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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Die Vogelfarm

Man sprach von den verkannten Größen der Menschheit. Da erzählte ein vielgereister Mann:

»Bei meinem Aufenthalt in Brasilien lebte ich eine Zeitlang in einer schönen Hazienda, inmitten eines großen Waldes, bei gastfreundlichen Leuten. Morgens sattelte ich mein Pferd und ritt einen ausgetretenen Pfad in den Wald hinein. Als ich am ersten Tage ostwärts geritten war – das Sträßlein schien ebenso gut und weit in die entgegengesetzte Richtung zu führen –, kam ich nach etwa einer Stunde zu einem ganz verlassenen schwarzen Blockhause, das eigentümlich traurig erschien. Aber es lag in einem wunderbaren Zauber. War nämlich der Wald ringsum auch ziemlich laut, aber mißtönig belebt durch allerhand Gekreisch großer und kleiner Tiere, wobei die zarteren Vogelstimmen von den gröberen verdeckt wurden, so übertönte hier allein die lieblichste, einzigste Vielstimmigkeit allen Laut der Umgebung. Es war, als sängen Hunderte edler Vögel in einem Wetteifer anmutigen Gesanges. Dabei brach je und je eine besonders herrliche Stimme mächtig hervor wie ein unsagbarer Jubel oder wie Gebet, Klage, Werbung oder einsame Freude. Dann schwieg dieser Laut wieder oder wurde von unzählbaren andern verschlungen, die nach einer Weile abermals von einer neuen einzelnen Stimme überwältigt wurden, die sich in unbeschreiblicher Herrlichkeit erhob, gleich der Sonne aus einer gewaltigen Morgenröte. Tausende Vögel schienen ein wogendes Meer von Gesang um eine Stimme auszubreiten, die darin schwebte und selig hinzog.

Ich konnte stundenlang lauschen, ohne daß dieses Wunder aussetzte. Aber ich trug eine gewisse Scheu, seiner Ursache nachzuforschen, als könnte ich es dadurch zerstören. Hatte ich mich lange genug erfreut, so ritt ich heim, um bei Anbruch der großen Tageshitze ruhig auf der Veranda liegen zu können.

Eines Abends fragten mich meine Gastfreunde, warum ich denn immer nur nach dieser einen Richtung ausreite, gegen Westen käme ich an eine ganz herrliche Stelle mit freier Aussicht auf hohe Berge und mit mächtigen, alleinstehenden Baumriesen, die mich besonders entzücken würden. Ich antwortete, mich zöge das einsame Blockhaus immer wieder an um seines unvergeßlichen Tönens willen, denn ich hätte noch nie und nirgends einen so unerklärlich holdseligen Klang vernommen, der mir jede Lust erspare, andres zu sehen und Neues zu suchen. Vielmehr wünschte ich nichts, als ihn immer wieder aufzusuchen und recht aus Herzensgrund zu genießen.

Darauf entstand ein merkwürdiges, verlegenes Schweigen unter der Gesellschaft, das nachgerade peinlich wurde. Die Damen senkten die Köpfe, und ich konnte mir nicht erklären, inwiefern ich etwa durch mein Geständnis irgendein Gefühl verletzt haben möchte. Nach einer Weile sagte mein Gastfreund leise: ›So wissen Sie denn nichts von der Vogelfarm? In diesem Blockhause sind die Wände ganz mit kleinen Käfigen besetzt. Dorthin sperrt man die gefangenen Kolibris und andere Singvögel mit herrlichem Gefieder ein. Aber man füttert sie nicht, damit sie ihre Eingeweide ganz entleeren, und läßt sie allmählich verhungern, bis sie tot von den Stangen fallen. Einmal wöchentlich kommt dann der Vogelmeister hin, um die Leichen auszunehmen, die leicht herzurichten sind und nach Europa geschickt werden zum Hutschmuck. Was Sie, lieber Freund, so herrlich singen gehört und für Jubel, Werbung, Glück oder selige Klage gehalten haben, war nichts andres als der Jammer eines sterbenden Tieres, das um Nahrung bettelt, um ein Körnchen Futter.‹ –

Seitdem konnte ich nicht mehr zu dieser verfluchten Stelle reiten.«

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