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Menschen im Krieg

Andreas Latzko: Menschen im Krieg - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAndreas Latzko
titleMenschen im Krieg
publisherElektrischer Verlag
year2014
isbn978-3-943889-51-2
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectida7642bc7
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Heimkehr

Durch die Blätter blinkte zum ersten Mal der See, und auch die wohlbekannten grauen Kalkberge tauchten schon auf, griffen, wie drohende Finger, über den Bahndamm tief ins Wasser hinein. Da, hinter dem verrauchten, schwarzen Loch in der hellen Wand, gleich nach der Ausfahrt aus dem kurzen Tunnel, guckte für einen Augenblick die Kirchturmspitze über die Böschung, und ein Eckchen vom Schloss.

Johann Bogdán beugte sich weit zum Waggonfenster hinaus, mit gierigem Blick, wie einer, der sein Inventar revidiert, gespannt und voller Misstrauen, ob ihm nichts abhanden gekommen, während seiner Abwesenheit. Bei jeder erwarteten Baumgruppe nickte er befriedigt, die Richtigkeit der Landschaft an dem Bilde messend, das er fest eingebrannt in der Erinnerung trug. Alles klappte. Jeder Kilometerstein auf der großen Chaussee, die jetzt neben dem Geleise einherlief, stand fest auf seinem Platze; eben blitzte auch flammend die Rotbuche vorbei, an der die Racker immer scheuten und einmal auf's Haar den Wagen umgeworfen hätten.

Johann Bogdán tat einen tiefen, schweren Atemzug, fischte seinen winzigen runden Spiegel aus der Tasche und besah sich noch ein letztes Mal vor dem Aussteigen sein Gesicht. Es schien ihm mit jeder Station hässlicher zu werden. Die rechte Hälfte ging ja noch an: Da war noch ein wenig von seinem Schnurrbart übriggeblieben, und auch die Wange war leidlich glatt, bis auf den schlecht verheilten Riss neben dem Mundwinkel. Links aber! ... Über die linke Seite hatte er sich was aufschwätzen lassen von der verdammten Großstadtsippschaft, die im Krieg, genau wie in Friedenszeiten, doch nur darauf aus war, arme Bauersleute zum Narren zu halten. Schurken waren sie alle miteinander, der großartige Herr Professor sowohl wie die feinen Damen, mit den schneeweißen Mänteln und den albernen, geschraubten Redensarten. Es war, weiß Gott, kein Kunststück, einen einfältigen Kutscher, der mit Ach und Krach das bisschen Lesen und Schreiben erlernt hatte, in eine Falle zu locken. Da haben sie ihn angegrinst und ihm schön getan und ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und nun saß er da, hilflos, sich selbst überlassen, – ein verlorener Mann.

Mit einem wütenden Fluch riss er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich auf die Bank.

War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Würfeln zusammengestückelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen, wie rohes Fleisch, so rot und kreuz und quer von tiefen Narben durchzogen. Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Höhle, so tief, dass ein Finger drin verschwand. Und dafür hatte er sich so quälen lassen? Dafür hatte er sich siebzehn Mal, wie ein geduldiges Schaf, in das verfluchte Zimmer mit den Glaswänden und den vielen, blitzenden Messern hineinlocken lassen. Ein heißer Schauer lief ihm heute noch über den Rücken bei der Erinnerung an die Qualen, die er zähneknirschend ertragen hatte, nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen und heimkehren zu können zu seiner Braut.

Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien vor dem Häuschen des Stationsvorstehers grüßten zum Fenster herein. Grimmig zerrte Johann Bogdán seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor, stieg zögernd die Treppen hinunter und stand ratlos, hilfesuchend da, als der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rücken davonfuhr.

Er zog sein großes, geblümtes Taschentuch hervor und trocknete den Schweiß, der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen? Warum war er überhaupt hergekommen? ... Nun, da er endlich den Fuß auf den heißersehnten Heimatboden gesetzt, überfiel ihn mit einem Mal rasendes Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den vielen, in Verbände gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten, lahm, blind oder entstellt waren. Dort stieß sich längst niemand mehr an seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch, weil er doch wenigstens arbeitsfähig geblieben war, seine gesunden Arme und Beine behalten hatte und das rechte Auge. Gar viele wären gerne bereit gewesen, mit ihm zu tauschen. So mancher hatte missgönnische Bemerkungen gemacht und es für ein Anrecht erklärt, dass der Staat ihm eine Invalidenrente bewilligt, für das verlorene Auge. Ein Auge und ein bisl ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen lahmen Arm oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine pfiff und rasselte bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glückspilz war er im Kreise der vielen Krüppel gewesen. Eine Berühmtheit! Alle Welt kannte dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann Bogdán sehen, der sich siebzehn Mal operieren, die Haut sich in Streifen hatte aus Rücken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen Operation stand, – wenn der Verband entfernt wurde, – die Türe seines Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben, jedem Neuhinzugekommenen ausführlich erklärt, wie arg das Gesicht vorher gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdán das Zimmer geteilt, schilderten den früheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als hätten sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdán allmählich fast eitel geworden auf seine fürchterliche Verwundung, auf die Fortschritte, die seine Verschönerung machte, und hatte das Spital mit der Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden. Und jetzt? ...

Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, überflutet vom prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte Dorf, fühlte Johann Bogdán sich jäh von Kleinmut überfallen, von einer Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschürfende Betrachtungen waren seinem trägen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives Unbehagen, das feindselige Misstrauen, das ihn übermannte, sagten ihm deutlich genug, dass er Enttäuschungen und Kränkungen entgegenging, von welchen er sich im Spital nichts hatte träumen lassen. Kleinlaut lud er sich sein Gepäck auf den Rücken und ging mit zögernden Schritten dem Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er und die ihn wachsen gesehen, fühlte er sich jäh mit seinem früheren Ich, mit dem schönen Johann Bogdán, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was wert! Da gab es keinen anderen Vergleich als den einen, schmerzlichen, zwischen dem kecken, übermütigen Burschen, der hier am ersten Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krüppel, der jetzt mit einem Auge, zertrümmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor demselben Stationsgebäude stand, – verbittert und niedergeschlagen, als wäre ihm das Unglück an diesem Morgen erst zugestoßen.

Vor der kleinen Gittertüre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die Frau des Bahnwärters Kovacs, der seit Kriegsbeginn irgendwo im Russischen Dienst tat, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier. Johann Bogdán sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an, dass er unwillkürlich noch langsamer ging. Würde sie ihn erkennen oder nicht? Seine Knie knickten ein, wie plötzlich morsch geworden, und seine Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.

Sie nahm es ihm ab und ließ ihn passieren; ohne ein Wort.

Dem armen Bogdán stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen, sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht und sagte, mühsam seine Stimme festigend: – Grüß Gott! –

– Grüß Gott – wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie sich weiten, erstarren, über sein zerschundenes Gesicht tasten und dann schnell über ihn hinwegschauen, als könnte sie den Anblick nicht ertragen. Schon wollte er stehenbleiben, da merkte er, dass ihre Lippen bebend ein lautloses »Jesus Maria« stammelten, als wäre er der leibhaftige Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekränkt, ging er weiter.

– Nicht erkannt! – hämmerte das Blut ihm in den Ohren, – Nicht erkannt. Nicht erkannt – Er schleppte sich bis zur Bank gegenüber dem Stationshaus, warf sein Gepäck ab und sank nieder.

Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwärters Kovacs, den Johann Bogdán nicht erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie in den Armen gehalten, sie abgeküsst, weiß Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an der Stimme, – so verändert war er!

Unwillkürlich warf er noch einen Blick hinüber, sah sie eifrig auf den Stationsvorsteher einsprechen und erriet aus ihren Gebärden, dass sie von dem schauderhaften Anblick erzählte, von dem greulich entstellten, fremden Soldaten, den sie eben gesehen. Er stieß einen kurzen, krächzenden Laut aus, einen missglückten Fluch; dann fiel sein Kopf vornüber, und er heulte los, wie ein verlassenes Weibsbild. Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schloss, die Tür aufstoßen zum Gesindehaus und der verblüfften Marcsa ein patziges »Grüß Gott« zurufen?

... Ja, so hatte er sich's gedacht. Hatte sich, weiß der Teufel wie oft, – das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mägde, den Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals und die tausend Fragen, die sich über ihn ergießen würden, während er, die Marcsa auf den Knien, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gäbe der andächtig lauschenden Gesellschaft.

Wo war das jetzt alles? ... Zur Marcsa gehen? Er? ... Mit diesem Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt? ... War die Marcsa nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn vergaffte.

Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgendetwas schief gegangen. Überall hatte man ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloss, und auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er, vergnügt vor sich hin pfeifend durchs Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig eine Kusshand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert; aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft, als sie sich verlobten.

– Ein schönes Paar! – hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen, wehmütigen Traurigkeit. Das sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mit dem Johann Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben hatte, als es losging. Für die Marcsa gab es nur einen Johann Bogdán, der war Herrschaftskutscher und der schönste Mann im Dorf. War er noch Herrschaftskutscher? ... Der gnädige Herr wird sich hüten, sein schönes Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schöne Marcsa, um die sich alle Männer reißen, sollte die Frau eines elenden Taglöhners werden?

Nein, das fühlte Johann Bogdán ganz genau, für die Marcsa war der Mensch, der da auf der Bank saß, nicht der Johann Bogdán mehr. Sie wird ihn nicht mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen wird. Ein Krüppel bleibt ein Krüppel, und die Marcsa hat sich mit dem Johann Bogdán verlobt und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt nach Hause brachte.

Seine Traurigkeit wich allmählich einer unbändigen Wut gegen das Großstadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm weiß Gott was aufgebunden hatte. Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt worden war? Stolz? Haha!

Er lachte höhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach und ihm die Hand zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den Ärmel, ohne dass er es merkte, so groß war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit solchem Gewäsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl, für eine Bauerndirne wäre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch gut genug? Vaterland? ... Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar? Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bändern auf dem Hut durch das Dorf? Lächerlich! ...

Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfasste, fiel Johann Bogdán ganz plötzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Häuschen hinter der Mühle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden Stelzfuß und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein Bein hingeopfert »fürs Vaterland«, – in Bosnien unten, während der Okkupation, und musste dann allein in der alten Hütte hausen, verspottet von den Kindern, die seinen Gang nachmachten; übellaunig geduldet von den Bauern, die es ihm nachtrugen, dass er der Gemeinde zur Last fiel und von ihrem Gelde lebte. »Im Dienste des Vaterlandes«? – – – Nie hatte jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte ihn verächtlich den Dorfarmen, und damit basta.

Johann Bogdán presste die Zähne aufeinander, dass sie knirschten, vor Ärger darüber, dass ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann hätte er den Städtischen tüchtig seine Meinung gesagt über ihr dummes Geschwätz vom Vaterland und von der großen Ehre, wie ein Aff' heimzukehren zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor hätte in die Krallen kriegen können! Fotografiert hatte ihn der Betrüger, – und nicht einmal nur, – ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von Neuem; als wäre ihm weiß Gott was für ein Kunststück gelungen. Und nun hatte ihn nicht einmal die Bahnwärter Juli erkannt – – die Bahnwärter Juli – – ein Nachbarskind! ...

So tief versunken war Johann Bogdán in seinen Kummer, so verbissen in grimmige Rachepläne, dass er den Mann, der seit einigen Minuten schon vor ihm stand und ihn neugierig prüfend von allen Seiten begaffte, gar nicht sah. Eine Hitzewelle flog ihm ins Gesicht, und sein Herz blieb stehen vor freudigem Schreck, als ihn plötzlich eine Stimme aus seinem Brüten weckte:

– Bist du's, Bogdán?

Er fuhr auf, selig, doch noch erkannt zu werden, und runzelte tief enttäuscht die Stirne, als er den buckligen Mihály vor sich stehen sah. Im ganzen Dorf, im ganzen Komitat, gab es keinen zweiten Menschen, dem Johann Bogdán nicht in aufquellender Dankbarkeit herzlich die Hand geschüttelt hätte in diesem Augenblick. Mit dem Buckligen aber wollte er nichts zu tun haben. Jetzt schon gar nicht! Der Kerl bildete sich am Ende ein, einen Kameraden an ihm gewonnen zu haben, und war wohl froh, nicht mehr der einzige Krüppel im Ort zu sein.

– Nun ja, ich bin's. Was gibt's weiter? –

Der Bucklige wühlte mit seinen kleinen, stechenden Augen neugierig in Bogdáns narbendurchfurchtem Gesicht und schüttelte mitleidig den Kopf:

– Na, dich hat der Russ' ja nett zugerichtet.

Wie ein kläffender Köter schnaubte ihn Bogdán an:

– Geht dich nichts an! Hast was zu reden, du! Wär' ich aus 'm Mutterleib schon so zugerichtet auf die Welt kommen, mit dem Bauch auf dem Rücken, wie du, hätt' mir der Russ' nichts tun können.

Der Bucklige setzte sich ruhig neben ihn hin, ohne auch nur im geringsten gekränkt zu sein.

– Höflicher bist du nicht geworden im Krieg, Bogdán, – das merke ich schon, – sagte er trocken. – Bist nicht in rosiger Stimmung, kann's mir denken. Ja, so geht's! Die armen Leut müssen ihre gesunden Knochen hergeben, damit der Feind den Reichen nichts von ihrem Überfluss wegnimmt! Kannst noch froh sein, dass du so davongekommen bist.

– Bin ich auch, knurrte Bogdán, mit einem gehässigen Seitenblick. – Ob arm oder reich fragt die Granate nicht. Da liegen Grafen und Barone draußen und faulen in der Sonne, wie hingeworfenes Aas. Wen unser lieber Herrgott nicht schon in der Wiege geschlagen hat, dass er nicht zum Mann und nicht zum Frauenzimmer taugt, der ist jetzt im Feld, ob er nun arm ist wie eine Kirchenmaus oder gewohnt ist aus goldenen Schüsseln zu essen.

Der Bucklige räusperte sich und zuckte die Achseln: – 's gibt Solche und Solche, – meinte er; wollte noch was hinzufügen, besann sich aber eines Besseren und schwieg. Dieser Bogdán war immer schon eine elende Lakaiennatur gewesen, stolz darauf, den hohen Herren dienen zu dürfen. Fühlte sich solidarisch mit seinen Unterdrückern, weil er in verschnürten Joppen mit silbernen Knöpfen zu ihrem Glanze beitragen durfte. Nun hatten sie ihn vor die Kanonen gehetzt, damit er ihren Reichtum verteidigen half, und der Kerl saß da, entstellt, mit einem Auge nur, und ließ noch immer nichts auf die gnädigen Herrschaften kommen. Gegen solche Dummheit konnte man nichts ausrichten. Es war schade um jedes Wort.

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander. Bogdán stopfte umständlich seine Pfeife, und der andere sah ihm interessiert zu.

– Gehst ins Schloss hinauf? – frug vorsichtig der Bucklige, als die Pfeife endlich brannte.

Johann Bogdán wusste ganz genau, wohin der verhasste Kerl hinaus wollte. Er kannte ihn ja. Ein Sozi war der! So ein Halunke, der die armen Leute um ihr Brot bringt, mit seinem dummen Geschwätz. Genau wie ein schlechter Hund, der die Hand beißt, die ihn füttert. Er hatte in der Ziegelei als Aufseher sein schönes Auskommen gehabt, und zum Dank die ganze Arbeiterschaft gegen die Herrschaft aufgehetzt, bis sie den doppelten Lohn forderten und das Schloss anzünden wollten an allen vier Ecken. Auch bei ihm hatte er schon einmal sein Glück versucht, hatte den gnädigen Herrn schlecht machen wollen. Aber da war er an den Richtigen gekommen! Ein paar Ohrfeigen rechts und links und ein tüchtiger Fußtritt dazu war die Antwort gewesen, damit er's nicht noch einmal versucht, den Johann Bogdán zu einem Sozi zu machen, zu solch' einem Spitzbuben, der keinen Herrgott und kein Vaterland kennt.

Der andere rutschte unruhig hin und her auf der Bank, warf ab und zu von der Seite her einen prüfenden Blick auf seinen Nachbarn, fasste sich endlich ein Herz und sagte ganz plötzlich:

– Sie werden ja wohl froh sein um dich, da oben. Deine Arme sind doch ganz geblieben, und sie können Leute brauchen in der Fabrik. Bogdán rümpfte die Nase.

– In der Ziegelei? – – frug er wegwerfend.

Der Bucklige lachte laut auf:

– Ziegelei? warum nicht gar. Wer braucht denn Ziegel im Krieg? Ziegelei gibt's längst nicht mehr, mein Lieber. Da werden jetzt Granathülsen fabriziert. Siehst du die Waggons dort drüben? Das ist alles voll mit Granathülsen. Jeden Samstag geht ein ganzer Zug von hier ab.

Interessiert hörte Bogdán zu. Das war was Neues. Eine Änderung auf dem Gut, von der er noch nichts wusste.

– Siehst du, das ist alles so hübsch eingeteilt, – erzählte der andere weiter und lächelte spöttisch – der eine geht hinaus und lässt sich den Schädel kaputt schlagen, der andere bleibt schön daheim, fabriziert Granathülsen und tapeziert sein Schloss mit Tausendkronenscheinen. Mir kann's ja recht sein. –

– Sollen wir vielleicht mit Erbsen schießen, he, oder mit der Luft? Ohne Granaten kannst keinen Krieg führen. Die sind genau so nötig wie die Soldaten. –

– Stimmt! Und weil die reichen Herren die Wahl haben, so lassen sie dich deinen Kopf hinaustragen. Was kriegst denn für dein Aug? Hundert Kronen im Jahr? Oder gar hundertfünfzig? Und die andern, die von den Raben gefressen werden, haben nicht einmal so viel vom Krieg. Der gnädige Herr da droben verdient aber jeden Tag seine paar Tausender und riskiert nicht einmal seinen kleinen Finger dabei. So wär ich auch gern Patriot. Kannst es mir glauben! Anfangs hieß es ja natürlich, er ginge ins Feld. Ist auch großartig abgefahren. Aber drei Wochen später war er schon wieder da, mit Monteuren und Maschinen, und jetzt hält er schöne Reden, drinnen im Komitatshaus, schickt die andern sterben und ist auch noch der Hahn im Korb bei ihren Frauen. Stopft sich die Taschen voll und tätschelt alle Mädel ab in der Fabrik. Ist ja der einzige richtige Mann, weit und breit.

Unwillig, mit gerunzelter Stirne ließ Bogdán die Rede über sich ergehen. Nur der letzte Satz machte ihn stutzig. Er horchte auf, wurde unruhig und kämpfte eine Weile heldenhaft gegen die Frage, die ihm auf den Lippen brannte. Dann konnte er endlich doch nicht mehr an sich halten und platzte heraus:

– Ist – – die Marcsa auch oben in der Fabrik? In den Augen des Buckligen blitzte es auf:

– Die schöne Marcsa! Das glaub' ich! Vorarbeiterin ist sie geworden. Man sagt zwar, dass sie noch nie eine Hülse in der Hand gehabt hat, – dafür haben aber die Hände des gnädigen Herrn – – –

Mit einem kurzen, heiseren Krächzen fuhr ihm Johann Bogdán an die Gurgel, presste ihm den Adamsapfel in die Kehle hinein, hielt ihn fest in unbarmherziger Umklammerung, bis er, um sich schlagend, mit angstvoll hervorquellenden Augen, glucksend und blau im Gesicht hinschlug, und röchelnd liegen blieb. Dann kramte Bogdán eilig sein Zeug zusammen und marschierte los, weit ausgreifend, mit riesigen Schritten, als könnte er was versäumen oben im Schloss.

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihály, wandte sich kein einziges Mal um, zog ruhig weiter und fühlte noch lange die warme Kehle in seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der röchelnd auf der Straße lag? Ein Mensch mehr oder weniger! – An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der schaukelnden Gleichmäßigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor Müdigkeit, ohne daran zu denken, dass die dichtgesäten, grauen Flecke in den Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frühjahr, auf Schritt und Tritt die Straße säumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren sie in Toten, dort bei Kielce, als es über das Feld ging, wo aus jeder Furche erdgraue Hände in die Luft krallten, blutgetränkte Hosenbeine und verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus den Gräbern zum Jüngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals über Leichen; dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenübel geworden, zur großen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so dass er den Fuß kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lächelnd erinnerte sich Johann Bogdán an die boshaften Scherze der Kompanie über den leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich anrief, wie einer, der tüchtig über den Durst getrunken hat.

Glühend leuchtete die Landstraße in der Mittagssonne. Im Dorf schlug die Turmuhr zwölf; drüben vom Hügel ertönte, wie als Antwort, das tiefe Summen der Fabrikspfeife, und ein weißes Wölkchen stieg über die Baumwipfel. Bogdán beschleunigte seine Schritte, lief mehr, als er ging, ohne sich um die Schweißtropfen zu scheren, die ihm kitzelnd über den Nacken perlten. Fast ein volles Jahr lang hatte er Spitalsluft geatmet, nur Dächer und Mauern gesehen und Lysol und Jodoform gerochen. Wollüstig zog seine Lunge den Duft der blühenden Wiesen ein, und seine Sohlen klatschten kräftig auf die Straße, als marschierte er wieder in Reih und Glied. Seit dem Tage seiner Verwundung war dies sein erster Gang; die erste Landstraße seit den wilden Gefechtsmärschen im Russischen. Zuweilen schien es ihm, als hörte er die Kanonen rollen. Der kurze Kampf mit dem buckligen Lumpen hatte sein Blut in Wallung gebracht; und seine Kriegserinnerungen, von der öden Eintönigkeit des Lazarettlebens, wie von einer dichten Staubschicht überdeckt, wirbelten jäh wieder auf.

Fast reute es ihn, den verdammten Halunken zu früh freigegeben zu haben! Eine Minute länger, – und er hätte sein Lästermaul nie wieder aufgetan. Hätte den Kopf erschöpft zur Seite gelegt, mit auseinandergespreizten Fingern noch einmal sehnsüchtig die Luft umarmt, und wäre dann blitzschnell zusammengeschrumpft, genau wie der struppige, dicke Russe, mit den großen, blauen Augen, der als erster, mit einem schönen Gruß vom Johann Bogdán, beim heiligen Petrus vorsprach. Dem hatte er die Kehle nicht mehr locker gegeben, ehe er das Gezappel nicht ganz sein ließ! Mausetot hatte er den gewürgt. Und war doch ein ganz possierlicher Kerl gewesen, lange nicht so widerlich, wie dieser bucklige Schuft. Aber freilich, er war der erste Feind, den er zu packen bekommen; sein allererster Russ! Eine stattliche Reihe war gefolgt, aber erwürgt hatte er nur diesen einen. Mit dem Kolben niedergeschmettert, mit dem Bajonett erstochen, mit den Stiefeln zertrampelt sogar, den Halunken, der ihm seinen liebsten Kameraden vor den Augen niederschlug. Aber erwürgt hatte er keinen mehr. Darum war ihm der kleine Dicke so in der Erinnerung geblieben! Von den andern wusste er nichts mehr. Sah nur einen Knäuel von graugrünen Uniformen, und das Knirschen, Stampfen, Röcheln und Fluchen des Handgemenges klang ihm wirr ins Ohr, wenn er an seine Heldentaten dachte. Wie viele er wohl so ins Jenseits geschickt? Der liebe Gott mochte sie gezählt haben. Er selbst hatte genug damit zu schaffen, sich die Kerle vom Leibe zu halten. Wer sich da erst lange umschauen wollte, wäre die längste Zeit neugierig gewesen.

Und doch! Da war noch ein zweites Gesicht, das er sich auch genau gemerkt hatte. So ein großer, hagerer Kerl, lang wie eine Hopfenstange, mit großen, gelben Hauern im Mund, die er wie ein Eber fletschte. Ja, an den erinnerte er sich noch, als wär's erst gestern gewesen. Er sah ihn stehen, halb schon an die Wand gepresst, das Gewehr über dem Kopfe schwingend. Noch ein Augenblick, und der Kolben wäre niedergesaust! Aber um dem Bogdán zuvorzukommen, dazu war so ein schläfriger Russ noch lange nicht der rechte. Ehe er noch zuschlagen konnte, hatte er das Bajonett schon zwischen den Rippen, fiel hintenüber auf sein Gewehr. Durch und durch war ihm das Bajonett gegangen, hinter ihm noch in die Wand gefahren, auf ein Haar wäre es abgebrochen. Das passierte aber kein zweites Mal! Das war nur geschehen, weil er zu stark zugestoßen hatte, mit zusammengebissenen Zähnen, die Finger krampfig um den Schaft gekrallt, aus voller Kraft, als gälte es Eisen zu zerschneiden. Er hatte eben noch nicht gewusst, dass es gar nicht so schwer war, einen Menschen niederzumachen; war auf weiß Gott was für einen Widerstand gefasst gewesen und entsann sich ganz genau, dass ihm der Mund offen stehen geblieben war vor Erstaunen, wie das Bajonett so glatt hineinfuhr in den langen Kerl, als hätte er in Butter gestochen. Wer das noch nie probiert hat, denkt, der Mensch wäre ganz aus Knochen, holt weit aus und kann nachher schauen, wie er sein Gewehr wieder frei kriegt, ehe einer von den struppigen Teufeln seine Wehrlosigkeit ausnützt. Ganz leicht musste man ansetzen, mit einem kurzen, ruckartigen Stoß, dann lief das Ding ganz von selbst hinein, wie ein gutes Pferd, – man hatte ordentlich Mühe, es zurückzuhalten. Das wichtigste war: den Feind nicht aus dem Auge zu lassen! Nicht aufs Bajonett durfte man starren, nicht dorthin, wohin man stechen wollte. Immer dem Gegner ins Aug, um seine Parade rechtzeitig erraten zu können. Aus den Gesichtszügen musste man den richtigen Augenblick zum Zurückweichen abpassen. Sie machten es ja alle ganz gleich: alle aufs Haar so wie der Erste, der lange, wilde Kerl mit den gefletschten Zähnen. Mit einem Mal wurde ihr Gesicht ganz glatt, als hätte das kalte Eisen im Leib ihre ganze Wut abgekühlt, rissen erstaunt die Augen auf und blickten zum Feind hinüber, als wollten sie vorwurfsvoll die Frage an ihn richten: »Was machst du denn?« Dann griffen sie gewöhnlich ins Bajonett hinein, zerschnitten sich überflüssigerweise noch die Hände, ehe sie hinfielen. Wer da nicht genau Bescheid wusste, die Waffe nicht rechtzeitig anhielt und schnell aus der Wunde herauszog, in dem Moment, da er die Augen groß werden sah, wurde mit umgerissen oder bekam von irgendwoher einen Kolbenschlag über den Kopf, lange ehe es ihm gelang loszukommen. Alles das hatte Johann Bogdán gar oft besprochen mit den Kameraden, wenn nach harten Gefechten Kritik geübt wurde an den Gefallenen, die sich dumm angestellt und ihre Ungeschicklichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.

Mit Riesenschritten vorwärts eilend auf dem wohlbekannten Wege hügelan zum Schloss, war er jetzt gleichsam untergetaucht in seinen Erinnerungen. Seine Beine liefen von selbst, wie Pferde auf dem Heimweg. Er passierte das offene Gittertor und ging schon auf gekiesten Wegen, den Kopf auf der Brust, ohne zu ahnen, dass er angekommen war.

Pferdewiehern riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr auf und blieb stehen, von tiefer Rührung gepackt, als er, wenige Schritte weit, das Stallgebäude erblickte und drinnen, im Dämmerlicht, schimmernd hell die Kruppe seines geliebten Schimmels. Schon wollte er abschwenken, auf die Stalltüre zu; da tauchte, weit unten, am anderen Ende des großen Platzes, ein Frauenzimmer auf. Es kam von der Ziegelei her, ein rotgetupftes, seidenes Tuch auf dem Kopfe, die pralle Büste hochaufgerichtet, mit einem herausfordernden Biegen in den Hüften, dass die weiten Röcke wie reife Halme wogten.

Johann Bogdán stand starr. Als hätte ihn jemand vor die Brust gestoßen. Das war die Marcsa! So ging kein zweites Mädel im ganzen Komitat. Er warf sein Gepäck auf die Erde und stürmte los.

– Marcsa! Marcsa! – klang es schmetternd hell über den weiten Hof.

Das Mädel wandte sich um und ließ ihn herankommen, neugierig, mit zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdán stehen.

– Marcsa! – wiederholte er flüsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht geheftet. Er sah sie blass werden, kreideweiß; sah ihre Augen unruhig hin und her hüpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinüber und wieder zurück. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hände vor's Gesicht und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdán nach. Genau so hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwärtersfrau, das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur dass sie davonlief, wurmte ihn! Das hatte sie nicht nötig. Johann Bogdán war nicht der Mann, der einem Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er würde schon auch noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In großen Sätzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie nur mehr wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

– Warum laufst du davon? – knurrte er sie an, atemlos. – Brauchst nur zu sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich fress' dich auf? ...

Sie starrte ihn an, forschend, – unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg zitterte ihr ganzer Körper.

– Wie siehst du aus? – hörte er sie stammeln und wurde rot vor Zorn.

– Hab's dir ja schreiben lassen, dass mich eine Granate erwischt hat. Hast gemeint ich bin schöner geworden? Sag's nur grad raus, wenn du mich nicht mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja oder nein? Ich werde dich nicht zwingen zum Heiraten. Sag's nur gleich: ja oder nein!

Marcsa schwieg. Es war irgendetwas in seinem Gesicht, in seinem einzigen Auge, das ihr den Atem nahm, wie mit kalten Fingern in ihren Eingeweiden wühlte. Sie schlug die Augen nieder und stotterte:

– Du hast ja noch gar keine Stellung. Wie können wir heiraten? ... Musst erst den gnädigen Herrn fragen ob er ...

Johann Bogdán war's, als fiele ein roter Vorhang, aus Feuer gewoben, vor seine Augen. Der Herr? ... Was sprach sie vom Herrn? ... Er dachte an den Buckligen und fühlte mit einem Schlag, dass der Halunke nicht gelogen hatte. Wie eine glühende Zange umklammerten seine Finger ihr Handgelenk, dass sie aufschrie vor Schmerz.

– Der Herr? – ... brüllte Bogdán, – was hat der gnädige Herr zwischen dir und mir zu suchen? Ja oder nein? Antwort will ich! Der Herr hat da nichts zu schaffen, zwischen uns.

Marcsa richtete sich auf. Mit einem Mal kam eine merkwürdige Sicherheit über sie. Ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihre Augen funkelten stolz. Hochmütig, wie er sie immer gekannt, stand sie da, den Kopf herausfordernd in den Nacken geworfen.

Bogdán sah die Änderung, sah, dass ihr Blick über seine Schultern hinwegging, ließ sie fahren und wandte sich blitzschnell um. Es war so, wie er sich's gedacht hatte: Aus dem Maschinenhause trat soeben der gnädige Herr, gefolgt vom alten Tóth, seinem Waldhüter. Wie eine Katze war die Marcsa vorbeigehuscht, stürzte zum Herrn hin, beugte sich nieder und küsste ihm die Hand.

Bogdán sah sie herankommen, zu dritt, senkte den Kopf, wie ein Widder zum Angriff. Eine entschlossene, kalte Ruhe stieg langsam in ihm hoch, wie im Schützengraben, wenn der Hornist zum Angriff blies. Er fühlte die Hand des gnädigen Herrn seine Schulter berühren und wich einen Schritt zurück. Was sollte das alles? Der Herr sprach von Tapferkeit und Vaterland, lauter überflüssiges Zeug, das nichts mit der Marcsa zu schaffen hatte! Er ließ ihn sprechen, ließ die Worte auf sich niederprasseln wie Regen, ohne sich um ihren Sinn zu kümmern. Sein Blick irrte unruhig hin und her, vom Herrn zur Marcsa und zum Waldhüter, bis er an etwas Glänzendem neugierig haften blieb. Es war der vernickelte Knauf am Hirschfänger, den der alte Waldhüter an seiner Seite trug, der funkelnd die Sonne spiegelte.

– Wie ein Bajonett, – – dachte Bogdán; und der Einfall durchzuckte ihn, das Ding aus der Scheide zu reißen und dem Luder, der Marcsa in den Leib zu rennen, bis zum Heft. Aber ihre runden Hüften, die bauschigen, bunten Röcke machten ihn irre. Mit Leibern hatte er im Krieg nie zu schaffen gehabt. Er konnte sich's nicht recht vorstellen, wie das wäre, wenn man da hineinstieße. Sein Blick glitt auf den Herrn zurück, und nun bemerkte er, dass er ihn in Harnisch gebracht hatte, mit seinem verstockten, trotzigen Schweigen.

– Er fletscht die Zähne, – fiel ihm ein, – genau wie der lange Russ! – Und er lächelte fast bei der Vorstellung, wie auch der gnädige Herr gleich ein glattes Gesicht bekäme und erstaunte, fragende Augen. Sprach er da nicht gerade von der Marcsa? Was ging ihn die an?

Trotzig richtete sich Bogdán auf.

– Mit der Marcsa ordne ich mir meine Angelegenheit schon selbst, gnädiger Herr. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir, – sagte er heiser, und sah dem Herrn fest ins Gesicht. Der hatte noch seinen Schnurrbart! Rechts und links ganz gleich und fein hochgezwirbelt. Wie hatte der Bucklige gesagt? »Der Eine geht hinaus und lässt sich den Kopf kaputtschlagen.« – Er war eigentlich gar nicht so dumm, der Bucklige.

Nun wurde der Herr ganz zornig. Bogdán ließ ihn schreien und starrte, wie hypnotisiert, auf den glänzenden Knauf hinüber. Erst als immer wieder der Name »Marcsa« an sein Ohr schlug, wurde er wieder aufmerksam.

– Die Marcsa steht jetzt in meinem Dienst – hörte er den Herrn sagen, – du weißt, ich kann dich gut leiden, Bogdán; ich will dich auch wieder bei den Pferden beschäftigen, wenn dir darum zu tun ist. Aber die Marcsa lässt du mir in Ruhe. Rauferein dulde ich nicht! Will sie dich noch heiraten, so ist's mir sehr recht. Will sie aber nicht, dann lässt du sie zufrieden! Hör' ich noch einmal, dass du ihr weh getan hast, dann jag' ich dich zum Teufel, verstehst du mich?

Schäumend vor Wut legte Bogdán los: – Zum Teufel? – schrie er schäumend. – Der gnädige Herr will mich zum Teufel jagen? Gehen der gnädige Herr doch erst selber hinaus! Ich war schon beim Teufel! Ich bin acht Monate draußen gelegen in der Hölle. Da ist mein Gesicht, da können der gnädige Herr sehen, dass ich aus der Hölle komme. Hier den Beschützer spielen, sich die Taschen vollpfropfen und die anderen sterben schicken, das ist bequem. Wer sich zu Hause herumdrückt, der sollte nicht andere zum Teufel schicken, die schon für ihn in der Hölle gewesen sind!

So maßlos war seine Wut, dass er wie der bucklige Sozi sprach, ohne sich zu schämen. Sprungbereit stand er da, mit straff gespannten Muskeln, wie ein wildes Tier. Er sah den Herrn mit verzerrtem Gesicht auf sich losstürzen, den Reitstock durch die Luft flitzen, – sah ihn auch niedersausen, aber den Schlag, der hart und scharf seinen Rücken traf, fühlte er nicht mehr.

Mit einem Satz riss er den Hirschfänger aus der Scheide und stieß ihn dem Herrn zwischen die Rippen. Nicht etwa weit ausholend, dass ihm jemand noch hätte in den Arm fallen können. Oh nein! Ganz leicht, von unten her, mit einem kurzen Ruck, genau wie er es im Felde erlernt hatte. Der Hirschfänger war nicht schlechter als sein Bajonett; er lief nur so ins Fleisch hinein.

Dann kam alles genau wie immer. Johann Bogdán stand mit vorgeprelltem Kinn, sah das zornentstellte Gesicht des gnädigen Herrn jäh sich glätten, ganz weich und ruhig werden, wie ausgebügelt. Er sah seine Augen sich weiten, – sah ihn erstaunt herüberschauen, genau wie ein getroffener Russ, – mit der vorwurfsvollen Frage im Blick: »Was machst du denn?« Nur das Niedersinken konnte er nicht mehr sehen, denn ein mächtiger Schlag traf ihn von irgendwoher auf den Hinterkopf, krachend, als stürzte aus unendlicher Höhe ein Wasserfall zermalmend auf ihn herab. Eine Sekunde lang sah er noch das Gesicht der Marcsa, umrahmt von einem flammenden Rad, dann fiel er mit gespaltenem Schädel auf seinen Herrn, der schon zuckend auf der Erde lag.

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