Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
Schließen

Navigation:
XXV

Erich war schon in der Frühe mit einem eigentümlichen Glücksgefühl aufgewacht, wie es seit einiger Zeit nicht selten bei ihm mit den Depressionen wegen der Sinnlosigkeit alles Tuns abwechselte. Weiß Gott, im Augenblick war kein Grund zu Zweifel und Sorge. Die Verhältnisse in Harringen entwickelten sich wie zwangsläufig bis zu dem Punkt, wo er einzugreifen hatte. Er fühlte sich verjüngt, wenn er an die Leere der letzten Jahre dachte. Er wurde wieder von der Woge des Geschehens getragen. Kein Zweifel, er fühlte wieder einen Weg unter den Füßen.

Während er nun Espérance in seine nächsten Pläne einweihte, bezauberte ihn immer mehr das farbige Bild vor ihm. Die Badenden hatten sich um die Delphine geschart und durch Zuhalten der steinernen Mäuler und plötzliches Loslassen des Wassers einen sonnig schillernden Sprühregen hervorgebracht, was den kleinen Tonerl Querini bis zu krähendem Jauchzen belustigte. Das feuerte wiederum die Badenden zu immer lebhafterem Spiel an. Sie panschten und pritschelten im Wasser umher, so daß die ganze Flut ins Wogen geriet und an manchen Stellen über den Rand des Beckens trat. Der Tonerl, der dem allen von draußen zugeschaut hatte, wollte nun durchaus auch ins Wasser, aber seine Mutter hielt es für zu kalt. Da brach Erich plötzlich das Gespräch mit Espérance ab und versprach dem Tonerl, ihn ins Wasser zu tragen, ohne ihn naß zu machen.

»Ohne mich naß zu machen,« plapperte das Kind nach und wartete gespannt.

Holthoff verschwand schnell hinter der Zeltleinwand und kam nach wenigen Minuten wieder im Schwimmanzug hervor. Er hatte eine wohlgebaute, noch jugendliche Gestalt. Schnell stieg er in das sonnige Becken, schüttelte sich einen Augenblick, von der Frische des Gebirgswassers überrascht, und ließ sich den Tonerl von seiner Mama auf die Schultern reichen. Dann sprang er mit ihm in dem Becken umher, näherte sich den Delphinen immer gerade so weit, daß das Kind nicht benetzt wurde, das laut zu seiner vom Ufer her ihm zulachenden Mutter hinüberjubelte.

Holthoff glich einem ganz anderen Wesen, einem wilden, aber gutmütigen Triton, dessen Element das Wasser ist. Da erblickte er plötzlich am gegenüberliegenden Ende des Beckens Melusinen, die in schwarzem Trikot über eine kleine Treppe noch etwas zögernd in die Flut stieg. Zum erstenmal sah er ihre schönen Formen in solcher Freiheit. Ihre Arme und die langen, schlanken Beine glänzten in mattem Elfenbeinton. Einen Augenblick schien er wie gebannt, aber noch mehr durch das, was er in seinem Innern wahrnahm, als durch das, was seine Sinne auffaßten. Er fühlte, daß er eigentlich schon lange dieser Frau herzlich zugetan war, mit der er die ganze Zeit nicht nur in dem üblichen, sondern sogar etwas betonten gesellschaftlichen Abstand verkehrt hatte, obwohl er andern gegenüber ihre ihm so verwandte Entschlossenheit, besonders jenem russischen Bolschewisten gegenüber, und ihren klaren Geist nicht genug bewundern und preisen konnte. Er hatte nie anders, als ernst, mit ihr gesprochen, zumal ihr Wesen an sich wenig zum Scherz herausforderte. Nun erfaßte ihn plötzlich, als sei mit den Kleidern der ganze bisherige Ton wie etwas Künstliches von ihnen abgefallen, eine unwiderstehliche Lust Melusinens Ernst durch eine neckende Lustigkeit herauszufordern, und er rief dem Tonerl zu:

»Komm, wir wollen diese Tante da einmal recht spritzen.«

Der Tonerl schlug vergnügt in die Händchen. Melusine, durch die Berührung des frischen Elementes offenbar selber völlig umgewandelt, kam hell lachend dem Anschlag zuvor und stieg schnell ins Wasser, sich bis an den Hals unter die Oberfläche duckend. Dann reckte sie sich wieder triefend auf, streckte die beiden schimmernden Arme nach dem Kind und rief:

»Geben Sie mir ihn einen Augenblick.«

Erich trug wie ein starker Christophorus das Bübchen durch die Flut zu Melusinen. Während sie ihn nehmen wollte, löste sich plötzlich das schwere, sandfarbige Haar. Schnell rettete sie sich auf eine Stufe des Treppchens. Das Haar umgab sie nun bis zu den Knieen. Erich stieß einen unwillkürlichen Ton des Entzückens aus. Melusine aber stieg aus dem Becken, um sich in dem Damenzelt das Haar wieder aufzustecken. Da trat ihr Prinz Amadeus entgegen, der mit Ferdinand und dem holländischen Ehepaar von einem Spaziergang zurückgekehrt war.

»O bitte Baronin, bleiben Sie so, jetzt sind Sie erst die wirkliche Melusine.«

Lachend sagte sie, dann müsse sie auf das Bad verzichten, und mit einem stolzen Wink auf ihre Mähne fügte die sonst fast zu wenig kokette Frau hinzu:

»Bis das wieder trocken wird ...«

»O ich will nicht Ihre Freude stören,« erwiderte der Prinz übereifrig. Er war ein wenig verlegen wie ein Knabe, der glaubt, etwas zu weit gegangen zu sein. Neben ihm stand wie ein anderer Knabe Ferdinand, keines Wortes fähig.

Während Melusine in dem Zelt verschwand, sprang Erich noch einige Augenblicke mit dem Buben im Wasser herum, reichte das vor Freude quiekende kleine Wesen seiner Mutter zurück, durchfurchte dann mit ein paar starken Armbewegungen schwimmend die Flut und stieg ans Land. In einen Bademantel gehüllt, setzte er sich wieder neben Espérance, die dem Spiel vergnügt zugeschaut hatte.

»So habe ich Sie aber lange nicht gesehen,« flüsterte sie, »so unbefangen lustig, und dazu mit einem Staatsstreich im Kopf.«

»Jeder Augenblick will auf seine Weise gelebt sein,« erwiderte er, »daß man das kann, ist die Frucht des Alternd. Ein junger Mensch lebt ja nie im Augenblick, weil er viel zu viel hofft und infolgedessen auch fürchten muß, es nicht zu erreichen. Aber wir, was soll uns hindern, das Leben in uns abwechselnd brausen und verstummen zu fühlen, die wir nichts mehr um jeden Preis wollen, aber für alles noch bereit und empfänglich sind?«

»O wie wahr ist das,« erwiderte sie und verglich im stillen die unverwüstliche Jugendlichkeit gewisser alternder Männer mit firnen Weinen. Wie viel seltener ist sie bei Frauen, dennoch durfte Espérance von sich sagen: »Glauben Sie mir, daß ich alternde Frau heute glücklicher bin, als in der Jugend?«

»Das ist der Lohn für ein Leben, das sich in jedem Alter ganz erfüllt hat. Das aber haben Sie immer verstanden, Espérance, und Ihrer frühen Weisheit verdanke ich meine späte.« »Mag sein,« sagte sie sinnend, »aber nun müssen Sie mir die Weisheit zurückgeben. Wir Frauen werden und vergehen schnell wie die Natur. Nur das geistige bringt Auferstehung, und das muß uns immer ein Mann bringen.«

Erich blickte sie verblüfft an. So hatte er sie nie sprechen hören.

Inzwischen war Melusine wieder aus dem Zelt hervorgetreten und hatte sich von der Baronin Querini den Tonerl geben lassen, mit dem sie nun im Wasser zum Ergötzen der Zuschauer ein anmutiges Spiel trieb.

»Eigentlich ist sie doch recht hübsch,« flüsterte Espérance Erich zu. »Ich möchte ihr Horoskop sehen, sicher spielt da der Neptun eine Rolle, der Planet des flutenden Chaos, des Rätselhaften, der außerordentlichen Empfindungen, der modernen Musik.«

»Sonderbar,« rief Erich, »gerade steht sie zu Füßen des Neptun.«

Melusine war vor den barocken Meergott getreten und hatte eben den Tonerl auf die heißbesonnte Steinplatte daneben gesetzt. Dann sprang sie selbst ins Wasser, das um sie aufspritzte, und durchschwamm das Becken.

»Übrigens lehnt sie die neue Musik ab,« erwiderte Erich, allen ihren Bewegungen folgend, »sie spielt zu meiner Freude nur Klassisches.«

»So?« sagte Espérance verwundert, »dann steht ihr noch eine Wandlung bevor. Der Neptun braucht lange, bis er sich einem Menschen, den er beeinflußt, verständlich macht.«

In diesem Augenblick gab vom Schlosse her ein Gong das Zeichen zum Ankleiden für das Mittagessen.

Espérance hatte wohl bemerkt, daß Melusine auf Erich heute eine besondere Wirkung ausübte, als sie mit aufgelöstem Haar vor ihm stand, aber das beunruhigte sie nicht. Sie glaubte in der Seele des Freundes, den sie in allen Lebenslagen gesehen, klarer als in der eigenen zu lesen. Dessen fühlte sie sich ganz sicher, daß sie in seinem tätigen Leben nie eine Nachfolgerin gehabt hatte. Da war zwar noch eine Reihe von Frauen, bei denen er Entspannung und Freude gefunden, ja, er war wohl selten ganz ohne solche Quellen der heiteren Erfrischung gewesen – Einzelheiten wußte sie natürlich nicht – aber geliebt hatte er nur sie, und noch heute war sie ihm der teuerste Mensch auf Erden.

Nie hatte es Szenen zwischen ihnen gegeben, wenn auch nicht selten Aussprachen. Hatte er nicht Recht, wenn er sagte, lieben könne man nur einmal, und wer es nie getan habe, sei ein halber Mensch? Wer dies aber nachher immer wieder zu wiederholen versuche, sei ein hoffnungsloser Sentimentaler, der seine schöpferischen Kräfte unfruchtbar verschwende. In der Tat, wäre das nicht kümmerlich, wenn auch der Mann, statt etwas zu schaffen, sein Leben nicht von seinem Liebesleben zu trennen vermöchte? Erich hat gesagt, wer dies fordere, verlange die Rückkehr in die Dumpfheit matriarchaler Zeiten, deren Schilderung in einem Buch ihr einmal verführerisch erschienen war, aber dann kam ihr schnell zum Bewußtsein, daß es doch »interessante Männer« unter solchen Verhältnissen nicht gegeben haben könne.

Alles dies und noch vieles andere hatte die solchem Denken von Haus aus gewiß wenig geneigte Espérance im Lauf einer nun fast ein viertel Jahrhundert währenden Freundschaft mit Erich Holthoff verstehen gelernt. Nicht selten dachte sie darüber nach, wie wohl die Dinge gegangen wären, wenn sie nach jenem Pariser Liebesfrühling ihre Ehe getrennt hätte, um Erichs Frau zu werden. Kaum wäre er der geworden, zu dem ihn seine trotz aller heiteren Unterbrechung herbe Einsamkeit gemacht hatte. Und würde sie selbst mehr von ihm gehabt haben? Als bürgerliche Gattin hätte sie ihn nur gebunden, der Freundin in ihrer eigenen Welt brachte er die Blüten seiner Feierstunden. War es nicht erstaunlich, wie sie immer wieder neu zwischen ihnen aufsproßten? Kannte denn dieser Mann wirklich das Altern nicht? Er war weise geworden, ohne seine Entwicklung für beendet zu halten. Im Grund genommen erschien er ihr heute wieder jung wie vor fünfundzwanzig Jahren, immer noch lag Zukunft vor ihm. Wäre das in der Ehe denkbar gewesen? Gehörte dazu nicht die Zucht des Mönchs, verbunden mit der mannigfaltigen Lebensberührung des genießenden Mannes der Welt?

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.