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Jakob Wassermann: Melusine - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleMelusine
authorJakob Wassermann
firstpub1896
year1935
publisherQuerido Verlag
addressAmsterdam
titleMelusine
pages3-8
created20050705
sendergerd.bouillon
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X.

Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und Falk mußte fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause getroffen hatte. Er hatte sich verspätet. Als das Nachtmahl vorbei war, stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah er Melys blasses Gesicht mit einem bekümmerten Ausdruck auf sich gerichtet. Lange zögerte er; er wußte nicht, was er sagen sollte, um Frau Bender und Helene dies auffällige Warten zu erklären. »In einer Stunde bin ich wieder da,« murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und stürmte hastig hinaus. Helene lächelte spöttisch. Mely war gereizt und fuhr sie schroff an. »Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?« Helene zuckte die Achseln. »Wie mißtrauisch sind Sie,« fuhr Mely leiser fort. »Sie sind mißtrauisch, ich glaube aus Vorsatz.« Helene schüttelte den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, daß ich dergleichen riskieren darf. Ihre glatte, übergroße Stirn leuchtete wie eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschränkte die Arme und sah vor sich hin mit dem unveränderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen war. Frau Bender nähte, besserte die Wäsche aus und seufzte oft aus schwerem Herzen. »Meine Tochter tut gar nichts,« klagte sie etwas schüchtern, als fürchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte bloß die Stirn.

Mely hatte sich auf den Diwan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand. »Eine Stunde ist lang,« flüsterte sie in sich hinein und horchte auf das Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekörner knatterten gegen die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer. Ein Schloß im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich, und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein wird... Aber was tu' ich da, was für närrische Gedanken sind das! Ich muß mich schämen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bißchen Zeitvertreib, die Männer lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der andere. Wie komisch, – und wozu kann das alles führen. Wie unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so Märchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein, ich könnte lachen, und wenn ich an ihn denke, muß ich erröten. Ob er wohl noch so nett ist, wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Früher einmal, da hatte ich den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich fürchte mich eigentlich. – Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?

Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fühlte sie sich tief unglücklich. Jede Minute, die verstrich, ohne daß er kam, machte sie unglücklicher. Ihr Herz preßte sich zusammen wie unter einem unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren Augen. Endlich krachte das Haustor, und atemlos, immer noch das Gesicht der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmählich lauter werdenden Schritten auf der Treppe.

Pustend und die Hände reibend, trat Falk ein. »Ah, Fräulein Mirbeth schläft!« sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wünschte, daß er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er müsse sonst die überstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen können.

»Sehn Sie!« sagte Falk frohlockend: »Gerade eine Stunde.«

Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfällig um und gähnte, wie Erwachende zu tun pflegen. »Gar nicht wahr,« sagte sie vorwurfsvoll, »das war viel länger als eine Stunde.«

»Neun Minuten mehr,« bestätigte Helene ernsthaft.

Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wünschte es auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe, wie durch das Erlebte so geschärft, daß sie die pfeifenden Atemzüge der Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrückte Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung gegen die kommenden Ereignisse erfüllte. Alle anderen Lebensinteressen waren für sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mühe wert, darüber zu sinnieren.

Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags wachte sie auf. Dann lag sie noch über eine halbe Stunde mit offenen Augen und mühte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu kommen. Sie lächelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wußte durchaus nicht, welcher Art er gewesen.

Nach dem Mittagessen verwickelte das Fräulein von Erdmann Vidl Falk in ein sinniges Gespräch über die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely saß am Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemüht, den jungen Mann in die Fäden ihrer Konversation zu ziehen.

Plötzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: »Ach, beantworten Sie mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt?« Und sie legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren röter als sonst. Dann lachte sie, während Falk seine Hand in Sicherheit brachte. »Wie er schaut! ach! – Sie sind erstaunt über meine Frage?«

»O nein, – oder vielmehr ja.«

»Reizend! O nein, oder vielmehr ja.« Und wiederum trällerte sie ihr Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.

»Warum diese Falte?« fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in Hingebung. »Fort damit, sie ist häßlich. Wie kann man ein so finsteres Gesicht machen, wenn man so schöne Augen hat. Nicht wahr, Fräulein Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?«

Mely bejahte, dann verließ sie langsam das Zimmer, – zögernd, damit es nicht scheine, als ob sie dieser Szene wegen ging.

Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinüber. »Ich will meine Frage einschränken,« flüsterte sie. »Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie verliebt?« Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.

Falk errötete und lächelte kindisch. »Ich bitte Sie, Fräulein,« stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.

»Nein, diese Jugend!« gellte die Dame spöttisch und schleuderte die geballte Serviette über den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.

»Merkwürdig,« sagte Falk; »wenn solche Verlegenheitspausen eintreten, bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.«

Das Fräulein starrte ihn verblüfft an und bemühte sich, geheimnisvoll zu lächeln.

Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes Geräusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelächter von der Straße erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung. Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.

Es dunkelte, als er, von der Stadt zurückkommend, Mely im Korridor traf. Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den grüngrauen, großgeblümten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher erscheinen ließ. Es war, als wünsche sie mit diesem Kostüm zu sagen, daß es ihr gleichgültig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.

»Ich mache Kaffee, Fräulein Mely,« sagte Falk. »Wollen Sie mittrinken? In meinem Zimmer natürlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu ein.«

Mely, die zuerst gezögert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk ließ das Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saßen Mely und Frau Bender dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach ihm, und er hatte das Gefühl, als ob man soeben von ihm gesprochen hätte. Mely stützte den Kopf in beide Hände und sah unbeweglich auf die Tischplatte. Falk rührte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das junge Mädchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wußte er nicht. Es war der dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden fürchtet, während er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.

Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geräuspert hatte, in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Bald darauf kam Mely. Sie sah bestürzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie unentschlossen an der Türe stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. »Helene kommt gleich,« sagte Mely, gleichsam sich selbst entschuldigend. »Frau Bender hat zu viel Arbeit.«

»Warum hat denn Frau Bender geweint?« fragte Falk, mehr um ein Gespräch anzuknüpfen, als aus Neugierde.

Das junge Mädchen lächelte schwermütig und schüchtern. Ihr Blick, sonst ein wenig unstät, war plötzlich sanft und ruhig geworden. »Ich weiß das wirklich nicht,« sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch erstaunt war über das Benehmen dieser Frau. »Sie sagte – doch wie kann ich Ihnen das erzählen!«

»O bitte –!«

»Nun gut. Sie lobte Sie, – Sie seien so gescheit und so ein herzlicher Mensch – diesen Ausdruck gebrauchte sie – und ich möchte doch ein wenig lieb zu Ihnen sein. Später bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir. Gar gern läuft das Glück vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal brach sie in Tränen aus.«

Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah doch, daß ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es der Widerschein des roten Lampenschirms oder natürliche Färbung war. Eine schwüle Dämmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflämmchen und schlugen manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk ging um die Flamme zu löschen. Er verrichtete diese Dinge mit ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, während er jetzt den Kaffee bereitete, alle trüben Stimmungen geklärt; sie waren zerflattert. Er war Mely dankbar, – doch weshalb? Vielleicht für ihre Offenheit. Denn ein Geständnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran zweifelte er nicht.

Als Helene eintrat, knixte sie spöttisch, nahm Platz und sah mit wohlwollendem Ernst umher. »Hübsch – stimmungsvoll!« sagte sie und plötzlich lachte sie in ihrer hölzernen Art. »Nein, – wie Sie dastehen und kochen!« rief sie und schlug die Hände zusammen. Diese Lustigkeit hatte bei ihr stets etwas Unglaubwürdiges.

Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.

»Wie wir jetzt beisammen sitzen, – das ist komisch,« meinte Helene. »Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Wenn jetzt wer Fremdes käme und zusähe, – er müßte uns für Geschwister halten, – oder so was Ähnliches,« fügte sie hinzu, wieder spöttisch werdend. »Derweil ist der eine aus Norden, der andere aus Süden und der dritte vielleicht aus der Hölle.«

»Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte?« fragte Falk unwirsch. »Was Sie da sagen, ist übrigens ganz gut. Aber seltsam, während Sie reden, habe ich immer das Gefühl, als dächten sie bei sich: ach was, die sind ja doch nicht wert, daß ich was Ordentliches rede.«

»Ja , – ja!« bestätigte Mely eifrig.

»Das wäre sehr keck von mir,« gab Helene obenhin zurück.

»Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,« fuhr Falk fort. »Sie haben keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter, – eine ideale Frau.« Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely gestellt.

In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte davon.

»Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,« sagte Mely, tief aufatmend. Und dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den Grund eines klaren Sees.

Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: »Ihr Amor da droben hat ja keinen Kopf mehr.«

Er lächelte. »Das ist natürlich. Wissen Sie denn nicht, daß man in der Liebe den Kopf verliert?«

Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.

»Sie sind immer so still,« sagte Mely. »Sie reden so selten. Und wenn ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein' ich dann immer, ich hätte eine Dummheit gesagt.« Sie hielt inne, wie um zu prüfen, welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: »Ich denke mir, Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?«

»Da haben Sie recht?« erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen, die er für ihre Worte hatte. »Und solche Leute, die immer allein sind, verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die Brüche, sehen Sie.« (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines Gefühl habe.) »Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studierte den verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn ich mich in Not befand, war es mir eine Wohltat, stets ein Bild des Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?«

»Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?« sagte Mely. »Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –«

»Ach ja, wie dumm war das!« rief Falk errötend und ärgerlich. »Aber das ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie nicht?«

Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu verbergen. »Was haben Sie?« fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr wehe getan zu haben. »Bitte, sehen Sie mich an!« Und er ergriff ihre Hand und bedeckte die Finger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand, von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.

»Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?« fragte Falk. »Das müssen Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?«

»Nicht jetzt,« entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. »Was ist da auch zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentieren und das Haus in Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das dürfen Sie mir glauben.«

»Mehr war es nicht,« wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. »Und was wollen Sie jetzt beginnen?« fragte er.

Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.

Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen, staunende Ausrufe des Wiedersehens. »Das sind Lottelotts,« sagte Mely. »Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech; sie schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße. O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt mich.«

Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut der Schüchternen: »Du – hast – mich.« Verwirrt ließ Mely den Kopf sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund, die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das tat er aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen! »Wann werden Sie reden? wann endlich reden?« flüsterte er völlig unmotiviert. »Wirst du denn immer schweigen?«

Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.

Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit wurde an der Tür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. »Es ist Jemand da vom Herrn Oberst,« sagte sie. »Das Fräulein Mirbeth möchte sofort hinüberkommen.«

Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte verstört umher. Ist es denn möglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber darf ich denn das tun, – hinübergehen? Was nützt es, ich muß. Ich kann ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm. So überlegte sie in stummer Qual.

»Sie gehen ja doch nicht hinüber,« sagte Falk, indem er sie gespannt anblickte.

»Ich muß,« wiederholte sie laut. »Was nützt es, wenn ich dableibe? Frau Bender kann mich nicht ernähren. Niemand fragt nach mir. Bald komm' ich wieder, sobald es geht.« Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr behend den Weg. Er schaute sie an, – lange Zeit. Seine Lippen zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick stand. Sie ließ die Arme schlaff herunterhängen, und eine herzliche, tiefe Betrübnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flüchtig und ging.

Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Händen, und verblieb so fast eine halbe Stunde lang. –

Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihn Herrn und Frau Lottelott vor. Frau Bender war etwas kühl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und doch nicht sehend, ging er umher. Er hörte wohl, daß die Leute um ihn herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche Rührung hatte ihn überfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht lange währen, dies alles. Flüchtig wird es sein, wie der Winterschnee, gewiß. Aber es ist schön. Es ist ein schöner, schöner Traum.

»Wo ist denn Fräulein Mirbeth heute?« fragte Frau Lottelott ein wenig schnippisch und rümpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.

»Der Herr Oberst hat sie rufen lassen,« erwiderte Frau Bender mit einem vielsagenden Blick.

»So, – der Herr Oberst!« –

Dies kurze Zwiegespräch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht einen Ausdruck gutmütigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen, waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrückte mit schwerer Wucht.

Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine Schubertsche Sonate... er spielte polternd, ungraziös und viel zu schnell.

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