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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
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Fünftes Kapitel

Zeitwende

XXXVII

Am Sonntag Abend war planmäßig in den Gasthäusern der südlichen Umgebung von Rolfsburg das Gerücht verbreitet worden, Prinz Amadeus werde am folgenden Tag die Regierung übernehmen. In den wenig seine Unterschiede machenden Köpfen der Bauern hieß das: sofortige Wiederherstellung der Monarchie und Rückkehr der guten Zeiten. Massen freudig erregten Landvolks zogen in der Montagsfrühe wieder die Sonntagstracht an und erschienen, bunte Buschen am Hut und farbige Abzeichen auf der Brust, in der spätsommerlichen Stadt. Wo sie auf ahnungslos an ihr Tagwerk gehende oder müßig herumziehende Arbeiter stießen, riefen sie diesen mit herausfordernder Lustigkeit zu, die Revolution sei aus, sie hätten wieder einen König. Indessen saßen General Sobern und Graf Twelen beim Dornerwirt und wunderten sich, daß das prinzliche Auto nicht kam. Da wurde der General ans Telephon gerufen. Er erkannte die zitternde Stimme des Prinzen, der eine lebensgefährliche Verwundung Holthoffs meldete und die Herren bat, ihn im Lauf des Tags in Floridsburg zu treffen. Beide taten darauf in Eile alles mögliche, um die beteiligten Stellen von dem Unglücksfall zu benachrichtigen und ein nun sinnlos gewordenes Handeln zu verhindern.

Nur Oberst Katzlinger wurde nicht rechtzeitig erreicht. Nach längerem vergeblichen Warten in einem Torweg nahe der Residenz erschien er in seiner sonnebeglänzten hellblauen Leibregimentsuniform auf einem Apfelschimmel. Wie abgemacht, übernahm er das Kommando der Truppen, und auch das Hurrarufen blieb nicht aus, wohl aber das, was dem alles erst seinen Sinn gegeben hätte. Nach einiger Zeit wurde unter den Zuschauern Widerspruch laut. Auf dem Residenzplatz kam es zu vorerst harmlosen Zusammenstößen zwischen den noch immer jubelnden Bauern und den sich mehrenden Unzufriedenen. Da fielen plötzlich Revolverschüsse, wie sich später herausstellte, von Kommunisten, deren viele in jenen Tagen stets bewaffnet gingen. Darin sah Oberst Katzlinger das Signal zum Eingreifen. Er ließ die Menge zurückdrängen. Noch hielt er ohne Schwierigkeit den Platz.

Inzwischen verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, sie seien angeführt worden, der Prinz komme gar nicht. Bald war man überzeugt, daß es sich um nichts anderes handle, als eine Militärdiktatur, deren Seele der Oberst Katzlinger war; man mochte ihm wohl zutrauen, daß er die monarchistische Gesinnung nur als Mittel für seine Zwecke mißbrauchte. Das leuchtete um so mehr ein, als in den letzten Tagen öfters von jenem geplanten Militärputsch geflüstert worden war, dem Holthoff gerade hatte zuvorkommen wollen.

Katzlinger wurde inzwischen durch das Ausbleiben des Prinzen selber nervös und ließ blank ziehen. Das erste Blut floß, als die Truppen der Räteregierung auf dem Plan erschienen.

Dies war der Beginn eines mehrtägigen Bürgerkriegs in den Straßen von Rolfsburg.

Aus umgeworfenen Trambahnwagen und Automobilen waren im Nu Barrikaden errichtet, Straßen wurden mit Stacheldraht abgesperrt, von den Dächern knatterten Maschinengewehre, aus den Fenstern wurde blindlings geschossen. In den Straßen wehten rote Fahnen, Soldaten und bewaffnete Arbeiter erschienen, von einer bald aufgeregten, bald dumpfen Menge gefolgt. Lastautos mit Maschinengewehren lärmten höllisch. Worte wie Arbeiter- und Soldatenräte, Generalstreik, Rettung der Revolution schwirrten durch die Luft. Angst, Wut, Blutgier lag in den Gesichtern. Es gab keine Einzelnen mehr, die Masse glich einem vielköpfigen Untier. Gruppen rotteten sich um Redner, ja um deklamierende Dichter und predigende Apostel, die glaubten, ihre Zeit sei gekommen, Frauen schrien hysterisch auf, Kinder heulten. Die Tore der Theater wurden erbrochen, Holz krachte, Glas klirrte, und drinnen tobte die Versammlung in wildem Geschrei, das Kommandorufe durchschnitten. Vor den Zeitungsredaktionen ließ man die Neuauflagen in Flammen aufgehen, während Flugzeuge in den Lüften knatterten. Niemand wußte recht, was eigentlich geschah, wer gegen wen kämpfte, und die sinnlosesten Gerüchte fanden Glauben bei den in die Menge eingekeilten Einzelnen, die noch versuchten, sich Rechenschaft zu geben.

In dem Wirrwarr der verschiedenen Räte, die gegeneinander regierten, tauchte für kurze Zeit eine Gestalt des Abgrunds auf, die den gelehrten Morgenthau ganz in den Hintergrund drängte: Mathias Todtmooser.

Wer diesen Todtmooser sah, wurde auf den ersten Blick an einen Gorilla erinnert. Der fürchterliche Schädel war obendrein schief, das blatternarbige Gesicht mit den ganz ungleichen, abstehenden Ohren unsymmetrisch. Den Mittelpunkt zwischen dem unmenschlichen Kinn und der niedrigen, gewiß von einem halben Dutzend Querfalten gefurchten Stirn bildete ein breites, tierisches Maul, das übrigens gern und lärmend lachte und dann sogar negerhaft gutmütig aussah. Der Bartwuchs war völlig verkümmert, dagegen bedeckte dichtes, blauschwarzes Kraushaar den Schädel wie einen Kinderkopf und schloß die Stirn gradlinig ab durch eine sogenannte Ponyfrisur. Die Raubvogelaugen, eher klein, argwöhnisch und tückisch blinzelnd, lagen ohne Brauen in blutunterlaufenen Höhlen. Todtmooser war ein großer Freund von auffallendem Schmuck und trug dicke Brillanten in der breiten Hemdbrust, in der kleinen speckig glänzenden Krawatte und an den haarigen Wurstfingern mit bläulichen, langgewachsenen, nicht einmal unsauberen Nägeln. Die Tatzen ragten aus breiten, jeden Morgen frischen, abends aber immer ganz verschmutzten und zerknitterten Manschetten hervor. Auch war er stets in eine Wolke von betäubendem Parfüm gehüllt, die sich mit seinem animalischen Geruch zu einer weithin erkennbaren, wirklich eigenartigen Atmosphäre verband.

Stets war er wohlgelaunt, und man konnte ihm ebensogut zutrauen, daß er aus Leckerei Mark aus Menschenknochen sog, als daß er einem treffenden Scherz zulieb einen von ihm zum Tod Verurteilten schnell in dröhnendem Gelächter begnadigte und an seine Seite nötigte. Er hatte ein, man kann nicht anders sagen, als herzliches Bedürfnis nach menschlichem Umgang, ja nach Wärme und Anschmiegung. Für seine Freunde, sagte er, ginge er durchs Feuer. In der Tat teilte er mit ihnen seine Beute und schob alte Kumpane in einflußreiche Stellungen. Besonders gern lud er sich ein paar gute Gesellen zum Zuschauen bei den Hinrichtungen ein, da er auch andern ein Vergnügen gönnte. Selbst der Rührung war er zugänglich. Als er einmal aus Fahrigkeit einen halbwüchsigen Aristokraten hatte erschießen lassen, der als ganz und gar harmloses Bürschchen schon freigesprochen war, und dessen Geld und Juwelen an sich nahm, fand er in der Brieftasche des Toten ein Familienbild, über das er Tränen vergoß. Er steckte es zu sich, zeigte es oft mit feuchten Augen und sagte: »Ein lieber Bursch!« Überhaupt war ihm gleich den homerischen Helden das Weinen nah. Wenn ihm ein Hindernis in die Quere kam und er merkte, daß ihm etwas nicht durch Gewalt gelang, war er bereit, niederzuknien und durch schluchzendes Flehen sein Ziel zu erreichen. Wie alt er war, vermochte niemand zu sagen, er wirkte bald lausbübisch, bald beinahe greisenhaft, wenn ihn bei Versammlungen schlaffe Müdigkeit überkam und sein Schädel lallend über die Hemdbrust sank.

Sein Großvater, hieß es, sei noch ein angesehener Großbauer gewesen. Der Vater war als jüngerer Sohn in die Stadt gekommen und hatte als »sauberer Bursch« schnell die Laufbahn vom Hausknecht zum Zuhälter zurückgelegt. Während er mit seiner Geliebten in eine Erpressungsgeschichte verwickelt war, wurde dieser, einer Straßendirne, im Gefängnis ihr Sohn Mathias geboren. Den Ausbruch des Krieges hatte er wegen Beteiligung an einem Raubanfall im Zuchthaus erlebt, war dann auf mehrfach wiederholtes Ansuchen mit einigen anderen in ähnlichem Falle, die, wie er, ihre Strafe fast verbüßt hatten, begnadigt worden, weil er durchaus als Freiwilliger in den Krieg ziehen und möglichst viele Franzosen und Engländer »kalt zu machen« wünschte. In der Erwartung eines solchen Vergnügens war sein Verhalten bei der Truppe musterhaft, seine Tollkühnheit vor dem Feinde außerordentlich, und man konnte ihm schließlich die Auszeichnungen nicht verweigern. Er diente eine Zeitlang unter Katzlinger. Dieser interessierte sich für ihn und erzählte oft lachend von seinem Zuchthäusler und dessen Heldentaten. Es gäbe eben Menschen, deren überschüssige Kraft sie in krankhaft-schwächlichen Friedenszeiten zu Verbrechern mache. Erst der frisch-fröhliche Krieg brächte ihre Werte in einer für die Gesellschaft brauchbaren Form zur Geltung.

Als indessen der Krieg kein Ende nehmen wollte, verlor Todtmooser doch den Geschmack an der Unterordnung und mußte mehrmals wegen Unbotmäßigkeit schwer bestraft werden, blieb aber bei Sturmangriffen nach wie vor unersetzlich. Schließlich geriet er in russische Gefangenschaft, und die bolschewistische Revolution wurde die hohe Schule für ihn. Dort lernte er Raub und Mord, so wie Molières » Bourgeois Gentilhomme« Prosa; das heißt, wie dieser auch bisher in ungebundener Rede gesprochen hatte, aber nun erst erfuhr, daß dies Prosa sei, so hatte Todtmooser von früh auf Verbrechen begangen, aber jetzt erst vernahm er, daß solches Treiben Bolschewismus hieß und etwas Großes war.

Mit vielen nützlichen Kenntnissen, einem reichen Wortschatz, Propagandageldern und gestohlenen Juwelen versehen, kam diese eindrucksvolle Persönlichkeit im Gefolge der ungarischen Bolschewisten aus Moskau zurück und wurde von diesen sofort in sein Heimatland Harringen entsandt. Man dachte, dort würde er bald stark auf die breiten Massen wirken, aber merkwürdigerweise hatte er seine Erfolge bei dem Teil der intellektuellen Kommunisten, die nicht zur Morgenthau hielten. Da waren junge Schwärmer mit zarten, aber unguten Kindergesichtern, ergraute Wirrköpfe, »die das Leben kannten und nichts mehr auf Theorien gaben«, sensationensuchende Cynäden, die sich an der Kraft berauschten, bramarbasierende Schauspielernaturen mit historischen Revolutionsreminiszensen oder Literaten mit romantischen Vorstellungen vom Volk, insonderheit vom russischen, aus dessen Sprache Todtmooser einige Brocken aufgeschnappt und in die eigene Mundart verarbeitet hatte; und dann gab es da das große Gefolge jener nichts-als-faulen, zuchtfeindlichen und eitlen Menschen, die sich meist einem Künstlerberuf zurechnen und bei keiner aufrührerischen Bewegung fehlen. Fand sich um Morgenthau, trotz der auch dort vorherrschenden verantwortungslosen Inkompetenz, immerhin auch ethischer Ernst und fanatischer, aber ehrlicher Glaube, so war die Grundstimmung jener Kreise offener Zynismus. Sie fanden Mathias Todtmooser schlechthin »fabelhaft«. Das war wirklich die einzig richtige Revolution, urhaft, volksgeboren, unintellektuell, die Geschichte wieder beim Homo Neanderthalensis beginnend. Hier hörte man keine professoralen Dogmen, hier war noch reiner erfrischender Instinkt, das, was der faulen alten Welt not tat. So mochte Attila gewesen sein, wenn man ihn frei von antiquarischem Vorurteil sah. Freilich ein Spaß war es nicht, unter diese Gottesgeisel zu geraten, aber recht geschah es denen, die an bürgerlichen Gemütsvorurteilen festhielten, statt sich von diesem Orkan tragen zu lassen.

Der neue Attila raste den ganzen Tag im Auto in den Straßen herum; wenn ihm ein Fußgänger nicht gefiel, beschimpfte oder verhöhnte er ihn, ja ließ manchen gleich auf das Auto laden, um ihn in den Keller des Auswärtigen Amtes zu schaffen, in dessen oberen Räumen er selber residierte, wie die Kaiserin Theodora zu Byzanz, unter deren Lusträumen ihre Feinde in Verliesen schmachteten. In jenen Kellern warteten Aristokraten und andere sozial hervorragende »Burschuis«, die man Todtmooser als besonders strafwürdig hingestellt hatte, auf ihr Urteil. Besonders auf die vornehmen Damen hatte er es abgesehen, doch träumte er weniger von Erschießen, als von Köpfen. Grinsend schlug er bisweilen seinen intellektuellen Freunden, die sich Minister nannten, vor, gemütlich sein kurzes Pfeifchen zwischen den Lippen haltend, sie wollten zusammen hinunter gehen, ein paar Gräfinnen hernehmen und zuschauen, wie das Blut über die weißen Hälse flösse. Die Minister fanden den Gedanken zwar an sich köstlich und beglückwünschten Todtmooser zu solchen Einfällen, hatten aber doch gewisse Bedenken, und schließlich einigte man sich dahin, daß das Fest verschoben würde, bis von Seiten der »Burschuis« eine Herausforderung käme, dann sei man berechtigt, die Gefangenen als Geiseln hinzurichten. Todtmooser hatte schon in Moskau erfahren, daß selbst in der Revolution nicht alles, was man gerade möchte, möglich ist, wenigstens nicht in jedem beliebigen Augenblick, und so fügte er sich seinen Ministern, die schnell lernten, das im Grund doch kindische Ungeheuer durch Schmeichelei und ihm imponierende Schlagworte zu behandeln. So hinderten sie immerhin das Morden um des Mordens willen, denn einen Sinn mußte es in ihren Augen doch haben.

Einen solchen hatte z.B. die sofortige Erschießung Katzlingers, des Menschenschinders, unter dem der eine und der andere jener Minister, während er die Uniform trug, persönlich gelitten hatte, und der offenbar die Seele des mißglückten Anschlags gegen die Revolution gewesen war. Gerade diesen aber, seinen alten Gönner, wünschte Todtmooser zu schonen; war der Oberst, damals noch Major, doch der erste und vielleicht einzige geachtete Mensch gewesen, der sich über die Vergangenheit des Zuchthäuslers hinweggesetzt und Leistungen von ihm anerkannt und gelobt hatte. Mit einer sozusagen hündischen Treue und Dankbarkeit hing er seitdem an ihm und hätte im Feld nicht einen Augenblick gezögert, das Leben zur Rettung jenes einzusetzen. Nun stand der frühere Vorgesetzte vor seinem Richterstuhl. Todtmooser duzte ihn wie einen alten Kumpan, aber nicht aus Frechheit, sondern in der Meinung, dadurch sein Vertrauen zu wecken. Er redete ihm zu, er möge doch alles aufdecken, verraten, wer seine Hintermänner seien, dann wolle er ihn begnadigen, und er könne noch das schönste Leben haben, aber Katzlinger blieb stumm. Schließlich trat Todtmooser dicht an ihn heran, umgab ihn mit seiner Atmosphäre und sagte halblaut:

»Schau, Katzlinger, sei g'scheit, mir zwei san do immer gut mit ananda auskomm'n, jetzt sag', wie alles gewesen is, damit i di net hi'machen muß.«

Nachdem ihn aber Katzlinger von sich weggedrängt und ihn keines Wortes gewürdigt hatte, faßte ihn selber die Wut, und er ergriff die Feder, die ihm sein Wehrminister schon die ganze Zeit ungeduldig hingehalten hatte. Mit dicker, teigiger Schrift malte er mühsam seinen Namen unter das Todesurteil.

Eine viertel Stunde später wurde Oberst Katzlinger auf dem Kasernenhof erschossen. Noch einmal hatte er die Lippen geöffnet zu dem Ruf: »Hoch Rolfingen.«

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