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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XIII

Das Paar in Sensburg vernahm wohl von den Vorgängen in der Welt, Plünderungen, Aufständen, dem Zusammenbruch der Heere und dem Sturz der Monarchien, aber sie waren gefaßt. Die Welt, die sie sich erbaut hatten, schien von äußeren Dingen nicht abzuhängen.

Eines Nachts wurde Ferdinand durch leichte Steinwürfe an die Scheiben seines Schlafzimmers geweckt. Er griff nach dem Revolver, den er stets auf dem Nachtkästchen liegen hatte, und trat hinter den Vorhang eines Fensters. Draußen stürmte es, ein Wolkenfetzen gab gerade dem Mondlicht Raum. Im Garten standen zwei Männer in Pelzen, unterhalb deren man die Wadenstrümpfe sah, und in Jägerhüten mit Gamsbärten auf dem Kopf. Ferdinand hörte eindringlich, aber halblaut seinen Vornamen rufen. Dann beobachtete er, wie die elektrische Taschenlaterne des größeren der Männer dessen mächtig gefurchtes Gesicht beleuchtete. Er erkannte seinen Bruder Erich, öffnete das Fenster und rief hinunter, er werde sofort das Haustor aufsperren. In seinem chinesischen Schlafrock und Pantoffeln eilte er die Treppe hinab.

Erich trat ein, hinter ihm ein untersetzter Herr in den Fünfzig mit leicht angegrautem, sorgsam gepflegtem Knebelbart.

»Doktor Schenk,« stellte Erich kurz vor und fragte dann gleich, ob Ferdinand sie beide aufnehmen könne. Dieser hatte noch ein zweibettiges Gastzimmer in sofort beziehbarem Zustand bereit.

»Gut,« sagte Erich schnell, »dann schlafe ich irgendwo auf einem Diwan.«

»Aber es sind zwei Betten ...«, wiederholte Ferdinand, doch Erich unterbrach ihn:

»Zuerst gib uns einen Schnaps, wir sind ganz durchfroren.«

Die Herren legten im Vorhaus ab. Unter den Jagdpelzen kamen elegante Sportanzüge zum Vorschein. Dr. Schenk sprach fast kein Wort, aber sein Lächeln und die Harmonie der gerundeten Bewegungen verrieten einen Mann, der nie und nirgends zu stören imstande sein mochte.

Im Salon war es noch ziemlich warm. Als Ferdinand die elektrische Beleuchtung aufgedreht hatte, fuhr Dr. Schenk mit einem leichten Ah zusammen und machte eine Handbewegung, als begrüße er die barocken Holzheiligen und die Buddhas, wie von einer unerwarteten, aber wohlbekannten Gesellschaft angenehm überrascht. Sofort fesselte ihn eine kleine, verborgen in der Ecke hängende persische Miniatur, und er zog ein altmodisches Lorgnon hervor, dessen Griff zwischen den zwei Gläsern angebracht war, beugte sich über das Bild und schien ganz in seinen Anblick vertieft.

»Sind die Herren nicht hungrig?« fragte Ferdinand, »ich könnte die Köchin wecken.«

»Nein, niemand wecken,« erwiderte Erich, »aber vielleicht findest du etwas kaltes in der Küche, ich komme mit dir hinaus.«

Während sie draußen ein paar Teller, Brot, Butter und Geselchtes zusammensuchten, fragte Ferdinand:

»Nun, was gibt es denn?«

»Du hast ihn doch natürlich erkannt?«

»Den Dr. Schenk,« fragte Ferdinand verblüfft, »nein, wer ist es?«

»Prinz Amadeus.«

In Rolfsburg hatten sie heute früh die Republik ausgerufen, der König war noch im Großen Hauptquartier in Spaa, die anderen Prinzen standen bei ihren Regimentern; da war Erich plötzlich eingefallen, daß sich Amadeus in seinem Palais befinden müsse. Er ließ sich melden, und richtig, da fand er ihn in der häuslichen Samtjoppe damit beschäftigt, andächtig ein dunkles Ölbild mit Terpentin zu betupfen.

»Aber Kgl. Hoheit,« sagte Erich, »wissen Sie denn nicht, was vorgeht?«

»Ja, ja,« erwiderte der Prinz gemütlich, nach der Begrüßung unbefangen zu seiner Beschäftigung zurückkehrend, »die guten Leute schreien nach einer Republik.«

Er habe ja immer vorausgesagt, daß es einmal dazu kommen würde bei all dem Unsinn, der dauernd gemacht wird, besonders jetzt im Krieg, aber er kenne doch seine braven Rolfsburger. Wenn der König aus dem Feld zurückkomme – und es wäre wirklich höchste Zeit – werde wieder alles gut.

»Kgl. Hoheit irren,« rief Erich etwas lauter, als die Etikette erlaubt, »Kgl. Hoheit werden heute nacht auf keinen Fall hier im Palais schlafen. Entweder wird die sogenannte »Rote Regierung« Sie verhaften, oder Sie kommen sofort mit mir. Ich sorge für Pässe, mein Auto ist in Ordnung, der Chauffeur zuverlässig. Nehmen Sie alles mit, was Sie an Bargeld, Juwelen und vielleicht an nicht zu umfangreichen Kunstsachen im Augenblick einstecken können, Tabatièren und dergleichen.« Der Prinz sah seinen alten Freund sprachlos an, der terpentingetränkte Wattebausch entfiel seiner Hand.

»Ja, aber wohin denn, lieber Holthoff, wohin?« rief er.

Das wußte Erich selbst vorläufig noch nicht.

»Jedenfalls über die österreichische Grenze,« sagte er, »und an einer Stelle, wo ich die Grenzschutzoffiziere kenne.«

Während er den Prinzen so ratlos zwischen seinen Kunstgegenständen sah, mußte er auf einmal an den Bruder denken. Da fiel ihm ein: Die zwei passen zusammen, und so waren sie denn nun in Sensburg.

»Er ist mir ungemein sympathisch,« erklärte der gastfreundliche Ferdinand eifrig, »ich behalte ihn hier, solange er bleiben will.«

Kaum war er dieser plötzlichen Herzensregung gefolgt, als er an Melusine dachte. Eine schöne Geschichte! Er hatte Erich wohl im Frühjahr einmal von ihrem Besuch geschrieben, aber nicht mitgeteilt, daß sie noch da war.

Erich ging mit einer Flasche Wein und Gläsern in den Salon zurück, wo er Prinz Amadeus in Extase über die Kunstwerke fand. Cora, die weiße Angorakatze, hatte sich bereits, wie an dem ihr gebührenden Platz, auf seinem Schoß ausgebreitet und gestattet, daß er sie streichelte. Erich sagte, daß sein Bruder, dem gegenüber er natürlich das Inkognito gelüftet habe, glücklich sei, ihn solange zu beherbergen, wie er wünsche.

Als Ferdinand mit Tellern und einigem kalten Essen herbeikam, ging ihm der Prinz mit zwei ausgestreckten Händen entgegen, half ihm die Gegenstände niederstellen und dankte fast überschwenglich, um dann sogleich nach der Herkunft einer der barocken Holzfiguren zu fragen, die ihm das von ihm lang gesuchte Gegenstück zu einer ihm gehörigen, in einem Kloster in Steiermark gefundenen zu sein schien. Tatsächlich erinnerte sich Ferdinand der Angabe des früheren Besitzers, die auf dasselbe Kloster hinwies.

»Die beiden Figuren müssen wieder zusammenkommen,« rief der Prinz mit Enthusiasmus, und sofort bot er Ferdinand an, ihm das eigene Stück zu verehren, als sich sein noch immer schönes Gesicht plötzlich verzerrte. Er sank auf einen Sessel, seufzte und wischte sich die Augen mit einem Taschentuch. In diesem Augenblick wurde sich Prinz Amadeus zum erstenmal der Tragweite der jüngsten Ereignisse bewußt: er konnte nicht mehr schenken.

Als sich der Prinz, nunmehr doch sehr niedergeschlagen, in das Fremdenzimmer zurückzog, suchten die Brüder den Chauffeur Wildgruber auf, der das Auto in den Hof gefahren und nun in der Küche saß, wo ihm Ferdinand einen Imbiß vorgesetzt hatte. Er bediente nun den Prinzen beim Auskleiden und legte sich dann auf einer Matratze in einem Nebengelaß nieder. Er hatte Schweigen gelobt; für alle Hausbewohner und Nachbarn sollte der Gast der Kunstgelehrte Dr. Schenk sein.

Schließlich gingen auch die Brüder schlafen. Erich fand ein Lager auf der Ottomane in Ferdinands Zimmer.

Ferdinand war im Innern hoch befriedigt. Er hatte bisher die ihm oft von Erich angebotene Bekanntschaft mit Prinz Amadeus vermieden, keineswegs indessen aus gekränkter Künstlereitelkeit, weil der Prinz, wie er wußte, zu seiner Kunst keine Beziehung fand. Vielmehr fühlte Ferdinand um dieser sonderbaren Kunst willen vor klaren, ausgeglichenen Naturen etwas wie ein böses Gewissen, das erst schwand, wenn er merkte, daß man sie ihm verzieh.

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