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Oscar Adolf Hermann Schmitz: Melusine - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorOscar A. H. Schmitz
titleMelusine
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080130
projectid3d62c82f
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XII

Nach Melusinens Ankunft brach Ferdinand seine geselligen Beziehungen nicht ab. Die Bekannten von den umliegenden Gütern und der nahe gelegenen Statthalterei waren erst aus Neugier gekommen, dann aus Musikliebe und Sympathie für die vom Schicksal so schwer verfolgte Künstlerin. Diese besonderen Umstände ließen darüber hinweg sehen, daß Melusine der Gast eines Hauses war, wo es keine Frau gab. Dazu kam, daß schon in den letzten Kriegsjahren jene allgemeine Entspannung der gesellschaftlichen Anschauungen deutlich zu spüren war, die übertriebene Starrheiten wohl für alle Zeiten unmöglich gemacht hat. Das Paar stand übrigens dem sie täglich umwandelnden anderen Paar, Skanny und Cora, an Takt nicht nach, und während bei diesen niemand etwas von der durch die Natur zwischen Hund und Katze gesetzten Feindschaft bemerkte, hatte jenen gegenüber keiner ein Recht, von etwas anderem zu sprechen, als einem Akt der ritterlichen Hilfe gegenüber einer Unglücklichen, wenn es auch wahrscheinlich mehr war. Zudem erwartete man, jeden Augenblick von der Verlobung des sympathischen Paares zu hören.

Dankbarkeit ließ Melusinen klar erkennen und auch bisweilen aussprechen, daß es wohl auf der ganzen Erde keinen Ort gab, wo sie sich wohler fühlen und besser wieder zu sich selbst kommen könnte, als Sensburg, über dem jetzt ein glühender Hochsommerhimmel die Ernte segnete. Immer wieder verglich sie das mit Märchen und Traum, das ganze süddeutsche Wesen verklärte sich ihr romantisch. Hatten sie nicht neulich in einem Gasthaus Menschen des Volkes in einem Gespräch belauscht, so natürlich sinnreich, daß Melusine tief erstaunt war? Ein Tischler sagte zu einem Musikanten, dessen Arbeit habe keinen Wert, denn sie verpuffe in der Luft, er aber sähe, wenn er müde sei, etwas vor sich stehen, einen Kasten oder einen Sessel, seiner Hände ehrliches Werk. Der Musikant, fern davon, beleidigt zu sein, lachte pfiffig und erwiderte, freilich, vor ihm stünde nichts, aber das Gefühl in ihm, mit dem er in die Welt hinein blase, bei einem Fest oder abends, wenn er allein am offenen Fenster sitze, davon mache sich kein Tischler und kein Schuster einen Begriff. Darauf hörte der Tischler zu rechten auf, blickte nachdenklich in sein Glas, tat einen Schluck und sagte, nein, so etwas gäbe es freilich bei den Tischlern nicht, indessen sei es ihm lieber so, wie es ist.

Ferdinand wußte Melusinen noch manche ähnliche Geschichte zu erzählen, aber dennoch war er viel skeptischer und wiederholte immer wieder, sie sähe die sehr fragwürdigen Hintergründe dieser gemütlichen Welt nicht. Sie wollte seine Einwände nicht gelten lassen, aber er schien es darauf abzusehen, wenn auch stets mit Humor, ihr die Augen über die allgemeine Verschlamptheit und Verantwortungslosigkeit zu öffnen, ja er fürchtete geradezu, daß sie sich in einen Märchentraum einspann, aus dem sie unfehlbar erwachen müsse, und dann würde sie ihn verlassen. Auch über ihn selbst machte sie sich offenbar Illusionen, die er stets mit Selbstironie zu zerstören suchte.

Ferdinands leise Art, die nichts verlangte, seine originelle Unterhaltung, die ihr jeden Augenblick zur Verfügung stand, nicht zuletzt seine besondere Gabe und Neigung, den Wirt zu machen, alles das schien ihr unübertrefflich. Oft fragte sie sich, wie es denn komme, daß dieser vielseitige Mensch, dessen Begabung zu einem tüchtigen Musiker reichte, der als Maler ernst genommen wurde und jeden Beruf hätte ausfüllen können, wo es weniger auf Geschäftstüchtigkeit, als auf Kunstkennerschaft ankam, auch eigentlich nicht faul, sondern stets eifrig beschäftigt war, so wenig aus sich zu machen verstand, und eines Tages – nach mehrwöchentlichem Zusammensein – fragte sie auf einem Nachmittagsspaziergang, warum er denn selber so wenig von sich halte und sich gar nichts zutraue, obwohl doch alles, was er anfange, gut sei. Ferdinand lächelte hinter seiner Hornbrille. Die Frage konnte ihn nicht überraschen, denn er hatte sie sich selber längst beantwortet.

»Wer sagt Ihnen denn,« erwiderte er, »daß ich nichts von mir halte, ich bin im Gegenteil furchtbar eingebildet.«

»Weichen Sie mir nicht aus, Sie sind nicht, was Sie sein könnten.«

Ferdinand begann nun etwas umständlich zu reden, wie seine Art war, gerne wissenschaftliche und abstrakte Ausdrücke entlehnend, und dann wieder sehr treffende, anschauliche Vergleiche und Bilder findend. Zwischen ihm und seinem Bruder sei nun einmal die Erbmasse so verteilt, daß jener hauptsächlich Willens- und Tatkraft, er mehr die ästhetisch-philosophische Duselei abbekommen habe, womit er aber nicht gesagt haben wollte, daß Erich ein Idiot sei, aber alles, was der geistig begreife, setze sich sofort in Wirklichkeit um, während es bei ihm, wie Melusine ja nun schon bemerkt hätte, immer in der Luft hing, gleich den hängenden Gärten der Semiramis, in denen man wohl spazieren gehen könne, aber sonst nichts. Da er sich indessen selber im Leben ganz und gar als Spaziergänger fühle, sei er mit dieser Rolle völlig zufrieden, besonders, wenn er einen lieben Gefährten in seinen Gärten habe, und, während er dicht neben ihr hinschlenderte, drückte er bei diesen Worten verstohlen Melusinens herabhängende Hand.

»Hören Sie einmal,« erwiderte Melusine, »auf Ihren Bruder bin ich recht neugierig. Ich glaube, Sie wissen gar nicht, wie oft Sie ihn nennen und zitieren.«

O ja, das wußte er schon. Seit seiner Kindheit war ihm Erich doch stets als Beispiel gezeigt worden, und zwar mit Recht. Wenn er selbst Buben hätte, würde er ihnen sagen: »nicht wie der Papa müßt ihr werden, der ist ein fehlgeschlagener Versuch, ein launiges Spiel der Natur – lusus naturae – vielleicht eine Fundgrube für Psychologen. Ihr sollt euren Vater zwar lieben und ehren, aber werden müßt ihr wie Onkel Erich. Der weiß nicht nur, was er will, sondern – das ist das größte Wunder – er tut es dann auch.« »Kommt er nicht bald einmal nach Sensburg?«

Früher sei er oft gekommen, aber der Krieg mache ihn jetzt unabkömmlich, er pendle dauernd zwischen der Residenz und dem Großen Hauptquartier hin und her. Das war nun die gerechte Strafe für seine Tüchtigkeit.

»Sagen Sie,« fragte Melusine weiter, »er hat Sie als Kind gewiß furchtbar tyrannisiert?«

O nein, er habe ihn doch immer gegen robustere Buben geschützt, da er viel stärker war.

»Aber hat er nicht auch seine Kraft oft gegen Sie gekehrt?«

»Nein, nein, niemals.«

Aber dann entsann sich Ferdinand plötzlich, daß er ihn doch einmal, sozusagen in vorgeschichtlicher Epoche, von der kein Heldenlied berichtet, recht fürchterlich verwalkt, weil er sich seinen Befehlen irgendwie unbotmäßig gezeigt hatte; damit aber war die Machtfrage für alle Zeiten entschieden, es hat dann nie mehr Streit gegeben. Im übrigen besaß ja auch Ferdinand, der Träumer, als später von Erichs Ministerium zu geistlicher Würde berufener Kardinal, wie wir schon berichtet haben, sein unantastbares Machtbereich. Von diesen Kinderspielen erzählte er nun Melusinen recht anmutig und beredt.

Melusine kam auf den schon herbstlichen Spaziergängen und bei Abendgesprächen zwischen den Heiligen und den Buddhas immer wieder auf das Thema zurück. Sie spürte einen deutlichen Widerspruch gegen jenen selbstherrlichen Bruder in sich aufsteigen, und er wurde wohl gerade dadurch gestärkt, daß ihren Versuchen, dafür tatsächliche Begründungen zu erhalten, Ferdinand mit einer Sicherheit auswich, als sei er der gewandteste Diplomat. Er ließ auf Erich nichts kommen, der ihm, so wie er war, vollkommen richtig erschien, wenn auch als sein eigener Gegenpol. Nicht einmal besondere Eitelkeit wollte er bei ihm gelten lassen. Erich gefalle sich nicht mehr in seiner Art, als Ferdinand in der seinen. Ehrgeiz und Herrschsucht konnten sich bei ihm gar nicht entwickeln, da er ganz von selbst überall, wo es etwas zu tun galt, der Überlegene war. Mochte das, was er jeweils wollte, wirklich das Klügste sein, oder hatte er nur eine besondere glückliche Art, es auszudrücken, jedenfalls, wenn er etwas anordnete, geschah es.

»Wissen Sie,« sagte Ferdinand plötzlich lebhaft, als überrasche ihn sein eigener Einfall, »daß ich niemand kenne, der in dieser Hinsicht so sehr an ihn erinnert wie Sie.«

Melusine wurde über und über rot, was Ferdinand nie für möglich gehalten hätte, ihre graublauen Augen schienen sich zu verdunkeln und plötzlich rief sie in einem ganz ungewohnten, ja unbeherrschten Ton aus:

»Ich weiß, daß ich Ihren Bruder hassen würde.«

Ferdinand, der ihr in einem tiefen Sessel gegenüber saß, lachte laut, goß ihr und sich ein Glas Likör ein und rief belustigt, das wünsche er doch zu erleben.

Den ganzen Abend war er von einer ausgelassenen Fröhlichkeit, von der sie ebenso überrascht war, wie er von ihrer letzten Äußerung. Diese Stimmung gefiel ihr aber sehr wohl. Sie ließ sich von ihm noch mehrmals einschenken, und als er später mit einer ihm sonst fremden Leidenschaftlichkeit eine Mazurka spielte, machte sie ein paar Tanzschritte, dann aber stellte sie sich hinter den Spielenden und legte ihre Hände sanft um seinen Hals, was ihn veranlaßt, das Kinn nieder zu drücken und immer ausgelassener zu spielen. Als er aufstand, schauten sich beide lachend und tief in die Augen. Von nun an bestand zwischen ihnen zugleich eine Gewißheit und eine Scheu, wie es bei Liebesleuten zu Beginn der Fall ist, wenn sie ein gemeinsames Geheimnis haben, von dem sie noch nicht reden, aber eigentlich, fühlten sie beide, waren sie keine Liebesleute.

Bald nach diesem Abend – inzwischen war es Ende September geworden – feierten sie Ferdinands Geburtstag, dessen Datum Frau Betty Melusinen verraten hatte. Sie schenkte ihm ein Stück aus ihrer Miniaturensammlung. Da er den hohen Wert des zartfarbigen Damenkopfes mit Rokokofrisur sehr gut kannte, wollte er das Geschenk nicht annehmen. Sie deutete an, wie viel sie schon von ihm angenommen habe, und, wenn sie ihm nicht einmal etwas schenken dürfe, dann mache er es ihr unmöglich, dies noch länger zu tun. Ferdinand zitterte vor Glück bei diesen Worten. Wie eine Wolke hatte die ganze Zeit der Gedanke an ihre geplante Konzertreise über ihm geschwebt. Nun wußte er, daß sie die Absicht hatte, seine Gastfreundschaft diesen Winter noch zu genießen. Der Sommer kam für Konzerte ohnehin nicht in Betracht. So schien ihm denn der glückliche Zustand noch für ein Jahr gesichert.

Nach dem heute besonders festlichen Souper saßen sie nebeneinander im Salon. Schon lange erlaubte er sich kleine Vertraulichkeiten, die sie wie eine Schwester hinnahm, ja bisweilen erwiderte. So lehnte er sich ein wenig an sie und in der Überzeugung, daß sich ihm nun das Wu-Wei endlich verwirklicht hatte, sagte er:

»Ich glaube, das ist wirklich das Glück.«

Sie habe es nie gesucht, flüsterte sie nachdenklich, aber wenn Glück Wunschlosigkeit bedeute oder vielmehr den Wunsch, es möge alles so bleiben, wie es ist, nicht mehr und nicht weniger werden, dann sei das freilich Glück.

In dieser Nacht verließen gegen Morgen die Schwalben, die im Frühjahr Melusinen in das Haus begleitet hatten, ihr Nest in der Halle, um den Flug nach Süden zu beginnen.

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