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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Hundsmörder

Simroth hatte bereits zwei Frauen ins Grab gegessen, getrunken, gearbeitet. Leider konnte er nicht behaupten: ins Grab geliebt, geschweige denn darüber hinaus. Sie hatten Geld gehabt, nichts weiter. Liebe sah er anderwärts und verstand sich darauf als guter Kenner des Versagten. Als Sommerkellner, als Bierversilberer, als Holzhändler, als Pferdefleischspekulant und in seinen anderen Berufen sah er genug Liebe, man sieht sie überall, besonders wenn man sie nicht hat. Simroth war vierzig Jahre lang so verständig gewesen, einzusehen, daß, wer reich werden will, sich was ersparen muß. Daher ersparte er sich das in jeder Beziehung teuerste: Liebe. Zwei Frauen lagen unter der Erde. Sprechen wir nicht weiter von ihnen. Es ist besser.

Jetzt aber wollte er zu leben beginnen und einmal eine Frau zu seinem Vergnügen nehmen, nicht zur Wohnungseinrichtung. Ohne Ehe bekam er keine, denn er war ja schon Vierzig und hatte Geld. Wer Geld hat, muß immer heiraten, wenn er lieben will und ein solider Mensch ist. Simroth hatte Geld, er brauchte also nicht zu fürchten, daß er keine finde. Simroth war stark und gesund und ohne Leibschaden. Warum sollte ihn eine Frau nicht mögen? Er hatte auch Kleider genug, eine fingerdicke goldene Uhrkette, einen Ring mit einem von Brillanten eingefaßten Saphir. Er hob noch heute seine fünfzig Kilo, wenn es sein mußte. Er war auch einmal Möbelpacker gewesen. Unverbraucht, konnte er seine Proben ablegen in jeder Beziehung. Das wollte er, ja, das wollte er ja. Aber diesmal mußte es sich lohnen. Der Richtige mit der Richtigen! Er brauchte keinen harten Schragen, keine knarrende Bettstatt, keine Breithäuptige, keine Schwerfällige, keine Person, keine Hergelaufene. Die allen gefielen, mochte er nicht, und die keinem gefallen, schon gar nicht. Er wollte etwas Feines, etwas Ordentliches, eine, die nur für ihn da war, eine, die ihm ans Herz ging und an den ganzen Mann: ein Weib. Etwas, das mehr war als Wein und Bier und Gelegenheit und soso! Simroth war kein Dichter, darum konnte er seine Wünsche nicht mit zarter Bestimmtheit ausdrücken und seine Gefühle nicht wie Flaumfedern lesen. Aber er wußte deutlich, was er meinte, er suchte danach und rechnete es sich als Geschäftsmann aus, der die Maße und Gewichte kennt. Wollte er auch in der eigentlichen Weiblichkeit seine Erfahrungen erst machen, die Theorie besaß er vollkommen. Simroth war kein heuriger Has', kein träumerischer Liebhaber, kein Leichtsinniger. Wo er stand, stand Simroth. Simroth machte keine Gedichte, las keine Bücher, nicht einmal die Zeitung, höchstens Inserate; er ging nicht auf Bälle, er strich den Weibern nicht nach, er gab sich nicht mit leichten Gelegenheiten ab. Er war kein Taschendieb der Herzen, er war ein praktischer Mensch mit soliden Zielen. Mit einem Wort: er hatte ja schon die Richtige. Sie war Anfang der Dreißig. Eine jüngere hätte nicht zu ihm gepaßt. Da hätte es allerhand Gefahren gegeben. Ein Stier braucht keine Hörner, die ihm andere aufsetzen! Simroth konnte wild werden, wenn er an so etwas dachte. Aber er wollte gar nicht wild werden. Oder auf ganz andere, erlaubte, hochanständige, moralische Weise. Ha! Es mußte eine sein, der Simroth was galt, die schon auf eine solche Gelegenheit wartete, aber noch vor der Abfahrtszeit ihrer Reize.

Diejenige war danach. Schlank, aber es war etwas dahinter, es wehte ein Rüchlein Sommerstunde aus ihr, wie sie stand und ging, Sommer, der noch nicht eingetrocknet ist, Erdbeersommer. Gut gewachsen war sie, schwarzhaarig, langbeinig, ordentliche Zähne hatte sie. Sie trug sich streng in Schwarz, hochgeschlossen, mit einer schönen soliden Brosche an der Brust, wie sie überhaupt auch soviel Geld besaß, daß sie nicht den ersten besten zu nehmen brauchte, sondern eben den letzten besten – Simroth.

Warum sie eigentlich nicht schon längst einen anderen hatte, wußte Simroth nicht, fragte auch nicht danach. Vielleicht hatte sie einmal unglücklich geliebt, vielleicht war »derjenige« untreu gewesen oder gestorben. Oder diejenigen. Sie konnte ganz wohl mehreren gefallen haben. Danach war sie schon. Aber das ging Simroth gar nichts an. Jetzt war er da, und damit fing ihre Weltgeschichte an.

Jedenfalls ging sie höchst ehrbar einher mit einem feinen, weißen, gutgekämmten Pudel, ohne andere Begleitung. An ihren Fenstern blühten Nelken, Geranien, Rosen, Windlinge, und sie saß bei einer Handarbeit, während der Hund neben ihr die Vorübergehenden studierte. So oft unten ein Hund stehenblieb und sich am Laternenpfahl zu schaffen machte, knurrte der Pudel oben leise verächtlich. Dann sah sie ihn an, und er blickte stumm, aus treuem Herzen zu ihr zurück. Kam ihr aber selbst jemand in die Nähe, so bellte Bello ohne jede Zurückhaltung und war bereit, an die betreffenden Beine zu fahren. Rief sie ihn dann ab, so knurrte er verdrießlich, blickte mit seinen kugelrunden schwarzen Augen mißbilligend gehorsam auf die Herrin, ob sie denn wirklich meine, er solle den Menschen da verschonen. War er nicht bereit, jeden Feind zuerst zu verbellen, dann ihm an die Hosen zu fahren, ihn regelrecht zu beißen, ihn anzurennen, mit einem Wort, so zu behandeln, wie man einen Menschen behandelt? Menschen! Wer könnte sie so tief verachten wie ein Hund! Mit Ausnahme der Herrin! Solche unbegreiflichen Ausnahmen macht ein Hund, macht sie aus Liebe, gegen sein besseres Wissen. Man kann gegen die Natur nichts tun; sie rief, sie lächelte, sie brauchte nie den Elfenbeingriff ihres schwarzen Seidenschirmes zu einem Schlage, sie sagte bloß Bello, das genügte ihm. Einen Verehrer hatte sie also bestimmt, aber das war nur – ein Pudel. Simroth lachte herzlich. Simroth hielt nur die Männer für Nebenbuhler, so wie er sich vermutlich den lieben Gott nur als alten Mann vorstellen konnte, nicht etwa als erhabenen Hund oder als weißen Elefanten.

Simroth schloß mit Bello Freundschaft. Er war ohne Vorurteile, man muß sich mit dem Bestehenden vertragen. Er biederte sich dem Hundevieh an. Er präsentierte ihm manche Tüte mit feinem Hundefutter. Auch Schokolade nahm und fraß Bello, aber er bellte trotzdem, wenn Simroth kam, er fuhr ihm jedesmal pünktlich an die Waden, so oft Simroth seine Angebetete besuchte. Bello hielt sich durch die Geschenke gar nicht weiter für verpflichtet. Ohne daß sie ihn zurückrief, ließ er nicht ab, selbst wenn er bereits mit der Schokolade beschäftigt war, und knurrte. Das sollte etwa bedeuten: »Ich aber sage dir. Ich habe gesagt. Ich habe keine Schuld. Muß es denn sein? Warum denn? Bin ich nicht da? Bin ich nicht genug? O diese Weiber, kenne sich ein Hund bei ihnen aus.« Dann kroch er dicht an ihren Rock und legte sich genau vor sie, zwischen Simroth und die Frau.

Simroth machte sich unsympathische Gedanken über Bello, aber er unterdrückte sie. Vorerst tat er, als schätze er so unmenschliche Treue. Nachdem seine Werbung angenommen war, konnte er die Braut doch nicht umarmen, denn Bello sprang an ihm empor, legte ihm die Vorderpfoten an die Brust und drängte ihn weg wie ein Ringer. Simroth blickte ratlos auf seine Zukünftige. War es nicht an der Zeit, höchste Zeit? Sie lächelte bloß. Anstatt aber den Hund mit einem Fußtritt zu versehen, beugte sie sich zu ihm nieder und kraute ihm noch das Fell. Simroth zu streicheln, wäre ihr nicht eingefallen. Ihm warf sie nur einen Seitenblick zu, begütigend, spöttisch oder höhnisch. Nichts war damit anzufangen, als sich zu begnügen, artig neben ihr zu sitzen und zu lauern, ob Bello Vernunft annahm. Bello beobachtete weiter, veränderte weder seine Meinung noch sein Benehmen, so oft Simroth Andeutungen und Versuche machte. Bestie!

Simroth beschleunigte die Hochzeit. Wer saß zwischen ihm und ihr im Wagen, als sie in die Kirche fuhren: Bello. Wer wartete in der Kutsche, bis sie endgültig verheiratet herauskamen: Bello. Simroth führte die Frau ins Haus, in sein Haus, bitte sehr, Bello trat selbstverständlich mit ein. Für den Pudel war kein Lager hergerichtet. Hatte Simroth den Hund mitgeheiratet? Simroth hatte geglaubt, seine Frau werde das Tier ihrer Wirtin oder sonstwem hinterlassen. Er täuschte sich. Bello konnte einstweilen in ihrem Bette zu ihren Füßen schlafen, das war ohnedies sein liebster Platz. Simroth knurrte. Bello wedelte.

Hochzeitsnacht. Simroth war kein Dichter, aber er empfand alles Nötige. Er erschien in der Dämmerung. Die Frau lag schon. Soweit war alles gut. Simroth sah eine schwarze Haarflut auf dem weißen Kissen und herrlich undeutlich einen lichten Hals und Nacken. Das Gesicht war abgewandt, vergraben. Simroth trank einen Hauch von Wärme, von Wohlgeruch, von ruhigem Atem. Er flüsterte leise. Sie antwortete nicht, dafür meldete sich Bello. Der Pudel schlug einmal an, er rief sozusagen zur Ordnung. Simroth flüsterte noch einmal. Bello antwortete stärker. Da schrak sie auf oder tat so. »Was ist's?« Welche Frage! Bello bellte in unabänderlicher Gesinnung. »Schick' den Hund weg!« Bello verstand Deutsch, daher ging er bei dieser Zumutung in gemeines Heulen über. Simroth versuchte, ihn nicht zu beachten und vorzudringen. Da spürte er die Zähne in den Waden. Simroth versetzte ihm einen Tritt. Verdammtes Hundevieh, miserables! Bello flog einen Meter weit weg und bellte zwei, zehn Meter länger und lauter. Da richtete sich eine majestätische Herrlichkeit aus dem Bett auf, blank und glatt. Schultern leuchteten, von schwarzem Haar umfaßt. Man glaubte, ihre Augen glänzen zu sehen. Aber sie rief nicht streng, sondern zärtlich: »Bello!«, und das Tier sprang gleich mit einem Satze zu ihr aufs Bett zurück. Sie nahm es mit Schmeichelworten zu sich, sie legte sich wieder nieder. Sie nahm ihn zurück – den Hund. Simroth stand dabei und fauchte. Bello knurrte mit gereiztem Mißfallen. Es war nichts. Simroth versuchte eine Aussprache über die fatale Situation. Die Frau lachte nur kurz, dann wandte sie ihm den Rücken zu, schwieg, und bald verrieten ihre ruhigen Atemzüge, daß sie schlief. Der Pudel atmete ebenso ruhig zu ihren Füßen.

Simroth zog sich zurück. Das ging ein paar Nächte so. Wenn Simroth bei Tag auf die Sache zu reden kam, so schüttelte sie die Schultern, zog die Achsel hoch, warf den Kopf zurück, lächelte, gab Simroth einen raschen Blick. Bello schien ihr vertrauter. Aus war's! Der Hund war immer da. Auf die Art konnte die Person doch nie einen Mann gehabt haben. Sie blickte auch so zärtlich auf Bello und lächelte ihm listig zu, dem Hund, dem Simroth lächelte sie anders. Sie lächelte ihm was!

Ein paar Tage nach der Hochzeit hatte die Frau eine dringende kurze Reise zu Verwandten zu machen, um allerhand zu ordnen. Sie ließ den Mann und den Hund zurück.

Da hatte Simroth endlich freie Bahn. Er hatte den Zustand satt. Er oder der Hund. Er entschied sich für sich und gegen Bello. Der Pudel müßte aus der Welt, aber so, als sei es auf natürliche Weise geschehen, ganz leicht, ganz selbstverständlich, von einem Höheren abgerufen, schade, daß Tiere nicht gescheit genug sind, Selbstmord zu begehen, oder zu gescheit. Simroth rennt zu einem Tierarzt. Dieser ist nicht nur Tierarzt, sondern auch Menschenfreund, natürlich, sonst wäre er ja Menschenarzt geworden, er ist zu allem bereit, wenn es nichts kostet und etwas abwirft, lebt er doch vom Lebenlassen und Sterbenlassen. Der Tierarzt kennt seinen edlen Beruf, er versteht Simroth nach kurzen Andeutungen. Simroth bekommt ein Mittel für natürlichen Hundetod ausgefolgt. Bello bekommt es eingefolgt und wird natürlich hin, natürlich unnatürlich, aber man muß es nicht merken oder glauben, denn er liegt unschuldig da mit scheinheilig verklärten Zügen. Simroth streckt ihm die Pfoten noch schöner aus nach allen Seiten, niemand hätte in dem sauberen Pudel einen Ehestörer geahnt. So erwarten die beiden die Frau.

Simroth kommt ihr mit allen Zeichen der Trauer, der Rührung entgegen. Da ist Bello. Vielmehr da ist er nicht mehr. Er ist ausgestreckt, er hat ausgerungen, Simroth erzählt, wie lieb er noch – Bello – gebellt, sein Futter gefressen habe, an seinem Herrn emporgesprungen sei, nach einer Weile unter kleinem Zucken, unter ganz kleinem natürlich, sich auf diese sanfte Art und Weise hingelegt habe. Ein Schlaganfall. Es kann nicht anders sein. Sie hört und sieht, schaut den Entseelten und den Überlebenden an, weint. Nie hätte sie um Simroth geweint. Simroth will sie trösten. Sie wirft ihm einen Blick zu, dem Hund einen andern, einen ganz andern. Es ist mitten in der Nacht. Man muß den Hund begraben. »Ja, das wollen wir,« sagt sie fassungslos. Im Wald, unter den Bäumen, die er so geliebt hat. Bello war ein Naturfreund. Niemand wußte es, erst nach seinem Tod erkannte man es. Alle Tiere sind Naturfreunde, bessere als Menschen. Simroth ließ sich an Fürsorglichkeit nicht übertreffen. Er nahm einen Spaten und einen Handkoffer und fuhr mit dem teuren Verblichenen und mit seiner untröstlichen Frau per Tramway in den Vorortwald. Dort suchten beide eine schöne Föhre aus. Simroth grub an ihrem Fuß eine Grube. Bello wurde hineingelegt. Die Frau warf ihm die erste Scholle nach. Vielleicht betete sie auch, jedenfalls weinte sie. Sie fuhren nach Hause mit der letzten Elektrischen. Die Frau ist todmüde von der Anstrengung, Aufregung, vom Kummer. Sie will schlafen gehen. Simroth ist infolge des Schicksalschlages erleichtert, weniger müde und bereit, ja begierig, sie zu trösten. Sie liegt schon. Jetzt aber, da kein Bello mehr bellt, erwacht Bellos Stimme in ihr. Eine majestätische Herrlichkeit richtet sich auf, blank und glatt, eine Schulter leuchtet, von schwarzem Haar umfaßt. Man glaubt, ihre Augen glänzen zu sehen, sie funkeln. »Du hast ihn umgebracht,« ruft sie in fürchterlicher Ahnung, in entsetzlicher Gewißheit. »Du hast ihn umgebracht, du Miserabler!« Simroth bekennt seine Unschuld. Bello habe einen Schlaganfall, einen Herzkrampf gehabt, eine bei Hunden häufige natürliche Todesart. Das hilft ihm, dem Simroth, gar nichts. »Du hast ihn umgebracht. Wer ein Tier umbringt, der macht es auch mit den Menschen. Was hast du mit deinen beiden Frauen getan, Mörder?« – »Hinweg,« ruft sie oder so ähnlich, wenn es auch, schriftlich niedergelegt, nach Theater klingt. Mündlich klang es echt. Simroth bettelt, fleht Gott zum Zeugen an, »Mörder,« wiederholt sie, wiederholt es am nächsten Tag und sieht so aus, als ob sie es alle Tage wiederholen würde.

Simroth rennt wieder zum Tierarzt. Hätte er das vorausgesehen, nie hätte er geheiratet. Welcher Ehemann hätte das nicht schon gesagt. Der Tierarzt beruhigt ihn. »Schlagen Sie ihr vor, den Bello wieder auszugraben. Ich gebe Ihnen einen Brief an den Primarius des Tierspitals mit, meine Empfehlung genügt, er wird Ihnen ein Attest ausstellen, daß der Hund einen Herzkrampf gehabt hat, und alles wird in Ordnung sein. Dann haben Sie es schwarz auf weiß. Wer wird einem Ehemann Scherereien machen.« Der Tierarzt, der Menschenfreund, stellt den Brief aus. Simroth erlegt eine hohe Gebühr, eilt mit dem Brief ins Spital. Der Primarius ist nicht zugegen, man wird ihm den Brief aushändigen, sobald er kommt.

Simroth eilt beruhigt nach Hause. Ihn begrüßt der gewohnte Blick: »Mörder.« Simroth lächelt begütigend. Er macht den Vorschlag, Bello auszugraben und das Fakultätsgutachten über den Tod des Armen einzuholen. Ja, das ist der Frau endlich recht. Simroth wartet den Abend ab, dann reist er wieder mit Spaten und Handkoffer in den Wald. An der Föhre gräbt er den Leichnam aus und tut ihn in den Handkoffer.

Morgens trägt er ihn in Begleitung der Frau ins Tierspital, die ihren Bello agnosziert hat, damit keine Verwechslung vorfalle. Der Hund wird feierlich für den Primarius übernommen, am Abend kann man den Obduktionsbefund abholen. Die Wissenschaft ist rasch, zuverlässig, erschöpfend und kostspielig. Simroth ist nichts zu teuer, um seine Unschuld an den Abend zu bringen.

Wieder ein Abend! Simroth holt selbst den Obduktionsbefund. Er hütet sich, ihn zu eröffnen, nach den Versicherungen des Menschenfreundes, des Tierarztes, ist er beruhigt. Er schmunzelt sogar, als er der Frau den Befund überreicht. Die Szene spielt sich wie die vorige im Schlafzimmer ab. Die Frau trägt ein Nachtgewand und leuchtet schön, unnahbar und streng. Sie nimmt den verschlossenen Brief entgegen. Sie entzündet die elektrische Lampe an ihrem Nachttischchen, eröffnet den Befund. Simroth steht gefaßt dabei: Jetzt wird sie die erwiesene Wahrheit haben. Sie tut einen Blick hinein, dann reicht sie mit einem vernichtenden Blick das Papier dem Mann, indes sie ermattet niedersinkt. Man bedenke, sie hat drei Nächte nicht geschlafen. Das war zuviel. Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, ihr »Mörder« zu wiederholen. Es ist auch überflüssig, denn da steht es ja, schwarz auf weiß bezeugt. Simroth liest als Obduktionsbefund das eine Wort: Vergiftung. So sieht die Wissenschaft und ihre Treue aus. Wie die Hundetreue! Wem ist ein Hund treu? Dem Menschen? Weit gefehlt! Sich selber! So auch die Wissenschaft. Sie ist unbestechlich, fast wie ein Hund, trotzdem sie wie er auch gute Sachen annimmt. Sie bellt und fährt einem trotzdem an die Waden. Sie kennt keine Sentimentalitäten gegen Menschen. Sie ist nur für sich gefühlvoll.

Simroth dreht beschämt, verzweifelt das Licht ab. Die Frau liegt da, als schliefe sie. Simroth schweigt. Was sollte er auch jetzt noch sagen. Sie klagt nicht, sie ruft nicht einmal mehr »Mörder«, Simroth tritt näher heran. Da liegt eine schwarze Haarflut auf weißem Kissen und herrlich undeutlich ein lichter Hals und Nacken. Das Gesicht ist abgewandt, vergraben. Simroth trinkt einen Hauch von Wärme, von Atem, von Schlummer. Er flüstert. Er beugt sich über sie. Er muß sie zum Sprechen bringen, zum Verzeihen! Das wäre doch das Dümmste – wegen eines Hundes!

Simroth kniet vor dem Bette nieder, er faßt leise ihre Schultern, er spürt eine kühle Haut, er schiebt seinen Arm leicht unter ihr Haupt, er fühlt ihren Atem, er sucht den Mund. Sie bewegt sich nicht. Sie scheint zu schlummern. Er flüstert, was ihm einfällt. Er bekommt keine Antwort. Es ist auch nicht weiter notwendig. Dann erwacht sie, schluchzt auf, wehrt sich, ringt mit ihm und ist doch zu müde. Kein Bello bellt.

Nach einer Weile lacht etwas ganz leicht aus ihr und erlöst: »Es ist doch gut.«

»Was denn?« flüstert Simroth glücklich, der Mörder.

»Daß der Bello nicht da ist.«

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