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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Der Tod des Firdusi

Bekannt sind die Lebensschicksale des Abul Kasim Mansur, den sein fürstlicher Gönner, der Sultan Mahmud, in einem Augenblicke höchster Begeisterung so nannte, wie ihn die Nachwelt nennt: den Paradiesischen – Firdusi.

Er war der Sohn eines verarmten adligen Grundbesitzers in Chorasan. Sein Gut, nahe der Stadt Tus, war infolge des beständigen Mangels an Mitteln und der Not der Zeit in Verfall geraten. Es lag an einem Kanal, der vormals war angelegt worden, um die Wiesen und Äcker zu bewässern, aber auch zu beschützen. Der Wasserlauf konnte nicht mehr ordentlich instandgehalten werden und trat bei Überschwemmungen aus, indem er seine Ufer in Sümpfe verwandelte. Bei Dürre brachte er nicht mehr genug Wasser herein, was den sauren Boden überrasch austrocknete und verbrannte. So war der alte Hof mit seinem Umkreise verfallen und hielt sich nur durch die Stärke seiner aus großen Steinen zusammengefügten Mauern, wie die Gegenwart des verödeten Persiens selbst in den Jahrhunderten der arabischen Eroberung. Die alten Götter, die alten Sagen, die Gestalten der Heiden und deren große Sprache selbst waren verschollen wie das ferne Gebirge unter den Nebeln, aber wenn gelegentlich ein Blick der Sonne die Schleier zerriß, leuchteten seine blauen Umrisse mit dem helleren Himmel vermählt so fern, so göttlich auf, daß sie allein Wahrheit schienen, die müde Gegenwart aber nur der Alpdruck eines vorübergehenden Traumes. Die beglänzten, dem Himmel vermählten Bilder der Heimat, die verklungenen Lieder, die Helden hafteten für den Knaben, den Jüngling, den Mann an der ärmlichen Landschaft, an dem öden Elternhause, von dessen Turm mit dem Kuppeldach er oft in die Weite hinaussah, als müßten der Glanz seiner Augen, die Innigkeit seiner Liebe und Sehnsucht die einstige Größe erneuern und für die Zukunft sichern können. Hat der Mensch denn eine stärkere Macht als seinen Wunsch und haben Wünsche denn nicht eh und je alles Große geschaffen oder wiedergebracht?

In Abul Mansurs Gedanken war die Erneuerung seines Vaterlandes durch sein liebendes Herz und durch die schaffende Gewalt seines Wortes wunderlich verwachsen mit diesem alten traurigen Gehöft. Er hätte nicht zu sagen gewußt, warum und wie er seine Sendung gerade mit diesen paar alten Mauern verband, aus deren Fugen die Fetthenne und Moos und Hauswurz quollen, warum und wie ihm die Herrlichkeit der Helden, der edlen Sprache von einst mit den verkrümmten, in sich gebeugten Bäumen und den wilden Rosensträuchern eins waren, die das Gebäude noch verfallener erscheinen ließen. Es war ein ungesundes Wohnen hier, Mücken und Fieber hingen um den stehenden Kanal, dessen Untiefe von gelbgrünen dicken Algen starrte. Raben krächzten über die mageren Felder, und nicht einmal die Schafe, die geschickten Ziegen gediehen auf den Weiden oder den steinigen Halden. Stundenlang mußte Abul Mansur landeinwärts wandern, bis er zu frischgrünenden Wiesen oder Feldern kam, wo Wachteln schlugen und Lerchen aufstiegen, oder zu einer reinen kalten Quelle neben Felsen im Wald, wo er in Sternennächten Nachtigallen vernehmen konnte. Über seinem elterlichen Hofe aber gingen Wolken um und brausten, es war ein Haus der Winde, der Wetterschauer und der unheimlichen Stille, wo dieser Sohn unter fiebergelbem, schweigsamem Gesinde neben einer jüngeren Schwester heranwuchs und seinen Wunsch nach der Erneuerung der einstigen Größe mit dem nach der Aufrichtung seines eigenen Hauses verknüpfte, als sei dies beides nur eines, wie er selbst eines war: ein Seher und Bauer eines alten Gutes. So viel er unter den Menschen der Gegend herumkam, aus deren Munde er in der verschollenen, doch unverloren im Verborgenen weiterlebenden Sprache die Sagen vernahm, woran die einstige Herrlichkeit haftete wie Pfirsiche an den Kernen, und so viel er von dieser Kunde sammelte, um an ihrem süßen Wohlgeschmack seinen bitteren Durst zu löschen, immer dachte er dabei an dieses unverwüstliche Haus. Man müßte dem Kanal vom Hauptflusse aus hinreichendes Gefäll verschaffen, ihn von Grund aus reinigen und ummauern, mit Schleusen an den richtigen Stellen versehen, damit er wieder wie einst die Weiden begrüne und die Acker fruchtbar mache und zur Heimat gesunder glücklicher Menschen. Dann war es ein Geringes, das Haus selbst instandzusetzen, aus den finsteren Wohnhöhlen lichte Gemächer zu erstellen, Teppiche an die Wände zu hängen, Rosen zu veredeln, und es konnte nicht fehlen, daß dann das Angesicht der ganzen Gegend vorteilhaft verändert wurde.

Als seine Eltern starben und ihnen bald auch das alte Hausgesinde folgte, blieb er mit seiner einzigen Schwester zurück. Er vermählte sich mit einer Frau des Landes und zeugte in diesem kümmerlichen Hause mit ihr einen Sohn und eine Tochter. Das Gehöft ernährte die Familie dürftig, deren Herr den alten Sagen, dem alten Wunsche nachging wie ein Hirt den verirrten Schafen. Sein Auge vertiefte sich mit den Jahren, sein Gehirn schien unter der kahleren Stirn zu wachsen, indem ihm immer neue, immer gewaltigere Dinge und Zusammenhänge beikamen. Abul Mansur liebte seinen Knaben, seine Tochter, wohl auch sein Weib, aber er liebte mehr noch seinen Traum, sein Gedicht, das mit den Jahren erschien wie das blaue Gebirge hinter den Dünsten.

Die Kunde seiner Mühe, über welcher er Haus und Hof, Heide und Acker versäumte, drang über diese engere Heimat hinaus. Es ist bekannt, daß ihn der Sultan Mahmud, welcher die Herrschaft der Araber über Persien durch eine weise Belebung des alten angestammten Geistes befestigen wollte, endlich an seinen Hof berief, damit das Heldenlied, vollendet, des Kalifen Stirne kröne. Abul Mansur folgte dieser Verlockung. Glaubte er seinem Wunsche die Sorglosigkeit des Schaffens zu schulden oder seinem Hofe so am besten zur Erneuerung zu verhelfen, wollte er, der Weithinschauende, am Ende doch den gerechten Ruhm seines Werkes? Er folgte. Er ließ seine alternde Schwester, sein Weib, seinen geliebten Sohn, seine junge Tochter, die eben erst zu ihm Vater sagen konnte, zurück und ging mit achtundfünfzig Jahren von Tus nach Gasni, in die Pfalz des Sultans Mahmud.

Dort stand er bald in höchster Gunst, bald war er von Neidern und Krämern, von rechtgläubigen Mohammedanern als Götzendiener verschrieen und zur Seite gedrängt, aber stet und streng mit der Selbstsicherheit des Alternden vollendete er dort sein Heldenlied. Es ist bekannt, daß ihm der Sultan für jedes vollendete Tausend Verse ebensoviele Goldtomans verhieß, daß Firdusi sich aber die ganze Summe für das fertige Ganze ausbat, denn mit diesem Lohn seiner Lebensarbeit wollte er ja sein altes Gut instandsetzen, den Kanal wiederherstellen und der Sprache der Ahnen, den Taten der Helden eine blühende Heimat wiedergeben. Als das große Lied vollendet war, ließ sich der Sultan von seinem Schatzmeister bereden, dem Dichter statt des Goldes Silber auszuzahlen. Es ist bekannt, daß Firdusi, über diese Knauserei empört, den schlechten Lohn dem Wirt des Bades schenkte, wo er sich gerade aufhielt, als man ihm das Geld brachte. Er verteilte es unter die Badediener und Mägde. Firdusi rächte die ihm angetane Schmach durch ein Spottgedicht, das diesen Sultan für alle menschliche Ewigkeit lächerlich und erbärmlich machen sollte. Er übergab das Gedicht einem Mittelsmann, der es nach zwanzig Tagen dem Sultan einhändigen sollte, während Firdusi längst auf und davon war.

Seither trieb sich der alte Mann als Derwisch in der Welt herum, immer in Furcht vor der Rache des einstigen Gönners. Nirgends fand er dauerndes Obdach, denn die Fürsten, die er nacheinander schutzflehend aufsuchte, standen selbst unter dem mächtigen Mahmud. Endlich verrauchte wohl dessen Zorn oder er bedachte das übermenschliche Werk des Greises oder fürchtete das Gericht der Nachwelt, Firdusi durfte unangefochten in seinen alten Hof nach Tus zurückkehren, woher er ausgegangen war.

Er fand ihn düster und einsam wie damals. Sein Weib war gestorben, auch sein geliebter Sohn. Er hatte den Tod des jungen Mannes erfahren, als er längst noch im Schatten der fürstlichen Huld zu Gasni sein Heldenlied förderte. Damals hatte er über den Tod seines Sohnes ein Lied gedichtet, worin mehr Trauer war, als er dem Lebenden an Liebe erwiesen hatte, wußte er doch nicht mehr von dem Knaben, als daß er ihn besessen und verloren, nicht, wie der Erwachsene ausgesehen, und ob der Jüngling ihn geliebt oder gehaßt hatte oder vergessen, denn der Sohn hatte an Firdusi keinen Vater gehabt. Vielleicht wäre der Junge nicht so früh gestorben, wenn Firdusi bei ihm geblieben wäre. Vielleicht hätte Abul Mansur mit den Seinen auswandern sollen. Müßig, darüber zu sinnen, jeder bleibt, wie er muß.

Seine alte Schwester lebte noch, eine Greisin wie er, und seine einzige Tochter, unvermählt, ein bereits alterndes Mädchen, dessen Gesicht gelb, abgezehrt, mit brennenden Augen verschwieg, ob es jemals jung und schön gewesen. Die beiden Frauen wirtschafteten sehr kärglich, sie bestellten nur eben so viel Landes, als sie brauchten, um ihre paar Schafe, Ziegen und Hühner und damit sich selbst zu ernähren. Sie hausten in dem einen großen, verrauchten Wohnsaal. Die übrigen Zimmer des Hofes wurden verschlossen dem völligen Verfall preisgegeben. Dort waren die Geräte, die wenigen von einst, zusammengepfercht, mit Staub bedeckt. In dem Saale standen an der Wand niedere Pritschen, mit dürftigen Kotzen belegt, da schliefen sie neben dem Rauch des Herdfeuers.

Die beiden Frauen traten dem uralten Manne entgegen, der unversehens an ihrer offenen Türe stand, wo seit Jahren und Jahren kein Unbekannter erschienen war. Im wollenen schmutzigen Mantel des Derwischs, ohne jegliche Habe, verwahrlost, mit wirrem Bart und Haar, mit Runzeln im kleinen verwitterten Gesicht, das unter der kahlen übermächtigen Stirne winzig erschien wie das greinende Antlitz eines Säuglings, zeigte sich der Mensch da. Zahnlos murmelte er etwas, das sie nicht verstanden, und er erkannte die Seinigen so wenig wie sie ihn, nur daß er sie erriet, während sie ihn nicht ahnten. »Ich bin Firdusi,« sagte er. Sie schüttelten den Kopf. Seine Tochter, seine Schwester hatten den großen Namen wohl gehört, aber welcher Erbärmliche maßte sich ihn an. Da entblößte der alte Mann seinen rechten Arm bis zur Schulter, wo er ein rotes Mal hatte von der Gestalt eines kleinen Herzens. Dabei lächelte er. Die Tochter errötete, denn sie hatte an der gleichen Stelle das gleiche Zeichen. »Da hat uns Iblis geküßt,« sagte Firdusi und verzog seine Lippen, während ihm Tränen in die Augen kamen. Die beiden Frauen weinten nun auch, indem sie ihn erkannten, führten ihn in den Wohnsaal, bereiteten ihm ein Bad, wuschen und pflegten ihn, und er begann bei ihnen ein ruhiges, stummes Leben.

Hier erholte er sich auch und kam wieder zu Kräften, so daß er ausgehen konnte. Er kaufte in der nahen Stadt, was man etwa im Hofe bedurfte, und brachte es in einem Sacke heim. Viel war es ja nicht, hatten sie doch auch nicht viel, um viel zu kaufen. Mit den Menschen sprach er nicht und mied sie. Von seinem eigenen einstigen Leben schien Firdusi nichts mehr zu wissen, als sei es wie ein Wasser durch das Sieb seines Gedächtnisses verlaufen. Er glaubte selbst nicht mehr, er selbst zu sein, indem er ganz in seinem einfachen Tag aufging.

Einmal schickten ihn die Frauen wieder nach Tus zum Einkauf. Sie banden ihm ein Geldstück in den Gürtel, hingen ihm den Sack über die Schulter und schärften ihm ein, was sie brauchten, und wo er es holen sollte, denn als alte Frauen waren sie eigensinnig und meinten, sie könnten das bißchen Körnerfrucht oder was sie sonst benötigten, nur bei einem einzigen Kaufmann in der richtigen Güte, zu ehrlichem Preise und Gewichte bekommen. Gutmütig nickte und lächelte Firdusi: »Ja, ja, hab's verstanden,« wanderte nach Tus, kaufte das Gehörige am rechten Ort und ging vor dem Heimwege über den Basar, wo es manches zu sehen gab, das ihn noch immer freute, wenn er es auch längst nicht mehr begehrte: bunte Teppiche, feingeschliffene Waffen, hohe Metallgefäße aus mattem Silber oder getriebenem Kupfer, kostbare Seidentücher, schleierdünn mit eingewebten märchenhaften Blumen. Unscheinbar, gebückt, klein durch das Alter und durch den eigenen Wunsch, möglichst gering und unbeachtet zu bleiben, schlich Firdusi durch die wimmelnden Zeltgassen, stand hier und dort ein Weilchen und betrachtete dies und jenes. Dann ging er wieder weiter, zwischen den dünnen Lippen etwas murmelnd, denn das alles hatte er einst bei Hofe zur Hand gehabt. Plötzlich hielt ihn eine Balgerei von Buben auf, die den Weg versperrten, miteinander rangen und einander dabei schmähten. Ein junger, keck aussehender mit schwarzem Kraushaar und glühenden Augen war von etlichen älteren überwältigt und durchgebläut worden, ohne sich richtig wehren zu können gegen die Übermacht. Die erlittene Schmach kränkte ihn sehr, denn einer gegen einen hätte er wohl bestanden. So raffte er sich aus dem Staube auf, schüttelte und streckte sich, so hoch er konnte, und schrie den andern, die ihn, abziehend, noch höhnten, einige Worte zu. Firdusi verstand sie, die Buben beachteten sie nicht weiter, sondern trollten sich lachend.

Dies aber waren die Worte:

»Du, der nicht Glauben hat, noch Tugend ehrt,
Selbst einen Tropfen Bier bist du nicht wert.«

Es war ein Vers aus seinem Schmähgedicht auf Sultan Mahmud, den der Knirps auf die Verfolger anwendete; höchst lächerlich und wunderbar, daß ein Knabe die Worte kannte wie eine Sure und an dieser Stelle, in dieser Lage brauchte. Die Worte trafen ein anderes Ziel, als dem sie galten: das Herz des uralten Derwischs, der durch sie aus seinem wachen Schlaf der letzten Zeit geweckt wurde wie durch einen jähen Blitz, sein vergebliches Leben und Gedicht, seinen Lohn, seine Schuld sah, alles, wie man im Augenblick des Sturzes in den Abgrund das ganze Leben bis in die letzte Falte überschaut und kennenlernt, bevor es hin wird. Firdusi schwand das Bewußtsein. Er sank ohnmächtig nieder. Die Leute umringten ihn und versuchten, ihn zu laben und zu sich zu bringen. Zufällig war ein Nachbar da, der ihn erkannte und verriet, wer der Alte war. Sie hatten den greisen Derwisch ja manchesmal gesehen, aber niemand hatte gewußt, wer er sei. Den Firdusi freilich kannte jeglicher wie die Gestalten der Pelehwanen, die er lebendig gemacht hatte.

Sie holten einen Wagen herbei, lagerten den Ohnmächtigen sorgfältig darauf, und der Nachbar führte ihn in den Hof zurück, in die Pflege der Schwester und Tochter.

Für diese erwachte der Bruder, der Vater nicht mehr aus seinem Halbschlummer. Unruhig, bald lächelnd, bald mit traurig oder grimmig verzerrten Zügen lag der Alte auf seiner Pritsche, Unvernehmliches flüsternd, seufzend oder leise stöhnend. Für die beiden krank und verstört, war er für sich selbst wach und bei höchster Klarheit, als hätte sich das ungeheure, winzige Geheimnis seines Daseins erst jetzt, über den Anruf eines Kindes, gelöst, und stürze, ein Fels, durch einen Tritt von seinem Berge getrennt, in die Tiefe. »Das war es,« schien es Firdusi. »Das war ich.« Jetzt lächelte er; hätte er es früher so gewußt, er hätte weinen und schweigen müssen. So war er berühmt, so war sein Wort im Mund eines Kindes. Aber darüber hatte er gar keine besondere Freude. Vielmehr quälte ihn wie ein böser Durst eine Scham, die er jetzt erst empfand, denn, hätte er sie früher besessen, so hätte er sein ganzes Schicksal erspart. »Ich habe nach Geld getrachtet, ich habe Silber statt Goldes bekommen, ich habe vor Wut gezittert und habe den König geschmäht, wie der kleine Junge den größeren. Das also war mein Leben. Deshalb habe ich den Kampf der Lichten mit den Finsteren gesehen und die Kräfte der Zeiten über die Seelen der Menschen hinbrausen lassen gleich einem Gotte, der ich war, um mein Herz an einen Berg von Münzen zu hängen gleich einem Affen, der stiehlt und das Gestohlene aus dem Baum wegschmeißt, da er es nicht essen kann. Das war mein Kampf mit meiner Finsternis. Hier hat mich Iblis geküßt und Schlangen wuchsen aus meinen Schultern. Sie haben mich gejagt und ruhelos gemacht und haben mir keine Heimat vergönnt, keinen Sohn, keine Tochter, keine Stätte, keine Gnade, nicht mich selbst. Ich habe mein Haus bauen wollen und ist doch gut genug für diese paar Knochen, ich habe meine Erde erneuern wollen und ist doch breit genug für mein Grab, ich habe die Wirklichkeit wollen und ist doch mein Traum mehr. Ich habe glücklich sein wollen und hatte doch mehr Glück, als Glück mir bieten konnte. Ich bin in meinem Paradies verschmachtet. Ich habe mein Gedicht erlitten, und ein Knabe kann mit meinem Worte einen Knaben spotten. Darum lebt Firdusi. Warum und wofür aber leben die andern? Jeden küßt Iblis auf die Schulter, ins Herz, auf die Lippen, und Schlangen wachsen in den Menschen, Fiebertäler werden aus Paradiesen und Bettler kehren heim. Sie sind dort, von wo sie ausgingen und haben gelebt. Jeglicher wird nur, was er ist, findet nur, was er hat, sehnt sich nach dem Seinigen und stirbt an seinem Leben.«

Diese Gedanken gingen sacht in einen merkwürdigen Traum über, wie Firdusi zu allen Zeiten oft zu träumen pflegte, nämlich nicht mitbeteiligt, als geschehe etwas mit ihm und tue und leide er selbst, sondern frei als Zuschauer und Beurteiler fremder Erlebnisse.

Er sah ein Heer über ein wüstes, hungerndes Land ziehen, in Waffen, schwerbeladen, aber ohne irgend welchen Eßvorrat, hungernd, dürstend, in bitterer Not, ohne Ordnung, zerstreute Haufen, hoffnungslos nach einer Quelle, nach jagdbarem Getier, nach Früchten suchend.

Da fanden sie plötzlich den Boden mit einer stacheligen Pflanze bedeckt, und als einer sie ausgrub, folgten ihm alle andern und fingen die Wurzel zu essen an, die sich kauen und verzehren ließ ohne sonderlichen Geschmack. »Ihr dürft sie nicht essen,« sagte eine Stimme, »es ist eine giftige Wurzel und ihr werdet davon krank wie Schafe vom Drehwurm.« Aber sie achteten der Warnung nicht, sondern schlangen die Wurzeln in sich hinein. Darauf bekamen sie in der Tat eine merkwürdige Krankheit, einen Zustand, über den Firdusi im Traum lächeln mußte, wie traurig es auch war. Sie fingen nämlich in der Erde zu wühlen an und gruben mit den Fingern nach Steinen, bis sie sie mit Mühe und unter Schweiß und allen Zeichen der Angst herausgedreht hatten. Dann mußten sie die Steine um- und umwenden und wiederum mit gleicher Mühe in den Boden hinein- und zurückdrehen. Hatten sie das mit einem Steine getan, so fingen sie gleich mit einem zweiten an, und so lagen sie über dem wüsten Boden hingestreckt, wühlten, gruben aus, drehten wieder zurück, bis einer um den andern in dieser Qual verzuckend endete.

»Daß ich dies denken kann in dieser Stunde, bedeutet, daß ich sterben muß und es ist gut,« dachte Firdusi. Damit verschwand ihm Traum und Bewußtsein, ein kurzes Zittern lief über seinen Körper und er erlosch.

Die Kunde, daß Firdusi im Lande und in seinem Hofe gestorben sei, verbreitete sich rasch. Die Stadt Tus wollte ihn mit größten Ehren bestatten. Der oberste Scheich weigerte sich, die muhammedanischen Gebete an seinem Grabe zu sprechen, denn Firdusi sei ein Feueranbeter gewesen, und die Anbeter des Feuers habe er gepriesen und verherrlicht. Die Bitten der Bürger fruchteten nichts. Der Scheich blieb bei seiner Weigerung. Da träumte er in der nächsten Nacht, er sehe den herrlichen Mann im Paradiese, in grünem Ehrenkleid, eine Krone von Smaragden auf dem jungen blühenden Haupt. »Warum hast Du einen Ungläubigen so erhöht?« fragte der Scheich den Paradieswächter. Der antwortete: »Weil er Gott also gelobt hat: Das Höchste in der Welt, so wie das Tiefste bist Du. Ich weiß nicht, was Du bist, doch was Du bist, das bist Du.« Da eilte der Scheich zum Grabe und betete die Gebete für den Heimgegangenen.

Als der Leichenzug das Tor von Tus verließ, begegnete ihm ein Zug von herrlich gewandeten Männern auf prächtigen Rossen. Boten des Sultans Mahmud überbrachten Firdusi ein grünes Ehrenkleid und die geschuldete Summe Goldes auf den Säumern.

Firdusis Tochter wies die Gabe zurück, sie brauche sie nicht. Die Schwester aber sagte, man sollte doch den Wunsch des Verstorbenen erfüllen, den Kanal wieder herstellen und das öde Land fruchtbar machen.

Dies soll auch geschehen sein. Heute aber ist die Gegend still und schwermütig wie je und vom Hause steht nur noch der Turm mit einer Kuppel, der heißt: Firdusis Grab.

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