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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Landflucht

Das Dienstmädchen – die »Hausgehilfin«, wie man jetzt höflich sagt – hatte am Sonntag eine schlecht gekritzelte Karte bekommen. Ihr Bruder war in Wien, im Schlepper Nr. 69 an der Nordbahnlände. Vielleicht bleibe er einen Tag oder zwei hier, dann fahre er weiter, wahrscheinlich stromabwärts nach Ungarn. Wenn sie ihn noch sehen wolle, möchte sie ihn besuchen. Sie hatte diesen älteren Bruder, Josef, sehr gern, lieber als den kleinen vierjährigen Spätling, den jüngeren Bruder, der jetzt freilich ganz herzig war, wie er toll patschig stand und ging und dalkte, der aber doch die Schuld daran hatte, daß der große Bruder jetzt da war, also auch vom Hof weggegangen war, wie sie vor drei Jahren. Oh, was für eine Geschichte, als sie mit achtzehn der Mutter draufgekommen war, daß sie so spät, als alte Frau mit vierzig, noch ein Kind erwartete! Eine Schande, fast ebenso arg, wie für eine Ledige. Der Hof war ja zu klein für so viele, der Hof, der an dem steilen rechten Donauufer, Spitz gegenüber, in der Enge lag. Hinter der linken, der Stallseite des kleinen Hauses, hing der Berg mit einem riesengroßen, innen ganz grün, dunkel moosbewachsenen Steine so tief über, daß man glauben konnte, der großmächtige Stein möchte einmal fallen und das Haus in seiner wie eigens ausgehöhlten Mulde zerquetschen. Aber diese Wölbung hielt doch wohl schon viele tausend Jahre so. Man kam dem Felstrumm bei von einem dünnen, fast unsichtbaren Wiesenpfad hinter dem Obstgarten, von wo man steil hinaufstieg bis zu einem schmalen Streifen eines schräg aufwärts östlich geneigten Hügels. Dort bauten sie Wein. Kletternd mußte man den Mist zum Düngen in Butten hinauftragen, in der dürren Zeit sogar das Wasser zum Gießen in Kannen, man mußte die kostbare Erde, damit sie nicht abgeschwemmt wurde, durch Steinmauern schützen, deren drei den Abhang in niedrige Stufen teilten. Diese nur wenig angemörtelten, rohen Steinmauern durften nicht einsinken. Die Pflanzen waren zu harken und zu häufeln. Man stand gebückt dabei. Man unkrautete täglich. Man beschnitt die Reben. Man band sie an die Stöcke. Höher oben fing der Wald an. Dort gehörte ihnen auch eine Stelle. Im Herbst machte man das Holz. Man fällte, man beilte die Stämme glatt, man richtete das Baumholz und die Abfälle zu, und dann schleppte man selbst alles hinunter, was nicht zur Sägemühle oder zur Verflößung gebracht wurde, Klötze, Äste, Stangen, Pflöcke in Bündeln, Scharten in Säcken. Das schlimmste aber war mit dem Heu, mit dem Futter fürs Vieh. Die Wiese lag noch höher, hinter dem Wald, zwei Stunden weit. Dort mähte man, breitete das Gras aus und ließ es in der Sonne trocknen. Man achtete, daß es dann nicht wieder von einem Regen naß werde, wenn Gewölk und Wind bedrohlich schienen, mußte man eigens hinaufeilen, um alles geschwind zusammenzurechen. Man war immer wie in einem Wettlaufen mit dem Wetter. Das trockene Gras stopfte man mannshoch auf eine Trage, verschnürte es, und dann schleppte man die Trage auf dem Buckel hinunter. Der Rücken brach einem schier dabei. Mit vierzehn Jahren, gleich nach dem Ende der Schule, mußte sie damit anfangen, denn damals kränkelte die Mutter und konnte diese schwere Feldarbeit nicht mehr machen. Sie wurde an einem Bruch operiert, in der Familie der Mutter war dieses Leiden üblich, und wenn die Tochter einmal in die Jahre kam und dann noch die gleichen Feldarbeiten tat, stand es ihr auch bevor. Einstweilen mußte sie gleichwohl die Mutter ablösen, die sich fortan auf die Küche und die Viehwartung beschränkte. Das Holzmachen, die Weinbergarbeit besorgten im großen und ganzen der Vater und der Bruder, das Helfen beim Mähen, das Rechen, das Heutragen, das Füttern, das Melken gehörte den Frauen zu. Vom Heutragen hatte Marie nach einem Jahre richtig ihre O-Beine bekommen, so schwer war diese Zweistundenlast, die sie auf der Trage über den steinigen Hohlweg hinunter schleppte. Vordem hatte sie schöne gerade Beine gehabt, jeder durfte sie anschauen, und jetzt! Es war schade um sie, sie war doch sonst nicht übel! Und dann noch die Geschichte mit einem neuen Kind, das kommen sollte! Wenn es ein Bub war, gehörte ihm einmal der Hof, der nach dem alten Brauch im Land stets an den Jüngsten fiel. Die älteren konnten dann weggehen, wenn sie mit ihrem Anteil ausbezahlt wurden, oder konnten als Knechte und Mägde beim neuen Herrn, beim Jüngsten, dienen, was niemals gut tat. Wer fügt sich so leicht einem Jüngeren? Mit dem Bruder Josef hatte sie sich ganz schön vertragen. Bei ihm wäre sie geblieben, wenn sie nicht heiratete, und hätte ihm die Wirtschaft geführt, wenn er nicht heiratete. Er war nur wenig jünger als sie, und dann war er ja ein Bursch und stärker. Das paßte schon. Er folgte ihr auch. Aber für einen Jüngsten wollte sie sich nicht ihre Jugend lang plagen. Sie dankte schön für einen Bruch und fürs Operieren im Spital, lieber gleich aufhängen! Sie hatte an den O-Beinen genug! Sie machte der Mutter damals schöne Vorwürfe, als sie das Unglück erriet, oh, sie war grob mit der Mutter, gröber als die Mutter jemals zu ihr gewesen war. Schickte sich so etwas für eine Alte? So eine Schande! So eine Dummheit, wenn man schon über Vierzig war! Was geschah denn, wenn es ein Bub wurde? Damit nahm ja die Mutter den älteren Kindern einfach den Hof weg, und die sollten noch gar das Kleine warten und sich alt rackern, bis es groß genug war, um sie davon zu treiben. Wenn die Mutter krank würde, mußten sie auch ihre Arbeit aufnehmen. Das hätte die Mutter doch vorher überlegen sollen! War sie nicht alt genug, um so gescheit zu sein? Wie sollten sie das alles leisten? Wie denn? Die Mutter weinte damals. Sie schlug die Schürze über das Gesicht und schämte sich. Es war schlimm genug, daß sich eine alte Frau vor ihrer eigenen Tochter schämen mußte, eine alte Frau, die schon Großmutter sein könnte, hatte man so etwas schon erlebt? Die Tochter wollte gar nicht aufhören mit Reden und Vorwürfen, je mehr sie Angst und Mitleid, auch Mitleid mit der Mutter hatte – die war ja arm! – desto mehr redete sie auf sie ein, bis die Frau endlich aufheulte. »Wenn du mir keine Ruhe gibst, häng' ich mich auf,« schluchzte sie und stieg in den Dachboden hinauf. Marie hatte Angst, daß sie sich wirklich etwas antun möchte, und schwieg. Seither gab sie der Mutter Ruhe. In den Wintermonaten, da auf dem Hof wenig zu tun war, saßen die Frau und die Tochter am Fenster. Die Frau nähte an der Wäsche für das Kind, die Tochter flickte. Da riet ihr die Mutter selbst, vom Hof wegzugehen und in der Stadt einen Dienst zu suchen. Es war nichts mit der Feldarbeit! Die Frauen aus ihrer Familie waren nun einmal zu schwach dazu und Schonung gibt es keine auf dem Land. Unmöglich! Es wäre ja zum Lachen. Die Arbeiten müssen getan werden. Der Bauer kann nicht warten. Wenn nicht alles zu seiner Zeit geschieht, fällt auch das Geld aus, das man zu seiner Zeit erwartet. Was bei ihrer Bruchoperation versäumt worden war, das fehlte jetzt an ihrem Munde. Die Mutter war zahnlos. Auch das lag in ihrer Familie. »Mein Gebiß ist beim Arzt geblieben,« sagte sie, wenn man sie fragte, warum sie sich keines einsetzen lasse. Nein, die Marie sollte nicht hierbleiben. In die Stadt gehen! Die Hausarbeit sei ein Spaß nach diesem Kreuz hier, und wenn die Mutter einmal sterbe, dann sollte die Marie geschwind hinausfahren und alles zusammenpacken, was sie von Wäsche, Kleidern und den anderen Sachen hier brauchen könnte, denn der Vater nahm doch gewiß bald eine junge Frau, und dann blieb gar nichts mehr für die Kinder. Nur nicht auf dem Hof alt werden! Es war zu schwer. Nur keinen Bauern heiraten! Man war nicht stark genug dafür. Die Männer hielten es noch aus, wenn sie nicht tranken. Der Vater war gesund und bei Kräften, ein ordentlicher Mann, nichts zu sagen. Er hatte sie auch gern. Er hatte sie sogar geheiratet, als sie die Marie schon bekommen hatte und als seine Eltern eine andere Reichere für ihn wollten. Ein Glück, daß der Hof damals bald frei wurde. Ihre eigene Mutter hatte sie mit dem kleinen Kinde, mit der Marie, nicht aufgenommen und bei Nacht und Sturm weggejagt. Der Mann hatte sie irgendwo untergebracht. Ein Glück, daß er sie gleich brauchte und heiraten konnte. Sie war mit dem Hof hier verheiratet. Sie hatte es sich damals leicht vorgestellt, Bäuerin sein und ein eigenes Haus halten und noch Kinder bekommen und aufziehen. Er war bei der Arbeit jünger geblieben und sie war älter geworden dabei. Wenn sie starb, sollte er hier Witwer bleiben und auf die Kinder warten? Nein, er mußte bald eine jüngere Frau nehmen. Da sollte die Tochter beizeiten sorgen, daß sie nicht zu spät kam, wenn sie hier blieb. Mit dem Sohn war es etwas anderes, der gehörte her, der war hier noch immer besser daran, als irgendwo draußen als Arbeiter oder Knecht. Aber ein Mädchen! Nein. Nur dazu schauen, solange es noch Zeit war.

Im Frühjahr kam richtig ein Bub zur Welt. Die Marie pflegte die Mutter und als diese so weit war, daß sie wieder aufstehen und schaffen konnte, ging die Tochter richtig nach Wien in Dienst und kam nur im Sommer oder Herbst auf Urlaub nach Hause, um den Berg anzuschauen und zu lachen, daß sie nicht mehr Heu hinunter oder Mist auf der Butte über den Felsen hinaufschleppen mußte. Am liebsten kam sie zur Weinlese, anfangs Oktober zum Singen und Tanzen. Der Hof, die Feldarbeit hatten solche Feste, womit sie den Jungen schön taten und schmeichelten, als sei es eine Lust, hier zu sein und zu schaffen, wo man so schön sang, zur Zither tanzte und in Reihen Arm in Arm herzog, daß die Steine unter den Schuhen knirschten, oder an der Lände die Schiffe erwartete und die schmucken Dirnen spielte, die sich über die Städter lustig machten. Aber nur nicht warten, bis der Hof und das Jahr ihre Alltagsmiene aufsetzten und ihre Geschäfte wie Schulden eintrieben! Wenn der Wein im Faß arbeitete und im Keller lag, durfte man nicht vergessen, was er als Grüner an Schweiß und Arbeit gekostet hatte, und um dieses scharfe Gedächtnis zu behalten, durfte man auch keinen Schluck davon trinken. Vom Wein ward man schwach und ließ sich benebeln und drankriegen. Der Wein zwang einen dann zu allem Übel, bis wieder ein Jahr um war und bis man wieder einen jungen Wein bekam und sich wieder Vergessen trank mit Halloh und Dummheit. Zum Schluß gab es überall Trottelfamilien, die untereinander heirateten, und abseits ein paar harte, strenge Bauern, die nicht tranken und sich und ihre Leute ohne allen Trost plagten wie ihr Vater. Nein, nach der Lese mußte man gleich auf und davon. Marie hätte schon ein paarmal da draußen heiraten können, aber sie ließ sich nicht fangen. O nein! Tanzen, Singen, Reihweislaufen, ja, aber dann auch zur Zeit auf und davon. Auf Wiedersehen!

Und jetzt war der Bruder auch auf und davon und hier. Sie wußte recht gut, wie alles zugegangen war. Die Mutter kränkelte nach dem letzten Kinde. Man hatte eine zweite Bruch-Operation machen müssen, damals war Marie mitten im Winter nach Haus gerufen worden und hatte abgewartet, bis alles gut ausgegangen war. Aber da die Mutter, kaum geheilt, wieder die tägliche Arbeit anfangen mußte, ging es ihr eigentlich nie mehr ganz gut, immer hatte sie irgendwelche körperliche Beschwerden, üble Laune, Todesahnung und Lebensfurcht. Vor einigen Wochen war der Arzt von Spitz herübergerufen worden, da sie fieberte. Die Geschichte war ja nicht so arg, aber er sagte dem Mann und dem Josef, ihrem Bruder, geradeheraus, es sei halt ein Kreuz mit der Frau, sie sei recht schwach daran und man müsse immerhin darauf gefaßt sein, daß sie die nahen Wechseljahre nicht überstehe. Bei den Bauern sagt der Arzt ganz leicht etwas ganz Schweres. Die Leute sind das Tragen gewöhnt und man muß auch eine üble Nachricht schleppen können. Ihr Bruder Josef nahm sich die Geschichte zu Herzen, aber so: wenn die Mutter stirbt und noch so bald dazu, dann nimmt der Vater gleich eine junge Frau. Wozu bleibe ich dann auf dem Hof, der entweder dem kleinen Bruder gehört oder der neuen Fremden? Soll ich mich für die plagen? Ich geh doch lieber gleich weg, bevor es zu spät ist. Darum traf er alsbald seine geheimen Anstalten. Zehn Burschen aus der Gegend meldeten sich bei der Agentie der Donau-Dampfschiffahrt zum Dienst auf den Schleppern. Trotz der allgemeinen Arbeitsnot brauchte die Gesellschaft jedes Jahr für die Schlepper Leute, die den Strom kannten, und das waren eben die Uferbauern hier oder in Ungarn. Keine anderen Arbeitslosen, soviel deren sich bewarben, nahm man. Die zehn von hier glaubten kaum, daß sie alle ankommen würden, wer weiß, wen man auswählte und was man für Forderungen und Prüfungen mit ihnen anstellte. Den Strom kannten sie freilich. Mit Zillen und Traunern und Flössen fuhren sie oftmals im Jahr auf- und abwärts, brachten und holten Waren, jedes Jahr kam jeder mehrmals nach Wien oder nach Linz oder Passau, und jeder verstand sich auf alle Tücken des Wassers, auf Untiefen, Strudel, Klippen, auf Wind und Wetter, ohne daß er alle die rätselhaften Zeichen der Karte zu lesen brauchte. Er verstand es einfach von Geburt, aus der Übung. Josef verschwieg die Meldung, aber als er mit allen zehn Bewerbern aufgenommen war, mußte er es geschwind sagen, denn in einer Woche sollte er schon mit einem Schlepper reisen. Den Krach, der damals zu Hause eingeschlagen hatte, hörte Marie von weitem. Die Mutter hatte ihr gleich davon geschrieben: jetzt, wo das Holz gefällt und gerichtet und heruntergeführt werden sollte, wo der Vater niemand sonst für die Arbeit hatte, ließ sie Josef allein, jetzt ging er weg, weil später, nach Jahren vielleicht, etwas Unangenehmes kam. Er werde es schon noch bereuen. Er stellte sich das Leben da draußen viel zu schön vor. Den Arbeiter schone man nirgends. Zu Hause aber habe er doch alles, was er brauche. Der Vater sei ganz weg gewesen. Sonst so hart und ruhig, einer, der sich nicht so leicht etwas merken lasse, weinte er, daß es ihn schüttelte, als der Josef ihnen aufkündigte. Es war nicht zum anschauen! Das tat ihnen der Bub an! – Aber es war mit ihm nichts mehr zu machen. Jetzt war er richtig hier auf dem Schlepper Nr. 69. Unter den zehn Burschen, die man wegen ihrer vorausgesetzten Stromkenntnis angeheuert hatte, fand sich übrigens einer, der Josef wahrscheinlich angestiftet hatte, einer, der bei ihnen nicht einmal zu Hause war und von Schiffen und Wasser gar nichts verstand, aber ein großer Lump, ein gebürtiger Wiener, Sohn einer sehr wohlhabenden Frau, der hätte studieren können, aber nicht mochte, sondern solange erzählte und tribulierte, er wolle auf dem Lande leben und Bauer werden, bis die Mutter richtig einen großen Hof draußen kaufte, zu einem schönen Landhause mit Ställen umbaute, einen Blumengarten mit Sommerlauben anlegte, ein paar hundert Obstbäume pflanzte, Wiesen, Wald und Weinrieden erwarb und alles Geld in die Wirtschaft hineinsteckte, damit der einzige Bub seinen Willen bekam. Sie selbst fand sich, obschon bejahrt, in allem gern zurecht. Sie erntete den besten Wein in der Gegend und verhandelte ihn zum besten Preise, sie zog das schönste Obst und sandte es nach Wien, sie mästete Schweine – ihr Hühnerhof, ihre Gänse und Enten waren berühmt – sie lieferte Milch nach Spitz und Krems, sie vermietete Sommerwohnungen, sie schenkte auch Wein als Wirtin aus. Bei allem half ihr der Sohn nur sehr träg und unwillig. Er trank dafür, und aus dem schüchternen Stadtbuben, der mit vierzehn Jahren hingekommen war, als könne er nicht bis drei zählen, wurde in zwei Jahren der ärgste Schlingel, der alle anderen gleichalterigen echten Bauernburschen wie eine Kompagnie von Lumpen zu den ärgsten Streichen anführte. Als die Mutter einmal auf einer Geschäftsreise über Land war, lud er die Gesellschaft, auch ältere Leute und Gelegenheitsschmarotzer, in den eigenen von seiner Mutter sonst sehr gut verschlossenen Weinkeller und verzechte mit ihnen das beste Faß der letzten Ernte. Die Frau kam gerade zurück, als es leer wurde und die Gesellschaft im Keller besoffen lag. Sie warf die Herrschaften eigenhändig und mit Hilfe von Knechten und Mägden hinaus. Ihren Sohn behielt sie zurück, sperrte ihn ein, bis er nüchtern war, dann zählte sie ihm die notwendigste Wäsche und die schäbigsten Kleider vor, wies ihm in der Dienststube einen Schrank, ein Bett, einen Stuhl an. Dort sollte er von nun an wohnen, seinen Wochenlohn beziehen wie ein Knecht und bei den Leuten essen, aber nicht mehr bei der Mutter an ihrem Tische. Verfehlte er in Hinkunft noch das geringste, so kündige sie ihm den Dienst auf wie einem Knecht und er möge schauen, daß er weiterkomme. Diese Erziehungsmaßregel brachte aber den Unbändigen erst recht auf, statt ihn vernünftig herunterzustimmen. Die Schande wurmte ihn. Wenn ich Knecht sein soll, kann ich es überall sein, dazu brauche ich unsern eigenen Hof nicht. Lieber fort! Anheuern! Das war also der Rädelsführer, und die andern acht waren auch nicht gerade die besten, keine Söhne von rechten Bauern, sondern Kinder von armen Handwerkern und von Kleinhäuslern, an jede Not gewöhnt, die verloren nichts bei dem Tausch, denen war es gleich, wohin sie gingen, die hungerten und froren, wenn's darauf ankam, zu Hause so gut wie anderswo, aber der Josef! . . .

Sie wurde von der Straßenbahn endlich bei der Reichsbrücke abgesetzt. Es war Sonntagnachmittag, anfangs Dezember. Die erste Kälte. Der junge Schnee war dicht und üppig gefallen, als hätte er einen ganzen Novembermonat Nichtstun nachzuholen, wo es solange mild und schön sonnig und warm gewesen war wie in einem glücklichen September. Dafür biß der erste Frost jetzt um so zorniger in die Haut, der Wind fuhr einen an und der Schnee peitschte ins Gesicht. Unverzüglich hatte er alles weiß gemacht. Schon war es dunkel, aber die Dunkelheit schimmerte. Breite Schneehauben saßen auf den Pfählen, auf den Ästen und zerstoben bei jedem Windstoß und verübten so aus eigenem ein besonderes Treiben. Aber gleich flogen sie wieder auf ihre Haufen, wo es einen Platz zum Rasten gab. Breite Säume von Schnee hockten wie weißer Pelz auf den Mauern. Die Straße war bereits tief eingeweht. Seit dem Morgen fuhr, als an einem Sonntag, kaum ein Wagen hier. Sonst lärmte und rasselte es unaufhörlich von den schweren Lastfuhrwerken, die zu den Bahnmagazinen anknirschten, oder von dort wegklapperten. Die mächtigen Gummiräder der Automobile und die breiten Eisenreifen der Wagen, die Hufe der gewaltigen Pferde zerstampften da den dichtesten Schnee zu breiigem Schmutz, denn hier tobte der ärgste Verkehr der Stadt: Die Menschen, Tiere, Lasten, Fuhren, die pfeifenden Züge, das Kreischen der verschobenen Wagen, Schimpfen, Geschrei, – eine zähere, leidenschaftlichere, begehrlichere, ungeduldigere Natur, die menschliche, heißer als Hundstagshitze, kälter als Winterschnee, windiger als Wind und strömender als der Strom, der da unten stet und unhörbar in seinem großen Bette lief. Aber am Sonntag war Ruhepause, Naturrast, gerade hier am stillsten, scheinheilig und lauernd, die Magazine schwiegen, die Gittertore zu den einzelnen Geleisen waren geschlossen, nur die Tramway sauste zuweilen funkenschlagend und mit Geläute brausend durch die leere Straße, bis sie zu ihrer Remise abzweigte, die letzten Fahrgäste entließ und Marie allein im Dunkel und Schneetreiben, in der Kälte und Kümmernis ihren Weg zum Schlepper 69 suchte. Sie hatte den Schaffner und einige Nachbarn im Straßenbahnwagen gefragt, wie sie denn zum Schlepper 69 komme. Niemand kannte die Nordbahnlände oder wußte was von Schleppern. »Da unten bei der Reichsbrücke muß es sein!« Mehr sagte keiner, weil für den Wiener am Ufer, dort beim Hafen überhaupt ein neues Reich, eine völlige Fremde anfängt: Stromland, Donaudurchzug. Dort kennt sich niemand von der Stadt so bald aus. Die Schlepper bilden sozusagen bewegliche Wasserwohnungen mit Wassernomaden. Sie kommen an, sie gehen ab, sie rasten nicht im eigentlichen Wien, sondern außerhalb, ganz am Rande, die Schiffer mischen sich nicht unter die Städter, sie stammen alle von weit draußen und haben in der Stadt selbst nichts zu suchen, weder Zeit noch Lust dazu, noch auch Fähigkeit, denn die meisten sind Ungarn, Slowaken, auch Rumänen, ja sogar Bulgaren und Zigeuner und verstehen als einfache Leute oft kein deutsches Wort, geschweige denn, daß sie es gern sprechen. Sie führen ihre Wirtschaft auf dem Schlepper, dort kochen sie sich selbst ihr Essen, dort schlafen sie, höchstens daß die ledigen Burschen nach Feierabend rudelweise in gewisse Kneipen hineinfallen und saufen oder sonst etwas anstellen, was sich nicht gehört und was die Marie für ihren Bruder eben fürchtet. Was sollen die Armen denn anfangen, wenn sie so ganz allein sind? Zum Alleinsein darf man nicht jung sein. Alle Älteren, die Steuermänner, die Maschinisten sind verheiratet. Weiber und Kinder leben auch nur auf den Fahrzeugen. Im Winterhafen, bei geschlossener Schiffahrt, auf ein paar Monate von Eis umgeben und festgehalten, haben sie sogar ihre eigene Schule auf einem Dampfer und ihren eigenen Gottesdienst, damit sie keinen Schritt von ihrer beweglichen Heimat fortzugehen brauchen. Aber so weit war es ja noch nicht. Der Strom floß noch schwarz und stetig ohne Eisschollen dahin und die einzelnen Schlepper lagen jeder für sich irgendwo an der Lände vor Anker, nicht versammelt im Hafen. Stromaufwärts lagen sie in weiten Abständen voneinander mit der Breitseite am Ufer. Das Mädchen watete an den letzten Häusern vorbei über tiefen Schnee bis zum Wasser. Im Dunkel sah sie nicht einmal, wo der feste, hochverschneite Rasenboden aufhörte, sie spürte nur, wenn es abschüssig wurde, daß das Ufer begann. Sie sah auch den einzelnen Schlepper selbst nicht, ob einer gerade hier unten lag, erst wenn sie davor stand. Drüben stromabwärts brannten die Lichter der Reichsbrücke. Jenseits war die Station für die Dampfer. Die kannte sie, dort ankerten die Passagierschiffe, die Frachtdampfer, schlimmstenfalls mußte sie sich dort vielleicht Auskunft holen über den Schlepper Nr. 69. Aber ohne zu fragen, war sie gerade hierher stromaufwärts gegangen, als wüßte sie den Ort aus ihrem eigenen sicheren Gefühl, das sie nun einmal als Uferkind besaß. Der Strom brachte die Menschen und führte sie auch wieder weg, aber er behielt sie irgendwie im Stillen, sie vergaßen ihn nicht leicht, sie gehörten ihm und fanden sich von selbst in alle seine Eigenheiten, sobald sie wieder in seine Nähe kamen. Darum fürchtete sie sich auch in ihrem einsamen Suchen jetzt gar nicht, sie blickte durch die Finsternis, als sähen ihre Augen schärfer oder als spürten ihre übrigen Glieder mit, was sie wußten. Die Füße, die Arme, die Brust, die Hände, die Fingerspitzen, die Wangen, die Lippen spürten, ihr Atem merkte, wo fester Boden war, wo Leere, wo ein Schlepper lag, wo keiner war. Sie kam dann an einen und rief ihn von oben an: »Halloh!« Aber sie schwieg gleich, denn bei dem Sturm hörte man sie nicht. Ein dünnes, kleines Licht brannte dort. Sie mußte näher hinwaten. Sie tappte sich bis an die Steine, die sie durch den Schnee spürte, sie gewahrte die lange, breite, schwarze Masse, sie stieß an eine eiserne Kette, da waren Bretter, ein schmaler Steg. Unten, noch kälter, atmete das Wasser, sie hörte es jetzt leise gurgeln und anschlagen. Sie nahm das Licht an der Steuerseite deutlicher wahr, dort oben auf dem Deck ragte eine kleine Hütte, die Wohnung des Steuermanns, wie sie wußte. Jetzt konnte sie rufen. Sie schrie laut ihr »Halloh«. Lange antwortete niemand. Aber da das Licht brannte, mußte wer »zu Hause« sein. Sie schrie abermals und ein drittes Mal. Endlich öffnete sich oben die Tür, sie hörte sie knarren, das Licht ergoß sich in einem breiten Streifen hinaus, aber die Tür wurde gleich ängstlich von außen zugemacht, der weiße Nebel verschwand im Nu und eine Gestalt antwortete: »Halloh!« Ein Hund bellte drein. Sie fürchtete, sie möchte sich bei dem Geheul gar nicht verständlich machen.

»Hier Schlepper 69?«

»Waas?« Ins Hundegebell rief sie so laut und deutlich sie nur konnte:

»Schlepper 69, Josef Ringseis?«

»Waas? Nix Deutsch! Nix Josseff.« Der Mann trat gleich wieder in seine Hütte und schlug ihre Tür zu, er ließ sich in Wind und Kälte auf keine näheren Erklärungen ein, auch weil er ein Ungar war oder ein Kroate und nicht Deutsch verstand. Wäre hier der Neunundsechziger gewesen, so hätte er schon wenigstens die Zahl verstanden und gewußt. Der Hund bellte ihr noch ein wenig nach, dann schwieg er und verkroch sich wahrscheinlich. Sie tappte zurück und hinauf, bis sie festen Boden spürte und versuchte ihr Glück weiter oben. Ein zweites, ein drittes Mal traf sie einen zweiten, einen dritten Schlepper an, tappte wiederum bis zum Wasser hinab, rief so lange, bis die Türe oben aufging, ein Kerl erschien und auf ihre Frage entgegenschrie: »Nix Josseff.« Der zugehörige Hund bellte, solange sie in der Nähe war und schwieg dann wie sein Hundebruder von vordem. In der Dunkelheit und Kälte, im stoßenden Wind, bei dem vergeblichen Warten, bis man sie hörte, bis die Tür ihre Helligkeit und den verdrossenen Mann herausließ, sich drauf gleich wieder schloß und die Figur im Finstern oben das »Nix Josseff« antwortete im Hundegeheul und im völligen Verstummen danach, schienen die Minuten endlos, sie glaubte mindestens eine Stunde mit ihrem Tappen und Suchen verbracht zu haben und war darauf gefaßt, dazu bereit, es endlich aufzugeben, zurückzukehren, nur um wieder ins Licht, unter Menschen, in die Stadt zu kommen. Sie würde den Bruder ja doch nicht mehr finden. Wenn sie bei Tage kam, noch einmal diese weite Reise antrat, war er vielleicht überhaupt nicht mehr hier. Die Stadt ist zu groß, sie wohnte zu weit weg. Aber sie machte doch noch einen vierten Versuch. Sie mußte nach ihrer Vorstellung schon sehr weit draußen sein. Die Luft fühlte sich so ganz frei, als käme sie von gar keinen Mauern und Häusern mehr, sondern fahre ohne jedes Hindernis von der Ebene zum Wasser oder umgekehrt in einem unendlichen Fegen, das sich in ihren kurzen Rock verfing wie in ein armseliges knatterndes Fähnchen. Der Sturm hätte einen ordentlichen Anhalt gebraucht, um ihn anzufallen. Der Schnee stäubte heftig. Wieder stieg sie zu dem schwarzen großmächtigen Schlepper hinab. Wieder rief sie. Wieder öffnete sich die Tür oben. Der Steuermann erschien und antwortete in das Gekläff seines Köters hinein: »Neunundsechzig, Josef Ringseis.« Er wußte sogar den Namen, nur daß er ihn komisch aussprach, so daß sie ihn selbst nicht gleich verstand und wiedererkannte. Aber sie war jetzt an der richtigen Stelle. Der Steuermann kam auch langsam über das ganze Verdeck vorwärts, ihr entgegen, er trug eine Laterne, er zeigte ihr die Landungsbretter, er gab ihr die Hand, er hob sie hinauf. Den Hund neben sich beschwichtigte er.

Sie versuchte den Mann auszufragen, er lachte und brummte nur immer im Hintappen: »Jossef, ja Ringseis, Jossef ja, da. Neunundsechzig.« Als sie sich auf die festen Planken geschwungen hatte und stand – der Hund beschnupperte sie –, wies er sie nach links: »Da.« Was da? Schier wäre sie in das Loch gefallen. Der Hund blieb oben stehen und knurrte in die Finsternis hinunter. Eine schmale Holztreppe, eine richtige Hühnerleiter führte durch die Luke in den Schiffsboden. Dort lag wohl die Kabine ihres Bruders. Sie wollte vorwärts hinabsteigen, aber gleich besann sie sich, drehte sich um und kletterte mit dem Gesicht gegen die Stiege über die engen Stufen hinunter. Der Steuermann war schon wieder fortgegangen in seine warme, beleuchtete Hütte auf der andern Seite am Deck. Sie war unten. Hier roch es nach Kohlenstaub, nach Mehl, nach Petroleum, nach Ruß, nach Pech, nach Holz, nach Harz, sie glitschte auf den nassen kalten Planken, es war so eng hier, daß man doppelt Angst hatte zu fallen. Ein Gang, eine Tür. Sie tastete, sie fand die Klinke, sie versuchte sie vergeblich aufzudrücken. Die Tür gab nicht nach, schütterte und lärmte, daß es in dem Gang unheimlich hallte, aber die Tür war zugesperrt. Von fern, auf dem Deck, bellte der Hund. Die schmale Oberlichte von Glas, die sie in der Finsternis glatt abgriff, war schwarz. Drin brannte kein Licht. Der Bruder war also doch nicht hier. Er konnte ja weggegangen sein. Der Steuermann brauchte es gar nicht bemerkt zu haben. Einen Augenblick dachte sie daran, wieder fortzukommen aus der ängstlichen Luft hier, er war nicht zu Hause, also schade. Da fiel ihr ein, ihr Bruder schlief vielleicht schon. Was sollte er anderes tun, wenn es so dunkel war und er sie erwarten wollte? Sie klopfte an der Tür. Keine Antwort. Sie klopfte wiederholt, endlich schlug sie mit der Faust ans Holz, daß sie die Hand schmerzte, die kalten Knöchel brannten und die Tür ächzte und krachte. Da hörte sie seine Stimme drinnen, wie er erwachte und auffuhr. »Ja,« hörte sie. Er schlurfte auf. Das Zündholz schabte laut an der Reibfläche. Er machte Licht. Er drehte den Schlüssel um und ließ sie ein. Da war sie. Da war er. »Servus Mizzl.« »Servus Sepp.« »Na also, bist da.« »Ja.« »Kalt hast's da.« »Ja kalt,« klapperte er nach, in seinen schäbigen alten, zu kurzen und zu engen Winterrock gepackt, er hatte seine alte Radfahrermütze über die Ohren und den Hals tief in den aufgeschlagenen Kragen hineingezogen. Die beiden Hände in die Taschen vergraben, den Kopf zwischen den Schultern geduckt, die Beine aneinandergepreßt, stand er da. Sie warf einen Blick um sich, und schon übersah sie das Ganze, das recht bald zu übersehen war, denn es gab nicht viel hier. Der Raum war hoch, die Kajüte nahm den ganzen Schiffsboden ein. So war es auch am billigsten: mit den Brettern der Vorderwand, wo die Tür eingepaßt war, und mit Brettern zur Linken aus dem großen Schiffsrumpf an der Kielseite einen Verschlag herauszunehmen, dessen Decke gleich von den Planken des Verdecks gebildet war, indessen sich die andere rechte Seite aus der Wölbung der Schiffswand selbst mit leichter Schräge ergab. Immerhin ein ganz großer Raum. Kleiner wäre besser gewesen, niedriger auch! Die Kajüte war so groß wie die Küche in der Wohnung der Herrenleute, gut vier Meter in der Länge und Breite und nicht viel weniger hoch. So hoch, daß man die Decke schon gar nicht mehr sah in der Finsternis. Ein Bett war an der Bretterseite recht hoch angeschlagen. Wenn man darauf saß, berührten die Füße nicht einmal den Boden. An der Seite des Bettes stand ein kleiner Holztisch, wo jetzt die Kerze in einem alten eisernen Leuchter flackerte und Mühe hatte, den hohen, dunkeln, luftigen, kalten Verschlag unsicher zu erhellen. Dafür sah man den Atem deutlich, den sie beide aushauchten, Wolken stießen sie aus. Man hörte das Feuer im Ofen knattern, man sah es auch durch die Fugen brennen. Der kleine, gußeiserne Ofen stand in der Hütte, so daß man ihn rund umgehen konnte. Das Rohr stieg gerade zur Decke hinauf, durch die Planken. Das sah zwar nach Wärme aus, aber man konnte es sich nicht einbilden. Der Bruder schmiß gleich wieder eine Schaufel Kohlen, die er aus einem schwarzen Kübel faßte, bei der Ofentür herein und klappte sie zu. »Huh, kalt hast du's hier,« sagte Marie, ging an den Ofen und griff an das Rohr. Sie erstaunte, sie konnte es mit den bloßen Händen anfassen, es fühlte sich kaum lau an. Die Kälte wurde hier stärker eingeheizt als die Wärme, stieg von den Füßen unablässig auf, denn unter dem Boden vernahm man das stetige, leise Ziehen des Stromes, der Kälte nachlud und nachgoß ohne Unterlaß. Über der Decke aber ging der ebenso stetige Weg der freien harten Luft draußen und lud Wind nach und wehte auch seine Kälte dazu. Mit Luft und Wasser wurde hier Kälte geheizt. Was konnte das kleine, kümmerliche Öfchen mit den paar Kohlenstücken dagegen leisten, selbst wenn es bis zum Bersten voll war und ganz glühte. Dazu kam es aber kaum, denn so lange konnte man es ja nicht heizen. Bei Tag fand man nur in den Dienstpausen her, bei Nacht nur zum Schlafen. Bevor man sich niederlegte, machte man Feuer, lag man, so ging es bald aus, denn zum Nachfeuern aufzustehen, vermochte man doch nicht, man mußte sich dann schon selbst warm machen. »Was hast' denn für Bettzeug?« fragte Marie. Der Strohsack schaute unter dem zur Seite gewälzten Kotzen mit dem groben Leintuch hervor. Sepp erklärte: in der ersten Nacht hatte er sich wie zu Hause zum Schlafen ausgezogen bis aufs Hemd. Dann hatte es ihn gleich sehr gefroren, so wickelte er sich in den Kotzen und in das Leintuch ein, die Bettdecke, auch einen Kotzen packte er darüber. Aber auch das wärmte nicht. Da fuhr er in die Hosen und den Rock und warf den Mantel noch als andere Decke drüber. Darauf schlief man wenigstens ein.

»Hast keine warmen Sachen mit?«

»Na.«

»Was ist denn mit der schönen roten Jacke, die dir die Mutter vorige Weihnachten gestrickt hat?«

»Daheim.«

»Und deine neuen Kleider, der Sonntagsanzug, die Pelzjacke, die Schafwollstrümpf?«

»Auch. Ist schad' darum. Ich werd' mir die schönen Sachen nicht ruinieren bei der Arbeit.«

Ja, so war man erzogen, man schonte die guten Sachen, die lagen warm im Kasten zu Hause, und hier fror er lieber in den alten dünnen, miserabeln Fetzen. Marie lachte auf.

»Hast wenigstens zum Essen?«

»Na. Man muß sich alles selber kochen, da,« er zeigte auf das Öfchen, dessen Platte gerade für ein Kochgeschirr reichte. Ein Häferl mit Wasser wärmte sich drauf an.

Wie sollte der Bub sich selbst was kochen? Wenn er daheim von der Arbeit gekommen war, setzte er sich, streckte die Beine unter, die Arme auf den Tisch und wartete, bis die Mutter das warme Essen brachte, den Teller vor ihn hinstellte, Löffel, Messer und Gabel dazu und er sich bloß zu bedienen brauchte mit so viel, als er wollte. Sogar das Brot schnitt sie ihm.

»Ja, hast dir denn kein Fleisch mitgenommen?«

»Schon. Geselchtes genug, aber kochen!« seufzte er. Marie lachte, da lachte auch er. Man brauchte wohl etwas Warmes, wenn man hier herunterkam. Gestern hätte er gern was gehabt. Kochen verstand er nicht. Der Steuermann ließ sich von der Frau einen Tee machen. Rum drauf. Das tat schon gut. Aber er hatte keinen Tee. Er wollte den Steuermann nicht bitten. Rum hatte er auch nicht. Den kannte er nicht. Das war man draußen nicht gewöhnt. Kaufen konnte er nichts, denn er traute sich nicht, den Schlepper zu verlassen. Jede Stunde konnte der wegfahren, wenn der Befehl kam. Man wußte nicht, wann. Der Steuermann schwieg sich darüber aus, er wollte seinen Mann dabehalten. Ging man weg, lief einem am Ende der Schlepper davon. So eine Blamage! Man mußte schon bleiben. Aber was Warmes hätte er so gern gehabt. Da kochte er sich Wasser und trank es siedend heiß hinunter. Brr! »Gut war's auch,« lachte er.

Und die Arbeit? Er saß auf dem Bett und baumelte mit den Füßen. Ja, wenn wenigstens was Ordentliches zu tun gewesen wäre, daß einem dabei warm wurde, aber nicht einmal arbeiten, nur frieren! Nein, das war nicht gerade angenehm. Was hatte er denn eigentlich zu tun? Beim Fahren mußte er mit dem Steuermann abwechseln am Ruder. Vorn zog der Dampfer. Mit dem Steuer hielt man den Kurs. Das strengte gar nicht weiter an, aber der Wind oben auf der Hütte! Der Wind! So kalt konnte es gar nirgends auf dem Lande sein. Die Hände brannten auf dem Holz. Nach zwei Stunden wurde man abgelöst. Es war recht, wenn es wenigstens schneite. Da war die Treppe zum Steuerhäuschen zu fegen, man mußte den Schnee rundherum auch auf dem Deck wegkehren. Da konnte man sich rühren. Die Bewegung machte einem warm. Wenn man damit fertig und wenn noch Zeit zur Ablösung war, konnte man hierher in die Kajüte hinunterkriechen und heizen. Aber das half ja nichts. So fror man draußen und drinnen. Lag der Schlepper, so war man in der Kälte, fuhr er morgens weg, so war man erst recht in der Kälte. Und langweilig! Mit niemand konnte man ein Wort reden. Lauter Ungarn und Kroaten. Die kochten sich wenigstens was, die hatten die Frauen, die Kinder, den Hund. Aber es war schwer, mit ihnen bekannt zu werden. Nur das Notwendigste deutete man sich. Man schrie sich was zu, man zeigte sich die Fäuste, man zeigte hinauf, nach rechts, nach links, oder man drohte einem mit einer »Watschen«. War er schon in der Hütte beim Steuermann gewesen? Was hatte der für eine Frau? Die könnte ihm doch das Essen mitkochen, wenn er sie darum bat und vielleicht etwas zahlte: sein Geselchtes wenigstens oder einen Tee! »Nein, nur hineingeschaut,« lachte er. Dort hing Wäsche. Kinder rannten herum und der Hund. Nein, er war noch nicht hineingegangen.

Wär's nicht gescheiter, er ließ den Schlepper abfahren und fahre selbst ab, nach Hause zurück? Dort hatte er doch alles? Oder nicht? Essen, Trinken, warme Sachen, gute Arbeit, keine Sorge! Ja schon, es war schon besser daheim. Das sah er jetzt. Ja! Ja! Na also. Er brauchte nur sich davonzumachen, zwei Stunden mit der Bahn und er war wieder zu Hause. Er schüttelte den Kopf und sagte nichts, Marie redete ihm zu. »Jetzt nicht!« antwortete er und schüttelte sich in seinem Mantel. »Ich möcht' mich zu viel schämen,« klapperte er zwischen den Zähnen hervor. Die Schwester nickte. Das verstand sie. Da hatte er recht. Man mußte zu Ende tun, was man angefangen hatte.

Sie blieb eine Weile still vor dem brennenden Ofen, der nicht wärmte. Er saß auf dem Bett, baumelte mit den Füßen und duckte sich in den Mantel. Sie schwiegen einträchtig. Dann wandte sie sich zu ihm. »Na alsdann, jetzt muß ich wieder fort. Zwei Stunden brauch ich nach Haus. Die Herrschaft wohnt weit weg.« Fast so weit wie mit der Bahn nach Spitz. Groß war die Stadt.

»Kommst noch zu mir?« fragte sie ihn.

»Nein,« sagte er. Der Schlepper fuhr sonst am Ende ohne ihn ab. Das konnte nicht sein. Sie hatte auch nur so gefragt, aus Schicklichkeit.

»Na alsdann. Servus, Sepp.«

»Servus, Mizzl.« Er gab ihr die Hand. Sie spürte Tränen in den Augen. Er öffnete ihr die Tür. Sie stieg die steile Treppe hinauf. Er folgte ihr. Oben bellte der Hund, schnupperte an ihr und schüttelte sich. Die Kälte war freier als in der dumpfen Kabine. Bevor sie die Landungsbretter betrat, wandte sie sich nochmals nach dem Bruder um: »Servus, Sepp.«

»Servus, Mizzl.« Sie winkten einander zu und lachten kurz. –

Als sie über den weichen Schnee nach den Lichtern und zur Tramway zurücktappte, fing sie richtig zu weinen an. Aber sie besann sich bald: Für mich möcht' er sich lang nicht so viel Angst machen, wie ich für ihn.

Er aber stieg die Hühnerleiter wieder hinab zu seinem Verschlag, schob eine Schaufel Kohle in den Ofen und hörte wenigstens das Feuer, das er nicht als Wärme spürte, warf sich angezogen aufs Bett, wühlte sich in die Kotzen und in den Mantel. Nach Haus'? Nein! Er schämte sich. »Eine Schand'!« Nichts anderes dachte er, als daß er sich schämte: So oder so.

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