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Jakob Wassermann: Melusine - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleMelusine
authorJakob Wassermann
firstpub1896
year1935
publisherQuerido Verlag
addressAmsterdam
titleMelusine
pages3-8
created20050705
sendergerd.bouillon
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VIII.

Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies auf einem Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung des Balkons.

Mely brachte wunderschöne Seifenblasen fertig, während die Kleine nur farblose, winzige Kugeln aus ihrem Röhrchen in die Luft hauchte. »Du kannst ja nix,« spottete Mely und sah entzückt einer majestätisch emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstäubte.

In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie über einer bösen Tat ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam, sie zu vermehren. »Sie sind ein Kind,« sagte er mit etwas gekünstelter Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu können.

Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit den Fingern spielte sie unaufhörlich im Haar des Kindes. »Wann sind Sie zurückgekommen?« fragte sie schüchtern.

Falk blickte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden. Enttäuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn während seiner Abwesenheit ein überaus schönes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun alles zerstört hätte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: »Wie kann man nur in der Kälte da sitzen! Das begreif ich nicht.«

Sie war verletzt, ohne sich über den Grund klar zu sein. Jetzt spielen wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand. »Komm Dele, komm!« rief sie laut und verließ rasch den Balkon.

Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er stützte den Ellbogen auf die verschneite Brüstung und sah mißmutig in die blendende Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lärm vom Garten herauf. Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heißem Bemühn die Schneeballwürfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergnügen daraus machten, das große Fräulein ihre Überlegenheit fühlen zu lassen. Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen. Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.

Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Türspalte Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. »Nun Fräulein –« begann er spöttisch. Ihm war, als müsse er den Spott als Waffe gegen sie benutzen. Immer noch herrschte das Gefühl der Enttäuschung in ihm.

Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie saß, fror sie zugleich. Verstört sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfüllt. Es war, als ob mit der Winterkälte die ganze Kälte ihres Daseins auf sie eindränge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt einer Vase hatte – wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und verjüngte sich nach oben – war ein geschlossener Raum. Durch die Lücken der Fensterläden fielen die schrägen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.

»Sagen Sie mir, was soll das?« flüsterte Falk. »Sie wollen sich betäuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab' ich recht?«

Sie beugte den Kopf tiefer herab. »Denken Sie sich, was dieser Pole gewagt hat,« brach sie aus. »Gestern traf er mich auf der Straße und ging mit mir. Und er klagt mir, daß ihn seine Geliebte verlassen habe. Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin ich, – ich tröstete ihn sogar. Da wurde er plötzlich ganz zudringlich, und schließlich bat er mich, ich möchte ihn in seinem Atelier besuchen. Ich war ganz starr... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen, seine Visitenkarte hin. Was soll ich tun! Ich bin ganz außer mir. Mich darf jeder beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, – ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll.«

Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten, stand sie auf und sagte: »Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm. Ich darf das nicht tun – da sitzen bleiben.«

Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. »Eine Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –«

Sie fiel ihm ins Wort. »Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um meinetwillen dürfen Sie das nicht tun. O wenn Sie wüßten!« Ihre drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.

Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten. »Ist es denn wahr,« begann er nach langem Schweigen, »was die dicke Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –« Er brach ab, denn er bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely wandte sich ihm mit einem Ruck zu. »Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, – was?«

»Ach –!«

»Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!«

»Das kann ich nicht,« entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung seiner Worte sah.

»Ich weiß schon,« erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?

Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebaren vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt tun? Aber dennoch, dieser Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über ihre Hilflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche, von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen möchte.

Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen, damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen. »Lassen Sie mich,« flüsterte das junge Mädchen leidenschaftlich, »ich will nicht.«

»Welch ein Narr bin ich,« stammelte Falk. »Warum mußte ich Ihnen das sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehtun wollte, und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram? Sind Sie bös?«

Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich neben ihr.

Endlich erhob sie den Kopf. »Glauben Sie denn das?« fragte sie mit feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.

»Ach, ich ärgere mich,« sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.

»Worüber? Worüber ärgern Sie sich?« Sie schwieg. Er fragte wieder und wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: »Nicht jetzt; heute abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?«

»Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?«

Sie errötete. »Frau Bender sagte, Sie hätten eine Einladung.«

»Ich komme bald,« erwiderte er, beglückt vor sich hinsehend.

Sie schien jetzt heiter zu sein. Träumerisch blickte sie die Straße hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und hing niedrig. Von den Dächern der Häuser schien man ihn mit der Hand berühren zu können. Es begann zu dämmern. Falk setzte sich ans Klavier und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.

Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenüber lag, war rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem großen Blutfleck bei der zunehmenden Dämmerung.

Falk brach plötzlich sein Spiel ab, stand auf, lachte nervös und ging trällernd um den Tisch herum. Besorgt und befremdet sah ihm Mely zu.

»Das mit der Million ist eigentlich hübsch,« sagte er. »Ein hübscher Traum. Und wissen Sie, was ich mir ausgedacht habe? Aber Sie dürfen nicht lachen. Wir würden uns ein Schloß im Schwarzwald bauen, ganz für uns allein und einen Park dazu und Tannen. Und Pferde und Hunde und Himmel was weiß ich. O, es würde wundervoll. Und an das Parktor würden wir ein Schild nageln: Besuche verbeten. Wollen Sie?«

Mely lächelte etwas unsicher. Ihr war, als mache er sich lustig über sie. Aber ihre Augen glänzten. Nichts ist herrlicher als das, wollte dieser Glanz sagen. Der Blick, mit dem sie den jungen Schwärmer ansah, war voll von einer treuherzigen Bewunderung.

Aber bald schüttelte sie betrübt den Kopf. »Ach, wozu kann es führen,« sagte sie traurig. »Es ist keine Hoffnung, gar keine.«

Frau Bender kam und hinter ihr Helene, die noch spöttischer als sonst dreinsah. Die Hausfrau machte Licht. »Sehn Sie mal her,« sagte sie, eine Faunbüste, die sie mit hereingeschleppt hatte, der Lampe zuwendend, »ist das nicht schön?«

»Das hat mein Vater gemacht,« erklärte Helene, vor Stolz errötend. Sie betete ihren Vater an.

Und nun bewunderte man den Faun, der wohl viel urwüchsiges Können, aber wenig Künstlerschaft verriet. Es war zu viel Detail in dieser läppisch grinsenden Fratze. –

Als Falk am Abend ausging und die Korridortüre schließen wollte, kam ein junges Mädchen die Treppe herauf. »Bitte, ist meine Schwester zu Hause?« fragte sie kokett.

»Wer ist das, Ihre Schwester –?«

»Mein Name ist Mirbeth,« erwiderte die Dame spitz, als ob sie beleidigt sei, daß man sie nicht kenne.

Falk machte ein verblüfftes Gesicht. Er öffnete, ließ jene eintreten, und das ironische Schmunzeln des Fräuleins nicht beachtend, ging er die Treppe hinab. Der Gedanke, daß Mely gelogen haben könne, erschien ihm unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben? Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein... Er dachte nicht viel darüber nach; aber seine feierliche Stimmung war zerstört. –

So gänzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, daß den ganzen Abend hindurch ein Lächeln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren Lippen wich. Sie redete nicht viel, – es war nicht ihre Art, viel zu reden – aber sie befand sich wie in einer Welt der Märchen. Fern, fern von aller Kleinkrämerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr schwer geworden, zu glauben, daß einmal der Tag kommen könnte, wo sie nicht genug zu essen haben würde. Abenteuerlich und romanhaft erschien ihr ein solcher Gedanke. Sie wußte, daß es Arme in dieser großen Stadt gab, daß es Leute gab, an deren Tür der Hunger stand. Aber was waren das für Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das für sie, vor denen sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel empfand. Aber im Grund fühlte sie sich erhaben über die quälenden Kämpfe ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich. Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine Leier berührt worden wäre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen waren. Ihr Gang war lässig, wie willenlos, und sie schien gleichsam gedrückt von einer Fülle innerer Heiterkeit. Sie spähte nicht hinaus in die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der Küchentüre und unterhielt sich mit Frau Bender über verschiedene Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines beglückenden Bildes.

Zum Abendtisch erschienen das Fräulein von Erdmann und die neue Pensionärin: Fräulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie sich erschreckt die Nase zu und lief stöhnend zum Fenster, um es aufzureißen. Fräulein von Mahnke rückte ihre Perücke zurecht, machte eine jugendliche Gebärde des Schmollens und lispelte: »Ach Gott, schließen Sie doch das Fenster, liebstes Fräulein. Wir leben ja nicht am Äquator.«

Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne Strenge: »Die Jugend lebt eben stets am Äquator. Man muß es nur verstehen, jung zu sein.« Plötzlich aber breitete sie die Arme gegen die Winternacht aus und seufzte tief. »Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfüllt sich ganz an mir!«

»Sie sind sehr gelehrt,« bemerkte die Mahnke tiefsinnig.

Fräulein von Erdmann knixte. »Les beaux esprits se rencontrent, Verehrteste.« Sie schloß das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch und ganz nach Katzenart faßte sie Melys Hand und blickte sie innig an. »Wo ist der schwarze Zigeuner?« fragte sie süß. »Der dunkeläugige Don Juan –?« Mely stand schnell auf und verließ unter irgend einem Vorwand das Zimmer für kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgültig. Mögen sie es wissen. Jetzt dürfen sie mich doch nimmer beleidigen.

Das Gefühl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.

Schon um neun Uhr kam Falk. Fräulein von Erdmann nahm ihn ganz in Beschlag. Sie überfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten, ihr mit gleicher Münze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten Künste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzählte ihm die »Tragödie ihres Lebens«, und die Tragik dabei glich freilich sehr den Kriminalromanen mit komplizierter Handlung, die bei uns im Schwange sind. Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur ihr unbeugsamer Stolz habe sie über die Wogen getragen. »Hunderte von Männern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden, aber ich habe verzichtet – hahaha! – und habe doch noch die Fähigkeit zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen!« Hier bekam Mely einen finsteren Blick. Die Damen erröteten wie auf Kommando, und Falk machte ein betrübtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten Fräulein empfahlen, fühlte er sich wie zerschlagen.

Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gemäß auf den Diwan, um zu schlafen. Es wurde plötzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten Halma. Sie saßen sich an der Tischecke einander gegenüber. Das Spiel machte geringe Fortschritte, denn sie führten eine seltsame Unterredung, eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hände beim Führen der Steine und dann lächelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun plötzlich eingetreten war, hatte etwas Erlösendes. Die Winternächte sind ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel höherem Grad den Reiz träumerischen Behagens.

»Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben?« fragte Falk.

Mely nickte errötend. »Später – später,« stammelte sie, glücklich, daß er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend, lehnte sie sich zurück und blickte gespannt ins Lampenlicht.

»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,« sagte Falk geheimnisvoll, mit leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe Verse gemacht. Halten Sie das für möglich? Vorhin, wie ich so durch den Schnee gewatet bin da draußen an der Theresienwiese, da ist mir das eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab' ich mich unter einen Laternenpfahl gestellt und hab's mit dem Bleistift hingekritzelt.«

Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedächtnis: das junge Mädchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht, wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzückens über das Blatt beugt. Falk rückte noch näher heran und sie lasen zusammen.

Dir will ich geben mein erstes Lied,
Dir will ich mein Sterbelied weihn.
Und es soll ein Werbelied sein
Für Alle, die es zur Sonne zieht.

Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
Mich bitter des Lebens Not verdrießt.
Doch bis meine Lippen der Tod verschließt, –
So lange bin ich dir untertan.

Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran lesen. All das Glück ihrer Träume war im Nu auf sie gestürzt und drohte sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels und da fühlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam streckte sie die Finger und schloß die Augen. Sie blieb äußerlich ruhig und regungslos; doch ihr war, als drücke sie seine Hand weit hinab, wo ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, – in einen Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier gespielt, als es gedämmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hören. Das Herz war ihr so schwer wie ein Stück Blei. Wie ist es möglich? dachte sie sich. Wie kam das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglücklich machen, es ist ein Unglück, ein großes. Länger als eine Viertelstunde saßen sie mit aufeinandergepreßten Händen. Oft zuckten sie zusammen, wie unter schwachen, elektrischen Schlägen. –

»Wollen wir noch Tee kochen?« fragte Helene, von ihrer Arbeit aufsehend. Ihr Gesicht glühte in Begeisterung für diese Phantasie-Landschaft, – eine echte Dilettantin.

»Ja, Helene!« rief Mely freudig. »Lassen Sie mich nur alles holen!«

»Und ich will Ihnen leuchten,« sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen an.

Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und Helene steckte den Kopf in die Türspalte. Zitternd stand das junge Mädchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk lächelte heldenmütig. »Ach, Sie fürchten sich vor Katzen?« fragte er, während die kleine Bender ihr Köpfchen kichernd zurückzog.

»Nein; fürchten nicht. Aber sie ist vom Schrank gesprungen und hat meine Hand gestreift. Und wenn ich eine Katze berühre, das macht mich ganz krank.«

»Da werden Sie nie einen Mann bekommen.«

»Das mag wohl sein,« gab Mely nachdenklich zurück. Und sie sah ihn wieder mit diesem fremden und zugleich vertrauensvollen, hingebenden Blick an. Es lag dabei wie ein Geheimnis in ihren Augen, den verschleierten.

Sie kniete am Küchenschrank nieder, um die Tassen herauszunehmen. Sie tat es langsam, in großen Pausen. Von der Kammer nebenan hörten sie das schlafende Dienstmädchen schnarchen.

»Aber jetzt müssen Sie es sagen. Worüber haben Sie sich geärgert?« Falk beugte sich ganz zu ihr nieder.

»Es ist dumm, es ist wirklich dumm,« erwiderte Mely. »Nein, nein,« beharrte sie bei seinem Drängen, »es ist zu dumm.« Er hörte auf, sie zu bestürmen und darüber war sie unzufrieden, so daß sie es jetzt aus freien Stücken bekannte. Sie senkte den Kopf noch tiefer und flüsterte: »Ich habe mich geärgert, weil Sie mich weinen gesehen haben.«

Er sagte nichts darauf, aber für einige Sekunden schloß er die Augen. Seltsam, selbst mit geschlossenen Augen sah er sie vor sich knien. Es drängte ihn, ihren Hals zu umfassen, um sie zu küssen, aber nur auf das Haar. Warum kniet sie so lange? grübelte er. O, sie ist ein Rätsel für mich.

Noch über eine Stunde blieben sie im Zimmer bei einander sitzen und Falk erzählte den beiden Mädchen lächelnd die Geschichte vom großen Klaus und vom kleinen Klaus. Es war schon Mitternacht, als sie zu Bett gingen. Helene war so schläfrig geworden, daß sie die beiden nicht einmal hinausbegleitete.

Vor Melys Schlafzimmertüre blieben sie stehen. Ohne zu sprechen blickten sie sich fassungslos an. Dann ergriff Falk Melys Hand und zog sie an seine Lippen. Sie wehrte sich ungestüm. »Nicht – bitte, bitte, – nicht das!« –

Es war ein aufrichtiger Laut des Jammers. Er aber küßte die Hand.

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