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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
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XXXIII

Ferdinands Vorsätze scheiterten an Melusinens Wesen. Freudig begrüßte er sie am Frühstückstisch, aber sie schaute ihn nur mißtrauisch an und schien seinem veränderten, ihr Bedürfnis nach Abstand anerkennenden Betragen gar keine besondere Bedeutung beizulegen. Sie blieb einsilbig und verschlossen und zog sich nach den Mahlzeiten immer wieder schnell zurück. Ferdinand hoffte, sie würde ihre alte Sicherheit wieder gewinnen, wenn sie erst sah, daß er ihr, selbst wenn sie allein das Haus verließ, nicht folgte, aber auch das änderte nichts. So verfiel er wieder in sein dumpfes Grübeln.

Dem Prinzen entging das alles nicht, wenn er es auch nicht verstand. Vergeblich fragte er sich, was denn eigentlich vorgehe, aber es ging eben gar nichts vor, das schloß jede befreiende Einwirkung durch Wort und Tat aus. Ferdinand, der still-freundliche, verbindlichste Gastfreund war über Nacht zu einem trüb vor sich hinsinnenden Grübler geworden, für dessen Gemütszustand man bangen konnte. Melusine war ja auch im engsten Kreis bisweilen etwas sonderbar gewesen. So hatte sie schon früher ein und das andere Mal ganz unvorbereitet erklärt, sie habe das Landleben, das sie so liebte, nie länger als einige Monate ertragen können, sie werde morgen abreisen. Dann war sie aber stets doch geblieben, scheinbar ohne sich solcher Aussprüche zu erinnern. Den beiden Männern fiel auf, daß derartige Anwandlungen meist auf den Freitag fielen, den man daher bald im Scherz ihren Unglückstag nannte, zumal dies ja auch der fragwürdige Tag jener sagenhaften Melusine gewesen war. Ferdinand war dann meist recht niedergeschlagen, und dem Prinzen entging nicht, daß sie seinen Zustand mit einer gewissen Grausamkeit beobachtete. »Was sich liebt, das neckt sich,« dachte er in seiner wohl etwas veralteten Psychologie. Oft folgte auf diese Freitage der Samstags- oder Sonntagsbesuch Erichs. So lange der Sensburger Dreiklang ganz rein ertönt war, hatte, wie wir sahen, Erichs Besuch eher eine Störung bedeutet. Nun aber pflegte schon sein Telegramm Verstimmungen schnell zu lösen. Melusine war auf einen Schlag wieder lebhaft, ja fröhlich.

Wie sehr wünschte daher jetzt der Prinz, Erich möchte bald wieder erscheinen. Dieses Mal drohte zwar Melusine nicht mit Abreise, aber es war noch viel schrecklicher, sie wie ein gefangenes, wildes Tier herumgehen, menschlichen Blicken und Worten ausweichen, die Gegenstände mit Zorn anblicken zu sehen, als hasse sie ganz Sensburg. Dazwischen war sie zu Ausbrüchen jäher Lustigkeit fähig, und, wenn sie Ferdinand geradezu tiefsinnig werden sah, überfiel sie ihn manchmal mit einer so ungehemmten Herzlichkeit, wie sie früher niemals offen gezeigt hatte. So ergriff sie etwa beim Sprechen seine Hand mit beiden Händen, oder sie schmiegte sich an ihn, sich in seinen Arm einhängend.

Auch gegen Fremde änderte sich ihr Betragen völlig. Als eines Tages in der Frühe einige Bauernkinder, mit denen sie sich stets gern beschäftigt hatte, auf dem Rückweg von einer Kirchenfeier sich in ihren weißen Kleidchen mit Kränzlein im Haar zeigen wollten, fuhr sie die erschrockene Schar an, sie sollten wieder gehen, sie hätte keine Zeit mehr für sie, und zwar nie, nie, nie mehr. Die Kleinen trollten davon, und einige sagten nur halb verstehend vor sich hin: »Nie, nie, nie mehr, hat sie gesagt.«

Nicht selten vernahm man Melusinens rastlosen Schritt in ihrem Zimmer über der Decke des Salons. Eines Nachmittags hörte man sie ihre Geige stimmen, und sie spielte, wie voll Verzweiflung, modernste, sogenannte atonale Musik, die sie bisher abgelehnt und nur gelegentlich einmal als Merkwürdigkeit Ferdinand und dem Prinzen vorgetragen hatte. Bis zum Nachtmahl erscholl das ganze Haus von diesem Krampf und Verblutung ausdrückenden Tönen, und zu Tisch erschien Melusine zum erstenmal seit ihrer Ankunft, ohne sich umgezogen zu haben, mit fieberhaft geröteten Wangen und funkelnden Augen. Sie erklärte in krankhafter Erregung und mit offenbar gewollter Übertriebenheit, heute sei ihr aufgegangen, welche befreiende Schönheit doch in der atonalen Musik liege. Ferdinand starrte sie ununterbrochen an, er fand sie schöner, als je.

Nach Tisch rief sie plötzlich, fast in ihrem alten Ton, aber wie mit gespielter Absicht:

»Jetzt hole ich meine Geige, ich muß Sie beide zu der neuen Kunst bekehren.«

Während der paar Minuten, die sie die Männer allein ließ, sprachen diese kein Wort. Ferdinand saß noch am Eßtisch, über den Kaffee gebeugt, der Prinz beobachtete ihn voll Unruhe. Dann hörte man im Salon Melusinens Geigenstimmen, sie rief sie herein.

Der Prinz litt Qualen, während sie, die große Beethovenspielerin, in diesen, Empfindung und Gefühl wie mit der Peitsche behandelnden Klängen zu schwelgen schien. Ferdinand hörte erst tief versunken zu. Als sie die Geige niederlegte, lachte er grell auf, wie ein etwas einfältiger Mensch, der schwer einen Witz versteht, aber nun doch auf seine Bedeutung gekommen ist, und rief, ja, auch er erkenne jetzt endlich die Schönheit dieser Musik, das sei der große Unsinn, dem man sich einmal ganz hingeben müsse. Er sprang an den Flügel und fantasierte im selben atonalen Stil weiter. Melusine hörte ihm erst voll Erstaunen zu, dann fiel sie mit der Geige ein, nicht ganz sinnlos, sondern seine Motive aufnehmend und gelegentlich andeutungsweise kontrapunktierend, aber es klang, als ob beide gegeneinander rasten, wie eine keifende Hexe und ein fluchender Zauberer. Der Prinz stand entsetzt dabei. War der Teufel im Spiel, oder hatten einfach zwei ungeratene Kinder sich der edeln Instrumente bemächtigt, um allem Hohn zu lachen, was die Erwachsenen von ihnen erwarteten, gewillt, wenn sie nur die Macht hätten, deren ganze Welt zu zerstören und dann auf den Trümmern ein Leben von Wilden zu führen.

»Das ist ja Wahnsinn,« rief er aus, »ich bitte Sie, hören Sie auf, hören Sie auf!«

Er ergriff Melusinen am Arm. Irr lachte sie, ohne sich im Spiel stören zu lassen:

»Das gefällt Ihnen nicht, Prinz?«

Ferdinand indessen brach ab und drehte sich auf seinem Sitz herum. Halb schämte er sich, halb suchte er Melusinens Überlegenheit nachzuahmen. Dann stand er auf und sagte etwas verlegen:

»Nichts für ungut, Kgl. Hoheit, es war ein Spaß und vielleicht kein guter.«

Cora hatte schon die ganze Zeit an der Tür gekratzt und mit kläglichem die Musik begleitenden Wimmern hinausverlangt. Ferdinand stand auf und ließ sie ins Vorhaus huschen. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Melusine sank in einen Sessel, ihre Brust wogte.

»Es war eine Befreiung,« keuchte sie, »ich fühle mich so wohl, wie lange nicht. Bitte Ferdl, gib mir einen Schnaps ... nein, keinen süßen ...«

Ferdinands Augen leuchteten. Noch nie hatte sie ihn mit diesem Kosenamen genannt, den man ihm im Elternhaus gegeben und den Erich bisweilen anwendete. Er holte, was sie wünschte, aus dem Wandschrank und zündete ihr eine Zigarette an. Sie ergriff fest seine Hand und drückte sie gegen ihr Herz:

»O, wie Sie mich gut verstanden haben,« sagte sie.

»Armer Prinz,« fuhr sie überlegen lächelnd fort, sich im Sessel ausstreckend und voll Behagen Rauchwolken in die Luft blasend. »Sie haben da was schönes aushalten müssen, aber jetzt werde ich wieder ganz manierlich sein. Das ist der slawische Bluteinschlag bei mir, oder ist es gar tatarisch oder hunnisch oder einfach bestialisch, was weiß ich?«

Frivol auflachend streckte sie die Füße weit von sich und rauchte mit Heftigkeit.

»Gott sei Dank, daß Sie überhaupt wieder zusammenhängend reden,« sagte der Prinz, nicht ohne Vorwurf im Ton.

»Sie haben geglaubt, ich sei wahnsinnig geworden, nicht? Nun, wenn ich nicht meine Geige hätte, dann müßte ich manchmal ein Haus anzünden, aber Gott sei Dank habe ich ja meine Geige.«

Sie lachte in sichtlichem körperlichem Wohlgefühl.

»Und daß der Ferdl gleich so mitgemacht hat, das hätt' ich ihm gar nicht zugetraut. Beißen möcht ich ihn dafür vor lauter Dankbarkeit.«

Sie warf ihm einen brennenden Blick zu.

Der Prinz lächelte nun beruhigt. Um nicht durch seine Person dem vollen Ausdruck dieser Gefühle im Weg zu sein, stand er auf, wünschte den Liebesleuten, die offenbar einen Streit gehabt und sich nun versöhnen wollten, eine gute Nacht und empfahl sich. Immerhin war ihm der Schrecken doch derart in die Glieder gefahren, daß das auf dem Nachtkästchen liegende Memoirenwerk mit seiner Schilderung Wiens in der Kongreßzeit heute abend seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln vermochte.

Als Melusine mit Ferdinand allein war, warf sie sich in die Ecke des Ledersofas und sagte:

»Setzen Sie sich zu mir, Ferdl, ich hab Sie sehr lieb.«

Ferdinand rückte wie ein Kater neben sie. Er zitterte, während sie den Arm um seinen Rücken schlang und dazu eine Zigarette rauchte. Es folgte ein langes Schweigen, das beide genossen; man hörte langsam die Wanduhr ticken, als sei die Zeit ein friedlich hinplätschernder Bach, den nie ein Wirbel aufhält.

»Ach, es ist so still und schön hier bei dir,« begann Melusine, »wenn es doch immer so bleiben könnte.«

»Melusine,« rief er in tiefer Erregung, »warum soll es denn nicht so bleiben? Wenn das wirklich dein Wunsch ist ...«

Er glaubte, der alles entscheidende Augenblick der Aussprache sei nun endlich ganz von selbst gekommen, aber plötzlich legte sich ihre eiskalte Hand auf seinen Mund.

»Pst ... pst ..., nicht sprechen,« flüsterte sie. »Lassen Sie uns ein bißchen der alten Uhr zuhören, sie erinnert mich an meine Großmutter, wenn sie russische Märchen erzählte.«

Er schmiegte sich still an sie. Oh, er begriff sofort, daß sie in einem solchen Augenblick nicht reden wollte. Was gab es denn da auch noch zu reden? War jetzt nicht alles entschieden?

Beim Gutenachtwünschen ließ sie sich lächelnd einen Kuß von ihm auf den Mund gefallen; gleich darauf wischte sie sich eine Tabakkrume von den Lippen.

Am folgenden Tag war Melusine wieder freundlich zu allen wie sonst, zu Ferdinand nicht mehr als zu den übrigen. Als sich abends der Prinz früh zurückgezogen hatte, rief sie in scherzhaftem Ton:

»Ferdl, setz dich wieder zu deinem Schwesterchen.«

Er rückte zu ihr wie gestern, beglückt, obwohl ihm das letzte Wort einen heimlichen Stich versetzte.

»Ich habe oft nachgedacht darüber,« begann sie, »was mir im Leben am meisten gefehlt hat; seit gestern weiß ich es, Ferdl, ein Brüderchen. Ja, ein Brüderchen! Einen Bruder habe ich gehabt, aber kein Brüderchen, denn er war ziemlich viel älter und lebte schon außer dem Haus in der Ferne, als ich ihn hätte brauchen können. Wenn er in den Ferien in seiner Petersburger Gardeuniform kam, dann war er mir wie ein zwar junger Onkel, der aber doch ganz zu den Erwachsenen gehörte. Ich war stolz auf ihn und nahm mich schrecklich vor ihm zusammen. So ein Brüderchen dagegen, das mit einem gemeinsam aufwächst, vor dem man sich mit allen seinen Unarten nicht geniert und dessen Schuldkonto man selber bis ins Kleinste kennt, so ein Brüderchen, das einem nicht im Geringsten imponieren kann und das man trotz all seinen Schwächen und Drolligkeiten doch ganz furchtbar lieb hat, das muß etwas herrliches sein.«

»Halten Sie das für so wichtig?« fragte Ferdinand, in dem Unbehagen, das ihn immer mehr ergriff, das Du ganz vergessend.

»Namenlos wichtig,« sagte sie, »denn so ein Brüderchen, das ist eine Mittelstation zwischen dem Mädchen und dem Mann, ein Mann und doch kein Mann. Glauben Sie mir, ich merke es jeder Frau an, ob sie mit Brüdern aufgewachsen ist oder aber die Männer erst später kennen gelernt hat.«

»Was ist denn da für ein Unterschied?« fragte Ferdinand, seine wachsende Unruhe verbergend.

»Die Männer imponieren einer solchen Frau zu sehr.«

»Nun gerade das kann man doch von Ihnen nicht behaupten.«

Sie war einen Augenblick sehr betroffen, ja fast verlegen, dann erwiderte sie schnell:

»Ach, lassen wir mich aus dem Spiel, ich habe ja meine Geige und hatte darum mit den Männern im Leben nie etwas zu tun, weder im Guten, noch im Schlimmen, aber Frauen, die diesen Ausweg nicht haben, ich denke mir, die werden doch auf jeden hineinfallen, wenn ihnen der Mann erst als Erwachsenen entgegentritt. Er muß doch wie ein vollkommen rätselhaftes Wesen auf sie wirken, gar nicht wie ein Mensch, sondern bald wie eine Bestie, bald wie ein Zauberer.«

Ferdinand erschrak bei diesen Worten bis in die Tiefe seiner Seele.

»Aber was reden wir da für Zeug?« rief sie plötzlich hell auflachend. »Jetzt hat mir ja zu meiner Geige der Storch noch ein Brüderchen gebracht, nun hab' ich beides, was will ich denn mehr?«

Sie legte wieder den Arm um Ferdinands Rücken und zog ihn näher an sich. Sich des gestrigen Gesprächs erinnernd, schwieg er, um nichts zu stören. Er fühlte eine Macht um sich, die ihn ganz von selbst immer näher zu ihr führte. Wieder tickte die alte Uhr, als gäbe es keine Leidenschaften in der Welt. Nach einigen Minuten sagte Melusine plötzlich:

»Nun sprich du etwas, Ferdl!«

Was sie vorher über ihre Beziehungen zu den Männern gesagt hatte, beschäftigte ihn sehr, und so fragte er vorsichtig:

»Ist das wirklich wahr, daß dir das Leben und die Welt und die Männer nie etwas bedeutet haben, niemals?«

»Nein, nie, Ferdl, wie konnte das auch möglich sein, denn schon als Kind habe ich schreckliche Sachen gesehen, vor denen ich in mein Inneres flüchten mußte, und dort habe ich dann bald die Musik gefunden.«

»Was waren denn das für Sachen?« wollte Ferdinand wissen, seine Erregung kaum mehr bezähmend.

»Ich habe es dir doch von Berlin geschrieben, aber damals habe ich es noch für Fantasien aus Märchen gehalten. Jetzt weiß ich durch dich, daß da etwas ganz wirklich war. Wenn ich als Kind immer allein in unseren Wäldern herumirrte, weshalb man ja aus meinem Namen Melanie Melusine machte, da habe ich oft richtige Ungeheuer gesehen. Erst bin ich arglos mit ihnen umgegangen, weil ich sie für gute Ungeheuer hielt, dann aber sah ich eines Tages ihre Augen. Da bin ich nach Hause gerannt und war lange nicht wieder in den Wald zu bringen. Erst später, als ich schon meine Geige hatte, ging ich wieder gern in den Wald ... Weißt du, daß mir die Ungeheuer auf deinen Zeichnungen darum so gut gefallen ... heute fürchte ich mich ja nicht mehr davor ... Deine Ungeheuer sind echt, Ferdl, gerade solche Augen haben sie ... Drachenaugen ...«

Ferdinand lag wie ein Kind in ihrem Arm und zitterte dermaßen, daß sie es fühlte.

»Was hast du, Brüderchen?« fragte sie ruhig, »das ist doch alles schon lange, lange her.«

Sie sprach plötzlich in einem ganz anderen, breiten, an irgend einen schwerfälligen Dialekt anklingenden Ton. Dann lallte sie geradezu:

»Erich hat auch Drachenaugen ... auch Drachenaugen ... Wenn mein guter Papa nicht gewesen wäre, ich hätte damals aus Angst vor den Ungeheuern im Wald sterben können, aber er sprach immer ruhig und vernünftig mit mir, und dann gab er mir auch die Geige, und allmählich habe ich gelernt, die Angst auf ihr zu verspielen. Später, als ich dann in die Welt ging, da haben alle gedacht, ich wäre schrecklich mutig, aber ich hatte nur ein unfehlbares Mittel gegen die Angst, meine Geige ... und ich habe gekämpft und gekämpft und immer wieder gesiegt und doch wieder gekämpft ... o es war gräßlich und jetzt bin ich so müde ...«

Plötzlich senkte sie den Kopf gegen seine Wange, und er streichelte ihr ganz sanft gewordenes Gesicht.

Da war wieder das Kind, ein gutes süßes Kind, das sich wie er vor dem Leben gefürchtet, das Schwesterchen, das auch ihm neben dem überwältigenden Bruder immer gefehlt hatte, die Vertraute, mit der man sich vor den Erwachsenen im Wald hätte verstecken können. Dieses nie besessene Glück, das war es, was ihn immer so heimlich traurig gemacht, wonach er sich gesehnt, ohne es zu wissen; und welch ein Wunder, jetzt nahte es plötzlich dem Erwachsenen, und er war zuerst davor erschrocken. Es hatte ihn beunruhigt, daß sie in ihm keinen gewöhnlichen Mann sehen wollte, aber eben das war es, was sie sich wünschte. Er wollte ja selbst eigentlich keiner sein. Jetzt brauchte er sich nicht mehr deshalb zu schämen. Gerade wie er war, paßte er zu diesem, vom Leben verwundeten, süßen Schwesterchen.

»Ja Brüderchen,« flüsterte sie, als hätte sie alle seine Gedanken gelesen, »so ist es gut, du kannst mich verstehen. Wir sind zwei, nicht wahr, zwei gegen einen; aber wie du es das ganze Leben allein hast aushalten können, das verstehe ich nicht.«

»Was denn?« fragte er in höchster Verwirrung.

»Ich bin einfach fortgelaufen vor dem Drachen, aber du ... immer in seiner Nähe ... ich glaube, ich hätte ihn längst umgebracht, längst, längst.«

Ferdinand fühlte einen Schauer kaum erträglicher, eiskalter Wollust.

Plötzlich lachte sie ingrimmig auf. Ferdinand zog die Füße auf das Sofa, als wolle er ganz und gar von ihr aufgesogen werden.

»Ich wollte, seine Sache ginge schief,« flüsterte sie plötzlich, als schlürfe sie einen süßen, brennenden Trank ... »Sie geht schief ... ich fühle es ...«

»Melusine ...« schrie er außer sich.

»Du nicht...?« fragte sie ruhig, »nun, dann höre mir nicht zu ... ich denke laut ... das ist alles.«

Er schmiegte sich wieder an sie. Ja, das, ganz genau das, war es, wonach er sich sein Leben lang gesehnt. Er würde ihr nun folgen bis ans Ende der Welt. Beider Hände waren kalt und feucht.

»Wir sind zwei...,« zischte sie leise, »du und ich ...«

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