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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3d62c82f
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XXXVIII

Am Morgen nach dem Unglück in Sensburg brachte der Bezirksarzt die beiden Verwundeten in Erich Holthoffs Auto in das nächste Krankenhaus.

Melusine fühlte sich seit der Anlegung eines Verbandes verhältnismäßig wohl, nur durch den starken Blutverlust sehr geschwächt. Erich war zwar zu sich gekommen, aber kaum zu sprechen fähig. Da sich keine Gefahr einer inneren Verblutung zeigte, wagte der Arzt die Fahrt, um sofort die Kugel von geschickter Hand extrahieren zu lassen. Das Auto war geräumig genug, daß Erich darin im Rücksitz auf einer Matraze halb liegen konnte. Gegenüber saßen Melusine und der Prinz, der Arzt nahm neben dem Chauffeur Platz.

An einer Wegkreuzung in einem von Morgenwinden sanft bewegten Birkenwäldchen stieg Prinz Amadeus nach schmerzlichem Abschied aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, sich die Augen wischend, ging er traurig die staubige Landstraße entlang nach der nächsten Schnellzugstation, von wo aus er gegen Mittag in Floridsburg sein konnte. Den in Tränen aufgelösten Dienerinnen des so plötzlich verwaisten Sensburger Haushalts hatte er versprochen, sie nicht zu vergessen. Um die Stunde, da eigentlich in der Residenz die Hauptsache schon hätte entschieden sein sollen, erschien er als einsamer Wanderer bei Espérance.

Ferdinand war von dem Gendarmeriewachtmeister, einem jovialen, hübschen Mann mit blondem Schnurrbart dienstfertig empfangen worden. Er nahm den ihm angebotenen Stuhl nicht an und sagte finster:

»Sie müssen mich festnehmen. Ich habe heute Nacht meinen Bruder erschossen.«

Der Beamte, einer von den Gemütlichen, die mit den Parteien zu reden verstehen, fuhr auf, war jedoch sofort geneigt, an einen betrunkenen Scherz zu glauben, einen der üblichen Nachklänge vom Sonntag, wie sie ihm jeder Montag zu bringen pflegte.

Ob sie miteinander gerauft hätten, wollte er fragen, aber nein, solche Herrschaften raufen doch nicht.

Als er in Ferdinands bleichem starren Gesicht die hinter den großen, kreisrunden Brillengläsern flackernden Augen gewahrte, wurde ihm doch unheimlich zumut. Ferdinand wiederholte seine Worte mit der dem Wachtmeister wohlbekannten Sicherheit eines Mannes der gebildeten Gesellschaftsschicht, der weiß, was er fordern darf, weil seine Wünsche in Einklang mit dem Gesetz sind.

»Alsdann müssen Sie dahinein spazieren,« sagte der Beamte höflich, fast unterwürfig. Er öffnete die Tür nach einem kleinen Raum mit vergittertem Fenster.

»Wenn der Herr etwas braucht,« bemerkte er, »bitte ungeniert an die Tür zu klopfen, ich muß nämlich zusperren.«

Ferdinand schüttelte den Kopf, der Wachtmeister zog sich verständnislos zurück, aber er wollte nicht stören. Dann schrieb er seinen Rapport.

Der Gefangene trat an das Fenster. Man sah in ein dürftiges Gärtchen mit Salat und Kohlköpfen, zwischen denen sich eine Frau mit eng geknüpftem Kopftuch zu schaffen machte. Nach einiger Zeit brachte ein erstaunt glotzender junger Mann, halb in Zivil, halb in Uniform, in einem Zinngefäß eine dicke Suppe ohne Geschmack herein. Ferdinand kostete davon, die Wärme tat ihm wohl.

Das Denken in ihm stand still. Er fühlte, daß es nichts weiter zu denken gab. Ja, es war bei aller Dumpfheit irgend etwas in ihm, was man nicht anders als Befreiung bezeichnen kann. Die Dinge hatten sich folgerichtig vollzogen. Ihm war zumut, als hätte er längst gewußt, daß sie sich so vollziehen müßten. Sein ganzes ungewiß schwankendes Leben ist nur ein Warten, ein Übergang gewesen zu dem großen Ereignis. Nun war es eingetreten. Er versuchte indessen nicht einen Augenblick, seine Tat zu beschönigen, etwa als ein Schicksal, das über ihn gekommen sei, für das er nicht verantwortlich gemacht werden könne. O nein, er hatte gemordet, den eigenen Bruder gemordet, ganz genau gewußt, was er tat und es so gewollt. Darin sah er jetzt das eigentliche seines bisher schattenhaften Daseins. Nun war er ein Brudermörder; er, nicht jener, verdiente den Namen Kain, und jetzt mußte er auch den Weg des Mörders zu Ende gehen. Zum erstenmal im Leben wußte er genau, was er wollte. Das tat ihm geradezu wohl. Fast ärgerte es ihn, daß der Wachtmeister in seiner Gemütlichkeit das nicht recht begriffen hatte. Aber war denn das noch das Wu-Wei, das Nichttun, das Nichthandeln? Nun hatte er ja auf einmal gehandelt, zum erstenmal in seinem Leben, und seine Tat war ein Verbrechen. Rätselhaft! Zu verstehen war es nicht, aber er fühlte: es mußte so sein.

Noch im Lauf des Vormittags holten ihn zwei Wachmänner und führten ihn über die Dorfstraße, durch die er sich so oft zu Fuß und zu Wagen, allein oder mit seinen Gästen bewegt hatte, aber das war jetzt gleichgültig, wie in einem früheren Leben geschehen. Einen Augenblick erinnerte er sich mit Wehmut seines ersten Spazierganges mit Melusinen, aber sofort kam der Gedanke: Nur jetzt keine Sentimentalitäten, die Zeiten sind vorbei. Auf der Straße waren nur Hühner und ein paar ihn anstarrende flachshaarige Kinder zu sehen, die Erwachsenen nützten den vielversprechenden Tag auf den Feldern zum Schnitt des Grummets.

Die Wachmänner stiegen mit ihrem schweigsamen Gefangenen in ein Halbabteil dritter Klasse. Er wollte ihnen den Vortritt lassen, was sie nicht annehmen durften, aber unwillkürlich gingen sie auf seine unwiderstehlich ernste und sichere Art ein, so daß sie fast einem Ehrengeleit glichen. Sie wußten, daß er sich selbst gestellt hatte und mochten voll Ehrfurcht ein großes Unglück ahnen. So sprachen sie untereinander nur wenig und im Flüsterton und ließen Ferdinand in der Fensterecke brüten.

In dem Untersuchungsgefängnis erhielt er eine Zelle, in der ein Bett an der Wand aufgeklappt war. Gegenüber fanden sich zwei quadratförmige Bretter, ebenfalls zum Auf- und Niederklappen. Eines diente als Tisch, das andere als Sitz. Durch ein kleines Fenster dicht an der Decke kam Licht herein, an der Tür war ein Guckloch in Größe eines Auges. Sonnenkringel spielten über die zerkratzte Wand. Ferdinand blieb kaum eine Stunde allein. Sein Fall war so eigenartig, daß der Untersuchungsrichter ihn, noch ehe er zum Mittagstisch ging, in seiner Kanzlei verhörte.

Landesgerichtsrat Mayerhofer galt für einen hervorragenden juristischen Theoretiker, der selbst eine geschätzte Fachzeitschrift herausgab. Er war Junggeselle, schon ganz grau, obwohl erst Mitte der Vierzig und trug einen etwas abgetragenen, weiten tabakbraunen Gehrock über einer Weste und Hose von grauem, grobgemusterten Stoff. Die Gestalt war über mittelgroß, er hatte ein breites, gedunsenes, glattrasiertes Gesicht von dunkler Hautfarbe. Hinter der goldenen Brille blickten scharfe graue Augen hervor, die feingeschnittenen Lippen entblößten verdorbene Zähne. Mit Wohlwollen, gleich einem Arzt, redete er dem Gefangenen zu, als sei er ihm dankbar für den interessanten Fall. Offenbar wollte er ihm helfen.

»Daß Sie sich selbst sofort dem Gericht stellen,« sagte er hochdeutsch, aber mit einem behaglichen mundartlichen Anklang, »verbessert Ihre Lage sehr bedeutend. Nun möchte ich Ihre Motive wissen. Vermutlich waren Sie in großer Erregung, vielleicht in berechtigter. Wir haben bereits von dem Wachtmeister, der sich sofort an den Tatort begeben hat, telephonische Nachricht über die einzelnen Umstände. Es ist also eine Frau im Spiel. Ferner teilt der Primararzt des Krankenhauses, wo Ihr Bruder liegt, mit, daß er lebt und der Fall nicht ohne Hoffnung ist. Da haben wir also eine ganze Reihe für Sie günstiger Umstände. Vielleicht werden sie durch ein offenes Bekenntnis aller Einzelheiten noch vermehrt. Daß Sie kein gemeiner Mörder sind, das steht jetzt schon fest.«

»Doch, ich bin ein Mörder,« erwiderte Ferdinand, »ich will keine mildernden Umstände.«

Der Landesgerichtsrat sah ihn erstaunt an und redete weiter auf ihn ein. Dabei formte seine welke Gelehrtenhand ein Papierknöllchen und schnellte es auf die Seite. Ferdinand schien diesem Vorgang mehr Beachtung zu schenken, als den Worten des Richters.

»Ich sehe,« sagte Mayerhofer, auf die Uhr blickend und sich der für ihn vorhin durch einen Gerichtsdiener telephonisch im »Wilden Mann« reservierten Kalbsstelze erinnernd, »daß Sie von den Ereignissen noch zu erschüttert sind. Ruhen Sie sich einmal aus. Ich werde Ihnen eine Zelle mit Bett, Stuhl und Tisch geben. In der Untersuchungshaft können Sie sich natürlich auf eigene Kosten aus dem Gasthaus verpflegen, auch Lektüre kommen lassen. Haben Sie vielleicht sonst noch einen Wunsch?«

»Wenn es erlaubt ist zu fragen, haben Sie Nachricht über den Zustand der Dame?«

»O da ist keine Gefahr, eine leichte Verwundung an der Schulter, sagt der Arzt.«

Ferdinand bezog die neue Zelle und legte sich sofort aufs Bett. Als er aus einem bleiernen Schlaf gegen Abend aufwachte, fiel ihm ein, wie er gerade vor vierundzwanzig Stunden, als die Dämmerung eintrat, glücklich bei Melusinen auf dem Bett gesessen hatte, aber schnell verscheuchte er diesen Gedanken.

So sehr sich der Untersuchungsrichter bemühte, es war auch bei den folgenden Verhören aus dem Gefangenen nichts anderes herauszubekommen, als ein fast trotzig anmutendes Verlangen nach baldiger Verurteilung, als habe er ein Recht auf eine Strafe, von der man ihm einen Teil durch mildernde Umstände abfeilschen zu wollen schien.

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