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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XLII

An dem Morgen nach den Geschehnissen in Sensburg trafen Graf Twelen und General von Sobern auf des Prinzen Amadeus telephonisch geäußerten Wunsch mit diesem ziemlich gleichzeitig in Floridsburg ein. Ehe der Telephonverkehr stillgelegt wurde, hatte Espérance noch aus Rolfsburg von der Verhaftung des Oberst Katzlinger erfahren. Sie beschwor daher ihre drei Gäste, sich schnellstens über die österreichische Grenze zu flüchten. Die Herren mußten diese Notwendigkeit einsehen, denn es war klar, daß ihr Plan in kürzester Zeit der Revolutionsregierung bekannt werden würde. Zu viele, auch untergeordnete Personen, hatte man in den letzten Tagen einweihen müssen, und man konnte nicht erwarten, daß alle bei ihrer Enttäuschung über das Mißlingen schwiegen. Espérance wollte auf keinen Fall die Herren auf der Flucht begleiten. Sie habe als Frau nichts zu fürchten. So konnte es in der Tat scheinen, wenn die Dinge noch nach den Gesetzen der Vernunft vor sich gegangen wären. Schon am Tag nach der Abreise der drei Herren drangen indessen Revolutionssoldaten in Floridsburg ein und verlangten von der einsamen wehrlosen Frau Auskunft über den Aufenthalt des Prinzen Amadeus. Voll Geistesgegenwart bot sie den Eindringlingen an, sie selbst überall herumzuführen und alles zu öffnen, damit sie sich überzeugen könnten, daß er nicht da sei. Das wollte man ihr allenfalls glauben, während man mit ihr die heiteren Räume durchschritt, bei welcher Gelegenheit die Regierungsabgesandten ganz offen und unter Lachen manchen wertvollen Gegenstand wie Dosen, Miniaturen und dergleichen in die Taschen ihrer unsauberen Uniformen gleiten ließen; als sie aber, befragt, immer wieder erklärte, nichts von dem Aufenthalt des Prinzen zu wissen, machte man mit der Drohung Ernst, daß man, falls sie die Auskunft endgültig verweigere, sie verhaften und nach Rolfsburg bringen müsse. »Ich folge Euch,« sagte sie entschlossen, und dabei fühlte sie, daß nun ihre Einsamkeit beendet war. Durch die Verhaftung war sie mit dem Werk derer, die sie liebte, wieder verbunden. Ihre unbefangene Festigkeit verfehlte ihre Wirkung auf die Leute nicht. Keiner rührte sie an. Man erlaubte ihr, sich von ihrer Tante Olga Stryensky zu verabschieden, die nichts von den Geschehnissen wußte, und der sie nur sagte, sie müsse auf einige Zeit verreisen. Auch mit den Dienstboten, die ihr treu ergeben waren, ließ man sie reden. Alle gelobten, in ihrer Abwesenheit das Haus wohl zu hüten. In dem Automobil hieß man sie einen Rücksitz einnehmen, und einer ihrer Begleiter versuchte sogar, ihr durch humoristisch gemeinte Bemerkungen die lange Fahrt abzukürzen. Man fügte sich ganz ihren Wünschen. Nachdem man einige Zeit durch die windige Nacht gefahren war, verlangte sie die Öffnung eines Fensters. Sofort tat man, was sie befahl. Der Humoristische sagte:

»Wir stinken halt der Frau Gräfin zu arg, net wahr?« »Ja, Leute, das tut ihr gründlich,« antwortete sie. Lautes Gelächter folgte.

Noch in der Nacht wurde sie Todtmooser vorgeführt. Er saß, eine dicke Zigarre mit rotgoldenem Bändchen in dem weichen Tiermaul, in einem Louis quinze-Fauteuil. Sie sagte mit einem Adlerblick aus ihren hellen Augen:

»Fragen Sie mich nicht, ich habe Ihnen nichts zu sagen, aber, wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie mich erschießen.« Todtmooser lachte aus vollem Hals und gab einen gnädigen Wink, sie abzuführen. Sie wurde in den Keller gebracht, wo man ihr einen Strohsack gab. Die Umherliegenden waren meistens Herren, von denen einer sie sofort erkannte. Alle erhoben sich und machten ihr in einer Ecke Platz. Sie nahm die Liebenswürdigkeiten lächelnd entgegen und genoß es, wenigstens in guter Gesellschaft zu sein.

In den folgenden Tagen hörte man häufig vor der Tür Schlüssel klirren. Der eine oder andere der Gefangenen wurde aufgerufen und zum Verhör vor den Gewalthaber geführt. Manche kamen nach einiger Zeit zurück, manche nicht. Vom Hof her hörte man oft lautes Geschrei und Schüsse. In Ferdinands Zelle trat am Tag nach seiner Einlieferung der Rechtsanwalt Dr. Baruch Sobelsohn. Ferdinand hatte früher öfters einen Künstlerstammtisch in einem Rolfsburger Kaffeehaus besucht, wo auch Sobelsohn Stammgast war. Damals – vor zwanzig Jahren – schrieb dieser neben seiner juristischen Tätigkeit Kunstkritiken für radikale Blätter und hatte sich bisweilen günstig über Ferdinands Bilder geäußert. Menschlich waren sich beide nicht näher getreten, aber immerhin umfing sie der gemeinsame Jargon eines intellektuellen Stammtisches und mit diesem glaubte sich Sobelsohn am besten wieder bei seinem Klienten einführen zu können. In jener Zeit hatte die Manie der Schüttelreime geherrscht. Als sich daher Sobelsohn Ferdinands Zelle aufschließen ließ und ihn auf der Holzpritsche liegen sah, blieb er in der Tür stehen, hob lachend die dünnen Arme unter dem flatternden Havelock in die Höhe und rief aus: »Wer liegt da auf der Ottomane, Von dem ich schon das Motto ahne?« Ferdinand fuhr erstaunt auf und erkannte den Bekannten aus alten Zeiten. War er ihm auch nicht besonders sympathisch gewesen, so wirkte doch in diesem Augenblick die Erinnerung an die gemeinsamen Jahre stärker, als das persönliche. »Ach Sobelsohn ...«, rief er mit leisem Lächeln. »Ja, ich bin's,« erwiderte dieser, mit fahrigen Bewegungen hereintretend, »und daraus, daß ich gleich einen faulen Witz mache, können Sie sehen, daß ich gute Nachricht bringe. Bleiben Sie nur ruhig liegen.«

Sobelsohn reichte ihm die trockene, knochige Hand und setzte sich gegenüber auf ein Klappbrett. Er war ein ziemlich großer magerer Mensch, schwarzhaarig mit einigen Büscheln auf den vorwiegend kahlen Kopf. Das etwas kantige Gesicht verriet scharfe jüdische Intelligenz und in den Zügen um die dicken, aber gut geschnittenen Lippen Menschenfreundlichkeit, verbunden mit einer Neigung zur Melancholie, über die sein dauerndes Witzeln den Beobachter nicht lange täuschen konnte. Er stand der Regierung nah, kannte ihre Absichten und hatte zuerst auf den Vorteil hingewiesen, Ferdinand in Harringen zu haben, und auf die Möglichkeit, daß die sozialistische österreichische Regierung ihn herausgeben würde. Wohl konnte man ihn nicht zwingen, gegen den Bruder auszusagen, aber in der Verhandlung gegen ihn, wo es um Tod und Leben ging, bekäme man wohl durch Hin- und Herfragen aus dem weltfremden Menschen heraus, was man wollte. Vor allem würde Sobelsohn als Ferdinands Anwalt alles erfahren. Man sollte ihn nur machen lassen.

Sobelsohn war zwar den Grundsätzen der Revolution mit Leib und Seele ergeben, aber kein Unmensch. »Senatus bestia, senatores boni viri!«Der Senat ist eine Bestie, aber die Senatoren sind gute Leute. dachte er wohl. Er meinte, im Interesse der Menschheit müsse, schon um eine Gegenrevolution und ihre blutige Bekämpfung auszuschließen, die bisher herrschende Gesellschaft als Klasse verschwinden und dabei dürfe man auch im Augenblick vor Blut nicht zurückschrecken, aber zugleich gewährte es ihm aufrichtige Genugtuung, durch sein Geschick und seine Beziehungen einem harmlosen alten Bekannten das Leben zu retten, ja er genoß diese Situation sichtlich.

»Also, mein Lieber,« begann er vergnügt, »gehen wir gleich in medias res. Ich kenne Sie ja, Sie haben mit dem Putsch nichts zu tun, sind Künstler, haben ein schönes Haus, ist Ihnen zu gönnen; warum sollen Sie Ihren Bruder nicht einladen, und was kümmert es Sie, daß der Dr. Schenk ein Prinz ist, wenn schon, außerdem ist er Kunstsammler, kauft vielleicht einmal was von Ihnen; Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft! Daß die zwei in Ihrem Haus eine monarchistische Verschwörung anzetteln, was geht Sie das an? Sind Sie Politiker? Ein Ästhet sind Sie, Typus der neunziger Jahre, hab ich Recht? Ich kenn' Sie doch. Damals haben Sie für Oscar Wilde geschwärmt und Stefan George – lebt er eigentlich noch, man hört gar nichts mehr von ihm? – also kurz, Sie wissen von nichts, haben Sie verstanden? Im übrigen lassen Sie die Leute vor Gericht nur fragen, Ihnen wird kein Haar gekrümmt. Als Sie zuletzt auf einmal merkten, was vorging, da haben Sie halt geschossen, um nicht mitschuldig zu sein. Das war natürlich dumm, besser hätten Sie ihn angezeigt, aber was tut man nicht alles, wenn die ganze Welt meschugge ist? Ihr dummer Streich hat zum Glück die Revolution gerettet. Verstehen wir uns?«

»Nicht im mindesten, Herr Doktor,« sagte Ferdinand, der sich inzwischen gesetzt hatte. »Was ich getan habe, hat nichts mit Politik zu tun.«

»Wem sagen Sie das?« erwiderte der Anwalt, »bin ich ein heuriger Has'? Où est la femme? Natürlich spielt die Weibergeschichte mit hinein, aber das ist Nebensache.«

»Nein, auch das ist es nicht, keine Weibergeschichte. Ich habe meinen Bruder erschießen wollen, weil ich ihn zu hassen glaubte, und dafür will ich meine Strafe haben.«

Sobelsohn lachte laut.

»Aha,« sagte er, »Dostojewskij, der ist aus der Mode, lieber Holthoff, übrigens sind das Ihre Privatsachen. Dafür interessiert sich das Gericht nicht. Nun, lassen Sie mich machen, Ihr Freispruch ist Ihnen garantiert. Wenn Sie nicht durchkommen, will ich Veitel heißen. Sie werden sagen: Sobelsohn ist auch nicht viel schöner. Recht haben Sie. Auf Wiedersehen, ich komme jetzt jeden Tag auf ein Plauderstündchen.«

Er blickte nervös auf die Uhr, ergriff seine Ledermappe und ehe er hinauseilte, schwatzte er noch:

»Übrigens haben Sie sich sehr verändert mein Lieber. So ruhig und gesammelt sind Sie geworden. Früher haben Sie doch immer so mit dem Mund gezuckt. Hat ganz aufgehört. Waren Sie bei einem Psychoanalytiker? Kenn ich, kenn ich, ein kluges Köpfchen der Freud!«

Ferdinand hatte das letzte sehr verwundert angehört. Er wurde sich bewußt, daß er jenes Nervenzucken in den letzten Wochen tatsächlich verloren hatte, überhaupt seine ganze Nervosität und Empfindlichkeit. Er war nun wirklich ein Anderer geworden, mit sich ins Reine gekommen.

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