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Meister Olaf

August Strindberg: Meister Olaf - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorAugust Strindberg
titleMeister Olaf
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorE.Brausewetter
correctorreuters@abc.de
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Vierter Aufzug

Ein Zimmer bei Olafs Mutter.

Rechts ein Himmelbett, in welchem die Mutter krank liegt.

Erster Auftritt.

Die Mutter. Christina sitzt auf einem Stuhl und schläft. Laurentius Petri gießt Öl auf die Nachtlampe und kehrt das Stundenglas um.

Laurentius Petri (für sich). Mitternacht! Nun naht die Entscheidung. (Er geht zum Bett der Mutter und lauscht.)

Christina (stöhnt im Schlaf).

Laurentius Petri (geht zu Christina hin und weckt sie). Christina!

Christina (fährt in die Höhe).

Laurentius Petri. Geh und leg dich zu Bett, Kind, ich werde schon wachen.

Christina. Nein, ich will warten! Ich muß mit ihr reden, bevor sie stirbt – Olaf wird wohl bald hier sein.

Laurentius Petri. Du wachst um Olafs willen!

Christina. Ja. Du mußt nicht sagen, daß ich geschlafen habe! Hörst du!

Laurentius Petri. Armes Kind! – Du bist nicht glücklich!

Christina. Wer hat gesagt, daß man glücklich sein soll?

Laurentius Petri. Weiß Olaf, daß du hier bist?

Christina. Nein, das würde er niemals gestattet haben. Er will mich wie ein Heiligenbild auf dem Gesimse stehen haben. Je geringer und schwächer er mich findet, desto größer ist seine Freude, mir seine Stärke zu Füßen zu legen –

Mutter (erwacht). Laurentius!

Christina (hält Laurentius zurück und tritt vor).

Mutter. Wer ist das?

Christina. Eine Krankenpflegerin!

Mutter. Christina –

Christina. Wollt Ihr etwas?

Mutter. Von dir – nichts!

Christina. Frau Christina!

Mutter. Verbittere nicht meine letzte Stunde. Geht fort!

Laurentius Petri (tritt hervor). Was willst du, Mutter?

Mutter. Bring dieses Weib fort! Schaff mir meinen Beichtvater her, denn ich sterbe bald.

Laurentius Petri. Ist dein Sohn nicht würdig, dein letztes Bekenntnis zu empfangen?

Mutter. Er hat sich dessen nicht verdient gemacht. Ist Morten noch nicht gekommen?

Laurentius Petri. Morten ist ein schlechter Mensch.

Mutter. Gott, du strafst mich hart. Meine Kinder stellen sich zwischen mich und dich. Will man mir den Trost der Religion in meinem letzten Augenblick verweigern? Mein Leben habt ihr genommen, wollt ihr nun auch noch meine Seele dem Verderben preisgeben – eurer Mutter Seele? (Sie fällt in Ohnmacht.)

Laurentius Petri. Du hörst es selbst, Christma! Was sollen wir tun? Soll sie sterben, von einem Elenden wie Morten betrogen und uns vielleicht danken, oder soll ihr letztes Gebet ein Fluch über uns werden? Nein, sie mögen kommen. Was meinst du, Christina?

Christina. Ich darf gar nichts meinen!

Laurentius Petri (geht und kommt sogleich wieder zurück). O, es ist entsetzlich! Sie sind bei den Würfeln und Gläsern eingeschlafen! Und von ihnen soll meine Mutter zum Tode vorbereitet werden!

Christina. Aber sage ihr doch die Wahrheit!

Laurentius Petri. Sie glaubt sie ja nicht; sie wird wie eine Lüge auf uns zurückfallen.

Mutter. Sohn! Höre die letzte Bitte deiner Mutter!

Laurentius Petri (geht ab). Gott vergib mir!

Christina. Das hätte Olaf nie getan!

Laurentius Petri (kommt mit Morten und Nils herein und geht dann wieder mit Christina hinaus).

 

Zweiter Auftritt.

Mutter. Morten. Nils.

Morten (geht zum Bett hin). Sie schläft!

Nils (setzt einen Kasten auf den Boden nieder und öffnet ihn, nimmt einen Weihkessel, ein Rauchfaß, Salbhorn, Palmen und Lichter heraus). So können wir mit der Arbeit also noch nicht anfangen?

Morten. Haben wir solange gewartet, können wir auch noch ein wenig warten; wenn nur nicht der Teufelspriester kommt!

Nils. Meister Olaf, meinst du! – Glaubst du, er sah draußen etwas?

Morten. Daraus mache ich mir herzlich wenig; wenn die Alte nur mit dem Gelde herausrücken möchte, dann bin ich schon froh!

Nils. Du bist doch eigentlich ein großer Schurke!

Morten. Ja, aber ich fange jetzt an, dessen müde zu werden. Ich sehne mich gleichsam, zur Ruhe zu kommen. Weißt du, was das Leben ist?

Nils. Nein.

Morten. Genießen! Das Fleisch ist Gott! Steht nicht irgendwo etwas der Art geschrieben?

Nils. Das Wort wurde Fleisch, meinst du!

Morten. Na so! Jawohl.

Nils. Aus dir hätte was Tüchtiges werden können, du mit deinem Kopf!

Morten. Ja, das glaube ich auch! Das war es auch, was sie fürchteten, und darum peitschten sie mir im Kloster den Geist aus dem Körper heraus; denn damals hatte ich noch Geist, aber nun bin ich weiter nichts, als Körper, und dieser soll jetzt zum Entgelt gute Tage haben.

Nils. Na, sie peitschten wohl auch gleich das Gewissen mit heraus?

Morten. Ja, beinahe! – Aber wie war das Rezept von dem würzigen Rochelle, von dem wir draußen einschliefen?

Nils. Sagte ich Rochelle? Ich meinte Claret! Das heißt, man kann es nennen, wie man will. Ja, siehst du, zu einer Kanne Wein nimmt man ein halbes Pfund Kardamom, gut gereinigtes –

Morten. Still, zum Teufel! Sie rührt sich! Hervor mit dem Buche!

Nils (liest halblaut während des Folgenden).
Aufer immensam, Deus aufer iram;
et cruentatum cohibe flagellum:
nec scelus nostrum proferas ad aequam pendere lanceam.

Mutter. Bist du es, Morten?

Morten. Es ist mein Bruder Nils, der die heilige Jungfrau anruft.

Nils (zündet im Lesen das Rauchfaß an).

Mutter. Welch' seliger Trost, des Herrn Wort in der heiligen Sprache zu hören!

Morten. Kein besseres Opfer kennt der Herr, als das Gebet frommer Seelen!

Mutter. Wie das Räucherwerk wird mein Herz entflammt von heiliger Andacht.

Morten (besprengt sie mit Weihwasser). Vom Schmutz der Sünde wäscht dein Gott dich rein!

Mutter. Amen! – Morten, ich soll nun von hinnen, und unsers Königs Gottlosigkeit verbietet mir, durch irdische Güter die Macht der heiligen Kirche zur Erlösung der Seelen zu befestigen. So nimm du, frommer Mann, mein Besitztum und bete für mich und meine Kinder. Bitte den Allmächtigen, ihre Herzen von der Lüge abzuwenden, auf daß wir uns dereinst im Himmel wiedersehen können.

Morten (empfängt einen Beutel mit Geld). Euer Opfer, fromme Frau, ist dem Herrn angenehm, und um Euretwillen wird der Herr mein Flehen erhören.

Mutter. Nun will ich eine Weile schlafen, um Kräfte zu sammeln zum Empfange des heiligen Sakramentes.

Morten. Niemand soll Eure letzten Augenblicke stören; nicht einmal diejenigen, welche ehemals Eure Kinder waren.

Mutter. Das ist traurig, Vater Morten, aber es ist also Gottes Wille!

Morten (öffnet den Geldbeutel und küßt das Goldgeld). Welcher Schatz von Wollust liegt nicht in diesen harten Goldstücken verborgen! O!

Nils. Wollen wir nun gehen?

Morten. Das könnte ich nach verrichtetem Geschäfte gut tun, aber es ist schade um die Frau, sie so unselig sterben zu lassen.

Nils. Unselig?

Morten. Ja!

Nils. Glaubst du denn daran?

Morten. Man weiß wahrlich nicht recht, was man so in der Eile glauben soll. Der eine stirbt selig auf die Art, der andere auf eine andere. Und alle behaupten, sie hätten die Wahrheit gefunden.

Nils. Wenn du jetzt nun sterben solltest, Morten!

Morten. Das ist unmöglich!

Nils. Ja, aber wenn?

Morten. Dann ging ich wohl wie alle andern zur Seligkeit ein. Ich hätte nur gern erst ein klein wenig mit Meister Olaf abgerechnet! Siehst du, es gibt eine Wollust, die größer ist als alle andern, das ist die Rache!

Nils. Was hat er dir denn Böses getan?

Morten. Er hat gewagt, mich zu durchschauen, er hat mich entschleiert, er sieht, was ich denke.

Nils. Und darum hassest du ihn?

Morten. Ist das nicht genug? (Es klopft an die Außentür.) Da kommt jemand! Lies, zum Teufel!

Nils (plappert den vorherstehenden Vers noch einmal her). (Die Tür wird von außen geöffnet, nachdem man gehört hat, wie ein Schlüssel in das Schlüsselloch hineingesteckt wurde.)

Olaf (tritt verwirrten Aussehens herein).

 

Dritter Auftritt.

Die Vorigen. Olaf.

Mutter (erwacht). Vater Morten!

Olaf (geht zum Bett hin). Hier ist dein Sohn, Mutter! Du hast mich nicht wissen lassen, daß du krank seist.

Mutter. Lebe wohl, Olaf! Ich vergebe dir, was du mir Böses getan hast, wenn du mir den Augenblick Ruhe gönnen willst, da ich mich für den Himmel vorbereite! Vater Morten! Gib mir die heilige Ölung, auf daß ich in Frieden sterben kann!

Olaf. Darum also ließest du mich nicht rufen! (Er erblickt den Geldbeutel, den Morten vergessen hat zu verbergen; entreißt ihm denselben.) Man handelt hier mit Seelen! Und das der Preis! Verlaßt dies Gemach und dies Totenbett; hier ist mein Platz und nicht der eure!

Morten. Wollt Ihr uns in unserer Amtsausführung hindern?

Olaf. Ich weise euch die Tür!

Morten. Wir sind hier nicht mit päpstlicher Autorität, sondern mit königlicher im Amt, solange wir nicht suspendiert sind!

Olaf. Ich werde des Herrn Kirche reinigen, und sollte es auch weder der Papst noch der König wollen!

Mutter. Olaf! Du willst meine Seele der Verdammnis preisgeben. Du willst mich mit einem Fluche sterben lassen!

Olaf. Sei ruhig, Mutter! Von einer Lüge befangen sollst du nicht sterben; suche selbst deinen Gott im Gebet! Er ist nicht so weit fort, wie du meinst.

Morten. Man muß ein Prophet des Teufels sein, wenn man seiner eigenen Mutter nicht die Qual des Fegefeuers ersparen will.

Mutter. Jesus Christus, hilf meiner Seele!

Olaf. Hinaus aus diesem Zimmer, oder ich gebrauche Gewalt. Fort mit diesem Narrenzeug! (Er stößt die Apparate mit dem Fuß weiter.)

Morten. Wenn Ihr das Geld ausliefern wollt, welches Frau Christina der Kirche gegeben hat, werde ich gehen!

Mutter. Darum kamst du, Olaf! Du willst mein Gold haben? Gib es ihm, Morten! Olaf, du sollst es bekommen, wenn du mir Ruhe gönnen willst – du sollst noch mehr bekommen! Du sollst alles haben!

Olaf (verzweifelt). In des Herrn Namen, nehmt das Geld und geht, ich bitte Euch!

Morten (reißt den Geldbeutel an sich und rüstet sich mit Nils zum Gehen). Frau Christina! Wo der Teufel hinkommt, hat unsere Macht ein Ende! Als Ketzer seid Ihr schon für die Ewigkeit verdammt, als Übertreter des Gesetzes erreicht Euch Eure Strafe bereits auf Erden! Hütet Euch vor dem Könige!

Beide (gehen ab).

 

Vierter Auftritt.

Olaf. Die Mutter.

Olaf (fällt an der Mutter Bett auf die Knie). Mutter, höre mich, ehe du stirbst!

Mutter (ist wieder in Ohnmacht gefallen).

Olaf. Mutter, Mutter! Lebst du, so sprich mit deinem Sohn! Vergib mir, aber ich kann nicht anders! Ich weiß, du hast ein ganzes Leben hindurch um meinetwillen gelitten, du hast zu Gott gebetet, ich möchte seine Wege wandeln, und der Herr hat dein Flehen erhört; willst du nun jetzt, daß ich dein ganzes Leben zunichte machen soll, willst du, daß ich dadurch, daß ich dir gehorche, das Gebäude niederreißen soll, dessen Aufbau dich so viele ernste Stunden und so viele Tränen gekostet hat? Nein – vergib mir!

Mutter. Olaf! Meine Seele hat kein Heim mehr in dieser Welt, ich rede zu dir aus dem jenseitigen Leben – kehre um! Zerreiße diesen unreinen Bund, den dein Körper eingegangen ist, nimm wieder den Glauben an, den ich dir gegeben habe – und ich vergebe dir!

Olaf (mit Tränen der Verzweiflung). Mutter! Mutter!

Mutter. Schwöre mir, daß du es tun willst!

Olaf (nach einer Pause). Nein!

Mutter. Gottes Fluch ruht über dir! Ich sehe ihn, ich sehe Gott mit dem Blicke des Zorns, hilf mir, heilige Jungfrau!

Olaf. Das ist nicht der Gott, der die Liebe ist!

Mutter. Es ist der Gott des Zornes! – Du bist es, der ihn erzürnt hat, du bist es, der mich in das Feuer seines Zornes hineinschleudert – verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! (Sie stirbt.)

Olaf. Mutter! Mutter! (Er ergreift ihre Hand.) Sie ist tot! Ohne Vergebung! – O, wenn deine Seele noch in diesem Räume weilt, sieh auf deinen Sohn hernieder, ich will deinen Willen erfüllen; was dir heilig ist, soll es auch mir sein! (Er zündet die großen Wachslichter an, welche die Mönche zurückgelassen haben, und stellt sie um das Bett herum.) Du sollst die geweihten Lichter erhalten, auf daß sie dir auf deinem Pfade leuchten mögen, (er gibt ihr eine Palme in die Hand) und mit der Palme des Friedens sollst du den letzten Kampf mit dem Irdischen vergessen! O Mutter, siehst du mich, dann mußt du mir vergeben! (Die Sonne ist indessen aufgegangen und beleuchtet mit rötlichem Strahl die Gardinen.)

Olaf (steht auf). Morgensonne, vor dir erbleichen meine Lichter! Du bist reicher an Liebe denn ich! (Er geht ans Fenster und öffnet es.)

Laurentius Petri (tritt leise herein).

 

Fünfter Auftritt.

Olaf. Laurentius Petri.

Laurentius Petri (erstaunt). Olaf!

Olaf (umarmt ihn). Bruder! Es ist vorbei!

Laurentius Petri (geht zum Bett hin, fällt auf die Knie und steht dann wieder auf). Sie ist tot! (Er betet im stillen.) Warst du allein hier?

Olaf. Du warst es, der die Mönche einließ!

Laurentius Petri. Du jagtest sie hinaus?

Olaf. Ja, das hättest du schon tun sollen!

Laurentius Petri. Vergab sie dir?

Olaf. Sie starb mit einem Fluch!

(Pause.)

Laurentius Petri (zeigt auf die Lichter). Wer hat diese Zeremonien angeordnet?

(Pause.)

Olaf (gereizt und verschämt). Ich war einen Augenblick schwach.

Laurentius Petri. So bist du doch noch ein Mensch! Habe Dank dafür!

Olaf. Höhnst du meine Schwäche?

Laurentius Petri. Ich preise sie!

Olaf. Ich fluche ihr! Gott im Himmel, habe ich nicht recht?

Laurentius Petri. Du hast unrecht!

Christina (tritt herein).

 

Sechster Auftritt.

Die Vorigen. Christina.

Christina. Du hast nur zu sehr recht!

Olaf. Christina! Was hattest du hier zu schaffen?

Christina. Es war so einsam und still daheim.

Olaf. Ich habe dich nicht gebeten, hierher zu gehen!

Christina. Ich glaubte, ich könnte etwas nützen, aber nun sehe ich ... Ich werde ein andermal zu Hause bleiben!

Olaf. Du hast die ganze Nacht gewacht?

Christina. Das ist nicht so schwer. Nun werde ich gehen, wenn du es befiehlst.

Olaf. Geh hinein und ruhe dich, während wir zusammen sprechen.

Christina (geht in Gedanken hin und löscht die Lichter aus).

Olaf. Was tust du da, mein Kind?

Christina. Es ist ja heller Tag!

Laurentius Petri (wirft Olaf einen Blick zu).

Olaf. Meine Mutter ist tot, Christina!

Christina (geht Olaf mit milder, aber kalter Teilnahme entgegen, um einen Kuß auf die Stirn zu empfangen). Ich beklage deinen Kummer. (Sie geht ab.)

(Pause.)

Laurentius Petri und Olaf (sehen erst Christina nach, dann blicken sie einander an).

 

Siebenter Auftritt.

Olaf. Laurentius Petri.

Laurentius Petri. Als Bruder und Freund bitte ich dich, Olaf, geh nicht weiter auf der Bahn, die du jetzt eingeschlagen hast!

Olaf. Deine alte Sprache! Wer einmal die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt hat, läßt nicht nach, bis er fällt. Der König hat unsere Sache im Stiche gelassen, nun muß ich mich derselben annehmen.

Laurentius Petri. Der König ist klug!

Olaf. Er ist ein Geizhals, ein Verräter und Freund des Adels. Erst benützt er mich wie einen Hund, und dann stößt er mich wieder mit dem Fuße fort.

Laurentius Petri. Er sieht weiter als du! Wenn du zu den drei Millionen Menschen treten würdest und sagen: Euer Glaube ist falsch, meinen Worten sollt ihr glauben – hältst du es dann für möglich, daß sie in einem Augenblick ihre ganze innerste durchlebte Überzeugung fortwerfen, die ihnen in Freude und Kummer geholfen hat? Nein, übel würde es mit dem Seelenleben stehen, wenn es so leicht wäre, das Alte über Bord zu werfen.

Olaf. So ist es nicht! Das ganze Volk zweifelt, unter den Priestern ist kaum einer, der weiß, was er glauben soll, wenn er überhaupt etwas glaubt; alles ist bereit für das Neue, aber an euch liegt die Schuld, ihr Schwachen, die ihr es nicht auf euer Gewissen zu nehmen wagt, Zweifel zu säen, wo sich nur ein schwacher Glaube findet.

Laurentius Petri. Hüte dich, Olaf! Du willst Gott spielen!

Olaf. Ja, das muß man, denn er selbst scheint nicht mehr zu uns herabzusteigen.

Laurentius Petri. Du reißest nieder und reißest immer nur nieder, Olaf, so daß es bald leer sein wird, aber wenn man fragt, was willst du an dessen Stelle setzen, antwortest du: »das nicht« und »das nicht«, aber du antwortest niemals »das«!

Olaf. Vermessener! Meinst du denn, jemand kann einen neuen Glauben schaffen? Hat Luther etwas Neues geschaffen? Nein, er hat nur die Mauern umgestürzt, die dem Lichte im Wege standen. Das Neue, was ich will, ist der Zweifel an dem Alten, nicht weil es alt, sondern weil es morsch ist!

Laurentius Petri (weist auf die Mutter hin).

Olaf. Ich weiß, was du meinst! Sie war zu alt, und ich danke Gott, daß sie starb. O, nun bin ich frei, nun erst; es war so Gottes Wille.

Laurentius Petri. Du bist von Sinnen, oder auch du bist ein schlechter Mensch.

Olaf. Du kannst dir deine Vorwürfe sparen! Ich ehre das Gedächtnis meiner Mutter ebenso wie du, aber wäre sie jetzt nicht von hinnen gegangen, so weiß ich nicht, wie weit ich in meinen Opfern gegangen wäre. Bruder, hast du gesehen, wie im Frühling die abgefallene Laubmasse des entschwundenen Jahres die Erde bedeckt und die jungen Pflanzen ersticken will, die hervorwollen? Was tun sie dann? Sie schieben entweder das dürre Laub beiseite oder sie gehen mitten hindurch, denn hervor müssen sie!

Laurentius Petri. Du hast zum Teil recht – Olaf, du hast die Gesetze der Kirche in einer Zeit der Gesetzlosigkeit und Unruhe gebrochen; was damals geduldet werden konnte, muß jetzt bestraft werden; zwinge nicht den König sich schlimmer zu zeigen, als er ist; nötige ihn nicht durch deine Gesetzesübertretungen und deine Eigenwilligkeit, einen Mann zu bestrafen, dem er einräumt, Dank schuldig zu sein!

Olaf. Seine ganze Regierung ist Eigenwilligkeit; er muß lernen sie auch bei andern zu ertragen! Du trittst wohl in des Königs Dienst? Beabsichtigst du mir entgegenzuarbeiten?

Laurentius Petri. Ja!

Olaf. Wir sind also Feinde! Ihrer bedarf ich, denn die alten sind fort.

Laurentius Petri. Olaf, das Blut –

Olaf. Das fühle ich nicht, außer an seiner Quelle, dem Herzen!

Laurentius Petri. Und doch beweintest du deine Mutter?

Olaf. Schwachheit, vielleicht auch alte Hingebung und Dankbarkeit, aber nicht das Blut. Was ist das überhaupt?

Laurentius Petri. Du bist müde, Olaf!

Olaf. Ja, ich bin matt! Ich habe die ganze Nacht gewacht.

Laurentius Petri. Du kamst so spät.

Olaf. Ja, ich war draußen.

Laurentius Petri. Deine Arbeit scheut das Licht des Tages!

Olaf. Das Licht des Tages scheut meine Arbeit.

Laurentius Petri. Hüte dich vor den falschen Freiheitsaposteln!

Olaf (mit Schlaf und Müdigkeit kämpfend). Das widerspricht sich selbst! Aber sprich nicht mehr zu mir, ich kann jetzt nicht. Ich habe soviel bei der Zusammenkunft gesprochen. – Na, es ist wahr, du weißt ja nichts von unserer Vereinigung. – Concordia res parvae crescunt – Wir wollen die Reformation zu Ende führen – Gert ist ein weitschauender Mann – ich bin so unbedeutend neben ihm. Gute Nacht, Laurentius! (Er schläft auf einem Stuhle ein.)

Laurentius Petri (betrachtet ihn mit Teilnahme). Armer Bruder! Gott schütze dich! (Man hört Schläge gegen die Haustür.) Was ist das? (Er geht ans Fenster.)

Gert (draußen). Öffne, um Gottes willen!

Laurentius Petri (geht hinaus). Na, es gilt doch wohl nicht das Leben, Vater Gert!

Gert (draußen). Laßt mich hinein, in des Herrn Namen!

Christina (kommt mit einer Decke herein).

 

Achter Auftritt.

Olaf. Christina.

Christina. Olaf! Warum klopft man? Er schläft. (Sie hüllt ihn in die Decke ein.) Warum bin ich nicht der Schlaf, daß du zu mir fliehen möchtest, wenn du vom Kampf müde bist!

(Man hört das Rasseln eines schweren Karrens, welcher vor dem Hause stehen bleibt.)

Olaf (fährt auf). Ist die Uhr bereits fünf?

Christina. Es ist erst drei.

Olaf. Hörte ich nicht einen Bäckerkarren?

Christina. Ich weiß nicht! Aber ein solcher dröhnt nicht so schwer! (Er geht ans Fenster.) Sieh einmal, Olaf! Was ist das?

Olaf (geht ans Fenster). Der Henkerkarren! – Nein, das ist nicht der Henkerkarren.

Christina. Ein Leichenwagen!

Laurentius Petri und Gert (treten ein).

 

Neunter Auftritt.

Die Vorigen. Gert. Laurentius Petri.

Laurentius Petri. Die Pest!

Alle. Die Pest!

Gert. Die Pest ist ausgebrochen! Christina, mein Kind, verlaß dieses Haus, der Todesengel hat sein Zeichen auf die Tür gesetzt.

Olaf. Wer hat den Karren hergesandt?

Gert. Derselbe, der das schwarze Kreuz auf die Tür gezeichnet hat! Die Leiche darf nicht einen Augenblick mehr im Hause bleiben.

Olaf. Morten ist der Todesengel! Das ist ja alles Lüge.

Gert. Sieh zum Fenster hinaus; dann wirst du sehen, daß der Wagen voll ist. (Schläge an die Tür.) Hörst du, man wartet!

Olaf. Ohne Begräbnis! Das darf nicht geschehen!

Laurentius Petri. Ohne Zeremonien, Olaf!

Gert. Christina, komm mit mir aus diesem entsetzlichen Hause, ich werde dich aus der Stadt hinaus an einen gesünderen Ort bringen.

Christina. Nein, jetzt folge ich Olaf! Hättest du mich etwas weniger geliebt, Vater, dann hättest du weniger böse gehandelt.

Gert. Olaf, du hast die Macht, befiehl ihr, mir zu folgen.

Olaf. Einmal habe ich sie aus deiner Gewalt befreit, du Selbstsüchtling; dorthin kommt sie niemals mehr.

Gert. Christina, verlasse wenigstens dieses Haus!

Christina. Nicht einen Schritt tue ich, bevor es Olaf mir befiehlt!

Olaf. Ich befehle dir nichts, Christina, denke daran!

Die Leichenträger (kommen herein).

 

Zehnter Auftritt.

Die Vorigen. Die Leichenträger.

Ein Leichenträger. Ich sollte eine Leiche holen! Na, schnell!

Olaf. Geh deines Wegs!

Leichenträger. Dank, das war ja ein sonderbarer Befehl!

Laurentius Petri. Olaf! Bedenke dich! Das Gesetz fordert es!

Gert» Hier hat es keinen Zweck zu zögern! Das Volk ist wie rasend in seiner Wut gegen dich, Olaf! Dieses Haus war das erste, welches bezeichnet wurde! »Gottes Strafe über den Ketzer!« ruft man.

Olaf (fällt am Bett auf die Knie). Vergib mir, Mutter! (Er steht auf.) Tut, was eures Dienstes!

Die Leichenträger (gehen hin und fangen an, die Seile zurechtzulegen).

Gert (beiseite zu Olaf). Gottes Strafe über den König! rufen wir.

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