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Menschendämmerung

Otto Stoeßl: Menschendämmerung - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMenschendämmerung
authorOtto Stoessl
firstpub1929
year1929
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleMenschendämmerung
pages3-306
created20070404
sendergerd.bouillon
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Der bedenkliche Kauf oder der verlorene Kopf

Alfred Kubin zugeeignet

In einem alten Hofe, dem sogenannten »Lehngütel«, auf der Höhe einer Waldstraße, die vom Inn hinaufführt und über die Donau nach Bayern weitergeht, wohnt ein berühmter Zeichner einsam in der Gesellschaft einer alten Magd, seiner Haustiere, seiner Bücher und seiner merkwürdigen Blätter. Auf seinem Abendspaziergang kehrt er wohl bei den Nachbarn ein, bespricht Weltlauf, Wetter, Ernteaussichten und gibt sich alle Mühe, so bäurisch zu reden wie die Leute, daheim aber, nach der geordneten Mühe des Tages, wenn er den grünen Lichtschirm aufsetzt und noch eine Stunde liest, läßt er sich von den Wellen der Gedanken aus dem Buche neue Gestalten und Einfälle zutragen. Er geht zeitig zu Bett, er trinkt weder Wein noch Tee, um seinen gerechten Schlaf zu sichern – er hat genug Aufregung und Abenteuer, Träume und Gesichte in seinem Kopf, er braucht sie nicht durch Reizmittel zu erschleichen. Frühmorgens tritt er allemal frisch, voll Lust an seinen Zeichentisch beim Fenster. In etlichen Bechern stehen viele Dutzend Federn an langen Stielen und Pinsel und Tinten und Tuschen bereit, Federn aus Gänsekielen und Schwanenkielen und breite Schilffedern und harte Holzfedern und Federn aus Stahl mit haardünnen Spitzen für den allerfeinsten Strich. Nun sucht er sich sein Werkzeug zurecht, prüft es an dem Daumennagel, dann auf einem Blatt, und die Augenblicke zwischen der ersten Probe und dem Anfang der eigentlichen Arbeit entrücken ihn schon in seine Welt. Sein Kopf wird warm, seine Finger eilen, sein Gesicht neigt sich zärtlich und streng über das gelblichweiße, alte, geschöpfte Papier, jede Linie ist leidenschaftliche Liebe, ist Schicksal, Furcht, Hoffnung, Glück, ist in dem Nu, da sie an ihrem Punkte ansetzt und zu ihrem Ende ansteigt oder sinkt, eine Ewigkeit in einer Sekunde. Jede Linie ist Musik des Sichtbaren und der Gedanken. Aus dem Zusammenklingen dieser Punkte, Geraden und Bögen wachsen Gestalten, Räume, Dinge, unerhörte Ereignisse von Geraden und Bögen, von Gesichtern, von Menschengesichtern und von Tiergesichtern und von den geheimnisvollen Gesichtern von Geräten, von Hauswinkeln, von Sträuchern, Bäumen, Wolken.

In Stunden, in einem Tage ist manchmal ein solches Blatt mit Figuren bedeckt, mit Märchen voll Grauen und Lächerlichkeit, mit schaurigen Winkeln und lebendig-entsetzlichen Augen. Es ist seine Welt der Geister und Gesichte, des Gelächters, des Entsetzens, des irren menschlichen Kummerkrieges und -friedens und der haarsträubenden Fragen ohne Antwort. Er lebt wie ein Einsiedler im Gehäuse, jahraus, jahrein und – zeichnet. Aber gelegentlich muß er immerhin in die Welt hinaus, sei's auch nur auf ein paar Tage, wenn seine Pinsel und Federn aufgebraucht sind, zum Einkauf neuer Werkzeuge, von Papier und Tuschen und zur Ordnung geschäftlicher Angelegenheiten und, wie er sagt, zum Auslüften seines Gehirns. Das gibt dann immer wieder einen umständlichen Abschied von dieser Höhe und eine endliche Rückkehr voll Zufriedenheit, wenn er seinen vollen Koffer aus buntbestickter Leinwand, selbst einen phantastischen Wundersack nach seiner Manier, im Flur abstellen und beim Anstreifen seiner Filzschuhe die alte Magd, die freundlich bei der offenen Küchentür steht, selig-bekümmert fragen kann: »Nichts Neues?«

Mitten in den Umsturztagen nach dem Kriege kam er in den Fall, sich allerhand Unentbehrliches zur Arbeit einholen zu müssen. Er hatte ohnehin schon arge Monate wie ein Belagerter in seinem Hofe ausgehalten. Kanonen hatten über das Donautal herübergebrüllt, man hatte stündlich das Eindringen der Feinde oder das Überfluten der aufgelösten eigenen Armeen gewärtigt, Plünderungen durch verwilderte Scharen und Untaten aufgehetzter, nicht mehr zurückzuhaltender Einzelner. Wie durch ein Wunder war das Ländchen indessen von solchen Nöten befreit geblieben, die gesunde Schwerfälligkeit des Volksschlages, die mächtige Gewohnheit von Gehorsam und Ordnung, wohl auch die geschützte Lage zwischen zwei Strömen, zwischen Wäldern hatten Höfe und Güter, Scheunen und Ställe, hatten auch unsern Zeichner und sein stilles Anwesen gerettet.

Inzwischen war in München, wohin er als in die nächste Großstadt immer fahren mußte, um sich mit dem Nötigen zu versehen und seine Geschäfte abzuwickeln, die innere Wirrnis ausgebrochen, wovon er durch die Zeitung, durch mündliche Nachrichten Kenntnis erlangt hatte. Nach dem Sturz des Königtums war die Stadt zwischen die Schraube der feindlichen Parteien gepreßt. Heerhaufen durchzogen die Straßen, und als die sogenannte Räterepublik durch neuen Kampf von einer angestammten, kopfscheu und blutgierig gewordenen bürgerlichen Ordnung abgelöst wurde, die sich auch nur durch Schrecken und Strafen erhalten und befestigen zu können meinte, flogen Kugeln je und je durch die Gassen, und man konnte einen Geller ums Ohr pfeifen hören, wenn man so glücklich war, daß der Schuß einen nicht fühlen machte, was man vernommen hatte.

Aber das Fürchterliche schränkte sich selbst immerhin auf gewisse beliebte öffentliche Orte ein, wo die Hauptgebäude standen, denen Angriff oder Verteidigung galten, in den übrigen Stadtgegenden war es vergleichsweise still. Dort ließ sich das gewohnte Leben von der Nachbarschaft des Schreckens nicht stören.

Unser Mann hatte diese halbwegige Ruhe abgewartet, bevor er sich zu seiner nachgerade unabweislich gewordenen Reise entschloß. Er fuhr ungestört mit der Bahn, die Züge verkehrten regelmäßig, er traf in der Stadt ein, die er freilich verdüstert und vernachlässigt fand. Im ersten, noch ganz unwirtlichen Frühjahr bei dem stechenden zerstreuten Licht nahmen sich die Menschen, die unsauberen Straßenbahnwagen, die Läden ohne Waren, die Anschlagsäulen mit den irrsinnig durcheinandergeklebten Zetteln böse aus. Immerhin, es gab eine Tramway, gab Automobile, Licht, Wasser, sogar Kost, wenn auch schlechte und teuere, und wirkliches Bier. Die vielen Dinge übten ihre Ordnung aus über den vielen Menschen, die Sachen hielten die Leute zusammen. Federn, Pinsel, Kiele, Farben waren gottlob weder zum Essen, noch zum Trinken, noch zum Morden und Schreien da, so fand er sie in dem Laden, wo er einzukaufen pflegte, in allem wünschbaren Vorrat und konnte sich damit zu leidlichen Preisen versorgen. Das verringerte sein Unbehagen, und der Gedanke, morgen, mit dem Nötigsten ausgestattet, wieder in seine ländliche Stille zurückzukommen, stimmte ihn fast vergnügt, fast gleichgültig gegen die haßerfüllte Sorge, gegen die niederdrückende Not der sonst so munteren Stadt, ertappte er sich doch sogar bei einem schüchternen Pfeifen. Welches Glück, nicht hierbleiben zu müssen!

Er schlenderte durch die Gassen. Plötzlich fand er sich in einem kleinen hofartigen Platze, wo es noch kürzlich recht arg hergegangen sein mochte. Die Häuserwände waren beschmutzt, Papier hing in Fetzen von den Mauern herab: öffentliche Anschläge aller Parteien in allen Farben, zerrissen, bekleckst, auch mit geschriebenem Schimpf, mit widerlichen Zeichnungen bedeckt, Kot, vielleicht – wer weiß – sogar eingetrocknetes Blut, zog sich in Runsen über die Sockel; die Fenster in den Erdgeschossen waren zerschlagen, man blickte in leere dunkle Räume, auf der Straße lagen über Glasscherben verbogene Stacheldrähte meterweis, andere waren noch mehrfach vor Tore, zwischen Pfeiler gespannt, vom ersten Stock eines Amtsgebäudes lugte die Mündung eines Maschinengewehres mit stählernen Augen seellos herab. Niemand schien hier mehr zu wohnen. Die Fenster höher oben waren, ob ganz, ob zerbrochen, mit braunem oder mit Zeitungspapier beklebt, manche mit Brettern verschlagen. Das gab den Fronten ein fleckiges Aussehen wie von einem Ausschlag. Keine Topfblumen wie sonst, keine Vorhänge, keine herausguckenden Menschenköpfe, geschlossene Läden, kein Wagen, kein Mistkarren, kein Hund, keine Katze, kein Sperling, keine Leute. Doch, wunderlich genug, zwei kleine Geschäfte allein offen, einander gegenüber, an den Schmalseiten des Platzes, in Gewölben zweier uralter Häuser untergebracht, mit unbekümmerten Auslagen hinter sauberen unzerstörten breiten Rundfenstern: Trödlerläden. Da mußte man doch zusehen, was es hier gab. Der Zeichner trat vor den ersten: Waffen! Die wurden hier wohl jetzt am meisten gebraucht: altes und neues Eisen, eingerostetes und blankes, moderne Brownings, große abgekommene Armeerevolver, aber auch malerische Pistolen aus dem Osten, kleine Handgewehre mit perlmuttereingelegtem Kolben, mit verziertem Hahn, kleinere handlichere Taschenpistolen, Flinten, urtümliche mit Steinschloß, neuere, allerneueste Gewehre aller Systeme, die sich wohl noch vor kurzem rückhaltlos gegeneinander ausgesprochen hatten, Doppelläufe mit Magazinen von blauem Stahl, recht gut geputzt – gebrauchte Flinten glänzen am schönsten, wie gebrauchte Spaten –, strotzende Patronentaschen, Stahlhelme mit und ohne Beulen, übereinandergeschichtet wie Kochtöpfe, Gasmasken, Säbel, erst kürzlich in Fäusten gehalten, geschwungen, dann weggeworfen, wieder aufgehoben, wer weiß auf welcher Flucht, nach welchem Handgemenge, mit offenen Klingen, andere in den Scheiden, bündelweise zusammengelegt wie Sicheln, aber auch alte Degen mit vergoldeten oder versilberten geschmückten Körben, Fechtrapiere, Schwerter, Dolche, Messer, Lanzen, Spieße, Hellebarden, Handschars. Alles war recht, was nur zum Hauen, Stechen, Schießen half und taugte: ein ganzes sichtbares Kompendium der Waffenkunde. Danach schien eine rege Nachfrage hier am Orte wie überall, etwa mehr zum Probieren als zum Studieren. Konnte man doch auch auf dem Lande draußen das meiste gegen einen Revolver eintauschen. Unser Held fühlte sich unter einem leisen Rückenschauer nicht gerade als Held für derlei Bräuche. Aber das gefährliche Durcheinander mit seinen Lichtern und Linien, Bögen und Schatten zog ihn immerhin an. Er las das Schild: Gotthold Gutermann, Althändler zum stillen Gast.

Der gute Gutermann mußte den Beschauer wohl von drinnen her gespürt haben wie die Spinne die Fliege, denn sogleich trat er heraus, ein hoher, magerer, schwarzgekleideter, gebückter Mensch mit recht unbestimmten Zügen. Er konnte ebensogut vierzig wie siebzig Jahre haben, bartlos, mit einem durch und durch gerunzelten Gesicht, dessen braune Haut ohne Fleisch und Fett über die Knochen gezogen, aber weit genug war, um Falten zu werfen und Sprünge zu ziehen, ohne daß sich das spitze Nasenbein, die spitze Kinnlade, der spitze Backenknochen durchzubohren brauchten, wie sehr sie auch hinausstrebten.

In den Augenhöhlen saßen farblose, wässrige graue Augen ganz drinnen und blickten desto weiter hinaus, über den Zeichner hinweg, durch ihn hindurch, indessen sich die schmalen, blutleeren Lippen öffneten und unter geschäftsmäßigem Grinsen die lückenhaften bräunlichen Zähne wiesen.

Ein riesiger, zerbeulter schwarzer Hut beschattete diese Wüste von einem Gesicht. Er setzte gleich zu einer weinerlich greinenden Ansprache an: »Was wird dem Herrn gefällig sein, was werden belieben? Wir führen jederzeit Waffen jeder Zeit und Gelegenheit. Wollen der Herr eintreten! Anschauen kostet nichts. Alles unverbindlich, und vom Anschauen passiert auch nichts. Alles unverbindlich. Verbunden wird man erst später, wenn man sich auf etwas eingelassen hat. Wir haben, he he, auch überhaupt unverbindliche Waffen, bei denen, he, he, von einem Verband überhaupt nicht die Rede sein kann, Schmuck- und Dekorationswaffen. Historische Waffen, nicht bloß hysterische. Der Herr verzeihe den schlechten Witz, aber Waffen verlocken zu schlechten Witzen. Das ist ja der schlechte Witz der Weltgeschichte. Der Herr halten nichts von Waffen, der Herr schätzen vielleicht Bücher, Urkunden, he, he, geistige Waffen, ungeladene, die niemals losgehen, wie oft man auch daraus schießt und wie viele man auch damit umbringen möchte. Übrigens ein weitverbreiteter Irrtum, daß diese Waffen friedlich sind, Gott bewahre! Die Bücher erst mieten die Mörder, die Bücher laden die Gewehre und die Urkunden spannen den Hahn. Nur sterben die andern. He, he, solange Worte morden wollen, werden Hände töten. Auch damit können wir dienen.«

Der Zeichner wäre am liebsten gleich weggegangen, aber sei es, daß ihn die Ansprache oder das Äußere des Verkäufers oder Neugierde festhielten, oder seine Handwerksleidenschaft für altes Papier, konnte er doch am besten dieses dicht geschöpfte, edle Urkundenpapier zum Zeichnen gebrauchen, worauf unsere Vorfahren ihre Verträge, Kaufbriefe, Kataster zu schreiben pflegten, und hoffte vielleicht, hier davon einen Vorrat zu finden; er folgte verlegen lächelnd dem Einladenden ins Gewölbe und stolperte über ein paar Holzstufen in den halbdunklen Raum hinab. Hinter den Waffenhaufen, die sich durcheinanderdrängten und bis zur niederen Decke auftürmten, lagen auf alten Tischen und Truhen, auf dem grauen Fußboden in Staub und Spinnweben in der Tat Bücher aus undenklichen Zeiten, alte und neue, gebunden und in losen Packen, in allen Sprachen. Der Inhaber kramte immer noch welche und noch welche hervor, Pergamente und Papiere, viele davon merkwürdig beschädigt, mitten durchgerissen oder durchlöchert wie von Stichen und Kugeln gleich Zielscheiben. Dazu nickte der Trödler fortwährend mit dem Kopfe, als säße sein Schädel lose auf dem Genick wie bei chinesischen Figuren, an deren Wackelhäupter sich der Zeichner erinnerte. »Verträge, werter Herr, Beweis der Echtheit, wenn sie zerrissen sind, je zerrissener, desto echter!« Dabei schleppte er immer andere herbei und warf sie hin, daß es nur so raschelte. »Traktate«, »Erbverträge«, »Friedensschlüsse«, »Hofdekrete«, »Kanzleidekrete«; »zum ewigen Gedächtnis«, »im Namen Gottes«, »in wechselseitigem Einvernehmen«, so oder ähnlich lauteten die Titel und Überschriften der mit vielen Schnörkeln, oft rot wie mit Blut gemalten oder gedruckten, gesiegelten und leider eben häufig beschädigten, zerknitterten Schriftstücke.

»Wir haben alle Ideen der Menschheit hier auf Lager,« greinte der Händler, »lauter Antiquaria für Liebhaber, lauter Köpfe, gute Köpfe, feine Köpfe, aber leider Köpfe ohne Rumpf, Köpfe ohne Hand und Fuß. Die Ideen sind die Köpfe der Menschheit, aber das da,« er stieß an einen Bund Säbel, der rasselnd hinfiel, »das da sind die Hände und Füße! Zuerst sitzen die Köpfe fest, dann halten auch die Arme und Beine, aber schließlich werden die Extremitäten ungeduldig und hauen die eigenen und fremden Schädel ab, selbst ohne daß es die Ideen eigentlich gemeint haben. Übrigens sind auch die Ideen keineswegs unschuldig: damit das Paradies erobert wird, muß man in die Hölle kommen. He, he, die Extremitäten tanzen weiter, wenn die Ideen heruntergefallen sind. Vielleicht ist es ganz gut, wenn man zuweilen die Ideen, die Köpfe köpft, he he!« Der Zeichner las nur flüchtig einige Buchtitel, die ihm bekannt vorkamen. »Westfälischer Friede«, »Naturrecht«, »Völkerrecht«, »Manifeste«, »Kundmachungen«, »Polizeidekrete«, »peinliche Halsgerichtsordnung«, »Hexenhammer«, »majestas Carolina«, »codex Justinianus«, »contrat social«, »Kritik der reinen Vernunft«, der »praktischen Vernunft«, »Pitaval«.

»Geschichte aller Zeiten,« greinte der Trödler, »lauter Mißverständnisse, Geschichte aller Mißverständnisse, worin sich die Achse der Erde dreht, Irrtümer sind die prästabilierte Harmonie des Menschengeschlechts. Die Köpfe sind nur Kugellager, auswechselbar. Abgenutzt wirft man sie weg und setzt andere ein, neue Mißverständnisse. »Areopagitica«, »die erneute Sibylle«, »von der christlichen Freiheit«, haben Sie davon was gespürt? »Von der Glaubensfreiheit«, nu, wie sind wir so frei, »Eikon Basilike«, »Eikonoklastes«, »defensio regio«, »der Leviathan«, Pufendorf, Grotius.« Er leierte tausend Titel herunter, zu denen er Nebenbemerkungen machte. »Wir haben lauter bewaffnete Schriften. Gibt es überhaupt wehrlose Gedanken, ungeladene Gedanken, welche nicht eines Tages losgehen und die Extremitäten zur Bewegung veranlassen? An den Ideen hängt Blut, jede ist mit Blut geschrieben, Blut ist aller Schriftsteller sympathetische Tinte, schuldiges und unschuldiges Blut. Man möchte gar nicht glauben, wie viel Blut zu so vielen Buchstaben nötig ist, je friedlicher, desto mehr. Das beste Blut gehört zum friedlichsten Wort. Vielleicht sind alle Buchstaben mit Blut geschrieben, zum erstenmal vielleicht, zum letztenmal gewiß. Mit Kopfblut, mit Herzblut! Um Geld ist schier weniger Blut vergossen worden, als um Buchstaben, oder Buchstaben vergülden erst durch Blut das Geld zur Entschuldigung, wie ein Opfer. Klebt am Blut kein Geld, so ist das Blut nichts wert, und klebt am Geld kein Blut, so lohnt das Geld der Mühe nicht. Das ist die Ökonomie der Weltgeschichte, solange der Kopf oben sitzt, sind die Buchstaben Geist, ist aber der Kopf ab,« – dabei nieste er heftig, als wollte er den eigenen Schädel abtun – »ist der Kopf ab« – gellte er, »dann sind die Buchstaben nur mehr Geld, blutiges Papier, blutige Münze. Überhaupt macht uns nur Blut die richtige Freude. Alles das haben wir jetzt um ein paar Mark, und waren doch Staatsverträge, heilige Bücher, Urgedanken, Unsterblichkeiten ihrer Zeiten. Unsterblichkeit währt noch kürzer als Redlichkeit. Belieben der Herr solche kurze Unsterblichkeiten zur Dekoration? Je zerrissener, desto malerischer! Mißverständnisse der Menschheit als Zimmerschmuck! Ach so, der Herr wollen auf unbeschriebene Seiten zeichnen! Auf den Rückseiten der Menschheit deren mutmaßliche Vorderseite? Bitte sehr! Man kann auf Staatsverträgen zeichnen, wo sind die Staaten, wo sind die Verträge, auf Kaufbriefen, wo ist das Gut, wo ist der Käufer!«

Der Zeichner fand wenige brauchbare Blätter, die der Händler unter fortwährendem Anpreisen und Greinen sorgfältig einpackte, unablässig kopfschüttelnd, indem er den Kunden steter Dienstbereitschaft versicherte, die Holztreppe hinaufgeleitete und unter Bücklingen verabschiedete. Ganz benommen taumelte unser Mann hinaus.

Gleich fand er sich auf der gegenüberliegenden Seite, wo ihn die zweite Auslage wegen des bunten wertlosen, aber malerischen Gerümpels zum Stehen und Schauen brachte: Flaschen, Gläser aus ordinärem Guß, Steinzeug mit schreienden, geschmacklosen Mustern, Bettladen, Matratzen, Messingreste, Nägel, Schrauben, verrostete Bolzen, eine buntangestrichene Madonnenfigur, Lederetuis von Feldstechern, verklexte Städtebilder in schmierigen Rahmen, Tabaksbeutel, Eisen- und Holzstangen, alte Scheren, Fahrradbestandteile, ein verbogenes Stativ eines photographischen Apparates. »Sollte denn gar nichts für mich da sein?« überlegte der Zeichner, und schon war er gefangen. Eine breite, in viele schwarze speckige Röcke und Tücher eingewickelte Frau, den Kopf selbst in einen Schal gebunden, nötigte ihn zum Eintreten. Sie war zunächst die auffallendste Sehenswürdigkeit ihres Ladens mit ihrem Tapirgesicht. Nase und Kinn strebten wie ein vorn abgestumpfter Rüssel zusammen, und kleine, gefräßige, schwarze Augen hinter Fettwülsten maßen den Gast, den Raum, die ganze wüste Wirtschaft wie in Hunger und Gier, als käme es auf die Gattung des Futters nicht weiter an. Die Person wälzte sich auch wie ein übermästetes Tier durch ihre Waren hindurch, rieb sich an Möbeln, schob mit Schnauben, Grunzen und Ächzen ein Hindernis aus dem Weg, hielt die Hände vor den Bauch und stieß so gegen etwas, kehrte um und segelte vor etwas anderes.

»Was möchten der Herr?« rasselte sie, indem ihre Stimme gurgelte wie in einem Futterbrei. »Betten, Federn, Einsätze, Sessel, Tische, Vorleger, Pfannen, Kaffeemaschinen, Zeichengeräte, Holzlöffel, Pakfong, China, Double, Eheringe, Messer und Gabeln, einzeln, im Dutzend, Kochkisten, ein Pianino, Kindergeigen, Numero Zwei, halbe, dreiviertel, Lauten, Flöten, Rahmen, Töpfe, Aluminium, Eisen, Nickel! Wir haben alles, was das Haus braucht und das Herz begehrt, in bestem Stil. Bei uns ist Herz und Liebe, nichts als unglückliche Liebe, die weint um jede weggegebene Sache. In jedem Bett hat Liebe geschlafen und wird darin schlafen, wenn sie kann. Man trennt sich nicht leicht von seinen Sachen, mein Herr. Liebe ist das Hindernis und der Anstoß des Verkehrs. Die Sachen hängen sich an die Leute. Was liebt man nicht alles oder bildet sich ein, es zu lieben: Menschen? Herzen? Ach was: Gelegenheiten, Tisch und Bett, Bequemlichkeit, Kochrezepte, Lieblingsspeisen, Vorwände, Ausreden, Mitgiften. Man hat geliebt, man glaubt zu lieben, man haßt, man beneidet, man bangt sich, man ißt, sonst kann man nicht leben, man weint, das gehört dazu, man schämt sich, man kommt zu mir. Immer wegen Essen und Liebe! Das gibt einen Trennungsschmerz, wenn man was versetzt, da wird was gesorgt, was gerechnet! Warum soll man aus Liebe nicht weinen, aber aus Eigenliebe, man schämt sich, auch aus Liebe, man kommt zu mir, aus lauter Liebe, aus lauterer Liebe, aus lautester Liebe, aus Selbstliebe! Man braucht die Sachen nicht mehr, man braucht Essen. Aber die Sachen brauchen immer wen. Die Sachen überleben. In den Sachen stecken drei, vier Lebensgeschichten. Man streicht so ein Bett frisch an, man legt sich hinein und es ist stumm. Ich bin nicht die Öffentlichkeit, ich bin das Depot. Man handelt bei mir, man bietet, ich biete gegen, man vergißt bei mir, auch aus Liebe, morgen ist auch noch ein Tag, oder man ist gestorben und braucht die Sachen nicht weiter. Braucht man redende Sachen? Wenn sie einmal zu sprechen anfangen, müssen sie sterben wie Häuser. Sachen schweigen! Die Menschen reden genug, sollen die Sachen still sein! Aber deswegen sind sie eben Gräber für Herzen, Särge für Liebe, Tröge für Kummerfutter. Leintücher, feinsten Gradel hätten wir, man möchte direkt darauf sterben, so sanft, Taschentücher zum Weinen, zu gut für Schnupfen, Servietten, einmal wird man sie wieder brauchen, Bestecke, Käseglocken, das alles haben Leute gehabt, die niemand mehr belästigen mit ihren Angelegenheiten. »Wieviel Mühe machen sich die Menschen um solche Kummergerätschaften, um die Leidensgelegenheiten. Davon lebt unsereiner. Der Herr wollen etwas Schönes kaufen. Alle meine Sachen sind sehr schön. Gibt es schöne Menschen, frage ich? Es gibt nur schöne Sachen.«

Der Zeichner spähte vergeblich nach irgendeinem interessanten Gegenstand, endlich sah er etwas, das er gewiß nicht brauchte, etwas Unheimliches, das nur er finden und gleich erblicken konnte, das ihn anzog, anrief. »Ich könnte wirklich einmal so was zum Zeichnen verwenden,« dachte er und faßte einen Totenschädel an, der hinter einem Kochtopf hervorlugte.

»Oh, der Herr haben ein scharfes Auge,« pfauchte die Trödelhexe, »es ist ein echter Totenschädel, feinste Ausführung und, wie der Herr selbst sehen, garantiert haltbar! Der fällt überhaupt nicht auseinander. Man könnte ihn auch kunstgewerblich verwenden. Ein Schädel ist übrigens schon an sich ein Kunstgewerbe, zum Anschaun! Man kann sich viel dabei denken. Mehr als der sich selber gedacht hat. Ich sage immer zu meinem Mann: ›Menschenbein,‹ sage ich, ›ist viel schöner als Elfenbein,‹ und noch eins: es gibt viel mehr Menschen, als Elefanten. Wozu braucht man – sage ich – nach Indien zu fahren und die großmächtigen Trampel auszurotten, so lange man hier im Lande mehr Bein hat, als man braucht? Wozu schießt man denn an jedem Tage und wozu wird immer wer getroffen? Und wozu gibt es Krankheiten, Operationen, Unfälle! Ist's nicht eine Schande, daß die Industrie die Einrichtung auf Menschenbein versäumt? Den Knochen tut nichts mehr weh. Ist ein Schädel nicht ebenso stumm wie eine Matratze? Kann man in ein Holz einen Nagel schlagen, warum soll man ein Wadenbein nicht drechseln können? Baum ist nicht schlechter als Bein. Wird Baum Tisch und Bett und Papier und Zeitung, warum Menschenbein nicht Gabel und Messer und Büchserl und Nadel? Ich bin durchaus gegen die Feuerbestattung. Wer verbrennt Wälder! Wer wird Gebein verbrennen? Nichts geht über Menschenbein, und Menschenbein ist billig, mein Herr. Warum verwendet man nur Haare, auch Haut wäre großartig. Arme Haut? Haut ist reich. Menschenbein ist Rohmaterial, arbeitet im Leben doch auch allerhand Kunstprodukt, denkt lange Schulen lang, schreibt Bücher, malt, singt, tanzt macht Kinder, neues Menschenbein, haßt, schießt, stirbt in Menschenbeins Bett oder auf Menschenbeins Acker und Pflaster oder in Menschenbeins Meer und Schiff, warum soll Menschenbein auf einmal im Tod nichts mehr wert sein, wo es unbeschränkt verwendbar ist, warum in Menschenbeins Friedhof verfaulen? Ich bitte sehr: in Menschenbeins Welt kann man jeden Rohstoff brauchen, wer schämt sich? Mist ist ehrlich und nützlich. Warum ist Menschenbeins Rohstoff heilig? Vorurteil! Menschenbein hat Vorurteile! Menschenbein darf sich das leisten! Vorurteile sind Religion. Wenigstens den Schädel hat man zur Dekoration freigegeben. Müßiges Menschenbein dekoriert! Menschenbein ist noch billiger, als Menschenbeins Kunst und Wissenschaft. Man klaubt's auf der Gasse auf, wo Menschenbein um Menschenbein streitet, um Menschenbeins Futter oder Gerechtsame oder Kronen oder sonstige Fabrikate.«

Sie lachte widerwärtig. »Findet man Menschenbein auf Menschenbeins Platz, so kostet es gar nichts. Blut und Bein sind das billigste. Menschenbeins Arbeit und Leben, das heißt Seele, Liebe, Essen und Trinken sind kostspielig, aber Menschenbeins Inhalt: Blut und Bein kosten noch weniger, als sie wert sind.«

Der Zeichner hatte von dem Kauderwelsch gar nichts oder nur Brocken verstanden, es brummelte bloß um ihn, aber der Schädel fesselte ihn mit seiner Blässe, mit seinen Buchten und Höhlen und seinem Weltrund.

»Ist er alt?« fragte er.

»Alt? Jung? Was weiß ich? Vielleicht hat er vor vierzehn Tagen mit seinem Gedärm noch gedacht, verdaut und mit seinem Mund – da« – sie öffnete die Kiefer, wie wenn sie ein Pferdemaul wären – »noch gefressen und geredet, vielleicht vor hundert Jahren. Was weiß ich? Ich habe kein Attest. Bin ich Menschenbeins Vorsehung? Heute jedenfalls ist ihm wohl.« Sie drehte den Schädel in ihrer fetten Hand, als suche sie eine Spur darauf.

»Nichts steht auf Menschenbein geschrieben, wenn's nicht von Menschenbein gebrochen ist. Ich suche gerade. Kugel oder Gewalt ist keine durchgegangen. Der da ist vielleicht im Bett gestorben. Was brauchen Sie einen alten Schädel? Sie brauchen einen Schädel, keinen Geburtsschein dazu und auch kein Sterbezeugnis. Ein junger wird's auch tun. Hält doch länger! Gelb wird er bald. Sie können ihn übrigens mit Sepia färben oder in Jauche legen zur Patina. Wegen Menschenbeins macht man solche Geschichten! Nehmen Sie ihn, es wird Sie nicht gereuen. Er ist Ihnen zu schwer, sagen Sie, für den Koffer, was glauben Sie, Menschenbein ohne Gedärm ist nicht schwer, nur was lebt, wiegt, aber totes Menschenbein ohne Zuwage, ohne Lebendgewicht, ist leicht. Nehmen Sie, mein Herr. Sie sind gut bedient. Der da ist ein echtes Stück Menschenbein! Solide Arbeit!«

Schon um das endlose Schlappern und Rasseln der Hexe zum Schweigen zu bringen, und weil ihn dieses bleiche glatte Rund mit seinen Schatten und Höhlen anzog, kaufte er endlich das »tote Menschenbein«, wie die Alte den Schädel immer nannte, um billiges Geld, ließ sich ihn in Zeitungspapier einschlagen und steckte ihn, als er im Gasthofe seine Tasche für die Heimreise herrichtete, recht sorgfältig zwischen die Wäsche. –

* * *

Er war mit seiner Handtasche im Zuge wohlbehalten bis Passau angelangt, dann aber mußte er mit der Fähre übersetzen, um auf die Straße zu seinem Hofe zu kommen. Es war Abend. Er stand vor der Landungsstelle und rief. Keine Antwort. Ein Bauer, der ihm eine Weile zusah, sagte, die letzte Fähre sei um sechs Uhr gegangen. Jetzt sei der Fährmann längst fort beim Bier oder sonstwo. Der Zeichner klagte, er müsse dringend heim, heute abend noch, wo sollte er denn über Nacht bleiben, wenn er nicht übergesetzt werde. Der Bauer schüttelte den Kopf, vielleicht, entwickelte er langsam, sei der Fährmann im Wirtshaus, vielleicht könne man ihn schön bitten, beim Trinken freilich sei es schwer, nickte er aus Erfahrung. Der Zeichner stapfte also ins Wirtshaus, das zum Glück in der Nähe und des Fährmanns Wirtshaus war. In der Schankstube, die schon recht dunkelte, saßen ein paar Leute an einem Tisch beim Bier und rauchten Pfeife. Leise fragte der Zeichner nach dem Herrn Fährmann.

Einer meldete sich.

»Was will der Herr?«

»Ich möchte gern hinübergefahren werden.«

»Ist schon zu spät.«

»Aber ich muß heute noch über den Berg.«

»Nach sechs ist keine Amtszeit nicht und keine Fahrzeit. Das wird der Herr wohl wissen.«

»Nun, Sie haben doch ein Einsehen, wenn ich Sie recht schön bitte. Es soll Ihr Schaden nicht sein.«

»Ja wohl, ja wohl, aber ich darf überhaupt nicht.«

»Warum denn nicht?« Der Zeichner scharrte vor Ungeduld mit den Beinen. Langsam und wohlüberlegt antwortete der Fährmann, während seine Gesellschaft schweigend zuhörte und dampfte.

»Ich darf nur fahren, wenn das Zollamt verzollt hat. Nach sechse ist kein Zollamt nicht. Da können der Herr nicht verzollt werden.«

»Ist nicht vielleicht auch der Herr Zöllner hier?«

Am Tisch murmelte wer, man hörte Füße scharren, einen Lacher, einer sah verdrießlich und strenge auf, er trug seine Amtskappe schief – als nach sechs Uhr.

»Was will der Herr eigentlich?«

»Sie haben es ja gehört, ich möchte überfahren, und wenn ich vorher verzollen muß . . .«

»Amtszeit ist bis sechs Uhr. Nachher wird niemand und nichts nicht abgefertiget. Ist ohnehin zuviel. Nach sechs Uhr bin ich ein Mensch. Wir sind auch nur Menschen.«

»Zuviel gesagt,« dachte der Zeichner bei sich, indem er sich das Gesicht der Amtsperson im Hinblick auf deren behauptete Menschheitszugehörigkeit und auf etwaige Verwendung für malerische Zwecke einprägte. Er wollte den Mann mit Höflichkeit behandeln.

»Werter Herr, verzeihen Sie, daß ich Ihnen Mühe mache. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Albrecht, Konrad Albrecht, Zeichner. Vielleicht haben Sie meinen Namen schon gehört, er ist nicht unbekannt. Ich wohne auf dem ›Lehngütel‹ drüben. Jedes Kind kennt mich. Ich muß noch heute nach Haus kommen. Ich kann ja nicht im Freien übernachten.«

»Ich bin kein Kind, aber ich kenne den Herrn auch nicht. Nach sechs Uhr kenne ich schon gar niemand. Ich kann nach den Amtsstunden nicht aufwarten. Durchaus nicht. Es wird keine Ausnahme gemacht. Das wäre noch schöner! Da könnte jeder kommen.«

»Aber Sie brauchen ja nicht zu amtieren, im Gegenteil, sondern bloß zu erlauben, daß mich der Fährmann hinübersetzt. Das wäre ja einfach.«

»Das ist gar nicht einfach. Ich habe keine Zolldeklarationen und keinen Tarif und keine Papiere und überhaupts, was geht mich was an nach Amtsschluß? Der Herr kann um acht Uhr in der Frühe kommen, ist zeitig genug. Zum Verzollen ist der Tag da. Unsereins ist kein Vieh, das immerfort dasteht. Da geht mich kein Zeichner nichts an.«

»Könnten Sie mir nicht vielleicht wenigstens einen Rat geben?« beharrte Albrecht.

»Meinetwegen kann der Herr machen, was er will nach sechs. Ratgeben ist nicht mein Ressort. Überhaupt, es geht mich gar nichts an.«

Der Zeichner schüttelte ärgerlich den Kopf, er schämte sich, den Ungefälligen noch weiter zu bitten, aber er wollte durchaus nicht nach Passau gehen und dort übernachten, sondern nach Hause, hatte er doch vom andern Ufer kaum eine halbe Stunde Weges. Deshalb würde er doch keine Nacht versäumen! Er nahm seine Tasche auf und zeigte sie mit flehender Gebärde: »Sehen Sie, Herr Zollbeamter, es ist ein ganz richtiger Koffer. Das Verzollen ist nur ein Spaß, eine Formalität. Könnten Sie nicht vielleicht meine Kleinigkeiten hier an Ort und Stelle anschauen, Sie brauchten sich gar nicht weiter zu bemühen?«

»Das ist gar kein Spaß nicht und Formalität ist überhaupt kein Spaß, was das betrifft,« sagte der Zöllner streng. »Nach sechs gibt's keinen Spaß. Da muß ich bitten. Das Amt ist keine Formalität, überhaupt nach Schluß.«

Der Fährmann wäre damit zufrieden gewesen es mit den Dienststunden nicht so genau zu nehmen, man sah es ihm an, er wetzte auf seiner Bank und wäre gleich aufgestanden, alle anderen schwiegen und betrachteten den Zöllner, den Zeichner, die Tischplatte, dann tranken sie, dann veränderten sie ihre Stellung, man hörte das Hosenwetzen auf der Bank, die Bank und die Stühle knarrten, dann sahen sie wieder mit großen Augen drein, wie aus dem Schlafe.

Unentschlossen nahm Albrecht seine Tasche auf, er wußte selbst nicht, was er jetzt tun werde oder solle. Da rollte etwas im Koffer und pochte an die Leinwand. Albrecht horchte. Es rollte noch einmal und ein drittes Mal.

»Was ist denn da drin im Koffer?« fragte der Zöllner.

»Da drin rührt sich was.«

»Nur ein Totenschädel, bitte sehr.«

»Was?«

»Ein Totenschädel,« wiederholte Albrecht möglichst unbefangen.

Es rollte abermals im Koffer wie zur Bekräftigung und Erinnerung.

Die Leute rührten sich nicht, damit man ihre Geräusche nicht etwa mit dem Pochen da verwechsle.

»Ja, was ist denn das? Wozu brauchen Sie denn einen Totenschädel? Woher haben Sie denn einen Totenschädel?«

Ein Windstoß schlug den Fensterladen auf. In der Stube war es bereits dunkel, draußen im Nebel konnte man nur mehr fragliche Umrisse ausnehmen.

Noch einmal pochte der Schädel.

»Der möcht außa,« sagte einer.

Da gewahrte der Zeichner plötzlich am Fenster eine Gestalt, wie ein Brustbild im Rahmen, einen Mann in einem breiten, dunklen Mantel, einen großen Hut schief ins Gesicht gedrückt, so daß zwischen Schulter und Kopf nur der schwarze Schatten sichtbar war.

Albrecht sagte: »Den Totenschädel brauche ich nämlich zum Zeichnen. Sie kennen vielleicht doch meinen Namen. Vielleicht haben Sie auch schon irgendwo Blätter von mir gesehen. Ich mache so Märchenbilder, allerhand Schauerliches und Grusliches, so verrückte Sachen« – er lächelte verlegen über die Selbstkritik – »da ist mir eingefallen, ich könnte einmal auch so einen Schädel brauchen.«

»Habens vielleicht einen umbracht?« fragte der Zöllner.

»Ich?« Der Zeichner lachte ängstlich: jetzt gab's vielleicht noch eine Untersuchung seiner Handlungen, statt einer Untersuchung seines Handgepäcks. Der Teufel sollte den verfluchten Schädel holen.

»Na ja, heutzutag bringen die kleinsten Leut' wen um. Das macht gar nichts mehr, das heißt politisch.«

»Aber, aber.« Albrecht wandte sich ratlos an die Gestalt im Fenster:

»Vielleicht wird Ihnen der Herr bestätigen, daß ein Totenschädel bei uns Malern ein ganz gewöhnliches Ding ist, so wie bei Ihnen der Zolltarif oder ein Frachtbrief. Fast zu gewöhnlich. Man schämt sich beinah, mit solchen Gegenständen zu hantieren wie Totenschädel oder Kreuz oder Heiligenschein. Aber es kommt immer darauf an, wie man sie verwendet. So will ich es doch einmal versuchen, Manche stellen sich einen Totenschädel im Atelier auf, in der Werkstatt, es macht einen malerischen Eindruck. Wir nennen das Effekt, sogar einen billigen Effekt. Heutzutage muß ja alles billig sein.«

»Haben der Herr Waffen bei sich?«

»Waffen, o nein, nein, Gott bewahre. Ich kann damit nicht umgehen. Ich kann mich jederzeit legitimieren.« Er griff an seine Brusttasche. »Ich bin ja hier übrigens, wie gesagt, überall bekannt. Jedes Kind weiß, wer ich bin. Ich habe noch niemand ein Haar gekrümmt, nicht einmal dem Totenschädel.« Er lachte verzweifelt über diesen Witz.

Der Zöllner antwortete: »Aber die Amtszeit ist vorüber, jetzt um halber Siebene. Es ist ja stockfinster. Gar einen Schädel! Das ist mir noch nicht vorgekommen. Inner der Dienstzeit müßt' man den Fall untersuchen. Aber jetzt! Schererei auch noch!«

»Lassen wir den Schädel ungeschoren, dem tut kein Haar mehr weh, auch wenn wir ihn einführen, nicht wahr?« wandte sich Albrecht an den Mann im Fenster.

»Deshalb möchten Sie ihn bei der Nacht hereinschmuggeln? Bei Tag könnt' man keinen Kopf erlauben,« meinte der Zöllner.

»Ja, was soll man mit einem Schädel anfangen, wenn man ihn schon hat?«

»Man möcht' rein glauben, die Amtsperson braucht selber einen,« flüsterte Albrecht zum Fremden.

»Das steht in keinem Tarif. Da stehen höchstens: Knochen aller Art vielleicht, entfettet oder roh, aber Schädel?«

»Ich möchte wissen, mein Herr, wozu er einen Tarif braucht?«

»Ein Schädel ist ein Schädel. Fett ist er nicht. Nutzt nichts, schad't nichts, tut nichts, red't nichts. Ist nicht zum Verzollen.«

»Gehört aber nicht ins Handgepäck, gehört ins Beinhaus oder ins Grab. Bei Tag könnt' man den Schandarm holen.«

»Meinetwegen auch den Geistlichen, den Totengräber, Witwe, Kinder, Leidtragende, den Meßner, wer sich halt für die Leich' interessiert, während der Amtszeit. Der Schädel aber hat die Amtszeit überschritten. Trifft grad noch einen Zöllner und uns alle miteinander bei der Auferstehung an, im Wirtshaus beim Bier, der leere Schädel. Für den gibt's keine Maß mehr. Schädel leerer, miserabler, zum Erbarmen! Ich könnte den Unglücksschädel vielleicht hier lassen, wenn er für die Verzollung Schwierigkeiten macht und ihn in den nächsten Tagen bei Gelegenheit abholen, ich brauche ihn ja nicht gerade heut' oder morgen,« schlug der Zeichner vor und kehrte sich nach den Zechern um, indem er unruhig von einem zum andern schaute. Aus lauter Phantasie fühlte er auf einmal ein böses Gewissen.

»Was machen denn wir mit dem Schädel?« fragte der Zöllner. Verzweifelt flüsterte Albrecht wieder zum Fremden am Fenster:

»Freilich die Herrschaften fangen schon mit dem eigenen Schädel auf dem Hals nichts an, was möchte ihnen ein zweiter nützen: ein hohles Duplikat?«

»Möchten ihn die Herren anschaun vielleicht, ich kann ihn gern auspacken? Er sieht ganz nett aus!« Er drehte sich wieder zu den Gästen um, die verlegen verneinten.

»Das ist ein rechtes Kreuz, mein Herr, nicht wahr?« wandte sich Albrecht zu dem Mann im Fenster. »Hier kann man keinen Schädel brauchen, es sind zu viel Köpfe da, zu wenig Leute, man möcht' ihn nicht einmal anschauen, aber mich läßt man ihn auch nicht wegtragen. Verstehen Sie die Logik? Man möchte am liebsten selber den Kopf verlieren, dann wäre man dem Unverstand recht, der die Welt regiert. Geben Sie mir einen Rat, geschätzter Herr. Wenn man diesen Amtsschädeln das Kopfgedärm ausnähme und hübsch einsalzte, vielleicht möchten sie gescheiter amtieren, als mit Tarif- und Bierdunstinhalt. Ich halte was auf den leeren Schädel da drin im Koffer, der denkt wenigstens nicht mehr oder tut nicht mehr so,« damit nahm er das Gepäckstück von der Rechten in die Linke, weil er müde geworden war, und wiederum rollte der Schädel und ließ sich hören.

»Sehr wohl, lieber Schädel, du meinst, sie sollten dich ruhig reisen lassen, oder meinst du etwas Ungezogenes? Aber was willst du, was soll ich tun, wenn sie dich nicht verzollen? Hören Sie ihn bitten, Herr Zollbeamter?«

Der Zöllner sah den Zeichner ratlos an, dann kehrte er sich zu seinen Zechgenossen, mit denen er Zeichen wechselte. Auf Albrecht deutend, nickte er, berührte dann mit dem Zeigefinger die Stirn, die andern lachten leise. Einer sagte: »Ist auch nach der Amtszeit.«

»Mit wem redt er denn, der damische Kerl.«

»Wen hat er denn im Fenster, der Narr?«

Vor diesem Zwiegespräch mit einem Unsichtbaren, mehr noch vor dem rollenden Schädel im Koffer war ihnen nicht ganz geheuer.

Der Zöllner zwinkerte ihnen mit den Augen zu und schlug dem Zeichner gegenüber einen versöhnlichen, freundlichen Ton an:

»Nun ja, ich glaube ja, daß der Herr den Schädel zur Kunstmalerei braucht. Man hat ja auch seine Bildung, gewiß, man weiß, was vorkommt. Mir ist auch der Name des Herrn wohlbekannt. Aber wie gesagt, Amt ist Amt und nach der Amtszeit –.«

»Sind alle Schädel leer, nicht wahr?« ergänzte Albrecht bitter.

»Entschuldigen schon, nach sechs brauch ich niemand zu kennen,« setzte der Zöllner fort.

»Ganz recht: Schonzeit, werter Herr,« wandte sich Albrecht wieder zu dem Herrn am Fenster.

»Ich sehe ja ein, der Herr braucht Ruhe, also es ist mir eine Ehre, wenn ich dem Herrn Künstler gefällig sein kann. Damit kein Aufsehen und keine Klage nicht ist,« sagte der Zöllner und machte den Tischgesellen ein Zeichen, sie möchten schweigen.

»Nun also, vielleicht ist der leere Schädel doch noch zu was gut,« nickte Albrecht zu dem Fremden hinauf.

Der Zöllner aber fuhr entschlossen fort: »Nur keine Unannehmlichkeiten aus der Geschichte! Was nach sechse passiert, geht niemand nichts an. Wenn der Schandarm nichts weiß.«

»Wollen Sie vielleicht das Gepäck untersuchen, steht ganz zu Diensten,« erbot sich Albrecht höflich und machte schon Miene, den Koffer zu öffnen.

»Aber nein, danke sehr, man sieht ja schon, Handgepäck ohne Steuerbares.«

»Nun, und der Schädel?«

»Schädel sind nicht zollpflichtig, laß ihn der Herr nur, wo er ist. Er ist gut aufgehoben, daß er nichts anstellt.«

»Na, dann darf ich Ihnen vielleicht mit einer Zigarette aufwarten?« fragte Albrecht, hocherfreut über die gute Wendung, bot sein Etui herum, dem alle Anwesenden im Finstern bereitwillig mit geübten Fingern fast den ganzen Inhalt entnahmen. Der Zöllner entzündete seine Zigarette. Das brennende Hölzchen beleuchtete auf einen Augenblick den Mann im Fenster, wenigstens für Albrecht, der ihm noch eine Zigarette anbieten wollte und sich ihm deshalb mit einer leichten Verbeugung näherte, der andere aber schien diskret zurückzutauchen. »Mir scheint, ich habe den Herrn schon irgendwo gesehen. Vielleicht ist's der Trödler mit den vielen Waffen, ach, Unsinn. Wie hieß er doch: Gutermann oder so!«

»Fährmann, alsdann, wenn du den Herrn noch überführen willst, meinetwegen, die Verzollung ist erledigt. Der Schädel passiert. Aber gib acht, daß du den Herrn gut hinüberbringst, man kann nie wissen,« er machte wiederum die bezeichnende Gebärde und grinste den Schiffer an, der ihm das Grinsen zurückgab. Albrecht sah das nicht, denn er nahm gerade seinen Koffer auf, dann verbeugte er sich verbindlich nach der ganzen Tischgesellschaft, auch nach dem Fenster, von wo aber der fremde Mann verschwunden war. »Ich treffe ihn ja draußen,« sagte Albrecht für sich und verabschiedete sich angelegentlich von den Leuten: »Danke vielmals. Sehr zuvorkommend, meine Herren, nichts für ungut wegen der Störung, und wenn Sie sich bei mir einmal den Schädel anschauen wollen oder meine Zeichnungen, wird es mir ein Vergnügen sein. Sie kennen ja das ›Lehngütel‹.«

»Gewiß, gewiß, meine Hochachtung. Der Herr wird schon verstehen, Amt ist Amt und Zeit ist Zeit. Wir sind alle nur Menschen sozusagen.«

»Natürlich sozusagen. Verzeihung nochmals und guten Abend, meine Herren, guten Abend.«

Der Fährmann ging voraus, Albrecht folgte mit dem Koffer. Hinter ihm geschah in der Stube ein allgemeines Stuhlrücken, Bewegung der Beine, Scharren der Füße, Klappern der Krugdeckel. »Damischer Kerl,« »Der spinnt ja,« »Der hat mit wem geredt, als wenn einer beim Fenster stund,« »halber Siebene.« »Ob der an Schädel im Koffer hat?« »So Leut muß man den Willen tun, sonst könntens leicht was anstellen.« »Ja, ja.« »Künstlerkopf.« »Kunst ist bald g'sagt, a Narr, fertig.«

Albrecht fror im Freien. Wo war der fremde Herr, von dem er sich doch auch empfehlen wollte, denn nur seinem allerdings stummen Dazwischentreten hatte er die gute Wendung der Zollgeschichte zu verdanken? Der Fährmann ging voraus. Wo war der fremde Mann? Knapp vor sich spürte Albrecht etwas Dunkles. Aha. Da war ja die große schwarze Gestalt mit dem Hut.

»Ich muß Ihnen vielmals danken, mein Herr, daß Sie sich meiner in dieser peinlichen Lage angenommen haben. Ohne ihr Dazwischentreten wäre ich kaum losgekommen und hätte irgendwo kampieren müssen. Bei der Kälte hätte ich auf die schönste Art noch ein Fieber dazu gekriegt,« er spürte eben ein Zähneklappern. »Übrigens, erlauben Sie, daß ich mich vorstelle. Mein Name ist Albrecht, Konrad Albrecht.«

Der Mann antwortete nichts, sondern ging ruhig neben Albrecht weiter mit so großen Schritten, daß der kleine Zeichner schier laufen mußte, um nicht zurückzubleiben.

»Hätte ich geahnt, daß ich wegen des dummen Schädels solche Schwierigkeiten haben werde, ich hätte ihn ruhig an seinem Platz liegen lassen. Ein Schädel hält auch seine Amtszeit ein, und der da im Koffer hat seine wohl längst hinter sich. Ha, ha. Vielleicht war er auch einmal ein Schwierigkeitenmacher. Jeder Schädel setzt seinen Kopf auf, wie man sagt, und macht zu seiner Zeit Schwierigkeiten, entweder weil er denkt, oder weil er nicht denkt, weil er voll oder weil er leer ist. Kein Schädel kann's einem rechtmachen, weder im Leben, noch im Tode. Diese verfluchten Symbole! Wenn irgend etwas es einmal zum Symbol gebracht hat, wird man es nicht mehr los. Es hängt sich an einen, es lebt fort und fort. Glauben Sie, wir werden die Adler, diese Wappentiere, noch anbringen, auch wenn man ihnen gestern die Köpfe abgehackt hat? Wollt ihr denn keine Ruhe geben, Symbole, wollt ihr denn ewig leben? Das hängt sich an meine Gedanken wie an Rockschöße. So ein Schädel, so ein leeres Gedankenmaß, so eine ausgeträumte Hirnbude ist nicht zu armselig, um mich nicht in Nachtschwierigkeiten zu reiten. Reitet mich nicht schon dieser Schädel da auf meinen Schultern in ewige Unbequemlichkeiten? Und dabei gibt ohnehin kein Mensch mehr was auf einen Schädel. Man muß ihn leider tragen, aber ohne Schädel wären wir alle leichter. Daß die Wissenschaft noch nicht ausgedacht hat, wie wir uns ohne diesen Ballast rühren könnten. Vielleicht wäre uns dann schon der freie Flug möglich, unsere gemeinen Geschaffe und Notwendigkeiten könnten wir ganz gut mit den übrigen Organen ausrichten. Fliegen ohne Kopf! Er ist zu schwer. Er ist unser eigentliches, wahres Verkehrshindernis. Ha, ha! Nur ohne Gedanken kann der Mensch fliegen. Ohne Kopf gibt's keine Sorgen, nur Gedanken bereiten die Sorgen in dieser Sorgenküche da droben. Ohne Sorgen wäre das Fressen ein Vergnügen und das Schaffen. Ja, auch das Schaffen ginge von der Hand, von der Hand sage ich. Der Kopf nur macht Bedenken. Die Weltgeschichte ist von Schädeln gemacht, diese Schädelstätte! Ohne Schädel hätten wir die glatte, leichte Ewigkeit, das Paradies.« Er sprach unaufhörlich, je stiller der Mann neben ihm herging mit seinen Riesenschritten. Albrecht fror, fieberte und redete, bis er gar keinen Atem mehr fand und stehen bleiben mußte. Endlich sollte der Nachtmensch da doch auch etwas sagen! Keuchend blieb Albrecht stehen. Auch der Mann blieb stehen. Albrecht sah zu ihm hinauf wie zu einem Turm. Albrecht wartete. Der Mann wartete auch.

»Ich habe mir ohnehin schon den Atem aus der Brust, die Seele aus dem Leib, das Gehirn aus dem Kopf geredet,« dachte Albrecht, »jetzt sag' ich justament nichts mehr.« Er blieb also stumm stehen. Endlich – auf einen Augenblick beleuchtete der Mond den Fleck, wo sie waren, man sah den Himmel voller Wolken – endlich zog der Mann, mit der Rechten schwungvoll grüßend, seinen großen Hut, und Albrecht sah den abgebrochenen Wirbel ohne Kopf aus dem weiten Kragen hervornicken. Dann zuckte der Wirbel die Achseln, was besonders greulich erschien.

»Mich wundert gar nichts mehr,« dachte Albrecht und wartete. Der Fremde bog seinen Oberkörper mit dem abgebrochenen Wirbel zu seiner rechten Hand hinab, die den Hut in der Hand hielt wie ein Bettler.

»Ach, bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte Albrecht höflich, aber zähneklappernd, »wie ich sehe, haben der Herr selber keinen Schädel. Deshalb . . . Ach, das ist aber peinlich.« Albrecht schaute ratlos zu dem Wirbel, zu dem ausgestreckten Hute, da kam ihm ein rettender Einfall. »Darf ich Ihnen vielleicht den Schädel aus meinem Koffer anbieten? Warum sollen Sie bei dieser Kälte ohne Kopf bleiben? Was ich früher gesagt habe, war natürlich ein Unsinn, bloß eine Konversationsmacherei. Ich habe gut reden, ich habe eben meinen eigenen Schädel. Meine Zähne klappern, also bin ich. Ohne Kopf kann man natürlich nicht leben, nicht natürlich leben, die andern Knochen scheppern bloß, nur der Schädel klappert, pardon, ich will gar keine Anspielungen machen, aber in dieser Situation! Sie müssen den Schädel versuchen, er wird Ihnen bestimmt passen, Sie werden sehen, es ist Ihre Nummer, mit oder ohne Hut, es wird auf jeden Fall besser sein. Auch für Geister gehört ein Schädel, wie schon der Name sagt: Geist. Gibt's Geist ohne Kopf? Sie müssen mir den Gefallen tun.« Damit stellte er eilig den Koffer auf den Erdboden, öffnete ihn, nahm den Schädel heraus, klappte dann das Schloß wieder zu und bot den Schädel mit höflicher Verbeugung der ruhigen Gestalt an. »Bitte recht sehr, Sie werden sehen, er paßt Ihnen. Nur ein kleiner Versuch. Dann hat der Schädel doch einen eigentlichen Lebenszweck, nicht wahr?« Albrecht wollte gerade einen Schritt vorgehen, um besser in den Stummen zu dringen, da verschwand die Gestalt unter einem Windstoß, der wie das Rauschen eines Mantels klang. Der Mond war hinter den Wolken verschwunden, mit ihm auch der fremde Mann, verschwunden wie entflogen.

»Habe die Ehre,« rief Albrecht. Keine Antwort. »Auch gut, so behalte ich denn in Gottes Namen den Schädel.«

»Hollah,« weckte der Fährmann, der am Ufer eine Laterne anzündete. »Ja«, schrie Albrecht, und eilte mit seinem Koffer nach, fand sich am Kies, stieg ohne Überlegung in den Kahn, hörte die Wellen an die Planken schlagen, hörte nach ein paar Minuten wiederum den Kies des anderen Ufers knirschen, spürte den Ruck des Kiels auf dem Sande, stieg aus, bezahlte den Fährmann, empfahl sich mechanisch, ging die Straße weiter, die er auswendig kannte, endlich, endlich sah er das Licht eines Hofes. Noch war die Haustür offen. Der Hund schlug an. Als Karo den Herrn witterte, knurrte er leise und schmiegte sich zutraulich an den feuchten Mantel. Gut, daß man wieder da war! Kalte Nacht das! Die Magd stand an der Küchentür und lächelte freundlich. Der Zeichner stellte den Koffer nieder. Er wollte seine Stiefel abstreifen. Etwas hinderte ihn, sich dabei an den hohen Stiefelknecht anzuhalten, er hatte ja etwas in der linken Hand! Auch Karo, der Hund, schnupperte daran und bellte ganz verwundert. »Ach so! Der Schädel. – Ei du verfluchtes Menschenbein. Jetzt wirst du wohl Ruhe geben.« –

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