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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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Erstes Kapitel

Ancien régime

I.

Dies ist die Geschichte der beiden Brüder Erich und Ferdinand, der letzten Abkömmlinge der einst am Rhein berühmten Familie Holthoff.

Erst waren die Holthoffs Bauern gewesen, die ihren Stammbaum, wie nur wenige bürgerliche Familien Deutschlands, bis in den dreißigjährigen Krieg zurückführen konnten. Handwerker verschiedener Art, vom Schmied bis zum Schneider, sind unter den Vorfahren beglaubigt. Dann studierten sie und gaben dem Land manchen bekannten Juristen und Theologen. Später verdienten sie Geld, sandten Schiffe übers Meer, dienten Fürsten oder wurden städtische Senatoren. Auch an nichtsnutzigen Subjekten fehlte es nicht. Im 18. Jahrhundert wurde einer gehängt, weil er sich seinen Bedarf an Geld selber herzustellen pflegte; unter Napoleon III. gab es in Paris eine bekannte Tänzerin und berüchtigte Männerfresserin, eine geborene Holthoff. Noch der Bankier Fabian Holthoff, der Vater Erichs und Ferdinands, wurde einmal durch einen dem Spiel ergebenen Bruder, der schließlich durch Selbstmord endete, dicht an den Ruin gebracht, fand aber Hilfe und hat durch seine Zähigkeit die Krise beschworen.

Er war nach den Begriffen der siebziger und achtziger Jahre der Typus eines schönen Mannes mit fächerförmigem, schwarzem Vollbart, gewölbter, in eine blanke Glatze übergehender Stirn und humorvoll blitzenden grauen Augen, die zusammen mit den sinnlich geschwungenen, gern lachenden Lippen die Freude an heiterem Mahl verrieten. Jeden Morgen, im Sommer wie im Winter, zog der anständige Mann eine frische weiße Pikeeweste an.

Diese lebensfrohe, allem öffentlichen Treiben fremde Persönlichkeit geriet nun durch ihr unbefangenes Temperament eines Tages in eine Lage, die ihr über Nacht einen politischen Charakter gab. Es gehörte bekanntlich zu der Politik Wilhelms II., die alten Patriziergeschlechter der westlichen Städte durch Verleihung des Adels fester an den Thron zu knüpfen. Darüber pflegte Fabian Holthoff oft zu lächeln, und bekannt war der Ausspruch des weit herumgekommenen Rheinländers, dessen Auftreten und Lebensführung eines großen Stils nicht ermangelten, der Kaiser glaube wohl, die alten Bürgerfamilien seien weniger vornehm, als der ostelbische Kleinadel, und dem müsse rasch durch die Zufügung der Partikel an den Namen abgeholfen werden. Nach einem guten Mahl mit erlesenen Weinen fand man solche Bemerkungen köstlich, ohne sie allzu ernst zu nehmen; als aber eines Tages Holthoff nach einem ähnlichen Privatgespräch mit dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz das Gefühl hatte, seine wahre Ansicht in dieser Frage sei eben sondiert worden, da dauerte es nicht mehr lange, bis der Kaiser zu seinem hellen Ärger erfuhr, daß die eine und die andere rheinische Familie die geplante Auszeichnung nicht wünsche, da sie damit zugeben würden, sie seien früher weniger, als der preußische Adel gewesen. Obwohl sich der Widerstand in die loyalsten Formen kleidete – man versäumte keine Gelegenheit, zu versichern, daß die Hingabe an Kaiser und Reich auch ohne jene Auszeichnung über allen Zweifel erhaben sei –, war der Monarch unversöhnlich gekränkt, und er wußte wohl, daß der Urheber dieser Stimmung – denn mehr wahr es nicht, von einer »Bewegung« konnte füglich nicht gesprochen werden, – der Bankier Fabian Holthoff war, derselbe, der ihn so oft durch Erzählung rheinischer Witze, sogenannter »Krätzjer«, ergötzt hatte.

Freilich konnte in Fabian Holthoff nichts von der blutgebundenen Anhänglichkeit des preußischen Junkers an das angestammte Fürstenhaus sein, aber er nannte sich aufrichtig einen konstitutionellen Monarchisten, einmal aus vernünftiger Erwägung der verschiedenen Staatsformen, dann aber auch aus persönlicher Sympathie für den edlen Großvater Wilhelms II., mit dem er erst in geschäftlicher, dann in persönlicher Verbindung gestanden war. Die Beziehungen hatte der junge Kaiser gern übernommen, da er ja keine Eigenschaft an einem Mann mehr schätzte, als Munterkeit bei Tisch. Mit diesem zweifellosen Vorzug verband aber leider Fabian Holthoff gerade jene andere Eigenschaft, die dem Kaiser nun einmal in den Tod verhaßt war, nämlich persönliche Selbständigkeit, und so brach er die Beziehung schroff ab. Bei allen staatlichen Geschäften wurde das Bankhaus Holthoff künftig geflissentlich übergangen. Das hinderte freilich Fabian Holthoff nicht, sich weiter seinen Burgunder und seine Havanna wohl munden zu lassen; unangenehm war ihm nur, daß seine rein persönliche Haltung oft mit jenem engen partikularistischen Protestlertum verwechselt und eben darum gepriesen wurde, während seinem freien Kopf und seinem weiten Herzen nichts ferner lag. Diese Ereignisse sollten, wie wir gleich sehen werden, die Laufbahn seines ältesten Sohnes Erich entscheidend beeinflussen.

Obwohl Fabian Holthoff genau das darstellte, was die Allgemeinheit von einem vornehmen Bürger erwartete, so hatte er sich doch sein Leben lang nie nach allgemeinen Maßstäben gerichtet. War aus seinem Wesen schließlich ein gültiger und anerkannter Typus geworden, so sind doch seine Triebfedern immer ganz persönlich gewesen. Vor allem hatte er in ganz unkonventioneller Weise geheiratet. Seine Frau, Consuelo, war, ehe er sich mit ihr vermählte, Erzieherin seiner jüngeren Geschwister und auf nicht gewöhnliche Weise in das Haus Holthoff gekommen. Ihr Vater, ein noch mehr in der Lebensführung, als in seiner Kunst genialer Maler, der als Spätromantiker in der vorigen Jahrhundertmitte geblüht, hatte das Kind aus kurzer Ehe mit einer amerikanischen Pflanzerstochter in den Südstaaten von einem mehrjährigen Aufenthalt in deren Heimat als junger Witwer mit nach Hause gebracht. Später schleppte er das exotische Geschöpf, das von der Mutter einen spanischen, wenn nicht indianischen Bluteinschlag hatte, in halb Europa herum. Sie besuchte Schulen in Paris und Rom, führte dazwischen als halbes Kind den skizzenhaften Haushalt bald in abgelegenen bretonischen Fischerdörfern, bald am Rand der Sahara, wurde unversehens in Brokat- und Schleiergewänder gesteckt oder auch wohl halb entkleidet, um in den verschiedensten Stellungen gemalt zu werden. Schließlich nahmen sich angesehene Gönner des Künstlers in dessen süddeutscher Heimat des bezaubernden Kindes an, erzogen es auf dem Land mit den eigenen Töchtern, die es später auf ein Jahr in ein Sacrécœurkloster begleitete. Bald darauf starb Consuelos Vater, und nun wurde sie auf Grund ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse als Erzieherin im Hause Holthoff untergebracht. Zu diesem Amt eignete sich freilich das gleich einem Eichhörnchen bewegliche, schwärmerische Geschöpf nicht, desto besser aber zur Lebensgefährtin des ältesten Sohnes, dessen mit Geschäften ausgefüllten Tagen ihr ewig zwischen flüchtigen Launen und tiefer Leidenschaftlichkeit wechselndes Temperament einen fantastischen Hintergrund gab. Bis zu seinem in den neunziger Jahren eintretenden Tod blieb sie ihm ein ewig frisches Naturereignis. Kaum aber war er gestorben, da verfiel die noch nicht Fünfundvierzigjährige schnell. Ihre elastische Spannung schien plötzlich aufgehoben. Da war auf einmal eine alternde, fett werdende Frau, die nicht mehr zu bewegen war, die still gewordene Holthoffsche Villa und den einsamen Garten für einen Spaziergang, geschweige denn eine Reise, zu verlassen. Sie lag im Dunkel wie eine alte Katze. Bis zu ihrem Tod besuchten sie von Zeit zu Zeit ihre beiden, nun erwachsenen Söhne Erich und Ferdinand, aber es war fraglich, wie viel die halb Taube noch von dem in sich aufnahm, was man ihr in ihr schwarzes Hörrohr schrie, das weniger wie ein Verbindungsmittel mit der Welt wirkte, als wie ein gegen sie gerichtetes Instrument der Abwehr. Eines Tages ging sie tonlos ein, wie ein Tier des Waldes, dessen Lebenskräfte aufgebraucht sind.

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