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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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Viertes Kapitel

Widerspiel

XXXI

Inzwischen hatten sich die Dinge in Rolfsburg soweit entwickelt, daß Erich den Augenblick zum Handeln für gekommen hielt.

Für den sozialistischen Ministerpräsidenten Morgenthau war Revolution ein romantisches Ideal, das sich seit den Novembertagen verwirklichte und das er nun gerade als Zustand festhalten wollte. Alles sollte dauernd in Bewegung, in Fluß und jung bleiben. Die Auflockerung der alten Formen bedeutete ihm nicht den Übergang zu neuen, sondern wurde Selbstzweck. Die Bemühungen seiner viel mittelmäßigeren aber doch staatsmännischeren Kollegen, aus dem Chaos allmählich eine neue, die Ausübung der Regierungsgewalt ermöglichende Ordnung entstehen zu lassen, beantwortete er durch heimliche Intrigen und offenen Hohn über die Bereitwilligkeit, mit welcher die philiströsen Genossen die Methoden bürgerlicher Klassenherrschaft annahmen. Bewußt förderte er durch Verteilung verwirrender, aufreizender Flugschriften die Verwahrlosung in den Kasernen, wo er den Begriff Autorität als solchen für aller Übel Wurzel erklärte, während die Soldatenräte der wahre Ausdruck des Geistes der Armee sein müßten. Dazu kam ein offenes Liebäugeln mit Sowjetrußland, nicht, als ob seine im Grund gutartige Seele dort alles schön fand, o nein, nur das dort verwirklichte Prinzip hielt er für richtig, ganz von selbst würde der ruhigere, friedliebende deutsche Volkscharakter ihm eine andere Gestalt geben.

Dies, dazu die äußeren Formen der höchsten Staatsgewalt, versetzten den sein Leben lang nicht aus subalternen Verhältnissen herausgekommenen Mann, den obendrein Mutter und Gattin daheim als Propheten verhimmelten, in einen Zustand das Krankhafte streifender dauernder Euphorie. Er begann auf seinen Stern zu vertrauen und den Schicksalsglauben großer Männer nachzuahmen, was ihm im Augenblick eine seine Umgebung leicht ansteckende Gespanntheit, funkelnde Luftigkeit und überquellende Menschenfreundlichkeit gab. Das bezauberte die Primitiven und riß die leicht Krampf mit Leidenschaft verwechselnden Intellektuellen zur Bewunderung hin. Dazu äußerte er oft sehr treffende Aperçus über die Mißstände der Vergangenheit, besonders über die bürgerlich-liberalen Begriffe der Preßfreiheit, die jedem Kapitalisten erlaube, Meinungen zu kaufen und Nachrichten zu fälschen, und kündigte, gewissermaßen als die nun nahe bevorstehende Glanznummer seines Programmes, geheimnisvoll an, wenn ihn seine jetzigen Kollegen preisgäben, würde er ganz einfach »zum Volk hinabsteigen«. Mit dieser Mischung von Geist und Dunkelheit gewann er besonders viel begabte, aber erfahrungslose Jugend. Ja sogar ein dichterischer Schwung war ihm eigen. Wenn er abends beim Wein, dem er übrigens mäßig zusprach, mit seien vertrauten Zuhörern zusammensaß, dann schien sich sein Geist auf Fittichen über alle Wirklichkeiten zu erheben, die alten Augen blitzten, der Mund lächelte freundlich-listig hinter dem ergrauenden, langen Patriarchenbart und, während die nie recht sauberen Hände Brotkrümel kneteten, lallte er, etwas kindisch die süddeutsche Mundart nachahmend, den alten gotischen Spruch:

»Ich leb' und weiß nit wie lang,
Ich sterb' und weiß nit wann,
Ich fahr' und weiß nit wohin,
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.«

Mit solcher geistreichen Einfalt, in der seine Umgebung den Ausdruck höchsten Menschentums sah, wurde nun schon neun Monate lang das Harringensche Staatswesen geleitet.

Es ist nicht anzunehmen, daß Morgenthau irgendeinen bestimmten Plan hatte. Er fuhr und wußte nit wohin, und eines Morgens geschah es, daß sein Auto den Weg einer bolschewistischen Demonstration kreuzte, die Masse ihn erkannte, bejubelte und von ihm verlangte, er solle nun nicht länger zögern und die Rätediktatur einführen. Der Ministerpräsident glaubte den welthistorischen Augenblick zu erkennen, stieg aus und marschierte, umgeben von einigen Vertretern des sogenannten Landessoldatenrat, an der Spitze eines kreischenden Pöbelhaufens durch die Straßen. In dem Zug schwang man Fahnen mit Aufschriften, die Mitglieder seines eigenen Kabinetts, besonders den Wehrminister, unflätig beschimpften und mit dem Aufhängen an der Laterne bedrohten. Unterwegs wurden einige starr vor Staunen stehen gebliebene Offiziere tätlich angegriffen, und Morgenthau sah sich lustig in seiner Umgebung nach einem um, der etwa ein französisches Bonmot verstehen könnte, und sagte gehoben: »A la révolution comme à la révolution«. So zog er nach dem Landtag, drang dort in den großen Saal ein, wo er als Ministerpräsident längst das gewählte Parlament hätte zusammenrufen sollen, erklärte die sozialistische Regierung, also sich selbst, für abgesetzt und proklamierte unter einstimmigem Beifall derer, die er das Volk nannte, die Rätediktatur. Radfahrer brachten Befehle in die Kasernen. Eine Stunde später waren die Zeitungsredaktionen besetzt, und die Bevölkerung erfuhr, ohne allzu große Verwunderung, daß sie nun in einer Räterepublik lebe.

Die weitere Folge war die Besetzung der Banken, Beschlagnahme der Wohnungen und Lebensmittelvorräte in Geschäften und reichen Privathäusern, ein selbstmörderischer Generalstreik, den das nahrhafte Land sofort durch die Boykottierung der Stadt beantwortete, sowie zahllose Verhaftungen von Menschen, die keine andere Schuld hatten, als in allerdings begründetem Verdacht zu stehen, daß ihnen dieser Spaß mißfiel. Später rühmte man sich sehr, im allgemeinen glimpflich mit ihnen verfahren zu sein und verhältnismäßig wenig Blut vergossen zu haben, als ob dazu auch nur die geringste Ursache und das Unterlassen eine besondere Tugend gewesen wäre. Auch lehnte die alles Greifbare beschlagnahmende Regierung die Verantwortlichkeit ab für jene, die das auf eigene Faust besorgten, bestrafte sie sogar streng und nannte ihre Vergehen nach dem veralteten bürgerlichen Sprachgebrauch: Raub und Diebstahl. Das Chaos erreichte dadurch seinen Höhepunkt, daß unter den extremen Sozialisten selbst Gruppen entstanden, die über Morgenthaus überraschenden Staatsstreich empört waren und sich nicht übergehen lassen wollten. Wohl waren sie für die Rätediktatur, aber nicht für die Morgenthaus, sondern für die irgend eines der Ihren oder eines aus dem »wirklichen« Volk hervorgegangenen Kraftmenschen.

Noch am Abend dieses Putsches hatte Erich Holthoff mit Sobern und Katzlinger sofortiges Vorgehen verabredet. Die Bevölkerung zitterte vor dem, was noch kommen konnte. Bewaffnete Proletarier zogen zwischen dem wehrlosen Bürgertum durch die Straßen, von rätselhaften Matrosengestalten geführt, wie man sie in dem binnenländischen Rolfsburg nie geschaut. Vom gemäßigt denkenden Arbeiter an aufwärts war jeder eines Ordnungsinstinktes Verdächtige vogelfrei. Wenn daher jetzt jemand plötzlich erschien und mit einiger Zuverlässigkeit Ordnung versprechen konnte, so hatte er alle Trümpfe in der Hand.

General Sobern überraschte Holthoff mit der Mitteilung, daß man von anderer Seite ebenfalls zwecks Herstellung der Ordnung an ihn herangetreten sei, er sich aber alles weitere vorbehalten habe, ehe er mit Holthoff über eine etwaige Vereinigung der beiden Bewegungen gesprochen. Dieser Weg erschien Holthoff schon auf den ersten Blick ungangbar. Es handelte sich da einfach um einen Streich draufgängerischer Offiziere, die, ohne sich über eine bestimmte Regierungsform klar zu sein, zunächst einmal eine Militärdiktatur erstrebten, »um mit dem Gesindel fertig zu werden«, dann würde man schon sehen. Holthoff sah darin nur den noch nicht zur Ruhe gekommenen Betätigungstrieb heimgekehrter Krieger, welche die Niederlage nicht verwinden konnten und um jeden Preis handeln wollten, nötigenfalls sogar gemeinsam mit den durch Morgenthaus Milde sehr wenig befriedigten radikalen Kommunisten bolschewistischer Färbung. Diese Vereinigung der »Rauhbeine von rechts und links«, wie er sagte, glich in nichts der von ihm geplanten Wiederherstellung der Ordnung, aber sie zeigte ihm den Weg zu etwas anderem.

Er begab sich zu dem von den Ereignissen schwer enttäuschten Friedrich Pausecker, der ihm versicherte, die große Mehrheit der Arbeiter stehe dem jetzigen Zustand ausgesprochen feindselig gegenüber. Holthoff zeigte ihm die Gefahr einer Militärdiktatur, die, falls man nicht schnell zuvorkomme, alle Aussicht habe, zu gelingen, da sie immer noch besser erscheinen müsse, als das jetzige Chaos. Pausecker atmete auf, als ihm Holthoff seine Absicht eröffnete, auf einem dritten Weg diese beiden Klippen zu umschiffen: Jetzt handle es sich einfach darum, auf eigene Verantwortung die Forderungen der Vernunft zu erfüllen und die Ängstlichen auf der einen, die Verblendeten auf der anderen Seite vor vollendete Tatsachen zu stellen, die durch den ihnen innewohnenden Sinn selbst den Widersinn besiegen würden. Mißlang es, nun, so würden sie eben alle zu grunde gehen, aber der letzte Rettungsversuch war wenigstens gewagt worden. In Pausecker wurde alles lebendig, was beide Männer an so manchen Abenden miteinander gesprochen hatten. Von einer Beteiligung seinerseits an Holthoffs Plan war natürlich seiner Parteistellung wegen nicht die Rede, aber Erich verließ Pausecker mit dem Versprechen, jeder ordnungsgemäßen Regierung welcher Parteifärbung auch immer, sobald sie sich gebildet habe, zunächst nicht entgegen zu sein und seinen Einfluß bei den Massen in die Wagschale zu werfen. Vor allem gelte es jetzt, ohne die alten Partei- und Klassenvorurteile, das Land gegen Anarchie von rechts und links zu schützen. Diese Unterredung entschied Holthoffs nächste Schritte.

Sein Plan war seit langem bis ins kleinste vorbereitet, und so wurde es möglich, in wenigen Tagen alle im einzelnen gesponnenen Fäden zu verknüpfen. Mit Sobern und Katzlinger machte er folgendes aus: Holthoff würde den Prinzen in geschlossenem Automobil am nächsten Montag um acht Uhr in die Residenz bringen; Katzlinger hatte dafür zu sorgen, daß das von ihm als völlig zuverlässig bezeichnete alte Leibregiment sich zum Empfang dort einfände, unter dem Schein, sich zu einer Geländeübung zu begeben. Am Sonntag abend sollte in den bäuerlichen Wirtshäusern der südlichen Umgebung von Rolfsburg planmäßig das Gerücht verbreitet werden, daß Prinz Amadeus am nächsten Morgen in der Residenz einzuziehen beabsichtige. Dadurch würde bewirkt, daß in den Straßen möglichst viel neugieriges Landvolk zusammenströmte, von dem mit Bestimmtheit zu erwarten war, daß es dem Prinzen zujubelte im Augenblick, wo auf der Residenz die blau-gelbe Harringische Fahne aufgezogen würde. Die bürgerlichen Zeitungen sollten sofort durch Volkswehr besetzt und Extrablätter herausgegeben werden mit der Mitteilung, Prinz Amadeus sei zurückgekehrt, von dem treuen Leibregiment begleitet, um provisorisch die Regentschaft zu übernehmen, bis der Volkswille verfassungsmäßig über die neue Regierungsform entschieden habe. Falle der Entscheid gegen ihn aus, werde er nicht einen Augenblick zögern, sich wieder ins Privatleben zurückzuziehen, zufrieden, wenn es ihm gelungen sei, das Land aus dem jetzigen Abgrund gerettet zu haben. Darum sei jede Gewalttat im Augenblick nicht nur verbrecherisch, sondern auch dumm. Derselbe Text würde auf allen Litfaßsäulen angeschlagen werden.

Morgenthau und noch etwa ein Dutzend bolschewistischer Führer seien, ehe sie ihre Wohnung verließen und erfuhren, was geschehen war, zu verhaften. Natürlich mußten alle wichtigen Stellen der Stadt und die von Bolschewisten bevorzugten Gasthäuser und Versammlungsorte besetzt werden. Am Nachmittag noch würde Holthoff ankündigen, daß er im Auftrag Seiner Kgl. Hoheit die provisorische Regierung übernommen habe und sie in Gestalt eines Dreimännerrats in Gemeinschaft mit dem Sozialisten Friedrich Pausecker und dem von Holthoff leicht gewonnenen katholischen Parteiführer Krailinger ausüben werde, der sich großer Beliebtheit bei den bäuerlichen Massen erfreute und imstande war, den Lebensmittelboykott des Landes gegen die Stadt sofort aufzuheben. Katzlinger war überzeugt, daß durch das Leibregiment, mit Maschinengewehrabteilung und Handgranaten versehen, die zuverlässigen Teile der Volkswehr, sowie ein Artilleriekommando das Unternehmen hinreichend gestützt war, zumal nach Holthoffs und Soberns Überzeugung die Räteregierung sofort zusammenbrechen, die ganze Bevölkerung darüber aufatmen und den Rettern freie Hand lassen würde.

Graf Twelen sollte im Lauf des Tages in der Residenz einen Haushalt improvisieren. Zur Abendtafel würden bereits einige Führer des wirtschaftlichen und geistigen Lebens, darunter der Rektor der Universität, sowie der Kardinal-Erzbischof geladen, der das Läuten aller Kirchenglocken zugesagt hatte, im Augenblick, wo die Fahne auf dem Dach der Residenz wehte. Wenn die Stimmung danach sei, würde der Prinz Abends noch auf eine Stunde in der Oper in der alten Hofloge erscheinen, wo das Werk eines vom alten König am Hoftheater bisher nur ungern geduldeten modernen Komponisten aufzuführen sei.

»Wenn ich das alles erlebe,« sagte General Sobern bei der letzten Unterredung gerührt, »will ich gern sterben.«

Er nannte Holthoff den Retter des Vaterlandes und streckte ihm beide Hände entgegen. Auch Katzlingers Händedruck war aufrichtig. Diesem alten Troupier gefiel die Schnelligkeit und Umsicht, mit der ein gewöhnlicher Zivilist, nicht anders als ein Strateg, der Truppenmassen auf schwierigem Gelände bewegt und zu einem großen Schlag konzentriert, alle Ordnungselemente zu einheitlichem Plan zusammengefaßt hatte.

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