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Jakob Wassermann: Melusine - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleMelusine
authorJakob Wassermann
firstpub1896
year1935
publisherQuerido Verlag
addressAmsterdam
titleMelusine
pages3-8
created20050705
sendergerd.bouillon
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XI.

Als Mely zurückkam vom Oberst – das war gegen zehn Uhr – fiel Falk zunächst die große Blässe ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so unstät, so unsicher flackernd, so verdüstert, wie er es noch nicht an ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das bloß und war es in Wahrheit gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die übertrieben liebenswürdige Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das tut sie aus Furcht. Sie fürchtet offenbar die böse Zunge dieser Frau und will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte ihn, daß er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten Umstand nicht übersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er nur auf sie. Immerfort hörte er, was sie sprach, und er fühlte es schmerzlich, daß sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte unbekümmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefühl, als hätte sie Wein getrunken, um sich zu betäuben. Er witterte etwas Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieser Heuchelei. Oft blickte sie nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schloß dann jedesmal für zwei, drei Sekunden die Augen.

»Was haben Sie denn heute Schönes erlebt, Mely?« fragte Helene, indem sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe sie den Interessen dieser jungen Dame völlig fern.

»Ja, Sie sind so übermütig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,« setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtigster Freude ging über ihre seltsam verschwommenen Züge.

»Bin ich auch!« antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog die Schultern in die Höhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk. Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schloß sie die Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, gähnte sie.

»Sie haben Schlaf, gnädiges Fräulein,« sagte der Mann der Frau Lottelott – er war in der Tat sonst nichts – »Sie sehen auch schlecht aus. Ich habe eine vorzügliche Idee für Sie. Wie wäre es, wenn sie Kephirmilch trinken würden?« Herr Lottelott hatte zwei Schwächen; die eine, daß er das Familienoberhaupt, die andre, daß er den Arzt spielen wollte.

Seine Frau verhöhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu blamieren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mädchen in ihn verliebt.

Mely lächelte dankbar. »Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?« fragte sie so traurig, daß Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verständnislos, und er machte eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte. Ohnmächtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es stürmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm verborgenen Macht. Er hatte das süße Bewußtsein, daß er Mely teuer sei, gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohltuend für ihn gewesen war. Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib Besitz genommen hatte von seinem ganzen Körper, von seiner ganzen Seele. Nichts Anderes hatte Raum daneben.

Er bekam Kopfschmerz und verließ das Zimmer. Das fortwährende Gelächter der Frau Lottelott tat ihm weher als Keulenschläge. Es war kein Lachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem epileptischen Krampf.

Er ging durch die Küche auf den Balkon und blickte in die besternte Winternacht. Auf der Theresienstraße rollten Pferdebahnwagen.

Er hörte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely war es, die in der finsteren Küche stand und zu ihm hinblickte. Er sah nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. – ›Warum bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten und mußte dir folgen.‹ – ›Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich gestört. Dich lieb ich, dich lieb ich.‹ – ›Ich weiß, daß du mich liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich; aber sagen kann ich es nicht.‹

So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes Zwiegespräch in der Finsternis.

»Ich finde kein Licht,« sagte endlich Mely leise und mühsam, als müsse dies Hinträumen nun beendet werden. »Ich möchte ein Glas, um Wasser zu trinken.«

»Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben,« versetzte Falk ebenfalls leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig. Er zündete Licht an in seinem Zimmer und schloß dann die Türe. Sie ließ es geschehen.

»Wann kommst du wieder, wann werden wir wieder allein sein?« stammelte Falk, wie trunken von diesem Du.

»Nie mehr!« erwiderte sie heftig.

Bestürzt und unwillig trat er zurück.

»Ach, es ist ja nicht möglich!« stieß sie jammernd und leidenschaftlich hervor.

»Wenn du nicht kommst – – dann –!« Er stand an der Tür und breitete die Arme aus, wie um zu verhüten, daß sie ging. In der Rechten hielt er das Licht. Wie groß sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.

»Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwürfe gemacht, daß ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!«

Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: »Bitte, lassen Sie mich hinaus jetzt.«

Falk ließ die Arme sinken und öffnete die Türe. Finster blickte er zu Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte. Ihr Körper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glühten wie Kohlen. Sie saß taub unter den Gesprächen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie suchte einen Beschluß zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die Unfähigkeit dazu verursachte ihr große Qual. Ich muß mit ihm reden, das ist klar, dachte sie. Alles muß ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.

Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken, und er wollte heim, schalt sie eine Säuferin, und sie schalt ihn Esel. »Ich weiß, wie du heimgehst,« sagte sie wütend. »Unterwegs nimmst du alle Wirtshäuser mit, die an der Straße liegen. Sumpf und Stumpfsinn ist dein Vergnügen.« Lottelott lächelte Frau Bender entschuldigend an und hörte nicht auf, sich mit beschäftigter Miene den Kopf zu kratzen.

Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der Küche mitzunehmen. Falk fühlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und folgte stillschweigend. Draußen ließ ihn Helene hochmütig an. »Nun, – Sie bemühen sich gar zu mir herab – o!« Baß erstaunt tuend, hob sie die Hände. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wußte ihr nicht zu antworten. Für ihn war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wußte er sich ihr gegenüber zu benehmen.

Sie hatten schon die Korridortüre geöffnet, als Mely nachkam. »Ich will mitgehen,« sagte sie mit müder Stimme. »Es ist mir zu heiß im Zimmer.« Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber bald stand Mely still und drückte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.

Nur mechanisch hatte Falk Halt gemacht. Er blickte Mely nicht an, sondern sah die Stufen hinab ins Dunkle. Da haschte Mely nach seiner Hand und flüsterte beklommen: »Herr Falk, – sei'n Sie nimmer böse! Ich will kommen. Ich will heute nacht kommen, wenn alles schläft. Auf einen Augenblick.« Dann ging sie weiter.

Falk glaubte sie nicht recht verstanden zu haben. Wie ein Träumender kam er im Hausflur an. Ihre Worte hatten einen dumpfen Schrecken in ihm erregt. Das erste, was er dachte, war: sollte ich mich in ihr getäuscht haben? Doch dieser Gedanke verlor sich gleichsam in die Finsternis. Er fühlte etwas in sich zerfließen, etwas Kaltes und Drückendes, das ihm sein Leben schwer gemacht hatte und nüchtern. Wäre er jetzt gezwungen worden, zu reden, er hätte nur zu lallen vermocht. Verwunderung und Scheu und ein beglücktes Nachsinnen erfüllten ihn. Und dann die Furcht, daß sie sich in seiner Achtung geschadet haben könne, oder daß sie ahnungslos wie ein Kind sich einer großen Gefahr hingab.

Helene hatte schon das Tor aufgesperrt, und hüpfte nun über die Straße. Mely stand unterm Tor, und jetzt sah sie Falk an mit einem vollen, funkelnden und fast triumphierenden Blick. Schüchtern begegnete er ihren Augen. Er gewahrte, daß sie zusammenschauerte im Frost, und legte seinen Mantel um ihren Körper. Sie ließ es geschehen, doch sagte sie: »Innerlich ist mir heiß. Eigentlich friert mich gar nicht.« Ihr Gesicht war sehr bleich. Doch dies Triumphierende und zugleich Verträumte wich nicht von ihren Zügen. Bisweilen huschte ein fast wahnsinniges Lächeln um ihre Lippen. »Ich bin nicht so ruhig, als es scheint,« sagte sie ein wenig bekümmert und seufzte. Falk nickte. »Ich kenne ein Gedicht von Stauffer-Bern,« erwiderte er. »Der Mann hat es im Irrsinn geschrieben. Die erste Strophe heißt: Hinter des Kerkers Gitter singt traurig ein Vögelein: O Lieb, wie bist du bitter, o Schatz, wie bist du fein.«

Sie sahen sich an, und Beider Lippen bewegten sich, gleichsam Worte des Glücks suchend. Jetzt kam Helene zurück.

Erst um halb zwölf Uhr gingen die Lottelotts nach Hause. In seinem Zimmer warf sich Falk in den Fauteuil und regte sich nicht mehr. Bald war alles still im Hause. Die nachgelegten Kohlen prasselten im Ofen. Ich könnte jetzt ein bißchen lesen, dachte Falk, doch er war unfähig, sich zu erheben. Und er sinnierte: Was hat es auch für einen Zweck, wenn ich jetzt lese? Was kann mich noch interessieren von den Dingen der Welt? Ihm war wie einem Menschen, der am Vorabend einer großen Reise steht, ohne daß er weiß, wohin das Schiff steuern wird. Er dürstete danach, den schwarzen Schleier der Zukunft zu lüften, nur für eine Stunde. Was wird in einer Stunde sein? fragte er sich, und er vermochte sich durchaus nicht vorzustellen, welche Ideen, welche Empfindungen ihn nach Ablauf dieser Zeit beherrschen würden. Wenn nun die Türe aufging und sie kam herein, mußte da nicht ein neues Zeitalter beginnen –? So dachte er, solche Wichtigkeit besaß dieser Vorgang in seinen Augen. Geheimnisvoll und zugleich schmerzlich war dies. Er glaubte, sein Herz sei versengt. Wer ist sie? grübelte er. Warum hat sie das gesagt? Und sein Argwohn erfüllte ihn mit Zagen und Beklommenheit.

Draußen wurde eine Türe geöffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je länger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte, gequält von diesem inneren Brand.

Da klirrte die Türklinke. Die Türe wurde gar vorsichtig geöffnet, und Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schloß sie die Türe wieder, wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war die ganze Zeit hindurch im Finstern gesessen, dachte Falk, und diese Vorstellung erfüllte ihn mit Zärtlichkeit und mit Sorge für sie. All seine trüben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen ihn. Er wußte nichts zu sagen, als: »Du bist gekommen –« Und er wollte auf sie zugehen.

Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und rief flehend aus: »Herr Falk, Sie dürfen nicht du zu mir sagen.« Rasch eilte sie dem Fauteuil zu und ließ sich darin nieder. Sie drückte die Hände vor das Gesicht und begann zu weinen, – unaufhaltsam.

Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang seinen Arm um ihren Hals, und er preßte ihren Kopf fest und heftig an seine Brust. Vor tiefer Erschütterung konnte er nicht sprechen, und er ließ sie weinen und fragte nicht warum. Sie löste die Hände von ihren Wangen und preßte das Antlitz ganz und gar an seinen Körper, und der Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn völlig verstört, ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so schön. Er beugte sich nieder, – tief, so daß seine Lippen bald die ihren berühren konnten, und nun drückte er seinen Mund auf ihren Mund. Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so heiß wie der Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genuß der Näherung bis zur Neige kostend, geschah dies Aufeinanderdrücken. Und wie angeschmiedet hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preßten sich eines dem andern entgegen, und sie wollten die dünne Decke des Körpers zerbrechen in freudiger, glücklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das große Vergessen war gekommen für beide, die lange und einzige Stunde, die den Entgelt bietet für die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen küßten sie diesen langen Kuß, und Falk saugte die bitteren Tränen ein, die von ihren Lidern niederflossen.

Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wüßte. Was kann der Grund sein? Ist es ein Schuldbewußtsein in ihr? Oder ist es nur, weil jetzt ein liebloses Dasein aufhört für sie? Nein, nein, sie fühlt sich schuldig, das allein ist es! Könnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber sie ist ein Rätsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heißt sie Melusine.

Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum küßte er sie auf die Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider, auf die Wangen, küßte ihre Tränen fort und dann wieder auf die Lippen, daß sie sich öffneten wie Kelche und er die Zähne küßte. Als ob sie sich hätte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bäumte sich bisweilen auf, bevor sie sich seinen Küssen ganz hingab. Dann umarmte sie ihn, und aufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich fest an ihn. »Warum weinst du?« fragte Falk fassungslos. Aber sie schwieg. »Warum weinst du? Warum weinst du?« drängte er. Sie schüttelte den Kopf und preßte sich wie schutzsuchend an ihn. »Ist es meinetwegen?« fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. »Deinetwegen? Ist es wegen des Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch!« – »Ach, ich weiß es ja nicht,« flüsterte sie schmerzlich. – »Liebst du mich denn? Liebst du mich? Sag Schatz, küßt dich der Oberst auch?« – Sie nickte, und als er sich abwandte, legte sie schüchtern den Arm um seinen Hals und sagte hastig, ihn zu sich herziehend: »Aber nicht so wie wir.« Und sie lächelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfüllt, was sie zusammengeträumt, all das Glück und die bittere Schönheit dieser heimlichen Liebe.

»Küsse mich,« bat Falk, aber sie schüttelte den Kopf, halb neckend, halb betrübt. Er schloß sie so fest in die Arme, daß sie seufzte, und über eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe: wunderbar und überaus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt, nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzuführen.

Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mißtrauen in Falk. Er schaute finster in die abnehmende Kohlenglut; dann erhob er sich und schraubte die Lampe etwas niederer. Ist es denn möglich, daß sie ahnungslos in aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und er stand in tödlicher Furcht vor einer Tatsache, die viele Andre ausgenützt hätten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu ihr und küßte sie bedachtsam und zärtlich. Dann nahm er ihre beiden Hände und blickte sie unverwandt an. Er studierte die Linien ihres Gesichts in diesem bläulichen Dämmerlichte, und er fand Manches daran auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflügeln aus abwärts? grübelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber sie sind da. Und diese Züge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren Einzelheiten eine Minute lang förmlich verhaßt. So wird es sein, so lange die Welt steht: Haß und Liebe werden nebeneinander einhergehen, eng verschwistert.

Er ließ sich auf die Knie nieder und spielte ein wenig Komödie. »Immer wirst du bei mir bleiben, ich laß dich gar nimmer fort.« Und er zog ihren Kopf herab, wo es völlig Nacht war. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklärend und forschend. Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttäuschung erfüllten sie plötzlich, und sie vermochte kaum zu reden. »Nein, ach nein,« preßte sie hervor, außer sich vor Jammer. »Nicht das, – niemals, wenn du mich nicht töten willst.«

Schuldbewußt legte er den Kopf in ihren Schoß. Und Melys Finger krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. »Sag, hat der Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was – verstehst du mich denn nicht?« Mühsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht dabei. »Nur das Eine sag: hat er es gewollt?« drängte er und umklammerte ihre Hand.

»Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.«

Warum habe ich ›das ist wahr‹ gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt und beschwörend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drückte den Kopf tiefer in ihren Schoß. »Schatz, süßer, süßer Schatz,« stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann löste er ihre Frisur, indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und streifte das lange dunkle Haar über seinen Kopf. Drohend und immer drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schüren. Rätselhaft war sie ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit jeder Minute. »Wie still ist die Nacht,« flüsterte er. »Wirst du je diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich je vergessen? Wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du liebst? Ach, wer hätte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, – o, warum wendest du dich denn ab? Fürchtest du dich vor mir?«

»Ja –« hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging durch ihren ganzen Körper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Güte darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade, das Märchenhafte beseligte sie, und seine Güte zog sie zu ihm hin. Noch immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn ansah, und seine wilden Küsse durchdrangen sie bis ins Mark.

»Was hast du für herrliche Augen,« begann er nun wieder, und lehnte seine Wange an die ihre. »Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider aufschlägst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz kleines Kind, – o, das ist herrlich!«

Wenn Jemand, durchnäßt vom Regen, heimkommt und in wärmende Kleider geschlüpft, lächelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so empfindet er ungefähr das wohltuende Behagen, das Mely bei diesen fast wehmütig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fühlte sich klein und förmlich bußbereit; sie mußte die Augen schließen, und in den Minuten, in denen er nicht sprach, suchte sie sich schöner, verheißungsvoller Träume zu entsinnen, um das Märchengleiche dieser Minuten nicht zu verletzen.

»Sieh, jetzt wird das Licht aus sein,« fuhr er fort, indem er immer sprach, wie eingeschüchtert durch die größere Dunkelheit. »Sag, wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Ich will nicht schwören,« – seine Stimme zitterte – »aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube, das bedeutet mehr, wie schwören: nie, nie will ich aufhören, dich zu lieben.« Er hatte ihr das Gewand aufgeknöpft, und hatte seine Hand wirklich auf ihre bloße Brust gelegt, in der das Herz hämmerte, wie gejagt.

Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flämmchen, das noch übrig war. Dann füllten ihre Augen sich mit Tränen, und sie konnte sich nicht enthalten, zu schluchzen. »Was hast du, Schatz?« flüsterte er, sie stürmisch umfassend. »Bitte, sag doch bloß, was hast du? Antworte, du bringst mich ja zur Verzweiflung.«

Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst, wie seltsam das alles war, wie die dunkle, späte Stunde und das enge Beieinandersein die Gefühle krankhaft verfeinerte und übertrieb. Wie hätte sie ihm sagen können, daß schon der Gedanke an ein Aufhören seiner Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfüllte... Vieles hätte sie ihm noch mitteilen mögen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wußte, wie kindisch und blöde diese Scheu war. Sie erwiderte schüchtern seine Küsse, als bäte sie ihn dafür um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und drückende Bewußtsein, daß in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine, gegenwärtige, war ein mädchenhaftes, liebevolles Geschöpf, rein und gut und frevellos. Aber das andere war ein gefährliches, wetterwendisches und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfaßbar. Ganz plötzlich, wie durch Ahnung, wurde er sich dessen bewußt. Aber er küßte sie, und je mehr er sie küßte, desto unersättlicher wurde er. Traumhaft und voll von unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden für ihn. Sie standen beide vor der Schwelle jenes schwülen, finsteren Glücks, das zur Auflösung jedes persönlichen Bewußtseins führt. Und sie haschten nach dem Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.

Da schlug es fünf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.

Er begleitete Mely bis zur Tür ihres Schlafgemachs. Unter der Türe umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu müssen, und dann kehrte Falk auf den Fußspitzen in sein Zimmer zurück.

Er schraubte die Lampe wieder hoch, und saß noch lange wachend im Lehnstuhl. Ein träumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunächst war er verwundert, daß alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte, in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens, ohne daß sie deshalb aufgehört hatte, ein Wunder, ein Rätsel für ihn zu sein. Auch war sie noch gegenwärtig; der Duft ihrer Haare war noch im Zimmer. Noch empfand er die Wärme ihres Körpers, noch spürte er das bittre Naß ihrer Tränen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er wußte, daß sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern daß sein Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und doch, wenn er sich genau prüfte, so mußte er sich gestehen, daß etwas wie Übersättigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder Mensch von einem Vergnügen scheidet, das ihn vollständig zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm Platz, daß er noch eine Zigarette anzündete, und behaglich schmauchend in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und vergnügt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Fülle geschmeichelter Eitelkeit.

Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu verunreinigen, daß er sich zufrieden fühlt.

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