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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Sie können sich die Unterhaltung vorstellen. Er wollte mich heiraten. In dieser Zeit heiraten, wo alles Geld wertlos, jede Stellung unsicher ist? Und dann bin ich noch viel zu jung. Wie lange war ich schon viel zu jung! Für sie werde ich immer zu allem zu jung sein. Was er denkt! Wenigstens ein Jahr möchte er sich noch gedulden, bis überall eine gewisse Ordnung ist. Gut, wir sind verlobt; das könnten wir ja bleiben in Gottes Namen. Niemand hätte was dagegen, aber um so weniger dürfte ich allein in Agram leben, das müsse er doch einsehen. Ich gehöre zur Mutter, deswegen ist sie ja gekommen. Warum habe sie mich denn vier Jahre hier allein gelassen? Nun, weil sie gehofft hat, es geht mir hier besser, ich brauche nicht zu hungern. Aber jetzt ist es in Wien sicherer, und sie hält es ohne mich nicht mehr aus. Paul kam gegen ihren Willen nicht auf. Er hatte auch Respekt vor ihr. Meine Mama benimmt sich ja und spricht sehr gut, und so oft er mich angeschaut hat, wenn ich etwas sage, hat sie mich auch gleich angeschaut. Da habe ich kein Wort hervorbringen können und ich habe mich gar nicht getraut, den Paul anzusehen. Ich habe mich vor der Mama mehr geschämt als vor ihm. Ich habe geweint, als sie so über mich verhandelten, aber ich wollte es mir nicht merken lassen. Was blieb ihm endlich übrig, als schweigen, zustimmen, weil man ihn zwingt und weil ich nichts sage. Wir sollten verlobt bleiben, sollten uns schreiben und warten und jetzt sollte ich in Gottes Namen mit der Mama fortfahren. Er hat mir sogar noch heimlich Geld zugesteckt, damit ich nicht in Verlegenheit komme, ich hatte ja auch Schulden in Agram. Einiges mußten wir noch kaufen. Zum Schlusse stellte es sich heraus, daß wir die Uhr meiner Mutter samt Kette, einen Ring und ein paar Schmucksachen von mir versetzen mußten, um genug Geld für die Reise zu haben.

Der Abschied von Paul war knapp – die Mama war ja dabei. Er hat sich nicht einmal getraut, mich zu umarmen. Da bin ich ihm doch wenigstens anstandshalber um den Hals gefallen und habe ihn schnell auf den Mund geküßt. Dann bin ich ihm und der Mutter davon in den Waggon gerannt.

Im Zuge waren wir so weit ganz gut untergebracht. Der Revisor fragte zwar nach dem Passe, aber in unserer Aufregung beachteten wir das gar nicht weiter, sondern sagten bloß: ja, ja. Erst auf der Fahrt fiel es uns ein, daß ich überhaupt keinen Paß hatte, denn nur meine Mutter hatte in Wien einen genommen und dabei vergessen oder gar nicht gewußt, daß sie hätte vermerken lassen sollen, sie hole die Tochter von Agram ab. Dann wäre die Sache in Ordnung gewesen, weil ich minderjährig war und zur Mutter gehört hätte. Das alles stellte sich in Marburg bei der Grenzkontrolle heraus.

Dort stand nämlich ein ekelhafter Kerl, der mich mit einem gemeinen Gesicht anstarrte und sich an meiner Verlegenheit freute, als ich auf seine Frage nach meinem Paß gestehen mußte, ich hätte keinen. Was nutzte es, daß ihm die Mama erklärte, sie holt mich ab, ich bin ihre Tochter und so weiter? Das könnte jeder sagen. Er glaube es, aber er müsse es nicht glauben, er dürfe es gar nicht glauben, von Amts wegen habe er auf dem Paß zu bestehen. Was sollten wir also tun? Er zuckte die Achseln: zurück! Ohne Paß keine Durchfahrt! Schöne Geschichte! Wir berieten uns. Wir standen ein wenig abseits. Ein Kondukteur sah uns mitleidig an. Wir getrauten uns gar nicht, ihn zu fragen. Da meinte er, er könnte uns einen Rat geben, aber er könnte es doch nicht, denn es sei ihm schon einmal übel ausgegangen. Er meinte vielleicht: Bestechung. Woher sollten wir das Geld dazu nehmen? Da fiel uns ein, wir kämen vielleicht zu Fuß über die Grenze und, erreichten wir nur den ersten österreichischen Ort, so war alles gewonnen. Also stiegen wir in den Gegenzug, nahmen Karten nur bis zur nächsten jugoslawischen Station, stiegen dort aus und sahen uns in der Gegend um. Ein Beamter war höflich mit uns. Wir gestanden ihm unsere Verlegenheit, er hörte uns mitleidig an. Ob wir denn nicht hier, nicht von ihm einen Paß, eine Durchreiseerlaubnis für mich bekommen könnten. Nein, so etwas dürfe er nicht ausstellen, aber vielleicht kämen wir anders durch. Er schien auf meine Absicht anzuspielen. Es war wohl nichts Ungewöhnliches, daß man hier schmuggelte, und wir konnten uns vielleicht selbst über die Grenze paschen. Nun, so schleppten wir uns mit unseren schweren Koffern zu Fuß fort. Den Weg kannten wir nicht, aber wenigstens die Richtung. Gar zu weit konnte es doch nicht sein. Es war ein Nachmittag, bedeckter Himmel. Wir hatten anständige Reisekleider, leichte Schuhe mit hohen Stöckeln, die schlechteste Ausrüstung für einen Fußmarsch. Wir stiegen über Wiesen, durch Gehölz, manchmal über Sumpfboden. Dann über Steine, denn es war nicht geheuer, auf der Straße zu bleiben. Darum konnte man auch keinen Wagen benützen, selbst wenn es einen gegeben hätte. Wir gingen immer mühseliger. Alle paar Minuten wechselten wir den Koffer von der rechten in die linke Hand und umgekehrt. Er wurde immer schwerer und stieß an die Knie, an die Waden. Es half nichts, wir mußten weiter. Es dunkelte schon, und auf einmal begann es noch zu regnen. Die Füße klatschen in den Schuhen. Wir weinten vor Müdigkeit und stolperten weiter. Wo sollten wir denn bleiben? Da war kein Ort zu sehen, kein Haus, nichts als Nacht. Nur gut, daß wir bei unserer Anstrengung keine Kälte spürten. Aber endlich waren wir mit unseren Kräften fertig. Die Mama stellt den Koffer nieder, setzt sich darauf, so, weiter kann sie nicht! Und wenn sie hier sterben muß! Wir machten einen kurzen Aufenthalt, aber als es immer stärker regnete, naß und durch bis auf die Haut, nahm sie doch ihr Gepäck auf und wir gingen weiter. Wir sahen nicht, wo wir waren, ob es der richtige Weg war. Wir konnten den Kopf nicht heben vor Müdigkeit, wir wären sicherlich umgefallen. Da stießen wir auf ein großes hohes dunkles Haus, es schien ganz aus Holz. Fast wären wir mit dem Kopf dagegen gerannt. Ein Glück! Wir setzten die Koffer nieder. Kein Licht brannte im Hause, aber als wir ganz still horchten, glaubten wir Stimmen drin zu hören und ich tastete mich nach der Türe. Sie stritten drin oder sprachen wenigstens laut, ich glaubte deutsch. Ich klopfte an der Tür. Als niemand antwortete, schlug ich mit den Absätzen ans Holz, bis endlich jemand über eine Treppe herunterpolterte und, ohne zu öffnen, fragte, wer da war. Beide zugleich antworteten wir; zwei Frauen, allein, bitten um Unterstand für die Nacht. Nachher haben wir, meine Mutter und ich, davon gesprochen, was wir in diesem Augenblick und noch später, bis zum Morgen, für Angst ausstanden. Was hätte man uns dort alles tun können! Ausrauben wäre das wenigste gewesen. Totschlagen, ins Gehölz schleppen nachher, was weiß ich! Alles eins, nur Rasten! Die Tür öffnete sich, ein riesiger Mensch stand da und sagte nichts. Er hatte auch kein Licht. Wir wiederholten unsere Bitten. Ob wir nicht übernachten könnten. Er schüttelte den Kopf, er weiß nicht. Wir bitten dringend. Er mußte an unserem Weinen hören, wie es mit uns ausschaute. Schließlich brummt er etwas, das man so verstehen kann, wir sollen ihm folgen. Wir schlüpften durch die Tür. Sie schlug zu, wie eine Falle. So, jetzt mußten wir uns in der Stockdunkelheit ihm nachtasten. Wir gingen behutsam, aber unsere Koffer polterten bei jedem Schritt an die Holztreppen und machten einen Höllenlärm in der Finsternis. Wir tappten einen Stock hoch, dann durch einen schmalen Gang, dann wieder Stufen hinab, dann abermals hinauf, wieder durch Gänge. Endlich öffnete er eine Tür. Wir riechen: aha! eine Küche. Er brummte wieder: Hier könnten wir warten. Bett ist keines da. Aber hier sind zwei Holzstühle. Er führt uns hin. Ich habe an den Menschenfresser denken müssen, der zwei Frauenzimmer zum Braten herrichtet. Er war so maulfaul und riesengroß. Ein Stuhl war vor dem Herd, der andere an einem Schrank. Jetzt spürten wir auch ordentlichen Hunger. Ein Stück Brot! »Nichts zu Haus!« Wir seufzen. »Gute Nacht!« brummt er, verschwindet, schlägt die Tür zu Wir sind allein. Wir schoben die Koffer an die Stühle und legten die Füße darauf. Den Oberleib lehnten wir an den Herd, an den Schrank, so kauerten wir, und begannen jetzt erst zu frieren, wo wir langsam abtrockneten. Draußen hörten wir wiederum Stimmen. Was die besprachen oder berieten! Ob es uns anging? Aber sie wisperten nur und verstummten allmählich ganz. Das war noch viel unheimlicher. Wenn nur eine Ratte genagt hätte! Es war still wie in einer Gruft. Wo waren wir? Bei was für Leuten? Wohnten sie hier? War's eine Scheune? Feuergefährlich, baufällig oder verdächtig mit dieser Küche ohne ein Stückel Brot? Räuber? Schmuggler? Bauern? Was wird mit uns geschehen? Mit allen unsern Sachen? Bald war uns wieder alles gleich. Wir haben uns fast schon ohne Angst von allem unterhalten, was hier mit uns möglich war. Nur ausruhen! So schliefen wir auf unsern Stühlen zusammengehuschelt ein und es war schon hellster Tag, als wir erwachten. Das Haus war leer. Wir riefen zuerst leise, dann immer lauter. Niemand antwortete. Wir hätten gar zu gern wenigstens eine Schale Milch gehabt. Wir hungerten ja schon einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Endlich schlich ich selbst auf den Zehen durch die Gänge über die Stiegen und fürchtete mich, so oft es knarrte. Ich klinkte jede Tür vorsichtig auf. Es war ein großes Holzhaus, aber ganz ohne Einrichtung, verlassen, es gab wirklich kein Bett, und vielleicht waren unsere beiden Stühle in der Küche die einzigen im ganzen Gebäu. Wahrscheinlich war das Haus nur ein Unterschlupf für schmuggelnde Bauern, und heute waren sie längst davon. Als ich von ganz oben bis ganz unten gegangen war und erst nur leise wie eine Katze, nachher immer freier gerufen hatte, aber ohne Antwort, fing ich vor Wut, aber auch erleichtert, laut zu lachen an, daß es nur so schallte und meine Mutter herauslockte. Dann haben wir freilich wieder geseufzt, als wir unsere Koffer anpacken mußten. Wir stolperten über die Stiegen ins Freie und machten uns von neuem auf den Weg.

Nach vielen Stunden waren wir richtig über die Grenze in der ersten österreichischen Station. Wir bekamen etwas zum Essen. Wir stärkten uns. Wir stiegen in den österreichischen Zug. Wir glaubten uns schon gerettet und sicher. Ja, was nicht gar! Bei der zweiten österreichischen Station schau ich zum Fenster hinaus. Genau in die zwei Augen von dem Scheusal von Marburg mit dem Teufelsgesicht. Er schaut mich scharf an, erkennt mich sofort, geht zum Zugführer. Ich habe mich sogleich in meine Ecke geduckt und zu zittern angefangen. Der Zug hält. Alle Fahrgäste wundern sich, daß er nicht weiterfährt. Endlich erscheint der Teufel mit dem Revisor im Coupé. »Die Pässe, meine Herrschaften, wenn ich bitten darf.« Dieselbe Geschichte wie in Marburg! Der Revisor bedauert, er darf mich nicht weiterfahren lassen. Die Mutter kann nach Wien reisen. Ich muß zurückbleiben. Was soll ich denn tun? fragte ich verzweifelt. Der Teufel zuckt die Achseln: drüben in Jugoslavien einen Paß holen, anders geht es nicht. Wieder will die Mutter mit mir aussteigen und zurück. Der serbische Teufel besichtigt noch einmal ihren Paß. Das Visum gilt nur noch bis morgen. Morgen könnte also auch sie nicht mehr durch. Wir schauen uns an. Ich sage der Mutter, sie soll weiterfahren. Ich werde allein zurück, noch einmal mein Glück versuchen, was weiß ich. Es bleibt ja nichts anderes übrig. Ich steige also mit meinem Koffer aus, sie winkt mir verzweifelt aus dem Fenster. Ihr Zug fährt ab. Ich bin allein auf dem kleinen Bahnhof. Mein Geld war knapp. Ich wollte sparen und nicht noch einmal eine Karte nach dem verfluchten Marburg lösen. Ein Lastzug stand dort mit angeheizter Lokomotive: Richtung Marburg. Ich bat einen Kondukteur, er möchte mich so mit ihm zurückfahren lassen. Er nahm mich in Gottes Namen mit. Es war ein Zug mit vielen zerbrochenen, verdorbenen, beschmutzten Personenwagen, die nach Jugoslawien gebracht wurden. Er schob mich in einen, in ein verfallenes, verwahrlostes Coupé ohne Fenster mit Bänken ohne Überzug, aus den Kissen war sogar die Füllung herausgerissen. Schön sah es aus! Der Wind pfiff durch. Ich war da so elend, selber so ruiniert, daß ich auf einmal am liebsten nicht mehr leben wollte. Während der Fahrt wollte ich mich von einem Wagen zum andern nach dem Zugende schleichen und von dort – wir fuhren ja langsam – abspringen. Geschah mir nichts, so konnte ich in Österreich noch um eine Station weiter gehen und am Ende vielleicht doch durchkommen, starb ich aber oder brach mir die Glieder, so blieb ich liegen, und es war mir auch recht. Nur nicht wieder zurück! Ich schleppte mich also wirklich durch, ich komme wirklich zum letzten Wagen. Ich öffne die Tür aufs Trittbrett. Wer steht auf der Plattform und schaut mich an: der serbische Teufel! Ich wollte schnell an ihm vorbei und abspringen. Er hält mich fest. Wir rangen eine ganze Weile. Wir hätten beide herunterfallen können. Er war stärker. Er fesselte mich, indem er meine beiden Hände mit seinen zusammenhielt. Dabei schaute er mich höhnisch und böse an. »Sterben? Nichts da«, sagte er und hielt mich so lange, bis wir wieder in Marburg einfuhren, ich weiß nicht, wie lange es war, mir kam es wie viele Stunden vor. Ich knirschte mit den Zähnen, ich sah zu Boden, ich sprach kein Wort. Ich hätte es nicht über mich gebracht, ihn zu bitten. Nur gestorben wäre ich gern. Endlich kommen wir in Marburg an. Er läßt mich aussteigen und führt mich in die Paßkontrolle.

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte ich.

»Einen Paß, Fräulein, das wissen sie doch.«

»Sie sehen ja, daß ich keinen habe und keinen bekommen kann.«

Er schupft die Achseln.

»Was soll ich also anfangen?«

»Nach Agram fahren, einen besorgen.«

»Ich habe dazu nicht genug Geld, ich will nicht nach Agram. Wie soll ich mir denn dort genug verschaffen, um zu leben und einen Paß zu bezahlen?«

»Nun, es gibt ja gewisse Häuser. Sie brauchen es nur zu versuchen,« grinst er.

»Den Rat geben Sie Ihrer Schwester,« sage ich. Da senkt er den Kopf und redet nichts mehr. Ich gehe fort. Wiederum landeinwärts bis zur nächsten serbischen Station. Dort treffe ich wiederum den anständigen, mitleidigen Beamten, der mich gleich erkennt und fragt. Ich heule statt jeder Antwort. Er soll mir um Gottes Willen ein Papier mit seiner Unterschrift geben, daß man mich durchlässt. Er hat gewiß die Macht. Wenn er mir das Papier gibt, wird man mich passieren lassen. Er lacht. So einfach ist die Geschichte nicht. Aber er lacht mitleidig. Ich werfe mich ihm zu Füßen. Wirklich. Ich knie vor ihm, er muß mir ein Papier ausstellen. Um mich zu beruhigen, schreibt er endlich etwas und setzt seinen Namen darunter. Ich stecke den Zettel ein wie eine Heiligkeit und mit meinem Koffer mache ich mich abermals davon, wieder über Feld und Wald, um wieder auf demselben Wege durchzubrechen. Diesmal kam ich ohne Übernachten über die Grenze und ging nun eine Station weiter nach Österreich hinein. Der Stationsbeamte fragte mich um den Paß, denn er sah mir an, daß ich von drüben kam. Ich sagte ihm gleich, ich hätte nichts, als dieses Papier. Er las es und lachte: »Wissen Sie, was darauf steht? – Bestätigung, daß Fräulein Angelica Tassai am soundso vielten in der Station . . . angehalten worden ist. Unterschrift.« Der Stationsbeamte, der schließlich keine besondere Verantwortung für meinen Paß hatte, ließ mich einsteigen, aber er warnte mich, die serbische Grenzkontrolle könnte den Zug noch bis nach Graz revidieren und mich beanstanden, wenn sie mich erkenne. Das müsse ich riskieren. Ich riskierte ja längst alles und auf alles gefaßt duckte ich mich in den dunkelsten Coupéwinkel. Hätten sie mich noch einmal gefunden und zurückgestellt, dann wäre es aus gewesen. Dann hätte ich mich bestimmt unter die Räder geworfen oder sonstwie umgebracht und kein serbischer Teufel hätte mich mehr gehindert. Zum Glück fuhr der Zug unbehelligt weiter. In Graz war mir leichter, aber ganz erlöst war ich erst in Wien. Ich kam einen Tag nach der Mutter an. Sie hat mich begrüßt, wie wenn ich von den Toten gekommen wäre.

Nun, in Wien war ich bald wieder zu Haus. Damals wollte ich durchaus tanzen und damit mein Glück machen, wenn ich in ein Land mit guter Währung komme. Ich nahm wieder Unterricht bei einem Professor und er studierte mit mir und mit einem jungen Mann eine Szene ein. Der junge Mann war der Maler, ich war die Nymphe. Er saß an seiner Staffelei und malte. Die Nymphe kommt und lockt ihn, tut verliebt und fliegt solange um ihn, bis er seine Kunst vergißt. Er tanzt mit ihr, er faßt sie an, er hebt sie hoch in die Luft und auf und davon. Damit wollten wir reisen und ein Engagement suchen. Aber der Kerl war gar zu dumm. So etwas Hölzernes können Sie sich nicht vorstellen! Er traut sich nicht, mich anzurühren. Der Professor redet ihm zu: So fassen Sie das Fräulein doch an, sie tut Ihnen doch nichts, sie brennt ja nicht! Aber so oft er mich ergreifen soll, hält es ihn zurück, er lacht blöd und kann nichts anfangen.

Um diese Zeit, abends, wenn ich zu Haus am Fenster sitze und hinausschaue, glaube ich: auf der Straße geht einer herum und spioniert uns aus. Am ersten Tag lach' ich darüber: Einbildung! Am zweiten geht der Jemand wieder auf und ab, eine geschlagene Stunde lang. Er trägt einen weichen Hut, darunter eine schwarze Binde überm rechten Aug', etwa, damit man ihn nicht erkennt. Aber ich weiß es doch gleich am Gang: das ist der Paul. Ich will auf der Stelle sterben, wenn's nicht der Paul ist. Ich renne hinunter, er merkt, es kommt wer, und stelzt davon. So habe ich ihn zweimal versäumt und erst beim drittenmal gefaßt. Er war's!

Heimlich ist er nach Wien gekommen. Er hat mich auskundschaften wollen, bevor er mich besucht, ob ich ihm wirklich treu bin. »Und was ist's mit dem Tänzer?« »Mit was für einem Tänzer?« An den Haubenstock habe ich wirklich gar nicht gedacht. »Was fragst Du!« sagt er ganz bös. »Ach den? Ich muß doch einen Partner haben, wenn ich auftreten will.« »Du darfst nicht tanzen. Meine Braut kann doch nicht in einer Bar tanzen, an die Tische gehen, was fällt dir ein?« Ich antwortete, ich sehe nichts weiter dabei, wenn ich nur anständig bleibe. Ich bin ihm ja treu, aber ich muß mich doch selbst erhalten. So geht es niemand an, was ich tue. Ich finde tanzen hübscher, als nähen. »Ja, weil du dabei so vielen Männern den Kopf verdrehen kannst.« »Deiner ist schon verdreht, aber ich kann nichts dafür.«

Kurz und gut, wir haben uns auf der Stelle vollkommen verzankt. Ich habe mir seine Eifersucht, seine Befehle nicht gefallen lassen. Ich war doch wirklich kein kleines Kind mehr. Plötzlich läßt er mich stehen und rennt ohne Abschied auf und davon. Nichts mehr hab' ich von ihm erfahren. Ich weiß nicht, lebt er noch, oder hat er sich umgebracht. In seiner Verzweiflung war er schon fähig dazu. Ich habe nach Agram an seine Mutter geschrieben. Sie hat mir verzweifelt geantwortet, sie weiß auch nichts von ihm, sie hat mir Vorwürfe gemacht. Ich habe alle Schuld. Dann habe ich nichts mehr seinetwegen versucht. Vielleicht ist er doch wieder zur Vernunft gekommen und hat sich die Sache aus dem Kopf geschlagen. Besser für ihn!

Der Tänzer aber, der Holzstock, war so blöde, so ungeschickt, daß er mich überhaupt im Stich gelassen hat und einfach von der Probe ausgeblieben ist. Der Professor hat geflucht, und ich stehe da ohne Tänzer und ohne Verlobten.

Damals habe ich wegen eines Engagements in einem Artistencafé verkehrt. Da war ein Zauberer und Hypnotiseur, schon ein älterer Mann, aber sehr schön, er war glatt rasiert und hat prachtvolle große Augen gehabt, mit denen er auf alle Leute recht verächtlich von oben heruntergeschaut hat. Ich bin traurig dagesessen, weil mir ja alles und alles schiefgegangen war. Da hat er mich fixiert. Endlich kommt er auf mich zu, stellt sich vor: Diabelli heißt er, fragt mich, was mir fehlt, was ich wünsche, was ich suche, ob er mir vielleicht behilflich sein darf. Ich kann nicht anders, als ihm die Schererei mit dem Tänzer erzählen. Er meint: »Machen Sie sich nichts daraus. Sie können eine andere Nummer einstudieren. Es muß ja nicht gerade ein Tanz sein. Ich brauche bei meinen Arbeiten eine Gehilfin. Sie sind schön« – ich schaue ihn dabei verlegen an – »ich darf es schon sagen und mir dürfen Sie es schon glauben, denn ich brauche eine schöne Person, die das Publikum beschäftigt, während ich meine Triks vorbereite. Sie passen mir gut. Einverstanden?« Er hat mich dabei wiederum so tief angesehen wie zuerst und hat mir die Hand hingehalten, bis ich eingeschlagen habe. Ich war doch froh, daß ich wenigstens dieses Engagement hatte.

Diabelli lehrte mich zwei Kunststücke, die ich selbst als eigene Nummern produzieren sollte. Einmal: ein großes Seidenpapier so künstlich zerreißen, daß es wie eine feine Spitze aussieht. Das andere: mich gefesselt in einen Sack stecken lassen und daraus befreien. Ich habe selbst aus schwarzem Serge einen Sack genäht und oben eine reiche weiße Halskrause. Er hat meine beiden Hände gefesselt, und so mußte ich in den Sack hinein. Die Krause wird zugezogen, und man steckt eigentlich doppelt gefangen. Es sieht nicht leicht aus, sich da drinnen zu befreien. Wenn man aber die Kunstgriffe kennt, gelingt es in ein paar Minuten. Man öffnet dann die Halskrause, man hebt die beiden Arme aus dem Sack. Voilà. Ein drittes Kunststück ist leider nicht zustandegekommen. Das wäre gewesen: sich mit den Zähnen an einer stockhoch frei schwebenden Stange festhalten, dabei ausziehen und zum Schluß in einem schönen fleischfarbenen Trikot beten. Ist das nicht ergreifend? Ich habe keine starken Zähne, aber das hätte nichts gemacht, denn man arbeitet mit einer magnetischen Trense, die an der magnetischen Stange von selbst festhält. Wir haben diese Nummer aufgegeben, weil wir sie in einem Varieté von einer anderen Artistin gesehen haben. Man will doch nichts nachmachen.

Diabelli hatte sich meiner angenommen, er hat sich mit mir Mühe gegeben. Wie das Auftreten schon nähergekommen ist, hat er mich mit zwei Prachttoiletten überrascht. Eine war vorn tief ausgeschnitten: rote Seide, die andere war rückenfrei: gelber Atlas. Nach den Proben sind wir immer miteinander nach Hause gegangen, und er hat oft gesagt: ich sollte doch lieb mit ihm sein. Aber wenn einer weich und sentimental mit mir ist, dann mag ich ihn gar nicht, und ich muß ihn auslachen. Den Diabelli mußte ich freilich schonend behandeln, weil er mir ja gefällig war, aber lieb war ich nicht mit ihm. Wenn er mich begleitete, erzählte er mir von sich. Er war verheiratet gewesen, aber seine Frau hatte ihn betrogen. Er war von ihr geschieden. Seitdem verachtete er die Frauen. Die Verachtung ist komisch, wenn einer dabei immer die Frauen braucht. Ich gefiel ihm. Ob er mir gefallen hat – damals – das weiß ich jetzt nicht. Ich habe Respekt, vielleicht sogar heimlich Angst vor ihm gehabt, nicht weil er schon ein älterer Mann war, das macht mir gar nichts. Ich brauche ja keinen jungen. Ein älterer ist mir schon recht, der mich belehren kann, von dem ich etwas von der Welt erfahre, der mich beschützt. Aber er hat mich beherrscht. Ich habe seinen Willen wie eine Hand gespürt. Dagegen habe ich mich gewehrt. Wie er gesehen hat, daß er mit Seufzen, Schmeicheln, Bitten, mit Schmachten nichts erreicht, er hat es in ein paar Tagen gesehen, er war ja sehr gescheit, so hat er im Augenblick vollkommen den Ton gewechselt: er hat streng und hart zu mir gesprochen, er hat getan, als liegt ihm gar nichts an mir. Er hat mich nur als das Werkzeug für seine Versuche behandelt, schmissig. Jetzt hab' ich mich schon gar nicht mehr bei ihm ausgekannt, denn bös machen durfte ich ihn doch nicht. Er hat mich als Medium abgerichtet. Ich war dafür geeignet, ich führte seine Befehle gehorsam und genau aus, alles geriet gut. Ich verfehlte nichts. Als wir auftraten, machten wir mit unsern Séancen Aufsehen. Dabei hatte er natürlich Gewalt über mich, auch außerhalb der Arbeit. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht: eines Tages war ich seine Geliebte. Ich bin zu ihm gezogen. Er wollte mich heiraten. Aber wir bekamen die Dispens nicht – er war ja katholisch verheiratet gewesen – und ich hatte keine Papiere. So war nicht daran zu denken, daß wir miteinander reisten. Das bloße Verhältnis aber war auch wieder nicht sehr angenehm. Meine Mama machte mir große Vorwürfe. Das Varieté war ihr schon recht, sie möchte ja am liebsten selbst etwas anfangen und reisen. Sie dressiert unsere beiden Hunde, der eine kann schon Pfeife rauchen, sie machen Fortschritte. Sie möchte mit mir auftreten und reisen. Aber sie fragt, warum sie mich denn so lange erhalten und beschützt hat, wenn ich dann bei einem alten Zauberer hängen bleibe.

Das alles hätte nichts genützt, ich wäre dem Diabelli nicht ausgekommen, wenn ich nicht eifersüchtig auf ihn gewesen wäre. Sehen Sie, ich war anständig, keinen andern hab' ich angeschaut. Ich wollte den Diabelli nicht verraten und betrügen. Aber er war's, der immer auf Vergnügungen gegangen ist. Er hat mir zwar angetragen, ich soll mitkommen, aber nachdem ich den ganzen Tag gearbeitet hatte, abends noch aufgetreten war, hatte ich nie Lust dazu. Er aber hat dann seine galanten Abenteuer aufgesucht. Man erfährt alles. Diabelli hatte doch seine guten Freunde, die es mir brühwarm überbracht haben. Was spricht man denn anderes im Kaffeehaus, als solchen Tratsch? Ich hab' mir gedacht: wart nur, mein Lieber, es kommt schon meine Gelegenheit. Richtig: einmal gehe ich an seinem Arm im Korso spazieren. Ich sehe, wie eine hübsche junge Person zwei-, dreimal an uns vorbeistreift und mich dabei anschaut. Gleich will der Diabelli mit irgendeiner Ausrede nach Hause. Seine Verlegenheit hat mir gefallen. Ich habe ihn freundlich gehen lassen und nichts dergleichen getan, und wollte langsam über den Stadtpark in unsere Wohnung nachkommen. Auf einmal ruft mich wer an: das bewußte Fräulein. »Entschuldigen Sie sehr,« sagt sie, »daß ich Sie belästige, aber ich möchte Sie um Auskunft über Herrn Diabelli ersuchen, mit dem Sie eben auf dem Korso spaziert sind.«

»Ich kann Ihnen dienen, Fräulein, ich bin mit Herrn Diabelli verlobt, wir wollten heiraten, aber wir leben einstweilen zusammen.«

»Ich danke Ihnen vielmals,« sagt sie, blaß und rot und rot und blaß, »ich habe nichts anderes vermutet. Herr Diabelli hat nämlich auch mir einen Antrag gemacht.« Wir haben uns recht freundlich voreinander verbeugt. Am Abend habe ich ihm eine ordentliche Szene gemacht und bin gleich zurück zur Mama schlafen gegangen.

So einfach war es aber nicht aus. Er hat mich nicht freigegeben, auch jetzt nach einem Jahr noch nicht. Er läßt mich nicht aus. Er ist in meine Wohnung betteln gekommen, drohen, meine Mutter hat ihn angeschnauzt, er hat es gar nicht gehört, wenigstens gar nicht geantwortet. Ich hab' ihn nicht angesehen. Er ist fort und plötzlich war er wieder einmal da. Ich habe mich gefürchtet, in der Wohnung allein zu bleiben. Damals hat meine Mutter einen Grünzeughandel angefangen, sie hat einen Stand bei der Radetzkybrücke gehabt. Um drei Uhr früh hat sie die Ware am Hof einkaufen und dann den Karren zur Radetzkybrücke führen müssen. Ich habe damals keine andere Arbeit als Nähen gehabt. Meine Varietéproduktionen waren ja aus, nachdem ich mich mit dem Diabelli verzankt hatte, so habe ich der Mama geholfen und bin um drei Uhr früh mit ihr losgezogen, Gemüse führen. Bei Nacht und Nebel schieben wir den Karren. Auf einmal steht einer neben mir und schiebt mit: der Diabelli. Er sagt nichts, ich sag' nichts, die Mutter, die vorne zieht, bemerkt ihn nicht. Später hat sie ihn wohl erkannt, aber auch nichts gesagt; wenn er so dumm ist und Karrenziehen hilft, kann's ihr schon recht sein. So hat er nun vielleicht eine Woche lang geholfen, ohne was zu sagen. Das Geschäft war der Mutter zu schwer, sie hat es aufgegeben, und damit war dem Diabelli diese Gelegenheit wieder genommen. Aber er hat seine Macht über mich gehabt, er hat mich festgehalten wie mit den Zähnen. Ich war in seiner Hand, und ich habe es gespürt und es kommt manchmal so stark über mich, daß ich glaube, ich kann nicht anders, ich muß zu ihm zurück. Ich habe damals zu Haus genäht. Ich halte dieses Gebücktsitzen den ganzen Tag nicht aus, ich brauche Bewegung. Einmal war seine Wirkung auf mich so stark, daß ich aufgesprungen und geradeaus zu ihm gerannt bin. Das war gar nicht gut, denn es hat ja nur wieder eine Auseinandersetzung gegeben. Er wollte mir schön tun, als sei nichts gewesen. Nur gut, daß zufällig sein Bruder, auch ein Hypnotiseur, dabei war. Sonst wäre ich für nichts eingestanden. So haben wir herumgeredet, der Diabelli hat mich schön angeschaut, ich bin ihm ausgewichen und habe mich mit aller Kraft zusammengenommen, um wegzugehen. Da sagt mir der Diabelli aber, wie ich bei der Tür bin: »Daß du mir nicht zu den Séancen vom N. N. gehst! Laß dich um keinen Preis von ihm hypnotisieren.« Mir braucht man so etwas zu sagen! Schon brenne ich. »Wer ist denn der N. N.?« Es war der Hauptkonkurrent vom Diabelli, ein Amateur, der damals großes Aufsehen gemacht hat mit Hypnose an Leuten aus dem Publikum. Das Verbot vom Diabelli war für mich wie eine Aufforderung, wie ein Befehl. Jetzt weiß ich genau, er hat es in dieser Absicht auch ausgesprochen, er wollte mich dort haben, er wollte, daß ich mich hypnotisieren lasse. Ich stand ja unter seiner Macht. Also: ich mußte den N. N. sehen. Der Teufel war los. Ich erzählte meiner Mutter von N. N. Ich überredete sie, mit mir zu gehen. Das war sehr leicht, denn sie interessierte sich ja für diese Sachen fast noch ärger, als ich. Sie macht die Geschichte schön: »damit ich auf andere Gedanken komme. Damit ich mich zerstreue.« Wir gehen also. Die Vorstellung war interessant. Nichts geht mir so nahe wie das Wunderbare: ich lese am liebsten Gespenstergeschichten, Verbrecherabenteuer, Geistererscheinungen und -beschwörungen. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht: auf ja und nein standen meine Mutter und ich in der ersten Reihe, und wie der Hypnotiseur fragt, wer sich aus dem Publikum zu einem Versuche meldet, hab' ich auch schon die Hand in der Höhe. Er hypnotisiert mich. Ich schlafe ein und gleich so tief, daß er mich nicht aufwecken kann. Das Publikum war zuerst neugierig, dann hat es sich in Angst verlaufen. Er hat alles mögliche versucht, mich zum Leben zu bringen. Meine Mutter hat geweint, geschrieen, gebetet, hat ihn angeflucht, hat allerhand Ratschläge gegeben, hat mich gerieben, mir Riechsalz unter die Nase gehalten, mich an der Fußsohle gekitzelt und wieder geweint. Drei Stunden bin ich wie ein Stein gelegen. Endlich hat man die Rettungsgesellschaft geholt, man hat mich ins Spital gebracht. Dort bin ich zu mir gekommen. Ich war hin und zerschlagen wie nach einer Todeskrankheit.

Das Malheur hatte für den Hypnotiseur üble Folgen. Er wurde wegen Kurpfuscherei angeklagt oder was weiß ich, wie das heißt. Er verteidigte sich: noch nie ist ihm so etwas geschehen. Er hat doch schon viele hundert Versuche gemacht. Alle waren gelungen. Der erste und einzige mit mir war verunglückt. Aber daran sei er ganz unschuldig. Er konnte es beschwören! Jemand hat mir vorher suggeriert, so sagte er, daß ich mich nicht aufwecken lassen darf. Bestimmt ist jemand dahinter, versicherte er. Heute glaube ich es selbst. Der Diabelli hat mir das angetan: er hat den Konkurrenten blamieren und mir seine Macht zeigen wollen. Seine Warnung war nur eine Spiegelfechterei. Dahinter hat er mir im Stillen befohlen, daß ich hingehe, und befohlen, daß ich mich nicht aufwecken lasse. Bei Gericht wollte ich darüber nichts aussagen. Was hätte es für einen Sinn gehabt, den Diabelli hineinzubringen? Die Gerichtsärzte wollten es nun selbst mit mir probieren, um herauszubekommen, ob der Hypnotiseur mit seinem Verdacht recht hatte. »Nein, meine Herren,« sagte ich, »danke vielmals. Noch einmal lasse ich mich nicht tot machen oder halbtot. Ich habe schon an dem einen Mal genug.« Da hat man also den Hypnotiseur verurteilt. Ich aber war körperlich so heruntergekommen, daß ich zur Erholung nach Sauerbrunn fahren mußte.

Meine Mama, die sich selbst ein wenig Schuld gab an meinem Unglück, ist mit mir gefahren. Im Zuge saß mein jetziger Verehrer uns gegenüber und hat mich immer angeschaut. Die Mama bemerkt es gleich und flüstert mir zu: »Schon wieder einer. Schaut ganz nett aus. Gefällt er dir? Nicht? Er ist doch hübsch, nimm ihn dir!« Ich lachte bloß, denn auf den ersten Blick gefiel er mir nicht, wenn er auch ganz hübsch aussah: größer als ich, modern angezogen, schöne Zähne, kein einziges graues Haar, er ist ja bald fünfzig. Mit den Jungen hab' ich kein Glück. In Sauerbrunn hat er sich galant meiner angenommen, das Gepäck besorgt, ein Hotel empfohlen, man kennt ihn ja dort gut, er war freundlich. Man sieht sich jeden Tag. Ich konnte ihm bei der Arbeit helfen. Ich hatte doch nichts zu tun und war gewöhnt, immer etwas zu machen. Allein waren wir auch. Aus Schwäche, aus Mitleid habe ich mich mit ihm eingelassen. Die Mama war auch dafür. »Er wird dich heiraten,« sagte sie, »er fliegt auf dich, er ist zu alt für ein bloßes Gspusi, er braucht eine Frau, er behält ja keine, wenn er nicht heiratet. Das Herumziehen paßt ihm nicht, er ist verwöhnt, er möchte Ordnung haben. Nimm ihn dir. Er ist ein Wiener, dann wirst du nach Wien zuständig, und wenn du einmal deinen Heimatschein hast, dann kannst du immer weggehen, wenn dir etwas nicht paßt. Aber wenigstens hast du einen ordentlichen Ehenamen und gehörst wohin und kannst in die ganze Welt. Wo steht es denn geschrieben, daß du gebunden bist? du bist frei, nimm ihn dir.« – Aber er ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, für nichts interessiert er sich, als fürs Gasthaus, für Essen und Trinken und für das Geld dazu. Aber dabei ist er auch noch ungeschickt, weil er von der Familie her verwöhnt ist und nichts Ordentliches gelernt hat. Von seinem Bruder läßt er sich ausbeuten. Sie hatten von ihren Eltern eine schöne Wohnung geerbt. Der Bruder hat sie, ohne zu fragen, verkauft und nur ein kleines Kabinett behalten. Da müssen sie jetzt miteinander wohnen. Heiraten will er mich aber auch nicht, wozu wäre denn sonst alles? Genommen hab' ich ihn nur, wie meine Mutter immer gedrängt hat, und jetzt hab' ich ihn am Hals. Wohin mit uns? Er hat ja die schönste Ausrede: wir haben keine Wohnung, ich habe keine Dokumente, ich bin selber daran schuld, nach allem, was gewesen ist, muß er mich doch ausprobieren. Und so weiter. Dafür darf ich arbeiten gehen und mir selber mein Leben verdienen, ganz wie früher, wie immer. Ihm muß ich zur Verfügung stehen, wann er will, und treu bleiben soll ich ihm auch. Und ob! Er quält mich mit Eifersucht, er droht mir, er spioniert mich aus. Wenn er mich heiratet, gut, ich werde ihn schon nicht betrügen, vielleicht, es lohnt sich nicht: ist einer wie der andere. Aber er soll sich endlich darum kümmern! Diesen Sommer warte ich noch ab, dann wird es sich zeigen.

Der Diabelli läßt mich aber nicht los. Es zieht mich zu ihm. Ich kann nicht sagen, wie es zugeht. Ich war richtig noch einmal bei ihm. Zum Glück war er nicht daheim. Die Hausbesorgerin hat mich gleich begrüßt: »O, Fräulein Geli, Sie waren aber schon lange nicht bei uns.« – Am nächsten Tag hat sie mir ein Brieferl gebracht: »Es gibt nur eine Geli auf der Welt.«

Ich war gerade dabei, meine Sachen aufzuräumen. Auf meinem Tische steht eine große Photographie von meinem Verehrer. Ein gutes Bild, ich habe es selber entwickelt.

Wie ich so Ordnung mache und dabei auf das Bild schaue, packt mich die größte Wut: immer dasselbe fade Gesicht! Geschwind räum' ich das Bild in die Lade. Dabei fällt mir wieder die Photographie des Diabelli in die Hand. In diesem Augenblick ist sein Brieferl angekommen: »Es gibt nur eine Geli auf der Welt.«

Kaum hab' ich es gelesen und eingesteckt, ist mein Verehrer da. Er schaut sich mit Verdacht im Zimmer um. Ihm fehlt seine Photographie auf dem Tisch. Er ist ja sehr eitel. »Wo hast du das Bild?« »Ich muß es verräumt haben.« »So such's.« Ich muß in der Tischlade kramen und habe Angst, er findet das Bild des Diabelli. Aber so rabiat ist er ja auch wieder nicht, daß er sich nicht beruhigen läßt. Nachtmahlzeit war auch. Wir sind miteinander fortgegangen. – Nachts komme ich zurück. Das Haus ist noch wach. Das heißt, meine Mutter rumort im Zimmer. Die beiden Hunde um sie herum und bellen und balgen. Sie füttert sie und dazwischen müssen sie ihre Kunststücke machen, Pfeifenrauchen, und sich auf die Schultern des anderen stellen und so weiter. Der Vater liegt im Bett und schimpft, daß er keine Ruhe hat. Die Mutter schreit etwas auf ungarisch, da dreht er sich im Bett um, daß alles kracht. »Was ist's? Was gibt's? So spät seid ihr noch auf?« »Neuigkeiten,« sagt meine Mutter. »Was denn um Gottes Willen?« »Na, der Diabelli!« »Was hat's denn mit dem?«

»Ich bin ihm begegnet, dem Teufel, er hat mich sehr fein gegrüßt, gefragt, ob er mich begleiten darf. Warum nicht: die Straße gehört allen, sag' ich. Wie es dir geht? Was du machst? Ob du noch bös' auf ihn bist? Ach, was Sie sich nicht alles einbilden, die Geli hat an was anderes zu denken. Da schmunzelt er und schaut mich an, so wie er schaut, der Zauberer, der Verfluchte. Dann erzählt er, seine Frau ist gestorben. Er ist jetzt ganz frei: Er denkt immer an dich, du brauchtest ihm nur zunicken, meint er. Meine Geli braucht keinem Mann zuzunicken, sag' ich. Er zuckt die Achseln. Dann erzählt er, daß er einen guten Auftrag für Rußland hat. Zu den Räubern? frag' ich und lach'. Alle Räuber haben Geld, sagt er. Wo Räuber sind, ist gut sein. Da hat er nicht unrecht. Er könnte wieder eine Gehilfin brauchen, eine Frau. Und nach meinen Hunden hat er sich erkundigt, er könne mir beim Dressieren helfen, ich soll sie ihm nur bringen, aber natürlich meint er dich allein. Du bist doch einmal in ihn verschossen, ich weiß es. Kommst du denn los von ihm? Hast du nicht sein Bild in deiner Lade? Glaubst du, ich weiß es nicht? Ist auch nicht schlechter, als der andere. Vielleicht ist er besser. Warum soll ich dir im Wege stehen? Mit ihm kämst du doch in die Welt. Er heiratet dich gleich. Er hat eine neue Toilette für dich, läßt er dir sagen, und einen Blaufuchspelz. Du kannst dir die Sache noch immer überlegen. Wenn du ihn willst, wenn er dir gefällt, nimm ihn dir.« Ich habe nichts gesagt. Ich war zu müde. Ich bin schlafen gegangen. Bei Nacht haben die Hunde zu balgen angefangen, die verfluchten. Sie waren vom Üben her und vom Fressen und von den Schlägen ganz rebellisch. Ich bin dazwischen gefahren, einer hat mich in die Hand gebissen vor Zorn. Sehen Sie diese Wunde hier! Es ist schwer auf der Welt. Keine Ruhe! Bin doch neugierig, was aus allem wird. Gewiß wieder nichts Gescheites. So oder so! Die Sache wird sich nicht halten. Was weiß ich –.

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