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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XVI

Am Morgen nach der Ankunft der beiden unerwarteten Besucher war in Sensburg keine geringe Bewegung. Zunächst erschrak Frau Betty fast zu Tod, als beim Betreten der Küche dort ein pausbäckiges, blondes Mannsbild stand, das sich wusch, indessen war sie schnell beruhigt, als sie in ihm den Feldwebel Toni Wildgruber erkannte, der nach einer schweren Verwundung von Exzellenz Holthoff als Chauffeur für seine häufigen Frontreisen reklamiert worden war, ein zuverlässiger Mensch, Bauernsohn, und von der Gesundheit ausstrahlenden wohlgelaunten Art, bei der sich die Weiber geborgen fühlen. So waren denn auch die zwei Mädchen, besonders Cilli, hocherfreut, zum Kaffee an dem Küchentisch einen männlichen Gast zu haben, der lebhaft zu erzählen verstand, wie es in den letzten Revolutionstagen in Rolfsburg zugegangen war. Auch in Österreich erwartete man ja stündlich die Abdankung des Kaisers.

Inzwischen waren im ersten Stock die Brüder erwacht. Erich fühlte sich so frisch wie lange nicht. Er hatte seit Monaten zum ersten Mal wieder ohne Pulver gut geschlafen. Ihm war als schwimme er wieder im Strom des Lebens, der seit Jahren nur fern an sein einsames Gestade gebrandet hatte. Ferdinand entschloß sich nun dem Bruder mitzuteilen, daß Melusine noch zugegen war. Das begrüßte Erich lebhaft, da es den musikliebenden Prinzen sehr unterhalten würde und auch er selbst gespannt war, die berühmte Künstlerin kennen zu lernen. Nachdem Wildgruber den Dr. Schenk zu der befohlenen Stunde geweckt hatte, überbrachte er Ferdinand dessen Wunsch, nicht im Schlafzimmer zu frühstücken. So erwarteten ihn die Brüder unten im Eßzimmer.

Etwas später trat Cilli bei Melusinen ein, und beim Frisieren erzählte sie ihr höchst aufgeregt, nicht nur daß der Bruder des gnädigen Herrn mit seinem Freund, Herrn Dr. Schenk, spät in der Nacht angekommen sei, sondern daß das Stubenmädl, welches eben das Zimmer dieses Doktors aufräume, sie höchst geheimnisvoll hineingerufen und ihr, so wahr sie da stehe, in dessen Wäsche eine eingestickte Krone gezeigt habe, und zwar keine so gewöhnliche mit Zacken, sondern eine geschlossene; und was das zu bedeuten habe, das wisse sie genau, sie, die Cilli, weil doch ihr Bruder Pepi in der Wiener Hofburg bedienstet gewesen war und dem alten Kaiser täglich das Mittagessen serviert hat, der aber all die feinen Speisen nur angeschaut und immer bloß ein Stückel Rindfleisch genommen, der gute alte Herr. Während dieses Redestromes hatte sich Melusine, im Frisiermantel begraben, unter der Flut ihres sandfarbigen Haares, erstaunt nach der Sprecherin umgedreht:

»Nun«, sagte sie in dem sofortigen Gefühl, daß die Cilli da etwas in Erfahrung gebracht hatte, was sie nichts anging, »der Herr Minister hat doch sicher zu vielen vornehmen Herren Beziehungen.«

Aber Cilli ließ sich nicht von ihrer Fährte abbringen.

»Das is' kein so a g'wöhnlicher vornehmer Herr wie unser Windischgrätz oder der Esterhazy«, sagte sie wohlbewandert, »a solchener hätt' net nötig, sich Dr. Schenk zu nennen. Außerdem is' das a Kron' mit Spangen. Wenn die Frau Baronin mei Meinung hern will: I schmeck Hofluft.«

Als Melusine später zum Frühstück hinunter ging, begegnete sie auf dem Flur Ferdinand in heiterer Angeregtheit, ein Kistchen Importzigarren unter dem Arm, die er gerade in's Speisezimmer tragen wollte.

»Erich ist heute Nacht gekommen, mit einem Freund, Dr. Schenk«, sagte er.

»Dieser Dr. Schenk scheint aus besserer Familie zu sein?« erwiderte Melusine.

Ferdinand machte ein unbeschreiblich törichtes Gesicht.

»Ja, wenn Männer etwas geheim halten wollen,« spottete sie. Sie erzählte ihm indessen alles und meinte, wenn es hier etwas zu verheimlichen gelte, möchte es doch wohl besser sein, die Leute des Personals feierlich in's Vertrauen zu ziehen, wobei, wenn man an ihr Ehrgefühl appelliere, immer noch eher auf ihre Verschwiegenheit zu rechnen sei, als wenn man ihnen überlasse, sich auf eigene Faust Klarheit zu verschaffen, wozu sie sich ja schon auf dem besten Weg befänden.

»Sehr gescheit«, sagte Ferdinand, »das ist eine Aufgabe für Erich.«

»Warum denn immer Erich, können Sie denn das nicht selbst Ihren eigenen Leuten gegenüber tun?« fragte Melusine etwas ärgerlich.

»Wenn er es aber besser macht?«

Sie ergriff plötzlich seine Hand und befahl mit bittendem Ton, doch leicht mit der Sohle den Boden schlagend:

»Tun Sie es, Ferdinand!«

Er schaute sie einen Augenblick beglückt an. Während sie die Treppe hinunter gingen, sagte er ihr, wer der Gast sei, den er bereits über sie und ihr Flüchtlingsschicksal unterrichtet habe, und ehe sie das Eßzimmer betraten, flüsterte er noch eifrig:

»Also ja kein Hofzeromoniell, ich stelle ihn vor, als wäre er irgend ein Herr Dr. Schenk, Sie bleiben sitzen, wenn er aufsteht, und gehen vor ihm durch die Tür.«

Den Prinzen schien das Glück, das ihn gestern zu verlassen drohte, wieder eingeholt zu haben. Ein angenehmeres Exil hatte er sich kaum träum können, als bei einem solchen Geistesverwandten wie Ferdinand obendrein eine so große Künstlerin wie Melusine von Kaden als Gast zu finden. War er auch in der Musik nicht wie in den bildenden Künsten wirklicher Kenner, so doch echter Liebhaber, der Melusinens Anwesenheit richtig zu schätzen wußte. Mit aufrichtigem Enthusiasmus küßte er ihr die Hand, aber in seinem Lob ihrer ihm wohlbekannten Leistungen lag unbewußt ein so ausgesprochener Ton großartigen Gönnertums, daß sich Melusine, wäre sie nicht schon unterrichtet gewesen, höchlich über die Gebärde dieses Dr. Schenk gewundert haben würde. So dürfen nur Meister oder sehr große Herren loben. Melusine, die diesen Ton aus dem Winterpalais in Petersburg kannte, hätte instinktiv fast die verbotene Verbeugung gemacht und »O königliche Hoheit« gehaucht, was den Prinzen gewiß sehr enttäuscht hätte. Er glaubte, man könne nicht mehr, als er in diesem Augenblick, Dr. Schenk sein, obwohl er sich bereits niedergesetzt hatte, während Melusine noch stand, und er ihr im Ton des Hausherrn mit einer runden Armbewegung sagte:

»Aber meine liebe Baronin, nehmen Sie doch Platz.«

Infolge dieser Umstände fand die Vorstellung Erichs nur so nebenbei statt. Außerdem war er mit dem Rücken gegen das Fenster gekehrt, sodaß sie nur den Umriß eines großen schwarzen Kopfes sah, während er sie, die mit dem Gesicht nach dem Licht saß, in Muße betrachten konnte. Die Aufmerksamkeit des Prinzen war völlig von ihr gefesselt. Er reichte ihr Butter, Honig und geröstetes Brot und fragte sie nach Petersburger Angelegenheiten. Als ihren besonderen Gönner dort bezeichnete sie den feinsinnigen musikliebenden Großfürsten Konstantin, und gerade dieser war es, den Prinz Amadeus seinen einzigen richtigen Freund in Rußland nannte. Er erzählte selbst einige muntere Geschichten, so von einem nächtlichen Gelage, wobei der Großfürst Paul Alexandrowitsch um zwei Uhr früh unbedingt noch Geflügel und zwar in schwarzer Sauce essen wollte, worauf der Hausherr, ein Mann von altem Bojarentyp, aus Ermangelung eines anderen Vogels, seinen hundertjährigen Papagei von der Stange genommen und einem Lakeien mit den Worten übergeben habe: In die Pfanne mit ihm! Unter wildem Gelächter sei eine Stunde später das zähe Vieh in einer Sauce Chasseur verspeist worden.

»Das slavische Blut«, rief Melusine.

Der Prinz glaubte die Erklärung eher in dem asiatischen Einschlag zu finden.

Inzwischen hatte Ferdinand dem Bruder halblaut mitgeteilt, was er von Melusinen auf der Treppe erfahren. Erich runzelte die Stirn, aber während ihm Ferdinand Melusinens Vorschlag zuflüsterte, das Personal einfach in's Vertrauen zu ziehen, leuchtete ihm das sehr ein.

Prinz Amadeus war, als er von Erich davon erfuhr, zunächst etwas erschreckt; aber sofort wurde dieses unangenehme Gefühl überwältigt durch ein herzliches Entzücken über den wirklich ganz exzellenten Vorschlag der Baronin, den er ein über das andere Mal geradezu geistreich, psychologisch und weiblich feinfühlig nannte. Erich ergänzte ihn dahin, daß man am besten das Personal herbeirufe und es angesichts Sr. Königl. Hoheit zum Schweigen verpflichte. Das würde sicher nachhaltigen Eindruck auf die Leute machen.

»Ja, tun Sie das, tun Sie das, lieber Holthoff«, sagte der Prinz, sodaß zu Melusinens stillem Groll die Frage gar nicht zur Erörterung kam, daß dies eigentlich Sache des Hausherrn war. Dieser ging indessen hinaus in die Küche und sagte Frau Betty, er wünsche sie und die zwei Mädchen dem angekommenen Gast persönlich vorzustellen. Frau Betty, die natürlich bereits ebenso viel über Dr. Schenk wußte wie Cilli, aber auch nicht mehr, denn aus Wildgruber hatte niemand näheres herausbekommen können, erbebte bis tief in ihr altes Herz. Für ihre treue Dienerseele begann nun die Zeit ihrer höchsten Lebenserfüllung. Sie mußte freilich ihren ganzen Mut zusammenfassen, um die Lage überhaupt auf sich zu nehmen. Zunächst sank sie daher auf einen Küchenstuhl und sagte, sie wisse gar nicht, wie sie sich da zu benehmen habe, aber schon war wie ein Wiesel die naseweise Cilli hereingeeilt, die an der Tür gelauscht hatte, und stellte ihre Kenntnisse der Hofetikette zur Verfügung. Selbstverständlich mußten sich alle erst in Staat werfen, und so wurde die Audienz für eine halbe Stunde später festgesetzt.

Um zehn Uhr betraten die drei Frauenzimmer unter Wildgrubers Führung den Salon und stellten sich mit tiefen Verbeugungen vor Prinz Amadeus auf. Erich Holthoff aber hielt eine kleine Ansprache.

In freundlichem Tone führte er aus, er wisse, daß hier in Sensburg die Dienstboten für den Herren keine Fremden seien, sondern zum Haus gehörten und sein Wohl und Wehe teilten. Darum gebühre es sich, daß Vertrauen mit Vertrauen belohnt werde, besonders in einer so schweren und gefahrvollen Zeit wie der jetzigen, in der keiner, weder der Höchste, noch der Niedrigste wisse, ob er morgen noch ein Dach über dem Kopf hat. Der hohe Gast, Se. Königl. Hoheit, Prinz Amadeus von Harringen, sei gestern seines ererbten Daches beraubt worden. Er mußte vor den Schreckenstaten in seiner Hauptstadt über die Grenze flüchten, und nun habe er in Sensburg ein Obdach gefunden. Erich wisse nun zwar von seinem Bruder, daß sie alle treue Leut' seien, und daß es eigentlich gar nicht nötig wäre, sie zu ermahnen, dem hohen Gast das Leben in der Verbannung so leicht wie möglich zu machen in seinem kleinen Zimmerl – bei diesem rührenden Ausspruch Sr. Exzellenz konnte Cilli das bisher mühsam bekämpfte Schluchzen nicht länger zurückhalten – aber es gäbe noch eine andere Pflicht, die wie eine Kleinigkeit scheine und die doch so unendlich viel schwerer sei, als ordentliche Arbeit, und besonders schwer für junge Mädel, das sei die Verschwiegenheit. Keinem Menschen dürften sie von der Ehr' erzählen, an der alle hier im Zimmer Versammelten teil hätten, einem so hohen Gast zu dienen. Sie sollten nur bedenken, daß ein unvorsichtiges Wort dem geliebten Prinzen das Leben kosten könne. Der Redner malte die Gewissensqualen aus, wenn die, welche so ein Wort ausgesprochen hätte, erleben müsse, daß Seine königliche Hoheit entdeckt, von einer revolutionären Bande überfallen, mitgeschleppt und wie ein gemeiner Verbrecher in's Gefängnis oder um's Leben gebracht würde. Das seien keine Übertreibungen. Wenn's sie interessiere, sollten sie sich vom Wildgruber, der ein belesener Mann sei, einmal erzählen lassen, wie's bei der französischen Revolution hergegangen ist und was jetzt schon alles in Rolfsburg passiere. Also er glaube, die Mädeln hätten ihn nun verstanden, mehr sei nicht nötig unter »anständige Leut'«. Er schloß mit den Worten:

»Jetzt reiche ein Jeder Sr. Kgl. Hoheit die Hand und verspreche Verschwiegenheit bis in's Grab.«

Erich gab Wildgruber einen Wink, der als erster tat, was verlangt war, dann folgte tief bewegt Frau Betty und zum Schluß benetzte die laut weinende Cilli die Hand Sr. Kgl. Hoheit mit Tränen und küßte sie.

» Voulez-vous dire quelque mots, Monseigneur?« flüsterte Erich, aber der Prinz war selbst derart von Rührung überwältigt, daß er nur tonlos erwiderte: » Inutile, inutile, cher ami, après vos belles paroles!« und Erich herzlich die Hand drückte.

Draußen waren sich alle einig, wie schön der Herr Minister gesprochen hatte. Später sagte Ferdinand im Nebenzimmer zu Melusinen, die verstimmt war, weil er sich so leichten Kaufs seines Hausherrnrechts begeben hatte:

»Ich habe ihn schon manche brillante Parlamentsrede halten hören, aber diesen einfachen Ton hätte ich ihm nicht zugetraut. Es hat fabelhaft auf die Leute gewirkt.«

»Einfach nennen Sie das?« antwortete Sie, »mir ist nie etwas Raffinierteres vorgekommen, es könnte einem fast Angst davor werden.«

»Sehr merkwürdig, was Sie da sagen,« erwiderte Ferdinand sinnend.

Der Tag verlief etwas matt, zumal Melusine auf eine Andeutung des Prinzen hin bat, er möge einige Tage mit ihr Geduld haben. Gerade ihm möchte sie das erste Mal nicht in ungünstiger Stimmung vorspielen, heute aber habe sie Kopfschmerzen und fühle sich sehr abgespannt. Nach den Mahlzeiten zog sie sich bald zurück. Auch die Männer waren müde und legten sich früh zu Bett.

Am folgenden Tage verließ Erich Sensburg in der Absicht, sich nun zunächst einmal einen Überblick über die allgemeine Lage zu schaffen, vor allem festzustellen, wie weit die Schichten in Deutschland und Österreich reichten, die weder die unhaltbar gewordene Vergangenheit zurückersehnten, noch sich durch ihre Kritik am Alten zum Bejubeln des Umsturzes hinreißen ließen. Er fuhr zunächst nach Wien. Im Lauf des Revolutionswinters bereiste er dann unter großen Schwierigkeiten das scheinbar in völliger Zersetzung liegende Deutschland, kam jedoch von Zeit zu Zeit immer wieder nach Sensburg, um den Prinzen Amadeus darauf vorzubereiten, gegebenen Falles in der einen oder anderen Form die Rechte der Dynastie zu wahren, denn die Abdankung des Königs schien ihm so unerläßlich, wie die sogenannte soziale Republik mit den Arbeiter- und Soldatenräten nach Sowjetmuster in alten Kulturländern unhaltbar.

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