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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XLVIII

Nachdem Melusine mit den beiden Herren das Zimmer verlassen und Erich sich wieder in seinen Krankensessel gesetzt hatte, rief Pausecker aus:

»Zwei prächtige Menschen, es ist mir schwer gefallen, dem alten Herrn nicht die Hand zu drücken.«

»Nun, wenn alles glückt, wird dazu bald Gelegenheit sein,« erwiderte Erich. »Sie sehen übrigens brillant aus, lieber Freund.«

Dann setzte er Pausecker genau auseinander, wie er die Wiederherstellung der Ordnung seinerzeit geplant hatte. Die meisten Fäden ließen sich wieder aufnehmen. Dank der Diktatur Todtmooser, die von allen Parteien verflucht wurde, lagen nun nach der Meinung beider Männer die Verhältnisse eher noch günstiger als damals.

Pausecker berichtete, daß er inzwischen mit heimgekehrten Offizieren, die aus den Ereignissen etwas gelernt, ein Freikorps organisiert habe, in dem er Jugend aus allen Lagern mischte. Das einende Wort lautete: antimarxistischer Sozialismus. Allen diesen jungen Leuten bedeuteten die Parteischlagworte auffallend viel weniger, als den älteren. Sie wünschten nur, bald Zustände zu sehen, in denen wieder sinnvolles Leben und ein fruchtbares Wirken möglich sei, unter welcher äußeren Form auch immer.

»Sie können mir glauben,« erklärte Pausecker, »daß ich genau so fühle. Wäre Ihnen die Wiederherstellung der Monarchie in demokratisch-konstitutioneller Gestalt gelungen, ich hätte mich Ihnen zur Verfügung gestellt, wie die Sozialisten in England tun. Unter uns gesagt: persönlich ist mir die Frage Monarchie oder Republik heute gleichgültig, aber tatsächlich ist das Schuldkonto der Monarchie und des Bürgertums in den Kriegsjahren zu groß geworden, oder neutraler und sachlicher ausgedrückt: die Verstimmung gegen beide ist, ob mit Recht oder Unrecht, zu stark, um nicht sehr ernstlich berücksichtigt werden zu müssen.« Die Augen des sonst so gemessenen Mannes leuchteten. Was ein Leben lang in ihm gegoren, nur stückweise Ausdruck gefunden, woran er dann wieder irre geworden, war nun, da er seine unveränderte Gesinnung von allen Parteivorurteilen gereinigt hatte, zu einer Einheit geworden, an die er selbst zum erstenmal ganz glauben konnte. »Eben darum habe ich Sie hierher gebeten, lieber Freund,« sagte Erich ruhig, »wir müssen beide unter unsere Vergangenheit einen Strich machen, aber die Pietät für sie wollen wir behalten. Im Neuen, Kommenden treffen wir uns. Schaffen kann es in diesen Tagen nur ein Sozialist, der wie Sie, auch in der Öffentlichkeit als solcher gilt, und darum werde ich mich nun zurückziehen, nachdem ich Ihnen meine Fäden in die Hand gegeben habe.«

»Ich verstehe Ihren Rücktritt nur als Übergang,« erwiderte Pausecker lebhaft, und in seiner früheren, jünglinghaften Art fuhr er fort, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich es mich macht, daß mich das Festhalten an dem, was mir das Rechte scheint, nicht Ihre Freundschaft kostet, denn ohne die Begegnung mit Ihnen hätte ich meinen Weg nicht gefunden. Sie sind mein wichtigster Lehrer gewesen.«

»Übrigens wird es noch schwere Kämpfe geben. Ein anderer Teil der sozialistischen Jugend befreit sich ebenfalls von den Scheuklappen des Marxismus und nähert sich den alten Kulturwerten, aber der Proletarier soll dennoch nicht Bürger werden. Ich gestehe, daß mich hier die Entscheidung noch einen schweren Gewissenskampf gekostet hat, und, wenn ich Sie nicht kennen gelernt hätte, wäre ich vielleicht mit jenen gegangen, die mich heute einen Verräter am Proletariat nennen.«

»Das wird sich geben,« meinte Holthoff. »Jeder Sozialismus, der die marxistische Kulturfeindschaft aufgibt, wird notgedrungen individualistisch und für uns diskutabel. Es wird unwichtig sein, ob man später einmal sagt, der Sozialismus sei im Bürgertum aufgegangen oder dieses in ihm, so wie man in einer guten Ehe nicht weiß, ob er sich nach ihr oder sie nach ihm richtet.«

»O sagen Sie das so laut Sie können, mein Freund,« erwiderte Pausecker, »damit es alle hören.«

»Nein, lieber Pausecker, Sie müssen es nun sagen. Ich muß jetzt schweigen. Mir würde man das nur als schlauen Opportunismus auslegen, Sie haben jetzt das Wort. Ich weiß es, Ihre Aufgabe ist furchtbar schwer. Zwar denken alle Menschen, welche die letzten Jahre nicht bloß erlitten, sondern erlebt haben, wie Sie und ich, aber nur unter vier Augen. Es wird noch lange dauern, bis sie sich auch öffentlich von ihren Schlagworten zu lösen getrauen.«

Erich erhob sich aus seinem Krankensessel, und seine hohe Gestalt stand wieder aufrecht, wie einst. Er streckte Pausecker beide Hände entgegen, die dieser ergriff, und sagte:

»Es wird Ihnen gelingen, lieber Freund, denn Sie haben den rechten Geist. Sie wissen jetzt, daß man das Verkehrte nicht auf seiner Ebene bekämpfen soll, denn dann wird man selbst verkehrt, sondern daß man zunächst als Einzelner eine Stufe über das Bisherige hinaussteigen muß, um einen neuen Ausblick zu gewinnen und etwas anderes schaffen zu können.«

Pausecker wurde nachdenklich. War das wirklich seine Erkenntnis? Instinktiv hatte er tatsächlich immer so gehandelt, aber jetzt zeigte ihm erst der Andere den Sinn und die Weisheit, die darin lagen.

»Ja,« rief er, »das ist mein Glaube, aber Ihre Worte machen ihn mir erst ganz bewußt. Und nun verstehe ich auch, warum Sie nichts auf Theorien und Ideale geben, sondern nur auf das individuelle Ethos, welches das Leben als Tragödie annimmt, in der man vielleicht untergeht, um man selbst zu werden.«

»Nun,« sagte Erich, »mit dieser Auffassung können Sie es wagen, einen Staat zu retten.«

»... und zu heiraten,« fügte der glückliche Pausecker lachend hinzu.

 

Pauseckers Unternehmen gelang ohne Sobern mit Hilfe des Freikorps und der Volkswehr. Morgenthau trat beim ersten Erscheinen einer realen Macht friedlich von der politischen Bühne ab und kehrte zu seiner wahren Aufgabe, dem oppositionellen Journalismus zurück, wo er künftig als leis komische aber immer eindrucksvolle Figur noch gelegentliche Lorbeeren erntete. Die Erinnerung an die Revolution blieb der Höhepunkt seines Lebens und gern flunkerte er davon beim Wein. Pausecker berief Krailinger, den Führer der Bauernschaft, mit dem er gemeinsam eine Übergangsregierung bildete. Dagegen suchte Pausecker für den Posten des Kultusministers einen Mann von freier Geistigkeit, aber aus der alten Schicht. Er wendete sich an Ferdinand Holthoff. Dieser lehnte jedoch in einem Privatgespräch, hinter seiner Hornbrille lächelnd, das Anerbieten ab, stellte aber mit bereitwilligem Eifer seine Dienste für die Förderung der Museen und des Kunstlebens an bescheidenerer Stelle zur Verfügung. Auch die anderen Teilnehmer und Mitwisser an Erich Holthoffs Plan konnten bald nach Harringen zurückkehren.

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