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Menschen im Krieg

Andreas Latzko: Menschen im Krieg - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAndreas Latzko
titleMenschen im Krieg
publisherElektrischer Verlag
year2014
isbn978-3-943889-51-2
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectida7642bc7
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Der Kamerad

Ein Tagebuch

Auch mir hat der Weltkrieg einen Kameraden beschert. Einen bessern findst du nit.

Es sind nun genau vierzehn Monate her, dass ich in einem Wäldchen, hart an der Görzer Straße, seine Bekanntschaft gemacht. Für keinen Augenblick ist er seither von meiner Seite gewichen! Viele hundert Nächte haben wir schon zusammen durchwacht und immer noch marschiert er unentwegt neben mir her, wie's im Liede heißt: in gleichem Schritt und Tritt.

Nicht dass er etwa zudringlich wäre! Im Gegenteil. Die Distanz, die ihn, als Gemeinen, von dem Offizier trennt, den er in mir verehren muss, hält er gewissenhaft inne. Stets bleibt er mir drei Schritt vom Leibe, genau nach dem Reglement. Respektvoll in eine Ecke oder hinter eine Säule gepresst, ist es nur sein Blick, den er mir schüchtern nachzuschicken wagt.

Er will eben nur zugegen sein. Verlangt nicht mehr, als dass ich ihn in meiner Nähe dulde; – immer und überall! Wenn ich zuweilen die Augen schließe, um wieder einmal allein zu sein, für einige Minuten nur ganz allein mit mir selbst, wie früher, vor dem Kriege, dann fixiert er mich aus seiner Ecke mit einer zähen, vorwurfsvollen Beharrlichkeit so fest und durchdringend, dass sein Blick mich im Rücken brennt, sich unter meinen Augenlidern einnistet, mich so sehr mit seinem Bilde durchtränkt, dass ich mich fragend nach ihm umschaue, wenn er mich eine Weile nicht an seine Anwesenheit gemahnt.

Er hat sich in mich hineingefressen, sich häuslich in mir niedergelassen; er sitzt in mir, wie der geheimnisvolle Zauberer der Lichtspieltheater in dem schwarzen Kasten, über den Köpfen der Zuschauer an der Kurbel hockt, und wirft sein Bild, durch meine Augen, auf jede Mauer, jeden Vorhang, jede Fläche, die meine Blicke auffängt.

Aber auch wo kein Hintergrund für sein Bild sich findet, auch wenn ich aus dem Fenster krampfhaft in die Ferne starre, um ihn loszuwerden für kurze Zeit, – auch dann ist er da, schwebt vor mir her, als wäre sein Bild auf die unsichtbare Stange meiner Blicke gespießt, wie eine Kirchenfahne, schwankend vor der Prozession. Gäbe es Strahlen, die durch die Schädeldecke dringen, man fände sein Bild, leicht verschwommen, – wie die Figuren alter Gobelins – in mein Gehirn eingewoben.

Ich entsinne mich einer Reise in Friedenszeiten, von München nach Wien, im Orient Express, an der herbstlichen Milde der bayerischen Seen vorbei, – durch die goldene Glut des welkenden Wiener-Waldes. Und über all' die Herrlichkeiten, die ich, bequem gelagert, in wollüstiger Zufriedenheit eingesogen, lief unentwegt ein hässlicher, schwarzer Punkt: eine Luftblase in der Fensterscheibe meines Abteils. So huscht auch mein hartnäckiger Kriegskamerad über Wälder und Mauern, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe, tanzt über das Gesicht eines Vorübergehenden, über den regenfeuchten Asphalt, über alles was mein Auge streift; schiebt sich zwischen mich und die Welt, wie jene Luftblase alles vor mir zu ihrem eigenen Hintergrunde degradierte.

Die Ärzte, freilich, wissen es anders. Sie glauben nicht, dass Er in mir wohnt und mir die Treue hält. Wissenschaftlich betrachtet läge es nur an mir, Ihn nicht länger hinter mir herzuziehen, Ihm die Kameradschaft zu kündigen, so etwa, wie ich auf jener Reise das Fenster mit der lästigen Blase zornig in die Tiefe gefeuert. Die Ärzte glauben's nicht, dass ein Mensch sich dem andern im Tode vermählen, sein Leben im andern mit zäher Unerbittlichkeit weiter leben könne. Sie meinen: Wer am Fenster steht, müsse das gegenüberliegende Haus sehen; niemals aber die Zimmerwand, die hinter seinem Rücken lauert.

Die Ärzte glauben nur an Dinge, die sind. Dass man Tote in sich tragen, vor sich hinzustellen vermag, so dass sie ein Bild verdecken, das hinter ihnen liegt, – solcher Aberglauben reicht an die Herren Ärzte nicht heran. In ihrem Leben spielt ja der Tod keine Rolle, denn ein Kranker, der stirbt, hört eben auf krank zu sein. Und was weiß der Tag von der Nacht, die ihn doch auch ewig ablöst?

Ich aber weiß, dass nicht ich den toten Kameraden gewaltsam durch mein Leben schleife. Ich weiß, dass der Tote stärker in mir lebt als ich selbst! Mag sein, dass Gestalten, die über Tapeten huschen, in Ecken kauern, vom finsteren Balkon aus ins erleuchtete Zimmer stieren und ans Fenster pochen, so laut, dass man die Scheibe klirren hört, – nur Visionen sind, und nichts weiter. Wo kommen sie her? ... Mein Hirn liefert das Bild, meine Augen besorgen die Projektion, – an der Kurbel aber sitzt der Tote! Er ist der Filmarrangeur; die Vorstellung beginnt, wenn's Ihm so passt, und hört nicht auf, so lange Er die Kurbel dreht. Wie könnte ich nicht sehen, was Er mir zeigt? Schließe ich die Augen, so fällt das Bild eben auf die Innenwand meiner Augenlider, und das Drama spielt in mir, statt weit weg über Türe und Tapete zu tanzen.

Ich sollte der Stärkere sein, heißt es? Einen Toten kann man doch nicht umbringen, das sollten die Herren Ärzte doch wissen!

Hängen nicht die Bilder Tizians und Michelangelos immer noch in den Museen, nach Jahrhunderten noch? Und die Bilder, die ein Sterbender mit der ungeheuerlichen Kraft seines letzten Ringens vor vierzehn Monaten in mein Gehirn gemeißelt, sollten verschwinden, nur weil jener, der sie schuf, in seinem Soldatengrabe liegt? ... Wer sieht denn nicht, wenn er das Wort »Wald« liest oder hört, irgendeinen Wald, den er irgendmal, irgendwo durchwandert, aus dem Kupeefenster oder auf der Bühne gesehen? Wem erscheint nicht, wenn er von seinem verstorbenen Vater spricht, das längst vermoderte Antlitz, bald streng, bald milde, bald in der steinernen Starrheit des letzten Abschieds? Was wäre unser ganzes Sein, ohne die Bilder, die – jedes auf sein Stichwort –, wie im Lichtkegel des Scheinwerfers, für Augenblicke aus der Vergessenheit steigen?

+++

Krankheit? ... Gewiss! Die Welt ist wund und duldet kein anderes Stichwort, kein Bild, das nicht den Massengräbern gilt. Für keinen Augenblick kann der Kamerad in mir zu den Toten sich legen, weil alles, was geschieht, ein Blitzlicht ist, das ihn streift. Das erste Zeitungsblatt am Morgen: versenkte Schiffe, – abgeschlagene Angriffe. Und schon wirbelt der Film keuchende, ringende Menschen, – gekrümmte Finger, die aus Wellenbergen noch einmal nach dem Leben greifen, – von Tollwut und Schmerzen entstellte Gesichter durcheinander. Jedes Gespräch, das man erhascht, jedes Schaufenster, jeder Atemzug: ein Stichwort! Ein Stichwort auch der stille Frieden der Nacht! Oder tickt nicht jeder Sprung des Sekundenzeigers das letzte Röcheln von Tausenden? Genügt nicht das Wissen von abgerissenen Kinnbacken, durchschnittenen Kehlen, von ineinander verbissenen Leichen, um die Hölle zu hören, die jenseits der dicken Luftmauer tobt?

Wer da mit Sicherheit wüsste, dass im Nachbarhause eben einer gemordet wird, während er behaglich in den Kissen liegt, – und aufspränge mit fliegenden Pulsen, wäre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten, wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fäusten auf die Erde hämmert? Kann man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die ganze Welt von Stichworten widerhallt? ...

Nein!

Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu wissen, was in dem Jenseits, das sie »Die Front« nennen, an ihresgleichen verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten, schlafen kann, wissend dass andere, mit den eigenen Eingeweiden in den Händen, wie halbzertretene Würmer über Ackerschollen kriechen, um auf halbem Wege zum Verbandplatz wie ein Tier zu verenden, während weit, irgendwo, ein Weib mit heißem Leibe neben einem leeren Bette träumt. Krank sind alle, die das Stöhnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, – das Jammern, Fluchen und Verrecken überhören können, weil rings um sie der Alltag murmelt oder selige Nachtruhe liegt.

Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!

Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur Echo sind jedem Dröhnen. Oder ist etwa der Gedächtnisschwache, der wie eine überlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, – der gesunde Mensch? ... Ist nicht gerade Erinnerung der höchste Inhalt jedes Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen können.

Soll ich von meinem Gedächtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und wäre doch ohne mein Gedächtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene Kamera durchs Leben geht. Könnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen; – könnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedächtnis durchblättern und das betreffende Bild aufschlagen, wie schnell wäre die Diagnose: »senil« oder »schwachsinnig« bei der Hand! Ja, muss man denn, um als »geistig normal« zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel handhaben, Bilder, die grässlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando wegwerfen können, wie man Seiten aus einem Fotografiealbum reißt? ...

Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamen Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle Phasen seines Ringens, – wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt, – neu erleben muss, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie aufschlägt, wäre ich krank? ... Ich krank? – Und die anderen, die über das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brüder, – über das langsame Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblättern können, wie über weiße Seiten, die sind gesund? ...

Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?

Soll ich vergessen, dass ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick, da, in der verrauchten Bahnhofshalle, käseweiß, mit zusammengekniffenen Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwätzte, während meine Augen gierig die Gesichtszüge von Frau und Kind durchwühlten, ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Märschen die brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlürft? Vergessen das gallenbittere Würgen, als der Bahnhofrachen langsam zuschnappte und Kind, Weib und Welt verschlang?

Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge, überfüllt mit Familienvätern, die über Sonntag in die Sommerfrische fuhren, mir aus der Erinnerung reißen, wie einen lästigen Wisch? Soll ich vergessen, wie mir's war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde, gleichsam das Leben von mir abbröckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr ein – zwei schlafende Soldaten im Abteil saßen und ein käseweißes, schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde Öllicht schwebte? Muss man wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wärme, dieses Losfahren, mit Hass und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Riss in sich zu tragen? Was wäre schwerer zu fassen, wann hätten Menschen je Rasenderes getan als dieses: mit 60 Kilometer Geschwindigkeit durch die Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen und in einen andern steigen, weil dieser, und nur dieser, dorthin fährt, wo unsichtbare Maschinen glühende Eisenstücke schleudern, der Tod ein engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reißt mir das Bild der kleinen, schmutzigen Station, der fröstelnden, schlaftrunkenen Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, fröhlich pfeifend, in die Büsche schlug; wer reißt mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?

Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen könnte, wie eine erledigte Angelegenheit; – bliebe mir nicht doch der Morgen, da der Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, dass wir Lazarettzüge passieren lassen müssten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennüstern auf die fröhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen sehen, wie sie so träge herankrochen, als wären sie übersättigt mit zerfetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weiße Verbände, stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht, Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern, als überquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jämmerlichen Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrümmerten Menschen sahen mitleidig, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefühls, von blutenden Krüppeln auf gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslöschlich auf der Seele brennen? Und diese Ahnung, die damals fröstelnd den ganzen Zug durchlief von einer Hölle, der man lieber in blutige Tücher gehüllt entflieht, als ihr unversehrt entgegen zu fahren, – dieser Schauder sollte zum Wissen, zum Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschütteln sein, solange immer noch Tag für Tag, solche Züge sich begegnen? ... Ein hingeworfenes Wort über Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kämpfen lässt unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung auftauchen, und ich sehe: aus dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur Front.

»Zur Front!«

Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder niederschreiben kann, ohne dass inbrünstiger Hass mir die Zunge pelzig machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht, romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese Krüppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wär's nicht klüger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Muss ich es den Herren Ärzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, dass ein paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das ganze Unheil angerichtet haben?

»Front!« – »Feind« – »Heldentod« – »Sieg« – mit hängender Zunge und rollenden Augen rasen die Köter durch die Welt. Millionen, die man vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in Raserei! Millionen werden in Züge gepfercht, – hüben und drüben, – fahren singend einander entgegen – und hacken, stechen, schießen aufeinander los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre Knochen her für den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken werden soll für jene Glücklichen, die ihre Kalbs- und Rindshäute gegen hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den Markt zu tragen, für dreißig Heller täglich! ... Man denke einmal: Das Wort »Krieg« wäre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjährigen Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit gewickelt. Wer würde es wagen, das mangelnde Wort »Kriegserklärung« durch folgende Rede zu ersetzen:

»Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim Nachbarstaate heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines Salonwagens zum letzten Mal den Zylinder gelüftet vor den Herren, die ihm das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lächelnd entgegentreten, ehe ihr nicht viele hunderttausend Männer des Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Güterwagen für 6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie tot, sägt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten Erdhöhlen, verkommt, verwildert, verlaust, – bis wir den Zeitpunkt für gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die Zylinder zu lüften, um in prunkvollen Räumen, vornehm und manierlich über den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Großkaufleuten aus dem Gemetzel zu erwachsen hat. Dann dürft ihr, soweit ihr noch nicht unter der Erde fault oder als Bettler von Türe zu Türe humpelt, wieder nach Hause, zu euren halbverhungerten Familien, und dürft – nein: müsst! – mit doppeltem Eifer an die Arbeit, unermüdlicher und doch anspruchsloser als vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmärschen zerfetzt, die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schweiß und Entbehrung bezahlen könnt!« ...

Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! Und keine Narren die Opfer, die draußen frieren, hungern, töten, und sich töten lassen, nur weil sie glauben gelernt: Dies ginge nicht anders, wenn der tolle Köter Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?

Waren so die Kriege, die uns das Wort »Krieg« überliefert? Waren »Krieg« und »Beute« nicht gegenseitig bedingt? Führte den Landsknecht nicht Hoffnung auf zügelloses Leben, – Hoffnung auf Weiber und Dukaten und goldgezäumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-Spielen mit Ungeheuern, die aus blauer Ferne ihre Höllenkessel schleudern, – noch »Krieg«? Krieg war das Aufeinanderprallen der überschüssigen Kräfte, – der Raufbolde aller Nationen. Jugend, der das Städtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche Wort herhalten, wenn Männer, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen, hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der Munitionsindustrien? ...

Ist es erlaubt, das Wort »Krieg« als Standarte zu missbrauchen, wenn statt Mut und Kraft – Streukegel und Tragweite kämpfen, und der Fleiß von Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer Zeiten, die ohnmächtige Menschen vor Löwen und Tiger warfen, heute noch ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen misst, die diesen Kampf zwischen Mensch und Maschine wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht dirigieren, von der schönen Hoffnung beseelt, dass unser Vorrat an Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner überdauern werde? –

Nein! Alle Worte, die geprägt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu schön und zu ehrlich; wie das Wort »Front«, das ich hassen gelernt! Bietet man Geschützen, die hinter Bergen verkrochen; den Tod tagereisenweit über Land schicken oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar herankriechen, die »Stirne«? Eine Kopfstation ist eure »Front«; ein zerschossenes Häuschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil die Züge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen braungebrannten Männern löschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen Gliedern und grünspanüberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.

Als ich, gegen Abend, aufstieg an dieser Kopfstation, saß auf der Erde, gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein bärtiger Soldat, den rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da streichelte er mit der linken Hand zärtlich seine zertrümmerte Rechte, warf mir einen hässlichen, gehässigen Blick ins Gesicht und rief mit gefletschten Zähnen:

»Ja, ja Herr Leutnant! Hier gibt's an Menschensalat!« ...

Sollt' ich's vergessen, dieses hämische Grinsen, das den schmerzumzuckten Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort »Front« nicht mehr hören kann, ohne dass mir ein unvermeidliches Echo »Menschensalat« in die Ohren krächzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt »Menschensalat« zu hören, gierig das feige Gewäsch jener zeitgenössischen Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende für die Marke »Weltkrieg« emsig in Reklame machen, weil sie dafür, wie kommandierende Generäle, in Autos herumgondeln dürfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in lehmigen Gräben dem Tode gegenüber zu liegen.

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in die Hand nehmen können, ohne dass ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobeltapezierte Schützengräben lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich noch spiegelt; gehen scheu wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, – und wagen den Mund nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne Schauer geworden.

So mag's denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Halunken gegenüber, die, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben, statt, – als einzige Mittler zwischen Not und Macht, – das Gewissen der Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten Plätzen so lange »Men-schen-sa-lat!« zu brüllen, bis allen, deren Väter, Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen und alle Kehlen der Welt ein Echo werden.

Jetzt, – wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, – könnte ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Groß, – auseinanderlebend, – grauenhaft verzerrt hebt sich sein Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers aus dem Schweißtuche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und – wandten sich unwillig ab, mit einem fast militärisch exaktem »kurz kehrt euch«. Mir galt ja ihr Besuch! Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse auf der Görzer Straße lag.

Liebenswürdige Herren waren's, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen, mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes-Film entwendet! Sie wollten Briefe mitnehmen und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir, lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, – und wurden besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, mussten sie doch wieder an dem Manne vorbei, der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.

Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt. Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den die großen Caproni-Apparate mit weit gespannten Flügeln wie Geier umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? Aus diesem Walde fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken? ... Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang unter den knickenden Ästen? ... Gab es da nicht ein Tor, das sich nur vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen oder blutigen Gliedern auftat? ...

Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? ...

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder gebunden; – – dann schnellte der Körper, – wie losgerissen, – ins Leere zurück, und ... und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, – mit einem einzigen Biss, – fürs ganze restliche Leben, unheilbar! Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Roten Kreuz, den Kopf zwischen die hochgezogenen Knie gepresst, und hörte mich nicht. Hinter ihm lag der kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tagtäglich bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns Munition brachten und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital gefahren zu werden, – hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine Lieblingsecke auf dem Familiensofa.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn – zwölf Stunden lang oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren oder überfüllt oder – nach heftigen Gefechten –, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das Kriegswort »Tausendguldenschuss« auf den fahlen und doch lachenden Lippen, – neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert hätten, für die gleiche Gewissheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; – wie viele bei strömendem Regen – halb schon begraben im aufgeweichten Lehm – stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören! ... Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er den Kopf, – und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die rechte Wange hinauf, – die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler, zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte. Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!

Was war das? ... Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme gehalten hatte, – versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz Frieden, ganz milde Menschlichkeit; – rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes, geblähtes Hassgebilde schien.

– Schrapnell? – ... stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur dass sein rechtes Schienbein ein Dumdumgeschoss zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von einer Angel? ...

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in seinen Adern, dass er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn fasste es nicht, dass es Menschen geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen Sätzen, derben Flüchen und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm. Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht, hatte ihm ein Tölpel – Gott verdamm ihn! – die Wange aufgerissen, ehe einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er – gehorsamst bittend – bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um – sein Bein und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten Wagen den drei Kerlen gegeben! ...

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf der Wiese lag, mitzunehmen und im Vorbeifahren abzuliefern beim Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre Menschenpflicht zu tun?

Warum?! ...

Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch von ihrem Wagen schießen!

Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln. Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir in die Kehle, als ich, – zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, – dem leisen Wimmern des Hilflosen lauschen musste.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte sich, – während meiner Abwesenheit, – zu ihm gesellt. Ich sah sie, – zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, – im Kreise auf der Wiese hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere werfend.

Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach ihnen fürstliche Belohnung für einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.

Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den Knien, den Leib vornübergebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden Gegenstand, hin und her auf der Erde.

Als er plötzlich wieder hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgültig dagesessen waren, ein erschrockenes Murmeln.

Das war nichts Menschliches mehr! ... Die Haut, unfähig sich weiter zu dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompass liefen die breiten Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glühend das rohe Fleisch hervor.

Und er schrie! ... Er hämmerte mit der Faust auf den riesigen, rötlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlägen der eigenen Hand wehklagend wieder in die Knie fiel.

Es war schon finster als man ihn – endlich! auf einen Wagen lud. Und als langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedränge der schwarzen Stämme, die zusammenrückten in der Finsternis; – da war er wieder zurück, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine zermarterte, kürbisgroße Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen Schatten der Bäume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; – Nacht für Nacht; – leuchtete in jeden Traum hinein, dass ich die Augenlider mit den Fingern auseinanderspreizte, – bis mein Körper, nach zehn grauenvollen Nächten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem verpesteten Blute erlegen war.

Und nun bin ich toll! Schwarz auf weiß steht es auf der Kopftafel meines Bettes zu lesen. Man klopft mich besänftigend ab, wie ein scheues Pferd, wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das die anderen einfangen sollte.

Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich über die Gartenmauer auf die Straße hinab und sehe sie eilen, die Hüte lüften, sich die Hände schütteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe Frauen und Mädchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Männern trippeln, die ein Kreuz auf der Brust als Mörder zeichnet. Ich sehe Witwen, in wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren Ecken zerschundene, zerfetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem Leib oder blauleuchtender Wange.

Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; – weil die Worte der Begeisterung täglich frisch geprägt aus der Münze kommen und jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fühlt, wenn sie ihm hell von den Lippen klingen. Ich weiß, dass sie schweigen, auch wenn sie sprechen, schreien, aufheulen möchten, dass sie auf »Drückeberger« pirschen und kein Schimpfwort haben für jene tausendmal ärgeren Feiglinge, die von keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von Millionen klar erkannt im Bewusstsein tragen und dennoch den Mund nicht auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.

Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung, von feilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.

Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu träge, um das eigene Ich zu formen, sich blähen wollen im gleißenden Lob, das ihrer Herde gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genährt, scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen Braven ins Gewissen hämmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel, das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgültig vorbeiwandern und heiße ein Narr, wenn ich das Fenster aufreiße, um hinunterzuschreien, dass die Kinder, die sie getragen und gehegt, – die Männer die sie geliebt haben, mit angstvoll rückwärts gewandten Augen wie Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!

Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche, anerkennenden Augenaufschlag Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, – ihr Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, – als Aas auf dem Felde faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem »Feinde« das Gleiche angetan zu haben; – diese Narren bleiben frei und dürfen mit ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muss ohnmächtig hier sitzen, – allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu gebärt.

Ich stehe am Fenster – und zwischen mir und der Straße liegen hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos stehe ich da, – denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muss in andersfarbige Uniformen gesteckt, über den Haufen knalle, – wurde mir hier abgenommen, aus Angst: ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.

So muss ich hier harren, als Seher über den Blinden, – hinter meinen Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde übergeben, – Tag für Tag von Neuem niederschreiben und immer wieder hinausstreuen auf die Straße.

Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben – gespenstisch blau – ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, – endlich, als herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei: »Men-schen-sa-lat!« unter meinem Fenster erklingt.

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