. Vielleicht erglomm in seinem Herzen schon damals der bei seinem leidenschaftlichen Gemüt begreifliche Ehrgeiz, sich selbst zu einem solchen Beherrscher der Geister zu erheben und ihnen seine Art und Anschauung aufzuerlegen. Er las an den freien Abenden bis tief in die Nacht, was ihm von Büchern in die Hand kam, philosophische, theologische vor allem, er schwärmte mit jungen Studenten, deren Bekanntschaft er suchte. Nach zwei Jahren dieser unfruchtbaren Lehrzeit und dieses unbefriedigten Dienstes in der Handlung wanderte er nach Angerburg zurück, um seinen Eltern die Zustimmung abzuringen, studieren zu dürfen. Da sie nur eben ja sagen, aber den Sohn nicht mit Geld unterstützen konnten, blieb ihm nichts übrig, als den schwerfälligen und unzulänglichen Bildungsweg des Mittellosen einzuschlagen. Er wurde ins städtische Pauperhaus von Königsberg als Zögling aufgenommen, das von der Stadt dem Unterrichte der Armen gewidmet worden war und seinen Schülern die Anfangsgründe des Wissens beibrachte, sowie freien Unterhalt und Quartier vergönnte. Das Schulwesen dieser Zeit stand nicht wie das unsrige in abgegrenzte Stufen und Lehrziele gegliedert, sondern in einer gewissen Freiheit und Willkür des Betriebes. Die höhere Bildung, über die Anfangskenntnisse hinaus, blieb, sei es in bestimmten Anstalten oder im Unterricht Einzelner, besonders Geistlicher, dem Belieben, der Begabung und dem Pflichtgefühle des Lehrers wie des Schülers überantwortet. Jeder konnte lernen, was ihm gemäß war und eindringen, soweit es ihm möglich war, wie denn auch sogar das Studium an der Universität eigentlich allen zugänglich war, die sie aufsuchen wollten und von deren Leistung es dann allein abhing, wie weit sie es mit dem empfangenen Stoff brachten.

So betrieb Schönherr im Pauperhause eigentlich die gleichen regellosen und verworrenen Studien wie vorher, sein Geist war lebendig und erregbar, aber einer inneren Ordnung und Zucht nicht fähig. Theologische Bücher und Vorträge wirkten auf ihn, aber sie schreckten ihn zugleich ab. Er hatte sich in den langen Jahren der Unbekümmertheit sein Verhältnis zur Heiligen Schrift und zu allen Glaubensfragen eigenwillig, mehr in phantastischen Erhebungen und Träumereien, als in verstandesmäßigen Untersuchungen zurechtgelegt, der Betrieb der Theologie als Wissenschaft, wenn auch im Pauperhause ohne großen Aufwand geführt, konnte ihn nur ernüchtern und enttäuschen. Offenbarungen als Lehrgegenstand und auf Beweise gestellt, verloren die heilige Kraft, die sie für ihn besaßen, der sie nur hatte erleben können. Er verließ endlich ganz und gar unbefriedigt das Pauperhaus und besuchte die Universität.

Wie so viele arme Jünglinge damals mag er den und jenen Freitisch ausgenützt, die Barmherzigkeit der Reichen in Anspruch genommen, manche Tagesstunden untergeordneter Arbeit in einem Geschäfte oder am Hafen geopfert, von einem Stück Brot gelebt haben, wenn es nichts anderes gab. Er brachte sich eben durch.

An der Universität begann er mit philosophischen Studien, vermochte indes, ungeschult und ohne sichere Kenntnisse, ohne eigentlichen Untergrund des Verständnisses, den Vorträgen überhaupt nicht zu folgen, seine Gedanken schweiften ab, er stellte Fragen, die ihm nötig schienen, die aber mit dem eben behandelten Gegenstande nichts zu schaffen hatten, abseits lagen und Lehrer wie Schüler beirrten, aber seinen dunklen Eifer zeigten, etwas zu gewinnen, was auf versäumtem oder versagtem Wissen beruhte. Seine Fragen gingen, wie bei schlecht unterrichteten Menschen immer, auf Allgemeines und dadurch auf wesenlose Begriffe: auf die Unsterblichkeit der Seele, auf die Freiheit des Willens, auf die ewige Natur der Dinge und dergleichen. Die Vorträge der Lehrer wären zuletzt vielleicht auch dazu gelangt, aber über Vorstufen und schwierige eingehende Beweiswege, die er mit blindem Eifer durch Vorwegnahme des Zieles und der Endergebnisse störte. Den Gefragten blieb nichts übrig, als ihn wieder und wieder auf Bücher zu verweisen, aus denen er nachholen sollte. Damit erging es ihm aber nicht besser als mit den Vorträgen, die schriftlichen Lehren verwirrten und störten seine eigensinnigen, längstgewohnten Betrachtungen, was er las, führte ihn immer wieder nur zu sich selbst, anstatt zum Gegenstande. Die Schuld an seinem Fehlen und Ungenügen suchte er nicht bei sich selbst, er gab sie nur den Büchern, ihrer Pedanterie, ihrer anmaßenden Unklarheit, ihrer dünkelhaften Wissenschaftlichkeit. Nirgends wurden die Fragen so gestellt, wie seine Einfalt sie forderte, und den Eigensinn jedes Denkers, seinen Gegenstand auf seine besondere Art zu behandeln, wollte er am wenigsten anerkennen, der doch auch nicht anders verfuhr. Die Wissenschaft und dieser ihr armer Jünger konnten sich also auf keine Weise miteinander vertragen. Er fand nichts als Redensarten und willkürliche Kunstausdrücke, ausgetüftelte mechanische Spielereien anstatt des Lebens. Endlich verließ, er Königsberg, um an anderen hohen Schulen zu finden, was ihm hier verschlossen geblieben war. So zog er, ein armer Handwerksgesell der Wissenschaft, über Land nach Greifswald, von da nach Rostock. Natürlich erging es ihm auch hier nicht anders. Schließlich war ihm das Wandern Selbstzweck. Ein Student auf dem Wege fand überall Quartier und bescheidenen Unterhalt bei Landgeistlichen, aber auch bei Bauern. Er war in diesen Jahren trotz Mangel und schlechter Nahrung hoch und stattlich gewachsen, ein mächtiger blonder Bart fiel ihm bis über die Brust hinab, sein blaues Auge hatte einen nach innen gewandten Ausdruck ergebenen Suchens und bei aller Enttäuschung bewahrter treuer Hoffnung. Älter als die Scholaren sonst, benahm er sich würdig, bescheiden, aber selbstbewußt und nötigte den Menschen trotz seinem verwahrlosten Anzug und demütigen Gebaren unwillkürliche Ehrerbietung ab.

Von Rostock wandte er sich nach Hannover, von da nach Lemgo im Fürstentum Lippe-Detmold, wo er bei Verwandten eine Weile als Gast lebte, bis er, mit ein paar Talern beschenkt, wiederum aufbrach und nach Rinteln an der Weser geriet.

Alle diese Wege machte er ohne Plan. Er, den die Welt der Menschen nicht hörte und der sie nicht begriff, fand das größere Reich auf den Landstraßen, in Regen und Sturm, am Saume von Forsten oder Feldern, in den Wolken des Himmels oder im blauen Glanz, er verstand ohne Beschwerde den Ruf der Kreatur, das Herbstgebrüll der Hirsche, das mahnende Pochen des Spechts, die jauchzende Zuversicht der Lerchen, die Versunkenheit der Frösche in ihren Tümpeln, das unablässige Sagen und Singen der umbuschten Bäche, er brauchte tagelang keinen Menschen zu treffen. Nächte verbrachte er auf duftenden Heuschobern unter dem Sternenschein, oder, wenn es sein konnte, auf einem Dachboden bei guten Bauersleuten, Mahlzeit hielt er unter einem Baum, wenn's hoch kam, bei einem braven Pfarrherrn. In Dörfern ein wunderlicher Gast, spotteten über ihn die Burschen und schenkten ihm die Mägde halb bewundernd, halb mitleidig mit einer lächelnden Ehrerbietung einen Trunk Milch oder steckten ihm ein Stück Brot oder Speck zu. Die Hunde liefen ihm aus den Gehöften zu, ohne zu bellen.

Wollte er des Menschen Bestimmung und das Wesen des Schöpfers ergründen, so mußte er das Gesetz erkennen, das Körper und Seele bildete. Und dieses Gesetz mußte für alles Geschaffene gleich bleiben, für den Baum, wie für das Tier und den Menschen, es war das, was hinter allem Leben über Zeit und Raum verblieb, war Gott selbst im Dornbusch und Gott in ihm. Dieses Gesetz erschuf die Dinge und erklärte sie, und wer es besaß, war Schöpfer selbst und Gottes Anteil.

Solche Gedanken gingen unaufhörlich mit ihm. Er saß einmal am Ufer eines Teiches und betrachtete die grünen Inseln von Seerosenblättern, in deren Haufen die weißen Blüten standen. Wie wachsen sie? Da mußte er lächeln: durch das Wasser. Eine innere Stimme schien ihm, und jetzt voll Ernst zu wiederholen, daß der Ursprung im Wasser ruhe. Wuchs nicht jede Pflanze nur durch Regen, Tau, Feuchtigkeit? Trocknete ein Trieb aus, so starb er, je saftiger aber einer war, desto jünger, desto lebendiger war das Gewächs. Und Saft war, Feuchtigkeit in jeder Kreatur, Blut erfüllte, zeugendes Naß alle Zellen, die sich bildeten. Also blieb Flüssigkeit, Wasser, das erste Prinzip der Welt. Aber wie wird im Nassen das Feste, wie gliedern sich darin Körper, vereinigen sich Massen, wie beseelen sich diese Gebilde?

Er saß auf einem Steine inmitten einer ganz verlassenen, rotglühenden Heide unter der starken Hitze der Hochsommersonne und atmete den eigentümlichen glühenden Geruch ein, der aus dem Licht des Tages, den Schlieren der Luft und dem Hauch der entfachten Blumen allenthalben schwebte. Dieses abwesende Sinnen und Fühlen gab ihm, indem er sein Hemd öffnete, um die erhitzte Brust zu kühlen, mit dem Duft von überallher auch Antwort. Er warf sich taumelnd und von dieser Stunde ganz benommen rücklings in das Heidekraut und schloß die Augen vor der Sonne. Da hatte er eine eigentümliche uferlose Empfindung, als verlöre er mit der Schwere seiner Glieder und all ihrer besonderen Eigenschaft den Körper selbst, als sei das Gefühl zu stehen oder zu liegen, überhaupt irgend im Raume zu wurzeln, mit einem Male gänzlich von ihm genommen und er schwebe gleichsam aufgelöst in einem Unendlichen wie in einem unbeherrschbaren, aber auch unwillentlichen Fluge, wobei er mit einem inneren Blicke, der Zeit, Ort und wesenlos eine wahre Unendlichkeit umfaßte, nicht mehr Erscheinungen von Dingen, sondern deren eigentliche Einheit erkannte, und zwar erschien ihm dies, soweit Worte solchen Zustand überhaupt vergegenwärtigen können, wie eine unkörperliche umflutende Nebelwelt, deren leiser, ziehender, halb beklemmender, halb lösender, seliger Ton, ein Klang, der wiederum eine Fülle von Laut zusammennahm, durch einen Schimmer bestimmt, angezogen und entfernt wurde, der hinter und über dem Tageslicht, der Sonne, ruhte, so daß diese nur als ein Schatten eines höheren, tieferen, allgemeineren Lichtes wirkte.

In diesem Zustande entrückter Wahrnehmung und vollkommener erfaßter Auflösung seiner selbst, in solchem Meer der Bewußtheit verharrte er stundenlang, er genoß das unsagbare Glück dieser Entlastung, die ihn an ein geheimnisvolles Ganzes hingab, als würfe er seinen Körper wie ein Gewand, aber nicht mit willentlicher Gebärde, sondern gleichsam im Sinken oder Steigen von selbst ab, streife ihn wie im Hauch eines Windes von den Schultern. Allmählich kehrte er dann zu sich zurück, die Erinnerung und Beseligung des eben verlassenen Zustandes wie eine unverlierbare leichte, durchwallende Glut in allen Gliedern, den Verstand mit einem Male wunderbar erhöht und deutungssicher, von dem gewissesten Funde alles Geheimnisses hinter allen Falten der sinnlichen Erscheinung überzeugt, weit und lebenseinig für immer. Er versuchte nun die unsagbaren, soeben durchmessenen Ereignisse in eine, wie er gar wohl wußte, gleichnishafte, jedoch für ihn unbedingt schlüssige Beziehung zur Umwelt, zu den gegebenen Dingen, zur Geschichte der werdenden physischen und sittlichen Welt zu bringen, die ja selbst nichts anderes als ein Gleichnis sein konnte.

Aus einem Urnebel, aus einer Urfeuchtigkeit, dem Grunde und bestimmbaren Ganzen ringsum erwuchs das Leben, wurde aus dem Freien notwendig eingesogen und hineingenommen, wie Glieder, zu denen die Seele sich im Hauch einfindet.

Dies, dies machte lebendig: Wärme, Feuer! Licht schafft Wesen aus Wasser, bindet Feuchtes zu Festem! Licht macht Körper, Licht ist überall, in ihm, in diesem Busch, in dem Geruch, ringsum ist Licht. Und damit gleich auch Seele, Leben. Es fließt in die Dinge und dadurch bestehen sie auch. Göttlich ist er durch das Licht. Licht ist sein Sinn, sein Auge, macht ihn sprechen, läßt seine Glieder wachsen, ihn vernehmen, was um ihn, und sagen, was in ihm ist. Licht fließt, wohin jede Kreatur wandelt, als ihr eingeborener Geist und Gott; auch mit ihm geht dies unendliche Licht, das vom Anfang und überall ist. Auf dem Teiche flimmerten die kleinen Wasserwellchen in tausendfältigem Glänzen und kräuselten sich unablässig, als schafften sie eben in waltender Bewegung immer neue Gebilde. Eine Erhebung ohnegleichen beseligte den Mann, der aufgerichtet, verzückt im unendlichen Umkreis die erhabene Einfalt der Weltursachen erblickte. Der Taumel der Erkenntnis ließ ihn das All umfassen, indem er Licht und Wasser in allem Seienden wiederfand, in allem Mannigfaltigen als Urgrund; Mann und Weib verkörperten ihn als Gleichnisse, das Weib als die gebärende, empfangende, ernährende, aber aus sich allein bestimmungslose Masse, der Mann als das zeugende, beseelende, schaffende Element, als das waltende Licht. In diesen Urwesen: in der Wärme und im Wasser lag der Raum der Ewigkeit als im männlichen und weiblichen Element beschlossen, aus ihrer Umarmung ging die Seele, das Leben, alle Gestalt hervor.

Johann Heinrich Schönherr, der an diesem Tage das Wunder solcher Offenbarung so wahr, so eindeutig und unzweifelhaft annahm, wie das eigene Selbst, sah sich durch diese Gnade, was er längst geahnt, als Mittelpunkt des Alls auserwählt, Licht und Wasser, Gott, die höchste Einigung der Urprinzipien in ihm wiedergeboren. Und er besann sich der geheimnisvollen Worte Christi zu Nikodemus als eines Zeugnisses; da Nikodemus fragt: »Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?« Da antwortete Jesus: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.«

Solche seine Erkenntnis konnte nur den Anfang von Gott haben, der wie die Sonne über seinem Haupte einen Strom des Lichtes in seinen Geist hinabsandte. Er, Schönherr, war ausersehen, von Gott zu zeugen, der da kommen wollte, nachdem sein eingeborener Sohn, der für sie starb, den Menschen genommen worden war. »Und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich.« Diese Worte des Johannesevangeliums fielen ihm ein und erschienen ihm jetzt wie seine neuerliche Berufung. Er war der verheißene Mittler und Tröster, der Mann, der die Flut begrenzen, das Licht, das diese Welt neu beseligen sollte, der Geist, der widerstand, der Paraklet der Menschheit.

Im Rausche dieses Selbstgefühles kehrte er bei den Pfarrern wie der Sohn Gottes ein, bescheiden, aber voll Hoheit, und stellte sich in seiner unbefangenen Treuherzigkeit gar als Paraklet vor. Die einen nahmen ihn als Narren, andere als Betrüger, wieder andere ließen sich mit ihm in Erörterungen ein und konnten seine Offenbarung nicht widerlegen, bei der keine Beweise galten, sondern bloß annehmen oder verwerfen. Ein Grobian von Pastor, dem Schönherr nach langem Streit den nahen Tod weissagte, wenn er nicht an seine Erkenntnis glaube, warf ihn aus dem Hause. In Leipzig fand Schönherr sogar einen Schüler, oder glaubte einen zu finden, dem er solchen unbedingten Gehorsam auftrug. Als dieser eine Flasche Wein brachte, um dem Propheten einen Trunk zu bieten, ergriff Schönherr das Glas, hielt es dem Gastgeber hin wie beim Abendmahl und sprach: »Herr, deine Wege sind wunderbar.« Der erschrockene Jünger, der den Mann für verrückt hielt, brachte ihn unter dem Vorwand eines Spazierganges in ein Irrenhaus. Man begrüßte dort den priesterlich Auftretenden mit allen Ehren, und es war ein Augenblick, der selbst den Arzt ergriff, als Schönherr das Christusbild im Besuchszimmer lächelnd grüßte: »Wo bist du, mein Bruder?«

Damit öffnete er die Tür, die ihn zu den Narren führte, und nahm mit würdigem Anstand durch ein sanftes Neigen des Hauptes von seinem Schüler Abschied. Bald erkannte er freilich, wohin man ihn gebracht hatte, setzte sich, als er nicht mehr fortgelassen wurde, nieder, weinte bitterlich und sprach: »Der Freund, den ich am meisten geliebt habe, hat mich verraten.« Dann redete er kein Wort mehr und bestand darauf, zu fasten. Der Arzt vermochte ihn nur durch einen glücklichen Einfall zum Essen zu bringen, indem er sagte, alle heiligen Männer hätten Honig gegessen, diese unschuldige Speise, die das Fasten nicht breche. Da blickte der Paraklet mit einem Zuge von wehmütigem Gehorsam zu dem Überredenden auf und nahm kopfschüttelnd vom Süßen.

Nachdem er einen Monat lang geduldig und still im Irrenhause gelebt hatte und seine Harmlosigkeit erkannt worden war, entließ man ihn mit einem ausreichenden Zehrpfennig, so daß er sich bis Königsberg, wohin er zurückzukehren gedachte, anständig fortbringen konnte. In einem härenen Mantel, der ihm bis an die Füße reichte, barhaupt, den Bart bis zum Gürtel, machte er allenthalben Aufsehen, und in den Städten, wo ein wunderlicher, aber mit Sicherheit auftretender Mensch immer auf eine gewisse Folge zählen kann, schlossen sich ihm einzelne treuere Leute an. Vorsicht und unwillkürlich angeeignete Gewandtheit ließen ihn jetzt auch seine höhere Bestimmung als Paraklet nicht an die Spitze seiner Erörterungen stellen, vielmehr wandte er sein Augenmerk auf die Erläuterung des weltlichen und gemeinen Lebens und suchte in seinen Anhängern einen höheren Sinn, eine göttlichere Würdigung und Betrachtung des Daseins zu erwecken, indem er die altbekannten, rührenden Geschichten der Evangelien gleichsam selbst mit ihnen wiedererlebte und sie wiederfinden ließ, da sie sich als rührende Gleichnisse alles irdischen Begegnens unwillkürlich einfinden, wo immer der Gegensatz zwischen der hartnäckigen Lebenssucht aller und der liebenden Freiheit des einzelnen wirksam wird.

In Königsberg versammelte sich bald ein Kreis von Anhängern aus verschiedenen Schichten um ihn. Die aus dem Volke gewann er, wofern er sie nicht schon von seinem früheren Aufenthalte kannte, durch seine freundliche Teilnahme, indem er sie über ihre Verhältnisse und Arbeiten befragte und das Gespräch unmerklich auf höhere Dinge brachte. Er suchte sie mit der Ungerechtigkeit des Geschickes, mit Armut, Krankheit, Geldmangel, Not, mit ihren schweren Zuständen durch den Hinweis auf die Macht des Gemütes zu versöhnen, das in einer gerechten inneren Freiheit überall das Glück gemäßen Daseins finden und sich am kleinsten so erfreuen könne, daß kein Mächtiger diesen wahrsten Besitz rauben oder zerstören dürfe. Er legte ihnen die Lehren der Bibel menschlich nahe, die sich ein und das andere Mal sogar zu praktischen Ratschlägen für ihre augenblickliche Lage verwerten ließen. So erwarb er das Vertrauen auch zu seinen eigentlichen Grundsätzen. Mit Studenten und den Angehörigen der höheren Stände fand er gleichfalls Anknüpfung. Von solchen Wohlhabenderen mochte er auch die bescheidenen Mittel zu seinem Unterhalte bezogen haben, wenngleich niemand genauer wußte, woher er seine Wohnung, seine Kleidung und sonstigen, allerdings äußerst geringfügigen Bedürfnisse, hauptsächlich aber die Kosten von Versammlungen bestritt, die bei ihm stattfanden.

Am Sonntag sang die kleine Gemeinde ein Lied, dann betete Schönherr laut und erklärte das Evangelium des vorigen und des jetzigen Sonntags, aber nicht in Form einer Predigt, die keine Unterbrechung duldet, sondern als geistliche Erörterung, die Fragen zuläßt, Einwendungen aufnimmt und so die Überzeugung des einzelnen aufs eindringlichste allen vermittelt. Diese Erbauungen gingen in seiner Wohnung, in einem großen, geweißten Zimmer vor sich, wo nur ein sauberes Bett, Schönherrs Lager, sonst aber für die Gäste Stühle bereitstanden, während er betend und lehrend an einen kleinen Tisch trat, auf dem vor einem Holzkreuze in einem Glase ein paar frische Blumen angeordnet waren, die gewöhnlich von einem der Frauenzimmer mitgebracht wurden, die sich dem Kreise angeschlossen hatten. Eine bescheidene Kollation von Brot und Milch erquickte die Teilnehmer. Wenn durch das Fenster dieses Raumes die helle Sonne auf Schönherrs verklärte Züge fiel, schien dies eine wunderbare Bestätigung der ewig wiederkehrenden Heiligung des Lichtes, wovon er sprach. Denn Gott sei das Licht, und alle göttlichen Eigenschaften würden durch das Licht und am Lichte verstanden. Die Schöpfungsgeschichte erläuterte er nach seiner Entdeckung, wie im Anfange die beiden Urwesen, Licht und Wasser, in Eigestalt Himmel und Erde gebildet hätten. Solche Vermählung und Welterschaffung wiederhole sich ewig in allen Vorgängen des Daseins, am höchsten im vollkommensten Gebilde Gottes: im Menschen. Während die übrige Natur in Unschuld die unablässigen Entstehungen verwalte, sei nur dem bewußten Menschen eine Verkehrung und Verderbnis des reinen Wesens möglich, die ihm seine Sünde, sein Schicksal bedeute. Schönherrs Lehre wollte die heilige Einfalt der Urtatsachen auch für den Menschen wiederherstellen: vereinigtes Wirken zum Zwecke der Gottseligkeit. Der Weg dazu ist vorgeschrieben durch den Gebrauch und die Befriedigung aller Sinne in einem überirdischen, nicht eiteln, lauteren Gesamtgefühl.

Als Sinnbild dieser Lehre, die sich auf alle Gebiete bezog, auf alle in Beispielen und Folgerungen angewendet wurde, galt Schönherr die Taufe als Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes, aber die Taufe mit Wasser und Licht als Blut, weil dieses die Seele, das Feuer des Lebens ist. Darum gab Jesus beides, sein Blut, worin seine heilige Seele wirkte, und seinen Leib, der von Wasser gebildet, organisiert war, für das Leben der Welt hin, damit sie heilige Säfte und heilige Wirkungsregeln dadurch empfinge.

Unter seinen Hörern war ein gewisser Bujack, dessen naturwissenschaftliche Kenntnisse die gläubige Überzeugung zuweilen störten. Schönherr mochte freilich sagen, so oft er wollte, dieses Gefühl, diese erste durchdringende Anschauung stünde nicht zu Beweis, gestatte aber, einmal angenommen, jeden Schluß auf alles weitere Leben, der sonst zuverlässige Jünger fand doch den alten Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, Offenbarung und Vernunft nicht geschlossen, wie Schönherr versicherte, dessen leidenschaftliche Beredsamkeit allerdings gegen Äußerungen des Zweifels eine solche Gewalt der Mitteilung erhielt, daß alle Hörer, auch Bujack, wie von einer vollkommenen Gewißheit hinweggehoben wurden. Aber Schönherr mochte selbst irgendein übriges tun, um seine Anhänger zu trösten, die nun einmal viele Jahrhunderte nach den Zeiten solcher Offenbarungen lebten und daher irdischer Bekräftigungen bedurften. Oder wollte er in seinem Selbstbewußtsein die Anerkennung eines Menschen erzwingen, den er selbst hochstellte? Es ist heute kaum mehr klarzubringen, was ihn eigentlich dazu veranlaßte, daß er eines Tages in seinem merkwürdigen Aufzuge, von Bujack begleitet, der nicht wußte, worauf sein Meister ausging, vor dem Hause haltmachte, wo der große Kant wohnte.

Hier verabschiedete er den Schüler, der ihn mit einem fragenden Blicke ansah, mit einem halb verheißenden, halb spöttischen Lächeln und zog die Klingel. Eine alte Magd öffnete ihm und ließ ihn, als er den Herrn Professor zu sprechen verlangte, kopfschüttelnd in ein Besuchszimmer treten, wo er warten sollte. Peinlich sauber standen alle grünbezogenen Stühle um den polierten Tisch, kein Stäubchen trübte den Eindruck der äußersten Ordnung, den dieser Raum machte, wie denn alle Gegenstände, die notwendigen, wie die schmückenden, so zusammengestellt und gehalten waren, als seien sie seit undenklichen Zeiten unveränderlich in dieser Lage und in diesen Beziehungen zueinander und zu ihrem Herrn. Nicht nur das hohe Alter des Philosophen, auch die ungeheuere Bewegung seines Geistes mochten einen unverrückbaren Halt an äußeren Dingen der täglichen Umgebung verlangen. Ebenso sorgfältig, sauber gehalten, glatt rasiert, mit weißem Halstuche und gepudertem Zopfe, in schwarzem Rock und schwarzen Strümpfen, ein freundliches, wenn auch etwas fremdes Lächeln auf den Lippen, trat Kant, der damals im letzten Jahre seines stillen Lebens stand, ins Zimmer.

Schönherr verbeugte sich ungeschickt, aber bescheiden und demütig, Kant erwiderte höflich den Gruß und lud den Gast ein, Platz zu nehmen und zu sagen, was ihn hergeführt habe. Der Paraklet – er litt in dieser Stunde selbst ein wenig an seiner eigenen, sozusagen unangemessenen Erscheinung und seinem Stegreifauftreten gegenüber dem Professor – Schönherr also begann den Grund seines Besuches auseinanderzusetzen. Da Kant ihn reden ließ und vorerst überhaupt schwieg, mußte der Gast weiter ausholen und berichtete von den furchtbaren Zweifeln, die ihn in seiner Jugend und am Anfange seiner Studien gequält hatten, und wie er das tiefste Bedürfnis zu glauben mit jenem anderen, gleich dringenden der Vernunft, die nur Beweisbares und Bewiesenes anerkennen wollte, nicht habe übereinbringen können. Die Offenbarung der Schrift anzuzweifeln oder höhnisch zu übergehen sei ihm ungeheuerlich erschienen, der inständig begehrten Übereinstimmung von Glauben und Wissenschaft sei er sicher gewesen, wenn er sie gleich überall vergeblich in Büchern oder Hörsälen zu lernen gesucht habe. Er habe diese Welt nicht lieben können, ehe er von der anderen, höheren, Gewißheit empfangen.

Da unterbrach ihn Kant: »Am ratsamsten freilich wäre es, zu warten, bis man in die andere Welt kommt.« Schönherr entgegnete, ohne Wissen von dieser äußeren und der wahren höheren, inneren oder jenseitigen Welt gebe es überhaupt keine Tugend. Darauf Kant: »Im natürlichen Zustande kann man gut sein ohne Tugend und vernünftig ohne Wissenschaft.«

Schönherr, dessen natürlicher Zustand eigentlich diesen Gedanken hätte anerkennen sollen, kam darauf nicht mehr zurück, sondern ging auf seine Lehre über und trug die Einfachheit des Grundsatzes, sowie die Erörterung aller daraus folgenden Tatsachen der sittlichen und religiösen, wie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht ohne eine gewisse leidenschaftliche Bewegung vor, und wie die vielfältige irdische Welt lediglich aus den zwei Urwesen Wasser und Feuer entstanden, aus ihnen allein zu erklären sei und sich von ihnen ernähre und erhalte.

Endlich schloß er und sah erwartungsvoll auf Kant. Dieser sagte mehr zu sich als zu dem Fremden, den er mit Gedanken nicht beunruhigen mochte: »Man könnte ohne Vermessenheit in gewissem Verstande freilich sagen: gebet mir Materie, ich will eine Welt daraus bauen! das ist, gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll. Kann man aber wohl von den geringsten Pflanzen oder einem Insekte sich solcher Vorteile rühmen? Ist man imstande zu sagen: gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Raupe erzeugt werden könne?«

Dabei unterbrach er sich aber sogleich und richtete, ganz ernst, ohne auch nur mit den Augen zu lächeln, den Blick auf Schönherr: »Wenn Ihnen an diesen sogenannten Urtatsachen soviel gelegen ist und Sie daraus alles Leben ableiten zu sollen glauben, so muß sich, verstehe ich Sie recht, auch alles Leben durch Wasser und Licht allein behaupten?« Schönherr bejahte. »Dann brauchten Sie also nur einen Versuch zu machen, nämlich von Licht und Wasser zu leben. Glückt es Ihnen, so bedürfen Sie doch weiter keines Beweises.«

Schönherr konnte darauf im Augenblicke nichts erwidern. Kant erhob sich und verabschiedete ihn.

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