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Memoiren einer Besessenen

Hanns Heinz Ewers: Memoiren einer Besessenen - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorHanns Heinz Ewers
titleMemoiren einer Besessenen
publisherVerlag Robert Lutz
printrunDritte Auflage
editorHanns Heinz Ewers
year1919
translatorAlfred Kind
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131020
projectidfda9a857
wgs
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Vorwort zur ersten Auflage

Im Jahre 1884 entdeckten die Schüler Charcots, die heutigen Professoren Gilles de la Tourette und Gabriel Legué in der Stadtbibliothek zu Tours ein seltsames Manuskript. Nicht etwa zufällig: die beiden Sprößlinge der Salpetrière hatten zu dieser Zeit die berühmte Affäre der besessenen Nonnen zu Loudun zu ihrem Privatstudium gemacht. Legué schrieb vorher eine eingehende Arbeit über Urbain Grandier, das unglückliche Opfer, das die »Besessenheit« der Nonnen auf dem Scheiterhaufen büßen mußte; Gilles de la Tourette hat uns die sehr interessante Persönlichkeit des Theophraste Renandot, eines guten Freundes des freigeistigen Grandier wiedergegeben. Beide Charcotschüler haben seither längst ihren Weg gemacht, und ihre Namen haben in der Wissenschaft einen glänzenden Klang.

Das Manuskript, das sie fanden, trägt in der Stadtbibliothek von Tours die Nummer 1197. Es ist ein großer Quartband von 460 Seiten, von Anfang bis zu Ende von derselben Hand geschrieben, es zeigt weder Rasuren noch Korrekturen. Der Kalbslederband führt den Titel:

Histoir D. D. D. Loudun

was wohl bedeuten soll: Histoire Des Diables De Loudun. Aber dieser Titel ist nur von dem Buchbinder erfunden; die erste Seite zeigt die wahre Ueberschrift:

L'Histoire de la Possession de la Mère Jeanne des Anges, de la maison de Coze, superieure des religieuses Ursulines de Loudun. (S. 1. n. d.)

Die Schrift, die Orthographie, das Papier lassen jeden Sachverständigen den Band als der Mitte des XVIII. Jahrhunderts angehörig erkennen; der Einband stammt wohl aus dem XVIII. Jahrhundert.

Im Jahre 1642 gab die Generaloberin der Ursulinerinnen in Bordeaux der Mutter Jeanne den Befehl, das, was sich während ihrer Besessenheit zugetragen hatte, niederzuschreiben. Die Nonne gehorchte, wie sie selbst sagt, »zur höhern Ehre Gottes und um dem Gehorsam zu genügen.« Zu verschiedenen Malen drängte und mahnte die Generaloberin, bis schließlich der Band beendet war; er beginnt mit dem Anfange der Besessenheit im Jahre 1633 und führt bis zum Jahre 1642.

Es ist zweifellos, daß die Generaloberin einen doppelten Zweck verfolgte: einmal hoffte sie durch die Darstellung dieser Fülle von Wundern den Glauben an die großen Mysterien zu stärken, und viele schlechte Katholiken und gute Protestanten zu bekehren, dann aber – und das ist wohl die Hauptsache – wollte sie eine Streitschrift schaffen, den Feuertod des Pfarrers Grandier rechtfertigen und die vielen Jungen, die immer noch für diesen eintraten, zum Schweigen bringen. Denn wenn auch viele Millionen in Frankreich blind an den tollen Teufelsspuk von Loudun glaubten, so gab es doch auch manche andere – und es waren die besten Köpfe – die das durchaus nicht taten, die offen genug über einen neuen Mord der katholischen Kirche sprachen und über die verrückten Nonnen von Loudun lachten und Witze machten. Das Manuskript war also zur Veröffentlichung bestimmt und ist eben in diesem Sinne geschrieben worden.

Es scheint mir das wesentlich, um den Standpunkt festzustellen, von dem aus die Autobiographie der Madame de Béclier, (Schwester Jeanne des Anges) zu betrachten ist. Die Kirche, und somit die Generaloberin, sowie ihren Befehlen folgend die Schwester Jeanne hat alles Interesse daran, in jeder Weise für sich zu wirken und ihre Gegner zu schädigen. So trieft naturgemäß die Biographie von frommen Redensarten und Gebeten, so sind alle Leute auf der klerikalen Seite edel und gut, während der Pfarrer Grandier und seine liberalen Freunde alle reif für die Hölle sind. Entzückend ist ihr Standpunkt den Aerzten gegenüber: die Leibärzte der hohen Kirchenfürsten, die die heiligen Schriftzüge auf ihrer Hand, die sich stets erneuern, wenn es gerade nötig ist, sofort für echt erklärten, sind ehrliche Menschen und Leuchten der Wissenschaft, die Skeptiker aber sind mißgünstige, neidische Menschen, die womöglich noch durch Geld bestochen sind, die Wunder nicht zu glauben. Mit einer sehr naiven Selbstverständlichkeit gleitet die Schwester über alles hinweg, was ihrem an Wundern so überreichen Lebensweg hindernd war, und verweilt lange bei den großen Siegen des Glaubens.

Freier wird dann die Schwester Jeanne in ihren Briefen, die aus der Zeit nach 1643 stammen und an ihren Beichtvater, den Jesuiten Saint-Jure gerichtet sind. Hier brauchte sie die Rücksichten, die in der zur Veröffentlichung bestimmten Biographie gegeben waren, nicht zu nehmen, hier konnte sie sich geben, wie sie war, oder wenigstens, wie sie ihrem Beichtiger gegenüber sich geben wollte. So scheinen, für mein Gefühl, diese Briefe noch ein weit größeres Interesse zu verdienen, als die Biographie selbst.

Was war nun die Schwester Jeanne des Anges? In den Augen ihrer Zeit zweifellos eine Heilige, von Gott mit reichen Wundern gesegnet – ein volles Jahrhundert nach ihrem Tode noch blieb sie das. In den Augen der wenigen Aufgeklärten war sie wohl eine Schwindlerin – und diese Meinung siegte schließlich selbst innerhalb der Kirche, als 1750 der freidenkende Bischof von Poitiers, Caussade, dem skandalösen Treiben der Ursulinerinnen zu Loudun ein Ende machte, die, – wie es überall geschah und noch geschieht mit allen möglichen Religionen – mit den Erinnerungen an die Heilige Schwester Jeanne ein lukratives Geschäft trieben.

Ich glaube, daß die Schwester ganz gewiß keine Schwindlerin war, ebensowenig wie die sieben andern Nonnen zu Loudun, die mit ihr von Teufeln besessen waren. Sie war hysterisch, sie war auch gewiß pervertiert. Dazu war sie sehr ehrgeizig und wollte in dem Stande, dem sie angehörte, eine Rolle spielen. Der Weg, den sie ging, war unendlich mühsam und voller Dornen, aber er führte ans Ziel: der König und die Königin, ja der große Kardinal Richelieu selbst beugten sich ihren »Wundern«. – Gewiß hat sie manchmal ein wenig nachgeholfen – gibt es eine hysterische Frau, die bei ihren Krankheiten das nicht tut? Wie aber auch immer das sein mag, zu der Zeit, in der Schwester Jeanne die Briefe schrieb, war sie ganz gewiß bis in die letzten Nerven von ihrer heiligen Mission überzeugt. Der Teufelsspuk ist zu Ende, alle Dämonen sind mit Schimpf und Schande und mit großem Geschrei aus ihrem Leibe ausgetrieben. Sie hat die höchsten Triumphe gefeiert, ist, als Heilige von Hunderttausenden angebetet, durch ganz Frankreich gefahren, hat dann in Loudun ihr Kloster wieder bezogen, in ihrer Stadt, in der all ihre Widersacher längst zum Schweigen gebracht sind, und wo sie nun völlig herrschen kann. Sie konnte nun, von neuem zur Oberin gewählt, ein neues Leben beginnen, konnte zufrieden und ruhig, durch die Welt berühmt und von der halben Welt angebetet, beschaulich ihr Alter ohne Aufregungen genießen. Aber diese Frau denkt nicht daran: die schrecklichen Qualen und Aufregungen der Besessenheit sind ihr so notwendig geworden, daß sie – freilich nun im entgegengesetzten Pole – sie nicht mehr entbehren kann. Früher war ihr Leib sündig und von sieben wilden Teufeln besessen, die fluchten, Gott und die Kirche lästerten und sie mit den erotischsten, unzüchtigsten Vorstellungen verfolgten. Nun ist ihr Leib rein, ihre Hand trägt die geweihten Namen Josefs, Marias, Jesu und des Heiligen Franz von Sales. Statt der Hölle zieht nun der Himmel doch ein. Zuerst war es der Heilige Josef, bald tritt an seine Stelle ihr »Schutzengel«. Die Jungfrau, die bei allen männlichen Heiligen eine so große Rolle spielt, wird kaum erwähnt von ihr – – wie sie denn überhaupt von allen frommen Frauen stark vernachlässigt wird. Dagegen erscheint der Schutzengel ihr nun fast täglich und zwar in sichtbarer Gestalt. Er ist – wie immer – ein schöner Knabe, blond, blauäugig, langlockig, etwa 15 Jahre alt – – dieser liebe Page ist nun einmal das Ideal der Frauen des späteren Mittelalters: wir kennen ihn nur noch als »Cherubin« in Mozarts »Figaros Hochzeit«! Es ist derselbe schöne, junge Page, der die Heilige Theresa glücklich macht – – wie »himmlisch« glücklich, lehrt uns der wundervolle Marmor Berninis in Santa Maria della Vittoria in Rom, der die Transverberation dieser Heiligen darstellt. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß Bernini selbst ein strenggläubiger Katholik war und durchaus an die »Heiligkeit« des von ihm dargestellten Vorganges glaubte, wenn wir dazu uns die Berninigruppe ansehen, so bekommen wir eine Ahnung davon, was ein »Incubus ab coelo« eigentlich ist. Denn es ist schlechterdings unmöglich, den höchsten Augenblick der Wollust künstlerischer und zugleich naturwahrer wiederzugeben, als Bernini in seiner Figur der Heiligen Theresa getan hat.

Mutter Jeanne begnügte sich freilich ebensowenig wie die spanische Nonne mit ihrem blonden Pagen. Sie erstrebte das höchste Ziel aller Mystiker: die Vereinigung mit Gott, das ist bei christlichen Frauen die Vereinigung mit dem Gekreuzigten. So wird Jesus ihr »Liebchen«, so zieht er in ihr Herz ein. Bei ihrer Lust für Qualen – – die sie mit so vielen Mystikern teilt – – wird diese Vereinigung ein wahrer Sabbat der Schmerzen: alle die Werkzeuge, die Jesum marterten, werden in ihr Herz gegraben. Zuletzt die Lanze, ah deren Stich sie stirbt.

Diese Besessenheit vom Himmel ist ganz sicher echt. Aus jedem Satz, aus jedem Wort ihrer Briefe schreit ihre Seele nach dem Geliebten; nie hat irgend eine Frau glühendere, heißere Liebesbriefe geschrieben als Frau von Béclier – – durch Vermittlung ihres Beichtvaters, – an Jesus von Nazareth. Neben ihnen wird selbst die mit Recht hochberühmte Selbstbiographie der Heiligen Theresa zum blassen Schatten, wir haben kein Dokument, das ihnen irgendwie ebenbürtig zur Seite zu stellen wäre.

Z. Z. Benares, Juni 1910.
Hanns Heinz Ewers

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