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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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II

Als Erich Holthoff anfangs der neunziger Jahre, um die Rechte zu studieren, die Universität Bonn bezog, war er für seine Jahre schon recht umfassend gebildet. In den oberen Gymnasialklassen hatte ein Lesekränzchen bestanden, wo die Auslese der Schüler Literatur, Philosophie und besonders Geschichte trieb. Erich rühmte sich, kein Schöngeist zu sein, und seinem Einfluß war es hauptsächlich zuzuschreiben, daß jenes Kränzchen nicht ausschließlich literarischen und künstlerischen Interessen huldigte. Seine Helden waren die großen Staatsmänner der Geschichte, Solon, Perikles, Cäsar, Augustus, Constantin der Große; sogar mit Richelieu und Disraeli hatte er sich schon beschäftigt, und, wie in jener Zeit unvermeidlich, stand er stark unter der Wirkung Bismarcks. Freilich erfüllten ihn diesem gegenüber auch manche Zweifel, die der Vater in ihm nährte.

Die Holthoffs waren Katholiken, und zwar ohne jeden Fanatismus. Die ererbte Religion galt in der Familie als eine Selbstverständlichkeit, ihre Forderungen erfüllte man ruhig, aber gesprochen wurde darüber wenig. Was man den alten Holthoff an Bismarcks Kulturkampf gegen die Kirche besonders unangenehm berührte, war, daß dadurch das Ruhende plötzlich aufgerüttelt wurde. Sein weltliches Leben hatte sich immer ganz gut mit der katholischen Praxis vertragen, doch ein ausgesprochenes Betonen von Dingen, die man am besten mit sich allein abmacht, war ihm in der Seele verhaßt; nun aber wurde er durch seine Stellung gezwungen, Partei zu ergreifen, ja gelegentlich öffentlich für einen Glauben zu sprechen, den er zeitlebens gefühlsmäßig gehegt hatte, ohne sich viel um seine Argumente zu kümmern. In der Tat, eine widerwärtige Lage für einen heiter vertrauend dem Leben zugekehrten Mann, dem auch die Religion ein gern hingenommenes Stück Leben ist, nicht eine diskutierbare Lehre, für oder gegen die man auftreten kann.

Erichs Voraussetzungen waren anderer Art, wenngleich sie zu derselben Haltung führten. Im Gegensatz zu seinem Vater erfaßte er die Welt vorzugsweise mit dem Gedanken, aber er war von jenem, die helleren Köpfe seiner Generation auszeichnenden Skeptizismus erfüllt. Dieser wendete sich nicht gegen die Religion, sondern gegen die bereits die Massen ergreifende Freigeisterei, die für jede Erscheinung des natürlichen und seelisch-geistigen Lebens sofort eine platte Vernunfterklärung bereit hält, dagegen ließ er Religion als bedeutende Erscheinung des menschlichen Lebens wieder mit Toleranz gelten. Erich und seine Freunde warfen nun Bismarck vor, daß er gegen diese fehlte und sein gröbliches Vorgehen obendrein Kulturkampf nannte, und was gar das Sozialistengesetz betraf, so fühlte er als Glied der die Zukunft tragenden Generation deutlich den schweren Mißgriff.

Eine so ausgesprochene kritische Haltung bei einem so jungen Mann wirkte begreiflicherweise auf seine Umgebung als unausstehlicher Hochmut. Er verspottete zudem alles, was dadurch, daß es in die Hände einer Vielheit geraten war, notgedrungen mittelmäßig wurde, mochte es uranfänglich noch so vorzüglich gewesen sein. Er liebte die auf dem Gymnasium gelehrten Wissenschaften, aber der Schulbetrieb und seine pedantischen Vertreter schienen ihm lächerlich, nicht minder aber die Mühseligen und Beladenen, die darunter ächzten, weil sie ihn zu ernst nahmen. Darum hatte er nicht die geringste Anlage zum Revolutionär, wohl aber zum Frondeur, der rein individuell seine Rechte wahrt. Dies tat er sehr bald nicht mehr durch zur Schau getragenen kindischen Trotz, sondern durch eine früh in ihm zu Tage tretende eigentümliche Fähigkeit: er »behandelte« Lehrer und Angehörige, mit Ausnahme des Vaters, der bei derartigen Versuchen von Anfang an mit einem verständnisvollen Lächeln geantwortet hatte. So blieb er der einzige, den Erich als voll nahm. Dies alles vollzog sich so leicht und selbstverständlich, daß es eine frühe Menschenverachtung in dem Jüngling zeitigte, die aber, da sie nicht auf Enttäuschungen, sondern auf leichten Siegen beruhte, nicht Menschenhaß wurde. Nur wen er in seine vertraute Sphäre einließ, der entdeckte die Eigenschaften seines Herzens: vor allem neidlose, gern anerkennende Kameradschaft und Großmut gegen Geringere. Auf die meisten aber wirkte er anmaßend, kalt, ja berechnend.

In Bonn folgte er seinen zwei besten Freunden vom Gymnasium ohne eigentliches Widerstreben, aber auch ohne besondere Begeisterung in ein Korps. Dort kam er nun in einen Kreis ausgesprochener Bismarckverehrer, darunter Söhne und Enkel von solchen, die einst Bismarck heftig und oft aus kleinen Motiven bekämpft hatten. Bald merkte er, daß diese Bewunderung blind war, und daß jeder Versuch von Kritik einen sofort in den Verdacht eines hämischen Nörglers brachte. Ja das, was Erich, als einen Sohn alter westlicher Zivilisation, abstieß, und was er Bismarck allenfalls wegen seiner Größe verzeihen konnte, eben das gefiel gerade diesen jungen aristokratischen Anarchisten. In der Debatte mit ihnen gewann indessen sein inneres Wunschbild vom modernen Staatsmann, während er es verteidigen mußte, immer festeren Umriß.

Seine neuen Kommilitonen, in deren Treiben er die beiden Schulfreunde bald trotz ihrer besseren Tradition fröhlich aufgehen sah, waren meist Ostelbier, unter denen der Adel vorherrschte. Oh, sie verfügten über recht gute, wenn auch etwas steife und veraltete Formen, aber sie vermochten sie auch sehr leicht abzulegen, wie man ein Festgewand auszieht, und dann kam, besonders unter alkoholischem Einfluß, eine bisweilen erschütternde Primitivität des Denkens und Fühlens zum Vorschein. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß glaubten sie sich künftig zur Herrschaft im Lande berufen, schienen auch wohl bereit, in späteren Jahren ernste Pflichterfüllung zu üben, aber von einem Verstehen und Erfühlen der lebendigen Kräfte des Landes war nicht nur keine Rede, sie wußten gar nicht, daß es so etwas gibt, und daß gerade dies eine Grundeigenschaft des Führers ist. An Eingehen auf Individualität und Psychologie des vergötterten Bismarck dachte keiner. Er war ein Mythos wie Siegfried und Barbarossa, und sie wußten im einzelnen nicht viel mehr von ihm, als von jenen Gestalten grauer Vorzeit.

Die aus gräflichen Häusern Stammenden waren stolz auf ihr Französisch und glaubten dadurch allein zum diplomatischen Dienst fähig zu sein. Notgedrungen war etwas von der geistigen Verfeinerung auf sie übergegangen, die bei einiger Beherrschung der gallischen Ausdrucksweise unvermeidlich ist, aber ihre französische Kultur blieb eine kleine Insel in ihrem Mikrokosmos und beeinflußte nicht im mindesten ihr deutsches Menschentum. Sie waren durchaus fähig, in das bisweilen rüde Gebahren der anderen mit einzustimmen. Diese schienen ihr hausbackenes, engstirniges Preußentum, das ohne höhere Instruktion keine Verantwortung im Handeln wie im Denken zu übernehmen wagte, überschreien zu wollen durch neudeutsche, rücksichtslose Herrenallüren und ein unerträgliches Besserwissertum. Solche völlig triebhafte Einstellung, die einigen ganz schablonenmäßigen Formen kollektiven Denkens folgte, machte es möglich, daß diese Jünglinge ebenso wie den »greisen Kanzler«, den »jungen Kaiser« verehrten. Ein fachliches Gespräch über das, was zwischen beiden Männern vorgegangen war, blieb dem Untertanenverstand dieser künftigen Führer tabu. Derartige Untersuchungen waren ihrem Geist, der sich stundenlang mit Stammbäumen und heraldischen Fragen unterhalten konnte, worin sie ein bewundernswürdiges Wissen und vor allem Gedächtnis zeigten, schon zu verwickelt. Erich wurde daher von ihnen lachend ein Bücherwurm gescholten, aber, da er kaltblütig blieb und seine Ansichten nicht zwecklos unterstrich, blieb der kameradschaftliche Ton ungestört.

Immerhin wurde er von ihnen als Fremdkörper empfunden. Schon sein Äußeres fiel auf. Zwar hinderte die kräftige, hohe, niederdeutsche Gestalt, daß ihn seine, von der Mutter geerbte brünette Gesichtsfarbe als Südländer erscheinen ließ, dagegen wirkte sein starker, fast schwarzer Haarwuchs befremdend, zumal er, wenn auch ohne Künstlerextravaganz, das Haar etwas länger trug, als diese meist Blonden, die das unentrinnbare Schicksal frühzeitiger Kahlheit vorwegnehmen zu wollen schienen, indem sie den noch vorhandenen, wenngleich dünnen Segen der Schere oder gar dem Rasiermesser opferten. Ferner hob sich von den meist hübschen rosa Knabengesichtern Erichs schon ausgesprochener Kopf ab, der nicht eigentlich jugendlich wirkte. Gegen die damalige Mode rasierte er sich den keimenden Schnurrbart, während die anderen dieses Zeichen der Manneswürde liebreich pflegten. Sie nannten ihn darum oft scherzend einen »ollen Römer«, was er sich nicht ungern gefallen ließ.

Seine Erfahrungen machten ihn recht nachdenklich. Bald erkannte er als die tiefste Ursache der deutschen Uneinheitlichkeit und Uneinigkeit den Umstand, daß die deutschen Landschaften nicht nur an der europäischen, sondern selbst an der deutschen Kultur in sehr ungleichem Maß Teil haben und sich daher in ganz verschiedenem historischem Alter befinden. An seinen Kameraden war die Antike spurlos vorübergegangen, das Mittelalter hatten sie noch nicht verdaut. Wenn sie auch die gleichen Worte wie er gebrauchten, so waren diese Worte von anderen Gefühlstönen getragen, ja war das überhaupt noch dieselbe Sprache? Konnte es ihm doch geschehen, daß er, nachdem er vor ihnen einen Gedankengang etwas eingehender als üblich entwickelt hatte, in Verlegenheit geriet, weil er fühlte, daß den plötzlich Verstummten seine durchdachte Ausdrucksweise fremd war und gesucht oder anmaßend erscheinen mußte.

Mit dem jungen Grafen Egon, der als Sohn eines Diplomaten oft im Ausland geweilt hatte, verstand er sich in dieser Hinsicht recht gut, nur schien ihm, daß dieser die Dinge doch etwas zu leicht und witzig nahm. So hatte er Erichs Betrachtung darüber, daß die anderen noch im Mittelalter lebten, etwas verbogen seiner verwitweten Mutter als ein köstliches »bonmot« nach Hause geschrieben, und die alte Dame äußerte den Wunsch, den geistreichen Freund ihres Sohnes kennen zu lernen. Erich folgte ihm über die Pfingstferien auf dessen Gut jenseits der Elbe.

Die alte Dame mit der weißen Löckchenperücke und den noch sprühenden, schwarzen Augen fand den jungen Rheinländer sehr charmant, verriet aber darüber schon beim Empfang eine solche Überraschung, daß es fast an Beleidigung grenzte. Sie zeigte sich geradezu übereifrig, um es Erich, dem ersten Bürgerlichen, den sie in ihrem Schloß als Gast beherbergte, behaglich zu machen, und als sie ihm beim Tee das Gebäck reichte, sagte sie:

»Bitte tunken Sie nur!«

Erich wehrte lächelnd ab, aber sie drang in ihn:

»Nein, Sie sollen sich zu Hause fühlen bei uns, ich weiß, daß Ihresgleichen gern tunken.«

Graf Egon litt Qualen, aber Erich fand das ihn erlösende Wort:

»Ich hoffe, Gräfin, daß mich Egon in den Sommerferien besucht, und dann kann er Ihnen von unseren Sitten am Rhein Bericht erstatten.«

Die alte Dame war etwas betreten, aber sie fand schnell einen Ausweg.

»Ach ja,« rief sie aus, »vom Rhein, erzählen Sie vom Rhein, ich kenne das Land dort nur wenig.«

Sie nahm übrigens Erich seine Antwort nicht übel, sondern fand ihn exzellent bis zum letzten Tag, ja sie fühlte etwas wie Dankbarkeit, weil er es ihr so leicht gemacht hatte, gleich den rechten Ton zu finden, den sie nun nicht wieder verfehlte.

Auf der Rückfahrt nach der Universität fragte sich Erich indessen, ob es ihm je möglich sein würde, in diesem Land seine Träume zu verwirklichen. Nicht an einer langwierigen Beamtenlaufbabn war ihm gelegen, in der man durch die von ihm subaltern genannten Tugenden des Fleißes, der Geduld und der Beliebtheit zum Ziel kam, sondern noch immer schwebte ihm das Bild des Staatsmannes vor. Zu dessen Verwirklichung war notwendig, daß man ihn oben bemerkte und der vorgeschriebenen Bahn entzog, um ihn an eigentlich politischer Tätigkeit teilnehmen zu lassen. Wie aber sollte er in Preußen anders, als unliebsam auffallen, zumal er als Sohn seines Vaters von vornherein bei der allerhöchsten Stelle auf die größten Vorurteile stoßen würde?

Diese Pfingstreise war die erste große Enttäuschung, die er erlebte, und sie hatte darum jene unverhältnismäßige Wirkung, die erste Blicke in den Hintergrund des Lebens stets auf junge Menschen haben, welche sich bisher vorgestellt hatten, die Welt sei eine Auster, die sie berufen seien, mit einem Schwert zu öffnen. Erich verfiel in tiefe Trübsal und Gleichgültigkeit für Gegenwart und Zukunft.

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