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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XIX

An einem Samstag im Mai – die Münchener Räteherrschaft und der norddeutsche Spartakismus waren inzwischen niedergeschlagen worden – erschien Erich Holthoff nach diesmal besonders langer Abwesenheit in Sensburg, wie immer um die nachmittägliche Teestunde. Nach der Jause bat er den Prinzen um eine geschäftliche Unterredung und folgte ihm in sein Wohnzimmer. Die Fenster standen offen, es war ein blaßblauer, etwas föhniger Frühlingstag, man hörte im Zimmer das Murmeln eines Wassers, das unter den Fenstern vorüberfloß.

»Nun,« sagte der Prinz erwartungsvoll, nachdem er Holthoff zum Sitzen an dem mit schweren Kunstmappen beladenen Tisch aufgefordert hatte.

»Nun,« antwortete Holthoff mit freudigem Gesicht, als überbringe er eine höchst erwünschte Nachricht, »es ist soweit, Kgl. Hoheit.«

»Was ist soweit?« fragte der Prinz etwas beklommen.

»Ich war in der Schweiz. Se. Majestät haben sich bereit erklärt, abzudanken zugunsten des Prinzen Xaver und bitten Ew. Kgl. Hoheit, die Regentschaft zu übernehmen, bis ...«

Holthoff zögerte; der wie aus den Wolken gefallene Prinz aber klammerte sich an dieses »bis«, als könne es noch etwas Gutes für ihn bringen.

»Bis ... ?« fragte er erwartungsvoll.

»Nun, die Formel wird heißen: bis zur Großjährigkeit des Thronfolgers, aber die Ärzte sind einig, daß er sie nicht erleben wird, also sagen wir offen: bis zum Tod des Thronfolgers.«

»Und dann?« fragte Amadeus im selben Ton wie vorher.

»Nun, dann geschieht, was ja immer zu erwarten war, die Krone geht an Ew. Kgl. Hoheit als den nächsten Agnaten über.«

»Um Himmels Christi Willen!« rief der Prinz, erhob die Arme und blickte wie ein geschlagener Mann an die Stuckdecke, deren barocke Linien seinen Blick fesselten.

Holthoff schwieg und wartete. Nach einiger Zeit sagte der Prinz mit kaum geöffneten Lippen:

»Haben Sie mir das eingebrockt, Holthoff?«

Nun stand dieser auf und erklärte mit ruhiger Entschlossenheit: »So dürfen Ew. Kgl. Hoheit die Dinge nicht anschauen. In diesem Augenblick machen wir Geschichte, und wenn die, welchen unser Herrgott das Führeramt in die Hand gelegt hat, ihre Rolle einfach absagen, dann geht auch all das Schöne zum Teufel, dem Ew. Kgl. Hoheit Ihr Leben gewidmet haben, die Kultur; der Pöbel kommt zur Herrschaft, und was das Schlimmste ist, im Fall die Herren versagen, hat der Pöbel Recht, wenn er die Dinge so anpackt, wie er sie versteht, in die Schlösser und Paläste dringt und ...«

Holthoff hielt inne, es traf ihn ein tieftrauriger Blick aus den braunen, mandelförmigen Augen des Prinzen.

»Das ist nur zu wahr, was Sie da sagen, lieber Holthoff, der Pöbel hat Recht, wir können nicht mehr. Wenn man die Revolution studieren will, muß man an die Höfe gehen. Ich kenne die Romanoffs und die Habsburger Vettern, da war auch kaum einer darunter, den wir hier in diesem erlesenen kleinen Sensburger Kreis als Menschen ganz ernst nehmen würden. Ich habe mir das Vergnügen gemacht, in intimen Gesprächen mehrere Großfürsten und Erzherzöge zu fragen, was sie eigentlich auf die Theorie von der allgemeinen Gleichheit antworten würden, ob sie überhaupt selbst wüßten, was sich zugunsten bevorrechteter Stände anführen lasse. Nun, ich kann Ihnen sagen, keiner von den Befragten wußte noch etwas von den wirklichen Funktionen eines verantwortlichen Herrn und den besonderen Pflichten einer privilegierten Familie. Die Antworten hatten alle den gleichen Sinn: ›Seien wir froh, daß es noch Vorrechte gibt und daß wir es sind, die sie ausüben.‹ Glauben Sie wirklich, daß unser Herrgott noch länger in die Hände solcher Menschen das Führeramt gelegt hat?«

Erich war von diesem Bekenntnis erschüttert, aber schnell raffte er sich zusammen.

»Eben, weil Ew. Kgl. Hoheit alles das sehen und wissen, vielleicht als der Einzige, sind Sie berufen, eines Tages das Land zu retten.«

Als durchfahre ihn ein Schrecken, fiel der Prinz in seinen Sessel zurück, dann sagte er:

»Der Geist wäre willig, lieber Holthoff, aber ich kann nicht. Ich muß mit Hamlet sagen:

›Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram,
Daß ich zur Welt sie einzurichten kam‹.«

»Nein, Prinz Amadeus, so ist es nicht,« rief Erich Holthoff, dicht vor dem Andern tretend, »das Einrichten überlassen Sie ruhig mir, Sie brauchen nur den Auftrag dazu zu geben. Übrigens handelt es sich zunächst ja nur um die Regentschaft; im Falle Prinz Xaver stirbt, können Sie jederzeit der Krone entsagen und sie dem Prinzen Joseph Viktor übertragen.«

»Dem Buben?« fragte Prinz Amadeus ungläubig.

»Ich kann Ew. Kgl. Hoheit versichern, daß er kein Bub mehr ist.«

»Sie haben ihn in der letzten Zeit gesehen?«

»Er war mit mir zusammen bei Se. Majestät in der Schweiz.«

»Nun, da scheint ja ein vollkommenes Familienkomplott gegen mich in's Werk gesetzt worden zu sein,« meinte der Prinz halb ernst.

»Es handelt sich um nichts anderes, als daß Ew. Kgl. Hoheit als Platzhalter für den Thron auftreten. Se. Majestät sind schwer leidend und können diese Pflicht nicht länger tragen. Wer soll es sonst tun, als Ew. Kgl. Hoheit? Die Reihe kommt an Sie. An der Stelle, wohin uns beide im Augenblick die Geschichte gestellt hat, gibt es nur eines: Kämpfen auf die Gefahr des Unterganges hin, denn weiterleben können wir anstandshalber ohnehin nicht, wenn wir zusehen müssen, wie die Gemeinheit siegt, ohne daß wir das in unserer Hand liegende letzte Mittel gegen sie zum mindesten versucht haben ... Mir scheint, in der jetzigen schweren Lage handelt es sich gar nicht um ein Wählen zwischen zwei Möglichkeiten, sondern um etwas ganz eindeutiges, nicht um einen Entschluß, sondern einfach um eine Pflicht.«

Die letzten Worte hatte Holthoff mit einer bei ihm völlig ungewohnten, ihn selbst fast erschreckenden Schärfe gesprochen.

Der Prinz sprang auf, und alle seine Muskeln spannten sich. Mit einer stolzen Sicherheit sagte er:

»Ew. Exzellenz scheinen mich wenig zu kennen. Was meine Pflicht vor Gott und den Menschen ist, das habe ich stets gewußt, und niemand hat mich darüber zu belehren.«

»Daraufhin habe ich nichts anderes zu tun,« erwiderte Holthoff mit einer tiefen Verbeugung, »als Ew. Kgl. Hoheit zu bitten, mir zu verzeihen, daß ich das Selbstverständliche ausgesprochen habe, und mir nicht Ihre Gnade zu entziehen.«

Da der Prinz schweigend stehen blieb, hielt Holthoff die Audienz für beendet und zog sich zurück. Er sagte sich, daß kein vorbereitetes Argument günstiger hätte wirken können, als die Entgleisung, die ihm eben geschehen war. Jetzt konnte der Prinz nichts anderes, als seine Pflicht tun.

Als Erich in sein Zimmer kam, schloß er Fenster, Vorhänge und den Türriegel und überließ sich, was er gerade an erregenden Tagen niemals versäumte, einer stillen Meditation. Dies nannte er die unentbehrliche Rückversicherung des tätigen Menschen, um die äußeren Dinge stets in der Hand zu behalten, statt sich, selber mittelpunktlos, von ihnen mitreißen zu lassen und in die Irre zu geraten.

War das eben nicht eigentlich eine Komödie gewesen? Pflicht! Dieses Wort hatte magisch auf den Prinzen gewirkt, aber glaubte er denn selber daran? Seinem inneren Ethos hatte doch dieses Wort einer dem Menschen von außen auferlegten Ethik nie etwas bedeutet, und nun gebrauchte er es mit dem Brustton der Überzeugung. Aber, war er denn nicht ein Staatsmann? Freilich, als solcher mußte man mit Schlagworten arbeiten, die den Anderen etwas bedeuten. Wie hohl hatte das geklungen, was er da gesagt, und so hatte er sein ganzes Leben lang geredet!

»Mein Gott,« fragte er sich, »was treibe ich da eigentlich? Tue ich es denn selbst noch oder rollt da einfach was zu Ende, wozu ich oder ein Schicksal vor dreißig Jahren den blinden Anstoß gab? Was liegt mir denn noch an Königen und Völkern? Lebe ich überhaupt noch selbst? Und wenn ich lebe, bin ich denn nicht ein Sklave, der an eine Galeere gefesselt ist, die ihn nichts angeht, und an die er sich obendrein selber geschmiedet hat? Wo bin ich denn? Mir ist, als erwache ich aus einer Jahrzehnte langen Leichenstarre und nun treibe ich irgendwo hin. In die Höhe? Mir will eher scheinen in die Tiefe.«

Jetzt fiel ihm ein, daß ähnliche zersetzende Gedanken schon lange die Schwelle seines Bewußtseins belagerten, daß er sie aber noch nie wie in diesem Augenblick hereingelassen hatte; jetzt aber, wo er dem Prinzen gegenüber den ersten entscheidenden Schritt getan, der ein Zurück ausschloß und nur noch das Vorwärts offen ließ, jetzt brachen diese teuflischen Gedanken herein. Ja, sie waren teuflisch, darum fort mit ihnen!

Erich schloß die Augen. Alles kam nun auf die innere Sammlung an, und er begann mit seinen alten Versenkungsübungen, die er sich zu seinem Gebrauch in der Gewohnheit langer Jahre, von katholischen, schon in der Kindheit erfahrenen Praktiken ausgehend geschaffen hatte. Es gelang ihm auch jetzt, das Denken von den es beschäftigenden Gegenständen zu enthaften, es zum Schweigen zu bringen und in den Schacht des Inneren zu versinken, jenseits von Etwas und Nichts, von Leben und Tod, wo der Mensch die Kraft findet, sobald er wieder in die äußere Wirklichkeit zurückkehrt, seine Aufgabe unbeirrt von Teufeln und Engeln furchtlos als ein höheres Gebot und doch individuell zu erfüllen, schlimmsten Falls hinweg über die eigene Leiche, die vielleicht am Weg liegen bleibt. Als er aber heute in sein Inneres blickte, da sah er in einen schwarzen Abgrund, denselben, dem er in Träumen so oft durch plötzliches Erwachen entflohen war, und ihm schien, als riefe eine verschleierte Frau zu ihm herauf: »Geh vorwärts, stolzer Teufel, Du bist auf dem rechten Weg zu mir!«

Nach einiger Zeit weckten ihn aus diesem Zustand die Glocken des Viehs, das unweit seiner Fenster vorübergetrieben wurde. Das Zimmer lag in Dämmerung, während er sich in die abendliche Wirklichkeit zurücktastete. Erschüttert stand er auf. »Vorwärts«, rief die draußen übernommene Aufgabe. »Vorwärts«, rief die Stimme des Inneren, die ihn nie getäuscht hatte. Also der Weg war nicht zweifelhaft, aber wohin führte er?

»Nun denn, in Gottes oder Teufels Namen vorwärts!« sagte er sich, und in einem noch halb traumartigen Zustand kleidete er sich an.

Bei Tisch zeigte sich der Prinz Erich's Blick etwas befangen. Er konnte sich in Liebenswürdigkeiten gegen Ferdinand und Melusinen nicht genug tun, und vielleicht merkten diese gar nicht, daß er auch nicht ein Mal das Wort an Erich richtete, zumal dieser selbst öfters eine Bemerkung dazwischen warf, natürlich ebenfalls nicht unmittelbar zum Prinzen gewendet.

Nach dem Essen bat im Salon dieser indessen Erich ausdrücklich um Feuer, und als man zur Ruhe ging, sagte er:

»Wollen Ew. Exzellenz morgen nach dem Frühstück zu mir auf's Zimmer kommen.«

Das Gespräch am folgenden Tage war kurz. Der Prinz erklärte sich bereit, im Falle der Abdankung des Königs die Thronansprüche des Hauses Rolfingen im Namen des Prinzen Xaver aufrecht zu erhalten, betonte zugleich aber sehr entschieden, daß er keinesfalls einwilligen werde, diesen Anspruch mit Gewalt durchzusetzen. Falls das Volk, zu besserer Einsicht gelangt, die Dynastie zurückrufe, kenne er seine Pflicht.

Bei Tisch war die Unterhaltung wieder allgemein. Als sich Erich nachmittags verabschiedete, reichte ihm der Prinz gnädigst die Hand und wünschte ihm gute Reise.

Am Abend war zu aller Zufriedenheit das intime Dreieck wieder hergestellt. Ferdinand und Melusine spielten die Kreutzersonate. Cora lag weiß hingestreckt auf dem Flügel.

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