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Memoiren einer Besessenen

Hanns Heinz Ewers: Memoiren einer Besessenen - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorHanns Heinz Ewers
titleMemoiren einer Besessenen
publisherVerlag Robert Lutz
printrunDritte Auflage
editorHanns Heinz Ewers
year1919
translatorAlfred Kind
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Besessenheit der Schwester Jeanne des Anges, aus dem Hause von Coze, Oberin der Ursulinerinnen von Loudun

In Anbetracht, daß ihre Oberin der Schwester des Anges anbefahl, alles, was sich während ihrer Besessenheit zutrug, niederzuschreiben, hat sie im Geiste des Gehorsams sich diesem blindlings gefügt und zu Papier gebracht, was hiernach folgt:

Zur höheren Ehre Gottes und um dem Auftrag, der mir ward, gerecht zu werden, will ich hier in Einfalt all den Jammer beschreiben, den es der göttlichen Güte gefallen hat, seit nunmehr neun Jahren in meine Seele zu senken, offenbarlich, um sie von Laster und Unvollkommenheit, worin sie sich bewegte, zu reinigen. Berichten will ich auch, wie Er in Seiner Güte mich dann und wann im Innersten erschütterte, auf daß ich mich bekehre und ablasse von meiner Neigung zur Kreatur, die mich in Banden schlug.

Die ersten Jugendjahre vertrödelte ich ziemlich unbekümmert, wie junge Mädchen meines Standes tun. Ich legte das Gelübde ab am 8. September 1623, dem Geburtstage der hochheiligen und glorreichen Jungfrau, meiner lieben Mutter und Patronin. Es war in unserm Kloster zu Poitiers, und ich blieb daselbst drei Jahre lang, von meinem Gelübde an.

Wenn ich an das Leben denke, das ich dort führte, so finde ich, ich habe rechte Ursache, vor Gott und den Menschen zu erröten wegen der geistigen Ausschweifungen, zu denen es mich zog. Würde der Gehorsam es mir erlauben, so fände ich wohl ein sonderbares Vergnügen daran, meine ganze Bosheit, Lästersucht, Doppelzüngigkeit, Anmaßung, Hoffart und Selbstsucht nebst all den andern Lastern hier haarklein abzuschildern, auf daß alle diejenigen, so einmal mein Bekenntnis hier lesen, zur göttlichen Gerechtigkeit um Erbarmen schreien um mich tausendfältige Sünderin. 0 mein Gott! wie sehr bedarf ich vielmehr Deiner barmherzigen Gnade, als Deiner Gerechtigkeit. Gib nicht acht auf meine Untreue, sondern gedenke der Verdienste Deines köstlichen Blutes und der Willenskraft, die Du mir gabst, jetzt Dein zu sein ganz und ohne Rückhalt.

Ich verbrachte also jene drei Jahre in arger Ausschweifung, derart, daß ich wenig beflissen war der Gegenwart Gottes. Keine Stunde währte mir so lang als die, da die Ordensregel uns zwang, im Gebet zu liegen. Fand ich daher nur irgend einen Vorwand, der mich beurlaubte, so griff ich mit Eifer danach und machte mir keine Beschwerden, die Versäumnis einzuholen. Ich las mit Fleiß alle Arten von Büchern; doch nicht um des geistlichen Fortschritts willen, sondern bloß, um geistvoll plaudern zu können und die andern Mädchen in allen Gesellschaftskünsten auszustechen.

Zu dem Ende übte ich mich selber darauf ein, alle Weile den Ton anzuschlagen, der meinen Partnern gerade recht war; und da ich von Natur eine gewisse Begabung besitze, auch durchzuführen, was ich mir vorgenommen, so gewann ich vermöge meiner Geistesgewandtheit sehr bald die Zuneigung aller Kreaturen, besonders aber solcher, die mir vorgesetzt waren. So hatte ich mehr Freiheit, zu tun, was mir behagte, bekam die angenehmsten Aemter in der Gemeinschaft und war weniger der äußeren Regel unterworfen. So sehr war ich von mir eingenommen, daß ich die Mehrzahl der andern für weit unter mir stehend hielt und sie oft im Herzen deshalb verachtete. Ich legte es nach Kräften darauf an, bei allen geistvollen Personen, mit denen ich irgendwie in Berührung trat, eine gute Meinung von mir zu erwecken.

Mitten in diesem weltlichen Getümmel verließ mich der Herr dennoch nicht, und Seine Barmherzigkeit war so groß für mich, daß Er meinem Herzen keine Ruhe ließ. Denn so oft ich zur Prüfung meines Gewissens vor Ihm stand, empfand ich so gewaltige Verwirrungen, daß ich sie kaum zu sagen wüßte. Ich war so undankbar Seiner göttlichen Güte, daß ich es stets vorzog, meine Qual weiterzutragen, anstatt meinen Gewohnheiten und Sitten Valet zu sagen. Zuweilen packte es mich wie Ahnung der Verdammnis; aber ich erstickte die Regung und lief Ergötzungen nach. Die Zeit floß dahin, ohne daß ich mein Seelenheil zu ordnen gedachte und ohne daß ich mich zu dem Entschluß aufraffte, vom lasterhaften Brauche zu lassen. Im Gegenteil, ich jagte nach dem Vergnügen, soweit es mein Stand erlaubte, obgleich ich es nirgends fand; denn ewig stach mich das Gewissen, und wenn ich auch alles tat, es zu ersticken, so wollte die göttliche Güte doch nicht, daß es mir gelinge. Im Gegenteil, die Gewissensbisse wurden täglich schlimmer. Ich beichtete und fand keine Ruhe, weil ich die nötige Zerknirschung nicht mitbrachte.

0 Gott! wie brauchte ich es, daß Dein Erbarmen über mein böses Trachten hinwegsehe; sonst hätte mich ja auch Deine Gerechtigkeit längst zerschmettert. Hab Dank! mein Gott, für Deine Güte, die Du Deiner undankbarsten Magd angedeihen lässest. Gib nicht zu, ich flehe Dich an, mein süßes Lieb, daß sich mein Herz auch nur auf einen Augenblick von Dir wende!

Wie ich nun fortfuhr, meinem bösen Hange zu leben und im Laster zu verharren, Ruhe suchend und nimmer welche findend, da schlug man mir vor, hier in Loudun eine neue Stiftung zu gründen. Eilfertig verlangte ich, unter denen sein zu dürfen, die der Stiftung wegen ausgesandt werden sollten. Das verstieß zwar gegen den üblichen Brauch guter Schwestern, die sich in allen Dingen leiten lassen müssen, ohne eigene Wahl. Man machte mir erst einige Schwierigkeiten; doch ich gab nicht nach. Im Gegenteil, ich erfand Listen über Listen, um zum Ziel zu gelangen. So setzte ich es durch, und ich kam unter die Zahl der Gründer. Ich dachte mir, wenn ich schon den Aufenthaltsort wechselte, so würde ich mich in einem kleineren Hause mit weniger Insassen auch selber leichter verändern, als in einem großen, und meine Ruhe wiederfinden. Ach! es war eine Täuschung. Anstatt an der Abtötung der Leidenschaften zu arbeiten und die Regel zu befolgen, war ich wieder darauf erpicht, an allen Leuten der Gegend ihren Charakter zu studieren und mit mehreren Bekanntschaft zu schließen. Stets suchte ich im Sprechzimmer mit unnützem Schwätzen Zeitvertreib. Bei meinen Vorgesetzten war ich bestrebt, mich unentbehrlich zu machen; und da wir bloß ein paar Nonnen waren, konnte unsre Oberin nicht umhin, mir alle Aemter in der Gemeinschaft anzuvertrauen. Sie hätte mich ja gut und gern übergehen können, da andre Nonnen bedeutend fähiger waren, als ich; aber ich täuschte sie eben fortgesetzt mit tausend kleinen Schlauheiten, und so machte ich mich bei ihr unentbehrlich.

Ich verstand es, mich ihren Launen so geschickt anzupassen und sie so zu umgarnen, daß sie nichts für gut befand, ich hätte es denn getan; ja sie glaubte mich sogar brav und tugendsam. Da schwoll mir dermaßen der Kamm, daß ich kaum etwas unternahm, was mir nicht beachtenswert erschien. Wie konnt' ich vertuschen und heucheln! nur damit meine Oberin mir weiter gewogen bleibe und meine Neigungen und Begierden begünstige. Daher ließ sie mir auch alle mögliche Freiheit (die ich mißbrauchte), und da sie sehr brav und tugendhaft war und mich auf dem Wege zur Vollkommenheit in Gott wähnte, so lud sie mich oft selber zur Unterhaltung mit guten Vätern ein; was ich auch sogleich immer tat, ihr zu Gefallen und mir zum Zeitvertreib.

Die Regel schrieb uns vor, alljährlich eine Einkehr im Geist abzuhalten. Mehrfach hatte ich sie verfehlt, und ich bat die Oberin, sie möchte doch eine veranstalten, was sie mir gern zusagte. Sie riet mir, zum Beichtiger den ehrwürdigen Pater Prior von den hiesigen Karmelitern zu wählen: er wäre ein großer Diener des Herrn und in der Seelenleitung wohlerfahren. Ich schickte mich also zur innern Einkehr an, doch ohne die Absicht, meinen Wandel zu ändern.

Ich brachte es nicht fertig, mich mit den Gegenständen der Andacht zu befassen, die der gute Vater mir aufgegeben hatte. Wäre das Ansehn vor den Menschen nicht gewesen, das mich weit mehr bewegte, denn die Furcht Gottes, so hätt' ich die Einkehr schon mit dem ersten Tage abgebrochen. Der Herr gab es nicht zu. Er sprach durch den Mund des guten Vaters eindringlich zu mir von den Mühsalen, so da fromme Seelen belasten, und wie es nur die eine Tilgung gebe. Gott gab mir die Freudigkeit, mein Herz zu öffnen und den Zustand meiner Seele darzulegen. Der gute Vater meinte, ich müsse mit einer Generalbeichte von meinem Eintritt in den Orden an beginnen. Die Schwierigkeit war groß; doch entschloß ich mich endlich, gepeinigt vom Gewissen, das mir nimmer Ruhe gab.

Nach geschehener Beichte erfüllte mich die Güte Gottes mit dem lebhaften Bewußtsein, daß ich ihr bisher so saumselig gedient; und ein Begehren wuchs in mir, mich fürder eines andern Wandels zu befleißigen. Allgemach gewann ich Geschmack am Gebet, derart, daß ich nur ungern die Zeit dazu verlor. Der Herr, der meine Schwachheit wohl durchschaute, zog mich wie ein Kind mit sanfter Milde dazu hin. Der Trost, der mich durchrieselte, ließ mich schließlich noch länger dabei verweilen, als die bloße Liebe zu ihm. Unbeschwert fast fuhr ich fort in meiner Bußübung, dreizehn oder vierzehn Tage lang. In dieser ganzen Zeit faßte ich viel gute Vorsätze; doch in Wirklichkeit hielt ich sie nicht lange. Denn, nach drei bis vier Monaten, ward ich es müde, Geist und Körper zu töten; langsam nahm ich alle meine kleinen Gewohnheiten wieder an, und sie waren so lebendig in mir wie am ersten Tage.

Zum Unglück faßte ich auch noch liederliche und scheinbar fromme Neigungen zu gewissen Personen und verrannte mich so, daß ich ganze Tage lang im Sprechzimmer mit unnützen Unterhaltungen hinbrachte.

Gott fügte es damals, daß unsere Mutter als Oberin in ein andres Haus unseres Ordens versetzt wurde und ich ihre Stelle erhielt. Wahrhaftig, ich war anfangs recht mißvergnügt darüber und wünschte, das Los hätte eine andre getroffen. Nicht, daß mir die Bürde unbehaglich war oder daß ich mich nicht gefreut hätte, der Gemeinschaft für unentbehrlich zu gelten. Aber mein Freiheitsdrang überwog bei weitem den Ehrgeiz; denn es war klar, daß ich von den Stimmungen der Nonnen sehr abhängig sein würde; auch besorgte ich, ihr Gewissen belasten zu müssen.

Diese Ueberlegungen veranlaßten mich, alles, was in meinen Kräften stand, zu tun, um das Amt von mir abzuwälzen. Aber es nützte mir nichts. Statt auf meine Gründe zu hören, verlangten meine Vorgesetzten einfach, daß ich annehme; was ich schließlich zögernd tat. Als ich mich, so jung, wie ich war, an dies Amt gefesselt sah, ohne Erfahrung und ohne jemals ordentlich die Regel erfüllt zu haben, da kam eine Niedergeschlagenheit über mich und ich verfiel in eine unermeßliche Melancholie.

Nichtsdestoweniger faßte ich, obschon mühsam, endlich den Entschluß, die drei Jahre so gut zu verbringen, wie es eben gehen würde; besonders, mit Aufbietung aller menschlichen Erfindungskraft daran zu arbeiten, Geist und Seele der Schwestern für mich zu gewinnen, bis ihnen alles, wie ich es wollte, annehmbar erscheinen würde. Unterdes befliß ich mich, in der äußeren Zucht gemäß der Ordensregel zu leben. Mein Inneres freilich war weit davon entfernt.

Ich verbrachte im Sprechzimmer meine Zeit mit jenen Personen, zu denen ich so tiefe Neigung gefaßt hatte. Ich wünschte wohl, der geistliche Gehorsam möchte mir erlauben, hier alle die Sünden herzuzählen, die ich beging und begehen ließ in jenen nicht notwendigen Unterhaltungen; dann sähe man, wie gefährlich es ist, junge Mädchen so leichtfertig am Sprechgitter zur Schau zu stellen, obwohl die Unterhaltung geistlichen Anschein hat. Wären die Schwestern nicht so gute Nonnen gewesen, mein schlechtes Beispiel hätte sie in die Gefahr der größten Verderbnis gestürzt.

So ungefähr brachte ich meine ersten zehn Ordensjahre dahin. Rechte Ursache hab' ich zur Zerknirschung und viel Reue nötig, um die göttliche Gerechtigkeit zu versöhnen.

Nach dieser Zeit gefiel es dem Herrn, daß eine Missetat geschehn sollte an unsrer Gemeinschaft durch einen Priester namens Urbain Grandier, der Pfarrer im Hauptkirchensprengel unsrer Stadt war. Dieser Elende machte einen Pakt mit dem Satan, um uns zu verderben und übelbeleumdete Mädchen aus uns zu machen. Zu diesem Zweck ließ er Dämonen in den Körper von acht Nonnen dieses Hauses fahren und machte sie besessen. Die Geschichte steht genau beschrieben in den Akten des Prozesses, der darum geführt ward.

Die Behexung war derartig, daß alle Nonnen unsrer Gemeinschaft davon betroffen wurden, die einen durch Besessenheit, die andern durch Bedrängung, und zwar in weniger als vierzehn Tagen. Wir waren in derartiger Verwirrung, daß es unfaßbar ist, und ohne den ganz besonders gnädigen Beistand der Güte Gottes hätte uns dieser Mensch hundert für ein Mal vernichtet. Da ich beinah am meisten vergewaltigt wurde, so machte ich mir wegen meines Gewissenszustandes Gedanken, indem ich annahm, man könne nicht besessen werden, ohne dem Teufelspakt irgendwie zugestimmt zu haben, worin ich mich aber irrte, denn die Unschuldigsten und selbst die Heiligsten können es werden.

Ich gehörte nicht zu der Zahl der Unschuldigen; denn oft und immer wieder hatte ich mich dem Teufel in Sünden überantwortet, schon durch den hartnäckigen Widerstand, den ich der Gnade entgegenbrachte. Ich schickte mich zu einer außerordentlichen Beichte an. Aber da die Dämonen mich in vielerlei Laster und in gewohnheitsgemäßer Unvollkommenheit verwickelt fanden, und da es mir an dem festen Entschluß mangelte, mich hieraus zu befreien, so erlaubte Gott dem durch meine eigene Schlechtigkeit gestärkten Dämon, mich in so gewaltige Verwirrung und Verblendung zu stürzen, daß ich die Beichte nicht auf einmal zustande bringen konnte. Nur in wiederholten Absätzen ging sie vor sich. Ich besaß die Schlechtigkeit, verschiedene Beichtiger zu nehmen, damit kein einziger die wahre Leuchte in mein Gewissen trage. Zu Beginn der Besessenheit befand ich mich nahezu drei Monate in einer beständigen Geistesverwirrung, dergestalt, daß ich mich auf nichts mehr besinne von alledem, was in dieser Zeit geschah. Die Dämonen tobten mit vollster Gewalt, und die Kirche bekämpfte sie Tag und Nacht mit Beschwörungen.

Bei einer Beschwörung taten sie so, als ob sie aus meinem Körper führen und Gott den Platz räumten. Sechs Monate blieben sie verschwunden; aber dann kamen sie allmählich in meinem Geist und meinen Neigungen wieder zum Vorschein, so daß sie vermittels der bösen Anlagen, die sie in mir vorfanden, gemeinsame Sache mit mir machten und mich so fest an ihre Tätigkeit ketteten, daß ich ganz voll von ihren Regungen war.

Jeder der sieben Dämonen, die ich im Körper hatte, ergriff Besitz, wovon er glaubte, es am besten behaupten zu können. Gewöhnlich handelten sie entsprechend den Leidenschaften, die mir in der Seele lagen, was sie so listig anfingen, daß ich selbst kaum argwöhnte, Dämonen zu beherbergen. Ich nahm's als Beleidigung, wenn man mir Mißtrauen bezeigte, und sprach man von Besessenheit, so verspürte ich einen heftigen Zorn gegen die betreffenden Personen in mir hochsteigen und konnte mich nicht enthalten, ihnen meine Gefühle deutlich zu machen. Nach und nach wurden mir die göttlichen Dinge zum Ekel, derart, daß ich jede Art von Gebet, sowohl laut wie innerlich, aufgab. Hatte ich irgend eine Ordensregel zu beobachten, so litt ich große Unruh; allerdings wandte ich nicht die nötige Gewalt auf, meine Neigungen zu besiegen. Infolge dieser Lässigkeit überkam mich eine so große Herzenshärte, daß mich alle göttlichen Dinge nicht mehr rührten, als wär ich ein Bronzebild gewesen.

Zwei Jahre ungefähr währte es, daß ich mich den Sakramenten nur im Zwange der Regel näherte, ohne inneren Wunsch. In der ganzen Zeit war ich bei keiner Uebung geistig dabei. Danach unterlag ich gewaltigen Versuchungen, deren Größe Gott allein ermessen kann. Daher hat auch nur Seine lautere Güte verhindert, daß ich ihnen gänzlich erlag; denn tausendmal sah ich mich am Rande des Abgrunds und bereit, dem Bösen die Hand zu reichen, bis plötzlich mein Wollen umschlug. Damals bediente sich der erwähnte Priester der Dämonen, um mich zur Liebe zu ihm zu reizen; sie erregten in mir die Begierde danach, ihn zu sehen und mit ihm zu reden. Mehrere Schwestern hatten die gleichen Empfindungen, machten mir jedoch keine Mitteilung davon; im Gegenteil, wir versteckten uns möglichst voreinander, und als die Dämonen in uns genugsam die Liebesleidenschaft zu jenem Menschen entfacht hatten, kam er selber nächtlicherweile in unser Haus und unsre Zellen, um uns zur Sünde zu verführen.

Konnte ich ihn nicht zu Gesicht bekommen, so entbrannte ich in Liebe zu ihm; war er aber gegenwärtig und wollte mich verlocken, so verlieh mir der grundgütige Gott die Kraft, daß er mir widerwärtig wurde. So schwankte mein Gefühl hin und her; ich haßte ihn mehr als den Satan und fand ihn so unerträglich, daß ich mich lieber allen Furien der Hölle überantwortet hätte, als der geringsten seiner Bitten nachzugeben. Allerdings war ich lässig im Kampf gegen die unreinen Gedanken und Lockungen, die ich verspürte.

Ich hatte also sieben Dämonen im Körper. Ihr Häuptling war Asmodi. Er war ständig in mir tätig, sowohl in der Einbildung, wie im Geist, den er mit unanständigen Dingen erfüllte. Aus Schamhaftigkeit kann ich keine Einzelheiten beschreiben; denn sie sind haarsträubend. Oft erschien mir der unglückselige Geist in schrecklicher Gestalt, und wenn er sah, daß ich kein Gefallen an ihm fand, weil ich zur Gnade meine Zuflucht nahm, so schlug er mich so gewalttätig, daß ich davon oft mehr tot als lebendig war.

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Brief des Dämons Asmodeus, geschrieben mit der Handschrift der Schwester Jeanne des Anges.

Der zweite Dämon war Leviathan, der sich ganz meiner natürlichen Stimmung anbequemte. Er verwirrte mich gewissermaßen nur leichthin und brachte mir in Wahrheit niemals außerordentliche Störungen. Im Gegenteil, hauste er in meinem Kopfe, so wollte ich alles in Ordnung bringen, aber mit derartigem Hochmut, daß ich vermeinte, alles müsse sich unter mein Gesetz beugen und die Erde wäre kaum wert, mich zu tragen. Ich sprang mit den Schwestern herrisch um, und alle meine Gedanken liefen darauf hinaus, mein Ansehn vor der Welt zu vergrößern. Ich war dem Gold und dem Silber zugetan, obwohl derartige Sorgen ganz gegen meine natürliche Stimmung waren.

Zuweilen bejammerte ich mein Mißgeschick, daß ich in einem großen Hause leben mußte. Sobald daher der unglückselige Geist in meinem Kopf arbeitete, erwog ich den Entschluß, von hier zu entfliehn und ein gewisses Anerbieten einer Person von Stande und großer Rechtschaffenheit anzunehmen.

Der dritte Dämon hieß Behemot. Er arbeitete in mir so, daß er sich allen Handlungen entgegenstemmte, die die Verehrung Gottes in meiner Seele betrafen. Ich muß in Wahrheit gestehen, daß meine eigene Feigheit diesem unglückseligen Geiste große Vorteile über mein Herz gewährte. Für den Zeitraum von zwei Jahren oder mehr erhielt er mich in beständiger Gefühllosigkeit im Geist und unbegreiflicher Herzenshärte; eine ganze Woche konnte verstreichen, ohne daß ich einmal anbetete. War ich genötigt, bei der Messe oder irgend einer andern regelmäßigen Uebung zugegen zu sein, so geschah's ohne Aufmerksamkeit; mein Geist trachtete sogar nach Mitteln, die andern vom Gottesdienste abzuhalten.

Oft war mein Geist voll von Gotteslästerungen, manchmal zog ich sie direkt vor und war unfähig zu irgend einem Gedanken, der mich an solchem Tun gehindert hätte. Gegen Gott verspürte ich unablässigen Widerwillen, und den stärksten Haß verursachte mir der Anblick Seiner Güte und die Gelindigkeit, mit der Er den reuigen Sündern verzeiht. Ich grübelte oft, wie ich Ihm mißfallen könnte und wie ich es anstellte, daß die andern Ihn beleidigten. Der Dämon verblendete mich derart, daß ich seinen Willen von meinem kaum zu unterscheiden vermochte. Mehr noch, er flößte mir eine heftige Abneigung gegen meinen frommen Stand ein, dergestalt, daß ich zuweilen, wenn er mir im Kopf hauste, alle meine Schleier zerriß; auch die der Schwestern, soweit ich sie unter die Finger bekam. Ich trat mit Füßen darauf herum, ich zerkaute sie und fluchte der Stunde, da ich das Gelübde getan.

Der vierte dieser verfluchten Geister hieß Isaakaaron; er trieb das gleiche Handwerk wie Asmodi bezüglich der Unreinheit. Meine Seelenhirten wissen von der Pein, die mir dieser Unglückselige verursachte. Er benahm sich gewaltsam und wie ein Rasender. Zwischen Asmodi und ihm war der Unterschied, daß jener mehr lockte und schmeichelte in einer Natur, die auf Annehmlichkeiten aus war und der es behagte, geliebt und geschätzt zu werden; Isaakaaron aber bewegte sich in Extremen und verblendete den Verstand. Doch unterstützte auch er jede Art natürlicher Neigungen, indem er stets für ein Wesen, das an Bequemlichkeit und Vergnügen hing, Partei ergriff.

Der fünfte Geist hieß Baalam. Seine Wirkung war umso gefährlicher, als sie weniger bösen Anschein hatte. Er trübte die Einbildung etwas und ließ im übrigen meiner Natur freien Lauf, da er in ihr hinreichende Anheftungspunkte vorfand.

Die Wirkung der beiden andern Dämonen konnte ich nicht so genau unterscheiden; sie wurden auch von den schon genannten verjagt, bevor ich noch Gelegenheit gehabt hätte, festzustellen, was sie mit mir vornahmen. Sie hießen Gresil und Haman.

Unsere Leiden wirkten so stark auf die Außenwelt ein, und die Verwirrung, die die Dämonen über uns brachten, war so gewaltig, daß mehrere Personen von Stande Mitleid mit uns empfanden, darunter Herr von Laubardemont. Er war Zeuge, wie die Dämonen uns quälten und in unsrem Leib regierten, sah uns von jeder Hilfe entblößt, ward in Nächstenliebe gerührt und begehrte, uns Trost zu schaffen. Zu dem Ende entschloß er sich, mit dem König und dem Herrn Kardinal von Richelieu über unsern Zustand zu reden. Er suchte sogar den Herrn Bischof von Poitiers auf und stellte ihm vor, wie dringend uns geistliche Hilfe not täte. Alle diese teilnehmenden Personen waren bei den hohen Herrschaften so wirksam tätig, daß wir bald darauf Exorzisten bekamen. Man unterstellte mich der Leitung des Paters Récollet, genannt Gabriel Lactantius, eines sehr gelehrten und frommen Mannes. Der gute Vater besaß große Herrschaft über die Teufel, machte sie gefügig wie Sklaven und exorzisierte mich mit Eifer im Geist und Glauben. In einigen sechs oder sieben Wochen jagte er drei Dämonen aus meinem Leib, nämlich Asmodi, Haman und Gresil, und zwar in Gegenwart seiner Hochwürden von Poitiers und von über sechstausend Personen. Als Zeichen ihres Abzugs hinterließen sie mir drei Wunden unterhalb des Herzens, angesichts aller Umstehenden. Durch Vermittlung der heiligen Jungfrau und der guten Engel ging dies Wunder vor sich. Gott bediente sich ihrer zur Ermunterung der Frommen, die sich größtenteils ängsteten, einer Aufgabe näherzutreten, die so viel Schwierigkeiten barg.

Seine Hochwürden von Poitiers gab uns dann vier Kapuziner, die mit größtem Eifer an den besessenen Schwestern arbeiteten.

Nachdem Pater Lactantius so günstige Erfolge mit dem Abzug der drei oben erwähnten Dämonen gehabt hatte, fuhr er mit Eifer und Beharrlichkeit in der Beschwörung fort, vom Monat Mai bis September; aber da sandte ihm Gott eine schwere Krankheit, daß er starb. Ich war tief bekümmert.

Ich tat nun mein Möglichstes bei den Vorgesetzten, um einen Beichtiger aus demselben Orden zu bekommen; aber die Vorsehung fügte es anders. Fast drei Monate blieb ich ohne Hilfe, obschon die Vorgesetzten mir welche anboten. Unablässig seufzte ich in der Tiefe meines Herzens und flehte zu Gott, er möge mir jemand senden, der mir bis auf den Grund der Seele dränge und der die Verwirrung erkenne, die die verfluchten Geister dort anstifteten, nebst den entfesselten Leidenschaften. Oft packte mich die Angst, meine Besessenheit sei die Ursache der ewigen Verdammnis. Ich war gleichsam kraftlos gegenüber den Versuchungen, unter denen ich litt.

Der Teufel narrte mich oft durch ein kleines Lustgefühl, das ich verspürte, wenn er in meinem Leibe wirtschaftete und Außerordentliches anstellte. Es machte mir besonderen Spaß, wann man davon sprach, und wenn es den Anschein hatte, als arbeite es in mir noch stärker als im Leibe der andern. Das gab den verfluchten Geistern natürlich erst recht Sprungkräfte; denn es freut sie gerade, wenn wir ihrem Wirtschaften interessiert zuschaun, und so nisten sie sich allmählich in den Seelen ein und gewinnen die Vorherrschaft über sie; denn sie stellen es so an, daß man ihre Arglist nicht gewahr wird. Im Gegenteil, sie machen sich mit dem menschlichen Geist familiär, locken aus den kleinen Gelüsten ein stillschweigendes Einverständnis hervor und machen sich dann recht breit im Geiste der von ihnen besessenen Kreatur. Für diese ist gerade das von Nachteil; denn sie wird nach eigenem Gefallen beeinflußt, glaubt alles, was jene wollen, und dies um so leichter, je weniger sie jene für Feinde ihres Seelenheils ansieht. Ist sie also nicht besonders gottesfürchtig und merkt auf ihr Gewissen, so läuft sie Gefahr, große Sünde zu begehn und großen Irrtümern anheimzufallen. Denn, nachdem sich die verfluchten Geister einmal derart in ihren Willen eingenistet haben, reden sie den Seelen einen Teil ihrer Absichten auf; zuweilen geben sie Kunde von ihren Plänen, um hernach die Einbildung zu trüben und große Verwirrung zu stiften.

Auf diese Art und Weise verfuhren sie oft mit mir, Daher kam es, daß ich beinah stets Gewissensbisse hatte, und das aus gutem Grunde; denn meistens bemerkte ich sehr wohl, daß ich selber der erste Anlaß zur Verwirrung war, und daß der Dämon nur durch die Pforten einschlüpfte, die ich ihm selber öffnete.

Sprach ich davon mit meinen Exorzisten, so sagten sie, der Dämon gäbe mir solche Empfindungen ein, um sich besser in mir zu verstecken oder um mich in Verzweiflung darüber zu bringen, daß ich in so viel Schlechtigkeiten stäke. Das befriedigte mich aber wenig; denn obwohl ich zur Stunde das gläubig hinnahm, was man mir sagte, so ließ mir doch mein richterliches Gewissen keinerlei Ruhe. So dienten alle ihre Versicherungen nur zu meiner weiteren Verblendung. Ich meine, es kam daher, daß sie meine Skrupel den Einflüsterungen der Teufel zuschoben, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß ich selber so schlecht wäre.

Was sie in ihrer Meinung noch bestärkte, war folgender Umstand. Sobald meine Leidenschaft besänftigt und meine Aufregung vorüber war, bezeugte ich ihnen stets, daß ich die Zügellosigkeiten, die sie hatten hören und mitansehen müssen, aufs tiefste bedaure, und daß mein Wille jetzt von derartigen Dingen weit entfernt sei. Ich war nicht aufrichtig genug, ihnen das Pförtchen zu weisen, das ich dem Dämon geöffnet hatte. Nicht daß ich glaube, ich wäre der Lästerungen und andern Zügellosigkeiten, zu denen die Dämonen mich aufhetzten, selber wirklich schuldig gewesen; aber es war doch so, daß ich mich anfänglich von ihren Einflüsterungen hinreißen ließ, bis sie sich meiner gesamten inneren und äußeren Eigenschaften bemächtigten, um nach ihrem Gefallen darüber zu verfügen und besagte Verwirrungen über mich zu bringen.

Um mich besser verständlich zu machen, muß ich ein paar Beispiele anführen, sowohl wichtige wie mehr oberflächliche, auf daß die, so einmal dies hier lesen sollten, erkennen, wie notwendigerweise sich die von Dämonen bearbeiteten Seelen an Gott klammern müssen und nie auf sich selbst vertrauen dürfen.

Es geschah zu meiner Bestürzung in den ersten Tagen, da Pater Lactantius mir als Beichtvater und Beschwörer beigestellt wurde, daß mir seine Art, sich zu geben, obwohl sie trefflich war, in tausend Kleinigkeiten mißfiel; nur weil ich schlecht war.

Eines Tages berief er uns alle zum Abendmahl ans Sprechgitter.

In dieser Zeit wurden wir fast alle von Unruhe und heftigen Krämpfen geschüttelt. Beim Empfang des heiligen Sakraments betrat nun der Priester unsern Chor, oder vielmehr wir mußten herausgehn und in der Kirche beichten. Das ärgerte mich, daß er einen neuen Brauch aufbringen wollte; ich begann, in meinem Herzen zu murren, und dachte bei mir, er täte besser, die Art der andern Priester zu befolgen.

Da ich hartnäckig bei diesem Gedanken verweilte, ging es mir durch den Kopf, der Dämon hätte, um den Pater zu demütigen, irgend eine Unehrerbietigkeit mit dem hochheiligen Sakrament vorgenommen. Ich war so schändlich, diesem Gedanken nicht kräftig genug Widerstand zu leisten. Als ich nun zum Abendmahl antrat, griff mich der Teufel beim Schopfe, und kaum hatte ich die heilige Hostie empfangen und schon halb benetzt, da spuckte sie der Teufel dem Priester ins Gesicht. Ich weiß bestimmt, daß ich diese Handlung nicht mit freiem Willen vollführte; doch bin ich zu meiner großen Beschämung auch überzeugt, daß ich dem Teufel Anlaß gab, sie zu tun, und daß er diese Macht nicht gehabt hätte, wäre ich nicht mit ihm verbündet gewesen. Ich habe bei mehreren andern Gelegenheiten ähnliche Versuche angestellt. Widerstand ich ordentlich, so zerstob die ganze Wut und Raserei, so hurtig, wie sie gekommen. Aber leider ereignete es sich zu oft, daß ich keine große Widerstandskraft aufwandte, hauptsächlich bei Dingen, die mir nicht wie schwere Sünde vorkamen. Darin täuschte ich mich aber wieder; denn weil ich mich in Kleinigkeiten nicht zurückhielt, ward mein Geist hernach in den großen Dingen überrumpelt, und die Dämonen, die mich besaßen, nutzten diese List aus, indem sie mir das Böse nicht mit einem Male vor Augen führten, sondern nach und nach. Sie spionierten die Neigungen meiner Natur aus, gaben ihr leise Anreize und ließen sie dann handeln.

Bei den Beschwörungen verhielt sich ihre Tätigkeit allerdings verschieden, sie wirkten dann nicht so sehr durch Beeinflussung, als zu andrer Zeit; denn da sie der Macht der Kirche untertan sind, durften sie nur in der ihnen eigenen Kraft in die Erscheinung treten und mußten ihrem Wesen gemäß tätig sein.

Isaakaaron, der am tollsten in mir wirtschaftete und mir fast gar keine Ruhepausen gönnte, zog bedeutende Vorteile aus meiner Lässigkeit und stellte meine Keuschheit schrecklich auf die Probe. Er nahm mit meinem Körper eine Handlung vor, so rasend und seltsam, daß man sie sich kaum vorstellen kann; hinterher redete er mir aufs eindringlichste vor, ich ginge mit einem Kinde schwanger, dergestalt, daß ich es fest glaubte und alle die Merkmale bekam, die man dabei zu haben pflegt.

Dennoch wußte ich genau, daß ich mich, durch die Gnade Unsers Herrn, niemandem hingegeben hatte. Lieber war ich ja tausend Tode gestorben, als daß ich's je getan hätte. Da ich mich indessen eine volle Woche lang in beständiger Verwirrung befand und die Nächte meistens in unserm Garten zubrachte, so konnt' ich nicht wissen, ob mich nicht irgend ein Hexenmeister gemißbraucht hatte in meiner Verwirrung, und ohne daß ich bei Bewußtsein gewesen war. Alle Augenblicke belästigte mich der unglückselige Geist während meiner lichten Stunden. Hätte mich Gott in seiner lauteren Barmherzigkeit nicht aufrecht erhalten, ich glaube, ich wäre zusammengebrochen in dieser Jammersnot, oder verzweifelt oder hätte mich der Sünde der Unreinheit hingegeben. Allnächtlich während der fast sechsmonatigen Dauer dieses Vorgangs blies mir der Dämon beständig in die Ohren. Oefters nahm er Gestalten an und erschien als Drache, Hund, Löwe, Bock oder wie andres Getier; zuweilen auch nahm er menschliche Gestalt an, um mich zu verbrecherischen Handlungen hinzureißen.

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Wie Satan die Beichte abhört.

Als er einsah, ich sei entschlossen lieber zu sterben, als daß ich mit freiem Willen auf seine unreinen Vorschläge eingegangen wäre, griff er mich mit der Verzweiflung an, indem er mir in Aengsten ausmalte, was man sagen würde, wenn man mich im Zustand der Schwangerschaft erblickte. Er stellte mir vor, die meisten Leute von Ansehn würden es nimmer glauben, daß ich unschuldig sei; ich würde ein Gegenstand der Beschämung für unsern ganzen Orden und insonderheit für dieses Haus hier sein; wenn ich wollte, würde er mich von der Pein befreien; doch müßte ich annehmen, was er mir geben würde, oder tun, was er mich lehren würde.

Ich war bei diesem Ereignis aufs höchste bestürzt, und ohne die besondere Gnade Unseres Herrn hätte ich keine Entscheidung gewußt; aber Seine göttliche Güte hat mich nie verlassen, zumal in so wichtigen Angelegenheiten. Deshalb gewährte mir Unser Herr die Gnade, daß ich der höllischen Schlange also antwortete: Meine Ehre läge in der Hand Gottes, Er möge über sie nach Seinem Willen verfügen; nicht von dem Dämon erwarte ich Heilung meiner Leiden, und mit seinen Einblasungen hätte ich nichts zu schaffen. Bei diesem Bescheide geriet der Dämon in solche Raserei, daß ich vermeinte, er würde mich töten. Er schlug mich mit fürchterlichster Gewalt, derart, daß mein Gesicht ganz entstellt und mein Körper von Schlägen wie gerädert war. Es kam öfters vor, daß er mich so mißhandelte; aber Gott verlieh mir mehr Mut, als ich je zu hoffen gewagt. Man denke! ich war so schlecht, daß ich mich wegen dieser Kämpfe vor Eitelkeit blähte; ich glaubte, ich sei angenehm vor Gott, und brauche nicht mehr solche Furcht vor den Gewissensbissen zu haben, wie ich mir eingebildet hatte. Dennoch vermochte ich das Gewissen nicht zu ersticken oder zu glauben, ich sei, wie es Gott wünsche.

Ich besaß keinen festen Exorzisten mehr seit dem Tode des Pater Lactantius; bald lief ich zu dem einen, bald zu dem andern. Herr von Laubardemont hatte um Jesuiten zu unserer Beschwörung gebeten; er sprach eines Tages davon. Ich war aber entschlossen, mich nicht unter ihre Leitung zu stellen; und in der Tat stellte ich alles auf, um die Sache zu hintertreiben. Gott in seiner Güte fügte, daß mir mein Vorhaben nicht gelang. Ich faßte darauf den Entschluß, die Stimmung dessen, dem ich würde überantwortet werden, genau zu erforschen, ihm so wenig wie möglich mein Inneres zu öffnen und ihm keinerlei Bekenntnisse über meinen Seelenzustand zu machen. Ich blieb diesem Entschluß nur zu treu.

Während einiger Monate wurde ich der Leitung des Paters Jean-Joseph Surin unterstellt, Ende September des Jahres 1634. Er war ein sehr frommer und gelehrter Mann und hatte viel Verkehr mit Gott. Er hatte mich kaum erblickt, als er auch schon erkannte, mein Leiden sei innerlich ebenso schlimm wie äußerlich. Er unterhielt sich mit mir erst von mehreren geistlichen Gegenständen im allgemeinen und fragte mich dann, welche Methode ich denn beim Gebet befolge. Ich antwortete ihm, das bißchen freien Willens, das ich hätte, und die Gewalttätigkeiten, die die Dämonen an mir verübten, seien schuld, daß ich mich des Gebets gar nicht befleißige, daß meine geistige Aufmerksamkeit sehr mangelhaft sei, und daß er also abwarten müßte, bis ich in einen andern Zustand käme, eh er mir vom Gebet spräche. Seit zwei Jahren war ich nicht dazu gekommen.

Ich unterhielt mich mit diesem guten Vater gern von der gewaltigen Arbeit, die mir die Dämonen im Innern verursachten; aber es machte mir keinen Spaß, daß er in mein Inneres eindringen wollte. Je mehr er mir zuredete, um so verwirrter wurde meine Seele, und da ich mich so viel wie möglich widersetzte, wenn Gott mich bewegen wollte, auf die Ideen des Paters einzugehen, so stifteten die Dämonen unaufhörlich bei mir, innerlich wie äußerlich, Verwirrung.

Sie ließen mich eine heftige Abneigung gegen den guten Pater fassen, der doch in der außerordentlichsten Weise um mein Seelenheil bemüht war. Ich vermied es, wenn ich irgend konnte, mit ihm zu sprechen; er dagegen suchte mich alle Augenblicke auf. Kaum befand ich mich ihm gegenüber, so erweckte der Teufel meinen Widerwillen und verfehlte nicht, mich zu verwirren, worüber ich sogar recht froh war, nur um seiner Unterhaltung zu entrinnen. Ungefähr drei Wochen brachte ich hin, ohne mit dem guten Pater freimütig zu sprechen, was ihn über die Maßen betrübte; denn er merkte sehr wohl, daß ich nicht damit heraus wollte, was ich auf dem Herzen hatte, und daß ich mich fast bei jeder Unterredung verstellte.

Er beschloß also einen Angriff gegen Isaakaaron; er nahm sich dabei vor, sich an meiner Art nicht zu stoßen; denn ich bezeigte ihm ganz offen meine Abneigung. Er besaß jedoch so viel Nächstenliebe, daß er diese ganze Stimmung dem Teufel zuschrieb. Umso mehr bewies er mir seinen Eifer, mir zu helfen, und seine Geduld, von mir alles hinzunehmen; so hab' ich seine Tugenden in allen Dingen sehr in Anspruch genommen. Da ich meine Versuchungen nicht aufdeckte, wurden sie immer heftiger, und es entstand in mir solche Verzweiflung wegen meines Zustandes und hauptsächlich aus Besorgnis vor der angeblichen Schwangerschaft, daß ich zu sterben beschloß.

Ich entschied mich dafür, einen Arzneitrank zu nehmen und verschaffte mir zu dem Ende allerlei Kräuter. Aber der liebe Gott wollte mich nicht verderben; er fügte es, daß ich in große Aengste geriet, es könnte dem kleinen Wesen, das ich unter dem Herzen zu tragen wähnte, die Seele verloren gehn. So entschloß ich mich denn wieder, mich der Kräuter nicht zu bedienen, und warf sie fort.

Ich faßte nun einen andern, ganz und gar teuflischen Plan, nämlich mir in der Weiche eine Oeffnung zu machen, den Körper des Kindes herauszuziehn und es zu taufen, wonach seine Seele in Sicherheit sein würde. Ich sah wohl, daß ich dabei in Lebensgefahr geriete; ich meinte jedoch, ich müsse mich wieder in erträglichen Zustand versetzen. Lieber wollte ich auf diese Art sterben, als die Qualen erdulden, die mir als zukünftig in meiner Einbildung vorschwebten. Also machte ich mich bereit, so genau es mir möglich war, zu beichten, ohne dabei dem Beichtvater meinen Plan zu eröffnen.

Am folgenden Morgen nach der Beichte (es war den 2. Januar 1635) stieg ich in ein Kämmerchen hinauf mit der Absicht, meinen Plan zu vollenden und mir die Weiche zu öffnen. Ich trug ein großes Messer bei mir nebst Wasser, die kleine Kreatur zu taufen, die ich in mir wähnte. In der Kammer angelangt, warf ich mich einem Kruzifix, das dort war, zu Füßen und gab mich einige Zeit der Zerknirschung hin. Ich flehte inständiglich zu Gott, er möge mir mein Sterben verzeihen, auch den Tod der kleinen Kreatur, für den Fall, daß ich die Mörderin von mir und ihr werden sollte; denn ich war fest entschlossen, sie nach der Taufe zu erwürgen.

In diesen Gedanken begann ich mich auszukleiden, um meinen Plan leichter ausführen zu können. Während dem faßte mich eine Angst, verdammt zu werden, falls ich unter der Handlung den Tod erleiden sollte. Aber diese Vorstellung war doch nicht hinreichend, mich von der Ausführung des bösen Planes abzuhalten.

Meine Verblendung war so groß und die Versuchung so stark, daß ich mich nunmehr anschickte, den unglückseligen Plan zu vollenden. Zu dem Ende machte ich in meinem Hemde mit der Schere eine große Oeffnung, worauf ich das Messer nahm, das ich bei mir trug, und es zwischen den beiden Rippen, die dem Magen benachbart liegen, ansetzte, mit dem festen Entschluß, nun bis zum Ende zu kommen. Doch siehe da! der Strahl der göttlichen Barmherzigkeit, der mir's ersparte! Im Handumdrehn war ich zu Boden geschmettert mit einer Gewalt, die sich nicht sagen läßt. Das Messer ward mir aus der Hand gerissen und zu Füßen des Kruzifixes, das sich im Zimmer befand, niedergelegt. Deutlich hörte ich eine Stimme sagen: »Was gedenkst du zu tun? Laß ab von deinem bösen Plan, nimm deine Zuflucht zum Heiland und bekehre dich zu Ihm, denn Er ist bereit, dich zu empfangen!« Nun erhob ich meine Augen zum Gekreuzigten, und er löste einen Arm vom Kreuz, reichte mir die Hand und sprach diese Worte: »Wende dich nicht ab von Mir und Ich will für dich sorgen; siehe, deine Sünden halten Mich hier angeheftet, und Ich trage mehr Sorgen um dein Heil als du selber; was du eben im Begriff warst zu tun, hätte dich in den Höllenschlund gestürzt; kehre zu Mir zurück und geh' heraus aus deiner Verblendung!«

Bei diesen Worten wurde ich starr vor Erstaunen, und meine Augen wurden aufgetan, und ich begann um Erbarmen zu schrein zur unendlichen Güte aus der Tiefe meines Herzens. Ich flehte inständig um Verzeihung meiner Sünden, die ich, wie von einem Blitz erleuchtet, grausenerregend vor mir sah. Mein Herz war in der äußersten Zerknirschung, und ich wandelte seitdem gänzlich mein Wollen. Danach ward mir das Messer wieder in die Hand gelegt, und eine Stimme sprach: »Trag das Messer wieder dorthin, wo du es hernahmst, und sinne hinfürder nur noch auf Mittel, der göttlichen Gerechtigkeit zu genügen, die du so vielmals beleidigt hast; verbirg im innersten Winkel deines Gewissens die Gnade, so dir zuteil ward; bekehrst du dich völlig zu Gott, so wird Er auch für dich sorgen; kümmere dich nicht um den Zustand, in dem du äußerlich etwa sein wirst, sondern sei nur bestrebt, deine Seele aufrecht zu halten; denn du wirst viel zu ringen haben!«

Unmittelbar nachdem diese Stimme schwieg, vernahm ich Geschrei und Geheul dicht in meiner Nähe und die folgenden Worte: »Wenn wir nicht auf sie acht geben, werden wir sie ins Verderben stürzen!« Wieder andre: »Wir haben noch reiche Hoffnung, denn uns stehn noch mancherlei Ränke gegen sie zu Gebote; wir wissen uns ihrem weichen und verzärtelten Wesen anzupassen!« Ich war in großer innerer Verwirrung, und mein Herz krampfte sich vor Schmerz. Die bösen Geister versuchten, mir diesen Schmerz zu nehmen.

Ich muß in Wahrheit zum Ruhme unsres Herrn bekennen, daß mein Inneres in diesem Augenblick völlig ausgewechselt wurde. Seine gnadenvolle Güte fügte seitdem in mir die Entschließung, meinen alten Wandel gänzlich abzulegen und mich zu bekehren. Doch ach! oft hab' ich noch gegen meinen Entschluß verstoßen!

Nach dieser Entschließung also befand ich mich in gewaltigem, geistlichem Ringen. Der Anblick meiner Sünden war mir so gegenwärtig, daß ich Tag und Nacht an nichts andres denken konnte. Es peinigte mich stark, daß ich meine Versuchungen hierzu verheimlicht hatte, und ich faßte den festen Entschluß, mich meinem Beichtiger zu eröffnen. Inzwischen verloren die Dämonen keine Zeit und peinigten mich viel. Als sie merkten, daß Gott ihre Pläne durchkreuzt hatte, und daß ich bereits anfing zu glauben, meine anscheinende Schwangerschaft sei bloße Einbildung, da erschienen sie mir eines Nachts in grausigster Gestalt und hießen mich ein kleines Pflaster auflegen, um die Schmach zu heilen, in der ich mich, wie sie sagten, befände. Mein erster Gedanke war, dabei sei vielleicht nichts Schlimmes; aber sogleich verspürte ich eine heftige Erschütterung, die mich deutlich erkennen ließ, ich dürfe von den verfluchten Geistern keine Hilfe erwarten und müsse allein auf Gott vertrauen. Also wies ich sie ab. Da gerieten sie in tolle Wut und mißhandelten mich mit Schlägen. Sie drohten mir auch, sie würden eine Kinderleiche in mein Bett stecken, damit alle Welt glaube, ich hätte eine Fehlgeburt gehabt und das kleine Wesen erwürgt. Dies erregte mir entsetzliche Angst.

Die Absicht der Dämonen war, meinen Geist durch alle diese Dinge so abzulenken, daß ich an meinen Gewissensfall nicht denken könnte. Sie verfielen auch auf eine andre Nichtswürdigkeit; sie raubten mir nämlich vollständig das Gedächtnis an die Regungen und Ideen, die Gott mir eingeflößt hatte, um mich zu sich hinzuziehn. Da meine Willenskraft in dem gefaßten Entschluß völliger Wandlung noch nicht genügend erstarkt war, so blieb ich oft im Gleise der alten Gewohnheiten, und Anlage und Versuchung siegten vereint über Verstand und Gnade.

In der Nacht zu Donnerstag dem 24. Januar ereignete sich folgendes. Um zwei Uhr nach Mitternacht faßte mich gewaltiges Entsetzen, und ich bemerkte in meinem Bett einen hellen Schein; das Bett selber begann heftig zu zittern, und dies währte wohl eine Stunde. Dann fühlte ich, als wenn sich mir jemand nähere; er zog meine linke Hand, die ich unter der Decke hatte, hervor, nahm sie, küßte sie, ließ sie wieder fahren und seufzte zu dreien Malen. Sein Wimmern ward von allen Schwestern gehört, die im gleichen Zimmer schliefen. Ich rief sie an, bat sie jedoch, nicht aufzustehn, wegen der rauhen Jahreszeit.

Nach sotanem Seufzen spürte ich, als wenn mir jemand die Hand aufs Herz gelegt hätte, und gleichzeitig vernahm ich eine Stimme, die fragte, ob ich denn nicht Mitleid mit ihm haben wolle. Ich konnte eine Zeitlang überhaupt nicht antworten. Ich fühlte in mir die Regung, den, der da sprach, zu trösten, obschon ich nicht wußte, was man von mir begehrte. Er redete wieder: »Gib Antwort; ich will dich nicht zum Bösen leiten; ich möchte nur, daß du annimmst, was ich dir biete!«

Wie ich nun gewahr wurde, daß meine Mitleidsregung stärker ward, gab ich meinem Geiste einen Ansporn, dem Sprecher zu antworten, und sagte: »Annehmen kann ich nur etwas nach dem Geheiß derer, die mich leiten, das ist die Kirche; wenn sie mir befiehlt, will ich's freudig tun!« Darauf geschah diese Gegenrede: »Es bedarf keines Rates hierüber, sprich zu niemand hiervon; ich enteile; horch nur auf die Regungen, die du heute haben wirst!« Danach gab es noch verschiedene Geräusche im Zimmer und Zittern der Bettstatt. Ich verharrte den Rest der Nacht in grenzenloser Traurigkeit, und tagsüber hatte ich Begier, dasselbe möge sich mir wieder ereignen; ich war von Gedanken bestürmt, was ich dann wohl tun würde.

In der folgenden Nacht, als ich gegen zwölf Uhr entschlummert war, zupfte es mich am Haupte. Ich erwachte und frug, wer da sei. Da geschah die Antwort: »Dieses hast du über Tage beständig gewünscht: du kannst mich zufrieden stellen, ohne daß irgend jemand davon wüßte!« Ich entgegnete: »Ich will Gott genügen und ihm allein zu Gefallen sein!« Da bekam ich einen Schlag auf die rechte Schulter, der mir sehr weh tat. Eine halbe Stunde später sah ich auf meinem Bett eine Helligkeit entstehn, und es erschienen zwei kleine Zweige von Lorbeer und Rosmarin. Gleichzeitig sagte es ziemlich rauh: »Halt's fest!« Etwas später kam eine große Erschlaffung und Unruhe über mich; ich fühlte fortwährend, als liefe ein Tier in meinem Bett umher und berührte mich an verschiedenen Körperteilen; es währte fast eine Stunde, ohne daß ich mich aus dieser Erschlaffung aufraffen konnte.

Als ich mich wieder gänzlich ermuntert hatte, sah ich, daß es heller, lichter Tag war. Mir kam's vor, als hört' ich die Stimme der Mutter Saint-Augustin sagen, Laubardemont verlange nach mir, warum ich denn mit dem Aufstehn so lange zaudere, und das, was auf meinem Bett läge, nicht fortnehme. Ich fragte, wer denn da rede. »Ich bin's doch!« hieß es; »es fiel mir auf, daß du so angstvoll schliefest; ich kam an dein Bett, sah das liegen und teilte es dem gnädigen Herrn mit!« Geraume Zeit blieb ich hierauf still. Dann hört' ich auf leisen Sohlen durchs Zimmer gehn, und eine verschleierte Nonne schien vor mir zu stehen. Sie hob den Bettvorhang auf der rechten Seite, wo ich lag, und ich vermeinte in der Zelle Herrn von Laubardemont und den Pater Surin mit einem Buch in der Hand zu sehn. Zwei verschleierte Nonnen standen am Kamin, in dem Feuer brannte, und hielten jede eine Kerze in der Hand.

Pater Surin begann die Lorbeer- und Rosmarinzweige zu segnen. Herr von Laubardemont fragte, wer sie denn hergebracht hätte. Ich antwortete, ich wüßte es nicht und hätte keinen gesehn. Nun sagte er zu Pater Surin, die Sache würde kein Ende nehmen, wenn er mir nicht ein Mittel eingäbe; ich sollte es jetzt nehmen, so hätten sie zusammen beratschlagt. Er fragte dann, ob ich etwa nicht wolle. Ich entgegnete, ich würde mich seinen Wünschen stets fügen.

Darüber zog sich Herr von Laubardemont zum Tische zurück; Pater Surin blieb an meinem Bett, nahm meine Hand und drückte sie, wie um mir seine besonders warme Freundschaft auszudrücken. Ich war etwas erstaunt und entzog ihm die Hand. Herr von Laubardemont kam jetzt auf mich zu; in der Hand hielt er ein Henkelnäpfchen und sagte: »Das mußt du trinken, um den bösen Feind zu besiegen; es geschieht nicht zur Unehre Gottes, vielmehr zu seinem Ruhme!« Indem er das sagte, strich er mit der Hand über mein Gesicht, gewissermaßen zärtlich. Ich war über sein Benehmen sehr erstaunt; denn es war ganz gegen seine Gewohnheit. Ich fing an, Mißtrauen zu schöpfen, daß die Dämonen mich vielleicht unter dieser Gestalt narren wollten, und betete in meinem Herzen zur heiligen Jungfrau, sie möge mich nicht irre führen lassen.

Mir schien, als sagte Pater Surin zu mir, ich solle auf die Besorgnisse nichts geben; er sei da, die Verantwortung für mein Gewissen und meine Handlungen zu übernehmen; blindlings müsse ich seinem Rat folgen und meinen Neigungen auf diesem Wege genügen. Diese Entgegnung bestärkte mich noch mehr in dem Verdachte, daß ich Gefahr laufe, getäuscht zu werden. Daher sagte ich, ich würde das, was er mir reichte, nicht nehmen. Es kam mir nun so vor, als wenn Herr von Laubardemont sagte, diese Auflehnung würde mir teuer zu stehn kommen; und Pater Surin, er würde mich nun links liegen lassen, da ich seinen Ratschlägen nicht Folge leiste. Ich erwiderte: »Ich glaub' es nicht, daß dies Ratschläge des Pater Surin sind, sondern vielmehr, daß mich einige Dämonen irreführen wollen; ich bete zu Gott, mich vor solcher Täuschung zu bewahren!« Im selben Augenblick verschwand der helle Schein, der im Zimmer schwebte, und alle Personen mit ihm. Darauf entstand um mich herum allerhand Geräusch, Beben und Gestank nebst innerlichem Entsetzen, was bis sechs Uhr morgens anhielt. Dann verlor ich alle diese Schrecknisse aus dem Bewußtsein. Zwei oder drei Nächte nahm ich kein Geräusch mehr wahr.

Einige Tage darauf gab es wieder viel Geräusch um mich herum. Ich hörte es atmen, wie von einem Menschen, und eine Stimme, die sprach: »Es ist keine Zeit mehr zu widerstehn, du darfst dich nicht länger auflehnen; wenn du zauderst, auf unsre Vorschläge einzugehn, wirst du den Schaden haben; du kannst nicht in einem fort im Widerstand verharren; Gott hat dich deiner Natur Untertan gemacht, folglich mußt du ihr genügen, wenn die Gelegenheit drängt!« Ich spürte dann unsaubere Empfindungen in meiner Einbildung und zügellose Regungen in meiner Natur. Doch verharrte ich im Grunde meiner Seele bei dem Vorsatz, daß ich nichts geschehn lassen würde. Ich wandte mich zu Gott und bat ihn um Kraft zu einem so außerordentlichen Kampf.

Darnach geschah ein heftiges Geräusch in meinem Zimmer, und ich spürte gleichzeitig, als ob jemand nahe herankam, die Hand in mein Bett steckte und mich anfaßte; kaum aber merkte ich das, als ich in gewaltiger Unruhe, die noch lange hinterher andauerte, aufsprang.

Einige Tage später erfaßte mich gegen Mitternacht in meinem Bett ein leises Beben am ganzen Körper nebst großer geistiger Unruhe, ohne daß ich einen Grund dafür gewußt hätte. Das dauerte ziemlich lange, bis ich an mehreren Orten im Zimmer und rings um mich herum Geräusch vernahm. Zweimal zog man mir das Linnen fort, ohne mich indessen ganz zu entblößen. Das Betpult, das an meinem Bett stand, wurde umgestoßen. Dann hörte ich Stimmen auf der linken Seite, nach der ich mich umgedreht hatte. Man fragte, ob ich über das vorteilhafte Anerbieten, das mir gemacht wäre, nachgedacht hätte. Die Stimme fuhr fort: »Ich bin hier, deine Antwort zu wissen; mein Versprechen halt' ich dir, wenn du einverstanden bist; weigerst du dich aber, so sollst du das bejammernswerteste Weib auf der Welt werden; jede nur erdenkliche Schmach soll dir angetan werden!« Ich gab zur Antwort: »Wäre Gott nicht, so hätte ich Furcht vor deinen Drohungen; ihm aber bin ich geweiht!« Man sprach: »Bei Gott wirst du nicht viel Hilfe verspüren; im Gegenteil, er wird dich im Stich lassen!« Ich entgegnete: »Gott ist mein Vater, er wird für mich sorgen; ich bin zur Treue in ihm entschlossen!« Er sagte zu mir: »Drei Tage gebe ich dir zum Ueberlegen!« Ich stand auf und trat vor das heilige Sakrament, mit unruhvollem Geist.

Als ich in unser Zimmer zurückgekehrt war und mich auf einen Stuhl gesetzt hatte, zog man plötzlich den Sitz unter mir weg und ließ mich zu Boden stürzen. Seitdem passierten mir ungefähr dieselben Ereignisse wieder. Ich vernahm die Stimme eines Mannes, der mir schlüpfrige Worte und Schmeicheleien zuraunte, um mich zu verführen. Er bedrängte mich, ich solle ihm in meinem Bett einen Platz einräumen. Er versuchte, mich unanständig zu berühren; ich wehrte mich dagegen und hielt ihn ab. Ich rief nach den Nonnen, die in der Nähe meines Zimmers waren. Das Fenster war offen; es wurde nun geschlossen. Ich fühlte heftige Liebesregungen zu einer bestimmten Person und zügellose Begierden nach Unanständigkeiten.

Wieder andre Male sprach es in der Nacht zu mir: »Du solltest dem, den du liebst, die Leidenschaft aufdecken, die du zu ihm hegst, und ihn veranlassen, dir Genüge zu leisten; er würde sicherlich darauf eingehn!« Derartige Eindrücke hafteten lange in meinem Geist; sie brachten mir tiefe Traurigkeit ein und Ekel vor der Handreichung jener Person.

Lange Zeit hindurch hatte ich nur des Nachts meine Freiheit, und so könnt' ich meinen Seelenzustand nicht aufklären. Außerdem hatte sich die frühere Abneigung gegen den Pater Surin noch nicht verloren, und ich schwebte in großen geistigen Aengsten. Andrerseits bedrängte mich Gott mit den lebhaftesten Gewissensbissen.

Mein äußerer Leibeszustand veranlaßte die hohen Herrschaften, einen Prälaten nebst Aerzten abzuordnen, um festzustellen, was mit mir vorginge. Ich will nicht umständlich berichten, wie das geschah, da die Protokolle darüber Auskunft geben; ich will nur das Eine und Außerordentliche berichten, was viel zu meiner Bekehrung beitrug und mir großes Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes einflößte, nämlich daß die heilige Jungfrau den bösen Geist, der es unternommen hatte, mich schwanger erscheinen zu lassen, nötigte, unter der Beschwörung seine unglückseligen Absichten einzugestehn. Er ward dazu gezwungen, mich durch den Mund die gesamte Blutmenge, die er in meinem Leibe angesammelt hatte, wieder ausbrechen zu lassen. Dies ereignete sich in Gegenwart eines Bischofs, der Aerzte und einer Masse von andern Leuten, die mit uns Gott und die heilige Jungfrau priesen. So wurde ich vollkommen frei von aller Pein, und alle äußeren Schwangerschaftszeichen verschwanden augenblicks.

Das gereichte dem Pater Surin zu rechtem Troste und ließ ihn hoffen, daß Gott sich in Mitleid zu mir neige. Er entschloß sich mehr denn je, Bresche in mein Mißtrauen zu legen und die Seelenvorgänge in mir endlich aufzudecken. Er bemerkte kleine Veränderungen an mir, indessen vermochte er die seelischen Regungen nicht zu durchschauen. Meine Sünden gestand ich ihm offen genug, blieb indessen im übrigen hartnäckig verschlossen.

Infolge meiner Schweigsamkeit gewannen die Dämonen viel Vorsprung und suchten mich in meiner Herzenshärte zu bestärken. Sie taten ihr möglichstes, mich zu überzeugen, daß alles, was mir damals passierte, als der Herr mich abhielt, meine Weiche zu öffnen und meine angebliche Schwangerschaft zu beseitigen, daß alles dies gar nicht von Seiten Gottes geschehen sei; ich müßte es als Halluzination ansehn, könnte ganz geruhig sein und brauchte die Unannehmlichkeit der Beichte nicht erst auf mich nehmen. Doch das befriedigte mich nicht. Ich fühlte im Grunde der Seele immer einen Stich über das, was meinerseits geschehn war. Hauptsächlich kam das nachts vor, als zu einer Zeit, da ich am meisten frei war.

Fast drei Monate verflossen so, ohne daß ich dem Pater Surin meinen ganzen Herzensinhalt hätte zeigen können; die geistigen Krisen, die ich damals durchlitt, waren unbeschreiblich.

Gegen Ostern (1635) lag ich in schrecklichen Versuchungen; seltsame Dinge gingen in meinem Geiste vor sich. Die bösen Geister spiegelten mir ihre Abscheulichkeiten so lebhaft vor, daß ich mich gar nicht abzulenken vermochte. Die unanständigsten Bilder, die sich überhaupt denken lassen, zauberten sie mir vor Augen, erregten mir häßliche Begierden und die zügelloseste Leidenschaft zu jemand, der meine Seele hätte lenken können; alles, um nur noch mehr eine Aussprache meinerseits zu hintertreiben.

Ich ertrug diese Versuchungen zwölf Tage lang, ohne dem Pater Surin ein Sterbenswörtchen davon anzuvertrauen; ihn betraf die Sache nämlich. Ich blieb also entschlossen, mich nach wie vor ihm gegenüber zu verstecken.

Allmählich überkam meinen Geist eine unaussprechliche Furcht und innere Zerschlagenheit, dergestalt, daß ich mich bereits als Verdammte betrachten durfte. Meine Feinde ließen mir sozusagen gar nicht die Zeit, einen braven Entschluß zu fassen; und wenn ich mich einmal dazu aufraffte, so raubten sie mir die Kraft, ihn auszuführen. Gott erlaubte ihnen dieses, gerade weil ich eben nicht aufrichtig gegen Ihn verfuhr, der doch der Lenker meiner Seele war. Manchmal verfiel ich in solche Krisen, daß ich schrie, als ginge es mir ans Leben. Pater Surin wollte meine Traurigkeit zum Anlaß nehmen, mit mir zu reden und die Ursache meines Kummers zu erforschen; aber er bekam aus mir nichts heraus als Weigerungen. Als er das einsah, trat er vor das hochheilige Sakrament, um meinetwegen zu Gott zu beten; drei volle Stunden verblieb er so. Ich dagegen tat während derselben Zeit nichts als gräßlich schreien; die ganze Hölle schien in meinem Leibe lebendig und ich der Gewalt der Dämonen völlig ausgeliefert.

Während der gute Vater im Gebet lag, geschah es, daß Unser Herr ihm deutlich meine Versuchungen und die Pein, die ich litt, zu erkennen gab; er zeigte ihm meinen Seelenzustand und die Verwüstung, die die Dämonen anrichteten. Das bewog ihn, mich dort wieder aufzusuchen, wo er ehemals begonnen hatte, mir Trost einzuflößen; denn ihn bewegte ein starkes Mitleid mit mir. Er fand mich nicht aufgelegt, ihn anzuhören; denn mir kam vor, als sei er zum Teil schuld an meinem Jammer. Doch ließ er sich davon nicht abstoßen. Er sagte, er wisse schon, worin mein Leiden bestände, und ich brauche mich nicht länger zu wundern; es wäre nur ein Kunstgriff des Teufels, um zu hintertreiben, daß er mir den durchaus nötigen heilsamen Beistand leiste.

Seine Rede setzte mich nicht schlecht in Erstaunen; doch nahm ich mir vor, mich auch in Zukunft weiter zu verstellen. Da sprach er zu mir: »Meine Tochter, es nützt dir alles nichts, du kannst mir dein Leid nicht mehr verbergen. Aus dreierlei besteht es, wie ich deutlich erkenne. Was die nichtswürdigen Versuchungen angeht, die du in meiner Nähe verspürst, so wundere dich nicht; es ist eine Bosheit des Teufels, die nicht vorhalten wird. Raffe dich auf und versuch', mir dein Herz zu öffnen; versäum' nicht länger Zeit mit Verstellung, dein Feind bedient sich nur deiner natürlichen Anlage, um sein Spiel besser zu decken. Wenn du deinen Willen mit meinem vereinst, so gebe ich dir die Versicherung, daß du deinem jetzigen Zustand mit Hilfe der Gnade entrinnen wirst, und daß wir die ganze Hölle ratlos machen können. Wozu der Widerstand gegen Gott? Schließlich mußt du dich doch ergeben, denn seine Güte hat große Pläne mit dir vor!«

Wenn jemals jemand erstaunt war, so war ich es bei diesem Ereignis; ich wußte nicht, sollte ich mich freuen, daß Pater Surin diese Wissenschaft hatte, oder sollt' ich darüber verdrießlich sein. Er hatte sich nach seinen Worten zurückgezogen, weil es schon spät war, und er ließ mich in größter Bestürzung, weil ich den Dämon im Hirn hatte, der sich über das, was kommen sollte, sehr ungebärdig benahm. Erst einige Zeit nachdem der Pater sich zurückgezogen hatte, gewann ich allmählich meine Fassung wieder.

Gegen neun Uhr abends trat ich vor das hochheilige Sakrament, um vor dem Schlafengehn zu beten. Ich war infolge meines Erlebnisses tieftraurig, warf mich vor dem heiligen Sakrament nieder und betete inständigst, es möge mich erkennen lassen, worin Sein heiliger Wille bestände; es kam mir vor, als sei ich auf dem Wege, ihn zu erfüllen. Ich blieb lange so und schrie zum Herrn um Barmherzigkeit; ich bat, er möge mir Freiheit geben, auf daß ich dem Pater Surin mein Herz eröffnen und ihm mein Verlangen nach Wandlung recht darstellen könne. In einer plötzlichen Eingebung gelobte ich auf der Stelle dem Herrn, ich wolle meine ganze Kraft zusammennehmen und mich zu einer General-Lebensbeichte anschicken.

Kaum hatte ich dies Gelübde abgelegt, als sich schon meinem Geist mehrere Schwierigkeiten in der Ausführung darstellten. Ich verbrachte den Rest der Nacht in schrecklichen inneren Kämpfen; doch schließlich gewährte mir die göttliche Güte meine Bitte. Am Morgen befand ich mich ziemlich ruhig, ein Zustand, der über Tage anhielt. Ich erstattete dem Pater Surin einen kurzen Bericht über meine Seelenangelegenheiten und die Regungen, die Gott mir zu meiner Bekehrung eingeflößt hatte. Ich sprach ihm von der Absicht einer großen allgemeinen Beichte und setzte ihm die vermeintlichen bedeutenden Schwierigkeiten auseinander. Den ganzen Tag über war er bemüht, meinen Geist zu stärken; er versicherte mir, wie ihm der Anblick meines freien Zustandes eine große Tröstung wäre, denn dergleichen sei noch gar nicht dagewesen, seit er meine Leitung übernommen habe.

Als die Dämonen den Entschluß des Paters und meinen Bekehrungseifer in Gott erkannten, liefen sie innerlich wie äußerlich gewaltig Sturm auf mich, dergestalt, daß ich mich wie ohnmächtig gefesselt fand und nicht den geringsten Schritt zu unternehmen imstande war. Wollte ich nur ein wenig Gottes gewärtig sein, so war mir der Kopf wie zerstückt, mir wurde schwach zu Mut und vor den Augen dunkel, daß ich manchesmal vermeinte, ich verliere den Verstand. Die Angst vor dem Wahnsinn machte, daß ich vom Gebet nicht einmal sprechen hören konnte, obschon Pater Surin so oft davon anfing; die Stunde des Herrn war eben noch nicht gekommen.

Aeußerlich war ich von fast unaufhörlichen Wutanfällen gestört. Ich sah mich fast außerstande, irgend etwas Vernünftiges zu tun, da ich nicht eine einzige Stunde frei genug im Kopf war, um an mein Gewissen zu denken und mich zur Generalbeichte anzuschicken, obgleich ja Gott mir Regungen gewährte, und ich auch den Willen dazu hatte. Als ich mich eines Tages in solchen geistigen Kämpfen wand, meinte Pater Surin zu mir, ich solle doch alle Angst in den Wind schlagen und mich ganz der Fürsicht Gottes überlassen. Er schlug mir vor, wir sollten alltäglich eine halbe Stünde dem Gebet widmen, ungeachtet aller Hindernisse, die ich empfände, und er fügte hinzu: »Ich hoffe zur Barmherzigkeit Gottes, daß du, falls du beharrlich bleibst, durch dies Mittel zur wahren Freiheit durchdringen wirst!«

Ich war über diesen Vorschlag ziemlich bestürzt; nichtsdestoweniger gab ich mein Einverständnis dazu, nachdem ich ihm meine Hemmungen und Aengste gehörig auseinandergesetzt hatte. Er versprach mir, die Uebungen nach Möglichkeit erleichtern zu wollen; ich sollte nur den guten Gedanken und heiligen Regungen, die er mir einflößen würde, recht nachgeben. Er riet mir ferner, ich solle mich an den glorreichen heiligen Joseph wenden, als denjenigen, der von Gott die Gabe des Gebets empfängt, auf daß er von Gott die Gnade erlange, daß ich mit Fleiß beim Gebet sei. Er ermunterte mich überhaupt dazu, diesen hehren Heiligen zum besonderen Fürsprech in meinen dasigen Leibesnöten zu erwählen.

Ich tat also von Herzen gern, um so mehr, als ich ihm immer Verehrung gezollt, die nun aber noch um vieles wuchs; und ich kann aufrichtig zu seinem Ruhme bekennen, daß ich keine Qual mehr bei innerer Gebetsübung empfand, seit ich mich ganz unter seinen Schutz gestellt hatte.

So blieb es vereinbart zwischen dem Pater und mir, daß ich nie meine tägliche halbe Stunde Gebets verfehlen dürfe, auch wenn ich zu nichts fähig wäre; zu diesem Ende sollte ich während der halben Stunde ja recht beharrlich sein, ganz gleich, wie schwer es mir auch falle, nur um mich in den heiligen Dienst allmählich einzuleben.

Er verfiel nun auf folgenden Ausweg. Ich mußte dicht bei ihm sein, damit die Wirkung der Geister, die mich jederzeit störten, hierdurch aufgehoben würde. Meist ging die Zeit des Gebets nur in Wutanfällen vorüber, und so schien mir's, als ob ich gar nicht im Gebet läge. Pater Surin war dicht bei mir; er ließ mich auf einem Tisch festbinden, legte mir das heilige Sakrament auf Herz und Kopf und lieferte mir den Gebetsstoff, indem er mir die Sätze, die ich sprechen sollte, ins Ohr flüsterte.

Das diente anfangs sehr wohl dazu, meine Einbildung, die außerordentlich zügellos war, zu fesseln. Die Raserei der Dämonen ward durch die Tugendkraft des hochheiligen Sakraments gehemmt. Freilich taten sie ihr möglichstes, uns zu stören. Manchmal raubten sie mir mitten im Gebet jegliche Freiheit und warfen mich in den Abgrund der Pein; ein andermal wieder nahmen sie dem Pater die Fähigkeit, zu mir reden zu können. Aber schließlich hemmte der gütige Gott dennoch Schritt für Schritt ihre Wutausbrüche und gab mir die Möglichkeit, mich ihm zu widmen.

Ich hatte beständig das lebhafte Verlangen, meine Generalbeichte abzulegen, und mir schien's, als wäre es eine große Wohltat, wenn ich damit zum Ziel gelangen könnte. Der Pater wünschte das ebenso lebhaft wie ich; aber er sah mich zu einer so bedeutsamen Handlung noch nicht frei genug.

Um mir den notwendigen Grad von Freiheit zu verschaffen, legte sich der Pater heftig aufs Beschwören; nicht, wie es gewöhnlich geschieht, noch mit der üblichen Eindringlichkeit, sondern er hielt mich auf einer Bank mit dem heiligen Sakrament in der Hand festgebunden und paraphrasierte einige Psalmen Davids über das geistliche Leben. Er hielt den Dämonen die Einbuße vor, die sie durch ihre Sünden erlitten hätten, und das Elend, in das sie durch ihren Abfall von Gott gesunken wären. Er schilderte ihnen darauf das Glücksgefühl der Seelen, die Gottes teilhaftig seien; den Gewinn, der im Dienste der heiligen Liebe läge; die Gnade und Gunst, die der Seele im Verkehr mit Gott zuteil würden.

Obgleich ich nun äußerlich sehr verstört war, spürte ich doch im Innern Ruhe und Erleuchtung als Erfolg dessen, was der Pater mit dem Dämon redete; zwar verstand ich das Latein nicht und tat der Dämon sein möglichstes, meine Aufmerksamkeit abzulenken, doch konnte ich nicht umhin, vielerlei Erwägungen anzustellen über den Jammer der gottlosen und die Glückseligkeit der gottgetreuen Seelen. Mir schien's, als spräche im Grunde meines Herzens eine Stimme zu mir, ich könne eines von beiden erwählen, es hinge nur von mir ab.

Im Monat Mai kam mir der Gedanke, ich müßte mich an meinen glorreichen Vater, den heiligen Joseph wenden, um von Unserm Herrn so viel Freiheit zu erhalten, daß ich mich zur Generalbeichte anschicken könne. Ich legte dem Pater Surin diese Absicht dar, und er riet mir, neunmal zum Tisch des Herrn zu gehn, täglich das kleine Gebet zu Ehren des heiligen Joseph zu beten, und unterdes einige Bußübungen und Selbstkasteiungen vorzunehmen.

In die ersten beiden Vorschläge willigte ich gern, vor dem dritten aber hatte ich ziemlich Angst; denn ich liebte mich selbst viel zu sehr, hatte auch lange Zeit kaum eine Bußübung gemacht. Ich meinte, meine Besessenheit sei schon an sich eine recht bedeutende Buße.

Ich begann also die neuntägige Andacht, und Gott segnete sie sehr. Die Dämonen türmten wieder Hindernisse auf; zum Ruhme des großen Heiligen muß ich aber der Wahrheit gemäß bekennen, daß alle Hemmnisse von mir genommen wurden. Mein Herz kannte nicht größern Trost mehr als Beten, und sobald ich mich frei fühlte, floß mir eine Stunde dahin, als wär's nur ihr vierter Teil gewesen. Gott gab mir so viel Lockung, daß ich nichts andres mehr hätte tun mögen, und schmerzliches Bedauern erfüllte mich über die früher verlorene Zeit. Ich begann damals sogar zweimal am Tage zu beten und unterzog mein Gewissen einer sorgfältigen Prüfung.

Einen Monat hindurch fand ich zu meinen Uebungen ziemliche Freiheit. Mir schien's, als besäßen meine Feinde nicht mehr die Kraft, mich in gewohnter Weise durch Verwirrung zu hemmen. Doch unterließen sie es nicht, mir außerhalb der Gebetszeit alles mögliche Leid anzutun. Ich bemerkte wohl, daß sie sich noch in vielen Dingen meiner Neigung bedienten.

Als ich an einem Junitage vor dem hochheiligen Sakrament lag, kam die deutliche Vorstellung über mich, ich würde niemals aus der Wirrnis erlöst werden, es sei denn, ich gäbe selber dem Dämon keine Gelegenheit mehr, sie zu verursachen. Auch schien mir's, wenn ich nur über meine Seelenregungen gründlich nachdächte, so würde ich finden, daß sich alle Unordnung meiner Seele bloß auf mein Naturell stütze. Das kam mir so klar vor wie das Sonnenlicht.

Diese Erkenntnis bestürzte mich sehr und flößte mir arge Besorgnis über meinen Zustand ein. Ich vermochte mich doch nicht dahin zu überreden, daß ich allein Ordnung schaffen könne.

Ich machte dem Pater Surin von meiner Idee Mitteilung; er meinte darauf, er sei schon längst, der gleichen Ueberzeugung, doch hätte er mich noch nicht in der rechten Stimmung dazu gefunden, daß er's mir selber sagen konnte. Was mein Erstaunen natürlich noch steigerte. Ich bat den Pater aus dem Grunde meines Herzens, er möchte mir doch alles sagen, was er glaube, daß Gott mit mir vorhabe. Der gute Vater verfolgte mir gegenüber eine bestimmte Taktik, die recht gut war; indessen glaube ich, daß sie nicht bei jedem nützlich angeschlagen hätte. Er verfuhr derart, weil er mir nichts offenbaren wollte, wovon er nicht zuvor sah, daß Gott selber es mir eingegeben hatte, und dies, um Gottes Maßnahmen zwar gewissenhaft zu folgen, aber ihnen nicht zuvorzukommen.

Darum also hatte er mir nur dann besondere Uebung auferlegt, wenn er in mir eine entsprechende Stimmung erkannte. Mir wär's eigentlich lieber gewesen, er hätte eine andre Methode angewandt; die Erfahrung indessen lehrte mich einsehn, daß die Täuschung auf meiner Seite war, und daß der liebe Gott dem Pater die Hand führte. Ich fing an, mit größter Freiheit zu beichten und das Abendmahl zu nehmen. Kaum hatte der Pater das bemerkt, so empfahl er mir dringend, die Sachlage auszunutzen. Ich kam zu der Ansicht, daß ich sie in der Tat zur Generalbeichte benutzen müßte.

Ich begann meine Beichte in den ersten Junitagen anno 1635. Fast sechs Wochen brauchte ich zu ihrer Beendigung, und der Herr schien mich bei der Hand zu führen. In der ganzen Zeit gewährte mir der Herr gewaltige Zerknirschungen; ich weiß nicht, was ich alles zu tun gewünscht hätte, um die Gerechtigkeit Gottes zu befriedigen. Alle Buße und Kasteiung schien mir zu milde; was ich auch davon tat, erregte mir nur das brennende Verlangen, noch mehr tun zu dürfen. Ich hätte gewünscht, die gesamte Kreatur möchte vereint zum Rachesturm wider mich und mein Verbrechen aufstehn, das ich der Majestät Gottes angetan. Gern hätt' ich meine Sünden vor aller Welt verkündet, wäre mir der Gehorsam nicht im Wege gewesen.

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Wie Satan mit seinen Gläubigen Reigen tanzt.

Täglich ging ich zum Tisch des Herrn. Das Gefühl dankbarer Liebe, das mich beim heiligen Abendmahl durchrieselte, ist unbeschreiblich; meist war ich in Tränen gebadet. Unterdessen taten mir die Dämonen alles mögliche Leid an, am Körper sowohl wie am Geist, und durch mehrfache Versuchungen, die sich aber von den früheren dadurch unterschieden, daß sie nicht mehr die Kraft besaßen, mich so häufig zu verwirren. Ueberdies fühlte ich mich jetzt widerstandsfähiger gegen ihre Einflüsterungen.

Als ich eines Tages niedersaß, bemerkte ich am Ende eines Wandelganges ein schreckliches Tier in der Gestalt und Größe eines Löwen; seine Augen funkelten gleich Kerzen. Damit wollte man mich hindern, an den Ort zu gehn, wo ich der inneren Prüfung oblag.

Wie ich das Untier erblickte, nahm es sogleich seinen Lauf auf mich zu, als wollte es mich verschlingen; es drang in die Laube, fiel über mich her, setzte eine Klaue auf meine Brust und stierte mich aus gräßlichen Augen an. In dieser Stellung verharrte es einige Zeit. Mich erfaßte gewaltige Furcht; doch wartete ich regungslos und auf den Herrn vertrauend, was er über mich verhängen würde. Der Teufel gewann nicht das Geringste bei diesem Versuch; denn am nächsten Tage kehrte ich zur gleichen Stunde an denselben Ort zurück und empfing, wie zuvor, die Erleuchtung in Gott, die mir die hohe Reinheit offenbarte, zu der ich berufen sei.

Während der ganzen Zeit traf mein lieber Pater die trefflichste Fürsorge, daß ich die mir von Gott gewährte Frist recht brav verwende. Ich erledigte also meine Generalbeichte, und darnach fuhr Unser Herr in Seiner Güte fort, mich weiter mit der Begierde zu erfüllen, daß ich mich Ihm gänzlich hingäbe. Freilich sah ich noch ungemessene Hindernisse; doch war ich voll guten Willens.

War ich von Ergebung trächtig, so wurde mir's spielend leicht, mich zu überwinden; hörte aber dieser Zustand auf, so war auch der alte Adam wieder da, und der Mut zur Bekämpfung meiner Neigung blieb mir aus. Ich schmeichelte mir ungemein mit meiner schwächlichen, ungesunden und verzärtelten Anlage; daher brachte ich nicht Kraft genug gegen mich auf. Meine Feinde schöpften hieraus wieder ihren Vorteil; sie verwirrten und quälten mich sehr. Ich wußte nicht, wie ich mich in Zukunft ihrer Nachstellungen würde erwehren können.

Eines Tages rang ich sehr heftig mit schamloser Versuchung und trat vor das hochheilige Sakrament, um zum Herrn um Befreiung und Mitleid zu beten. Doch wuchs die Versuchung immer gewaltiger. Als die Nacht hereinbrach, war ich völlig ratlos; denn ich stand große Angst aus vor der schamlosen Lüsternheit des verfluchten Isaakaaron. Schließlich ging ich zu Bett und wälzte mich in Pein auf dem Lager, bis ich mich wieder zum Aufstehn entschloß. Dies geschah ungefähr um Mitternacht, und ich trat vor das heilige Sakrament, um mir Kraft zur Besiegung des Versuchers zu holen.

Als ich dort einige Zeit verweilt hatte, fiel ich in sanften Schlummer, und mir schien, als sah' ich im Schlafe ein kleines Kind; das sprach zu mir: »Du wirst dein Fleisch nur überwinden, wenn du dagegen ankämpfst; denke nicht, daß Gott in einer weichlichen Natur, die ihre Bequemlichkeit haben will, immer Wohnung nehmen wird; willst du Ruhe haben vor deinen Feinden, so mußt du sie mit schärfster Buße bekämpfen und alle Sorge deiner selbst hinter dich werfen!«

Obgleich mir die Erscheinung im Schlafe ward, ergriff mich doch Verwunderung. Ich schwankte in meinen Entschlüssen hin und her. Den ganzen übrigen Teil der Nacht verbrachte ich vor dem heiligen Sakrament und überlegte in einem fort, was ich gesehn und gehört hatte; und weil ich aus Besorgnis vor Pein und in eingebildeter Furcht dem Willen Gottes nicht nachgab, so gewann der Dämon wieder die Oberhand. Er blies mir ein, es sei nur ein Traum gewesen, auf den ich nichts zu geben brauche; außerdem sei ich zu kränklich und zart gebaut, ich könne daher die Ableistung einer besonderen Buße nicht unternehmen. Also achtete ich jene Erleuchtung nichts wert.

Ich vermochte nun nicht mehr zu beten, meine Einbildung fuhr ausschweifend umher, und ich war nicht mehr frei, über die Ereignisse meines Daseins nachzudenken. In diesem Zustande blieb ich über eine Woche, obgleich der Pater mit mir Beschwörungen vornahm. Aeußerlich konnte er mir die Freiheit nicht wieder verschaffen; innerlich hatte ich sie zeitweilig, doch sie diente mir nur zu neuer Qual, um so mehr, als ich nach außen hin von ihr keinen Gebrauch machen konnte. Es kam mir vor, als stände ich mehr denn je unter dem Joch der Dämonen und könnte ihm nie entrinnen. Das verursachte mir tiefste Traurigkeit.

Die verfluchten Geister stellten mir alle guten Regungen vor Augen, die Gott mir gewährt hatte, und all mein brennendes Verlangen nach Seiner Liebe. Darnach malten sie mir den Jammer einer Seele, der vielerlei Erleuchtung und Gnade zuteil ward und die nun ins ewige Verderben stürzt. Sie zeigten mir deutlich, wie ich meiner Sünde und Untreue halber zur Zahl der letzteren gehöre. Da sie mich nun arg verwirrten, hinderten sie mich zu überlegen, was mir etwa Hoffnungen gewähren könne; schließlich setzten sie mir in den Kopf, ich sei doch schon verdammt und von Gott geschieden, worüber ich in wahnwitziges Schreien verfiel.

Alle, so mich schreien hörten, waren des Mitleids voll, da sie meine äußerste Pein mitansahn. Ich könnt' es nicht lassen, zu rufen: »Warum mußte ich Gott erst erkennen und Ihn dann verlieren? Besser wär's gewesen, ich hätte nie von Ihm reden hören.« Wollte der Pater mich in solchem Zustand trösten, fand er mich vollständig unfähig, und meine Tränen flößen nur reichlicher. Wollte er mich zum Gebet bewegen und näherte er das heilige Sakrament meiner Brust, so war's mir unerträglich. Ich floh die Gegenwart des Herrn.

Der Ueberschwang meiner Qual blieb weiter bestehn, da mir Gott gleichzeitig eine heftige Liebe zu Sich und eine Begierde nach Seinem Besitz einflößte. Andrerseits beredeten mich die Dämonen, Gott habe mich aufgegeben und ich würde Sein nimmer genießen. Diese Zwiespältigkeit der Gefühle brachte es hervor, daß ich manchmal Gott lobpries, manchmal aber gegen ihn murrte und Lästerungen ausstieß.

Die Eindrücke von all dem wirkten in meiner Seele so gewaltsam, daß ich wohl in Wahrheit sagen darf, ich habe damals die höllischeste Pein aller Verdammten gelitten, und die besteht darin, daß man des Angesichts Gottes beraubt wird. So also verspürte ich gleichzeitig das höchste Liebesverlangen nach dem Angesicht Gottes und glaubte meiner Sünden halber dazu verdammt zu sein, ihn nie in Liebe zu schauen.

Diese Folterqual reinigte gewaltig mein Herz und währte an acht Tage. Sie brachte mir die Entschließung, mein ganzes Leben dem Herrn zu Füßen mit der Beweinung meiner Sünden hinzubringen.

Da der Herr mir indessen den Rat gegeben hatte, seinen Willen zu erfüllen, so erregte er mir eines Tages unter dem Gebet die Begierde, mich rückhaltlos in ein strenges Büßerleben zu stürzen.

Ich verspürte sogleich herrlichen Mut in meinem oberen Teile; im unteren jedoch erhob sich gewaltiger Widerstand gegen diesen Plan. Mir schien's, als wollt' ich Unmögliches unternehmen, wegen der Schwachheit meiner Natur. Nichtsdestoweniger faßte ich den Entschluß, mit Pater Surin davon zu reden, allerdings nachdem ich reiflich über mich nachgedacht und den sich widerstreitenden Regungen der Gnade und meiner Natur nachgefühlt hatte. Ich ließ also den Pater holen, und er sprach zu mir: »Ich glaube, Gott wünscht, daß du Seiner Eingebung Folge leistest; niemals wirst du zur wahren Freiheit im Geist durchdringen, denn durch dieses Mittel; ich sehe ein, daß dir die Beschwörungen nicht sonderlich nützen; wenn du mutig an die Abtötung der Leidenschaften herantrittst und dich der wahren Tugenden befleißigst, so gebe ich der Hoffnung Raum, daß du bald aus aller Verwirrung erlöst, ja der Besessenheit los und ledig sein wirst!«

Bei diesen Worten hüpfte mein Herz vor Freude, und da ich anfing, Zutrauen zum Pater zu fassen, weil er um mein Seelenheil so besorgt war und weil Gott mein Inneres erleuchtete, so bat ich ihn also mit größter Hingebung, er möchte mir recht helfen, den Himmel zu gewinnen. Von da ab überließ ich mich völlig seiner Leitung und faßte den festen Entschluß, ihm in allem und jedem gehorsam zu Willen zu sein. Gott gewährte mir auch in Seiner Güte die Gnade, daß ich diesen Entschluß aufrecht erhielt, so lange ich seiner Leitung unterstand, wenn auch oftmals nur mit großem Widerwillen.

Der gute Pater war sehr erfreut, mich in meinem Entschluß so stark zu sehn, doch stieß er auf heftigen Widerstand von selten der Dämonen. Das machte ihn aber nicht weiter verlegen, nun er sich als Herrn meines Willens betrachten durfte. Kurz, da der gute Pater mich in so vortrefflicher Stimmung erblickte, benutzte er klüglich die Frist, die ihm Gott zur Erbauung meiner Seele gewährte. Er prüfte alle ihre Regungen und begann damit, mir gegen seine Gewohnheit Aufschlüsse über das innere Leben zu erteilen.

Unterdes fuhr der Herr fort, mich über die Handhabung der Tugenden zu erleuchten.

Eines Tages kam es mir während des Gebetes so vor, als ließe mich der Herr den Zustand schauen, den meine Seele in Seinen Augen besaß. Dieser war zwar nicht ganz und gar abscheulich, nichtsdestoweniger aber so voller Schmutz und Flecken, daß Gott ihn kaum anders als mit zornigem Blick ansehn konnte. Darüber war ich ziemlich bestürzt; um so mehr, als ich schon immer Besorgnis hegte, meine Generalbeichte nicht ordentlich abgelegt zu haben.

Ich hielt mich für ohnmächtig, mehr zu leisten, worauf, wie mir schien, eine innerliche Stimme sprach: »Denk' nicht mehr an die Beichte, es sei denn, um deine Sünden zu beweinen; du tatest hierin nur Meinen Willen; die Flecken und der Rost, die du jetzt erblickst, sind keine Sünden, sondern vielmehr dein besonderer Hang, schlechte Gewohnheit und Neigung, welche du austilgen mußt mit Gewalt, wenn du angenehm willst sein vor Meinen Augen!« Da hob sich mein Mut schnell, und ich beschloß, nimmer Obacht zu geben auf die Schwachheit meiner Natur und mich ein für allemal Gottes Fügung gänzlich hinzugeben.

Ich berichtete mein Erlebnis natürlich allsogleich dem Pater Surin; denn ich war jetzt auf dem besten Weg, ihm treuherzig alle meine Gedanken zu verraten. Er nahm die Gelegenheit wahr, mir zu sagen, jetzt oder nie sei der Augenblick da, meinen Wandel zu ändern; Beten und Abendmahl und reichliches Beweinen meiner Sünden sei nicht genug; ich müßte in Zukunft alle schlechten Neigungen bekämpfen; er gebe nicht länger zu, daß ich mit dem Dämon in mir äugle; wenn ich endlich mit meinem Wesen zur Eintracht kommen und alle Entgleisungen wieder einrenken wolle, so müsse ich mich eben vor allen Störungen gänzlich kasteien.

Ich kann nicht sagen, wie ich erschrak, als ich solche Rede vernahm. Ich hielt das für ganz unmöglich. Da es aber mit den verschiedenen Regungen, die Gott mir über den Gegenstand gewährt hatte, im großen und ganzen übereinstimmte, so willigte ich nichtsdestoweniger gern in den Vorschlag des Paters und versprach ihm, mich so treu wie nur irgend möglich erzeigen zu wollen. Ich bat ihn um allen denkbaren Beistand, selbst um gewaltsame Beugung meines Willens, wenn er wieder sollte ausweichen wollen.

Die Wut der Dämonen über diesen meinen Entschluß und die Widerstände, die sie auftürmten, lassen sich gar nicht beschreiben. Niemals führten sie den Kampf so mit offenem Visier, wie damals. Ihre Versuchungen kehrten mit stets doppelter Gewalt wieder, und hätte mich Gott nicht in besonderer Gnade aufrecht erhalten, ich hätte alles hingeworfen.

Ich wurde also durch die Gnade Unsers Herrn gefestigt in dem Entschluß, mich selbst von allen Störungen zu befreien und die Dämonen nicht mehr als ihre Urheber zu betrachten. Ganz mit Recht blieb ich fest in dieser Ansicht; denn als ich meine Neigungen recht geprüft und die Absichten der Gnade ein wenig erfaßt hatte, erkannte ich bald, daß das Uebel von mir ausginge und daß meine Feinde sich nur des von mir selber gelieferten Stoffes bedienten.

In dieser Erkenntnis unterstützte es mich sehr, daß mich Pater Surin allabendlich eine Stunde im Gebet verbringen hieß, damit ich die Seelenregungen unterscheiden lerne. Die Methode, die er mich bei dieser Prüfung anwenden ließ, bestand darin, daß ich mich Gott darbot und Ihn bat, mir meine Pflichten zu offenbaren; darauf sollte ich mich dann in andächtige Betrachtungen versenken über die Beweggründe meiner Handlungen. Ich bekenne hier feierlich, daß Gott ein erhabener Meister ist, der die Seelen recht unterrichtet nach Seinem Wohlgefallen.

Es ist ganz unmöglich, hier die reichliche Erleuchtung zu beschreiben, die mir die göttliche Güte während solcher Stunden zuteil werden ließ in bezug auf die Tugenden und insonderheit die Mißgriffe im geistlichen Leben, so man begeht mangels einer guten Grundlage. Unser Herr ließ mich all die geistige Unreinheit schauen, die gleichsam in allen Handlungen des Lebens vorherrscht. Mir schien's, als lehrte mich mein göttlicher Heiland in solchen Stunden, wie ein hingebungsvoller Lehrer seinen Schüler unterrichtet.

So also verwandte ich die Stunden der Prüfung, und folgenden Tags legte ich dem Pater Rechenschaft ab. Er wunderte sich sehr, die Gnade so kräftig und dringlich in meiner Seele zu sehn. Die Dämonen machten natürlich gewaltige Anstrengungen, um die Uebungen zu hintertreiben; indessen Gott vertrat ihnen den Weg. Zuweilen erregten sie mir so heftiges Entsetzen, daß ich auf dem Punkt war, alles hinzuwerfen; sogleich aber verspürt' ich wieder die obere Gewalt, die mich anhielt.

Einmal nahm so ein verfluchter Geist die Gestalt eines großen feuerschnaubenden Drachen an. Nüstern und Augen sprühten ihm gleich Kerzen, und er kam wie eine Windsbraut herangesaust und fiel über mich her. Er schlug mich schändlich, riß mich zu Boden und stieß Schmähungen über mich aus. Der Herr aber in Seiner Barmherzigkeit gab mir Beharrlichkeit ein, und ich fuhr ruhig fort in meiner Seelenprüfung. Mehrfach passierte mir noch ähnliches, was ich jedoch mit Stillschweigen übergehe.

Ich will dagegen berichten, wie ich in meiner eigenen Natur zu kämpfen anhub gegen die Dämonen, die mich besaßen, und wie ich mich vor allen Störungen kasteite. Mit Hilfe meines Paters war ich zunächst bestrebt, hinter all die Schliche zu kommen, auf welche sich die verfluchten Kreaturen in mir Verlegt hatten, und dann bis ins Kleinste alle meine Neigungen zu erforschen, die ihnen für ihre Zügellosigkeit als Handhabe dienten. In Wahrheit, ich hatte nicht wenig zu schaffen, mich gegen ihre Kunstgriffe zu verteidigen; denn sie hatten sich meiner Natur so genau angepaßt, daß, wollte man nicht größte Gewalt anwenden, eigentlich ein Dämon und ich ein und dasselbe Ding waren.

Leviathan, der Häuptling der mich besitzenden Dämonen, bediente sich besonders meiner Selbstgefälligkeit. Ich wollte nämlich aller Welt angenehm sein und meine schönen Anlagen geschätzt wissen. Daher stärkte er meinen Hochmut und schürte bei mir immer die gute Meinung von mir selbst. Ich nährte in mir die Hoffnung, ich müsse es noch zu etwas Großem bringen, und dachte sogar daran, meinen Orden zu verlassen und irgend eine Würdenträgerin zu werden. Tausend andre Eitelkeitspläne hegte ich noch, alles unter dem Vorwande, Gott zum Ruhme und den Seelen zum Heile tätig zu sein. Der Geist der Hoffart beherrschte mich so nahezu unzähmbar. Beständig benahm ich mich herablassend und geringschätzig und hatte für alles Hohn und Spott. Andre Menschen betrachtete ich überhaupt als unter mir stehend.

Die Kampfmethode, die ich nach Ansicht des Paters diesem Hochmutsgeist gegenüber einschlagen sollte, bestand in unaufhörlichen Handlungen der Erniedrigung; ferner darin, daß ich mich zahlreichen und schweren Beschämungen aussetzen mußte. Er selbst bot mir oft die nötigen Anlässe dazu, in Gegenwart der Schwestern, ja sogar der Weltlichen. Letzteres war mir bedeutend peinlicher; doch war ich so vom Willen Gottes durchdrungen, daß ich gar nicht die Freiheit besaß, mich zu beklagen.

Ein Wunsch lag mir außerordentlich am Herzen; ich hätte, mit Erlaubnis meiner Vorgesetzten, für den Rest meiner Tage Laienschwester sein mögen, nur um mir jede Aussicht auf zukünftige Größe zu benehmen. Ich befliß mich soviel als möglich, mein Aeußeres zu wandeln; ich unterließ mancherlei affektierte Sauberkeit, an der ich sonst Gefallen fand, und gab mich in der Unterhaltung recht einfach.

Der Pater verwandte mich zu den niedrigsten Diensten und stellte mich unter die Obhut der Schwester Küchenmeisterin; er erteilte ihr besonderen Befehl, mich zu allen schmutzigen Arbeiten anzuhalten, und da sie sehr gehorsam war, so befolgte sie das in großer Einfalt; ja, wenn ich etwas falsch gemacht hatte, legte sie mir noch obendrein besondere Bußen auf. Der verfluchte Geist widersetzte sich oftmals heftig den Erniedrigungen und flößte mir zuweilen solchen Ekel ein, daß ich nicht aus noch ein wußte.

Eine der größten Strafen bestand darin, daß ich meinen Geist zwingen und ihn verhindern mußte, sich mit erhabenen Gedanken und merkwürdigen Fragen, an denen ich so großes Gefallen fand, zu beschäftigen. Bei meiner eingewurzelten Gewohnheit ertappte ich mich oft auf Fehlern, namentlich im Gebet. Hätte Gott mir nicht Seine Gnade gewährt, so hätte ich mich viel eher dabei beruhigt, nur während der Erbauung zu grübeln; so aber trat ich vor Gott hin, innerlich beschäftigt mit einigen Szenen aus dem Leben des Heilands und den Anblick meiner Mängel Ihm darbietend. Lag ich ganz allein im Gebet, so versuchte der Dämon, mich nach Möglichkeit von eitlen und unnützen Merkwürdigkeiten zu unterhalten. Das bekümmerte mich tief; denn ich sah wohl, daß ich meine ganze Andacht verlor lind tausend eitlen Gedanken nachhing.

Der Pater verbot mir daher jedes Hinundherüberlegen während des Gebetes; er meinte, wenn mich Derartiges anwandle, so sollte ich es, je nachdem sich mein Herz von Gott gerührt fände, mit schmerzhaften oder Liebeshandlungen versuchen. Mir lag daran, dieser Anweisung getreulich nachzukommen.

Der Dämon ließ mich seinerseits alle Augenblicke die Wut empfinden, die in ihm tobte. Eines Tages hatte der Pater, seiner Gewohnheit nach, in einem kleinen Sprechzimmer das Gebet mit mir begonnen; der Gegenstand der Erbauung war gerade vorgeschlagen worden, als er in etwelchen Geschäften abgerufen wurde. Er zog sich nun so leise zurück, daß ich's gar nicht merkte. Mein Herz kam mir indes während des Gebets wie verdorrt vor, und nur mühselig könnt' ich einen guten Gedanken erhaschen.

Als ich diesen meinen Zustand sah, bat ich den Pater, dicht neben mir zu beten, wie er es oftmals tat, wenn ich nicht allein fertig werden konnte. Der verfluchte Leviathan nahm sofort seinen Vorteil wahr, ahmte ganz natürlich die Stimme des Paters nach und begann, mir die einzelnen Sätze ins Ohr zu raunen. Langsam blies er mir nun allerhand Selbstgefälligkeiten ein und erregte kuriose Gedanken in meinem Begriffsvermögen, so daß über die Mysterien der Erbauung eitel weltliche Streiflichter fielen. Ich bemerkte die Wandlung und sagte zum Dämon, in der Meinung, mit dem Pater zu sprechen, ich könne mein Gebet nicht fortsetzen, ich sei sehr weit entfernt von dem Stadium der Erniedrigung, das Gott verlange.

Der Hochmutsgeist gab mir darauf den Bescheid: »Es ist nicht gut, immer in der Tiefe zu verweilen; man muß sich auch über sich selbst hinausschwingen, um die göttlichen Dinge zu betrachten; du verharrtest lange genug im Angesichte deines Elends; nun ist es an der Zeit, ihm zu entrinnen!« Diese Rede verwunderte mich sehr, um so mehr, als sie weit entfernt war von den Ideen, die der Herr mir eingegeben hatte.

Zur gleichen Zeit aber ließ Seine Güte in mir die Besorgnis, genarrt zu werden, erstehen; deshalb versetzte ich dem Dämon, diese Art von Gebet wäre mir nicht eigen, meine Leidenschaften seien noch nicht bezwungen, und kurz, von mir aus würde ich mich nicht ändern. Der Hochmutsgeist erwiderte mir: »Nicht dir ziemt es zu wissen, was dir gut ist; ich will, daß du diese Erleuchtung ohne Nachprüfung befolgest!«

Je mehr er auf mich einredete, je mehr wuchs meine Furcht. Plötzlich kam mir die deutliche Vorstellung, der da mit mir spräche sei einer meiner Feinde, der mich in der Gestalt meines Beichtigers irreführen wolle. Daher schöpfte ich wieder etwas Mut und sprach zum Dämon mit Nachdruck: »Ich erkenne dich nicht als meinen geistlichen Vater an, du bist ein Gott feindlicher Teufel; mit deinen Erleuchtungen habe ich nichts zu schaffen; ich verharre meinem Heiland zu Füßen, um meine Sünden zu verfluchen; das ist die geistige Erhebung, nach der ich strebe!«

Der Dämon geriet nun in eine so erschreckliche Raserei, daß sie unbeschreiblich ist. Er schlug mich mit solcher Gewalttätigkeit, daß ich vermeinte, auf der Stelle sterben zu müssen. Hernach blieb mein Geist in großer Ruhe, und Unser Herr stärkte ihn gewaltig in der Uebung des Gebets. Er flößte mir lebhaftes Verlangen ein, mich dessen zu befleißigen. So faßte ich den Entschluß, alle Zeit darauf zu verwenden, die ich nur irgend könnte. Ja, vom Schlaf wollte ich, mir ein oder zwei Stunden absparen und sie dem Gebet widmen. Auf seiten meiner Feinde fand ich natürlich bedeutenden Widerstand gegen diese Entschließung; aber der Herr in Seiner Güte gewährte mir Gnade, daß ich siegte,. und ein wenig später waren meine Feinde gezwungen, mich nach dem Geheiß Gottes freizulassen.

Der zweite Dämon, den ich zu bekämpfen unternahm, war der schamlose Isaakaaron. Sein Handwerk war, mir ohn Unterlaß den Fleischesstachel zu geben; er erhielt mich in meinem weichlichen, verzärtelten und sinnlichen Wesen, das sich, gestützt auf seine Schwachheit, noch gar selber schmeichelte, so daß ich immer auf Federbetten schlief.

Dieser Feind aller Reinheit tat mir fast allnächtlich abscheuliche Dinge an. Unablässig trieb er mich, alle Bequemlichkeiten zu suchen, die ich mir nur irgend ehrlicherweise gönnen durfte, ohne der Gemeinschaft ein Aergernis zu geben. Anfänglich dacht' ich hierüber nicht sonderlich nach, weil ich glaubte, es wäre dies allen Personen von meiner Schwäche und Kränklichkeit ohne weiteres gestattet; aber Unser Herr ließ mich bald merken, daß Er andre Erwartungen betreffs meiner hege, und daß ich die Sorge um meine Gesundheit und mein Leben gänzlich ihm zu überlassen habe.

Eines Nachts erhob ich mich zum Gebet, da ich aufs schwerste von unanständigen Vorstellungen geplagt wurde. In diesem Zustand warf ich mich vor dem Herrn nieder und betete zu Ihm, Er möge mich wissen lassen, was Er in solchem Drange von mir begehre. Ich versprach Ihm auch, alles, was in meiner Macht stände, zu vollbringen.

So verharrte ich einige Zeit in dieser Haltung, schrie um Erbarmen und flehte zur heiligen Jungfrau und zum glorreichen Vater, dem heiligen Joseph, sie möchten zu meinen Gunsten einschreiten. Da sprach es inwendig zu mir: »Meinst du, du fändest die Reinheit in weichen Lotterbetten, oder die Keuschheit ließe sich bewahren in der Zartheit dieses Leibes? Wisse denn, du mußt dir Tugend erwerben in harter Arbeit zur Vergeltung der Schmach, die Gott täglich angetan wird in deinem Leibe; du bist Sein Tempel; du sollst ihn reinigen, auf daß Er darin wohne!«

Diese Worte machten auf meinen Geist solchen Eindruck, daß ich beschloß, mit rechtem Vorbedacht den Krieg gegen mich selber zu führen. Deshalb begann ich auf der Stelle die Disziplin der Kasteiung und versprach dem Herrn, keinen Tag ohne Bußübung zu verbringen, außer wenn der Gehorsam selbst mich daran verhindere.

Nachdem ich mir ungefähr eine Stunde lang die Geißel gegeben hatte, überlegte ich die Worte, die ich gehört. Ich fand, ich sei vollkommen frei von aller Unreinheit. Doch meinte ich, der Herr wünsche nicht, daß ich hierbei schon stehn bliebe, daß er vielmehr wolle, ich solle mich mit der gleichen, ja größeren Sorgfalt züchtigen, als ich früher auf meine Pflege verwendet hätte. Ich blieb also entschlossen, auf jede geringste Entgleisung, innerlich wie äußerlich, sofort mit einer Züchtigung zu antworten.

Folgenden Tags in der Frühe verfehlte ich nicht, meinem Beichtvater das Ereignis und meine gefaßten Entschlüsse zu berichten, worüber er sich sehr verwunderte. Anfangs hatte er um meiner Schwäche willen Bedenken, doch, nachdem er die Sache Gott anbefohlen, ließ er mir volle Freiheit, zu tun und zu lassen, was mir gut schien. Ich bat ihn inständig, mich bei diesem Unternehmen recht zu unterstützen und keinerlei Rücksicht auf den Widerwillen zu nehmen, den ich etwa vor der Buße hegen sollte. Er versprach mir auch seinerseits allen möglichen Beistand und hielt seine Zusage getreulich. Schließlich wäre ich in den langwierigen und scharfen Kämpfen, die ich mit meinen Feinden zu bestehn hatte, doch wankend geworden, hätte der gute Pater mir nicht Geist und Gemüt gestärkt.

Der Erlaubnis des Paters entsprechend entfernte ich mein Federbett und tat Bretter an seine Stelle, mit meinem Leinenzeug darüber. Das war ein ganzes Jahr lang meine Lagerstatt, bis auf einigemal, wo ich mich nicht wohl befand. Die Dämonen verursachten mir nämlich in der Zeit mehrfache Krankheiten, die aber so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.

Ich bin nicht imstande, alle die Ränke herzuzählen, die sie erdachten, um mich von meinem Vorhaben der Fleischesabtötung abzubringen. Ich überstand in dieser Frist heftige Anwandlungen von Ekel und verschiedene Versuchungen. Meine Feinde verübten an meinem Leibe entsetzliche Grausamkeiten und setzten meinem Geist in toller Raserei zu.

Als Isaakaaron einsah, daß ich in meiner Lebensweise verharrte, eröffnete er das Feuer aus einer andern Stellung. Er bearbeitete mich nicht so sehr des Nachts, als vielmehr am Tage, und ließ mir gewissermaßen gar keine geistige Freiheit mehr. Er hielt mir Sinne und Einbildung auf so abscheuliche Dinge gerichtet, daß ich in tiefe Traurigkeit verfiel. Zu meiner Verteidigung hatte ich fast stets die Geißel in der Hand; sechs oder siebenmal am Tage wandte ich sie an, und jedesmal recht lange. Das ganze Jahr hindurch habe ich sie mir täglich nie weniger als dreimal gegeben, und zwar mit solchem Nachdruck, daß mir für gewöhnlich das Blut nur so hinunterlief. Hätte Gott mir nicht Seinen besonders gnädigen Beistand gewährt, so hätte ich diesen Kampf nicht einen Monat bestehen können. Aber der Herr ließ mich klar schauen, was er von mir begehrte; denn wenn ich mich bis auf die Knochen zerfleischt hatte und vermeinte, ich könnte wegen meines körperlichen Zustandes die Disziplin nicht fortsetzen, da war ich mit einem Male wieder von den Wunden gänzlich geheilt. Stets bot ich Gott meinen Willen dar und mein Verlangen nach Bekämpfung der Feinde. Darum heilte mich des Herrn Hand.

Was ich hier erzähle, ereignete sich ohne Uebertreibung mehr denn zweihundert Male, und ich bekenne zum höhern Ruhme Gottes, daß Seine Güte nie müde ward, mir Waffen gegen die Feinde zu reichen, seit mein Entschluß einmal gefaßt war. Die Gewalt, die mir der verfluchte Geist antat mit der Unreinheit und dem über alle Mäßen brennenden Feuer der Lüsternheit, nötigte mich sieben- oder achtmal dazu, mich halbe Stunden lang auf glimmender Kohle zu wälzen, um nur jenes andre Feuer zu ersticken, dergestalt, daß ich am halben Körper geröstet war. Wieder andre Male brachte ich bei Winterfrost einen Teil der Nacht ganz entkleidet im Schnee zu oder in einer Kufe voll eiskalten Wassers.

Ich muß gestehn, daß meine Natur unter diesen Kämpfen außerordentlich litt und daß ich oft zu sterben vermeinte. Andrerseits aber gewährte mir Gott so viel innere Stärke und so hohen Mut, daß mir Seine Willensmeinung hierin nicht zweifelhaft sein konnte. Außerdem also legte ich mich oft auf Dornen, so daß ich ganz zerrissen und zerkratzt war. Wieder ein andres Mal wälzte ich mich auf Nesseln oder brachte Nächte damit hin, meine Feinde zum Angriff herauszufordern, indem ich ihnen in einem fort versicherte, ich sei fest entschlossen, mich mit der Gnade Gottes zu verteidigen.

Der dritte Dämon hieß Baalam. Er machte mir viel zu schaffen, und ich hatte um so mehr Grund, seine Tätigkeit zu fürchten, als sie mit meinen Anlagen übereinstimmte und weniger gefährlich aussah. Er brachte mir eine gewisse natürliche Heiterkeit bei und schürte eine beständige Lust nach Spässen, falls er mich nicht gänzlich besetzt hielt. Zu äußeren Gewaltsamkeiten drängte er mich weniger; nur vertrödelte ich unter ihm meine Zeit leichtsinnig und ohne Sammlung. Er veranlaßte auch eine starke Zerstreutheit meiner Einbildungskraft, die mir sehr schädlich war; denn solche Stimmung war recht entfernt von der, die ich als gottgefällig erkannt hatte. Also befand ich mich in qualvoller Verlegenheit um ein Heilmittel.

Ich betete zum Herrn, Er möge mir Seinen Willen hierüber kund tun. Auch vom Pater Surin verlangte ich Heilmittel zur Abwendung dieser seelischen Gefahr; denn ich erkannte ganz deutlich, wie die Andachtsgefühle verblaßten, die der Herr mir gewährte, und wie die Einkehr in mich selber gehemmt war. Die Erfahrung hatte mich allerdings bei verschiedenen Gelegenheiten gelehrt, daß sich die Heiterkeit durch Geißelung töten ließ, doch nicht für lange Dauer; denn sobald sich ein passender Anlaß zur Fröhlichkeit bot, ließ ich mich allsogleich hinreißen. Es war unmöglich, den ganzen Tag mit der Disziplin hinzubringen.

Es drängte mich, wieder meine Zuflucht zum heiligen Joseph zu nehmen. Ich wußte, dieser Heilige war der geschworene Feind des verfluchten Geistes. Also bat ich ihn um Mittel zur Befreiung aus den Schlingen des Dämons.

Als ich eines Tages im Gebet lag, erfaßte mich wieder diese spaßhafte Stimmung mit aller Gewalt. Ich glaube, daß ich leider schon gleich zu Beginn schwach war im Widerstreben. Die geringe Aufmerksamkeit, die ich mir selber schenkte, bot meinem Feinde willkommenen Anlaß, mich ganz zu verwirren. Er hieß mich unmäßig essen und trinken und dazu erkleckliche Trinklieder singen. Ich nahm mein Gestörtsein wahr und konnte mich doch nicht daraus befrein. Mir schien's, als sei nur meine eigene Nachlässigkeit daran schuld, und als würde ich's noch bitter büßen müssen. Trotz alledem war diese Ueberlegung nicht imstande, mich aufzurütteln, geschweige denn mich daran zu verhindern, daß ich eine große Anzahl von lächerlichen und ausschweifenden Handlungen beging.

Als die Stunde zur Beschwörung da war, fand mich der Pater noch in solcher Verwirrung. Er hatte schwer zu arbeiten, um mich frei zu bekommen, was ihm aber schließlich durch die Tugendkraft des heiligen Sakramentes gelang.

Ich war recht bestürzt, mich in einem Zustande so häßlicher Gestörtheit zu befinden, ohne irgendwie Ordnung schaffen zu können. Auch als ich nächtlicherweile zum Gebet vor das Angesicht Gottes trat, stiegen die Eindrücke des verflossenen Tages in mir wieder hoch, und zwar in so lebhafter Einbildung, daß ich mich kaum Gottes gewärtig halten konnte. Keinerlei Gebetsthema oder frommes Gefühl vermochte ich festzuhalten.

Längere Zeit verbrachte ich so. Als ich aber einsah, daß die Sache andauerte und die Umneblung sich nicht verscheuchen ließ, entschloß ich mich, zu einer Geißelung vor das heilige Sakrament zu treten, was ich auch ausführte.

Ich sollte meinen, daß ich mich wohl an zwei Stunden geißelte; denn mein Entschluß stand fest, nicht abzulassen, bevor mir der Herr nicht die Gnade gewährt hätte, meinen Widersacher zu überwinden. Seine Güte gewährte mir bei dieser Gelegenheit viel Stärke; denn nach langem Ringen entwich der verfluchte Geist endlich aus meinem Haupte. Er stellte sich mir in der Gestalt eines großen Hundes dar, heulte und winselte jämmerlich und stieß ein grausiges Gebrüll aus. Er schmähte mich und drohte mir mit der Zukunft. Der Herr gewährte mir nun die Gnade, daß ich in tiefer Andacht und Seiner gewärtig mein Gebet vollendete.

Nun blieb noch die Angst, rückfällig zu werden ohne Kenntnis der Heilmittel, die der Herr in diesem Fall angewandt wissen wollte. Die Hemmnisse, die der verfluchte Geist dem Gebet entgegensetzte, hatte ich klar erkannt; also wandte ich mich an meinen glorreichen Vater, den heiligen Joseph, um durch seine Vermittlung den Dämon zu bezwingen. Einerseits erwog ich, daß die heitere Lebendigkeit meines Geistes dem Schalksdämon Sprungkräfte gab und mich hinderte, die Beschaulichkeit zu genießen, mit der mich Unser Herr zu begnadigen anfing; andrerseits fürchtete ich, infolge der Zurückhaltung in Melancholie zu verfallen, um so mehr, als ein andrer Dämon mit Namen Behemot sein Möglichstes tat, mich soweit zu bringen.

In dieser Ratlosigkeit also wandte ich mich an den heiligen Joseph und bat ihn um Beistand in dieser Bedrängnis, die ich für meinen geistlichen Fortschritt als äußerst bedenklich ansah.

Eines Nachts, als ich im Gebete lag, fühlte ich wieder das Nahen des unglückseligen Dämons. Ich machte mich sogleich mit der Geißel empfangsbereit. Damals wurde ich infolgedessen nicht weiter belästigt. Aber ein oder zwei Tage darauf entschloß sich der Dämon, mich zu ermatten und mich dem Vorsatz, keinerlei Unordnung mehr in mir zu dulden, wieder abspenstig zu machen. In der Tat bemächtigte er sich von früh morgens an meines Kopfes und entfesselte mir eine so zügellose Phantasie, daß sie gar nicht zu bändigen war. Alle Augenblicke lachte ich grundlos, stand überhaupt unter dem Zwange, fortwährend Witze zu reißen. Indessen war die Störung nicht so bedeutend, daß ich mich nicht hätte zurückhalten können.

Dieser Dämon lag auf der Lauer, mich zu überrumpeln, und wartete beständig auf den Augenblick, wo ich einen Fehler begehen würde. Zu meinem Schutze ergriff ich die Maßregel, mich gänzlich zurückzuziehn, um nicht in Gesellschaft der andern Besessenen in Gelegenheitsfehler zu verfallen. Ich versuchte es mit dem Gebet, konnte aber damit nicht fertig werden. Schließlich griff ich zur Geißel, um meine Stimmung zu ändern. Nach etwa halbstündiger Mühe merkte ich denn auch, wie mein Kopf allmählich frei wurde; weshalb ich in meinem Beginnen fortfuhr, bis ich mein Gebet in ziemlicher Ruhe vollführen konnte.

Bald darauf faßte mich der Dämon wieder an, was mich sehr betrübte. Ich entschied mich dafür, mit der Disziplin der Geißel wieder von vorn anzufangen; ich tat dies, um dem Dämon nicht zu weichen. Ich wüßte nicht, daß ich den Tag noch zu kämpfen gehabt hätte. Denn, ohne Uebertreibung, ich brachte in verschiedenen Absätzen insgesamt mehr als sieben Stunden mit dieser Disziplin zu.

Als der Pater meine Stimmung sah, hielt er es für gut, mich diesem Kampf ohne tröstliche Beschwörung zu überlassen. Gott erwies mir hohe Gunst im Gebet; er machte, daß ich den Widersacher zu Boden warf, und heilte mich von allen Wunden, die ich mir beigebracht und die nicht geringfügig waren. Das bestärkte mich im Vertrauen und in der Hoffnung, mit der Gnade Gottes meine Freiheit wiederzuerlangen. Nichtsdestoweniger vermeinte ich, ich würde so häufige und angreifende Geißelungen nicht fortsetzen können. Daher flehte ich unaufhörlich zum Herrn, es möge Ihm beim Verdienste des glorreichen heiligen Joseph gefallen, mir Mittel zur Unterwerfung des Dämons und meiner Natur anzugeben.

Als ich eines Nachts vor dem heiligen Sakrament im Gebet lag, fand ich mich wieder in derselben Hemmung. In großer Hingebung schluchzte ich zu Gott auf und bat inständigst um Erlösung vom Zwange.

In solchem Geseufze verharrte ich eine Weile. Dann sah ich ein großes Licht und hörte eine Stimme zu mir sagen: »Der heilige Joseph ist dir gnädig gesinnt, doch mußt du den Dämon in deinem Fleisch schwächen und die allzu große Lebhaftigkeit abtöten durch Buße; ermatte also nicht, sondern harre aus; denn Gott gewährt dir Seinen Beistand!«

Diese Worte stärkten mich ungemein, und ich faßte seitdem den Entschluß, immer irgend ein Werkzeug der Buße bei mir zu tragen. Zu dem Ende ließ ich also mit Erlaubnis meines Beichtigers einen Gürtel mit eisernen Stacheln anfertigen, den ich Tag und Nacht fast sechs Monate hindurch trug, ohne ihn je abzulegen, dergestalt, daß er sich fast ganz in mein Fleisch einbohrte und man Mühe hatte, ihn mir abzuziehn. Außerdem trug ich dreimal in der Woche das härene Büßergewand.

Infolge dieser Kasteiung blieb ich von allen Belästigungen des Dämons verschont, und mein Geist stärkte sich gewaltig. Sobald ich aber in Trägheit erschlaffte, gewann der böse Geist sofort das Uebergewicht und suchte mich zu überrumpeln. Er hätte es noch viel öfter getan, hätte die Güte Gottes mich nicht bewahrt und insonderheit der heilige Joseph mir Beistand geleistet, wie man noch im Verlaufe dieser Geschichte sehen wird.

Der vierte Dämon, der mir zu bekämpfen blieb, war der unglückselige Behemot. Seine gewöhnliche Tätigkeit bestand darin, daß er meiner Seele Gefühle des Hasses gegen Gott einflößte, mich veranlaßte, über die Majestät des Herrn mit Lästerzungen zu reden, mich zu Zorn und Haß gegen die Schwestern reizte und mir endlich eine große Abneigung gegen meinen geistlichen Stand beizubringen suchte. Wenn der verfluchte Geist mich verwirrte, war ich gewöhnlich sehr heftig; ich hätte jeden und mich selber dazu schlagen können; mit den Zähnen zerfetzte ich alle Schleier, die mir in die Hände fielen, in kleine Stücke. Mein Herz war in solchem Zustand so hart, daß mich gar nichts zu rühren vermochte.

Die Bußübungen, die ich zur Bekämpfung dieses Geistes veranstaltete, führten zu keinem Gelingen; im Gegenteil, mir schien, als ob ich Schaden davon nähme, insofern ich in eine seltsame Niedergeschlagenheit geriet, verbunden mit so außerordentlichem Ueberdruß und Ermattung, daß ich jeden Augenblick alles hinwerfen zu müssen meinte. Dieser Dämon raubte mir das Gedächtnis für alle guten Regungen, die mir Gott gewährt; er schürte mein Mißtrauen gegen Seine Güte und meinen Widerwillen gegen alles Geistliche. Ueberdies ward mir das Herz so zusammengeschnürt, daß ich dem Pater keine Rechenschaft über meine Stimmung abzulegen vermochte. Ich ging spärlicher mit Sakrament und Gebet um, zumal mir schien, als müßten alle diese Handlungen doch nur meiner Verdammnis dienen. Obschon ich äußerlich nicht sonderlich gestört war, lag mein Geist doch fast eine Woche lang in diesen Fesseln, und ich wähnte schon auf der Vorstufe zur Hölle zu sein.

Mein Pater war in rechter Verlegenheit, wie er mich leiten sollte, zumal der verfluchte Geist sich nicht im geringsten. stören ließ. Nach drei- oder vierstündiger Beschwörung war sein Widerstand noch so frisch wie zu Beginn. Ja, er tat mir noch größere Gewalt an. Ich sah keinen Weg mehr, wie ich ihn hätte zwingen können, verfiel in große geistige Trübsal und glaubte, nimmer ans Ziel zu gelangen.

Als ich eines Nachts während des Gebets zum Herrn flehte, er möge mir Seinen Willen in dieser Angelegenheit zu erkennen geben, ward mir die innerliche Stimme zuteil, ich solle den Dämon durch Handlungen der Nächstenliebe, Geduld und Unterwürfigkeit bezwingen; damit würde ich zum Ziel gelangen.

Ich suchte nach harmlosen Ablenkungen, um hernach fähiger zum Verkehr mit Gott zu sein und mich aus der Zerschlagenheit loszuringen. Ich bat meinen Pater, er möge meinen Geist nicht allzusehr bedrängen oder meine Natur reizen; denn ich hatte Furcht, wieder in Exzesse zu verfallen. So kam's, daß er fast nichts zu sagen wagte, wenn der Geist wieder einmal in meinem Kopfe hauste, als bis seine Wirkung vorüber war. Das ließ uns viel Zeit verlieren; denn der Dämon versah sich wohl seines Vorteils bei dieser Art von Leitung und bei den Vorbehalten, die ich machte, um Gelegenheiten zu vermeiden und sanft behandelt zu werden.

Als ich mich eines Tages nach dem Abendmahl in großer Herzensbedrängnis und voller Bosheit gegen Gott fühlte, ward ich von gewaltigem Mitleid mit mir selber gerührt, mich in solcher Gefangenschaft zu sehn und nicht Gutes tun zu können, wie ich begehrte. In solcher Ratlosigkeit wandte ich mich an den Herrn und sprach zu ihm unter Seufzen und Tränen: »Bis wann, o mein Gott, wirst Du mich gefangen halten? Siehst Du meine Begierde, Dir zu dienen? warum lässest Du mich nicht frei? so Du irgend etwas von mir begehrst, beschwöre ich Dich bei Deinem köstlichen Blut, es mich wissen zu lassen!«

Sogleich fand ich mich in einen Schlummer versenkt, der sich schwer beschreiben läßt; denn ich bin gewiß, mein Aeußeres schlief nicht, und ich war aufmerksam auf das, was in mir vorging. Da hörte ich also eine Stimme in meinem Innern; die sprach: »Was klagst du? denk nach über dich selbst, und du wirst in Klarheit schauen, wo die Hemmnisse herrühren; achte nicht so sehr auf die Wirksamkeit deiner Widersacher und beginne die Tugendübung, die ich dich lehrte; wisse, das Opfer deines Geistes wird angenehmer in Meinen Augen sein, als das deines Leibes; Ich will, daß du dein strenges Leben fortsetzest und nichts nachsiehst deinen Sinnen; aber Ich will auch, daß du mit deinem Geiste ringest und die Zähigkeit deines Widersachers durch Geduld bändigst, indem du in Niedrigkeit und Sanftmut leidest, was dir in solchem Zustand auch begegnen mag; Barmherzigkeit mußt du üben und denen, so du nicht wohl willst, so viel Dienste erweisen, wie du nur immer kannst; du sollst dich unterwürfig machen und dich dem, der dich leitet, ohne Rückhalt hingeben; laß ab von dem Verlangen nach zarter Behandlung; der da für dich sorgt, soll nicht Halt machen vor sanfter Rücksicht im Geist, die nur von deiner Eigenliebe gehegt und. gepflegt wird und dem Dämon Nahrung reicht; tummele dich im Kampf und weich nicht zurück vor eingebildeter Besorgnis; entsage auch den Vergnügungen, die du unter frommem Vorwand suchst, denn du schmeichelst nur deiner Natur und verlierst deine Zeit; mit einem Wort, willst du die Festigkeit der höllischen Schlange brechen, so sei demütig, leidensvoll, geduldig und barmherzig; wenn du dich dieser Dinge befleißigst, soll dir das Licht Meiner Gnade nicht mangeln, wenn die Gelegenheit da ist, und dein Herz soll erweicht sein!«

Kaum ward dies gesagt, so fand ich mich völlig munter und in einer Stimmung, die von meiner vorigen ganz und gar abwich. In der Folge traten wir allmählich in einen heftigen Kampf mit den verfluchten Geistern ein, und ich bekenne die Wahrheit, daß sie mir während mehr als achtzehn Monaten keine Ruhe gönnten, weder am Tage noch bei Nacht, im Geist wie im Körper.

Zufolge der Erleuchtung setzte der Pater mir Regeln auf, die ich innehalten mußte. Er befahl mir, drei oder vier Stunden am Tage mit Gebet zu verbringen und zwei während der Nacht. Täglich mußte ich ferner beichten und zum Tisch des Herrn gehn, in der inneren Einkehr fortfahren und mich mit den Schwestern unterhalten, mehr als ich es je zuvor getan. Er befahl mir weiter, mich enger an die Observanz der Regel zu halten und jeden Tag die äußere Abtötung zu betreiben, um gewissermaßen die begangenen Entgleisungen wieder gutzumachen.

Der Herr fügte es, daß ich in der Unterhaltung mit den Schwestern viel zu leiden hatte, weil die Dämonen sie bearbeiteten und die meisten mir wegen der veränderten Lebensweise, die sie an mir wahrnahmen, höchlichst abgeneigt waren. Die Dämonen überredeten sie nämlich dahin, daß der Teufel diesen Wechsel in mir nur hervorgerufen habe, damit ich ihre eigene Verfassung bekritteln könne. Daher veranlaßten die Dämonen sie, in einem fort über mich zu sticheln und alles, was ich sagte oder tat, zu verspotten, wogegen ich sehr empfindlich war. Wäre ich meinem Gefühl allein gefolgt, so hätt' ich's ihnen wohl heimgezahlt; aber ich sah deutlich, daß es mir mit Gottes Erlaubnis angetan wurde, und daß ich mich dem fügen müßte. Ich bekenne die Wahrheit, daß mir dies viel genützt hat und mir dazu diente, die Zornesaufwallungen, zu denen Behemot mich reizte, zu ersticken.

Wenn ich zur Versammlung der Gemeinschaft ging, stellte ich sorgfältige Ueberlegungen über mich an; ich war aufmerksamer auf alle meine Handlungen und Worte, als wäre ich im Gebet begriffen. Das half mir noch weiter dazu, daß ich mich an Gottes Gegenwart gewöhnte. Seine Güte nahm alles Begehren nach Erholung von mir. Die höchste, die ich kannte, war ein Gespräch über göttliche Dinge oder das Gebet. So ernsthaft wie möglich lag ich der Erkenntnis und der Besserung meiner natürlichen Regungen ob. Im Gebet gewährte mir Gott vielerlei Erleuchtung; sie ließ mich erkennen, daß, was ich früher für gut gehalten, nur voller Unvollkommenheit war.

Seine Güte erregte auch das Verlangen in mir, meine Natur von allem zu entwöhnen, was nicht absolut notwendig zum Leben war, sowohl für den Unterhalt wie in andern Dingen. Ich fand diese Uebung recht schwierig, denn meine Neigung und die Dämonen widersetzten sich sehr. Oft wollten sie mich bewegen, unter dem Vorwand der Notwendigkeit Ueberflüssiges zu genießen, was ich mit größter Enthaltsamkeit beantwortete. Ich tat bitteren Absinth, zuweilen sogar Galle an meine Speisen, um jeden Geschmack in mir zu ertöten. Fast ein Jahr oder länger habe ich keinerlei Obst, Salat oder Milchspeisen zu mir genommen, nur weil ich sie sehr gern hatte.

Durch diese Praktik der Abtötung gewährte mir Unser Herr große Macht über mich selber. Denn ich wurde geistig so sehr frei, daß ich beten konnte, so oft ich wollte. Ich fühlte mich nicht mehr als Gefangene unter der Tyrannei meiner Widersacher; im Gegenteil, ich verlor jede Furcht vor ihrer Betätigung, und mir scheint, Unser Herr bändigte sie und machte sie abhängig von meiner Freiheit.

Mehr als je widmete ich mich der Verehrung meines erhabenen Beschützers, des heiligen Joseph. In allen Nöten nahm ich meine Zuflucht zu ihm, sowohl innerlich wie äußerlich. Dieser große Heilige erhielt von Gott die Gabe des Gebets, und durch seine Vermittlung erhob mich die Majestät Gottes zum Grade der Anschauung, in welchem ich zahlreiche Erleuchtungen empfing und sich Unser Herr auf ganz besondere Art meiner Seele mitteilte. Sobald ich auf Widerstand von Seiten meiner Feinde stieß, brauchte ich mich nur ein wenig zurückzuziehn und zum heiligen Joseph zu flüchten. Sogleich fühlte ich eine innere Kraft, die mich alle Schwierigkeiten überwinden ließ und mir die Oberhand über meine Widersacher gab.

Lange Zeit verbrachte ich in diesem Zustand; aber der Herr ließ mich nicht ohne Kreuz, denn die an mir zutage tretende Wandlung gab vielen Personen, selbst geistlichen, zu dem Zweifel Anlaß, ich hätte mich vielleicht doch getäuscht, und der Teufel sei gar der Urheber so vieler Bußen und so erstaunlicher geistiger Befreiung. Ein jeder urteilte darüber nach seinem Sinn und Verstand.

Das Gerücht davon lief in unsrer Gemeinschaft um, dergestalt, daß mich die andern Besessenen in ihrer Verwirrung den frommen Teufel hießen. Die bösen Geister taten ihr möglichstes, einen großen Teil der Exorzisten-Patres ebendahin zu überreden; und der Anschlag gelang ihnen nur zu gut.

Das erregte mir viele Pein, aber mehr noch dem Pater Surin. Man mißbilligte sein Verhalten mir gegenüber, und zwar hauptsächlich, daß er nicht wollte, ich sollte den Teufel als Ursache meiner Störung ansehn, und daß er nicht genug Beschwörungen mit mir vornahm. Die Meinungen erhitzten sich so gegeneinander, daß man den Vorgesetzten des Pater Surin benachrichtigte, es bestände Gefahr für mich, sein Benehmen zu mir sei außergewöhnlich und verhängnisvoll.

Man erließ mehrfache Verordnungen hierüber, and der Pater änderte die Beschwörungen zum größten Teil. So oft er konnte, nahm er an mir die großen Beschwörungen vor. Alle Augenblick verkündeten ihm die Dämonen, sie wären ihm über. Leviathan sagte ihm oft: »Du sollst mir den Platz räumen, und zwar binnen kurzem; du wirst mir nichts zu befehlen haben; ich werde es so einrichten, daß du dies Mädchen ratlos aufgeben mußt, und dann will ich Stück für Stück wieder in meine früheren Rechte einrücken; ich will so viel Beschwörungen, wie man Lust hat, über mich ergehen lassen, wenn ich nur meine Gerechtsame wieder antreten kann und ihre Natur sich mit mir verbündet; o, ich hab' mein Spiel fein gespielt, mit diesem Schachzug gewinn ich den Sieg; nur vierzehn Tage noch hast du Zeit, mit mir Krieg zu führen; also mußt du frühzeitig abbrechen!«

Der böse Geist gab sich rechte Mühe, mich in meinen frommen Uebungen zu stören, und der Herr fügte, daß er oft ans Ziel gelangte; denn ich war unruhig über die Vorgänge in mir.

Ungefähr um diese Zeit ereignete sich etwas, das mir viel Pein verursachte. Eines Tages hatte ich mich nach der Beschwörung ins Sprechzimmer zurückgezogen, um wie gewöhnlich mit, dem Pater Surin zu beten. Der Pater wurde aber durch irgend welche Geschäfte abgehalten, und nachdem ich eine halbe Stunde gewartet hatte, begann ich das Gebet allein. Einer der bösen, Geister nahm nun seine Gestalt an, rief mich bei Namen und redete mir zu, wie folgt: »Ich muß dich belehren, meine Tochter, über die Gefahren, die es im geistlichen Leben gibt, und über die Täuschungen, die am häufigsten vorkommen; es tut mir recht leid, meine Tochter, wenn ich dich betrübe, aber ich muß dir etwas sagen, das ich auf dem Herzen habe; Gott würde Rechenschaft von mir fordern, wenn ich's nicht täte; denn er hat dich meinen Händen anvertraut; also du wirst gewiß und wahrhaftig bloß vom Teufel hinters Licht geführt; ich sehe es ganz klar, daß ich nur infolge seiner Ränke alle deine inneren Regungen bereits ein ganzes Jahr lang dein jetziges Leben habe leiten lassen; ich fürchte, vor der Gerechtigkeit deshalb als schuldig befunden zu werden; du mußt also alle deine Bußübungen einstellen und eine gewöhnliche Lebensweise anfangen; ich wünsche, daß du dich mit der Observanz der Regel begnügst, falls du überhaupt imstande bist, sie zu erfüllen, was gegenwärtig nicht leicht sein dürfte!«

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Wie Satanskinder das Kreuz mit Füßen treten.

Als der verfluchte Geist dies zu mir gesprochen hatte, erwiderte ich ihm, ich sei über seine Vorschläge sehr erstaunt und hoffe, daß Gott Mitleid mit mir haben werde; mein einziges Bestreben sei, Ihm zu gefallen, und nach Seinem Befinden würde ich alles tun, was nur immer in meiner Macht stände; ausgenommen allerdings, mich in meinen früheren Zustand zu versetzen, dem zu entrinnen mir soviel Mühe gemacht; ich dächte doch nicht, daß er mir Derartiges anraten wolle; er hätte mir ja selber oft gesagt, ich wandle am Abgrund der Hölle und bedürfe außergewöhnlicher Maßnahmen, um meine Natur zu bändigen. Er gab mir darauf den Bescheid: »Sei nicht ärgerlich auf mich, aber eben deshalb muß ich dich auf den richtigen Weg bringen; ich will nur, daß du dich von neuem zum Gehorsam gegen mich bekennst und Stillschweigen über das, was ich dir sagen werde, hütest; du weißt doch sehr wohl, daß ich von Gott zu deiner Leitung gesandt bin!«

Folgenden Bescheid tat ich ihm darauf. Ich bat um Bedenkzeit und sprach: »Da ihr euch das erstemal geirrt habt, so dürft ihr es mir nicht übel nehmen, wenn ich erst noch mit einem von den Exorzisten-Patres rede!« Er sagte darauf: »Ich werde dir einen mit Namen benennen und herkommen lassen, wann du willst!« Ich bat ihn, noch zu warten.

Damals begann mein Geist an der Barmherzigkeit Gottes mir gegenüber zu verzagen, und ich wurde tieftraurig. Ich bat, wir möchten uns zuvor Zeit lassen und erst dem heiligen Joseph neun Tage Gebet widmen, da er doch immer mein Beschützer gewesen sei. Mein Pater meinte, der Ansicht sei er gerade nicht, und er fügte hinzu: »Wenn wir die Wahrheit einmal erkannt haben, so müssen wir ihr auch folgen!« Er wollte mich absolut zu dem Gelübde zwingen, ihm in allem, was er sagen würde, zu gehorchen und sein Verfahren geheim zu halten; ja, er verlangte, ich solle nie von dieser Wandlung zu ihm reden, auch nicht von der Unterhaltung, die wir eben geführt, außer wenn er mich freigeben würde.

Ich antwortete darauf, ich würde auf seine Vorschläge überhaupt nicht eingehen. Das versetzte ihn in gewaltigen Zorn, er drohte mir mit dem Fluch Gottes und fügte hinzu, er werde mich schon kriegen. Mit einemmal kam mir der Gedanke, ich habe da einen Teufel vor mir, der mich irreführen wolle, so daß ich sehr auf der Hut sein müsse.

Das veranlaßte mich, ihn einmal aufmerksam zu betrachten. Ich sah eine Mannsgestalt, die jeden Augenblick ihre Haltung änderte. Ich schlug das Kreuz und sprach zu ihm: »Ich erkenne dich nicht als meinen Pater an; du bist ein Teufel; ich habe mit dir nichts zu verhandeln!« Darauf wollt' ich mich zurückziehn; er hinderte mich aber, denn ich war wie an das Gitter geheftet. Kurze Zeit darauf ließ er mich los und schlug mich schmählich, worauf er verschwand.

Einerseits war ich recht getröstet, daß der Herr meine Täuschung nicht zugegeben hatte, andrerseits aber auch betrübt über die Macht, die der Dämon über mich besaß. Ich sagte zu mir selber: »Wenn er die Gestalt meines Beichtigers annimmt, würde ich mich doch nicht gegen ihn verteidigen können, zumal ich solch' Zutraun zu ihm habe.«

Danach ließ ich den Pater Surin rufen und beichtete ihm alles, was sich zugetragen; worauf er sich über die Massen verwunderte. Er war bemüht, mich zu trösten und meinen Geist zu stärken.

Ich war wegen der Gefahr, in der er mich erblickte, sehr bekümmert. Das Vorgefallene flößte mir solche Furcht ein, daß ich jedesmal, wenn ich mit dem Pater Surin zusammen war, den Teufel in ihm zu erblicken wähnte und alles, was er sprach, einer genauen Prüfung unterzog. Er selber bemerkte, daß ich nicht mit derselben Gelehrigkeit wie früher seiner Leitung folgte; deshalb wachte er ängstlich über alle meine Seelenregungen und prüfte sie aus nächster Nähe. Ich seufzte beständig im Grunde meines Herzens und betete inständig zum Herrn, Er möge Mitleid mit mir haben und mich in einen Zustand versetzen, wo ich Ihm in Treue dienen könnte. Zum gleichen Zweck wandte ich mich an den heiligen Joseph und bat ihn, mein Vater und Beschützer zu sein.

Eines Tages, als ich in solchen geistlichen Aengsten lag, verspürte ich nach dem heiligen Abendmahl einen tiefen Frieden im Grunde meines Herzens. Mein Geist war voll hellen Lichts, und ich fühlte mich zur Anschauung hingezogen. Als ich in dieser einige Zeit verweilt hatte und meine Sinne von außen abgekehrt waren, da ward mir innerlich diese Stimme zuteil: »Meine Tochter, fass' Vertrauen zu Mir, und Ich will für dich sorgen; denn Ich bin derjenige, der für dich bürgen kann!« Diese Worte gaben mir gewaltige Kraft und nahmen jegliche Furcht von mir.

Damals durfte ich in einem Gesicht den Zustand meiner Seele schauen. Er schien mir völlig gefesselt von der Anhänglichkeit, die ich zu den irdischen Dingen hegte, und die nun ein Hindernis abgeben würde für die Vereinigung mit Gott; um so mehr, als ich meine Seele auf diese Dinge stützte und in der eigenen Arbeit eine gewisse Befriedigung fand, indem sie nur nicht hinreichend erkannte, daß alles dies nur Mittel zum Zweck war, und daß der Herr sie jetzt von mir nähme, nur um mich höher zu sich hinaufzuheben.

Merkwürdig war, daß Unser Herr zu gleicher Zeit dem Pater Surin dasselbe Gesicht gewährte. In der Folge änderte sich meine Stimmung in Ansehung des Gebets völlig. Die Gewohnheit, Erbauungsgegenständen nachzuhängen, ward von mir angenommen. Ich begann, mich ganz dem Herrn zu überliefern und in lieblicher Friedensruhe Seiner heiligen Gegenwart zu harren.

Ich komme nun darauf zurück, was die Dämonen anstellten, um den Pater Surin aus Loudun zu verjagen, und wie sie ihn verhinderten, mich weiter gemäß den Plänen Gottes zu leiten und über die Widersacher zu triumphieren. Als die Jesuitenpatres, die der Provinzial gesandt hatte, um die übrigen Nonnen unsrer Gemeinschaft zu exorzisieren, merkten, daß Pater Surin nicht ihre Methode der Beschwörung befolgte, und da sie weiterhin fürchteten, Pater Surin könne sich in dem mir gegenüber angewandten Verfahren irren, wie ich dieses schon oben erwähnte, so befahl also der Provinzial, er solle meine Leitung aufgeben, und man solle mich in die Hände des Paters Ressès übergeben. Nichtsdestoweniger gab er Erlaubnis, daß Pater Surin mich noch acht Tage lang exorzisieren dürfe, um seinem Nachfolger genügend Frist zur Erkenntnis meiner Stimmungen zu gewähren.

Diese Anordnung betrübte mich außerordentlich; um so mehr, als ich alles für eine Unternehmung der Dämonen hielt, die mir ja von der Sache Mitteilung gemacht hatten. Indessen fügte ich mich in den Willen Gottes und suchte mein Vertrauen auf Seine Güte zu befestigen.

In der Nacht kam mir während des Gebets der Gedanke, ich müsse mich an meinen Beschützer, den heiligen Joseph, mit der flehentlichen Bitte wenden, er möge doch diesen Dämon, der mein Heil und die Ehre des aufopfernden Paters Surin so wütig bedrohe, bis in den Staub demütigen. Ich fühlte mich dem Herrn gegenüber zu dem Versprechen gedrungen, daß ich ein Jahr lang täglich das große Gebet und die Litanei dieses erhabenen Heiligen beten würde; ferner wollte ich allwöchentlich zu seinen Ehren eine Bußübung veranstalten und einmal in der Woche das Abendmahl nehmen. Dies Gelübde tat ich gleichzeitig, jedoch mit dem Vorbehalt der jedesmaligen Genehmigung durch meinen Pater.

Drei oder vier Tage lang hatte der Dämon mich schon so krank gemacht, daß ich mich kaum rühren konnte. Während der Zeit konnte ich nicht exorzisiert werden. Doch hielt ich für gewiß, daß Gott den Dämon demütigen werde; mir war nur noch nicht klar, wie. Ich bat Gott um die Gnade, daß ich mich erheben könnte; denn ich hatte an diesem Tage ein lebhaftes Verlangen nach der Beschwörung, entgegen der Meinung des Paters.

Ich schlug also meinem Pater das Gelübde vor, das ich in der Nacht getan; er billigte es, und ich erneuerte es in seiner Gegenwart. Als der Pater mein mutiges Bestreben sah, mich aller Unbequemlichkeiten ungeachtet zu erheben, entschloß er sich auf mein Drängen, mich am Nachmittage zu exorzisieren. Ich freute mich hierüber sehr.

An diesem Tage fand sich eine Menge von vornehmen Leuten in der Kirche ein, um der Beschwörung beizuwohnen; dies geschah nicht ohne die besondere Fürsicht Gottes.

Einige Zeit darnach, als ich mich in der Beschwörung befand, erschien Leviathan in einer ganz außerordentlichen Art und Weise und rühmte sich, daß er über den Diener der Kirche triumphiere, ihn vom Platze verjage, mit seiner Unternehmung ans Ziel gelangt sei und überhaupt nichts fürchte. Er setzte noch mehrere andre Unverschämtheiten in hochmütigem Tone hinzu.

Als der Pater dieses vernahm, wandte er sich zum Herrn, bat ihn, diesen stolzen Geist zu demütigen und ihn zu zwingen, daß er zur Genugtuung der Kirche dem hochheiligen Sakrament seine tiefste Ehrerbietung erweise und wie ein Verbrecher für seine verfluchten Unternehmungen um Verzeihung bitte.

Der Geist nahm diesen Befehl mit vielem Widerstreben an. Gott in Seiner unendlichen Güte zwang ihn zum Gehorsam und gewährte uns aus Barmherzigkeit mehr, als wir zu hoffen gewagt. Denn nachdem der Geist alles getan hatte, was ihm Pater Surin anbefahl, warf er sich ihm noch zu Füßen, bat um Verzeihung wegen der gegen ihn unternommenen Missetaten und gab gleichzeitig Kunde von dem anbefohlenen Abzug, wonach ich in völliger Freiheit zurückblieb.

Dies war am 5. November 1635, als Leviathan aus meinem Leibe entwich. Zur selben Stunde schaute ich ein geistiges Gesicht vom glorreichen heiligen Joseph, in welchem ich erkannte, daß er es war, der dem Dämon den Abzug befohlen hatte. Während dieses Vorganges war ich völlig verzückt. Ich vermöchte die Freude nicht auszudrücken, die alle Umstehenden mit mir über diese Gunst des Himmels empfanden. Ich will mich nicht dabei aufhalten, alles, was sich während der Beschwörung ereignete, aufzuzählen, da die Protokolle dessen genügend Erwähnung tun.

Ein blutrotes Kreuz blieb mir drei Wochen lang auf der Stirn gezeichnet. Es war das Mal, das man dem Dämon anbefohlen hatte, zu geben. Der Auszug gab viel zu denken, weil es die erste Beschwörung war, nachdem Pater Surin vom Provinzial die Anweisung erhalten hatte.

Die Patres von der Gesellschaft Jesu urteilten nun, man dürfe an meinem Verhalten nichts ändern, bis sie ihrem Oberen über die Ereignisse Bericht erstattet hätten; inzwischen sollte Pater Surin immer in seiner Methode mit mir fortfahren, was er auch mit Hingebung tat.

Ich wandte mich auch an den heiligen Joseph mit der Bitte, er möge Baalam dazu zwingen, sein Abzugszeichen auszulöschen; dieser hatte nämlich seinen Namenszug auf meine Hand geschrieben; ich würde denselben sonst mein ganzes Leben hindurch tragen müssen. Pater Surin und ich hatten einen großen Widerwillen davor. Der Pater riet mir, neunmal zum Tisch des Herrn zu gehn zu Ehren des heiligen Joseph, und er versprach mir, neun Messen zu dem gleichen Zweck zu lesen. Wir baten Gott, es möge ihm gefallen, den Geist zu zwingen, daß dieser den Namen des heiligen Joseph als Abzugszeichen auf meine Hand schreibe, da der sein hauptsächlichster Gegner gewesen sei.

Wir begannen unsre neuntägige Uebung mit der denkbar größten Andacht. Doch erfolgten von seiten des Geistes zahlreiche Hemmungen. Er erfand alle möglichen Ränke, um mich an der Fortsetzung meiner neuntägigen Bußübung zu verhindern; bald machte er mich krank, bald brachte er Verwirrung über mich.

Eines Tages wollte er mich am Abendmahl verhindern, um die Unterbrechung der Uebung herbeizuführen. Zu diesem Ende setzten sich Behemot und er vom frühen Tage an in meinem Kopf fest und verwirrten mich dergestalt, daß ich keine Kraft mehr in mir spürte, es zu verhindern, obgleich ich die Störung als solche wohl erkannte. Alles, was ich zu tun vermochte, war, mich dem Befehle Gottes zu unterwerfen und meine Störung als verdiente Züchtigung für meine Untreue hinzunehmen. Es ereignete sich also, daß die Dämonen der Stunde der Messe zuvorkamen und mich so ausschweifend frühstücken ließen, daß ich dies eine Mal mehr aß, als drei völlig ausgehungerte Menschen an einem ganzen Tage fertig bekommen hätten.

Als Pater Surin wie gewöhnlich ankam, fand er mich in solchem Zustand vor.

War jemals jemand bekümmert, so bin ich es gewesen, als ich meine neun Tage derartig unterbrochen sah. Andrerseits erkannte ich, daß der Dämon sich großen Ruhm aus dieser Handlung beimaß.

Nun fühlte ich mich lebhaft gedrängt, dem Pater Surin zu sagen, er möge den Dämonen im Namen Gottes und des heiligen Joseph befehlen, mich alles, was ich zu mir genommen, wieder ausbrechen zu lassen. Pater Surin gab den Befehl. Kurz darauf kehrte der Dämon in meinen Kopf zurück, aus dem er sich ein wenig entfernt hatte, und plötzlich mußte ich mich so massenhaft übergeben, daß es kaum zu beschreiben ist. Er erklärte dann, mein Schutzengel, der heilige Joseph, hätte ihn dazu genötigt, mich alles wieder von mir geben zu lassen, was er vorher in mich hineingestopft, so daß in meinem Magen nicht das Geringste mehr zurückgeblieben sei. Ich blieb auch vollkommen frei.

Der Pater meinte nun, iah dürfte das Abendmahl nicht unterlassen. Ich trat also mit zärtlichster Andacht vor den Tisch des Herrn und setzte meine neun Tage glücklich bis zum Schluß fort. In den letzten Tagen zeigte sich Baalam bei der Beschwörung mit ganz außerordentlicher Wut. Er ließ mich aufs Grausamste in meine Hand beißen und wie einen Hund heulen. Er erklärte, er sei vom heiligen Joseph genötigt worden, sein gegebenes Abzugszeichen zu ändern; an Stelle seines eigenen Namens, den er beim Abzug auf meine Hand hätte schreiben wollen, müsse er vielmehr den des heiligen Joseph aufzeichnen. Worauf er lästerlich fluchte und mich endlich in Freiheit zurückließ. Gewaltiges Vertrauen erfüllte mich auf diesen erhabenen Heiligen, der mir mehrfach die Gunst Unsere Herrn, insonderheit für mein Inneres, vermittelte. Nächst Gott und der heiligen Mutter verdanke ich all mein geistliches Gut diesem großen Heiligen.

Die drei noch im meinem Leibe verbleibenden Dämonen taten mir das denkbar schlimmste an, körperlich sowohl wie geistig. Sie mißhandelten mich bei Tag und Nacht in fürchterlicher Wut, um mich von meinen Gebetsund Bußübungen abzubringen. Gott seinerseits entzog mir alle fühlbare Tröstung, die ich so oft und reichlich genossen; mein Geist verblieb in großer Dürre.

Nahezu vierzehn Tage war ich in solchem Zustand; was mich sehr belästigte. Ein Trost war es mir freilich dabei, daß mein Inneres an der Tätigkeit der Dämonen so gut wie gar nicht beteiligt war, und daß mein Herz nicht aufhörte, die Gegenwart Gottes zu schauen.

Baalam ging indessen immer weiter. Er bemächtigte sich acht Tage lang meines Kopfes mit solcher Gewaltsamkeit, daß ich weder zu beten noch irgend eine andre geistliche Uebung anzustellen vermochte. Ohne Unterlaß bekam ich äußere Entgleisungen, bei Tage wie bei Nacht, und welche Bußen ich auch ableistete oder was für Beschwörungen man mit mir auch unternahm, es gewährte mir keinerlei Erleichterung.

Eines Tages bat ich den Pater Surin in einem lichteren Augenblick, er möge meinetwegen dem heiligen Joseph eine neuntägige Messe lesen und mich während dieser Zeit zum Tisch des Herrn lassen.

Er vollzog also die neuntägige Messe in frommer Andacht. Gott gab reichlich seinen Segen dazu; denn am dritten Tage wurde der unglückselige Geist gänzlich aus meinem Leibe vertrieben. Es geschah während einer Beschwörung in Gegenwart mehrerer Personen von Stande, die der sogenannten reformierten Religion angehörten und sich sogleich bekehrten, als sie dies Wunder geschaut hatten.

Der böse Geist ward gezwungen, auf meine, linke Hand den Namen des heiligen Joseph zu schreiben, gemäß dem Befehl, der ihm geworden, und er gab die Erklärung ab, daß er vor der Macht des heiligen Joseph aus meinem Leibe entweiche. Dies wurde auch noch von Behemot bestätigt, der, unter der Beschwörung befragt, auf welche Weise denn Baalam aus meinem Leibe entwichen sei, zur Antwort gab: »Der heilige Joseph hat ihn hinausgetrieben, weil er es unternahm, dies Mädchen am Gebet, an der Sammlung im Geist und an den Bußübungen zu verhindern!« Baalam zog ab den 29. November dieses selben 1635. Jahres.

Am ersten Tage des Monats Dezember anno 1635 hatte ich mich in mein Gebetzimmer zurückgezogen, um daselbst das Gratias nach dem Abendmahl zu beten. Ich war mit dem großen Mysterium des heiligen Sakramentes beschäftigt und empfand tiefen Frieden im Herzen und keinerlei Tätigkeit der inneren Mächte.

Damals fühlte ich nun, wie sich in meinem Innern deutlich eine Stimme bildete, die mir sagte, Isaakaaron würde zu Füßen der heiligen Jungfrau in der Kirche von Saumur unter die Macht der Kirche gebeugt werden; ferner würde der hartnäckige Behemot am Grabe des heiligen Franziskus von Sales gebändigt werden, was seinem Ruhm und dem Geruch von dessen Heiligkeit sehr einträglich sein würde. Ich solle das meinem Pater sagen.

Mir kam vor, als sei es Gott, der so zu meinem Herzen spräche; was mir viel Tröstung gewährte. Ich dankte dem Herrn für die Gunst, die Er mir erwiesen. Darauf ging ich ins Refektorium, konnte jedoch nichts essen. Ich trat wieder vor das heilige Sakrament, meinen Rosenkranz zu beten. Kurz darauf holte man mich zu Pater Surin. Unterwegs wollte ich über das Erlebte nachdenken, ward jedoch von einem derartigen Wirrwarr im Kopfe erfaßt, verbunden mit Niedergeschlagenheit und Herzbeklemmung, daß ich vor der Unmöglichkeit stand, dem Pater meine inneren Regungen zu offenbaren. Das hielt drei Tage lang an, während in meinem Geist die verschiedensten Gedanken über alles dies durcheinanderjagten und ich tatsächlich Angst hatte, mich zu erklären.

Zuweilen hatte ich freie Augenblicke, wenn ich nicht mit dem Pater Surin zusammen war. Ich bat dann den Herrn inständig, er möge mir die Gnade gewähren, daß ich mich dem Pater eröffnen könne; aber sobald er zugegen war, trübte sich mein Geist, und ich konnte nichts von dem Erlebten vorbringen. Mir ging auch durch den Sinn, vielleicht würde man sagen, wenn ich das vorbrächte, es wäre nur Teufelslist, und man würde mich damit verspotten. Ich selber meinte manchmal, alles stamme nur vom Dämon. Jedenfalls war ich gewiß, daß es sich nicht um eine Einbildung von mir handle; denn ich hatte niemals an irgend etwas Derartiges auch nur gedacht.

Als der Pater am Dienstag früh einsah, daß er im Sprechzimmer nichts Vernünftiges aus mir herausbekommen konnte, befahl er mir, in die Kirche zu gehn. Das war mir sehr angenehm; denn ich gedachte, die Gelegenheit zum Frühstück wahrzunehmen, damit ich nicht zum Abendmahl brauchte. Ich ging also ins Refektorium, um Brot zu essen. Als ich daselbst eintrat, kam mir plötzlich der eindringliche Gedanke, ich sollte es nicht tun. Mit einemmal war auch mein Kopf ganz frei von Verwirrung. Ich ging nun zur Kirche, und der Pater legte mir das heilige Sakrament aufs Haupt, was mir das Sprechen sehr viel leichter machte, obgleich mich der Dämon noch immer verwirrte. Allmählich aber verzog er sich durch die Tugendkraft des heiligen Sakramentes, und ich blieb vollkommen frei. Da berichtete ich also alles, was in den vorangegangenen Tagen sich in meiner Seele abgespielt hatte. Der Pater schöpfte reichen Trost daraus und war seitdem überzeugt, daß mich der Herr endgültig erlösen wollte.

Die Dämonen verdoppelten nun ihre Anstrengungen gegen mich; sie verwirrten mich immerzu und ließen mich seltsame Wut und Raserei verspüren. Ich leistete Widerstand; doch war meine Mühe nutzlos. Den ganzen Dezember brachte ich in dieser Stimmung hin.

Man stellte meinen Vorgesetzten und andern mitleidigen Personen vor, was sich in meiner Seele in bezug auf meine Erlösung zugetragen hatte, nebst den Erklärungen der Dämonen über denselben Gegenstand. Man urteilte, diesen Vorgängen dürfe man nicht leichtlich Glauben schenken; man werde schon mit der Zeit sehn, wie die Sache verlaufen würde. Die Meinungen waren also recht geteilt, und ich sah mich der menschlichen Klugheit ausgeliefert, die sehr oft blind ist in göttlichen Dingen.

Der ganze Dezembermonat verstrich, ohne daß man sich für irgend etwas in bezug auf mich entschied, weil diejenigen, von denen ich abhängig war, sich über ihre Ansichten nicht einig wurden. Isaakaaron gab die Erklärung ab, er müsse noch der Gerechtigkeit dienen vor seinem Abzüge.

Ich suchte mich im Gottvertrauen zu befestigen, und in den freien Zwischenzeiten, die mir blieben, betete ich Tag und Nacht zur göttlichen Majestät. Pater Surin tat seinerseits das gleiche, las auch in dieser Absicht Messen. Unsere gewöhnlichste Unterhaltung bewegte sich um das Vertrauen, das wir zur Vorsehung Gottes und zum Beistand der heiligen Jungfrau und des heiligen Joseph haben müßten. Dies traf ja auch ein wenig später unserm Wunsche gemäß ein. Denn am ersten Tage des Jahres 1636 um zwei Uhr nach Mitternacht flehte ich im Gebet mit Inbrunst um den Schutz des heiligen Joseph im kommenden Jahre.

Als ich nun eingeschlummert war, schien mir's, als empfände ich eine ganz besondere Andacht, verbunden mit einem sehr angenehmen Geruch. Gleichzeitig hörte ich eine Stimme sagen: »Hier ist derjenige, dem du dich anempfohlen hast!« Im selben Augenblick kam mir der Gedanke an den heiligen Joseph in den Sinn, und mein Herz war voller Achtung und Liebe zu ihm.

Mir schien's, als sähe ich ein helles Licht, viel glänzender als der Sonnenschein. In diesem Licht sah ich ein Antlitz von gewaltiger Majestät und so vollendeter Schönheit, daß ich nicht Worte habe, es auszudrücken, noch einen annähernden Vergleich zu finden vermag. Von diesem schönen Gesicht strahlte wunderbare Sanftheit und Milde. Dann hörte ich eine Stimme; die sprach, wie mir vorkam, in folgenden Worten: »Hab' Vertrauen, Standhaftigkeit und Geduld; sag' deinem Pater, wenn die Menschen nicht an deiner Heilung arbeiten, so wird Gott einen andern Weg vorsehen; er soll in Geduld fortfahren mit deiner Beschwörung.« Hiernach verschwand die Erscheinung. Sie hinterließ einen Geruch, der noch längere Zeit verblieb; denn als ich erwachte, schien mir meine Lagerstatt ganz von Duft geschwängert.

Die Erinnerung an diese Erscheinung stärkte mein Zutrauen zum Herrn und zum Beistand des heiligen Joseph. Nichtsdestoweniger unterließ ich es, davon zu reden, weil ich die Sache, die ja im Schlaf passiert war, nur für einen Traum hielt. Jedoch in der nächsten Nacht ereignete sich während des Schlafes ganz das Gleiche mit genau denselben oben angeführten Umständen, nur mit dem Unterschied, daß mir das schöne Antlitz ein wenig strenger vorkam. Ich wurde gefragt, warum ich nicht mit meinem Pater von den Vorgängen der letzten Nacht gesprochen habe; ich erhielt Befehl, diesmal nicht mehr zu schweigen. Was ich denn auch am nächsten Morgen befolgte.

Der Pater war darüber recht getröstet; er hatte nun die Gewißheit, daß die Zeit nicht mehr ferne sei.

Wir setzten also unsre Andacht zu dem großen Heilgen Joseph fort. Da ich bereits das Glück genoß, seinen Namenszug auf meiner Haut zu tragen, so flehte ich ihn inständig um die Gnade an, auch die Namen Jesus und Maria tragen zu dürfen; er möge zu dem Zweck die von den Dämonen vorgeschlagenen Zeichen austauschen.

Wir begannen nun, Pater Surin und ich, eine neuntägige Uebung, um diese Gnade von Gott zu erlangen. Pater Surin stellte Beschwörungen an und befahl dem Dämon im Namen Gottes, dessen Willen zu vollbringen. Der Dämon antwortete darauf mit verdoppelter Wut.

Mein Verlangen, die heiligen Namen Jesus und Maria auf meiner Hand tragen zu dürfen, wuchs nun beständig. Mit Zustimmung meines Beichtigers begann ich eine neuntägige Kommunion, und der Pater unternahm in derselben Absicht und zur Förderung meines Plans ein feierliches Hochamt. Vier Tage lang strengten sich unterdessen die Dämonen gewaltig an, die Ausführung unsres Plans zu verhindern. Alle erdenkliche Wut und Raserei ließen sie an mir aus.

Pater Surin meinte, er müsse mich exorzisieren. Er ordnete an, mich zu diesem Zweck in die Kirche zu bringen. Ich war noch kaum dort angelangt, als ich auch schon ganz und gar das Bewußtsein verlor. Eine seltsame Raserei kam über mich, und der Dämon brachte eine Unmenge von Lästerungen und Flüchen gegen Gott und die heilige Jungfrau hervor. Es geschah noch mehrerlei, was sich im Protokoll verzeichnet findet; die Hauptsache aber war der Abzug, der folgendermaßen vor sich ging: als Pater Surin vernahm, wie der verfluchte Dämon so gräßliche Lästerungen gegen den Herrn und die heilige Jungfrau ausstieß, daß alle Anwesenden darob erschraken, befahl er ihm, das hochheilige Sakrament anzubeten, und der heiligen Jungfrau seine Ehrerbietung zu erweisen. Es ist fast unmöglich, den heftigen Widerstand zu schildern, den der hochmütige Geist diesem Befehl entgegensetzte; ich will nur sagen, daß er schließlich zum Gehorsam gezwungen wurde.

Er bat die heilige Jungfrau um Verzeihung und gab die Erklärung ab, ihre Macht zwänge ihn jetzt zum Abzug aus meinem Leibe und zu ihren Füßen nieder. Bei diesem Geständnis drückte er gleichzeitig meiner Hand den Namen Marias auf, dicht oberhalb vom Namenszuge des heiligen Joseph. Ich wurde von herrlichem Trost durchrieselt, als ich diese schnelle Erfüllung des Versprechens mitansah, das der heilige Joseph mir fünf Tage zuvor gegeben hatte. Mehr als hundert Personen waren bei diesem Auszug gegenwärtig.

Der Pater vermeinte nun, den andern Dämon, der noch in meinem Körper geblieben war, danach befragen zu müssen, auf welche Art und Weise denn Isaakaaron entwichen sei, da doch gesagt worden war, er werde in Saumur seinen Abzug nehmen; und wer ihn denn gezwungen hätte, den Namen Marias auf meiner Hand zu verzeichnen.

Nach einigem Zögern brachte er, heraus, Isaakaaron sei von hier entwichen, da die Menschen sich nicht angeschickt hätten, Gottes Weisung zu vollbringen; der heilige Joseph habe deshalb Maria um ihr Einverständnis gebeten, daß Isaakaaron verjagt werden solle; Maria habe eingewilligt, weil die Menschen meine Erlösung nur hinausschöben. Er fügte weiter hinzu, die heilige Jungfrau habe den Isaakaaron ihre Macht fühlen lassen, als er gezwungen wurde, sie um Verzeihung zu bitten; vom Himmel herab habe sie ihm befohlen, aus meinem Körper zu entweichen. Was den Namenszug Marias angehe, so habe ihm mein Schutzpatron, der heilige Joseph bereits zwei Stunden vorher anbefohlen, ihn auf meiner Hand abzudrücken; er, der Sprecher, hingegen habe Anweisung, bei seinem Abzüge den Namen Jesu auf meiner Hand zu markieren. Zur Abgabe dieser Erklärung also wurde der unglückselige Geist genötigt.

Folgendes geschah mir im Gebet zur Nacht Ich war um die dritte Stunde wieder eingeschlummert nach dem Gebet und wiegte mich in herrlicher Tröstung und in lebhaftem Gedenken an meinen glorreichen Vater, den heiligen Joseph. Mit einem Male verspürte ich einen wundersüßen Geruch und sah ein helles Licht. Aus dem erhob sich eine Stimme voll Annehmlichkeit und Milde und sprach zu mir diese Worte: »Sag deinem Pater Exorzisten, die heilige Mutter Gottes wünscht, daß er zusammen mit einem andern Pater nach Saumur gehe und in ihrer Kapelle feierliche Dankesmessen veranstalte dafür, daß sie Isaakaarons Abzug von hier genehmigte; sag' ihm auch, er soll in aller möglichen Eile die nötigen Vorbereitungen zu deiner letzlichen Heilung rüsten; und du, lern du rechtes Gottvertrauen und klage nicht über die Hemmnisse, so dir Gott durch den dennoch übrigen Dämon senden wird; Er wird dir Erleichterung gewähren durch deinen Exorzisten!« Nach diesen Worten verschwand die Erscheinung.

Die Gunst dieses glorreichen Heiligen ließ weiter ihre Sonne über mich scheinen; denn ich verspürte seinen ganz besonderen Beistand in allen meinen andern Nöten und in den Unternehmungen, die ich um Gottes und meines geistlichen Fortschritts willen anstellte.

Kurze Zeit nach dem Abzug dieser drei Dämonen entbrannte ich in lebhaftem Verlangen, eine zehntägige Bußübung zu machen. Länger als sechs Jahre hatte ich keine solche unternommen, und ich meine, ich hatte sie überhaupt nie ordentlich angestellt. Ich unterbreitete mein Verlangen dem Pater, der es sehr verständig fand. Allerdings hegte ich Besorgnisse, der noch in meinem Leibe verbliebene Dämon könnte mir am Ende nicht genug Freiheit dazu lassen, zumal ihm Gott noch oft genug mich zu stören gestattete. Nichtsdestoweniger hieß mich der Pater froher Hoffnung sein und versprach mir, meinen Plan nach Möglichkeit zu unterstützen.

Als der verfluchte Behemot unsere Unternehmung gewahr wurde, verdoppelte er seine Bosheit gegen mich. Er gewährte mir nur sehr wenig lichte Augenblicke, so daß ich infolgedessen kaum noch an meine Uebung zu denken wagte.

Eines Tages nach dem heiligen Abendmahl ergriff mich die Regung, meinen Willen dem Herrn darzubieten. Mir kam's vor, als sagte mir eine innerliche Stimme: »Was wendest du dich nicht an deinen Schutzpatron? Weißt du nicht recht gut, daß er dir helfen kann?« Allsogleich wandte ich mich an meinen glorreichen Vater, den heiligen Joseph, und ich schöpfte gewaltige Hoffnung, daß ich mit meinem Plan ans Ziel kommen würde. Trotzdem ich nun noch oft genug gestört erschien, gelang es mir drei Tage darauf in der Tat, die: Uebungen zu beginnen. Zwölf oder dreizehn Tage lang setzte ich sie ohne Störung fort, eine halbe Stunde allein am letzten Tage ausgenommen. Zu guter letzt gab der hochmütige Geist die Erklärung ab, seine Tätigkeit sei von der Tugend des heiligen Joseph gehemmt worden.

Nachdem ich nun, wie oben erzählt, von den sechs Dämonen erlöst worden war, schmeichelte ich mir, ich werde bald ganz und endgültig frei sein, da ja nur mehr einer namens Behemot übriggeblieben war. Ich irrte mich indessen; denn die Erfahrung zeigte, daß ich noch nicht am Ende meiner völligen Befreiung stand.

Ich erzählte schon weiter oben, eine innere Stimme hätte mir angezeigt, daß ich am Grabe des glückseligen Franziskus von Sales von diesem Dämon erlöst werden würde; ja, der Dämon hatte selber bekundet, daß er nur an diesem Orte seinen Abzug nehmen werde. Dies war bereits Seiner Hochwürden, dem Bischof von Poitiers, den Exorzisten-Patres, ihren Oberen und sogar dem Hofe unterbreitet worden; doch ergaben sich beim näheren Eingehn auf diesen Plan große Schwierigkeiten. Alle geistlichen und zeitlichen Mächte müßten erst ihre formelle Erlaubnis erteilen. Man wies auf die bedeutenden Kosten hin, die die Reise verursachen würde; man müsse sich mit der innern Stimme und den Aeußerungen des Dämons vorsehn; es sei daher gescheiter, wenn man an den Beschwörungen festhalte und den Dämon auf diese Weise zum Abzug dränge, ohne erst lange Versprechungen abzuwarten.

Diese Erklärung ließ man dem Pater Surin und mir zugehn, und die Beschwörungen begannen demnach von neuem. Der Dämon gab darauf zur Antwort, er werde am Grabe des Genfer Bischofs ausfahren und nirgend sonst; er verdoppelte seine Wut mit so außerordentlicher Hartnäckigkeit, daß sein früheres Arbeiten wie ein Nichts dagegen erschien. Seine Raserei wandte sich auch gegen den Pater Surin, den er aufs äußerste quälte. Was: mich anlangt, so tat er mir erschreckliche Bosheiten an; meinem Geist setzte er heftig zu und bedrängte meinen Leib dergestalt, daß ich vermeinte, sterben zu müssen.

Pater Surin war über diese neue Verfolgung sehr verwundert. Er fürchtete die Folgen, besonders daß ich einer gänzlichen Entmutigung anheimfallen und in meinen geistlichen Uebungen ermatten könnte.

Als wir uns eines Tages im Sprechzimmer befanden, fragte er mich, was ich über meinen Zustand dächte. Ich gab zur Antwort, ich sei durchaus Willens, allen seinen Weisungen nachzukommen, so schwierig es auch sein sollte. Darauf wandte sich der Pater zu Gott in der Höhe und bat Ihn um Erleuchtung, was er tun solle. Neuer Mut überkam ihn, und eingedenk der von Gott mir bisher erwiesenen Güte, richtete er folgende Worte an mich: »Ganz im Ernst bist du entschlossen, mit mir vereint an unsrer Sache zu arbeiten und dir zur Unterstützung von Gottes Plänen die nötige Gewalt anzutun?« Ich antwortete, ich sei bereit, alles zu tun und alles zu leiden. Der Pater schlug mir nun erneute Anstrengungen zur Bekämpfung unsres Widersachers vor; er fügte hinzu, seiner Meinung nach sollte ich wieder zur Disziplin der Geißel greifen, bis Gott sich meiner erbarme und mich aus der feindlichen Bedrängnis zöge; er hoffe auch, Gott werde mich segnen und mich siegreich machen.

Ich war von diesem Vorschlag überrascht, da ich nicht mehr Kraft genug zu haben glaubte, die Geißel wieder zur Hand nehmen zu können; da mir Gott indessen großes Zutraun zum Pater gewährte, entschied ich mich schließlich dafür, ihm zu gehorchen. Ich erhob mich also, so gut es ging, da ich mich nur mühsam zu bewegen vermochte. Ich schleppte mich hinten in den Garten, wo mich niemand sehn konnte, und geißelte mich eine Stunde lang, bemerkte aber in meiner Seele keine Veränderung. Währenddessen verharrte der Pater im Sprechzimmer beim Gebet; von Zeit zu Zeit überkam ihn die Furcht, mir schlecht geraten zu haben, und er schwankte, ob er mich nicht lieber holen lasse, da ich am Ende die Bußübung ins Extrem treibe. Doch der Herr hielt ihn zurück.

Als die Stunde um war, meinte ich, Unser Herr würde zufrieden sein, und ich könnte nun umkehren. Beim Anziehn meines Gewandes kam mir aber der Gedanke, ich müßte doch noch dabei bleiben und vertrauensvoll meine Zuflucht zum heiligen, Joseph nehmen. Ich fing also wieder von vorn an mit dem Kampf und schlug tapfer auf mich los.

Bald darauf hatte der Herr ein Einsehen mit meiner Beharrlichkeit und gab mir Erleichterung. Ich merkte, wie das Bedrückende aus meinem Kopf fortgenommen wurde und sah vor mir ein grausiges Ungeheuer gleich einem Drachen. Bei seinem Anblick erhob ich mich, redete mir Mut zu, und da ich die bluttriefende Geißel noch in der Hand hielt, stürzte ich drauf los und wollte es schlagen. Plötzlich war es verschwunden. Darnach blieb ich frei, und meine Kräfte stellten sich wieder ein. Ich ging ins Sprechzimmer zurück, wo der Pater auf mich wartete. Er ließ mich über meine Stimmung Bericht erstatten. Ich erzählte ihm alles, was geschehn war. Derart ging also dieser Kampf aus; ich schied aus ihm mit großem Frieden im Innern, und es schien mir, als bliebe der Teufel nun mein Sklave. Allnächtlich könnt' ich mich in Freiheit dem Gebet widmen, und Gott tröstete mich dergestalt, daß ich mich manchmal abends um neun Uhr in meinen Gebetstuhl setzte und mich am nächsten Morgen um fünf Uhr noch darin wiederfand, als wäre seitdem nur eine Stunde verflossen.

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Wie die Hexe zur Satansmesse reitet.

Immer wenn ich mich zum Gebet anschickte, mußte der Dämon aus meinem Kopf entweichen und mich mit Gott allein im Gespräch lassen; wie ein schwarzer Hund kauerte er mir dann zur Seite nieder, ohne sich zu rühren. War das Gebet beendet, so zog er wieder in meinen Kopf ein und trieb dort, was ihm der Herr zu tun erlaubte. Damals geschah es, daß die Peinigung, die Pater Surin von seiten der Dämonen zu erdulden hatte, zu derartiger Höhe anwuchs, daß Pater Jacquinot, der Provinzial, sich entschloß, ihn aus seinem Amt zu entfernen; was: er auch tat und den Pater Ressès an seine Stelle setzte. Dieser war ein frommer, sehr inbrünstiger und geschickter Mann; er nahm die Aufgabe mit großem Eifer in Angriff und entledigte sich ihrer vortrefflich. Die Beschwörungen betrieb er mit großer Lebendigkeit, in der Ueberzeugung, daß es der Zuschauermenge von bedeutendem Nutzen wäre, die Ehrerbietung mitanzusehn, die die Dämonen dem heiligen Sakrament erwiesen. Mehrere große Sünder bekehrten sich auch angesichts des Schauspiels. Ich selber hatte recht viel darunter zu leiden, teils weil meine schwache Gesundheit sehr dabei in Anspruch genommen wurde, und teils weil es die Süßigkeit meines Schlummerzustandes unterbrach.

Eines Tages war eine erlauchte Gesellschaft versammelt, und der gute Pater faßte den Plan, zu ihrem geistlichen Heile eine Beschwörung zu veranstalten. Da ich mich ziemlich schwächlich fühlte, bemerkte ich zum Pater, die Beschwörung würde mir eher schaden; seine Vorgänger hätten sie jedenfalls bei solcher Stimmung nicht unternommen; indessen unterwürfe ich mich seinen Wünschen, da mir der Gehorsam über das eigene Leben ginge. Der Pater, dem es sehr um die Beschwörung zu tun war, sagte darauf, ich sollte nur Mut fassen und auf Gott vertrauen. Worauf er die Beschwörung begann. Die Anstrengung war aber so groß, daß ich in eine tödliche Krankheit verfiel.

Dies geschah in der Nacht zum ersten Tage des Jahres 1637. Ich bekam starkes Fieber nebst heftigem Seitenstechen. Ein Arzt mit Namen Fanton wurde hinzugezogen; er meinte, mein Leiden sei eine scheinbare Rippfellentzündung. Sie dauerte neun Tage mit ununterbrochenem Fieber; dreimal wurde ich in der Zeit zur Ader gelassen, und der genannte Arzt verordnete mir mehrere Arzneien. Zum Schluß erfolgte ein Blutabgang, der sieben oder acht Tage anhielt.

Darnach war ich ganz gesund und munter bis zum 25. desselben Monats, an welchem Tage ich abermals in Krankheit verfiel. Der Pater hielt es für gut, wieder mit Beschwörungen zu beginnen; doch bekam ich darnach heftige Herzbeschwerden nebst Erbrechen. Dann trat Fieber und schmerzhaftes Stechen rechterseits auf und endlich Blutspeien mit starker Brustbeklemmung.

Am 26. des genannten Monats wurde Herr Fanton, der Arzt, wiedergeholt; er diagnostizierte jetzt eine wahre Rippfellentzündung, ließ siebenmal zur Ader und verordnete verschiedene andre Mittel. Ich hatte davon kaum eine stündliche Erleichterung. Am vierten Tage dieser Krankheit verfiel ich gegen sieben Uhr abends in große Schwäche und Hinfälligkeit. Voran ging ihr die Vision eines Tieres oder vielmehr eines ganz grauenhaften und scheußlichen Ungeheuers. Es hatte gewaltige Klauen und ein gähnend offnes Maul, aus dem, wie auch aus den Augen, feurige Lohe züngelte; auch war es ganz in Feuer gehüllt. Dies Scheusal sprach mit vernehmlicher Stimme: »Verdammt bist du zum ewigen Höllenfeuer; ich warte nur, daß sich deine Seele vom Körper löse, um sie mit mir zu nehmen!«

Da faßte mich die gräßlichste Verzweiflung. Ich hatte gerade noch die Kraft, um ein Ergebenheitsgebet zu Gott emporzuschicken, und sprach dann in Gegenwart mehrerer Nonnen, die es mitanhörten: »So geschehe denn Gottes Wille; wenn es Ihm gefällt, will ich in die Hölle gehn; ich bin bereit, Seinen Willen zu erfüllen, wofern ich nur Seinen Fluch nicht zu tragen brauche und die Hölle ins Paradies verwandeln darf durch meine Lobgesänge an die göttliche Majestät!«

Die Vision hatte mir den äußersten Schrecken eingejagt und mich so niedergeschmettert, daß ich darauf in Ohnmacht fiel und über zwei Stunden mit andauernder Schwächeanwandlung kämpfte. Man schickte nach meinem Exorzisten-Pater, der mir das heilige Sakrament auflegte; wonach ich Erleichterung fand, obgleich Fieber, Seitenstechen und Beklemmung noch anhielten. Sobald ich irgend etwas Nahrung zu mir nahm, erbrach ich sie gleich wieder. Ich war auch fast gänzlich schlaflos.

In der Nacht zum Donnerstag den 28. Januar wurde ich von neun Uhr ab sehr von einer Stimme beunruhigt, die in mir redete; sie rief mir mein ganzes Leben in die Erinnerung zurück, von sechs Jahren an bis auf den damaligen Zeitpunkt; sie hielt mir alle meine Vergehen vor; sie klagte mich auch der in meiner Besessenheit erfolgten Entgleisungen an, gleich als sei ich daran schuld gewesen.

Diese Worte versenkten mich in große Verzweiflung. Ich erwiderte auf die Stimme mit einem vertrauensvollen Gebet zu Gott.

Nach diesem Gebetsakt fand ich mich gegen vier Uhr morgens von der lästigen Stimme befreit. Mein Herz war voller Vertrauen zu Gott. Darnach fühlte ich die Gegenwart meines Schutzengels. Die Namen Maria und Joseph, die auf meiner linken Hand verzeichnet standen, wurden auf wunderbare Weise aufgefrischt. Der Handschuh, den ich an besagter Hand trug, ward mir unerklärlich abgezogen; weder ich hoch die Schwester Agnes, die damals zugegen war, haben den Vorgang wahrgenommen. Allsogleich faßte ich wieder stärkeres Zutraun zu Gott, und es war mir wie eine Versicherung, daß ich an dieser Krankheit nicht sterben werde, obgleich meine Kräfte sehr geschwächt und das Leiden noch immer im Wachsen begriffen war.

Als mich Pater Bastide, einer der Exorzisten, aufsuchte, sagte ich zu ihm: »Die Menschen verurteilen mich zum Tode; ich fühle mich in großen Nöten, glaube indes noch nicht am Sterben zu sein; deshalb bitte ich nicht um die letzte Oelung!«

An den beiden nächsten Tagen verschlimmerte sich meine Krankheit, und als den dritten Tag Herr Fanton seinen Besuch machte, bat ich ihn um seine ehrliche Meinung über die Sache; ich versicherte ihm, seine Auskunft würde mich keinesfalls erschrecken, da ich mich vollständig in den Willen Gottes gefügt hätte. Darauf sagte der Arzt zu mir: »Eure Krankheit ist tödlich, und die Natur kann sich nicht mehr helfen; der Magen funktioniert nicht; essen und trinken könnt' Ihr, was Ihr Lust habt; die Heilmittel und Nahrung, die ich Euch verordnete, nützen Euch doch nichts mehr!«

In der Nacht auf den Dienstag litt ich wieder die heftigsten Schmerzen; dabei ward mir die: neue und verstärkte Gewißheit, daß ich an dieser Krankheit nicht sterben würde. Eine innere Stimme bestärkte mich hierin; sie teilte mir mit, Gott lasse mich deshalb noch in einem so gefährlichen Zustande, damit hernach seine Allgewalt recht hervorleuchte, wenn er mich von der Schwelle des Todes rette und mir die Gesundheit wieder schenke.

Als ich indessen wahrnahm, daß alle meine Besucher der Ansicht waren, ich würde von dieser Krankheit nicht mehr aufkommen, faßte ich in der Nacht zum Donnerstag den Entschluß, um die letzte Oelung zu bitten und den Tod so zu erwarten, wie es den Kindern der Kirche geziemt. Gleichwohl befestigte sich mein Vertrauen immer stärker. Ich bat also um die letzte Oelung und erhielt sie am siebenten Tage des Monats Februar.

Um vier Uhr nachmittags schickte man nach dem Arzt. Als ich davon hörte, richtete ich folgendes Gebet an Gott: »0 Herr, ich habe stets geglaubt, Du wolltest einen besonderen Fingerzeig Deiner Macht geben und mich von dieser Krankheit heilen; wenn dem so ist, so versetze mich in einen solchen Zustand, daß mich der Arzt bei meinem Anblick für unfähig hält, noch irgend ein Medikament zu nehmen!«

Der Herr war so gütig, mein Gebet zu erhören. Denn als der Arzt kam und man das Gebet zur letzten Oelung begann, trat er an mein Bett und erklärte, ich brauche kein Medikament mehr und hätte nur noch eine oder höchstens zwei Stunden zu leben. Der kalte Schweiß brach mir am ganzen Körper aus, ich bekam Zuckungen und Krämpfe, fühlte eine Beklemmung und Anschwellung bald in der Kehle, bald im Magen, und eine unmäßige Schnupfenabsonderung lief mir aus der Nase.

In diesem Zustand empfing ich das Sakrament der letzten Oelung; doch war mein Geist ganz frei und mit Gott vereinigt. Danach kam der kalte Schweiß wieder, auch die Zuckungen und Krämpfe; Fieber, Beklemmung und Schnupfen dauerten an. Eine gewisse innere Kraft, die mir ein wenig zuvor genommen worden war, kam mir wieder; ebenso das Vertrauen, daß ich an dieser Krankheit nicht sterben würde. Ich erkannte die Gnade Gottes, die an mir tätig war, und bat meinen Beichtiger, er möchte mich nicht allein lassen.

Um halb sieben Uhr abends verspürte ich ein Bedürfnis nach Schlummer. Sogleich verlor ich jedes Gefühl der Körperlichkeit und den Gebrauch aller äußeren Sinne. Die inneren behielt ich, die überhaupt immer bei mir frei blieben. Da ward mir nun das Gesicht einer großen Wolke, die die Bettstatt, darauf ich lag, völlig einhüllte. Zur Rechten schaute ich meinen guten Engel in seltener Schönheit; er hatte die Gestalt eines Jünglings von ungefähr achtzehn Jahren und langes hellblondes Gelock, das bis auf die rechte Schulter meines Beichtigers herabhing. Dieser Engel hatte ein schneeweißes Kleid an und hielt in der Hand eine weiße, ganz dicke und große hellbrennende Kerze.

Ich sah auch den heiligen Joseph in der Gestalt eines Mannes, mit einem Gesicht, heller als der Sonnenschein, und lang herabwallendem Haar. Sein Bart war kastanienbraun. Er erschien mir in überirdischer Majestät und legte seine Hand auf meine rechte Seite, wo immer der große Schmerz gewesen war. Mir kam es vor, als salbte er mich an dieser Stelle, worauf ich meine äußeren Sinne wiederkehren fühlte und mich vollständig geheilt fand. Ich sprach zum Pater und zu den Nonnen, die im Zimmer waren: »Ich bin nicht mehr krank; ich bin geheilt durch die Gnade Gottes!«

Ich verlangte nun nach meinen Kleidern, erhob mich sogleich aus dem Bett und trat vor das heilige Sakrament, um Gott für meine Heilung zu danken. Ich sang mit den Nonnen das Te Deum Laudamus in Gegenwart zweier Jesuitenpatres. Ich bat, man möge Herrn Fanton und den Apotheker holen, der mir die Arzneien bereitet hatte, damit sie sahen, wie Gott in mir durch Seine Macht gewirkt hatte.

Als der Arzt ankam und mein Bett leer sah, fragte er, in der Meinung, ich sei tot, wo man meine Leiche hingelegt hätte. Ich kniete gerade an dem Fenster meines Zimmers, das dem heiligen Sakrament gegenüberliegt; als ich den Arzt reden hörte, stand ich auf, ging auf ihn zu und sagte: »Ich bin geheilt, Herr Doktor; der heilige Joseph hat mich besucht und geheilt!«

Der Mann war derart überrascht, daß er fast auf den Rücken gefallen wäre. Als er wieder zu sich gekommen war, fragte er, ob ich nicht irgend eine Krise oder Entleerung gehabt hätte. Man sagte ihm, nein. Worauf er, über dies Wunder verblüfft, erwiderte: »Die Macht Gottes ist größer, als unsre Heilmittel!« Trotz alledem bekehrte er sich doch nicht und wollte uns auch nicht weiter behandeln.

Ich war nun fieberfrei und hatte kein Heilmittel mehr nötig. Eine Masse Leute kamen zu mir zum Besuch. Zwei Tage hernach besann ich mich drauf, daß ich ja die Oelung, die mich heilte, nur mit dem Hemde abgewischt hatte. Ich ließ also die Subpriorin in mein Zimmer bitten und bat sie, die Stelle zu besichtigen, wo die Oelung stattgefunden hatte. Als wir nachsahen, verspürten wir beide einen wundervollen Geruch. Ich zog das Hemd aus, und wir schnitten es in der Taille ab. Wir entdeckten nun in ihm fünf ziemlich große Tropfen jenes göttlichen Balsams, der einen herrlichen Geruch ausstrahlte.

Man hielt es weiterhin für angebracht, dies Halbhemde, mit dem ich die Oelung abgetrocknet hatte, zu waschen. In der Besorgnis, daß die fünf aufgesogenen Balsamtropfen bei der Wäsche ausgehn könnten, traf man besondere Vorsichtsmaßregeln, damit die Stelle nicht Seife bekäme. Indessen war sie hinterher genau so weiß und sauber, als wenn sie geseift worden wäre. Die fünf Tropfen hatten natürlich ihre gewöhnliche Färbung beibehalten.

Als dies Wunder bekannt wurde, war es nicht zu glauben, welche Verehrung das Volk diesem geweihten Oel entgegenbrachte und wieviel Wunder Gott dadurch bewirkte.

Das erste geschah an der Person der Frau von Laubardemont, die schwerkrank in Tours darniederlag, weil sie von ihrem Kinde nicht entbunden werden konnte. Ihr Herr Gemahl war aufs tiefste betrübt über ihren Zustand, und als er nun von meiner wunderbaren Heilung hörte, ersuchte er Herrn von Morans, den Stellvertreter Seiner Hochwürden von Poitiers, das Hemd mit dem Oeltropfen schleunigst nach Tours zu schaffen. Das geschah, und man legte es der Kranken auf, die in kurzem von einem toten Kinde entbunden wurde, das: nach Ansicht der Aerzte bereits seit sieben oder acht Tagen verschieden war. Es bestand Grund zu der Besorgnis, daß die Mutter gleichfalls hätte sterben können, so daß man die Heilung der Reliquie zuschrieb.

Gott bewirkte noch mancherlei Wunder durch dieselbe Reliquie, worüber man ein ganzes Buch schreiben könnte; doch wäre die Abschweifung hier zu lang. An andrer Stelle werden aber noch die bemerkenswertesten erwähnt werden.

Man befragte mich juridisch wegen der Erscheinung des heiligen Joseph und der wunderbaren Heilung, die er an mir mit dem geweihten Balsam vollzog. Ich gab darauf vor Gott, dem Richter und mehreren hinzugezogenen Zeugen folgende Erklärung ab:

»Ich Schwester Jeanne des Anges, Tochter des verstorbenen Herrn Louis Béclier, Barons von Coze, und der Frau Charlotte Goumart, Nonne der heiligen Ursula im Kloster zu Loudun und Oberin genannten Klosters, wohnhaft hierselbst, zweiunddreißig Jahre alt, habe unter meinem Eide am 13. Februar 1637 dies ausgesagt und unterzeichnet.«

Ich komme nun auf das zurück, was sich beim Abzüge Behemots ereignete. Pater Ressès fuhr fort, mich zu exorzisieren. Als er eines Tages, dem Geist aus meinem Körper zu fahren befahl, gab dieser zur Antwort, er würde am Grabe des Genfer Bischofs seinen Abzug nehmen. Der Pater sagte darauf, er wünsche, daß er dann den Namen des Franziskus von Sales auf meine Hand schreibe; was der Dämon auch zu tun versprach.

Pater Surin war auf Befehl seiner Oberen nach Bordeaux gegangen. Die Dämonen verfolgten ihn seltsam und taten ihm viel Leids an. So gut er konnte, verheimlichte er diese Tätigkeit der Teufel, ließ nicht ab, zum Ruhme Gottes zu arbeiten, hielt sich im Beichtstuhl und predigte auch. So berief ihn Seine Hochwürden der Bischof von Bazas zur Abhaltung der Fronleichnamspredigten.

Immaßen dieser Pater durch seine Entfernung aus Loudun keinerlei Erleichterung seiner Pein gefunden hatte, wurde er auf die Bitte unsrer Gemeinschaft von seinen Vorgesetzten doch wieder hergeschickt. Er hoffte, der Herr würde sein Werk segnen und ihn betreffs meiner vollenden lassen, was er so glücklich begonnen. Er kam also nach Loudun, sehr abgespannt, doch voller Gottvertrauen.

Herr von Laubardemont hatte sich von Paris nach Loudun begeben und wartete hier auf den Pater in der Hoffnung, daß der Dämon bei der ersten Beschwörung ausfahren werde. Gleich nach seiner Ankunft in Loudun begann der Pater mit der Beschwörung. Er fand den Dämon sehr gehorsam allen Befehlen der Kirche gegenüber, auch sehr ehrerbietig in allem, was den Kult des heiligen Sakramentes und die Anbetung der Heiligtümer betraf. Als ihn der Pater aber zum Abzug drängte, bestand er auf seiner Erklärung, er habe Befehl, nur am Grabe des Genfer Bischofs Franziskus von Sales auszufahren.

Der Pater hatte darüber eine Unterredung mit Herrn von Laubardemont und meinte, es handle sich hier offenbar um einen Befehl Gottes, den kein andrer als Gott ändern könne. Er schrieb auch an den Provinzial. Der Herr Stellvertreter gab die Mitteilung an Seine Hochwürden den Bischof von Poitiers weiter mit der Bemerkung, der einzige Weg, um die Geschichte zu Ende zu bringen, scheine noch die Reise nach Savoyen. Die Herrschaften vermochten sich indes dieser Meinung nicht anzuschließen. Der Pater pflegte also meine Seele weiter und ließ mich die Tugenden üben, indem er sich hiervon immer noch mehr, als von den sonstigen Anstrengungen, versprach.

Am Tag von Mariä Himmelfahrt gab ich mich nach dem Abendmahl rechter Erbauung hin und vernahm dabei eine innere Stimme, die zu mir sprach: »Wenn die Menschen sich den von Gott zu deiner Erlösung angewiesenen Mitteln widersetzen, so sollt ihr beide, Pater Surin und du, geloben, daß ihr mitsammen das Grabmal des hochwürdigen Bischofs von Genf aufsuchen wollt; in Loudun könnt' ihr nicht erlöst werden; eure Arbeit hat hier ein Ende; sag das deinem Pater!«

Ich verfehlte nicht, ihm über alles Bericht zu erstatten. Er hielt es seinerseits für gut, seinen Oberen davon Mitteilung zu machen. Er wandte sich also an den Provinzial, und ich schrieb an Hochwürden von Poitiers und an Herrn von Laubardemont. Alle billigten den Plan und ließen uns hoffen, daß sie die notwendige Reiseerlaubnis erteilen würden.

Der Entschluß zu dem Gelübde stand also fest. Als Termin wurde bestimmt der siebente September, der Tag der Wundenmale des heiligen Franziskus. Das Gelübde ward abgelegt vom Pater und mir in unsrer Kapelle vor dem heiligen Sakrament.

Ungefähr um den zehnten Oktober herum hatte ich das Gefühl, ich sollte eine innere Einkehr veranstalten. Ich tat also, und der Pater unterließ während der Zeit die Beschwörungen. Man hatte von dem Dämon gefordert, er solle zum Zeichen des Abzugs meinen Körper in die Luft erheben. Er hatte aber beständig dagegen protestiert, weil ihm schon einmal ein andres Zeichen aufgetragen wäre, nämlich auf meine Hand die Namen Jesus und Franziskus von Sales zu schreiben, und er daher nicht verpflichtet wäre, meinen Körper in der Luft schweben zu lassen.

Am Tage der heiligen Therese, dem siebzehnten desselben Monats, brachte Pater Surin nach der Messe, obwohl er sehr leidend war, das heilige Sakrament an das kleine Fenster des Gitters, um mir das Abendmahl zu reichen. Als er nun die Worte sprach Corpus Domini Jesu Christi, wurde ich außerordentlich gepeinigt. Ich bekam eine wütende Verrenkung, die mich hintenüberbog, und mein Gesicht ward schrecklich verzerrt. Im gleichen Augenblick sah der Pater deutlich, wie auf meiner Hand der Name Jesu entstand, oberhalb der Namen Maria und Joseph, in schönen blutroten Buchstaben. Darauf entstand der Name Franziskus von Sales, ohne daß es der Pater bemerkte; einige Nonnen, die in der Nähe waren, sahen, wie er sich bildete. Dabei muß bemerkt werden, daß der Name Joseph von Baalam zuerst ganz oben auf die Hand geschrieben wurde; er wanderte aber allmählich herab, machte dem von Isaakaaron gezeichneten Namen Maria Platz, und diese beiden Namen rückten dann wieder nach unten und machten Platz für den Namen Jesu, der von Behemot aufgeschrieben wurde.

Nachdem der Dämon ausgefahren war, empfing ich den Leib des Herrn, und seit der Zeit bin ich aller Dämonenwirkung ledig geblieben.

Ich muß gestehen, daß der Dämon, als er mir die erwähnte Verrenkung antat, auch in meinem Geist eine lebhafte Vorstellung von der Strafe der Verdammnis erzeugte, und so kam es mir vor, als sei ich in der Tat eine verdammte Seele. Ich hatte die machtvolle Idee Jesu Christi, wie er als Gott, als Richter und als mein erbitterter Feind vor mir stand. Ich fühlte seinen Zornesausbruch und war von seinem Unwillen so furchtbar geschlagen, daß mir die Hölle wünschenswerter erschien, denn die Gegenwart meines Richters.

Dieser Eindruck ging aber bald vorüber; denn als der Dämon gezwungenermaßen meinen Leib verließ, verwischte sich auch dieser Gedanke; ich bekam plötzlich ein Gefühl des Vertrauens und eine Friedensstimmung und empfing in dieser das heilige Abendmahl. Doch blieb mir ein sehr lebhafter und tiefer Eindruck von dem entsetzlichen Jammer der Kreatur, die von Gott verdammt und von Seinem Angesicht verwiesen wird.

Man wird gern wissen wollen, auf welche Art und Weise sich denn die Namen Jesus, Maria und Joseph auf meiner Hand von Zeit zu Zeit immer wieder erneuern. Sie verlöschen allmählich; aber an den Tagen, wo sie erneuert werden, werden sie hochrot und durchscheinend.

Die Auffrischung geschieht durch meinen guten Engel. Was mich zu diesem Glauben veranlaßt, ist folgendes:

1) Es ereignet sich wie gewöhnlich am Vorabend der großen Feste, oder nachts, wenn ich im Gebet liege, oder am Feiertag selber, wenn ich zum Tisch des Herrn gehe.

2) Mein Geist ist alsdann gen Gott erhoben, und meine Seele empfängt innere Tröstung.

3) Aeußerlich ist die Wirkung wundersüß. Ich fühle eine Art Ameisenlaufen in der Hand, doch ganz sachte. Manchmal nimmt mir mein heiliger Engel ganz offensichtlich den Handschuh fort, den ich in der Hand halte. Nicht daß ich sähe, wie der Handschuh fortgenommen wird; aber ich bemerke dann, daß er fortgenommen ist.

Es passierte einmal, daß eine von uns Nonnen, Agnes geheißen, dabei zugegen war, wie mein heiliger Engel die Schriftzüge erneuerte. Als sie merkte, wie mir der Handschuh fortgenommen wurde, legte sie ihre Wange auf die Hand und fühlte das erwähnte leise Ameisenlaufen. Als sie darauf meine Hand näher betrachtete, erkannte sie, daß die Buchstaben erneuert und sehr schön und hochrot waren.

4) Zuweilen kommt es vor, daß sich bei der Erneuerung der Buchstaben sehr angenehme Düfte verbreiten, nicht bloß im Chor der Kirche, sondern manchmal im ganzen Hause.

5) Die Buchstaben selber sind duftgetränkt und riechen ähnlich süß wie die Oelung; was den Personen, die den Geruch wahrnehmen, viel Verehrung einflößt und sie überzeugt sein läßt, daß die Auffrischung durch göttliche Kraft erfolge.

– Der Pater Surin war nun also mit seiner Unternehmung zu Ende gekommen, indem er Behemot, den letzten der mich besitzenden Dämonen, verjagte. Er kehrte darauf auf Befehl des Paters Provinzial nach Bordeaux zurück und hatte dort fortgesetzt Bedrängungen von selten der Dämonen auszuhalten. Ich werde in der Folge einige Umstände berichten, die auf meinen eigenen Zustand Beziehung haben.

Jetzt will ich erzählen, was sich auf der Reise zutrug, die ich nach Annecy zum Grabe des glückseligen Franziskus von Sales machte.

Ich fühlte mich innerlich gedrängt, das Gelübde, das wir getan hatten, auch auszuführen und nach Annecy zum Grabe des glückseligen Franziskus von Sales zu wallen. Ich nahm meine Zuflucht zu Pater Jacquinot, dem Provinzial, um von ihm die nötige Erlaubnis zu erlangen, daß sich Pater Surin an diesen Treffpunkt begeben dürfte.

Ich wandte mich auch meinerseits an Seine Hochwürden den Bischof von Poitiers um offiziellen Urlaub. Nach Bewilligung desselben brach ich am Montag, dem 26. April 1638, in Begleitung zweier Nonnen und unsers Beichtigers Morans von Loudun auf.

Wir kamen durch Chinon und wurden daselbst von den Nonnen unsres Instituts sehr mildtätig aufgenommen.

Auf Einladung der Nonnen von Le Relay, vom Orden von Fontevrault, kehrten wir dann bei diesem ein und kamen zum Abend in Tours an.

Wir stiegen dort bei unsern Ursulinerinnen ab und wurden sehr ehrenwert aufgenommen. Ich hatte sie von unsrer Abreise benachrichtigt und sie gebeten, uns für den zweiten Tag nach unsrer Ankunft Plätze in dem nach Paris abgehenden Wagen zu bestellen. Sie taten aber nichts von alledem, in der Absicht, uns länger in ihrem Hause festzuhalten.

Gleich nach unsrer Ankunft in Tours begingen wir früh morgens unsre Andacht am Grabe des heiligen Franziskus von Paule. Nach Tisch besuchte Ehrwürden von Morans Seine Hochwürden den Erzbischof und bat um dessen Segen für uns.

Dieser Prälat sandte gegen Abend einen seiner Beamten zu mir und ließ mich zu sich bitten. Folgenden Tags kam einer seiner Almoseniere mit dem Wagen, um mich zum Erzbischof abzuholen. Wir setzten uns hinein und fuhren zur Audienz. Er empfing uns mit außerordentlicher Güte.

Als er mich so ganz frei und in guter Gesundheit vor sich sah, war er aufs äußerste überrascht, da er sich noch genau des Zustandes erinnerte, in dem er mich vier Jahre zuvor in Loudun gesehen hatte, als ich noch dem Teufel als Spielzeug diente.

Mehrere Personen von Stande befanden sich noch im Saale, unter andern Seine Hochwürden der Bischof von Boulogne, der Neffe besagten Erzbischofs. Der Herr Präsident Cottreau, einer der Richter, die Grandier verurteilt hatten, befand sich auch dort. Alle bewunderten die Namen, die auf meiner Hand standen. Man wollte von mir wissen, wie denn die Dämonen auf die geistigen Fähigkeiten der Seele einwirken, wenn sie einen Körper besitzen. Infolge der Achtung, die ich dem Willen des Herrn Erzbischofs schuldete, fühlte ich mich veranlaßt, einige Erklärungen hierüber abzugeben. Seine Hochwürden ließ mir mehrere hierauf bezügliche Fragen durch den Pater Grandami, den Rektor der Jesuitenkollegien, vorlegen. Ich versuchte, dem zu genügen, und die Gesellschaft schien von meinen Antworten befriedigt.

Seine Hochwürden wünschte auch, daß zwei Aerzte die Namen auf meiner Hand genau in Augenschein nehmen sollten.

Das Gerücht von der Aufprägung der Namenszüge hatte sich in der ganzen Stadt verbreitet, und das Volk lief in Menge herbei, um sie zu sehen, dergestalt, daß täglich vier- bis fünftausend Personen kamen, um sie zu betrachten.

Freitag den 30. April brachte der Pater Grandami die zwei obengenannten Aerzte, dazu noch einen dritten in das Sprechzimmer der Ursulinerinnen mit, um die Namenszüge prüfen zu lassen. Sie taten dies mit aller möglichen Genauigkeit. Auch legten sie mir eine große Anzahl von Fragen über den Ursprung der Schriftzüge vor. Sie forschten danach, wer sie gemacht habe, wann sie aufgetreten seien, durch welch Mittel, an welchem Ort, in Gegenwart wessen, zu welchem Ende. Sie studierten aufmerksam die Gestalt und Schönheit der Züge, die auf der Haut meiner Hand so gut hervortraten. Sie fragten auch, wer sie denn so erhielte, woher ihr Erblassen und Schwächerwerden käme und woher die Wiederauffrischung der Namen. Ferner, woher es käme, daß der Name Jesu, der zu oberst von den vieren stand, viel größere Buchstaben aufweise, als der Name Marias; dieser wieder größere, als der Josephs; dieser wieder größere, als der des Franziskus von Sales. Sie fragten auch noch, wer ihnen denn die lebhafte Färbung beibringe.

Nachdem ich ihnen auf alles dies Rede gestanden und sie untereinander beraten hatten, verkündeten sie als Ergebnis, der wundersame Effekt, der in der Prägung dieser Namenszüge zur Geltung käme, könne weder einer natürlichen Kraft noch menschlicher Erfindung beigemessen werden; vielmehr müsse man ihn einem überirdischen Agens zuschreiben.

Irgend jemand schlug noch vor, die Schriftzüge mit Wasser zu waschen; aber die drei Aerzte versicherten, Wasser würde die Namen in keiner Weise auslöschen.

Als diese Probe in der Stadt bekannt wurde, erhitzte sich der Eifer und die Neugier des Volkes nur noch mehr. Es lief in demselben, ja verstärktem Maße herzu, dergestalt, daß an den folgenden Tagen bis siebentausend Personen täglich zum Kloster kamen.

Hervorzuheben ist, daß sich unter den drei Aerzten, die die Prüfung vornahmen, einer namens Toutlieu befand, der der angeblich reformierten Religion angehörte und der doch eines Sinnes mit den andern war.

Dienstag den 4. Mai wurden die Namen, die ich auf der Hand trug, erneuert, während sich die Nonnen, im ganzen etwa sechzig, im Chor zum Abendmahl anschickten. Einige Tage zuvor waren sie eingetrocknet, halb verlöscht, abgeblaßt und wie weggekratzt gewesen. Nun wurden sie wieder schön, strahlend und hochrot, wie das erstemal, als sie aufgedrückt wurden.

Am fünften Mai begehrte Seine Hoheit, der Herzog von Orleans, der Bruder König Ludwigs XIII., der von der Erneuerung in Kenntnis gesetzt worden war, die Sache selber in Augenschein zu nehmen.

Als Hochwürden der Erzbischof davon hörte, sandte er einen seiner Almoseniere mit einem Wagen, um mich davon zu benachrichtigen und mich nach der erzbischöflichen Residenz zu holen. Ich fuhr dorthin. Der Herzog von Orleans kam mir bis zur Tür des Saales entgegen. Er erwies mir viel Aufmerksamkeit, wünschte mir Glück zu meiner Befreiung und sagte: »Ich war früher auch in Loudun; die Teufel in Ihnen machten mir riesige Angst; ich bin dadurch von meiner Gewohnheit zu fluchen geheilt worden, und da hab' ich auch den Entschluß gefaßt, ein verständiger Mensch zu werden, wovon bis dahin nicht viel bei mir die Rede war!«

Er stellte mir dann mehrere Fragen in bezug auf die Besessenheit. Er wollte meine Hand sehn, wo die geweihten Namen ständen. Sie waren eben erst aufgefrischt worden. Er war nun über dies Wunder außerordentlich erstaunt; er nahm meine Hand, besichtigte sie aufmerksam, rief seinen Arzt, Herrn Pallu, und fragte ihn, was man zu einem so außergewöhnlichen und offenbaren Wunder sagen solle. Der Arzt erwiderte, es sei ein Werk, an dem weder natürliche Kraft noch menschliche Kunstgriffe Anteil hätten.

Donnerstag den 6. Mai reisten wir von Tours ab. Eine Dame von Stande, die Frau eines Parlamentsrates namens Tronchet, nahm im Wagen mit uns Platz und hielt uns unterwegs frei.

Wir übernachteten in Amboise bei unsern Ursulinerinnen. Das Volk strömte in Menge herzu, um die Namenszüge zu schauen. Man mußte das Sprechzimmer bis elf Uhr nachts geöffnet halten. Einige Leute kletterten über die Mauer in den Garten; ich mußte zu ihnen gehn und meine Hand besehn lassen.

Freitag den 7. Mai speisten wir in Blois zu Mittag. Wir blieben in der Gastwirtschaft, weil der Kutscher sich weigerte, uns zu unsern Ordensschwestern zu fahren, und da wurden die Gasthaustüren von den Leuten, die meine Hand sehn wollten, eingedrückt.

Sonnabend wohnten wir der Messe und dem Abendmahl in Notre Dame de Cléry bei und übernachteten in Orléans bei unsern Schwestern.

Seine Hochwürden der Bischof von Orléans hatte Befehl erteilt, ihn von unsrer Ankunft zu benachrichtigen. Als er die Mitteilung erhielt, begab er sich sogleich ins Kloster, gefolgt von einer großen Anzahl der angesehensten Leute der Stadt. Er legte mir mehrere Fragen über die Ereignisse während meiner Besessenheit vor; auch einige von seinen Begleitern richteten Fragen an mich, um zu sehn, ob ich mich auf etwaigen Widersprüchen ertappen lasse. Der Herr gewährte mir die Gnade, daß ich korrekt antwortete.

Als sie die Zeichen sahn, die ich auf der Hand trug, ergriff sie das höchste Erstaunen, und sie überzeugten sich, daß hier weder Menschenwerk noch Einbildungskraft im Spiele sei. Seine Hochwürden der Bischof betrachtete die heiligen Namen aufs aufmerksamste und rief ein über das andre Mal aus: »Das Werk Gottes darf nicht verborgen bleiben; man muß das Volk zufrieden stellen!« Er ordnete darauf an, ich solle mich am Gitter aufhalten, das Volk aber solle man ins Sprechzimmer eintreten lassen.

Die Nonnen der Heimsuchung Mariä schickten ihren Beichtiger und ließen um meinen Besuch bitten, vorbehaltlich der Geneigtheit Seiner Hochwürden des Bischofs. Dieser gab Seine Einwilligung und schickte mir einen Wagen, um mich hinzubringen. Es gab einen so großen Andrang von Menschen, die herzuliefen, meine Hand zu sehen, daß die Tore des Klosters erst um elf Uhr abends geschlossen werden konnten.

Montag den 10. Mai langte Herr von Laubardemont expreß ans Paris an, um uns dorthin zu geleiten. Seine Ankunft war uns ein rechter Trost; denn er hatte uns immer mit väterlichem Wohlwollen beglückt, sowohl in Loudun, wie in Paris und anderswo.

In Paris trafen wir Mittwoch den 12. Mai in der Kutsche des Herrn von Laubardemont ein. Zuerst gingen wir zur Notre-Dame-Kirche, hörten daselbst die Messe und nahmen das Abendmahl. Wir stellten uns auch von neuem unter den Schutz der heiligen Jungfrau.

Unsre Ursulinerinnen, sowie mehrere andre religiöse Gemeinschaften boten uns aufs mildtätigste ihr Haus an und waren bemüht, uns als Gäste zu bekommen. Indes wollte uns Herr von Laubardemont in seinem Hause haben, und man fand es so schicklich. Er erhielt von Seiner Hochwürden dem Erzbischof von Paris die Erlaubnis, an einem sehr dezenten und passend gelegenen Orte seines Hauses einen Altar zu errichten und daselbst die heilige Messe zu feiern, damit wir unsre Andachtsübungen ausführen könnten, ohne gesehn oder gestört zu werden.

Donnerstag den 13. Mai, am Himmelfahrtstage, erneuerten sich meine Namenszüge wiederum durch die besondere Gnade Gottes. Kaum sprach sich das herum, so kam eine große Anzahl vornehmer Leute, die mit Herrn von Laubardemont befreundet waren, bei mir zu Besuch: Staatsräte, vortragende Räte, Doktoren der Sorbonne, Nonnen aller Orden, mehrere Aerzte usw. Die Herrschaften besahen sich die Schriftzüge sehr aufmerksam und äußerten verschiedentlich ihre Meinung, die einen für, die andern gegen. Ich mußte alle ihre Reden über mich ergehn lassen und brauchte große Geduld, um nicht außer mir zu geraten.

Die Schwestern von der Heimsuchung Mariä ließen mich dann um meinen Besuch bitten; ich entschuldigte mich aber mit dem Beschluß, der gemeinsam mit Herrn von Laubardemont gefaßt worden war, daß ich seine Behausung nicht verlassen und niemanden in Paris besuchen sollte, weil der König, die Königin und der Herr Kardinal von Richelieu verreist waren; außerdem wünschten wir vorerst noch den Segen Seiner Hochwürden des Erzbischofs von Paris zu bekommen, was vor zehn Tagen nach unsrer Ankunft nicht geschehn konnte.

Montag den 17. Mai erkrankte ich an einem starken Säfteerguß, der drei Tage lang anhielt und so heftig war, daß Herr Infuns, ein berühmter Arzt, erklärte, wenn er noch länger anhielte, so würde ich daran sterben. Der Arzt da droben aber heilte mich bald. In diesen drei Tagen erhielt ich öfters Besuch von Ihren Hoheiten dem Herzoge von Cheuvreuse und dem Prinzen von Guémenée, sowie von andern Personen von Range.

Alsbald nach meiner Gesundung gab es einen derartigen Zulauf von Volk, das sich herzudrängte, mich zu sehn, daß sich die Wohnung des Herrn von Laubardemont als zu klein erwies, um so viel Gesellschaft zu fassen. Man hat berechnet, daß mich von da ab während meines Pariser Aufenthaltes täglich mehr als zwanzigtausend Menschen besuchten. Besonders peinlich war dabei, daß die Leute nicht damit zufrieden waren, meine Hand mit den geweihten Namen zu besichtigen, sondern daß sie mir tausend und eine Frage vorlegten, wie das denn mit der Besessenheit und mit der Austreibung der Dämonen gewesen sei. Wir waren also genötigt, einen Prospekt drucken zu lassen, in dem man das Publikum über die wichtigsten Ereignisse beim Ein- und Abzug der Dämonen und über die Aufprägung der heiligen Namen auf meine Hand orientierte.

Herr von Laubardemont begab sich drei- oder viermal zur erzbischöflichen Residenz, überbrachte Seiner Hochwürden dem Erzbischof unsre ehrerbietige Empfehlung und bat um Erteilung seines Segens. Er traf ihn aber nie persönlich an. Deshalb fuhr er am Pfingsttage nach der Notre-Dame-Kirche, begrüßte hier Seine Hochwürden in unserm Namen nach Beendigung des Hochamts und bat um seinen Segen für uns, indem er ihn anflehte, er möge doch eine Stunde bezeichnen, in der wir ihm persönlich unsre pflichtgemäße Ehrerbietung darbringen dürften. Der Prälat gewährte nun eine Zusammenkunft auf drei Uhr nachmittags nach der Vesper.

Wir begaben uns in die Notre-Dame-Kirche, wohnten der Vesper bei und wurden dann von Herrn von Laubardemont zur erzbischöflichen Residenz gebracht.

Demütig warfen wir. uns vor dem Prälaten nieder und flehten um seinen Segen. Er nahm uns sehr huldvoll auf und verlangte die heiligen Namen zu sehn, die auf meiner Hand ständen. Er bewunderte sie, zeigte sie allen Umstehenden und sagte ganz laut: »Was zum Ruhme Gottes dient, darf nicht in der Verborgenheit bleiben!« Er stellte mir nun mehrere Fragen bezüglich der Besessenheit und der Tätigkeit der Teufel sowohl auf seelischem, wie körperlichem Gebiet, sprach auch von Grandier, bot mir zum Schluß seine Unterstützung an und geleitete uns recht weltmännisch bis an den Wagen.

Am folgenden Tage, dem 24. Mai, verbreitete sich in Paris das Gerücht von den Vorgängen in der erzbischöflichen Residenz, von dem huldvollen Empfang, den Seine Hochwürden uns hatte zuteil werden lassen, und von allem, was er zu mir gesprochen hatte. Darauf drängte sich das Volk noch mehr, mich zu sehen, dergestalt, daß man mich öffentlich zur Schau stellen mußte, von vier Uhr morgens bis zehn Uhr abends, mit Fackelbeleuchtung.

Man setzte mich in ein Zimmer im Erdgeschoß, wo in ungefähr Mannshöhe ein Fenster auf den Hof des Gebäudes hinausging. Ich saß und hielt meinen Arm auf einem Kissen, so daß die Hand zum Fenster hinaushing und vom Volke betrachtet werden konnte. Personen vom höchsten Stande konnten nicht in das Zimmer gelangen, weil das Volk alle Zugänge versperrte. Man ließ mir nicht einmal Zeit, die Messe zu hören oder meine Mahlzeiten einzunehmen. Ueberdies war es außerordentlich heiß und die Menschenmenge machte die Hitze noch viel drückender, so daß mir schwach wurde und ich sogar ohnmächtig auf die Fliesen niedersank.

Seine Hochwürden, der Kardinal von Richelieu war immer unser Beschützer gewesen und hatte uns während der Besessenheit treffliche Dienste erwiesen. Bei unserer Ankunft in Paris war er gerade abwesend; als er jetzt von uns hörte, ließ er aus Compiègne, wo er war, sagen, wir sollten ja nicht abreisen, sondern auf ihn warten.

Sobald Herr von Laubardemont erfuhr, er sei zurück und habe sich auf sein Besitztum in Ruel dicht bei Paris begeben, suchte er ihn am Dienstag nach Pfingsten auf, überbrachte ihm unsre untertänigste Empfehlung und bat um seinen Segen für uns.

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Wie Satan sich huldigen läßt.

Der Prälat bezeigte viel Freude über die Nachricht, verlangte sehr, uns zu sehn, und versicherte, er würde uns übermorgen Audienz gewähren.

Herr von Laubardemont brachte uns den betreffenden Tag hin. Hochwürden der Kardinal war gerade zur Ader gelassen worden; alle Tore des Schlosses in Ruel waren daher gesperrt, selbst für Bischöfe und Marschälle von Frankreich. Wir indessen wurden sogleich ins Vorzimmer eingelassen, obwohl er sich zu Bett befand. Er befahl einem Edelmann und seinem Leibarzt, uns zu empfangen und uns von ihm guten Tag zu wünschen.

Auf seinen Befehl geleitete man uns in ein Zimmer, wo der Tisch bereits gedeckt stand. Es war prächtig, und wir wurden von seinen Pagen bedient. Gegen das Ende der Mahlzeit ließ Seine Hochwürden der Kardinal Herrn von Laubardemont bitten und fragte ihn, ob es nicht indezent wäre, wenn er uns im Bett begrüße. Er fürchte, es könne uns peinlich sein. Herr von Laubardemont sagte aber nein und holte, uns.

Wir traten dicht ans Bett und ließen uns zur Entgegennahme seines Segens aufs Knie nieder. Ich blieb auch beim Sprechen in dieser Stellung; er wollte es nicht haben und versicherte, er könne das nicht dulden. Das Hinundherkomplimentieren dauerte eine geraume Weile; schließlich aber mußte ich gehorchen und auf einem Sessel Platz nehmen, worin er mich niedersitzen hieß.

Seine Hochwürden der Kardinal begann nun die Unterhaltung damit, daß er sagte, ich sei Gott zu außerordentlichem Danke verpflichtet dafür, daß er mich in diesem jammervollen Zeitalter auserwählt hätte, zu Seinem Ruhme, zur Ehre der Kirche, zur Bekehrung mehrerer Seelen und zur allgemeinen Verwirrung der Bösen zu dienen. Er bemerkte dann weiter, für mich sei es ein großes Glück, daß ich zu diesem Ende all' die Schande, Schmach, Anwürfe, Anklagen, Verleumdungen, überhaupt all' die Einwirkung der Dämonen während des Verlaufs von nur einigen wenigen Jahren erdulden mußte.

Ich erwiderte Seiner Eminenz, er sei uns Vater, Mutter, Ernährer, Schutzherr und überhaupt eins und alles gewesen, während hingegen die ganze Welt uns im Stich ließ, uns als irrsinnig, lügnerisch und boshaft hinstellte.

Seine Eminenz antwortete darauf: »Ich bin Gott sehr verpflichtet, daß er mich eure Unschuld erkennen ließ inmitten dieser Wetterwolken von Verleumdung, die auf euch lasteten, und daß Er mir den Willen und die Mittel gab, euch wohlzutun; ich gebe euch die Versicherung, daß ich auch weiter stets an euch denken werde!«

Er tröstete mich dann über die lange Dauer der Leiden, die ich zu erdulden hatte, und sagte: »Es ist ein Schlag aus der Hand der besondern Vorsehung Gottes, der durch all die Geschehnisse die von den Dämonen Gequälten heiligen wollte; ja, es geschah selbst zum allgemeinen Wohle Frankreichs, das gewaltigen Nutzen davon hat!«

Der Prälat brachte alles dies mit hinreißender Güte und Sanftmut vor. Er fügte noch hinzu: »Als mir Hochwürden Mylord Montaigu vor zwei Jahren hinterbrachte, er sei selber dabeigewesen, wie der Name Maria auf eure Hand geschrieben ward, und daß er sogar die Finger eurer Hand in seiner hielt, da ermutigte mich das Zeugnis dieses englischen Edelmanns, wie ich gestehn will, ganz besonders zu dem Plan, die armen, vom Teufel und der Menschheit verfolgten Nonnen von Loudun unter meinen Schirm und Schutz zu nehmen!«

Der Prälat sagte auch noch: »Es bedarf absolut keiner bessern Proben mehr, daß die Besessenheit wahr gewesen ist, als die Erneuerung dieser heiligen Namen, die so auffällig vor sich geht und jedesmal von Gott nach Seinem Ermessen bewerkstelligt wird. Dies ist ein ganz untrügliches Zeichen von der Wirklichkeit der Besessenheit und von den erhabenen Absichten, die Gott dabei hatte!« Dann wandte er sich an Herrn Citoys, seinen Arzt, und fragte nach seiner Meinung, worauf dieser erwiderte: »Gnädiger Herr, nach meinem Gefühl liegt in der Aufprägung der Namen auf der Hand der Frau Oberin nichts, was von Natur oder menschlichem Fleiß geschaffen sein könnte!«

Seine Hochwürden der Kardinal bat mich darauf näher heran, um meine Hand dicht dabei zu betrachten. Als er sie mit großer Aufmerksamkeit angesehn hatte, sprach er diese Worte: »Das ist doch wunderbar!«

Darnach wünschte er Mitteilungen über die Nonnen, die ich in Loudun gelassen hatte. Ich sagte, sie wären jetzt nicht mehr besessen und ganz friedfertig. Es sei dies eine Folge der Güte Gottes und, der Macht, die Er der Kirche über die Dämonen gegeben.

Schließlich bat ich Seine Eminenz sehr demütig um Fortsetzung seines Schutzes und seiner Wohltaten zur Stütze unsrer Gemeinschaft; ich versicherte ihn, wir würden unsre Gelübde und Gebete fortsetzen und den Segen des Himmels auf sein Haupt herabflehn.

Der Herr Kardinal, sagte auch, er wäre sehr erfreut gewesen, den Pater Surin zu sehn.

Herr von Laubardemont ergriff darauf das Wort und sprach von der Oelung, die der heilige Joseph an mir zu meiner Heilung vollzogen hatte. Das Stück Hemd, auf dem die besagte Oelung geschehn war, wurde hervorgeholt. Der Kardinal war bei seinem Anblick ehrerbietig gerührt und brachte sein Andachtsgefühl dadurch zum Ausdruck, daß er trotz seiner Krankheit sein Haupt entblößte, bevor er's in die Hand nahm, daran roch und es zweimal küßte mit den Worten: »Es riecht wirklich gut!« Er ließ ein Reliquienkästchen damit anrühren, das er an seinem Kopfkissen hatte. Während er dies Hemd voll Bewunderung und Ehrfurcht in Händen hielt, mußte ich ihm erzählen, auf welche Art und Weise ich durch die Macht des heiligen Joseph und das Auftragen des Oels gesundet war.

Er lud mich dann ein, sein Haus in Ruel in Augenschein zu nehmen. Wir warfen uns der Eminenz zu Füßen, um ein zweites Mal ihren Segen zu erhalten; er sagte dabei: »Stürzt euch nicht in Unkosten wegen der Reise; ich will schon dafür sorgen und euch beistehn!« Nächsten Morgen früh sandte er uns auch richtig einen Edelmann und ließ uns fünfhundert Taler aushändigen.

Seine Eminenz bedankte sich noch bei Ehrwürden von Morans und Herrn von Laubardemont für den sorgsamen Anteil, den sie an unsrer Gemeinschaft genommen, gab uns dann seinen Segen und sprach: »Betet für mich zu Gott, daß er mich ebenso segne, wie ich es jetzt euch tue!«

Als wir das Zimmer des Herrn Kardinals verlassen hatten, ließ er Seine Ehrwürden von Morans zu sich bitten. Er sagte ihm, er sei ihm sehr verpflichtet für den uns erwiesenen Beistand, bat ihn, darin fortzufahren, und bot ihm seine Dienste an.

Einige Hofleute schlugen dem Herrn Kardinal vor, er solle meine Hand in einen Handschuh stecken und diesen mit seinem Petschaft versiegeln. Er lehnte das aber mit den Worten ab: »Man müßte verrückt oder ruchlos sein, wenn man noch an der Wahrheit dessen, was wir sahen, zweifeln wollte; auf solchen Vorschlag eingehn, hieße Gott versuchen!«

Einige mißbilligten auch diese Oelung, indem sie meinten, vom Himmel käme nichts Wirkliches und sinnlich Wahrnehmbares; worauf man aber erwiderte: es stände in der heiligen Schrift, daß mehrerlei vom Himmel heruntergekommen sei, zum Beispiel das Schwert, das Jeremias lange nach seinem Tode im Auftrage Gottes dem Makkabäer Judas mit den Worten überbrachte: »Nimm das heilige Schwert; es ist ein Geschenk Gottes, mit welchem du die Feinde deines Volkes zerschmettern sollst!«

Ferner ward das heilige Salbgefäß vom Himmel herniedergebracht, mit welchem unser erster König Chlodwig vom heiligen Remigius am Osterheiligabend gesalbt worden ist. Dieser König sah mit eigenen Augen einen Engel in Gestalt einer weißen Taube vom Himmel herunterkommen und das Gefäß überreichen. Das Wunder ist von mehreren Geschichtsschreibern anerkannt worden, sogar von magdeburgischen Chronisten, die als Lutheraner doch Feinde des Wunderglaubens sind.

Als wir wieder in Paris zurück waren, teilte mir Herr von Laubardemont mit, er habe einen Brief bekommen von Anna von Oesterreich, der Königin Frankreichs, Gemahlin. Ludwigs des Gerechten, in welchem Ihre Majestät ihm befahl, mich nach Saint-Germain-en-Laye zu bringen, wo sie sich gerade aufhielt. Sie hatte nämlich von der Aufprägung der Namenszüge auf meiner Hand und von der wunderbaren Heilung, die der heilige Joseph mit der Oelung vollbracht hatte, sprechen hören und begehrte nun lebhaft, mich zu sehn und von mir die Erzählung alles dessen, was sich in der Besessenheit zugetragen hatte, zu vernehmen.

Einige Personen, die die Besessenheit als Lug und Trug ausschrien, taten ihr Möglichstes, diese Begegnung zu verhindern; denn sie besorgten, man möchte erkennen, daß sie mit ihrer Verurteilung der Vorgänge in Loudun im. Unrecht waren.

Die Hugenotten ihrerseits entfesselten eine wüste Hetze gegen mich. Sie brachten die Haltung der Exorzisten und überhaupt aller, die sich mit der Angelegenheit befaßt hatten, in Verruf. Sie konnten das, was doch sonnenklar war, nicht ertragen, insonderheit die Macht, die die katholische Kirche besitzt, die Dämonen zu züchtigen und sie zum Auszug aus den Leibern, so sie vorher besessen, zu zwingen.

Man bediente sich sogar eines Kniffes, um den Besuch zu hintertreiben. Die Königin war nämlich im sechsten Monat schwanger. Man stellte nun ihrer Umgebung vor, der Anblick der Namenszüge auf meiner Hand könnte der Königin irgend einen Schrecken einjagen, da ja die Dämonen diese Namen geschrieben hätten.

Man befragte Herrn Séguin, den Leibarzt der Königin. Er war der Ansicht, ich solle nach Saint-Germain kommen, damit die Königin endlich den Trost hätte, mit eigenen Augen die Schriftzüge zu sehen. Sein Grundgedanke war, etwas so Heiliges könne der Königin keinen Schaden antun; im Gegenteil, der Anblick sei imstande, ihr Trost und Freude, ja selbst Körperkräfte einzuflößen; kurz und gut, es sei durchaus: angebracht, daß der ganze Hof Zeuge von so viel Wundern sei, die doch nur dem Ruhme Gottes und dem Heile der Seelen dienten.

Ich vergaß zu sagen, daß ich den Herrn Kardinal danach fragte, ob er es richtig fände, wenn ich gemäß der zweimaligen Aufforderung der Königin nach Saint-Germain ginge. Er ließ mir sagen, darüber müsse der König entscheiden, zumal von verschiedener Seite dieser Reise widersprochen würde. Herr von Laubardemont solle zu dem Ende den König aufsuchen und ihm das Begehren der Königin, sowie die Schwierigkeiten auseinandersetzen, die mehrere Personen dieser Zusammenkunft in den Weg legten.

Herr von Laubardemont tat, wie ihm geheißen. Der König erklärte sofort, er sähe keinerlei Hinderungsgrund, weder für die Reise, noch für den Besuch. Die Annäherung einer Nonne müsse für unverdächtig gelten, und man dürfe die Königin nicht dieses Trostes berauben, da sie so glühend danach verlange.

Ich fuhr also nach Saint-Germain in Begleitung der Herren von Morans und Laubardemont.

Sobald die Königin von unsrer Ankunft benachrichtigt war, schickte sie eine ihrer Ehrendamen ab, die uns in ihr Zimmer geleiten mußte. Zuerst machte mir die Königin Vorwürfe, daß ich trotz ihres wiederholt gegebenen Befehls so lange gezaudert hatte. Ich entschuldigte mich mit den Schwierigkeiten, die entstanden seien, und daß mehrere Personen die Besorgnis geäußert hätten, meine Anwesenheit könnte Ihrer Majestät Unbequemlichkeiten verursachen. Die Königin sagte darauf lachend: »Ich hab' keine Angst, aber der König!« Weiter sagte sie: »Frau Oberin, es freut mich, daß Sie gekommen sind; ich hatte großes Verlangen, Sie zu sehen; treten Sie nur bitte näher; Sie haben durchaus nichts an sich, das Furcht einflößen könnte; also kommen, Sie nur bitte; wirklich, es gibt doch recht böse Menschen; was habe ich denn bloß getan, daß sie mir mein Glück neiden?«

Die Königin hieß mich also mich setzen und legte mir mehrere Fragen vor. Sie schien mit meinen Antworten zufrieden. Mit Vergnügen, hörte sie mit an, was ich ihr von meiner Besessenheit erzählte; sogar das Grausigste. Sie sagte: »Es macht mir Spaß, von den Sachen zu hören; ich hab' gar keine Angst!«

Die Königin fragte, ob unsre Gemeinschaft in großen Nöten gewesen sei, sowohl geistlich, wie weltlich. Dies veranlaßte mich zu folgender Aeußerung: »Majestät, wenn ich Ihrem Wunsche willfahren soll, so muß ich eingestehn, daß Menschen und Teufel mehrere Jahre lang einen grausamen Krieg mit uns geführt haben; nachdem die Besessenheit ausgebrochen war, befanden wir uns in bezug auf die Notdurft des Körpers in der äußersten Zwangslage; oftmals fehlte es an Brot; einige Tage lang hatten wir überhaupt nichts zu essen.

Als unser Vorrat gänzlich ausgegangen war, sahn wir uns gezwungen, uns von dem Kohl und Gemüse zu nähren, die in unserm Garten wuchsen; gaben uns mildtätige Leute etwas andres, so war niemand da, zu kochen und das Gegebene zuzubereiten; denn die unter uns vom Teufel besessen waren, machten den andern, die's nicht waren, so viel zu schaffen, daß sie sich außer stände sahen, unsres Leibes Notdurft zu befriedigen.

Um uns aus diesem Jammer zu ziehn, gab uns Gott den Gedanken ein, Wolle und Flachs zu spinnen. Obgleich wir dies Handwerk gar nicht verstanden, lernten wir es doch mit Gottes Gnade; doch die Kaufleute, die uns zu spinnen gaben, beuteten unsre Notlage aus und beschnitten uns unsern schuldigen Verdienst um ein Drittel; denn während sie andern Spinnerinnen drei Sous gewährten, gaben sie uns nur zwei.

Die Ursache dieses trostlosen Jammers war:

1) Daß die Eltern unsrer Pensionärinnen ihre Töchter aus unserm Hause nahmen wegen des schrecklichen Getümmels, das die Dämonen durch die Besessenen verübten.

2) Die Leute, die uns vor unserm unglückseligen Zustand am meisten zugetan waren, wandten uns nun den Rücken.

3) Unsre Eltern rückten von uns ab, ja verweigerten die weitere Auszahlung der kleinen Lebensrente, die die eine oder andre von uns als Taschengeld bekam.

4) Die Hexenmeister und Hugenotten verbündeten sich, uns für schurkisch, verrückt, schamlos oder für Hexen auszuschreien.

5) Der grausamste und unverschämteste von allen unsern Verfolgern war Urbain Grandier, der Stadtpfarrer von Loudun.

Dieser unglückselige Priester suchte jegliches Mittel hervor, uns ehrlos zu machen. Ohne daß wir ihn jemals gesehn oder irgend eine persönliche Beziehung zu ihm gehabt hätten, haben ihn die Teufel immer angeklagt, daß er der Urheber unsrer Besessenheit sei. Er verfaßte verleumderische Pamphlete gegen unsre Ehre und ließ sie an den Stadttoren von Loudun anschlagen.

Dieser elende Priester ward endlich der Zauberei überführt und abgeurteilt nach dem Spruch der Richter, die der König gesandt hatte, seinen Prozeß zu führen. Er wurde lebendig verbrannt in Loudun.

Das Gerücht von dem, was sich bei den Beschwörungen ereignete, verbreitete sich in den nahe gelegenen Städten, dann in den entfernteren, und eine Menge von Menschen jeden Alters, Geschlechts und Standes kam aus Neugier herzugeströmt. In den Gasthäusern von Loudun waren Leute, die man angewiesen hatte, uns in Verruf zu bringen und als niederträchtig und schurkisch auszuschrein. Nicht bloß böse Menschen hetzten gegen uns, sondern wohlgesinnte, aber schlecht unterrichtete Leute wurden zu unsern Verfolgern. Einige verurteilten uns nicht gerade, es ist wahr; aber sie nahmen uns auch nicht in Schutz; sie wollten eben die Wahrheit nicht ergründen und fürchteten auch die allgemeine Mißbilligung, wenn sie unsre Partei ergriffen; das tat uns sehr vielen Schaden wegen des Ansehns, das sie in der Stadt besaßen.

Gott ließ einen Stiftsherrn von Loudun mit Namen Mignon für uns aufstehn, dem wir sehr verpflichtet sind und es bleiben werden; er half uns mit weisem Rat und hielt uns länger als ein Jahr, da wir uns in tiefster Not befanden, durch seine Mildtätigkeit aus.

Einige Eltern von uns erboten sich, uns wieder ins Haus zu nehmen; aber so verlockende Vorschläge sie uns auch machten, wir wiesen ihr Anerbieten ab.

Das ist so etwa, Majestät, eine kleine Skizze von unsern äußern Leiden; unsre innere Pein aber läßt sich Ew. Majestät gar nicht schildern; wir gerieten durch die Tätigkeit der Dämonen in furchtbarsten Schrecken, Aufregung, Verzweiflung, Raserei, wie sie Gott allein und den Engeln bekannt geworden sind.

Besonders schwer traf es uns, daß wir damals, als die Richter das verdammende Urteil gegen Grandier aussprachen, voneinander getrennt wurden; man quartierte je ein Paar von uns in den Häusern der Stadt ein und befragte uns juridisch!«

Die Königin und alle, so in ihrem Zimmer waren, bekundeten keinerlei Langeweile bei dieser meiner großen Rede; im Gegenteil, ein jeder bezeigte Freude und Bewunderung über so viel erstaunliche Ereignisse.

Die Königin begehrte meine Hand mit den heiligen Namenszügen zu sehn. Ich reichte sie ihr hin; sie nahm sie, hielt sie über eine Stunde fest und bewunderte eine Sache, die man noch nie gesehn hatte von Anbeginn der Kirche an. »Wie kann man nur ein solches Wunder verwerfen wollen,« rief sie aus, »ein Wunder, das so viel Andacht erzeugt! Nur Widersacher der Kirche können es in Verruf bringen und verdammen, da es doch zum Ruhme Gottes und zum Heile der Seelen dient!« Sie sagte dann noch weiter: »Sollte es wirklich Unglückselige geben, die eine ersichtliche und von allen religiösen Menschen zugebilligte Wahrheit abstreiten? Diese Leute verbünden sich mit dem Teufel gegen Gott!«

Ihre Hoheit die Prinzessin von Condé, die gleichfalls zugegen war, pflichtete dieser Ansicht der Königin bei; sie sagte beim Anblick der Namenszüge: »Jetzt wundre ich mich nicht mehr über das, was mir mein Gemahl, der Prinz, erst neulich schrieb; er sei durch Loudun gekommen, hätte die Namen auf der Hand der Oberin gesehen und sei davon unterrichtet worden, daß besagte Oberin durch eine wunderbare Oelung vom heiligen Joseph geheilt wurde; er habe in Loudun ein eigenhändiges Schreiben hinterlassen und darin erklärt, daß ihm der Dämon Isaakaaron, als er einer Beschwörung beiwohnte, einen ganz geheimen Gedanken offenbarte, den er in seinem innersten Herzen verschlossen gehalten; diese Bescheinigung habe er mit. Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, unterzeichnet!« Die Königin fragte mich darauf, wie denn die Heilung vermittelst der Oelung des heiligen Joseph vor sich gegangen sei. Ich gab ihr darüber ziemlich eingehend Bericht.

Zwei Aerzte, der eine von der Hofhaltung des Königs, der andre von der der Königin, erstatteten nun dem König Bericht über mein erfolgtes Zwiegespräch mit der Königin und versicherten ihn, sie hätten alles aus nächster Nähe geprüft und seien überzeugt, daß irgend ein Kunstgriff bei der Entstehung der Schriftzüge nicht im Spiele sei, daß es sich also um ein Werk Gottes handle.

Auf diesen Bericht hin äußerte der König den Wunsch, die Namen mit eigenen Augen zu sehn und meine Erzählung mitanzuhören. Er kam also zu diesem Zweck in das Zimmer der Königin, am 29. Mai 1638.

Zuerst begrüßte er mich sehr ehrenvoll und mit vieler Milde; dann fragte er nach meinem Befinden und verlangte meine Hand zu sehn, von der man ihm so viel gesprochen hatte. Ich wies sie vor. Er betrachtete sie aufmerksam und war außerordentlich überrascht, als er die Schriftzüge der heiligen Namen erblickte. Man sah seinem Gesicht die freudige Erregung an. Schließlich sagte er ganz laut: »Ich habe nie an der Wahrheit dieses Wunders gezweifelt; aber jetzt, da ich es so vor mir sehe, wird mein Glaube noch befestigt!«

Er ging und holte höchstselber einige Personen in das Zimmer der Königin, die seit langem erklärte Feinde unsrer Gemeinschaft waren und die Wahrheit der Besessenheit bestritten, ja uns in den Augen des Königs als Schwindlerinnen und Hexen hingestellt hatten. Der König holte also diese ins Zimmer der Königin; als sie dort waren, bestanden sie aber weiter auf ihrer Ansicht. Um sie zu überführen, ergriff der König meine Hand, zeigte ihnen den Aufdruck der geweihten Namen, der noch ganz frisch war, und meinte: »Nun, was sagen Sie hierzu?«

Diese Leute wollten sich aber nicht ergeben. Ich habe die Namen der Herrschaften aus christlicher Nächstenliebe niemals an die Oeffentlichkeit gebracht.

Der König erwies mir die Ehre, eine gute Stunde mit mir zu plaudern. Von Zeit zu Zeit faßte er nach meiner Hand und besah sich die heiligen Namen aufmerksam. Er tat mehrfache Fragen über die Besessenheit und hauptsächlich über den unglückseligen Grandier. Er sprach ferner von der Reise nach Annecy, auf der ich begriffen sei; er war so gütig, mich vor dem: Passieren gewisser gefährlicher Orte zu warnen; er zeichnete mir den Weg von Paris bis Savoyen vor und bemerkte dabei: »Der kürzeste Weg hält sich von Lyon aus rechts nach Grenoble; das Grabmal des Genfer Bischofs, dessen Namen Ihr auf Eurer Hand tragt, liegt in Annecy in der kleinen Kirche der Schwestern von der Heimsuchung!«

Diese Unterredung ging sehr familiär und von seiten des Königs sehr gütig vor sich. Ich erschöpfte mich in Danksagungen zu Seiner Majestät für all das Wohlwollen und die Sorge, die Sie der Notdurft unsrer Gemeinschaft hatte angedeihen lassen. Ich versicherte, wir würden im Gebet um Ihre geheiligte Person und das ganze königliche Haus fortfahren.

Die Königin ergriff dann das Wort und stellte dem König die große Armut unsrer Gemeinschaft vor. »Ich will ihnen auch weiterhin,« sagte dieser, »Gutes erweisen!« Dann wandte er sich an Herrn von Laubardemont und sagte: »Sie haben diesen guten Nonnen rechtschaffen in ihren Nöten beigestanden!« Herr von Laubardemont erwiderte: »Sire, alles geschah auf Anordnung Ew. Majestät!« »Es bleibt dabei,« sagte der König, »daß Sie sich in dieser Angelegenheit sehr bemüht haben; ich bin mit Ihren Diensten recht zufrieden!« Darnach verabschiedete sich der König von der Königin und sagte zu mir: »Tun Sie mir den Gefallen, für mich zu Gott zu beten!«

Die Königin wünschte noch, ich solle ihre oberste Ehrendame, die krank lag, besuchen und ihr die Oelung des heiligen Joseph auflegen; ebenso einem ihrer Hofbeamten, Herrn von Comminges, der gleichfalls krank lag.

Frau von Laubardemont hatte mir empfohlen, diesen Vorschlag zu machen; es fiel mir nicht leicht, mich ihm zu fügen; da ich aber Eile hatte, gab ich nach.

Die Königin wünschte ferner, ich sollte ein Stück von dem Hemde, worauf sich die Oelung befand, abschneiden, da sie durch Vermittlung des heiligen Joseph von Gott eine glückliche Niederkunft erhalten wollte. Ich weigerte mich aber und sagte, ich könnte mich nur höchst ungern dazu entschließen, ein so kostbares Ding zu zerstückeln. Ich sagte dann weiter: »loh kann mir nicht denken, daß meine Zustimmung hierzu dem Willen Gottes entspreche; wenn es Ihre Majestät befiehlt, wie es ja in Ihrer Macht steht, so will ich gern das Stück ganz in Ihren Händen lassen; indessen wage ich Ihrer Majestät vorzustellen, daß Sie eine unendliche Anzahl von Personen zu Dank verpflichten wird, wenn Sie mir gestattet, die Oelung ganz so, wie sie ist, wieder mit mir zu nehmen; denn viele werden davon Trost und Andacht zum heiligen Joseph empfinden, wenn sie mit eigenen Augen sehen dürfen; außerdem besitzen wir in unsrer Kirche nur diese einzige Reliquie des heiligen Joseph!«

Frau de la Flotte, die diese Aeußerung mitanhörte, überbrachte sie der Königin. Diese war es zufrieden und meinte: »Ich füge mich den Gründen der Frau Oberin; ich will, sie soll die Reliquie wieder mitnehmen; es handelt sich um ein Gut, das man der Oeffentlichkeit nicht rauben darf; sie hat ganz recht, daß sie sich einer Zerstückelung widersetzt!«

Andern Tags nahm ich von der Königin in ihrem Zimmer Abschied. Sie empfing mich mit der gleichen Güte wie an den vorhergehenden Tagen und verlangte noch einmal, die Oelung des heiligen Joseph zu sehen. Sie erwies ihr die Ehre und ließ sie mit Rosenkränzen anrühren. Sie begehrte auch nochmals die heiligen Namen zu sehen, pries Gott ob dieses großen Wunders und beglückwünschte mich zu der Sorgfalt, mit der ich die Reliquie des heiligen Joseph aufbewahrte; sie empfahl sich auch meinem Gebet. Ich verabschiedete mich dann von der jungen Prinzessin von Orléans, der Frau Prinzessin von Condé und mehreren andern Personen von erstem Range, die meine Ehrerbietung sehr huldvoll aufnahmen.

Wir kehrten dann nach Paris zurück. Am folgenden Tage begaben wir uns ins Kloster zur Heimsuchung nach der Saint-Antoine-Straße zur Kommunion. Dort wurden die Namen wiederum aufgefrischt, in Gegenwart mehrerer Nonnen und während die Oberin meine Hand hielt. Es ist bemerkenswert, daß sie sich in nicht ganz einer Woche dreimal erneuerten. Nachmittags erschien Seine Hochwürden von Bellegarde, der Erzbischof von Sens, in der Heimsuchung und ließ mich ehrenvoll zu sich bitten. Er wünschte die bemerkenswertesten Ereignisse aus meiner Besessenheit zu erfahren; zwei Stunden lang legte ich ihm darüber Rechenschaft ab.

Das Volk drängte sich gewaltig zur Besichtigung der heiligen Namen. Es drohte, die Klosterumfriedigung zu durchbrechen, und schließlich mußte ich am Fenster erscheinen, damit es sich zufrieden gab. Man hat ausgerechnet, daß sich täglich dreißigtausend Personen einstellten, die die heiligen Namen besichtigen wollten.

Auch der päpstliche Nuntius wollte selber die Wahrheit des Wunders erkunden. Nach aufmerksamer Betrachtung meinte er, ich sei eins der schönsten Stücke, das man jemals in der Kirche Gottes gesehen hätte; er habe schon dem Papst davon geschrieben und wundere sich nur, daß die Hugenotten nach einem so sichtlichen Beweis der von ihnen bekämpften Wahrheit noch weiter in ihrer Verblendung verharrten; er verstehe nicht, was sie noch gegen ein so großes Wunder vorbringen könnten. Er verlangte dann die Oelung des heiligen Joseph zu sehn. Sie strömte einen wundersüßen Geruch aus; er war davon entzückt und küßte sie andächtig.

Ihre Hochwürden die Bischöfe von Alby, Chartres, Le Mans, Meaux, Nîmes und mehrere andre wollten mich gleichfalls sehn; ich mußte gehorchen.

Herr von Laubardemont ersuchte die beiden geschicktesten Wundärzte von Paris, die Schriftzüge auf meiner Hand zu prüfen, was sie unabhängig voneinander taten. Der erste besah sich die Schriftzüge sorgfältig und sagte dann, er wolle seinen Kopf aufs Schafott legen, wenn hier irgend ein Werk der Natur oder Menschenerfindung mitspiele.

Herr von Laubardemont sagte darauf: »Mit diesem Zeugnis bin ich noch nicht zufrieden; bitte, stellen Sie die denkbar genausten und schärfsten Proben an; es soll den Leuten, die das Wunder verdammen und in Mißkredit bringen, endlich der Mund gestopft werden!«

Um. Herrn von Laubardemont zufrieden zu stellen, unternahm der Chirurg darauf folgende Proben:

1) Er rieb mit heißen Leinentüchern kräftig auf meiner Hand herum, um festzustellen, ob die Materie, aus der die Buchstaben bestanden, nicht etwa künstlich mit Gummilösung aufgeklebt war.

2) Er bediente sich der stärksten Flüssigkeiten, deren er habhaft werden konnte; diese brachte er auf meine Hand, aber der Versuch war nutzlos.

3) Er wandte Oel an, was aber gleichfalls zwecklos war. Anstatt zu verlöschen oder sich irgendwie zu verändern, strahlten die Buchstaben nach so viel Anstrengung nur in schönerm Glanze, denn je zuvor. Als der Chirurg das sah, legte er allsogleich ein doppelt Zeugnis ab, eins mit den Augen, die in Tränen der Freude und Rührung schwammen, und eins mit dem Munde, indem er laut und feierlich sprach: »Das ist der Finger Gottes!«

Darnach ging er hin und verbreitete überall die Wahrheit von diesem Wunder. Als der Herr Kanzler von den angestellten Experimenten erfuhr, ließ er sich von dem Chirurgen über die Materie Vortrag halten. Der Chirurg sprach sehr eindringlich und bewies mit lebendigen Gründen, daß weder Natur noch Kunst etwas mit dieser Erscheinung zu schaffen hätten.

Der zweite Chirurg namens Limprenet nahm nun seinerseits eine Prüfung vor, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß bei der Aufprägung der Namen ein Wunder vorläge, verfaßte er einen sehr gelehrten Aufsatz, in welchem er die Erklärungen des andern Chirurgen bestätigte.

Dies zwiefache Zeugnis veranlagte mehrere Pariser Aerzte und Wundärzte, sich persönlich von der Wahrheit der Tatsachen zu überzeugen. Daher drängten sie sich zur Besichtigung der Schriftzüge und verlangten ungestüm meine Hand zu sehn. Eine große Anzahl kam sieben oder acht Tage hindurch. Alle folgerten in Uebereinstimmung mit den beiden ersten, dies Werk sei weder auf künstliche noch auf natürliche Kräfte zurückzuführen; vielmehr müsse Gott dabei tätig gewesen sein, entweder persönlich oder vermittelst eines außergewöhnlichen Agens.

Es ereignete sich, daß ein Elender die Namenszüge, die ich auf der Hand trage, auf der seinigen gleichfalls hervorrufen und fälschen wollte; aber er zog sich eine derartige Entzündung der Hand zu, daß er vermeinte, er würde den Arm, ja selbst das Leben einbüßen. So gab Gott zu erkennen, daß es nicht möglich sei, die Schriftzüge auf natürlichem Wege herzustellen.

Das Urteil der Aerzte brachte die Ketzer und Freigeister zum Schweigen und befestigte die Gutgesinnten im Glauben und in der ehrfürchtigen Achtung dieses großen Wunders.

Der König ließ uns gütigst einen Geleitbrief ausstellen, in welchem er allen Statthaltern der Provinzen und Magistraten der Städte, die wir berühren mußten, anbefahl, uns allen nötigen Beistand zu gewähren und unsrer Reise keinerlei Hindernis oder Aufenthalt zu bereiten.

Wir fuhren aus Paris fort, Sonntag den 20. Juni 1638. Frau Amaury, die Witwe eines Pariser Parlamentsrats, ließ es sich nicht nehmen, uns auf der Reise zu begleiten. Wir kamen durch Melun, woselbst sich Seine Hochwürden der Erzbischof von Sens befand.

Wir stiegen in der Bernhardinerabtei ab, in der Marie de la Trémouille die Reform eingeführt hatte. Wir blieben daselbst einen Tag, und ich pflog mit der Aebtissin lange Unterhaltungen über die Ereignisse in Loudun.

Dann übernachteten wir bei den Schwestern von der Heimsuchung in Montargis. Von da kamen wir nach der Stadt La Charité, wo sich die heiligen Namen erneuerten, während wir in einer kleinen Kapelle der Nonnen, die dem heiligen Joseph geweiht ist, die Messe mitanhörten; ein Vorgang, der die Ehrerbietung der Nonnen vor dem Heiligen bedeutend verstärkte.

Von La Charité fuhren wir nach Nevers und übernachteten daselbst in der Heimsuchung. Eine Menge Volks lief herbei, die geweihten Namen zu schauen; es war ein so großes Gedränge, daß sie fast die Türen erbrachen. Seine Hochwürden der Bischof von Nevers erwies mir die Ehre seines Besuchs in Begleitung der vornehmsten Leute der Stadt.

Die Jesuiten-Patres und fast alle Mönche beeilten sich, uns zu besuchen; ich mußte ihnen meine Hand mit den heiligen Namen und die Oelung des heiligen Joseph zeigen und ihren Wissensdurst durch Erzählung der bemerkenswertesten Ereignisse befriedigen.

Nicht weit von Lyon entfernt ließ uns Seine Hochwürden der Kardinal Alfons von Richelieu, Erzbischof dieser Stadt und Bruder Seiner Hochwürden des Kardinals von Richelieu, seine Einladung zugehn.

Wir langten in Lyon in guter Gesundheit an, vierzehn Tage nach unsrer Abreise von Paris. Erst machte man uns wegen des Pestverdachts einige Schwierigkeiten mit dem Oeffnen der Tore; doch sobald wir die königliche Order vorwiesen, ließ man uns ein.

Wir stiegen im kleinen Kloster der Heimsuchung ab. Man sagte uns aber, Seine Hochwürden der Kardinal von Lyon hätte geäußert, wir sollten im großen Kloster zur Heimsuchung, genannt Bellecour, Wohnung nehmen; er wolle uns daselbst aufsuchen.

Seine Hochwürden der Kardinal hatte befohlen, ihm unsre Ankunft zu melden. Sobald er erfahren hatte, daß wir uns im kleinen Kloster befänden, entsandte er zwei angesehene Geistliche und ließ uns seinen Willkomm entbieten; er wäre sehr erfreut, uns, in Bellecour zu treffen und wünsche, daß wir dort unsern Aufenthalt nähmen, nachdem wir unser pietätvolles Verlangen nach dem: kleinen Kloster zur Heimsuchung gestillt hätten.

Wir nahmen also in der Heimsuchung von Bellecour Quartier. Seine Eminenz der Kardinal bemühte sich dorthin und nahm uns sehr wohlwollend auf; eine gute Stunde lang mußte ich ihn von der Tätigkeit der Teufel, ihrem Auszug aus meinem Körper und von den Zeichen, die sie auf meiner Hand hinterlassen hatten, unterhalten. Auch legte mir der Kardinal mehrere Fragen vor.

Ich versuchte, ihn zufrieden zu stellen. Er wollte die Namen, die auf meiner Hand aufgeprägt waren, mit einer Schere entfernen. Als er sie schon angelegt hatte, nahm ich mir die Freiheit und sagte: »Hochwürden tun mir weh!« Er ließ darauf einen Wundarzt rufen, der die Namen rasieren sollte. Ich leistete Widerstand und sagte: »Hochwürden, ich habe nicht Befehl von meinen Oberen, derartige Experimente zu dulden!« Der Kardinal fragte mich darauf, wer denn diese Oberen wären. Ich antwortete: »Hochwürden, es ist der Kardinal von Richelieu, Ihr Herr Bruder; er hatte Befehl vom König, unsre Besessenheit zu untersuchen, worauf er uns Exorzisten, sandte; als ich durch Paris kam, hatte ich die Ehre, ihn zu begrüßen; er war so gütig, mich sehr wohlwollend aufzunehmen; ich fragte ihn, ob er zur Feststellung der Wahrheit dieser Namensprägung wollte Proben anstellen lassen; er antwortete mir jedoch, er hielte das nicht für nötig und zweifle in keiner Weise an einer Sache, die so sonnenklar sei!«

Endlich gab dieser Kardinal von Lyon nach. Er zog mich beiseite in einen Wandelgang und sagte: »Sie werden mir das Vergnügen machen und sich nur an mich wenden, wenn Sie etwas brauchen; ich helfe Ihnen sehr gern; ich beschwöre Sie, kommen Sie auf Ihrer Rückreise von Annecy wieder durch Lyon!« Darnach zog er sich endlich zurück.

Kurz vor unserer Abreise aus der Heimsuchung von Bellecour gewährte uns die Oberin noch einen besonderen Trost; wir durften das Herz des glückseligen Stifters Franziskus von Sales betrachten, und zwar ganz ohne Hülle, während man es gewöhnlich nur durch ein Kristallglas besichtigen darf. Ich hielt dies Herz in meinen Händen und betrachtete es einige Zeit in tiefer Andacht. Dabei, erneuerten sich die geweihten Namen auf meiner Hand angesichts von fünfundfünfzig Nonnen. Als sich das Gerücht von dieser Erneuerung verbreitete, lief fast ganz Lyon herbei zur Heimsuchung. Ich war genötigt, meine Hand von einer ungezählten Volksmenge ansehn zu lassen. Das Gedränge war so groß, daß zwei Personen dabei erstickten.

Pater Surin hatte damals, um meine Erlösung von dem letzten mich besitzenden Dämon zu erlangen, vor Gott das Gelübde abgelegt, er wolle mit Erlaubnis seiner Oberen nach Annecy gehn, um der göttlichen Majestät für diese Gnade, im Fall sie bewilligt würde, zu danken. Pater Jacquinot, der Provinzial, hatte ihm Erlaubnis gewährt und ihm als Gefährten den Pater Thomas beigesellt, der in Loudun einer der Exorzisten gewesen war. Pater Surin war seit sieben Monaten der Sprache beraubt und noch immer stumm.

Sie kamen in Annecy am 10. Mai des Jahres 1638 an. Sogleich am folgenden Morgen begann Pater Surin eine neuntägige Gebetsübung am Grabe des glückseligen Franziskus von Sales, an deren Ende er sich ein wenig besser befand. Doch war ihm der Gebrauch der Sprache noch nicht wiedergekehrt, zur großen Betrübnis der Nonnen von der Heimsuchung und besonders der Frau von Chantal.

Um von Gott diese Gunst zu erlangen, durch Vermittlung ihres glückseligen Vaters und die Anwendung irgend einer seiner Reliquien, ließen sie ihn ein Stückchen seines getrockneten Blutes verschlucken. Als er es nach dem Abendmahl zu sich genommen hatte, ward es ihm möglich, die Worte Jesus Maria auszusprechen, indessen keine andern.

Sie reisten nun nach Lyon, in der Absicht, dort so lange zu bleiben, bis sie von uns Nachricht bekommen würden. Nach einigem Aufenthalt in Lyon faßten sie aber den Entschluß, nicht auf uns zu warten. Indessen, gerade als sie zu Pferde steigen wollten, erreichte sie die Nachricht, wir seien in einem Kloster der Vorstadt Fourvières angelangt.

Pater Surin suchte uns dort mit seinem Reisegefährten auf. Nach der Begrüßung erzählten sie uns, sie hätten gerade zur Rückreise aufbrechen wollen, da sie vom Provinzial keine Erlaubnis zu einer zweiten Reise nach Annecy besäßen. Ich nahm mir die Freiheit, dem Pater Surin und seinem Gefährten vorzustellen, daß mich der Kardinal von. Richelieu angewiesen habe, im Fall ich sie nicht in Annecy träfe, so dürfe ich sie wieder dahin mit zurücknehmen, um das Gelübde, das wir abgelegt, auch zu erfüllen.

Die Patres hielten es für geraten, die Angelegenheit in ihrer Gesellschaft in Lyon durchzusprechen. Die Sache wurde vorgetragen, und die dortigen Patres waren der Ansicht, man solle sich an die dem Kardinal von Richelieu vorgeschriebene Weisung halten, da der Pater Provinzial mutmaßlich nichts Schlimmes in den gegenwärtigen Umständen finden würde. Wir reisten also zusammen ab, zwei oder drei Tage darauf.

Es ereignete sich etwas Außerordentliches auf dieser Reise. Pater Surin war bis dahin immer noch stumm geblieben. Nun geschah es, daß Pater Thomas unterwegs das Veni Creator anstimmte. Da fiel der Pater Surin mit ein und behielt seit der Zeit die Freiheit der Sprache.

Wir begaben uns zusammen nach Grenoble. Als wir dort anlangten, erfolgte ein ganz erstaunlicher Zusammenlauf von Menschen, die alle die Schriftzüge auf meiner Hand besichtigen und die heilige Oelung ehren wollten. Herren vom Parlament, selbst der Herr Präsident, wollten die Wunderdinge sehen. Den Pater Surin hatten wir zum Verwahrer der heiligen Oelung erwählt.

Als eine große Menschenmenge zu diesen Patres in die Kirche geströmt war, um den tröstlichen Anblick der Reliquie zu genießen, trat Pater Surin auf einen höher liegenden Ort, um sie vorzuweisen. Er redete zum Volke und erzählte, was sich bei meiner wunderbaren Heilung zugetragen hatte. Da geschah ein allgemeiner Schrei des Erstaunens, daß der Pater wieder zu sprechen vermochte; denn er war kurz zuvor durch diese Stadt gekommen, und viele Personen hatten erfahren, daß er stumm sei. Nun waren sie sehr überrascht von seiner Fähigkeit zu sprechen, die ihm auf wunderbare Weise wiedergegeben worden war.

Wir blieben einige Tage in Grenoble, und während der ganzen Zeit, die wir dort waren, begab sich fast die ganze Stadt an den Ort unsrer Wohnstätte, und mit so hitzigem Ungestüm, daß ich davon ganz erdrückt wurde.

Gott bewirkte mehrfache Wunder durch die Tugendkraft der heiligen Oelung. Die Patres wurden ersucht, sie nach dem zweiten Kloster der Heimsuchung zu bringen. Alle Nonnen erwiesen ihr dort Ehre. Eine von ihnen war fieberkrank; in dem Augenblick, wie die Patres hinkamen, wich das Fieber. Sie erschien im Chor, erklärte ihre Gesundung und dankte Gott.

Eine Frau hatte einen Degenhieb über den Kopf bekommen, so daß die Nerven angegriffen waren und sie weder den Mund öffnen, noch seit zwei Jahren etwas Festes genießen konnte. Die Aerzte und Chirurgen wollten Feuer bei ihr anwenden. Diese nun war zugegen bei der Erzählung des Pater Thomas von den Wundern, die die heilige Oelung bewirkt hatte, und sogleich war sie von dem Vernommenen gerührt und begann ihr Leid zu klagen.

Pater Thomas sprach zu ihr: »Wenn du den Glauben hast, kannst du geheilt werden, ebensogut, wie es viele andre wurden!« Dies Weib sprach darauf zum Pater, ganz voller Leben und Eifer: »Ich glaube fest, daß ich geheilt werden kann!« Der Pater hieß sie nun sich aufs Knie lassen, legte ihr die Oelung aufs Haupt und ließ sie dann vor das heilige Sakrament treten und fünf Vaterunser und fünf Ave beten, was sie auch tat.

Während sie betete, erschlafften die Nerven ihres Kopfes; sie konnte den Mund öffnen und abends die gewöhnlichen Speisen zu sich nehmen. Man erlangte ein Zeugnis von ihr, dem Arzt und dem Wundarzt, und der Pater verwahrte sie.

Den 9. langten wir in Chambéry an. Das Parlament stattete uns in corpore einen Besuch ab. Der Herr erste Vorsitzende, der Säckelmeister, bot uns sein Landhaus an, das auf dem Wege nach Annecy gelegen ist. Wir kamen daselbst durch und wurden sehr ehrenvoll aufgenommen.

Den 11. langten wir in Annecy an. Wir gingen geradeswegs zum Grabe des glückseligen Franziskus von Sales. Ich betete tausend Dankgebete für all die Gunst, die ich durch seine Vermittlung erlangte.

Folgenden Tags begann ich meine neuntägige Uebung an seinem Grabe, um das getane Gelübde zu erfüllen. Die Oberin von Chantal empfing, uns, mit all der Ehrbarkeit, die man von einer so heiligen Sache erwarten darf. Wir pflogen lange Unterhaltungen mitsammen über die Ereignisse während der Besessenheit; insonderheit berichtete ich ihr ausführlich, was sich bei der Erscheinung des heiligen Joseph zugetragen, und wie er mich wunderbarlich gesunden ließ durch die heilige Oelung.

Das Kapitel der Kathedrale erwies uns die Ehre eines Besuchs; ebenso die Körperschaft der Stadt. Sie wollten die heiligen Schriftzüge sehn. Sie nötigten mich auch zu erzählen, was sich dabei zugetragen. Sie befragten die Patres Surin und Thomas, sowie Herrn von Morans über denselben Gegenstand, ließen dann ein Protokoll über alles aufnehmen, das von den Patres, Herrn von Morans, mir und meiner Begleitung unterzeichnet wurde, und ließen dann diese Akten in die Registratur des Rathauses einreihen, damit das Andenken daran in Ewigkeit bewahrt bleibe.

Das Volk von Annecy und aus der benachbarten Gegend, fünf, sechs, sieben und acht Meilen in die Runde, lief herzu, die geweihten Namen und die Oelung des heiligen Joseph zu beschauen. Groß Gedränge war, da man Rosenkränze, Kreuze, Medaillen, Baumwolle und Papier wollte anrühren lassen; auch wurde eine große Anzahl von Kranken durch Berührung geheilt. Die Patres Surin und Thomas verbrachten ganze Tage damit, Bilder und andre Dinge mit der heiligen Oelung anzurühren.

Auch die Teufel manifestierten sich in Gegenwart der heiligen Oelung. Ein Mädchen, das sich besessen fand, wurde in die Kirche gebracht. Man stellte sie dem Pater Thomas vor. Dieser legte ihr zur Erleichterung die heilige Oelung auf das Haupt und redete stark auf die lästigen Dämonen ein. Sie schrien und sprachen durch den Mund des Mädchens: »Wir haben nichts damit zu schaffen!«

Die Stellen, auf denen sich die Oelung befand, wurden wiederum gereinigt. Frau von Chantal wusch mit ihren Nonnen das Wäschestück mit der Oelung wieder weiß, und doch behielten die Oeltropfen ihre gewöhnliche Färbung bei.

Als die neuntägige Uebung vorüber war, schickten wir uns zur Heimreise an. Wir brachen von Annecy auf und kamen wieder durch Chambéry. Dort geschahen wieder einige Wunder. Unter anderm war da ein junges Mädchen von Stande gelähmt; sie benutzte das Bad in der Nähe von Chambéry und ließ sich nun in das Kloster zur Heimsuchung in Chambéry tragen. Man legte ihr die Oelung des heiligen Joseph auf das Haupt auf, und im selben Augenblick war sie gestärkt. Ihre Nerven dehnten sich, sie schritt bequem einher und stieg sogar auf eine Stufe. Als sie sich so geheilt sah, brach sie in große Freude und Dankbarkeit zu Gott aus, zerfloß in Tränen und rief: »Oh welche Gunst, ich bin geheilt!« Besonders bemerkenswert ist, daß diese junge Dame höchst weltlich gewesen war; nun aber, nach Auflegung der heiligen Oelung, ward sie innerlich von Gott gerührt und änderte ihr Benehmen. Dies wurde später vom Herrn Marquis von Urfé, als er in Bordeaux war, bestätigt; er versicherte, jene Dame, die seither verstorben ist, hätte ein so erbauliches Leben geführt, daß ein Mönch ihre Lebensbeschreibung unternahm, die denn auch beim Publikum großen Beifall fand.

Wir setzten nun unsere Reise in Begleitung der Patres Surin, Thomas und Morans bis Briare fort. Wir kamen durch Roanne, Moulins und Nevers. Allenthalben lief das Volk in Menge herzu.

Da wir besorgten, die heilige Oelung könnte durch das Auflegen auf die Kranken allmählich ausgehn, so befand man für gut, ein Seidentüchlein auf die Oelung zu legen. Dies Tüchlein empfing einen Eindruck und gleichsam, eine Spur von den Tropfen des geweihten Balsams, da es sie immerfort berührte.

Bei unsrer Ankunft in Moulins stiegen wir in der Heimsuchung ab. Die Gemeinschaft versammelte sich alsbald, um die geweihten Namen und die heilige Oelung zu sehen. Eine Nonne hatte gänzlich den Geruch, verloren; sie trat heran, beroch den geweihten Balsam und ward von ihrer Schwäche geheilt.

Frau von Montmorency, die in diesem, Hause wohnte, nahm uns sehr wohlwollend auf; wir hatten lange Besprechungen über alle Ereignisse in der Besessenheit, über meine wunderbare Heilung durch den heiligen Joseph und die Aufprägung der geweihten Namen beim. Abzüge der Dämonen aus meinem Körper. Als diese Dame bemerkte, daß das Seidentüchlein Spuren des geweihten Balsams in sich aufgenommen hatte, bat sie mich, ich möge es ihr zum Geschenk machen; worin ich gern einwilligte, als ich ihre Verehrung der heiligen Reliquie bemerkte.

Wir setzten nun unsre Reise fort, nachdem wir uns schon in der Stadt Briare von den Patres Surin und Thomas, die nach Poitiers abbogen, getrennt hatten. Wir schlugen die Richtung nach Paris ein, um der Königin zu willfahren, die uns das wegen ihrer Niederkunft hatte versprechen lassen.

Nach kurzem Aufenthalt in Paris kehrten wir dann nach Loudun zurück. Bald darauf bekam ich eine schwere Krankheit. Sie bestand in andauerndem Fieber nebst Lungenentzündung und ließ mehrfach meinen Tod befürchten. Ein Jesuit, der mein Beichtiger war, fragte mich, was ich von meiner Krankheit dächte, und welche Heilmittel man zu meiner Gesundung anwenden sollte. Ich antwortete: »Mein Vater, wenn man mir die Oelung des heiligen Joseph auflegen wollte, würde ich mit einemmal wieder gesund werden!«

Einige Zeit darauf fragte mich der Pater ein zweites Mal, was man zu meiner Heilung tun solle. Ich antwortete: »Der Herr hat mir ein großes Verlangen nach dem Himmel eingeflößt; doch offenbarte Er mir auch, ich würde Ihm noch manchen Dienst erweisen können, wenn ich einige Zeit hienieden bleiben würde; wenn Ihr mir daher die heilige Oelung auflegen wollt, mein Vater, so werde ich sicherlich gesunden!«

Der Pater sah ein, daß ich dies ganz ernsthaft und mit großer Festigkeit erklärte, und glaubte, daß der Herr mich inspiriere, um diese Gunst zu bitten. Deshalb bestimmte er eine Stunde zur Auflegung. Und da er nicht im geringsten an dem günstigen Erfolge zweifelte, sprach er zu mehreren Personen davon und bestimmte die nahe Weihnacht als Termin.

Er versammelte eine unglaubliche Menschenmenge in unsrer Kirche, damit sie Zeuge von meiner Heilung würde. Sogar ein dem meinigen benachbartes Zimmer war voller Leute. Es war von meinem nur durch ein Gitter getrennt, und hier hielten sich die angesehensten Leute auf.

In der Weihenacht also, als mein Leiden auf seinem Gipfel war, kleidete sich der Jesuitenpater Alange, der das Hochamt zelebrieren sollte, in sein priesterliches Kleid, aber ohne Meßgewand, und brachte die heilige Oelung herbei. Er trat an mein Bett, legte mir die Reliquie auf das Haupt und begann die Litanei des heiligen Joseph, die er gänzlich absingen wollte. Kaum hatte er aber den heiligen Schatz auf mein Haupt gelegt, fühlte ich mich allsogleich vollkommen gesund. Indessen wollte ich's nicht eher verkünden, bis der Pater seine Litanei beendigt hätte. Dann aber gab ich die Erklärung ab und verlangte nach meinen Kleidern.

Der Pater ging nun nach unten, zog sein Meßgewand an und begann das Hochamt. Ich wohnte diesem bei und sang mit den andern, ohne irgend ein Leid zu verspüren. Das gleiche tat ich bei der Messe morgens früh um neun Uhr. Alle diese Messen sang ich in großer Freudigkeit, und das Volk brach in Verwunderung aus, als es mich so in vollkommener Gesundheit erblickte.

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