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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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V

Einige Tage später trat auch Erich seine Sommerferien an und begab sich in die rheinische Heimat zurück. Noch war er von dem jähen Abbruch dieses kurzen Glückes allzu sehr erschüttert, um gleich das Zusammenleben mit den Seinen aufnehmen zu wollen. So blieb er erst eine Woche allein in einem kleinen Städtchen am Rhein, um sich wieder selber zu finden. Zunächst schossen ihm allerlei wilde Gedanken durch den Kopf: nach der Insel Wight fahren ... im selben Hotel leben wie Espérance, ohne sich dem Gatten zu erkennen zu geben, nur ihr nahe sein und sie sehen ... indessen warum dies alles? Sie liebte ihn doch ... er mußte sie zur Scheidung überreden ... aber was dann? Sie waren beide Katholiken ... Durfte er daran denken, Espérance aus ihrem Erdreich zu reißen und ihr ein Abenteuerleben zuzumuten, vielleicht Austritt aus der Kirche und dann Ziviltrauung: Herr und Frau Holthoff ... und den kleinen Herbert, an dem sie vermutlich mehr hing, als sie in dem Trubel ihrer ersten freien Wochen zeigte, den sollte sie wohl zurücklassen? Nein, so kindisch war er nicht, dergleichen ernstlich zu erwägen. Übrigens hatte er ihr in der letzten Nacht aus redlichem Herzen versprochen, daß er ihre Kreise nicht stören wolle, und das auch ganz in der Ordnung gefunden, denn ihr Leben war bereits gestaltet, das seine noch nicht. Würde er etwa einem dummen Mädel erlauben, seine Lebenspläne zu zerstören, auch wenn er in sie verliebt wäre? Nein, er war ehrgeizig, das mußte er sich nun ganz offen zugestehen. Macht und ihre äußeren Zeichen lockten ihn, er war nicht fähig, das Leben aus der Froschperspektive eines Glücks im Winkel anzuschauen. War das vielleicht bei seinen großen historischen Vorbildern anders gewesen? Es erschien ihm als eine deutsche Einfältigkeit, daß ihm das überhaupt zum Problem werden konnte. Der Deutsche gibt ja lieber jede Leidenschaft zu, ja Trunksucht und Liederlichkeit, ehe er bekennt, daß er ehrgeizig ist; er verzeiht eher Mißgunst und gemeinen Neid, als die Leidenschaft des Ehrgeizes, vielleicht weil er dabei stets an subalterne Streberei denkt. Aber Espérance war eine großartige Frau, sie verstand ihn besser, als er sich selbst bisher verstanden. Sie hatte in allem Recht, was sie tat, so naiv und kindlich auch oft die Art war, wie sie erklärte. Vielleicht ist das weiblich, vielleicht hatte er sich gerade in diese innerlich so entschiedene und äußerlich so spielerische Art verliebt. Sie gab ihm Sicherheit, und zugleich fühlte er sich ihr doch oft überlegen. Er war bei ihr auf seiner Höhe, sie lockte seine Kräfte hervor, und doch verstand sie, die Reifere, mit unbeirrbarem Griff die Lenkung ihrer Beziehung in der Hand zu behalten. Ja, es war, wie sie sagte: der Frühling ihrer Liebe wich schon dem Sommer. Sie hatte versprochen, ihm zu schreiben, vielleicht ein bis zweimal im Monat. Dann sollte er ihr innerhalb einer Woche antworten, jedenfalls immer einen Brief von ihr als Wink abwarten. Sie würde beurteilen können, wie weit sich dieser Briefwechsel vor ihrem Mann vertreten ließe. Natürlich beabsichtigte sie nicht, diesen Erichs Briefe lesen zu lassen, und seine Art war nicht, dergleichen zu verlangen, aber die Briefe mußten jedenfalls so gehalten sein, daß sie zur Not einem Gatten unter die Augen kommen konnten. Vor allem durften sie nicht die geringsten Rückschlüsse auf Espérancens Briefe gestatten. Auf eine postlagernde oder durch eine dritte Person zu vermittelnde Geheimkorrespondenz hatte sie sich unter keinen Umständen einlassen wollen. Aber sie wollte alles wissen, was er tue und denke; was er fühle, das müsse sie sich in der Fantasie vorstellen, bis sie sich im Herbst in Rolfsburg wiedersähen. Dort würde es dann wieder Gelegenheiten zu Plauderstunden und kleinen Ausflügen geben. In der Hinsicht sei die dortige Gesellschaft nicht allzu streng. Das Schöne, was sie miteinander erlebten, war so einzig, daß es jenseits ihres Alltags bleiben müsse. So verklärte es ihn, ohne ihn zu stören.

Woher kam solche Weisheit auf so junge Lippen und in so unschuldige Mädchenaugen? Er hatte sie das gerade heraus gefragt, und ihre Antwort war, ihre Mutter sei doch Französin gewesen. Von ihr hatte sie nicht nur gelernt, wie sich ein junges Mädchen legitimen Bewerbern gegenüber zu benehmen hat, sondern auch wie eine junge Frau handeln muß, wenn der deplorable Fall eintritt, daß sie weiblicher Schwäche erlegen ist, hélas! Das war gewiß Sünde, aber es sei nicht nötig, hatte Gräfin Gandolphine Waldegg, née de Nesle, gemeint, daß man zur Sünde auch noch die Dummheit fügt. Tatsächlich ist eines von beiden genug. Alles das hatte Espérance einmal bei Erich in sehr vertraulicher Situation ohne jede Frivolität vorgebracht, sondern mit der kindlichen Verständigkeit eines schon ziemlich großen kleinen Mädchens, das nun ernstlich alle Kindereien aufgegeben hat und sich guten Willens bemüht, die Gesetze der Erwachsenen einzuhalten.

Seine Anlage hatte Erich dahin geführt, die Willens- und Verstandeskräfte zuerst zu entwickeln. So war sein Bewußtsein bisher immer in einem gewissen Vorsprung gewesen vor dem, was in seinem Instinktleben vorging. Dieses hatte er eigentlich gering geachtet; erst ein paar sentimentale, dann ein oder das andere sinnliche Abenteuer, die er mit ziemlicher Objektivität zu betrachten wußte. Nun war aber da etwas in sein Leben getreten und ergriff ihn mit Macht, was einfach so wie es war, hingenommen werden mußte. Bewußt zu lenken wie sein bisheriges Leben war es nicht. Er hatte nur die Wahl, es zu verstehen und ihm willig zu folgen oder ihm unwillig dumpf zu erliegen. Das Ergebnis von Erichs einsamer Woche am Rhein war, daß er das erste tat, und nun wuchs plötzlich aus den Tiefen seines Wesens ein mächtiges ungeahntes Leben nach, das ihn ganz erfüllte und tief beglückte. Es war seine bisher unentdeckte Jugend. Das Bewußtsein blieb wach genug, dies mit Entzücken festzustellen. Alles was je geschehen war und noch geschehen würde, war gut. Es gab kein unentschlossenes Grübeln und kein hitziges Erraffen der Dinge mehr. Nicht dem Wollenden, sondern dem Willigen schenkt die Gnade, was er bedarf. Dieses Wissen kam aus einem Teil seiner Seele, den er bisher nicht gekannt hatte; es war darum ganz und gar sein eigen und seine Befolgung künftig unentrinnbare Notwendigkeit, während ihm früher alles, was ihm geschehen, willkürlich erschienen war, als könne es, falls er vorsichtiger gewesen, gerade so gut auch anders gekommen sein. Das hatte ihn so unruhig gemacht, denn, wenn man es so oder so machen kann, muß man immer fürchten, zufällig das Unvorteilhaftere zu wählen, und gerade in dem Zustand solcher scheinbarer Wahlfreiheit passiert immer Ungewolltes. Was sich aber in diesen letzten Wochen ereignete, das war ihm nicht »passiert«, das war Erfüllung seines eigensten Wesens. Er hatte geglaubt, nach Paris zu gehen, um sein ungewisses Jünglingsideal mit einem sicheren Beruf zu vertauschen; in Wahrheit mußte er diesen beglückenden Umweg machen, von dem aus er erst die rechte Straße zur Verwirklichung seines Ideals sah. Wie hatte er doch früher Männer verachtet, die sich durch Liebesangelegenheiten, die ihm stets als etwas Nebensächliches erschienen waren, aus ihrer Bahn werfen ließen! Ihn schien nun die Liebe gerade in seine rechte Bahn geworfen zu haben, gerade ihn, der doch immer mehr Verstandes- als Gefühlsmensch gewesen war. Lag das an Espérances Persönlichkeit? Oh, sie war einzig, ohne Zweifel, etwas anderes als das, was er bisher auch unter Frauen in gehobener sozialer Stellung kennen gelernt hatte: nämlich innerlich unsichere, anlehnungsbedürftige, aber doch nicht hingabefähige Weiberchen oder Rechnerinnen, die nur an ihre eigenen, dazu fast immer nichtigen Zwecke dachten. Was war das nur mit Espérance? Schien sie nicht auch noch in vieler Hinsicht recht unfertig? Ihre Worte durfte man nicht auf die Wagschale legen, aber das hielt er für weiblich, bei der Mutter war es ebenso; nun, und was kluge, ja schlaue Berechnung betrifft, so hatte sie doch ein recht bemerkenswertes Beispiel dafür gegeben; aber jenseits von alledem war sie, ebenfalls wie die Mutter, ein Geheimnis, kein Rätsel, das man raten kann, und das dann nicht mehr da ist, sondern ein Geheimnis, das man nur spürt, das wahrscheinlich nur er in dieser für andere vielleicht oberflächlich-weltlichen Frau ahnte, und das für ihn wohl immer bleiben würde, was es ist. Wenn er sie auch einmal verlieren, sie überleben sollte, das wichtigste schien ihm, daß er ihr überhaupt begegnet, ihr Antlitz geschaut, die Offenbarung ihres heimlichen, ihm so entgegengesetzten Wesens empfangen hatte und dadurch erst in seinem eigenen Wesen erstanden war.

Auch die Begegnung mit jener Königin erschien ihm nun als kein Zufall mehr, sondern als notwendiges Ereignis. Ja, es wäre schön gewesen, für die von allen verlassene Sache einer solchen Frau einzutreten, aber dabei verhehlte er sich doch nicht, daß das, wofür Marie-Sophie gekämpft hatte, ein bourbonisches Königreich Neapel, als eine ganz und gar verlorene, ja schlechte Sache anzusehen war, keinen Blutstropfen eines braven Soldaten wert. Dennoch würde er nicht gezögert haben, wenn er dabei gewesen wäre. War das nicht Don Quixotisch? Auch dies fühlte er als ein Geheimnis, das Wille und Verstand nicht lösen.

Erich saß, während er darüber nachdachte, unter einem breitästigen Kastanienbaum am Ufer des Rheins. Auf einem Spaziergang in der Abenddämmerung hatte ihn der Sommerregen überrascht. Die dichte Krone des Baumes schützte ihn, während rings das Wasser um ihn niederrieselte und der Strom rauschte. Ein trübes Abendrot schien seine tiefe Wehmut zu spiegeln. Da hatte er einen jener ahnungsvollen Augenblicke, wie sie in der Jugend vorkommen. Er sah, daß der Weg nach Harringen kein Pfad der Lust war. Die Liebe zu Espérance würde mehr Entsagung verlangen, als Erfüllung bringen, und die Aufgaben, die seiner warteten, würde er zwar bewältigen, aber unter Einsetzung aller Kräfte und unter schweren Hemmnissen. Warum war er ohne Zögern bereit, diesen Weg zu gehen? Weil ihn eine Macht trieb, die diesen Weg zu seinem Weg machte. Es kam offenbar nicht darauf an, genau zu prüfen, ob eine Sache an sich die beste ist, es muß nur die eigene Sache sein. Viele sind wie z. B. Bismarck mit einem bestimmten Staat, andere mit einer Kirche oder sonstigen gewachsenen Gemeinschaften persönlich so eng verbunden, daß dies wirklich ihre eigene Sache ist. Er fühlte nichts dergleichen, und ebenso wenig ging er nach Harringen, weil ihn dieses Land als der prinzipiell besteingerichtete Staat erschien. Immer war er mißtrauisch gewesen gegen die, welche eines Tages eine Sache, eine Doktrin, eine Partei oder gar die Menschheit aus theoretischer Erwägung für ihre eigene Sache und sich dafür verantwortlich erklären. Seine Sache, das sah er nun klarer, als irgend etwas, was er bisher gewußt, lag in Harringen, aber sonst wußte er nichts von ihr. Ihr wollte er dienen, ob sie den Forderungen des Nutzens und der Alltagsvernunft immer entsprach oder nicht, ob sie auf die Dauer hoffnungslos oder eines Tages verloren schien. Er hatte nicht umsonst mit einer gefallenen Königin gesprochen.

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