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Mensch und Richter

Artur Landsberger: Mensch und Richter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleMensch und Richter
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. Auflage
year1931
firstpub1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071127
projectidedce4244
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XVI.

Aga Tramm war viel zu gescheit und hatte zu große Erfahrung im Verkehr mit Männern, um sich nicht zu sagen, daß sie im Kampf um das Herz Richards mit dessen Mutter nicht in Konkurrenz treten könne. Als sich ihre erste Wut gelegt hatte, beschloß sie, sich völlig ruhig zu verhalten und zu warten, bis er sich von selbst wieder melden würde. Ja, sie ging in ihrer Rücksichtsnahme so weit, daß sie ihren Prinzen veranlaßte, die nächsten Abende nicht bei Ciro zu verbringen. So kam es, daß Richard, der auf einen Zusammenstoß vorbereitet war, ihr Fortbleiben erst als zarte Rücksichtnahme, dann aber, als die Mutter fort war, als eine Absage empfand, die seine Eitelkeit kränkte. Er rief mehrmals bei ihr an und erhielt stets als Antwort, daß die gnädige Frau gerade unabkömmlich sei. Schließlich schrieb er ihr:

»Liebe Aga! Willst Du, daß ich mich Deiner Freundin Liane zuwende, die jeden Abend mit ihrem Mann an Deinem Tisch bei Ciro sitzt? Oder was willst Du eigentlich?

Dein Richard.«

Dieser Brief, wie zwei weitere ähnlichen Inhalts, blieben unbeantwortet. In Richard empörte sich das Selbstgefühl, nicht etwa Liebe, die er für Aga kaum empfand. Und so ging er eines Nachmittags in ihre Wohnung in der Avenue de Villiers, schob die Zofe, die ihm erklärte: »Madame ist für Sie nicht mehr zu sprechen«, beiseite und drang einfach in ihr Boudoir ein.

Aga Tramm dachte: man merkt doch die schlechte Kinderstube. Aber sie war viel zu besorgt, die lang ersehnte Versöhnung zu gefährden, um es auszusprechen. Daher beschränkte sie sich darauf, zu sagen:

»Ziemlich frech.«

»Hast du geglaubt, ich lasse mir diese Behandlung gefallen?«

»Was gedenkst du zu tun?«

»Dasselbe frage ich dich.«

»Ich? – Nichts! Das hast du ja gemerkt.«

»Ich finde, es liegt kein Grund vor.«

»Das ist Ansichtssache.«

»Du mußt doch begreifen – eine Mutter, das ist der einzige Mensch ...«

»Bitte sprich dich aus.«

»... hinter dem selbst die Geliebte zurücktritt.«

»Bin ich etwa nicht zurückgetreten?«

»Es war doch nur für die Zeit gedacht, während der sie hier war.«

»Großartig! Und morgen kommt deine Schwester – übermorgen deine Großmutter – und jedesmal befiehlst du mir, zu verschwinden.«

»Ich schwöre dir, außer bei meiner Mutter kommt's gar nicht in Frage.«

»Du müßtest mir, damit ich dir das glaube, schon andere Beweise deiner Liebe geben – als Schwüre.«

»Wenn ich dazu imstande bin, gern.«

»Mir genügt es auf die Dauer nicht, einen Mann zu haben, den ich liebe – ich muß auch aufrichtig zu ihm sein können.«

»Was heißt denn das?«

»Dem Prinzen gegenüber kann ich mich nicht geben wie ich bin.«

»Dazu hattest du ja mich.«

»I Gott bewahre! Du redest dir doch nicht ein, daß du mich kennst?«

»Einigermaßen.«

»Was haben wir denn getan miteinander? – Geliebt haben wir uns – meist in nicht einmal nüchternem Zustand.«

»Du warst es, die schon am Vormittag Cocktails trinken mußte.«

»Um mich zu betäuben. – Oder glaubst du, es ist eine Kleinigkeit, einen Mann für das Leben, einen für das Herz und einen dritten für seine Leidenschaften zu haben?«

»Du hast – einen Dritten?«

»Wenn dich der Erste nicht stört, braucht der Dritte dich auch nicht zu stören.«

»Für deine Leidenschaften, sagst du? – Ich dachte, das bin ich.«

»Kind, du! – Du bist mein Junge, bei dem ich mich erhole.«

»Wovon?«

»Von meinen Leidenschaften.«

»Wieviel Leben führst du?«

»Nur eins, das echt ist.«

»Ich hoffe, daß ich ...«

»Du hoffst falsch. Wenn du willst, daß wir wieder zusammengehen, mußt du – wie sagtest du doch so sinnig? – mein drittes Leben kennenlernen.«

»Es ist vielleicht besser, ich kenne es nicht.«

»Ich will nicht länger vor dir Versteck spielen. Entweder du liebst mich so wie ich bin – oder wir gehen nie wieder zusammen.«

»Was kann denn das schon Schreckliches sein?«

»Ein Mann ist es nicht – wenigstens keiner, der für dich eine Gefahr bedeutet.«

»Ich bitte dich, Aga, spanne mich nicht auf die Folter.«

»Gut! Ich ziehe mich an – und wir gehen zusammen hin.«

»Wohin?«

»Das wirst du sehen.« –

Zwanzig Minuten später fuhren sie über die Place Clichy die Avenue St. Ouen herunter.

»Die Gegend kenne ich gar nicht«, sagte Richard – und Aga Tramm erwiderte:

»Sie fängt erst an.«

Und wirklich bog das Auto jetzt in eine Straße, die in ihrer Ruhe und Verlassenheit einen unheimlichen Eindruck machte.

»Falls du ohne mich zurück willst, dies ist der Impasse St. Monique – und über die Rue Leibniz kommst du wieder in die Avenue Clichy. Von dort findest du allein weiter.«

Jetzt erst sah Richard, daß sie bleich wie Wachs war. Ihre Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz und schienen um das Doppelte vergrößert. Der Mund bewegte sich fortgesetzt in nervösen Zuckungen und starke Konvulsionen durchzitterten, wie nach einem großen Schreck, ihren ganzen Körper. Alles an ihr war in Bewegung. Sie schlang plötzlich die Arme um Richard und küßte ihn leidenschaftlich.

»Du beißt mich ja.«

»Mach den Mund auf!«

Er gehorchte und sie goß ihm aus einem kleinen Fläschchen eine Flüssigkeit in den Mund, die bitter schmeckte und abscheulich roch.

»Was war das?« fragte er und riß sich los. »Hast du mich vergiftet? Ich verspüre Brechreiz.«

»Nichts, nichts«, erwiderte Aga Tramm. »Es vergeht – und du wirst gleich in Stimmung kommen.«

Sie stiegen aus, Aga Tramm nahm Richard unter den Arm und ging mit ihm ein paar Schritte die leere Straße entlang. Vor einem kleinen Haus, dessen Fenster mit Gardinen verhängt waren, blieb sie stehen, zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit ihm die Haustür. Dann drückte sie gegen die Tür, die leicht aufging, schob Richard in den Hausflur, folgte schnell nach und schloß behutsam hinter sich zu.

»Was geht hier vor?« fragte er. »Ich gehe nicht weiter.«

Aga Tramm machte sich an einer Tür, die zum Keller führte, zu schaffen. Als sie sich öffnete, wurden zwei Männer in Meßgewändern sichtbar, die scharlachfarbene Mützen mit Ochsenhörnern auf dem Kopf trugen.

»Komm!« sagte Aga. Sie stiegen die Stufen hinab in eine unterirdische, geräumige Kapelle. Es herrschte eine dumpfe, feuchte, von Weihrauch getränkte Luft, die sich schwer auf Richards Brust legte. Die Kapelle war voll von Menschen. Oben auf dem breiten Altar hinkte ein Dutzend Chorknaben mit großen Weihrauchfässern heran. Eine Orgel spielte und ein hellstimmiger Chor sang: »Te Satanum laudamus, Te dominum confitemur.« – Daraufhin erschienen etwa zwanzig ältere Knaben in langem schwarzem Chorrock mit Stola und Mantel – und als letzter in scharlachrotem Gewand, das Biretum auf dem Kopf, der Priester. Der Priester, von den Knaben umgeben, kehrte dem Saal den Rücken, trat einige Schritte an das Kreuz heran, sprach mit lauter Stimme Verwünschungen gegen den Gekreuzigten. In diesem Augenblick schwoll die Musik zur vollen Höhe an; der Gesang zitterte durch den Raum, die Menschen stürzten in die Höhe, ballten die Fäuste und stießen höhnische Rufe aus. Richard fühlte eben, daß auch er mitgerissen wurde, daß sich der Schrei »Betrüger« auch auf seine Lippen drängte, als plötzlich Musik und Gesang verstummten und für einen Augenblick vollkommene Ruhe herrschte. Die Predigt begann.

Der Priester wetterte gegen alle, die in Keuschheit leben, verhöhnte die Nächstenliebe, die Demut und Ergebenheit und spornte zum Schlechten an.

Richard, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, wollte Aga Tramm, die mit beseeltem Blick am Munde des widerwärtig häßlichen Priesters hing, stehen lassen und hinausgehen. Aber die Beine waren ihm so schwer, daß er keinen Schritt tun konnte. Er sah jetzt, wie die Knaben silberne Gefäße herbeitrugen und sie auf das Tischchen neben dem Altar stellten. Es roch sogleich nach Ölen, Zichorie und allen möglichen Kräutern. Fieberhaft arbeitete der Priester und mischte die Ingredienzien durcheinander. Sämtliche Knaben schwenkten die Weihrauchfässer vor dem Altar, der bald in eine undurchsichtige Wolke gehüllt war. Dann trugen sie die Räucherbecken in den Saal – und wie die Besessenen stürzten alle über sie her, warfen sich zur Erde und atmeten unter heftigen Seufzern und lautem Stöhnen den betäubenden Duft ein.

Chopins Fis-Moll-Polonäse erklang; die Rauchwolken hüllten den ganzen Saal in eine hellgraue Wolke, während der Altar allmählich wieder sichtbar wurde. Nur langsam noch stiegen dünne Wölkchen an ihm empor und verhüllten ihn leicht, wie zarte Schleier oder feine Gaze. – Richard sah jetzt deutlich, daß über dem ganzen Altartisch ausgebreitet der Körper einer Frau lag, der niemand anderem als Aga Tramm gehörte – die vor wenigen Minuten noch neben ihm gestanden hatte. Die Beine hingen auf der einen Seite zwischen Altar und Tabernakel herab, auf der anderen Seite hing der bleiche Kopf. Schlaff und kraftlos hingen die Arme, ohne den Boden zu berühren. Der Priester breitete das weiße Leibtüchlein über sie und begann die Messe.

»Satanus vobiscum!« schrie jetzt der Priester in die Gemeinde und deckte den Kelch ab. »Orate frates!« brüllte er.

Ein rasender Lärm brach los.

»Sanguis eius super nos et super filios nostros.«

Richard sah, wie ein Chorknabe eine weiße Taube in die Kapelle trug und auf den Altar legte. Eben schimmerte das Messer in der Hand des Priesters – als Richard sich einen Weg durch die Menge bahnte, die auf den Altar losstürzte, die Chorknaben beiseite stieß und dem Priester das Messer aus der Hand riß.

Der Priester drang mit dem Messer auf ihn ein. Richard schlug ihn zu Boden. Die Taube flatterte im Saal umher.

»Schämt euch, ihr Hunde!« rief Richard in den Saal und stülpte die ihm zunächst stehenden Weihrauchfässer um. Die anfangs völlig konsternierten Menschen fingen allmählich an, zu begreifen. Sie wandten sich gegen ihn. Er schlug wie ein Rasender um sich – erreichte die Tür – lief den Flur entlang – einer der Männer im Meßgewand starrte ihn an und öffnete die Tür. Er stürzte hinaus auf die Straße und lief, was er konnte, die jetzt völlig dunkle Impasse St. Monique entlang.

Als er wieder auf der Place Clichy stand, blieb er stehen und überlegte, ob er auf das nächste Polizeibüro gehen und dort Anzeige erstatten sollte. Sie würden es ihm nicht glauben, sagte er sich – und er war geistig viel zu unkompliziert, um den tieferen Sinn dessen, was er miterlebt hatte, auch nur zu ahnen. So ging er mit wüstem Kopf nach Hause, legte sich zu Bett und versäumte zum ersten Male in seinem Leben die Stunde, zu der er bei Ciro spielen mußte. Als der Besitzer anrief, sagte ihm Madame Blanc, daß Richard völlig erschöpft und apathisch zu Bett liege und auf Fragen überhaupt keine Antwort gäbe. Der Arzt, den Ciro zu ihm sandte, fand ihn hoch fiebernd und außerstande, sich aufzurichten. Offenbar lag eine Vergiftungserscheinung vor. Der Patient weigerte sich, zu sagen, wo er den Nachmittag verbracht hatte. Bei seiner Jugend und gesunden Konstitution sei zu erwarten, daß er den Anfall bis morgen überstanden habe.

Diagnose und Prognose trafen zu. Richard verfiel in einen todähnlichen Schlaf, aus dem er erst am nächsten Nachmittag erwachte. Er nahm ein Bad, stand wohl zwanzig Minuten lang unter der kalten Dusche, frühstückte reichlich und war völlig frisch, als Aga Tramm bei ihm erschien und nach kurzer Begrüßung zu ihm sagte:

»Du hast dich wie ein dummer Junge benommen.«

»Und ihr wie die Verrückten.«

»Wenn du wüßtest, wie du dich versündigst.«

»Du siehst aus wie der Tod. Wahrscheinlich hast du mit diesen Irren noch wüste Orgien gefeiert.«

»Schade für dich, daß du sie nicht miterlebt hast. Wer sie einmal gefühlt hat, kommt nicht mehr von ihnen los. Darüber hinaus gibt es keinen Genuß mehr.«

»Und das Religiöse ist nur Vorwand?«

»Für mich schon – aber nicht für die überzeugten Satanisten.«

»Mir genügen die Freuden dieser Welt.«

»Weil du die andern nicht kennst. Und ich war so verliebt in dich, daß ich dich an diesen Freuden teilnehmen lassen wollte. Du hast es dir durch dein plumpes Benehmen selbst verscherzt.«

»Ich bin froh darüber.«

»Wenn du die Folgen wüßtest, wärst du's nicht.«

»Was für Folgen? Ich habe sie glücklich überstanden. Mir war nie elender zumut.«

»Weil du nicht bis zu Ende geblieben ist. Du hast die Gifte in dich aufgenommen, aber nicht die Entladung, die große Befreiung, miterlebt.«

»Ich hatte genug.«

»Alles das war nur Vorbereitung. – Aber du hast die Gemeinde in ihren heiligsten Gefühlen verletzt.«

»Heilige Gefühle, daß ich nicht lache!«

»Ihnen ist Satan so heilig wie dir Christus.«

»Hör auf! Beleidige mich nicht.«

»Ich habe ihnen sagen müssen, wer du bist. Sie werden dich nicht ungestraft lassen.«

»Wie einfältig du redest.«

»Ich rate dir, verlaß Paris so schnell wie möglich.«

»Ja, was heißt denn das?«

»Lege örtlich und zeitlich Distanz zwischen dich und dies Geschehen – vielleicht, daß sich ihre Rache dann abkühlt.«

»Wie sprichst du nur? Es klingt wie aus einem Wildwestroman.«

»Ich bitte dich, Richard, beherrsche dich. Ich gehöre zu ihnen, wenn auch nicht aus Überzeugung – denn ich glaube an Gott so wenig wie an den Teufel.«

»So höre doch endlich mit dem Unsinn auf und sage mir lieber, was sie mit mir vorhaben.«

»Ich weiß es nicht. Aber der Erste wärst du nicht, der verschwindet, ohne daß man je erfährt, wo er geblieben ist.«

»Wir sind hier nicht in China – und wenn ich nicht irre, gibt es in Paris sogar eine Polizei.«

»Wenn du dich auf die verläßt, bist du schon verloren. Glaube mir doch, du schwebst in Gefahr – und ich rate dir, mach, daß du fortkommst.«

»Ich fühle mich äußerst wohl hier – und wenn mir einer von diesen Menschen zu nahe kommt – du weißt, ich kann boxen – so kann er was erleben.«

»Es gibt noch eine andere Art der Rache als rohe Gewalt.«

»Hör endlich auf, Aga, und rede wieder wie sonst. Ich will versuchen, alles zu vergessen. Wir wollen wieder wie früher zusammen sein. Aber versprich mir, daß du nie wieder mit diesen Menschen zusammenkommst.«

»Das hieße mein Schicksal mit deinem verketten. Dazu ist mir mein Leben zu lieb. – Ich bin zu dir gekommen, um dich zu warnen. Leb wohl, Richard, und verrate mich nicht.«

Sie trat dicht an ihn heran, legte die Hände auf seine Schultern, sah ihn fest an und sagte:

»Ich habe nicht gedacht, daß es mir so schwer fallen wird.«

»Du willst los von mir, das ist alles.«

»Ich schwöre dir, daß ich die reine Wahrheit rede.«

»Dann geh – und wenn du wieder zur Vernunft kommen solltest, du weißt ja, wo du mich findest.«

»Bei Ciro!«

»Ich beschwöre dich, Richard ...«

Er legte seine Hand auf ihren Mund und sagte:

»Ich will nichts mehr hören.«

Aga Tramm ging eilig zur Tür, eilte über den Korridor zur Treppe, blieb nochmals stehen, sah sich um und verschwand dann im Gewühl der Menschen.

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