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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XXI

Manchen Abend saß Pausecker bei Erich Holthoff in seinem behaglichen Herrenzimmer, aber es waren nicht so sehr die Worte, die ihn überzeugten, sondern die hinter ihnen stehende Persönlichkeit, deren Ton man anhörte, mit wieviel Leid und Enttäuschung ihre klaren Erkenntnisse erkauft waren. Vor allem lernte er bei ihm den wahren Staatsmann von dem Parteipolitiker zu unterscheiden, zwei Begriffe, die Pausecker bisher immer verwechselt hatte. Der Staatsmann, meinte Holthoff habe den Sinn des wirklich vorhandenen zu erschauen, zu fragen: »Was ist?« und »Was kann man in absehbarer Zeit daraus machen?« Ideale, diese Speise für suchende Jünglinge, gingen ihn gar nichts an, um so mehr bedürfe er eines unerschütterlichen, dem eigenen Gewissen verantwortlichen ganz persönlichen Ethos. Nicht Demosthenes dürfte sein Vorbild sein, sondern der weitblickende Phokion, der, so wie die Dinge einmal lagen, in Philipp von Mazedonien den Retter des Griechentums erkannte, nicht Brutus, sondern Cäsar, nicht Danton, sondern Napoleon, ehe er größenwahnsinnig wurde. Was den Staatsanwalt heute mehr als alles interessieren müsse, sei nicht die Theorie des Sozialismus, sondern die ungeheure Tatsache eines neuen Standes, des Proletariats, das bis zur Verkennung seiner eigenen Interessen verhetzt sei, und einer herrschenden Klasse, die zwar in ihren guten Vertretern noch über alle Kulturwerte verfüge, aber in unerhörter Verblendung diese von gewissen überkommenen Formen des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft untrennbar wähne, über die innere Verhärtung solcher Auffassung ist kein Wort zu verlieren, wer aber z.B. in dem Eigentum selbst, diesem organischen Erzeugnis jeder Gesellschaft, nur eine Wucherung sähe, der gleiche einem Arzt, der einen Embryo herausschneidet, weil er ihn für ein Myom hält. Die aufstrebenden Kräfte und das alte Erbe, das sei das dem Staatsmann gegebene Material, das es ohne Theorie, aber sinnvoll, zu gestalten gälte.

Als an dem Abend nach Erichs Rücktritt von der Regierung, der nichts anderes als eine Niederlage war, Pausecker den Freund aufsuchte, weil er ihn in trüber Stimmung wähnte, fand er ihn zu seiner Verwunderung am Klavier phantasierend, was er bisweilen, ohne jede Ausbildung, etwas unbeholfen tat; er schien heute innerlich so ruhig wie immer und imstand, äußerlich die Dinge mit überlegenem Humor zu betrachten.

»Wie glücklich müssen Sie doch eigentlich in sich selbst sein,« sagte Pausecker voll Bewunderung, »daß Sie das Ihnen heute geschehene Unrecht so ruhig hinnehmen.«

»Glücklich?« antwortete Erich verwundert. Er verfiel in Sinnen, während der andere ihn gespannt betrachtete. Dann fuhr er fort: »ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, aber Sie haben wohl recht, ich glaube, ich bin manchmal ziemlich glücklich, ja, ja, hier und da schon, und der Grund ist wohl der, daß ich von Anfang an zu sehr Wirklichkeitsmensch war, um etwas so Ungewisses, gänzlich außerhalb unserer Willenssphäre liegendes, wie persönliches Glück, zum Zweck dieses Lebens zu machen. Darum hat es sich als Lebenswirkung bisweilen von selber eingestellt.«

»Darf ich mir, nachdem Sie mir soviel Vertrauen gezeigt, die intime Frage erlauben, was Sie denn eigentlich als den Zweck des Lebens betrachten? Daß es weder die Befriedigung des Ehrgeizes, noch die trockene Erfüllung der Berufspflicht ist, das sehe ich, denn sonst müßten Sie heute einen enttäuschten Abend haben.«

»Nun lieber Freund,« erwiderte Holthoff, sich ihm gegenüber in einen Armsessel setzend und ihm eine Zigarre reichend, »was ich Ihnen sagen kann, sind nur Worte. Im Augenblick, wo man sie ausspricht, sind sie schon tot, aber schließlich impft man ja auch mit toten Bakterien, denn nicht diese heilen, sondern der darauf reagierende Körper. Also wenn Sie wollen, so hören Sie: Ich lebe dem Augenblick, aber nicht aus dem Leichtsinn der Jugend. Ich glaube an einen Sinn der Welt, der sich zwar durch keine Lehre und kein Dogma formulieren läßt, aber Fleisch wird durch unser individuelles Leben. Wir müssen jeden Augenblick bereit sein, bald zum Tun, bald zum Leiden, dann durchquert unsere Lebenslinie in sich siegreich das Werden und Vergehen der Stofflichkeit. So wenig wie unser persönliches Glück, kann irgendein überpersönlicher Wert wie der Staat, ein Gesetz oder Ideal letztes Ziel sein. Ich diene, wenn meine Stunde gekommen ist, ebenso gerne einer sterbenden, wie einer aufsteigenden Epoche, denn ich erfülle den Augenblick, nicht aber um seiner selbst willen, sondern um eines Ewigen willen, das sich nur im Augenblick offenbaren kann, schließlich auch im zeitlichen Sterben meiner Person. Wenn uns ein König nach Hause schickt, wie heute mich, das ist nicht schlimmer, als wenn er uns in die Regierung ruft. Vielleicht ist unseres Weilens eine zeitlang daheim, vielleicht kann uns nur hier ein Ruf von ganz anderer Seite erreichen. Bereitschaft ist alles. Bis heute hatte ich Pflichten gegen den Staat. Ich habe sie mit Einsatz aller meiner Kräfte erfüllt. Heute hat sich mein Schicksal dieses wenig erleuchteten Königs bedient, um mich in den Hintergrund zu schieben. Nun, die Muße schreckt mich nicht. Ich habe keinen persönlichen Ehrgeiz mehr, und ebensowenig bilde ich mir ein, mein Ziel sei das Wohl der Menschheit. Nur wer sich selbst erfüllt, – das ist etwas anderes als Egoismus, – lebt für die Menschheit, aber er muß die Tragik als Grundgesetz des Weltgeschehens anerkennen, nicht das persönliche Glück. Äußerlich geht ja doch einmal alles zum Teufel. Als jungen Menschen schon hat mich daher kein Wort mehr ergriffen, als die Devise Wilhelms von Oranien: ›Point n'est besoin d'espérer pour entreprendre, ni de réussir pour persévérer.‹«Es ist nicht notwendig zu hoffen, um etwas zu unternehmen, noch Erfolg zu haben, um auszuharren.

»Das ist heroisch,« bemerkte Pausecker erschüttert, als Erich schwieg, »das Wort erinnert mich an Luthers ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen‹.«

»Gewiß,« erwiderte Holthoff, ein Lächeln unterdrückend, »das war Luthers größter Augenblick und ein großer Augenblick im Leben der Menschheit, aber nicht kleiner war der Augenblick, als der treffliche Heinrich IV. von Frankreich auch anders konnte, katholisch wurde und sagte: ›Paris vaut bien une messe‹,»Paris ist wohl eine Messe wert.« womit er die Einheit Frankreichs begründete, während Luthers Wort die Einheit Deutschlands endgültig zerriß.«

»Vor solcher Weitherzigkeit schwindelt mir ein wenig,« rief Pausecker fast erschrocken. »Ich hätte eine solche Auffassung bisher machiavellistisch genannt.«

»Wie jeder, der glaubt, eine Sache wie religiöses Bekenntnis oder Vaterland könnte in sich der absolute Wert sein. Der Protestantismus ist eine Gestalt der Menschheit, und Frankreich ist eine. Als diese Formen historisch fällig waren, sind die ihnen entsprechenden Geister wie Luther und Heinrich IV. hervorgetreten. Beide haben im Augenblick mit präziser Richtigkeit gehandelt, und darum sind beide groß. Im Unrecht dagegen sind die engen Philister, die von dem Staatsmann das Gewissen des religiösen Reformators verlangen, und ebenso jene sonst so weitherzigen römischen Kleriker, welche das religiöse Phänomen Luther verkannten.«

»Sie halten also aus politischen, oder sagen wir staatsmännischen Gründen das Opfer der Überzeugung, das Heinrich IV. gebracht hat, für erlaubt?« fragte Pausecker, in der Hoffnung, an dem bewunderten Freund keine moralische Enttäuschung zu erleben.

»Wer sagt Ihnen denn, daß Heinrich IV, das Opfer seiner Überzeugung gebracht hat? Zu wie vielem bekennen wir uns doch eine Zeitlang, bis in den entscheidenden Augenblicken des Lebens uns plötzlich, meist unter dem Zwang des Schicksals, klar wird, was denn eigentlich unsere eigene Sache ist! Dann müssen wir alles uns Unwesentliche fallen lassen und das eine tun, was not ist. Bei Luther war es das protestantische Bekenntnis, bei Heinrich die Schaffung Frankreichs. Als er Paris haben konnte, sah er erst, wie gleichgültig ihm eigentlich die Messe war. Oder nehmen Sie Konstantin den Großen, den alle Christen mit Recht als den verehren, der aus ihrer Sekte die anerkannte Kirche des Abendlandes gemacht hat. Er tat es, weil sein staatsmännischer Scharfsinn erkannte, daß er, auf diese mächtig gewordene Religion gestützt, die ihn innerlich gar nicht berührte, den schwankenden Thron der Cäsaren neu befestigen konnte. Ist das ein Verbrechen? Er war eben kein religiöser, sondern ein politischer Mensch, darum durfte, ja mußte er so handeln.«

»Das hieße aber doch dem persönlichen Ehrgeiz Tor und Tür öffnen,« meinte Pausecker schwankend.

»Die Wallungen des Ehrgeizes, ja der Eitelkeit, wovon keiner frei ist, sind der Dampf, der unsere Person in der Jugend antreibt. Es handelt sich nur darum, ob das, was wir tun, auch wirklich unsere Sache ist, dann fällt, je reifer wir werden, immer mehr Ehrgeiz und Eitelkeit, ebenso wie das private Glücksbegehren, von uns ab. Ein heiliger Franziskus darf natürlich nicht die Religion preisgeben, wohl aber den Staat. Ein Krieger darf sich nicht dem Krieg entziehen, aber ein geistiger Schöpfer darf es. Natürlich ist für den Wert unserer Überzeugungen nicht nur der historische Zeitpunkt entscheidend, sondern auch der geographische Ort. So ist gemessen an abendländischer Philosophie und Religion, deren Sinn vergeistigten Individualismus meint, der Marxismus in seinem materialistischen Kollektivismus minderwertig, aber für noch prähistorische sibirische Horden ist er sicher eine echte Offenbarung, wie für den afrikanischen Wilden der Islam.«

Pausecker wurde sehr nachdenklich.

»Dieser Mensch,« dachte er, »gilt nun für zynisch und gefühlskalt. In Wirklichkeit ist er wie ein Sturmwind allen anderen voraus. Gewiß würde er gerne auch seine Gefühle erschließen, wenn ihn nur jemand einholte.«

Pausecker durfte sich auf dem Heimweg zugeben, daß er vor Holthoffs Forderungen bestehen konnte. Der echte Sozialismus war so gewiß seine Sache, wie die Holthoffs die Wahrung der überlieferten Menschenwerte mit den Mitteln des überparteilichen Staatsmannes. Ihnen beiden wurde dieser Weg durch ihre Herkunft angezeigt. Nun waren sie beide ihren Parteien entfremdet, ihre Freundschaft wurde von der Rechten mit Spott, von der Linken hämisch beurteilt.

Als die Revolution ausbrach, ermutigte Holthoff Pausecker immer wieder, bei seiner Partei auszuharren, da diese nun gerade staatserhaltend wirkte, indem sie einem erheblichen Teil der aufgewühlten Massen Disziplin gab und bereit war, an einem geordneten Staatswesen mitzuarbeiten. So blieb Pausecker weiter auf seinem Posten.

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